Mauritius – Naturparadies für Aktive

Teil 7 – Finale: Abenteuerlichen Höhen und Tiefen

7. September 2022

Hui ist Urlaub anstrengend! Die letzte Nacht kann man knicken, die war völlig unnötig weil quasi kaum vorhanden. Um 4:50 Uhr fallen wir aus dem Bett. Dabei sind wir vor gerade mal vier Stunden erst reingefallen. Draußen ist es noch immer stockdunkel. Logisch. Was man für Abenteuer doch alles in Kauf nimmt. Pronto ein Käffchen in die Blutbahn katapultieren, das notwendige Geraffel packen und los geht’s.

Mit dem Boot in den Sonnenaufgang

10. März 2022 – Vor unserer Unterkunft hält ein dunkler Kombi. Wie mit Ben, unserem Vermieter besprochen, werden wir pünktlich um 5:25 Uhr an unserer Villa abgeholt. Er hat kurzfristig für Janine und mich zwei Plätze bei Dolphin Warrior organisiert und uns eingebucht. Gespannt sitzen wir im Auto, während wir von Chef Navin und seiner Frau zum nahegelegenen Bootsanlegeplatz in La Gaulette gefahren werden. Dort besteigen wir das Boot und warten, unter dem Sternenhimmel sitzend, auf den Rest der Truppe. Guter Zeitpunkt die Brechpille einzuwerfen! Alles andere wäre grob fahrlässig und wie eine schriftliche Zustimmung auf mein Todesurteil und dem anschließend qualvollen Dahinsiechen. Janine und ich zimmern uns die Reisetabletten ein und warten, dass sie das tun, wofür sie erfunden wurden.

Le Morne Brabant in der Morgendämmerung

Neun Teilnehmer, wir sind vollzählig und können endlich los. Kapitän Navin und sein Boots-Chauffeur brettern uns im Affenzahn zum Sonnenaufgang raus aufs offene Meer. Bin schon ganz kribbelig vor Aufregung und Vorfreude. Werden wir Delfine zu Gesicht bekommen? Kritisch fühle ich in meine Magengegend und bin höchst zufrieden, ich sehe die Wellen, spüre sie aber nicht. Unterhalb vom Hals liegt alles lahm. Herrlich, auf das Zeug ist einfach Verlass. Das hat mir bei den übelsten Fährfahrten zwischen den Galapagosinseln schon mehrfach das Leben gerettet.

Wir müssen gar nicht lange warten, bis sich die ersten Delfine zeigen. Die Tränendrüse eskaliert unkontrolliert und vor Ergriffenheit schießt Pipi in die Augen. Es berührt und bewegt mich, als würde ich das allererste Mal Delfine sehen. Es gibt Momente im Leben, die nutzen sich niemals ab. Die verlieren niemals an Bedeutung und Wert. Die sind auch nach dem zehnten, vierzigsten, hundertsten Mal noch so intensiv und besonders, wie beim ersten Mal. Und es gibt Augenblicke, die jedes verfluchte Mal eine Gänsehaut über deinen ganzen Körper jagen, dich nach Luft schnappen lassen, dich staunend und fassungslos stehen lassen. So geht es mir beispielsweise immer, wenn ich auf dem Gipfel eines Berges stehe und realisiere, wie klein ich bin. Was für ein unscheinbares Nichts wir Menschen auf diesem Planeten sind. Das Meer verdeutlicht einem dies auch ungefiltert. Nichts ist so roh, so pur, so faszinierend, hart, grausam, gewaltig und gleichzeitig so wunderbar wie die Natur, in der wir uns bewegen.

Schnorcheln mit Delfinen

Navin erklärt die Unterschiede der beiden Delfinarten, auf die wir hier treffen. Die Spinner-Delfine, die spiralenförmig aus dem Wasser springen und üblicherweise in kleineren Gruppen von 10 oder 15 Tieren schwimmen. Und die größeren Flaschennasen-Delfine (bekannt als Flipper), die in Gruppen von über 100 Tieren auftauchen können. Wir erhalten eine kurze Einweisung, ziehen die Flossen über und dübeln die Schnorchelmaske auf die Glubscher. Auf dem Bootsrand sitzend, mit angehobenen Flossen, warten wir aufgeregt auf das Kommando. „Wait, wait“ bremst Navin die Truppe, seine Augen unablässig beobachtend auf das Wasser gerichtet. Plötzlich geht alles ganz schnell: „Go, go! Now, go!“ ruft er und wir springen über Bord.

Ich bin selbst völlig verblüfft, dass es mich keinerlei Überwindung kostet, in den dunklen, unbekannten Abgrund unter mir zu springen. Scheinbar wurde der Kopf zusammen mit dem Magen von den Tabletten ins Off geschossen. Oder er ist zu dieser Uhrzeit noch gar nicht angeschaltet. Umso besser. Wenn ich mich an die letzte Aktion auf Galapagos erinnere (da waren allerdings Haie drunter), fand ich das recht bedrohlich und haderte sehr (den Bericht findet man hier zum Nachlesen). Jetzt kann ich es kaum erwarten, mich im Ozean zu versenken. Das Wasser ist selbst hier draußen unfassbar warm! Um das Boot zischten gerade etliche Delfine, hoffentlich sind sie noch da. Es dauert einen Moment, bis sich die Augen an das tiefe Blau gewöhnt haben, das alles rundum zu verschlucken scheint. In meine Ohren dringen diese typisch pfeifenden Delfingeräusche und dann nehme ich Bewegungen unter mir wahr. Vor unbändiger Freude quietsche ich in meine Maske. Der Kopf kapiert gar nicht die unwirkliche Situation. Schnorcheln mit Delfinen, mitten im Nirgendwo! Euphorisch tauche ich auf und suche Janine. Sie klammert sich an der Leiter des Bootes fest und scheint in Panik zu sein. Sie hat unter ihrer Schnorchelmaske keine Luft mehr bekommen. Navin zieht sie am Handgelenk ins Boot hinein. Auch wir schwimmen zurück und steigen wieder ein.

Navin sucht die nächste Delfingruppe, die prompt erscheint. Wieder Flossen und Maske an, auf die Reling hiefen und bei dem Wellengeschaukel ordentlich festhalten. Das Kommando „go, go“ erlaubt uns zu springen. Navin hat sich Janine gekrallt, hält sie an der Hand und schwimmt mit ihr durch die Wellen. Ich folge eilig paddelnd, so ganz geheuer ist mir der Ozean ohne jemanden in unmittelbarer Nähe nämlich nicht. Zudem ist die Schwimmerei in den Wellen mega anstrengend. Navin deutet in die Tiefe. Als ich untertauche, sehe ich nur zahllose neonblaue Leuchtpunkte. Eine Reflektion des Lichtes, vermute ich. Plötzlich bin ich inmitten eines Delfinschwarms. Es sind so unfassbar viele! So wunderschön und elegant, wie sie irre flink durch das Wasser tanzen.

Eintauchen in ein anderes Unterwasserwelt-Leben

Ich kämpfe mich durch die Strömung zurück zum Boot und schmeiße die Flossen hinein, um an der rutschigen Leiter hinaufklettern zu können. Völlig außer Atem falle ich auf den Sitz. Das ganze Prozedere wiederholen wir weitere Male. Kardiotraining vom Feinsten. Eine Stunde Spinning ist Kindergarten dagegen, witzele ich. Eine Frau aus unserer Truppe erklärt, dass es sich bei diesen blauen Leuchtpunkten unter Wasser um Plankton handelt. Hier gäbe es sehr viel davon, meint sie und erzählt weiter, dass es bei Berührung auf der Haut wie Brennesseln bitzele. Jetzt weiß ich endlich, was es mit dem komischen Neonzeugs auf sich hat und beim nächsten Schnorchelgang spüre ich das bitzeln tatsächlich auch.

Janine ist trotz Reisetabletten übelst seekrank geworden. Für sie hat sich das Schnorcheln erledigt. Es geht ihr richtig schlecht, man sieht in ihrem blassen Gesicht, wie sehr sie leidet. Für uns geht es eine weitere Runde in die blaue Unterwasserwelt und sofort bin ich umringt von Delfinen. Navin begleitet mich durchs Wasser. Große Erleichterung, denn sobald ich untertauche, verliere ich komplett die Orientierung und habe Schiss, mich unbemerkt von der Gruppe zu entfernen. Und die Tatsache, dass ich so ziemlich alle blutrünstigen Hai-Filme gesehen habe, trägt nicht zum Wellnessfeeling bei. Spielerisch schwimmen die Delfine vor mir her und gewähren mir Begleitung. Ganz nah unter mir zischen unzählige Flipper vorbei! Ich flippe endgültig aus vor Freude, als ich ein Delfinbaby sehe. Als ich glucksend vor Glück auftauche, grinst Navin, er reckt den Daumen in die Luft und schwimmt mit mir zum Boot. Janine hat es völlig zerlegt, mit geschlossenen Augen krallt sie sich machtlos an der Reling fest. Das Boot schaukelt ordentlich hin und her, noch schlimmer wackelt es, wenn es steht. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als durchzuhalten.

Weihnachtsstimmung am Crystal Rock

Die Fahrt geht weiter zum fotogenen Crystal Rock. Ein kleiner Felsbrocken mitten im Ozean. Streng genommen ist es kein Felsen, sondern ein Korallenriff. Obendrauf abgestorben, unter Wasser jedoch voll intakt. Wir schippern gemütlich drumrum und bewundern lachend die goldene Weihnachtsgirlande, mit der das schwimmende Gestein geschmückt wurde! In einem Monat hängen dann vermutlich bunte Ostereier dran.

Der Crystal Rock, ein bliebtes Fotomotiv
Die schwimmende Weihnachtskoralle

In Strandnähe von Le Morne gibt’s die letzte Schnorchelrunde. Vom Boot aus entdecken wir einen riesigen Stachelrochen auf dem Meeresboden. Der Truppe (alle mit Taucherfahrung) isses hier nicht mehr spektakulär genug, dafür hüpft Janine mit mir ins Wasser. Sie hat sich etwas regeneriert und wird wenigstens zum Ende mit Unterwasservergnügen entschädigt. An Bord versorgt uns Navins Frau mit selbstgemachten Samoussas und einem leckeren Fruchtsaftcocktail mit hauseigenem Rum Arrangé. Die Brühe hat es in sich. Wirkt sofort, trotz unserem abendlich regelmäßigen „Rum-Gelungere“. Nicht wie mein klassischer Frühschoppen-Kaffee, den der nüchterne Kadaver am Morgen so gewohnt ist.

Letzte Schnorchelrunde in Strandnähe von Le Morne

Die Rückfahrt ist erneut ein bretternder Tiefflug übers Meer, dann werden wir zurück zur Unterkunft gefahren. Um 9:30 Uhr ist der Zauber vorbei. Janine küsst erleichtert den Boden und gelobigt inbrünstig, nie wieder mit einem Schiff in See zu stechen (Tretboote und Standup-Paddel ausgenommen). Als gefühlsechtes Andenken schmerzt ihr Handgelenk höllisch, seit sie ins Boot gezogen wurde und danach stundenlang an der Reling klammerte.

Nach so viel abenteuerlichem Frühsport braucht Frau erst mal Frühstück. Die Brech-Pillen entfalten jetzt vollständig ihre Nachwirkungen. Wir sind hundemüde. Dass ich von dem halben Glas Rumgemisch angezwitschert bin und Seegang im Kopf habe, macht nicht wacher. Wir hauen uns aufs Bett und dösen ein.

Von der Tiefe in die Höhe

11. März 2022 – Nach dem ereignisreichen Tag, konnten wir gestern Nacht tatsächlich relativ zeitig einschlafen. Um 4:00 Uhr brummt mein Handy. Ben schreibt, dass heute DER Tag ist. Was lange währt, endlich, nach mehreren Anläufen… ein Abenteuer jagt das nächste. Gestern ging es tief nach unten, heute geht es steil nach oben.

In aller Frühe (man könnte es auch mitten in der Nacht nennen) sammelt er mich vor der Unterkunft ein. Wir (es ist noch ein französisches Mädel dabei) fahren die wenigen Kilometer zum Parkplatz in Le Morne. Als wir um 5:30 Uhr Richtung Berg loslaufen, ist es noch immer stockdunkel. Wir folgen dem spärlichen Schein von Ben’s Handytaschenlampe und meiner Minifunzel, die ich schnell anschalte, nachdem es das zweite Mal unter meinem Fuß fieß geknackt hat. Als ich auf den Boden leuchte, erklärt sich meine Trefferquote. Große muschelartige Schnecken bevölkern den feuchten Boden.

Weit vor Sonnenaufgang geht es auf Bergtour

Es war zu erwarten, dass Ben ein ordentliches Tempo vorlegt. Für ihn ist der Aufstieg zum Le Morne quasi sowas wie der morgendliche Gang zum Bäcker. Mehrmals wöchentlich rennt er seinen Hausberg rauf. Wir Mädels versuchen motiviert Schritt zu halten. Allmählich dämmert mir, warum Ben auf den frühen Aufbruch pochte. Da die Sonne noch nicht da ist, sind die Temperaturen zwar noch moderat, aber dennoch schon kuschelig. Und die Luftfeuchtigkeit ist heftig. Der Weg steigt an, das erste Stück kenne ich bereits von meiner Laufrunde kürzlich. Die Suppe strömt aus allen Poren, während wir dem leichtfüßigen Ben hinterherhecheln. Der Geruch des Waldes wird plötzlich ganz intensiv. Wir drei sind allein auf weiter Flur. Die Morgendämmerung setzt ein und schon bald brauchen wir kein Licht mehr.

Le Morne Brabant, der Berg ruft

Am ersten Aussichtspunkt erwacht der Himmel leise und gewährt uns einen friedvollen Blick über die Weiten des Meeres. Ben drängt weiter. Über einen breiten Weg stapfen wir bergauf, während unser einheimischer Guide eine Beere vom Baum pflückt und mich fragt, ob ich „Glue“ kenne. Noch während ich den Kopf schüttel, habe ich eine schleimige Pampe auf dem Finger. „Das wird als Kleber benutzt“, amüsiert sich Ben, während ich irritiert meine zusammengeklebten Finger betrachte. Schon hat er die nächste Pflanze am Start. Ben rupft Blätter ab, zerreibt sie und hält sie uns unter die Nase. Ein wunderbares Pfefferaroma bahnt sich seinen Weg über meine Geruchsrezeptoren. Überall um uns herum wächst roter Pfeffer, der hier richtig gut und richtig teuer ist.

Auf dem Zwischenplateau erreichen wir das Warnschild. Ab hier gefährliches Klettern! Und Erklärungen, was alles zu befolgen ist. Der Trümmer von Berg thront vor uns, zum Greifen nahe. Die Fingerchen kribbeln schon! Ben kündigt an, wir würden nun etwas langsamer laufen. Aha. Wir merken davon irgendwie nichts. Nachdem wir ein Tor passiert haben, heißt es Hand anlegen für die Kletterpassagen. Kilometermäßig weit ist der gesamte Weg nach oben nicht, doch insbesondere die leichten Klettereien sind teils sehr steil und abschüssig. Wir steigen durch eine eine Rinne aufwärts, in der Wasser runterläuft. Ben lotst uns dran vorbei, besser durch matschige Passagen, statt über rutschig-nassen Felsen. Hier bieten zumindest Bäume etwas Halt. Der folgende Anstieg ist das schwerste Stück. „Good exercise,“ lächelt unser Bergführer.

Es wird ernst
Le Morne Brabant, der Berg ruft
Hinter dem Tor wird der Trail allmählich steiler und abschüssiger
Über die Felsen kraxeln wir Ben hinterher

Ein Blick auf die Uhr sagt, dass wir seit einer gute Stunde unterwegs sind. Mit einem Pärchen habe er neulich bis hierher zweieinhalb Stunden gebraucht, plaudert er munter. Nun verstehe ich, warum wir so viele Tage auf die passenden Wetterbedingungen gewartet haben. Bei Regen wollte ich hier nicht in der steinigen Rinne stehen. Meter für Meter klettern wir weiter nach oben, der Ausblick wird immer grandioser. Ich fasse nicht, dass ich endlich diesen Berg besteige! Etwas überrascht über „so viel Kletterei“ bin ich allerdings. Alles nicht wirklich schwer, dennoch würde ein falscher Tritt an an der falschen Stelle unschön enden. Der Aufstieg ist ja eher selten das Problem. Den gleichen Weg geht es allerdings zurück und das könnte stellenweise knifflig werden.

Die Kletterei liegt hinter uns. Ein schmaler Pfad führt um eine Kurve. „Ich lasse dir den Vortritt, geh du vor zum Gipfelkreuz“, nickt Ben mir zu. Moment – sind wir etwa da?! Ein breites Honigkuchenpferdgrinsen fräst sich in mein Gesicht (und bleibt dort für den Rest des Tages reingetackert). Ich weiß, das klingt schrecklich pathetisch, aber als ich um die Kurve gehe und auf das stählerne Gipfelkreuz blicke, bleibt mir vor Demut und Respekt die Luft weg. Ein grandioser Moment. Es ist 6:50 Uhr, wir stehen hoch über dem Indischen Ozean, die ersten Sonnenstrahlen kitzeln uns und das Gefühl ist nicht annähernd in Worte zu fassen. Ich bin schlichtweg emotional überwältigt.

Zwischen den Felsen durch…
… um die Kurve
… zum Gipfel. Pure Glückseligkeit

Während Ben höher auf die schmale Felsnadel nebenan klettert, machen wir Mädels Fotos als gäbe es kein Morgen mehr. Wir verbringen ausgiebig Zeit auf dem Gipfel, Ben weiß unheimlich viel über die Umgebung, erklärt uns die Farbzusammenhänge im Meer mit den Korallen und die umliegenden Inseln. Selbst La Réunion ist an guten Tagen von hier zu sehen. Sogar den Crystal Rock, die schwimmende Weihnachtskoralle, entdecken wir. Genauso die Boote an den Delfin Hotspots draußen. Der ausragende Viewpoint mit dem Felsen bei Bel Hombre, Chamarel mit den Wäldern, die ganzen Strände, alles breitet sich vor unseren Augen aus. Allein das Farbenspiel am Himmel, die große Wolke, die auf uns zusteuert und sich genauso schnell hinter uns wieder in Nichts auflöst und puren Sonnenschein zurücklässt, traumhaft. Weitere Gipfelstürmer kommen an. Einer davon ist ein Bekannter von Ben, dessen Rekord bei 17 Besteigungen des Le Morne Brabant HINTEREINANDER liegt! Es gibt schon krasse Leute…

Le Morne Brabant, einer meiner schönsten Gipfel!
Ben hat sich den Spitzenaussichtsplatz gesichert
Der größte Lohn, Naturmomente in ihrer reinsten Form
Blick auf die kleine Ile aux Bénitiers, in unmittelbarer Nähe des Crystal Rock

Von weit unten kommt eine Horde Menschen. Ach du scheiße! Hochbetrieb wie am Himalaya. Gut, dass Ben uns mitten in der Nacht aus dem Bett geschmissen und uns so das Privileg verschafft hat, die Ersten auf dem Gipfel zu sein. Unbezahlbare Augenblicke der Einsamkeit und absoluten Stille nur für uns! Jetzt heißt es heil runterkommen.

Zeit für den Abstieg, ein letzter Blick zurück

Beim Abstieg (es ist noch nicht mal 8 Uhr) brennt die Sonne bereits gnadenlos. Der Rückweg dauert tatsächlich länger als der Aufstieg. Wir geraten in die Rushhour und müssen warten, bis eine nicht enden wollende Gruppe stöhnender und schwitzender Menschen an uns vorbeigeschnauft ist. Wenn die bereits hier schon kämpfen… das schwere Stück liegt erst vor ihnen. Gegen 9 Uhr erreichen wir das Auto. Durchgeschwitzt, randvoll mit Endorphinen und stolz wie Bolle.

Geschafft! Wir sind vom Berg runter
In der Mitte klettert man die Rinne nach oben

Die aufgezeichnete Strecke der Besteigung des Le Morne findet ihr hier: https://www.komoot.de/tour/705393965?ref=aso

Gipfelglück und Wasserspaß – Le Morne all inclusive

Nachdem Janine zum Frühstück meinen Reinhold-Messner-Expeditionsbericht serviert bekam, wird der Tages-Masterplan ausgetüftelt: Hardcore-Chillen in der ausgeprägtesten Disziplin. Wo könnte man das besser als am einladenden Strand von Le Morne? Wir schmeißen unser Bade- und Entertainmentkrempel ins stinkende Spaßmobil (warum’s stinkt wird hier erklärt) und düsen zum Beach.

Wir sind noch immer erstaunt, wie wenig hier los ist. Überfüllte Strände sucht man vergebens (nichts läge uns ferner als das). Wir stürzen in die Fluten und schnorcheln ewig. Fischlis gucken ist furchtbar unterhaltsam. So unterhaltsam, dass man gar nicht mitbekommt, wenn die Sonne den Rücken zu Grillfleisch zerbrutzelt. Ist ja nicht so, als hätte ich mir nicht genau dafür zuhause ein T-Shirt mit eingebautem 50er UV-Schutz gekauft. Jahaaa, das wird natürlich geschont, damit es sich nicht so schnell abnutzt. Weil das daheim schließlich im permanenten Einsatz ist, wenn ich mich unablässig auf dem Rhein und Neckar in Meeresbiologie fortbilde. Deshalb liegt das gute Stück nun ordentlich im Appartement im Schrank. Ironie des Lebens. Morgen ist der Rücken braun, rede ich mir selber meine Blödheit schön und parke den Kadaver für den Rest des Tages ausschließlich im Schatten. Ansonsten war das heute ein rundum verdammt toller Tag! Und endlich ist der Haken am Le Morne Brabant gemacht!

Hier gibt’s sogar fliegende Surfer
So sieht das Paradies aus

Der verborgene Wasserfall von Le Gris-Gris

12. März 2022 – Die Rum- und Getränkevorräte wurden am Abend feierlich leergetrunken, die sind Koffer gepackt. Heute heißt es Abschied nehmen von der heimeligen Bachelor-Villa, dem Pingo-Studio. Wir verlassen La Gaulette einen Tag früher als geplant, um in Mahébourg etwas mehr Zeit zu haben. Auch von Ben haben wir uns bereits verabschiedet.

Rum-Reste-Cocktail am letzten Abend in La Gaulette

Die Stinkeschleuder ist beladen. Mit einer gewissen Melancholie im Kofferraum, nehmen wir die Küstenstraße Richtung Le Gris-Gris. Dort ist ein kleiner Zwischenstop geplant. Beim rumjammernden Felsen (la Roche qui pleure), an der Küstenspitze waren wir ja bereits. Moment, hat grad jemand was von Rum gesagt?

Da wir von unserer überaus inselkundigen Bekanntschaft (dem Einheimischen, den wir vor Tagen am Strand kennenlernten) über einen versteckten Wasserfall in der Nähe des Roche qui pleure informiert wurden, verfügen wir über heiß begehrtes Insiderwissen für Nicht-Touristen. Guter Draht zu den Locals zahlt sich aus. Die Wegbeschreibung hat er uns erklärend in den Sand gemalt und wir (mehr oder weniger) in einer nicht Rum-geschädigten Hirnwindung abgespeichert. Der Wasserfall liegt auf unserem Weg, den lassen wir uns natürlich nicht entgehen und können ihn mit einer kleinen Wanderung verbinden. Über die Richtung philosophierend, stiefeln wir zu den erwähnten Zuckerrohrfeldern und hören nach einer Weile tatsächlich im Wald ein Rauschen. Wir haben ihn gefunden! Ein toller Wasserfall mit Dschungelatmosphäre, ganz für uns allein.

Der „geheime“ Wasserfall
Der Weg führt seitlich vorbei zu einer Matschrinne
Mit Hilfe von Wurzeln steigen wir in die Schlucht hinab

Der Weg führt auf der gegenüberliegenden Seite weiter. Also Treter aus und das Flußbett oberhalb durchqueren. Wir folgen dem Pfad einige Meter und steigen eine wurzelige Matschrinne zum Wasserfall hinab. Erneut müssen wir die Schuhe ausziehen, um die Seite zu wechseln. Es geht nur ein kurzes Stück weiter durch die Schlucht, dann beginnt an einem zweiten, kleineren Wasserfall das Spiel ein drittes Mal. Latschen aus, Seitenwechsel, Füße trocknen, Schuhe an. Nach wenigen hundert Metern stehen wir abermals vor einem knietiefen Flusslauf, den es zu überqueren gilt. Hmpf, wir sind mehr mit an- und ausziehen von Schuhen und Strümpfen beschäftigt, als wir vorankommen. Wenn das so weiter geht, fallen die Mauken bald ab. Barfuß wollen wir auf dem teils stark zugewucherten, kaum erkennbaren Boden allerdings nicht laufen. Hoffentlich müssen wir nicht den gleichen Weg zurück.

Am zweiten Wasserfall wird erneut das Flussbett überquert

Die Landschaft, der Fluss und die Wasserfälle entschädigen für alle Mühen, es ist traumhaft schön. Alles ist knallegrün, wild und ungezähmt verwachsen, dazu das beruhigende Rauschen des Wassers. Allmählich müssten wir am Meer ankommen und optimalerweise sollte dort auch ein Weg hinauf- und zurückführen. In der Ferne hören wir leise Stimmen. Scheinbar sind hinter dem ganzen Gestrüpp irgendwo Menschen. Dann muss es auch einen Weg geben.

Zigmal werden die Seiten gewechselt
Und erneut passieren wir den Fluss
Wir sind tatsächlich am Meer rausgekommen!

Wir bahnen uns durch die Pampa voran und plötzlich ist Meer in Sicht! Über schwarze Steine und jede Menge Treibholz balancieren wir am Ozean entlang und spotten rum, dass hoffentlich nicht Ebbe ist, und binnen der nächsten Sekunden prompt die Flut kommt (sehr realisitische und konkrete Todesvorstellungen) und uns fortreißt. Erleichtert finden wir den Pfad, der von der Meeresebene aufs Festland hinauf führt. Ein dickes Tau, das einige Meter oberhalb an einer Holzleiter endet, hilft beim Anstieg. Mit ihrem zunehmend schmerzenden Handgelenk zieht sich Janine nach oben.

Der rettende Weg zu sicheren Gefilden
Kräftig zupacken bei Raufkraxeln
Abenteuerspielplatz-Wanderung
Roche qui pleure, der weinende Felsen
Atemberaubende Bucht bei Le Gris-Gris

Mit kleinem Abstecher zum Roche qui pleure, über bekannte Pfade vorbei am Nonnenkloster (unser Unterschlupf neulich, als es in Strömen regnete), beenden wir nach rund fünf Kilometern voller Begeisterung die Wasserfall-Erlebnistour.

Mahébourg, die letzte Etappe

12. März 2022 – Am frühen Mittag erreichen wir Mahébourg. Dank Teamwork während der Autofahrt. Da Linksverkehr herrscht und der Fahrer (Janine) auf der rechten Seite sitzt, befindet sich das Schaltgetriebe ebenfalls auf der linken Seite. Janines Handgelenk lässt eine Schaltbewegung nicht mehr zu. Wie gut, dass wir drei uns non-verbal verstehen; Janine tritt die Kupplung, die Karre quietscht sich ins Koma und ich schalte (liegt ja sowieso auf meiner richtigen Seite). Funktioniert prima!

Wir checken im bewährten Orient Hostel ein und ziehen los. Die Mission lautet Frühstücks-Roti, oder eher Mittagessen-Roti.

Balkon-Ausblick, zurück im familiären Orient Hostel
In Mahébourgs Ufernähe liegt die kleine Insel Mouchoir Rouge

Ich zeige Janine den am Rande der Stadt gelegenen bunten Shri Vinayagar Seedalamen Kovil Tempel und starte meinen 187. Versuch, endlich das Nationalmuseum zur Öffnungszeit zu besuchen. Wir liegen hervorragend in der Zeit, dennoch schickt man uns hinfort. Warum nur stehe ich hier jedes Mal vor verschlossenen Toren? Heute ist Nationalfeiertag! Das war uns nicht bekannt, erklärt im Nachhinein aber einiges. Zum Beispiel, warum die Markthalle und der Supermarkt geschlossen sind.

Der hübsche Shri Vinayagar Seedalamen Kovil Tempel

Gut, dann Spontan-Plan B, auf zum Strand nach Blue Bay. Nach der Hitze des Tages ein Cooldown am populären Beach, diese Idee haben am Feiertag noch weitere zwei, drei Leute. Der Strand ist brechend voll, die Badebucht nicht minder. Alles tümmelt sich im Wasser, es ist trubelig und laut.

Am Abend ziehen wir auf Futtersuche durch die umliegenden Straßen. Die Möglichkeiten sind derart vielfältig, dass man die Qual der Wahl hat. Wir landen in einer hippen Raggae-Dreadlock-Lokalität. Und versacken. So richtig. Unter lauter Locals, mittendrin statt nur dabei. Für richtig leckeres Essen und drei gar köstliche Cocktails zahlen wir unfassbar wenig. Gekrönt wird der kulinarische Donnerschlag von der Großzügigkeit des Tresen-Chefs, der uns weitere Cocktails aufs Haus nachkippt. Alle Bemühungen, unsere Trinklaune zu bezahlen, werden kategorisch abgelehnt. Sowas hab ich noch nie erlebt! Wenn die denken, die können die deutschen Mädels abfüllen, haben die die Rechnung allerdings ohne uns gemacht, ha!

Nebenbei lernen wir eine wichtige Tropen-Überlebensstrategie: Siehst du nicht was unterm Tisch passiert, dann mal lieber hoch die Latschen! Kakerlaken und Riesenspinne rennen unter den Tischen und zwischen den Füßen der Gäste rum. Als ich mit aufgerissenen Augen der ponygroßen Spinne nachstarre, während diese auf den Flipflop eines Gastes zurennt… lassen wir das! Meine Füße berühren erst wieder den Boden, als wir aufbrechen.

Was werden wir betüdelt! Genaugenommen Janine, ich bin eher Dranhängsel. Unter (sehr) männlichem Geleitschutz schlendern wir zum Hostel und bekommen obendrein als Abschiedsgeschenk eine große Flasche des geschätzen Rums! Machen wir doch einen derart bedürftigen Eindruck? Janine bekommt zum Rum vom adretten Mauritius-Adonis eine freundliche und nahezu seriöse Kidnapping-Anfrage für die Nacht, welche sie höflich lächelnd abgelehnt. Ist ja nicht so, als hätte sie vom Hostel-Meister heute nicht schon nen Heiratsantrag bekommen… Selbst Schuld, wenn ich Sand mit an den Strand nehme, resümiere ich gönnend. Immerhin textet mich mein Stinkschüsselvermieter des Vertrauens regelmäßig mit „unterhaltsamen“ Nachrichten zu, sonst müsste ich nicht nur im Rum, sondern auch in völligen Minderwertigkeitskomplexen ertrinken. In unsere ilustre nächtliche Gassenrunde reiht sich spontan der ordentlich angetüdelte Nachbar mit ein. Der hat definitiv mehr intus als wir! Was sind die Männers hier mitteilsam!

Markthalle, Museum und Donnerwetter

13. März 2022 – Apropos mitteilsam; auch diese Nacht endet viel zu zeitig. In Mahébourg schwätzt man nämlich sehr früh, sehr gern und sehr laut. Auch am heiligen Sonntag. Tja, wer spät ins Bett geht darf früh aufstehen.

Der Morgen startet geschäftig. Wir quälen uns durch den verhassten, niederträchtigen Flug-Online-Checkin und geben dem lusteligen Autovermieter des Vertrauens das fahrende Blech zurück. Danach ziehen wir durch Mahébourg. Nach dem vergangenen durstigen Abend ist dem Kadaver nach scharfem Roti. Und ich brauche noch ein Opfer, dem ich mein Rückflugticket aufdrücken kann. Habe nämlich nicht vor, den Heimflug anzutreten.

Anstehen für die begehrten Rotis

Der heutige finale Versuch, Eintritt ins Historische Marinemuseum zu erhalten, ist von Erfolg gekrönt! Die Pforten sind geöffnet! In einem hübschen alten Kolonialhaus, dem Château Gheude, befindet sich das Museum. Es erzählt über das französische Kolonialreich, die Sklaven und verfügt über etliche Artefakte. Soviel zur Bildung des Tages.

Das Historische Marinemuseum
Im Park des Historischen Marinemuseums
Streifzug durch die Straßen von Mahébourg
Jackfruits wachsen an Bäumen mitten in der Stadt
Weihnachtsschmuck steht hoch im Kurs

Das Wetter ist nix halbes und nix ganzes, wolkig, trist, pisswarm und gewittrig. Nach rund acht Kilometern rumgeflatsche (ohne Rum) wollen wir dem Strand noch tschüss sagen. Schlechte Idee. Auf dem Fußmarsch gen Meer fängt es an kräftig zu donnern, es stürmt und kühlt erheblich runter. Man scheint uns den Abschied leicht machen zu wollen. Mehr als im Hostel Kaffee trinken und dem Regen zusehen ist nicht drin. Wir sitzen – im wahrsten Sinne des Wortes – auf gepackten Koffern. Das Taxi zum Flughafen holt uns morgen früh um 6:15 Uhr ab. Eine weitere kurze Nacht also, der rote Faden der Reise. Mein Heimflugticket konnte ich leider niemandem schmackhaften machen. Und ich mag auch nicht zurück…

Übrigens: Die uns geschenkte Flasche Rum haben wir selbstverständlich nicht getrunken. Okay, wir hatten keinen Saft zum mixen 😉 Die haben wir in der Hostel-Küche für die Allgemeinheit zurückgelassen. In Deutschland wurden Janines Schmerzen im Handgelenk immer schlimmer. Als sie schließlich zum Arzt ging, stellte sich heraus, dass ihr Handgelenk gebrochen ist. Das war ein Schock und hielt sie noch etliche Wochen auf Trab. Mauritius hallt auch nach vielen Monaten noch nach. Fast täglich flitzen Erinnerungsfetzen dieser intensiven Reise durch den Kopf.

Jede Reise hat ein Ende, au revoir Mauitius! Es war intensiv!

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Mauritius – Naturparadies für Aktive

Teil 6: Urlaub all inklusive – Wanderungen, Warnmeldungen und Regenzeit mit raining men

4. August 2022

5. März 2022 – Nichtstun! Heute SIND wir einfach nur mal, ganz nach der LOS-Formel: Planlos, ziellos, willenlos, anspruchslos. Das Wetter tickt ähnlich. Stichwort Regenzeit! Der Himmel droht schon Unberechenbarkeit an. Deshalb bleiben wir mim Boppes vorerst in unserer Bachelorvilla, chillen auf der Terrasse, trinken Kaffee, lesen. Bis der Bewegungsdrang sein Veto einlegt und der Schweinehund gassi laufen will. Janine nutzt die Gelegenheit für eine Fotosession durch La Gaulette während ich die Laufschuhe lüfte und ein autenthisches Mauritius in völlig untouristischen Seitenstraßen entdecke. Hühner rennen mir gackernd vor die Füße, aus einem offenen Fenster schallert karibische Musik, Hunde verteidigen kläffend ihr Revier, kleine Kinder kommen neugierig angerannt, fragen nach meinem Namen und zeigen ihre Spielsachen und Turnkünste.

Laufrunde durch Seitengassen von La Gaulette

Am Nachmittag fahren wir nach Le Morne und machen es uns am Strand und Meer gemütlich. Die Sonne zeigt sich nicht, es tropft nur kurz, scheinbar hat endlich wer den Himmel repariert, nach den letzten Tagen. Wir bleiben trocken.

Der Berg ruft! Le Morne Brabant
Bewölkt aber warm, relaxen am Strand vor den Luxusressorts in Le Morne

Nicht nur die Regenzeit, auch die überwiegend schlaflosen Nächte ziehen sich wie ein roter Faden durch den Mauritius-Trip. Nach einer knappen Stunde Schlaf steht schweißtreibende Moskitojagd auf dem nächtlichen Animationsprogramm. Trefferquote hoch, die Bude ist voll von den Drecksviechern. Man ölt ja schon vor sich hin, wenn man in Totenstarre auf dem Bett liegt. Nach sportlicher Blutsaugerjagd sieht man aus, wie in den Pool gefallen. Jetzt ist der Kadaver im Hallo-Wach-Modus und will gar nicht mehr schlafen.

Auf dem Macchabee-Trail im Black River Gorges Nationalpark

6. März 2022 – Weniger Nacht, mehr vom Tag! Heute laufen wir die Macchabee-Wanderung der To-Do-Liste. Der Himmel sieht ganz okay aus, hat sogar hellblaue Flecken. Das gab’s seit Tagen nicht. Also keine Zeit verdödeln, packen und aufi! Unser rotes Spaßmobil kann nicht nur dolle stinken, es hat weiteres Entertainment gegen Urlaubslangeweile parat. Kredenzt Lichter und Symbole in diversen Farben. Motorkontrollleuchte, Wassermeldung… oder ist das vielleicht die Warnung vor bald einsetzendem Regen? Ich tacker dem Drecksbixvermieter meines Vertrauens gleich nen Whatsapp-Hilfegesuch in die Pipeline. Wie gut, dass der mir nach unserer erquicklichen Mietwagen-Schlüsselübergabe auch seine Handynummer überlassen hat. Mal gespannt, was der Fachmann rät.

Bis die Antwort kommt, fahren wir schon mal los. Der Black River Gorges Nationalpark ist rund 14 Kilometer entfernt. Am Eingang lädt eine schöne Picknick-Area mit Tischen und Stühlen zum Verweilen ein. Durch das riesige Areal laufen noch zahlreiche andere ausgeschilderte Trails. Wir haben die Tour sicherheitshalber bei Komoot geladen und lassen uns lotsen. Hochmotoviert starten wir auf dem Macchabee-Trail.

Am Eingang des Black River Gorges National Park gibt es etliche Trails zur Auswahl

Ein Bach schlängelt sich plätschernd durch den Wald und quert mehrmals den Weg. Wir ziehen die Schlappen aus, um durchs knöchelhohe Wasser zu waten. Müssen ja nicht gleich zu Beginn schon wieder die Brühe im Schuh haben. Zumal Janine diese am Morgen mühevoll trockengeföhnt hatte. Die urigen Macchabee-Bäume und ihre riesigen Wurzeln sind der Wahnsinn. Große Termitenbauten kleben in den Ästen. Die laute Geräuschkulisse der Zikaden lässt phasenweise jeden Tinnitus alt aussehen!

Bachläufe auf Weg wirken gegen glühende Socken
Berauschend für Augen und Ohren

Recht schnell wird es recht steil. Der breite Weg führt über rutschig-schmierige Pflastersteine nach oben. Die Brühe läuft in Strömen aus allen Poren. Das Handy brummt. Aha, Monsieur Stinkschüsselvermietung antwortet. Verkündet, ich hätte ihn geweckt. Soso. Dann erklärt er, die Lampe im Auto leuchte wegen der Klimaanlage. Auto will Wasser. Über das Problem der Motorkontrollwarnung schweigt er geflissentlich. Mehr interessiert ihn hingegen, ob wir unseren Urlaub genießen. Wir lustwandeln im Wald rum, teile ich mit. Er warnt, wir sollten bloß nicht verschütt gehen, die Polizei bräuchte sonntags hier durchaus länger. Kennt der uns?! Das Kerlchen ist schon ein drolliger Vogel.

Am ersten Panorama-Ausguck beschließen wir kurzerhand, die Tour etwas anzupassen. Endlich regnet es, darauf ist Verlass! Reines schwitzen unterfordert ja völlig (Ironie off). Wir entscheiden uns für einen steilen, wurzeligen Abzweig und quälen uns mit hohen Schritten stufenartig durch die Pampe. Von oben begießt uns der Himmel, die Latschen sehen auch wieder aus wie Sau, die Beine sind verdreckt bis zur Kniescheibe, die Moskitos feiern Oktoberfest-Anstich. Bei all dem Regen und Schweiß bleibt kein Repellent haften. Der Aufstieg durch den Dschungel scheint kein Ende zu nehmen.

Ausblicke, die Lust auf mehr machen

Irgendwann erreichen wir den Ausstieg, die Sonne lacht. Geht doch! Zeit für eine Rast. Wir drapieren unsere verstochenen Leiber auf einem Holzbänkchen am Hochplateau und knabbern unser Käsebaguette. Ein Drittel der Strecke haben wir.

Rastplatz mit mega Aussicht
Belohnung für Körper und Seele nach dem Aufstieg im Regen
Verbabbt, vermatscht, verstochen und verdammt glücklich
View Point auf dem Macchabee Trail

Da wir nun schon oben sind, könnten wir auch gleich den Wasserfall mitnehmen, so die neueste geniale Eingebung. Leider hat unser spontaner Masterplan nicht vorgesehen, dass man erst alles absteigt, danach oberhalb des Wasserfalls ankommt (den man dummerweise kaum sieht), um dann wiederum alles raufzuochsen. Eine Machete wäre enorm hilfreich, so könnte man sich zumindest den Aufstieg durchs garstig dichte und stechende Gestrüpp freihacken. Wir wollten Wildnis, jetzt haben wir Wildnis. Kurze Verschnaufpausen werden unverzeihlich und gnadenlos von Terrorblutsaugern ausgenutzt. Ein Schlag auf die Plagegeister und die Hand ist blutgetränkt. Willkommen in der grünen Hölle. Wir kämpfen uns weiter, bis wir endlich wieder oben sind. Komoot verkündet nach zurückgelegten 11 Kilometern und rund 600 Höhenmetern, dass die Beine nur noch 4 Kilometer bergab zum Feierabend haben. Halleluja!

Abwechslungsreiche Wegführung
Oberhalb des Wasserfalls, viel davon zu sehen ist leider nicht
Es geht quer durch die Wildnis wieder nach oben
Die Wegfindung ist nicht immer eindeutig

Wir erreichen die Abzweigung, die auf unseren Rückweg führt. Der Schock brettert in Buchstaben ins Hirn wie eine Abrissbirne. Ungläubig starren wir das Verbotsschild an „Trail closed.“ Man teilt AN DIESER STELLE mit, dass der Rückweg gesperrt ist? Ein Hinweis auf der Wanderwegkarte, AM EINGANG, wär doch ne super Idee gewesen. Ich suche die versteckte Kamera vom Ranger, der sich in seiner Hütte grad totlacht. Es ist 14 Uhr, der Park schließt um 18 Uhr (30 Minuten vorher müssen wir draußen sein) und wir haben endlos lang für wenige Kilometer gebraucht, weil die Wege so rutschig und teils stark zugewachsen waren. Okay, wir haben auch ein paar Fotos gemacht. Was nun? Den gesperrten Weg risikieren und schlimmstenfalls umdrehen mit der Gefahr, dann mit noch knapperer Zeit weiter laufen zu müssen? Uns graust der Gedanke, die 11 Kilometer und den steilen, nassen Abstieg zurückzugehen. Auch der Akku des Handys geht steil bergab. Der muss halten, wir brauchen die Karte zur Orientierung. Immer diese Indiana-Jones-Crocodile Hunter-Exkursionen. Könnts net mal schön langweilig sein? Es hilft alles nix, wir kehren resigniert um.

Gesperrter Trail zwingt uns auf Umwegen zurück

Unterwegs können wir glücklicherweise drei Wanderstrecken miteinander kombinieren und müssen nicht komplett das gleiche Gezockel zurück. Auf dem letzten Kilometer hören wir lautes Gequieke. Wir suchen die Bäume nach Affen ab und sehen den Himmel über uns übersäht von Flughunden. Auch die Bäume hängen voll mit den Kerlchen. Wir gönnen uns eine letzte kurze Pause, nochmal durchschnaufen, wir haben fast kein Wasser mehr. Der Handy-Akku ist so gut wie leer. Die extrem hohe Luftfeuchtigkeit und die Hitze geben zusätzlich Zunder, Janine kämpft gegen ihren Kreislauf an. Um 17:10 Uhr erreichen wir erleichtert den Start des Trails. Punktlandung. Statt der geplanten 13 stecken 19 Kilometer und rund 700 Höhenmeter in den Beinen. Zuzüglich 1469 Moskitostiche im restlichen Körper. Gefühlsechtes Wandern! Die massakrierten Kadaver schreien nach Dusche, Kaffee, Füße hochlegen und Futter.

Mauritus lustige Männerwelt

7. März 2022 – Letzte Nacht gab es sehr unterhaltsame Konversation mit Le Monsieur de la voiture, dem Autovermieter meines Vertrauens, der nur ein „hallo“ schrieb. Zwei Stunden später fragte ich mal irritert nach. Eine weitere Stunde drauf teilte er mit, dass er nachdenken musste. Hmm, das scheint bisweilen wohl zu dauern. Seine fachkundige Eingebung zur Motorkontrollwarnleuchte: „Öl nachfüllen.“ Er schicke uns morgen jemand. Da ich mir meine Reisebegleitung wohl überlegt aussuche, habe ich mit Janine die ultimative Geheimwaffe für alle (Überlebens-)lagen dabei. KFZ – ihr wissenschaftliches Spezialgebiet. Gleich mal gecheckt, Ölstand passt. Ebenso das Kühlwasser. Entsprechende Info an Le Monsieur, dass das nicht das Problem sei. Er bietet erneut an, jemanden zu schicken und resümiert: „Hat die Karre Öl, könnt ihr auch fahren.“ Ich schreibe, dass wir bloß klären wollten, dass die Schüssel „sicher und gesund“ ist. Meine Sorge wird mit lachenden Smileys und der Rezitierung meiner Worte „healthy and safe – haha that killed me“ honoriert und nicht unbedingt zerstreut. Meine ironische Feststellung, er sei sehr lustig, kontert er stolz mit: „Nicht nur lustig.“ Ach? Um weiter auszuführen, dass er „gern Spaß hat.“ Eieiei, danke Kopfkino. Man könnte sich ja bei Gelegenheit auf ein Bier treffen, so sein mitternächtlicher Vorschlag. Girlfriend in Germany, is klar, feix ich mir eins und schmeiße das Handy in die Ecke.

Am Morgen gebietet die Höflichkeit doch eine Reaktion (obwohl ich kein Bier mag), er is ja ein Netter: Sonntagmorgen zur Mietwagen-Abgabe, gepflegter Frühschoppen, schieße ich aus der Hüfte und werde erneut ausgelacht. Das sei zwar früh, aber warum nicht, stimmt Mietwagen-Bachelor prompt zu. Ups! So schnell ist der Zweitwohnsitz auf Mauritius geklärt, haha. Janine schreibt unterdessen mit dem Mauritius-Saarländer, den wir kürzlich am Strand kennenlernten. Welch unterhaltsamer Tagesbeginn! Sie hat seine Avancen bedauerlicherweise sofort im Keim erstickt. Ich werde wohl alleine hier bleiben müssen.

Schnorchelfreuden in Flic en Flac

Heute ist Strandtag! Und kein Regen. Flott die Koffeeingrundversorgung sichergestellt und mit der Warnsymbol-Leuchtschleuder ins 25 Kilometer entfernte Flic en Flac getuckert. Weißer Sand, Sonne, Meer, Erholung, Urlauuub! Schnorchelmaske auf und Unterwasser-TV gucken: Bunte Fische, Skalare, Seegurken, Kugelfische, versteinerte Figuren und jede Menge Seeigel. Flic en Flac ist auch recht hübsch. Allerdings touristisch deutlich aufgemotzter. Viele Futterbuden, Bars, Verkaufsstände. Nach ausgiebigem Geplansche gönnen wir uns ein Roti mit Meerblick und ein köstliches Kaltgetränk. Die Regenzeit nimmt sich heute ne Auszeit.

Der Strand in Flic en Flac, zu unserer Reisezeit nicht gerade überlaufen
Mittagssnack und Lieblingsessen: lecker scharfes Roti
Fische guggen und im Meer planschen

Geplatzte Bergträume und verstörende Alpträume

8. März 2022 – Um 4 Uhr nachts schreibt mich Ben, der Vermieter unserer Unterkunft, an. Er wollte heute früh um 5 Uhr mit mir den Le Morne Brabant besteigen. Das planen wir seit Tagen, aber nie passt das Wetter. Jetzt textet er, weil es die Nacht so geregnet hat, sei es zu kritisch. So ein Mist! Als ich wieder einschlafe, träume ich, für einen Serienmord verantwortlich zu sein, den ich unbeabsichtigt geplant habe und deswegen acht Monate ins Gefängnis muss (mein beklopptes Unterbewusstsein ist da sehr präzise). Mein Fluchtplan, mich erst nach Hamburg (warum auch immer) abzusetzen, um von dort ins Ausland zu fliehen, scheitert mangels Zügen (da wär’s wieder, mein Deutsche Bahn-Dilemma). Im Traum habe ich auch nicht genügend warme Klamotten dabei, da ich gerade von Mauritius kam. Mein Priorität, erst heimlich (wegen den Morden) kurz zum umpacken nach Hause zu fahren (in dem Fall zu meinen Eltern, da ich dort allem Irrsinn nach wohne), verdeutlicht, wie sehr mir Kälte widerstrebt! Fatalerweise wartet im Hof der Nachbarn bereits ein Impfbus (Corona war zuviel des Guten, mein Kopp is ernsthaft kränk) und die Feuerwehr, die aber in Echt die getarnte Kripo ist und es auf mich abgesehen hat. Sogar meine Eltern haben mich verpfiffen! Als man mir mitteilt, ich werde nun meiner Freiheit beraubt, wache ich zum Glück auf.

Tamarind Falls – 7 Cascade

Da die Bergtour wieder gecancelt wurde, fahren wir zu den Tamarind Wasserfällen. 40 Minuten in der Stinkschüssel nach Henrietta, zum Start der Tour. Die Sperrung der Verbindungsstraße und die damit verbundenen Umwege sind echt nervig. Es ist bereits 11 Uhr, bis wir endlich einen Parkplatz finden. Hier bekommen wir bereits einen Eindruck davon, was uns erwartet. 11 große Wasserfälle, die durch eine tiefe Schlucht in der Inselmitte führen. Vom Flugzeug aus konnte man das faszinierende Naturwunder sogar sehen. Ein Typ aufm Moped verfolgt und belabert uns vehement, will unser Guide sein. Unsere Ablehnung, seine Motivation! Erst völlige Ignoranz führt zum Erfolg.

Es dauert eine ganze Weile, bis wir den Einstieg zu den oberen Wasserfällen endlich finden. Zu den ersten drei kann man von oben hinabsteigen. Dann wirds knifflig. Man muss klettern und eine Schlüsselstelle in steilem Gelände bewältigen. Danach geht es nur noch mit Equipment tiefer (so die Recherche). Oder man läuft gleich von der anderen Seite zu den unteren Wasserfällen. Die Wege sind – wie üblich – weder markiert noch befestigt. Dafür umso rutschiger. Schlammschlacht kennen wir ja. An Ästen von Guavenbäumen und Wurzeln rutschen wir zum ersten Wasserfall. Selbst dieser Ausblick ist absolut überwältigend! Der Abstieg zum zweiten ist gar nicht weit, aber recht steil und die Erde ist glattgetreten wie eine Eisfläche. In dem großen Bassin kann man unter dem Wasserfall baden. Pünktlich mit unserer Ankunft zieht der Himmel wieder zu. Wir haben uns gerade auf den schwarzen Basaltfelsen niedergelassen und unser Brötchen ausgepackt, da fängt es an zu schütten. Ist ja Regenzeit auf Mauritius! Wir suchen Unterschlupf in der Höhle.

Oberhalb des ersten Wasserfalles, von hier kann man zu den Tamarind Falls runtersteigen
Atemberaubend und unfassbar schön
Die Gumpen der Wasserfälle laden zum Baden ein
Voller Demut vor diesen Naturwundern

Die Vorfreude auf den nun noch rutschigeren Rückweg wächst. Kaum hört es auf zu regnen, zeigt sich der Himmel wieder in hellem Blau. Auf weitere Abstiege verzichten wir trotzdem. Der Aufstieg geht flotter und besser als erwartet. Da noch viel Tag übrig ist, säubern wir erst mal die eingeschlammten Schuhe und tunken Füße. Gumpen-Kneip-Kur mit prächtigstem Panorama, könnt man mal der Krankenkasse als Präventivmaßnahme vorschlagen! Es dauert gar nicht lange, da wirds auch wieder trüb über uns. In der Ferne donnerts. The same procedure as every day… Wir packen die gekühlten Mauken in die Treter und wackeln das letzte Stück Hang hinauf. Die Moskitos eskalieren vor Verzückung über unsere Anwesenheit und schreien Karamba, während sie das Besteck wetzen.

Noch einmal Innehalten und alles aufsaugen, bevor wir zurückgehen
Natur Pool mit überdimensionaler Massagedüse
Stechmücken, Matschwege, Aufstiege – alles wie immer

Raus aus der Wallachei ist der Trampelpfad zurück zur Straße teils so arschglatt, dass es mir auf kerzengeradem Weg die Füße wegzieht und mich gepflegt im Zuckerrohrfeld niederstreckt. Könnt einem wenigstens jemand Cachaça und Limetten zum Zuckerrohr reichen, wenn man schon am Boden liegt?

Wir genießen die letzten atemberaubenden Ausblicke auf die mächtigen Wasserfälle und plaudern mit einem Tourguide, der uns auf dem Weg zum Auto begegnet. Er zeigt uns Fotos und Videos der Wasserfälle zu Zeiten des Zyklons kürzlich. Was da an unbändigen Wassermassen die Schlucht runterdonnerte ist nicht zu fassen. Wir kommen gerade noch trockenen Fußes zum Auto, dann platscht die Sintflut von oben auf uns runter.

Die riesigen Tamarind Falls sind sogar vom Flieger aus zu sehen

Eine gute halbe Stunde warten wir im Auto, dass es aufhört. Vergebens, wir kapitulieren. Mein Hirn ist im Urlaubsmodus und lehnt denken ab. So navigiere ich Janine Richtung La Gaulette (naheliegend), zur gesperrten Verbindungsstraße (leider blöd), die wir bislang stets umfahren haben. Der Fehler rächt sich. Jetzt sind wir gezwungen, wieder über die unsägliche Serpentinenstraße heimzufahren. Hier in der Nähe war vor Tagen der grauenvolle Horrorunfall. Wieder Regen ohne Ende, wieder beschissenste Straßenverhältnisse. Janine sitzt angespannt hinter dem Steuer, ich versuche zu beruhigen, innerlich selbst am zittern und mit einem kotzüblen Gefühl. Die ganzen Bilder kommen hoch. Und als ob das nicht reicht, steht in der Kurve vor uns ein Polizeiauto mit zwei Beamten und einer Frau daneben. Im Graben liegt ein schwarzes Auto, das sich gedreht hat und auf dem Dach. Verdammte scheiße! Weg von dieser verfluchten Straße. Im Gurkentempo kriechen wir sorgenvoll zur Küstenstraße hinab. Erst da lässt die Anspannung allmählich nach.

Ilot Sancho

Auf dem Heimweg fahren wir an der Ilot Sancho vorbei. Einer kleinen vorgelagerten Insel direkt an der Küstenstraße, die bei Ebbe zu Fuß erreichbar ist. Genau das Richtige, um die Nerven zu beruhigen, wir wollten da eh noch hin. Google erklärt schlau: Eingebettet zwischen Rivière des Galets und St. Félix im Süden des Landes ist die Insel Sancho ein kleines Paradies. Sein Relief unterscheidet sich von den anderen Inseln von Mauritius und bietet einen atemberaubenden Blick auf die starken Wellen, die ständig über der Bucht von Jacotet brechen. Tatsächlich ist die Insel Sancho nur durch einen kleinen, etwa zwei Meter breiten Bach von ihr getrennt, den Sie bei Ebbe problemlos überqueren können, ohne nasse Knie zu bekommen. Janine hat die Latschen schneller aus, als ich gucken kann und stürmt zum gegenüberliegenden Ufer. Ihre Erstbegehung einer unbewohnten Insel. Grandios. Es nieselt übrigens noch immer. Regenzeit. Selbst bei der verlassenen einsamen Insel…

Kleine unbewohnte Insel, die Ilot Sancho

Regen, faule Nüsse und fremde Männer oder ein ganz normaler Morgen

9. März 2022 – Kokosnusswasser zum Frühstück ist eine tolle Idee und korrespondiert herrlich zu Kaffee, finden wir. Bei unserem Abend-Streifzug durch den hauseigenen Garten haben wir eine Kokosnuss gefunden. Praktischerweise haben wir auch nen Schraubenzieher organisiert und versuchen mit diesem und der Hilfe eines Steines die harte Nuss zu knacken, um an ihren kostbare Inhalt zu kommen. Damit sind wir erst mal beschäftigt. Sabbernd blicken wir auf die trübe Flüssigkeit, die aus der Schale rinnt. Vorsichtig nehmen wir eine Kostprobe. Brechreizerregend! Die Nuss ist faul. Angeekelt landet die mühsam erpresste Brühe im Ausguss und die Nuss vor der Tür.

Eigentlich wollten wir heute mim Bus nach Curepipe tuckern, bissi einkaufen, Markthalleschlendern, aber das Wetter ist einfach zu schön. Das schreit nach Strand. Ich schwinge mich in die Laufklamotten, schon mit Bikini drunter um sofort danach in den warmen Fluten zu versinken. Tasche gepackt, Autoschlüssel gezückt und – äääähhhh, wo kommt denn der Regen her? Warum ist die Badewanne da oben schon wieder leck? Es schüttet ernsthaft EINEINHALB Stunden! Selbst von der Palme vor unserer Terrasse strömt wasserfallähnlich der Regen vom Stamm.

Regenzeit auf Mauritius, das kann durchaus heftig sein und dauern

Aber mit der Sintflut steht auch das Tagesentertainment vor der Tür: Es gibt Herrenbesuch im Tempel. Ein Bachelor hat sich zur Villa verirrt. Hilflos steht er vor den Pforten und ruft über die Mauer, als Janine an unserem Wäscheständer hantiert. Er sucht ein freies Zimmer. Bevor man länger durch La Gaulette schreit, lässt Janine ihn rein und kündigt an: „Ich bring uns mal nen fremden Mann ins Haus.“ Ein Blick auf das Prachtexemplar lässt nur eine Antwort zu: „Du hattest schon schlechtere Ideen!“ Janine kontert ungeniert: „Und auch schon schlechtere Männer.“ Verlegen lächelnd haucht der Besuchs-Bachelor seinen Dank und wählt sich in unser WLAN ein, um mit unserem Vermieter Ben, die mögliche Zimmerverfügbarkeit zu klären.

Solche Burschen lässt man nicht vor der Tür stehen, der darf auf unserem Balkon warten und wer so blaue Augen und weißes Zahnpastalächeln präsentiert, bekommt dazu ein gekühltes Wässerchen kredenzt. Er erzählt, dass er vor wenigen Tagen von La Réunion kam und aktuell mit einem Freund am Strand in Le Morne zeltet. Deswegen suchen sie nun ein Zimmer. Ben antwortet zwischenzeitlich, leider hat er nix mehr frei. Kurz flippt mir das Bett-Besucherritzchen durch die nicht jugendfreie Hirnwindung, während Janine sich besorgt nach dem Freund erkundigt. Der muss ja nicht vor der Tür im Auto warten. Der ist auf Wanderschaft, erklärt unser Bachelor und muss, nach einem spannenden Plausch über Reisen durch die Welt, dann auch los.

Le Morne Brabant, Berg am Strand

Die adrette Abwechslung geht, die Brutzelsonne kommt. Also ab ins rote Stinkmobil und endlich nach Le Morne zum Strand. Erst braucht die Kauleiste was. Kreolisches Baguette im Mund, Sand an den Füßen, Meeresrauschen im Ohr, Sonne im Gesicht. Zufrieden trabe ich eine Stunde später bei subtropischer Hitze zu einer kleinen Laufrunde los. Uff, schon warm, das wird ne harte Nummer. Nach wenigen Kilometern stoße ich auf ein Schild, das den Weg zum Le Morne Brabant ankündigt. Aha! Hier geht’s also zu meinem Schicksalsberg, da muss ich doch unbedingt mal nen kleinen Blick drauf werfen. Als ich in den Wald komme und der Weg ansteigt, bin ich angefixt. Schon die ersten 100 Höhenmeter präsentieren einen faszinierenden Weitblick über den kristallklaren, farbintensiven Indischen Ozean. Der wird mit jeder weiteren Steigung überwältigender. Eine unfassbare Schönheit, die niemals für Kopf und Augen zur Normalität wird.

Verpflegung am Strand; kreolische Küche und Süßkram
Der Weg zum Le Morne Brabant
Schweißtreibend aber eine meiner schönsten Laufstrecken ever!
Was sich den Augen bietet bekommt das Hirn kaum verarbeitet
Mitten drin im Paradies

Obwohl es schon relativ spät ist, sind einige Wanderer unterwegs nach oben. Hätte ich das gewusst! Jetzt schaff ich es nicht mehr rauf. Außerdem habe ich keinen Tropfen Wasser dabei. Ich laufe hinauf bis zu dem Punkt, an dem Schilder vor den Gefahren der nun folgenden Kletterpassagen warnen. Trotz Sonnenschein nieselt es (ganz was neues). Von Innen bin ich hingegen trockener als die Atacama Wüste, Durst! Die Laufuhr zeigt knapp 7 Kilometer an. Schweren Herzens drehe ich um, bevor Janine Suchtrupps losschickt.

Der Berg zum Greifen nah
Bittere Vernunftsentscheidung; bis hierhin und nicht weiter – für heute

Schweißüberströmt und mit Tomatenkopf wackel ich am Strand ein. Guck an, da liegt der Mauritius-Saarländer neben Janine. Scheinbar kommen mit der Regenzeit auch „raining men.“ Ich hänge mir zu allererst die Wasserflasche an die vertrocknete Kehle und kühle den Kadaver in den Fluten auf Normaltemperatur runter. Es ist so herrlich, ich will aus der erfrischenden Fischbadewanne gar nicht mehr raus. Pure Glückseligkeit, wie wir hier zu sagen pflegen! Den Strand genießen, die passende Musik und die lustigen Gespräche mit dem Zufallsbesuch tragen ihr übriges dazu bei.

Es gibt Tage, die sind einfach absolut perfekt. Tage, an denen alles so leicht und im Einklang ist und so völlig unbeschwert.

Das perfekte Strandglück in Le Morne
Bester Sundown in La Gaulette mit Blick auf den Le Morne Brabant

Das Erlebnis-Programm für den Folgetag steht ebenfalls schon. Dazu demnächst mehr, nur soviel sei verraten; um 5 Uhr wird die Nacht zu Ende sein. Wer den Anfang verpasst hat, hier geht es zum Start der Reise.

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Mauritius – Naturparadies für Aktive

Teil 5: Hitze in Port Louis, buntes Marktreiben und heulender Felsen

12. Juli 2022

Woran merkt man, dass Sommer ist? Es bleibt auch warm, wenn die Sonne längst weg ist. Ich liebe diese warmen Nächte, auch wenn sie wenig schlafförderlich sind, da man (ich) ewig draußen sitzt und nicht ins Bett mag und früher aufsteht, weil es draußen einfach zu toll ist, um länger liegen zu bleiben.

2. März 2022 – Heute werden wir die Hauptstadt von Mauritius besuchen. Die ist von unserer Unterkunft in La Gaulette knapp 50 Kilometer entfernt. Das Auto bleibt stehen. Wir werden den öffentlichen Bus nehmen, der direkt vor unserer Tür abfährt.

Ein Tag in Port Louis

Kaffee trinken, Geraffel packen und auf geht’s. Tatsächlich brauchen wir – also der Bus – knapp zwei Stunden. Erst tuckern wir nach Bambou, wo wir umsteigen müssen, um weiter nach Port Louis zu kommen. Als Janine und ich uns dem Zentrum nähern und den Trubel auf den Straßen sehen, ist klar, es war die beste Entscheidung, das Auto stehen zu lassen.

Port Louis erschlägt uns! Die Hitze steht zwischen den riesigen Häusern. Der Asphalt flimmert. Das Atmen mit der Maske im Gesicht wird zur olympischen Disziplin. Wir schieben uns zwischen den Fahrzeugen durch und müssen aufpassen, dass uns nicht ein Roller oder Auto über die Flipflops brettert. Vielleicht würden platte Zehen aber optisch gut zu den völlig zerstochenen Beinen passen. Schönheitspreise sind „untenrum“ derzeit definitiv nicht abzuräumen. Desolater Kadaverzustand!

Unser erster Weg führt uns aus dem Gewusel in den Trubel der Markthalle. Neben Schatten gibt’s hier mächtig was für Auge und Nase! Früchte in Hülle und Fülle, unzählige Gemüsesorten, Salate in allen Farben und Größen. Allein die Gewürzstände sind der Oberknaller! Unterschiedlichste Currysorten, duftende Vanille, würziger Pfeffer. An den Ständen fliegt die Schippe in den Gewürzkorb und man hält uns das geruchsintensive Pulver unter die Nase. Unbeschreiblich! Wir kaufen scharfe Chilis, ein irre duftendes Currypulver, Kreuzkümmel. Und schlucken, nachdem wir den Preis freundlich lächelnd um die Ohren gezimmert bekommen. Sei’s drum, Qualität kostet eben (oder die dummen Touris wurden abgezockt).

Frische Früchte so viel das Herz begehrt
Gewürze in allen Farben und für alle Geschmäcker
Markthalle in Port Louis

Ein Stand mit frischen Früchten führt uns in Versuchung. Das schreit nach Frühstück. Wir stellen uns zwei Schüsseln mit bunt gemischtem Obst zusammen, setzen uns auf eine Steintreppe in der Markthalle und lassen das quirlige Treiben zufrieden kauend auf uns wirken. Weiter geht es in den zweiten Stock, wo Souvenirs und anderer Nippes verkauft wird. Ich liebe solche Märkte. Auch wenn es recht nervig ist, dass an jedem Stand die Verkäufer sofort aufspringen und uns ein Gartenhaus ans Ohr blubbern. Tausendfach hören wir: „Hello, have a look, looking is free.“

Nach dem Markterlebnis schlagen wir uns weiter durch das Straßenchaos zur Le Caudan Waterfront. Vorbei an einem riesigen Einkaufzentrum, Kunsthandwerkständen, Luxusläden, alles sehr edel und gehoben. Die Flaniermeile am Wasser ist schick und stylisch und lädt mit ihren ganzen Cafés und Restaurants zum Verweilen ein. Hier finden wir endlich Ruhe vor dem Verkehrslärm. Viel los ist trotzdem. Wir gönnen uns einen geeisten Kaffee und starten die letzte Mission, zurück in die Innenstadt, Chinatown. Das hektische Viertel stellt sich als Enttäuschung heraus, wir haben mehr erwartet. Das Highlight ist die Jummah Moschee, ein Bauwerk von 1850. Indische, kreolische und islamische Architektur treffen hier aufeinander und bilden das religiöse Zentrum für Mauritius‘ Mohammedaner. Nach freundlicher Aufforderung treten wir ein und sehen den Männern bei ihren Waschzeremonien und Beten zu.

An der Waterfront wirds bunt
Flanieren im Schutz der Schirme
Das Tor zu China Town, links die Jummah Moschee
Der ruhige Innenhof der Jummah Moschee, ein Platz für die Gläubigen
Streetart in Port Louis

Allgemein betrachtet bleiben Flair und Charisma in Port Louis für mein Empfinden auf der Strecke. Die Stadt ist ein Moloch! Aber es gehört dazu, die Hauptstadt mal gesehen zu haben. Auch wegen der Markthalle hat sich der Besuch schon gelohnt.

Nach einigen Stunden sind wir innerlich und äußerlich weichgekocht und wollen nur noch aus der lärmenden Stadt. Auf unserem Weg zum Bus machen wir erneut einen Abstecher zur Markthalle und stärken uns mit dem traditionellen täglichen Roti.

Yeahr, pünktlich zur Rushhour steigen wir in den Bus. Nur so hat man deutlich länger von der Fahrt. In der Nachmittagshitze schmelzen wir beim Warten auf den Anschlussbus. Alle Busse die ankommen, fahren nicht in unsere Richtung. Keiner weiß, wann der richtige Bus kommt. So überbrücken wir die Zeit mit Singen von kreativ-poetischem Liedgut (aufgrund Hitze und mürber Warterei lyrisch nicht ganz gewaltfrei, dafür sehr befreiend). Irgendwann kommt unser Bus. Die Weiterfahrt ist wie immer ein Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Die brechend volle Schüssel ist locker 40 Jahre alt und der Anhalten-Drücker besteht aus einer dünnen Strippe, die an irgendeinen Klingelknopf geklöppelt wurde. Ich lach mich halb ins Koma, als Janine grinsend auf die Konstruktion deutet.

Ausgeklügelte Technik im Public Bus; Strippe zum Halten-Signal

Wassermassen an den Alexandra Falls – Cascade de 500 pieds

3. März 2022 – Falls ich es in den vorigen Berichten noch nicht erwähnte, hier ist Regenzeit. Am Morgen macht uns das Wetter gepflegt einen Strich durch die ursprüngliche Wanderplanung. Zu kritisch bei Regen.

Also pronto nen Plan B geschnitzt und nach spartanischem Frühstück in unserer roten Ranzbüchse ins Hinterland zum Black River Georges Nationalpark. Wenn schon nass, dann gern mit Wasserfall. Als wir am Parkplatz in Savanne ankommen, nieselt es noch leicht. Kommt vor in der Regenzeit. Recht häufig. Und mitunter ziemlich doll! Stört uns nicht, is ja warm. Sollte eh unsere geringste Sorge des Tages sein.

Auf dem Weg zu den Alexandra Falls und Cascade de 500 pieds

Wir folgen dem Trail zu den Alexandra Falls und Cascade de 500 pieds. Mächtig schön hier, trotz Regen! Am Aussichtspunkt, nicht weit weg vom Parkplatz, sieht man nur den kleinen Wasserfall. Um zum Großen zu kommen, geht es durch die Walachei. Erste Herausforderung: Wir müssen einen Bachlauf überqueren, der wegen des Regens schon gut Wasser hat. Nach anfänglichem Rumgepienze ziehen wir die Treter aus und eiern flockig (mehr oder weniger) über die rutschigen Steine. Schuhe wieder an die Mauken und weiter. Die knorrigen Bäume rundum sind toll, die ganze Umgebung geheimnisvoll. Nieselregen und Nebel verleihen dem Wald eine mystische Atmosphäre. Im Tal gegenüber hängt der Dunst in den Bäumen, die Stimmung könnte nicht passender sein.

Erster Blick auf die Wasserfälle
Urige Bäume im verwunschenen Black River Gorges National Park
Der Hinweg ist etwas matschig, zurück wird hiervon kaum mehr was übrig sein
Gelegentlich sind kleine Bäche zu überqueren
Die Schuhe können anbleiben, sogar der Regen hat kurz aufgehört
Auch wenn Nebel die Sicht beschränkt, der Ausblick verzaubert
Faszinierende Vegetation

Weit ist der Trail zum Wasserfall nicht. Wir müssen allerdings weitere Bachläufe überqueren, bald leiern die Schnürsenkel aus, bei all dem an- und ausgeziehe. Der Regen wird stärker, der Pfad matschiger. Über ungleichmäßige Steinstufen kraxeln wir die Schlucht runter, drauf bedacht, nicht in dem braunen Brabbel und den Wurzeln auszurutschen. Inzwischen schüttet es richtig. Die Suppe läuft überall an uns hinab.

Ein Pärchen kommt uns entgegen und erklärt: „Noch ungefähr zehn Minuten, dann müsst ihr einen Fluss überqueren. Das Wasser ist schon recht tief, passt wegen der Strömung auf. Lohnt sich auf alle Fälle! Danach kommt der Wasserfall mit Natur-Infinitypool.“ Nass sind wir eh, also weiter. Als wir besagten Fluss erreichen, werden wir skeptisch. Er ist verdammt hoch, die Steine liegen tief im Wasser. Kein idyllisches Plätschern eines seichten Gebirgsbächleins. Aus dem Himmel kippen die Wassermassen auf uns nieder. Ständig läuft der Regen vom Kopf in die Augen, man sieht kaum noch was. Aber vor dem Wasserfall ins Wasser fallen ist keine Option. Zu viel teure Technik im Rucksack! Vor uns springt souverän eine Deutsche durch den Fluss, die sehr outdoortauglich aussieht. Sie sieht uns hadern und kommt zurück um uns zu helfen. Mit vereinten Kräften schaffen wir es, an den übers Wasser hängenden Ästen über die Steine zur anderen Seite zu balancieren. Es folgt ein weiterer Anstieg, bevor das Gelände steil abfällt. Und dann erreichen wir das Ziel! Hallelujah!

Das Ziel, der Cascade de 500 pieds war alle Matsch- und Regenmühen wert!
Wir fühlen uns so klein in dieser mächtigen Naturkulisse

Eine harmlose Wanderung wird zum Abenteuer

Plötzlich ist ganz schnell Schluss mit lustig! Der Donner, der uns seit einigen Minuten begleitet, wird lauter. Gewitter im Anmarsch. Im Mordstempo! Es blitzt und sofort kracht es unerbittlich über uns. Mir stellen sich alle Haare zu Berge. Mein einziger Gedanke: Vollgas! Der Weg sieht übel aus. Alles ist überschwemmt von brauner Brühe, kleine Flüsse laufen uns entgegen. Der Himmel kracht erneut. Jetzt isser wohl ganz kaputt! Janine und ich tauschen einvernehmliche Blicke, dann rennen wir los. An der ersten Bachüberquerung sind – im Gegensatz zum Hinweg – nun die Steine nicht mehr zu sehen. Ich rufe die Wanderer vor uns und bitte den Typ um Hilfe. Er zieht uns dankenswerterweise zur anderen Seite rüber. Das wär geschafft. Ab zum Auto.

Ein letztes Foto vom Weg, bevor das Unwetter kommt und alles wegschwimmt

Zurück in sicheren Gefilden, befinden wir uns spontan wieder im Schabernackmodus. In tropfenden Wanderhosen und Bikinioberteil legen wir einen Regentanz mit Sing-Session am Parkplatz ein. Soviel Zeit muss sein! Man sollte in seinem Leben EINMAL im Regen getanzt haben. Von oben sind noch immer die Schleusen offen, das hört bestimmt nie wieder auf. Im Auto finde ich mein Strandbadetuch und den Notfall-Bikini. Erst mal die aufgeweichte Schrumpelhaut trockenlegen. Janine sackt in ihrer patschnassen Hose auf den Fahrersitz. Während die Welt um uns weiter ertrinkt, warten wir im Auto.

Die sehr kurze (dafür umso abenteuerlichere) Strecke zum Wasserfall und viele weitere Fotos unserer Tour findet ihr unter dem folgenden Link bei komoot: https://www.komoot.de/tour/689669236?ref=aso

Nach einer halben Stunde lässt der Regen etwas nach, wir fahren los. In engen Serpentinen geht es abwärts, da sollte man im Idealfall was sehen. Das Schicksal nimmt unterdessen seinen dramatischen Lauf. Niemals hätten wir geahnt, mit welcher Tragödie dieser Tag uns konfrontiert.

Vor uns zockelt gemächlich eine Zugmaschine mit großem Anhänger. Aquaplaning auf der Straße. Wir tuckern langsam hinterher. Überholen wäre nicht möglich, wollen wir auch nicht, kein Grund zur Eile. Das Geschoss vor uns fährt schneller. Wir erhöhen den Sicherheitsabstand. Mittlerweile befindet sich das Gefährt in der Straßenmitte, mit erschreckend hohem Tempo. „Was zur Hölle soll Scheiß?“ murmele ich fassungslos, als der Fahrer in Schlangenlinien die enge Straße runterschießt. Ich kapiere die Situation gerade überhaupt nicht. Das Gehirn ist nicht in der Lage zu begreifen, was sich da vor den Augen abspielt. Noch weniger, als der Hänger unkontrolliert zu schleudern beginnt. Der Kopf malt Horrorszenarien aus, die der Verstand rational mit „ach was, das KANN nicht passieren“ abbügelt. Ein Trugschluss…

Das Fahrzeug fährt im Affenzahn geradeaus in die Kurve und kracht samt Hänger mit voller Wucht gegen einen massiven Holz-Strommasten. Gelähmt vor Schock sitzen wir im Auto und sehen machtlos zu. Bis uns in Zeitlupe der vordere Strommasten entgegenkommt. Unglaublich, was binnen Sekundenbruchteilen im Gehirn abläuft und wie viel Informationen abgespult werden. Entsetzt starren wir den Masten an, der halb über der Straße vor uns hängenbleibt. Alles ist völlig surreal und dringt gar nicht zu mir durch. Janine schmeißt mir den Autoschlüssel entgegen, schreit „wähl den Notruf“ und rennt im strömenden Regen zur Unfallstelle. Ich kenne nicht einmal die hiesige Notrufnummer, wird mir klar. Barfuß und nur mit Bikini bekleidet, laufe ich zu dem Auto hinter mir, trommele an die Fahrerscheibe und gestikuliere dem Mann, anzurufen. Er hat bereits das Handy am Ohr und nickt. Ich renne die Straße runter. Registriere die Ölflecken, die regenbogenfarben auf dem Asphalt leuchten, während der Kopf parallel warnt, nicht mit nackten Füßen in die Scherben zu treten, die überall rumliegen. Ich sehe das blanke Entsetzen in Janines Gesicht, die bei dem Fahrer steht, der rücklings auf der Straße liegt. Blut. Verzweiflung. Und dann ein Moment der Hoffnung, als er sein Bein bewegt. Er lebt! Umso verstörender, als ich den Blutstrom registriere, der unter seinem Kopf auf die Straße fließt. Es kommen weitere Männer zur Hilfe. Mein Blick fällt auf das Fahrzeug, dass im Graben in der Kurve liegt, der umgekippte Hänger. Der Fahrer wurde mit der Windschutzscheibe aus dem Auto auf den Asphalt geschleudert. Die ganze Situation ist so krank! Es schüttet noch immer wie aus Eimern, ohne Schuhe an den Füßen und nur im Bikini fange ich an, die zerbrochenen Scherben und schweren Steine von der Straße wegzuräumen, Platz zu schaffen für einen Rettungswagen, sollte einer kommen. Ein Mann läuft auf mich zu, ruft hektisch was auf Französisch und deutet zum Strommast.

Von oben fahren Autos an uns und dem Verunfallten vorbei, der noch immer auf der Straße liegt. Einheimische knien neben ihm, halten einen Regenschirm über ihn. Ich begreife noch immer nicht. Janine kommt, sagt, dass von unten gerade die ganze Straße gesperrt wird und wir nicht mehr wegkämen, wenn wir jetzt nicht fahren. Da die Hauptverkehrsstraße ins Hinterland vollgesperrt ist, ist dies momentan tatsächlich unsere einzige Möglichkeit nach La Gaulette zurückzukommen. Wir wissen nicht was wir tun sollen, ob wir gehen können. Wir können allerdings auch keine Hilfe beitragen. Ich starre wieder auf den Strommast, der bedrohlich vor unserem Auto hängt. So viel Chaos im Kopf. Nass und völlig fertig steigen wir ein. Die Autos, die hinter uns hielten fahren nacheinander vorbei. Von unten kommt bereits Gegenverkehr. Wir fühlen uns beschissen, als auch wir wegfahren. Im Auto erzählt Janine, am ganzen Körper zitternd, dass sie versucht habe, mit dem Mann zu reden, ihn zu beruhigen. Er war nicht ansprechbar. Ich will nicht daran denken, dass er das nicht überleben wird. Wir sind schon eine ganze Weile unterwegs, als uns ein Polizeiauto entgegenkommt. Ob es tatsächlich zu dem Unfall fährt, wissen wir nicht. Von einem Rettungswagen ist weit und breit nichts zu sehen. Unterwegs wurden bereits Steine und Erdklumpen der Hänge auf die kurvige Straße gespült. Der Regen hört nicht auf. Zitternd umfahren wir die Brocken, die Teile der Straße nahezu unpassierbar machen. Die Angst begleitet uns bis zu unserer Unterkunft.

Als wir aussteigen nehme ich Janine in den Arm und drücke sie an mich. Ich bekomme die Bilder nicht aus meinem Kopf. Sehe diesen Menschen auf der Straße liegen, sein Gesicht, all das Blut, sehe meine nackten Füße in den Ölpfützen, den geschockten Blick von Janine… „Wir leben noch“, flüstere ich. „Was eben passiert ist, ist unfassbar schrecklich. Ich schäme mich, das in diesem Zusammenhang zu sagen, aber wir hatten wahnsinniges Glück. Das hätte auch für uns anders ausgehen können, aber wir leben noch.“ Janine nickt, drückt mich zitternd. Eine heiße Dusche, einen starken Kaffee und ein langes Gespräch später, sind wir gefasster. Haben die Situation beredet, immer und immer alles durchgekaut, uns gegenseitig erzählt, was wir gesehen haben, was uns ängstigte. Der Film im Kopf bleibt, läuft im Hintergrund in Endlossschleife. Es bleibt aber auch die Dankbarkeit für unsere Leben. Und das Bewusstsein, wie schnell es von einer auf die andere Sekunde zu Ende sein kann. Der heutige Tag hat einiges in uns verändert, eine große Traurigkeit hinterlassen und wird noch sehr lange nachhallen. Das Leben läuft ungefragt weiter, es gibt keine Stop- oder Pausetaste. Wir leben weiter und machen weiter. Es ändert nichts an dem IST, ob wir lachen, weinen oder verzweifeln. Fröhlich und ausgelassen geht heute nicht, zu viele Gedanken kreisen durchs Hirn. Die Frage, ob der Mann überlebt hat, beantwortet uns niemand…

Noch mehr Wasser – Rochester Fall

4. März – Der gestrige Abend ging mit langen Gesprächen und Rommeezocken bis tief in die Nacht. Um 2 Uhr beschlich Janine plötzlich das dringende – mir unerklärliche – Bedürfnis, sehr ausführlich über den Unterschied zwischen „sure“ und „of course“ zu philosophieren. Möglicherweise hatte der Rum da seine Promille im Spiel. Entsprechend spät kommen wir heute früh in die Pötte. Die Trekkingschuhe sind eh noch nass, Survivalwandern ist daher nicht drin. Ne leichte Tour zu den Rochester Falls hingegen schon.

Lange Sommernächte, lange Gespräche

Unser Auto stinkt, als würde seit Wochen ein toter Iltis drin gammeln. Obwohl wir am Morgen alle Türen zum (vergeblichen) Trocknen aufgerissen hatten. Wir tuckern Richtung Souillac nach Surinam (auf bewässerten Sitzen) und suchen an der Straße das handgeschriebene Schild, das zu den Rochester Falls lotsen soll. Wir werden fündig und folgen der Beschilderung bis in die Zuckerrohrfelder. Riesige Pfützen stehen zwischen den Feldern. Sollte es etwa geregnet haben?!

Regenpfützen in Swimmingpool-Ausmaßen

Wir laufen einen knappen Kilometer und erreichen den Wasserfall. Zwei einheimische Männer stehen mit ihrem Pickup am Ufer. Hochengagiert kommt der eine Local zu uns und zeigt uns eine Strippe, die oberhalb des Wasserfalls über den Fluss gespannt ist. Er bequatscht uns so lange, bis wir ihm ins Wasser folgen. Wir stehen mal wieder knietief mit Sack und Pack auf arschglatten Steinen, während die Strömung an den Beinen zerrt und uns fast aus dem Gleichgewicht bringt. Keine fünf Meter weiter tost der Wasserfall rund zehn Meter in die Tiefe. In der Mitte wird der Fluss noch tiefer, wir wollen nicht weiter. Helferlein mag unser „No“ nicht hören, blubbert mehr als der Wasserfall und streckt fordernd seine stützene Hand aus.

Sein jüngerer Begleiter klettert unterdessen munter in die Krone eines hohen Baumes und stürzt sich mit Harakiri-Salto kopfüber den Wasserfall runter. Wir stehen sprachlos im Wasser, als sein Körper an uns in die Tiefe vorbeifliegt. Diese Akrobatik macht er in Endlosschleife; Felsen raufklettern, äffchenähnlich den Baum hinauf und Bruchpilot in den Tümpel. Macht er offensichtlich nicht zum ersten Mal. Und wir Weicheier fiepen oben im Fluss rum. Aber nach der Aktion gestern reicht es uns einfach. Gucken ist genug Abenteuer heute. Unser Animateur hat irgendwann auch kapiert, dass unser „no“ doch nicht „heijo, na klar“ heißt, und entlässt uns unverständlich zurück ans Ufer.

Bereit zum Absprung aus der Baumkrone
Rochester Falls, viele kommen zum baden hierher

Die Rochester Falls sind ein beliebtes Touri-Ziel. Von allen Seiten kommen weitere Leute. Allmählich wird’s voll. Die beiden Wasserfallbeauftragten haben alle Hände voll zu tun, jetzt wo wir nicht mehr im Fokus sind (wobei Le Monsieur noch einige Male probiert, uns ins Wasser zu quatschen) und kredenzen den Besuchern Trinkkokosnüsse, Obstteller und stürzen weiter vom Baum. Wir lümmeln noch kurz am Ufer rum, lassen uns von Moskitos zerstechen und ziehen von Dannen.

Fazit: Ganz nett wenn man in der Ecke ist, uns hat der Rochester Fall aber nicht so gepackt. Mauritius hat wesentlich lohnendere Ziele!

La roche qui pleure – der Jammerfelsen

Nächster Programmpunkt! Wir fahren weiter nach Le Gris-Gris, zum „la roche qui pleure.“ Der heulende Felsen. Oder wie ich ihn nenne, der Mimimi-Gesteins-Pienzer. Pienzt aber gar nicht, als wir kommen. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass hier grad Regenzeit ist? Jahaaa, unglaublich! Als wir unsere stinkende Zauberschüssel am Parkplatz abstellen, regnet es wundersamer Weise aber nicht. Dafür hat’s viel Wind. Ne steife aber warme Brise im Haar und sensationelle Weitblicke belohnen unseren Fußmarsch oberhalb der Küste zum Heul-Brocken. Wir lauschen gespannt und hören – nichts! Nur lautes Wellentosen. Der Felsen schweigt. Weder Geheule noch Gejammer. Dafür nieselt es endlich. Wir laufen weiter, es regnet leicht. Im Schutz der Bäume latschen wir im Wald weiter. Die Tropfen werden dicker. Das kennen wir schon! Gleich kommt wieder die Badewanne von oben. Ein Blick gen Himmel bestätigt: „Flieht, ihr Narren!“ Wir rennen und zeitgleich zieht der Chef oben den Stöpsel seiner Welt-Badewanne. Wir kommen halbdurchweicht unter dem Vordach eines Klosters an und richten uns erstmal häuslich ein. Wenns mal wieder länger dauert…

Ocean-Vibes in Le Gris-Gris
La roche qui pleure, der weinende Felsen
Tagtäglich aufs Neue beeindruckt
Die Küste lädt zum Wandern ein

Während wir antrocknen und sich das Meer von oben statt von unten über Mauritius ergießt, ergötzen sich hungrige Moskitos an unserem Body-Buffet. Ich klatsche jede platt, die ich kriege. Mit Blutstropfen an den Fingern – Mahnmal meines erfolgreichen Kreuzzuges – linse ich scheinheilig in die Gebetshalle hinter mir und auf das Abbild einer Nonne in Öl. Also Ölfarbe, nicht Olivenöl. Unbeeindruckt verübe ich weiter Vendetta an den Drecksviechern. Scheiß aufs Karma! Die Halle füllt sich mit religiösen Pilgern, auf französisch wird eine Messe verlesen. Die lustige Ironie mal wieder. Das Heidekind hätt keinen geeigneteren Trockenplatz finden können. Übrigens bedeutet Regenzeit, der Regen hat Zeit! Nämlich 20 Minuten und 546 Seiten im Gebetsbuch lang.

Regenzeit oder wenn das Meer von oben kommt…

Als die Sonne endlich rauskommt, beginnt rundum alles zu dampfen! Könnt mal eben jemand das Honig-Salz-Peeling zum Saunaaufguss reichen? Wir eilen zurück zum Auto, bevor der nächste Regen kommt. Die Kiste stinkt leider noch immer… kann nicht trocknen, bei 100% Luftfeuchtigkeit.

Es gibt sie noch, die Sonne!
Die nasse Stinkeschüssel
Weiterfahrt nach Bel Ombre

Wir machen zum Abschluss einen Abstecher zum Strand von Bel Ombre und verdüdeln dort den späten Nachmittag bevor wir zurück nach La Gaulette düsen, um den Tag ausklingen zu lassen.

Kleine Joggingrunde am Strand von Bel Ombre
Tagesausklang auf unserem Balkon

Das Leben macht niemals Pause und kann auch im Paradies mit voller Härte zuschlagen, was uns auf schreckliche Weise wieder ins Gedächtnis getrümmert wurde. Wundervolle Bilder im Kopf mussten Bildern des Schreckens und dem Gefühl der Hilflosigkeit Platz machen. Dennoch geht es weiter. Immer… Noch mehr Wanderungen, noch mehr atemberaubende Natur und neue Abenteuer hält Mauritius für uns parat. Mehr davon erzähle ich euch schon bald im nächsten Bericht.

Dieser Beitrag kann unbeauftragte und unbezahlte Werbung enthalten. Als unbeauftragte Werbung gilt die Erwähnung oder Empfehlung von Produkten, Marken und Leistungen jeglicher Art.

Mauritius – Naturparadies für Aktive

Teil 4: Pure Glückseligkeit, Wasserfälle und Siebenfarbene Erde

18. Juni 2022

Ab sofort wird im Doppelpack weitergereist. Quasi geballtes Entertainment. Wer den Anschluss verpasst hat, kann die erste Mauritius-Woche hier unter Teil 1, den Teil 2 hier und Teil 3 hier nochmals nachlesen.

28. Februar 2022 – Yippieh, Gesellschaft! Meine äußerst geschätzte, überaus kompatible und langjährig bewährte Reisegefährtin, the one and only Janine, ist im Landeanflug und wird in Kürze bei mir im Hostel in Mahébourg ankommen. Das nenn ich wahre Freundschaft, wenn Herzensmenschen um die halbe Welt fliegen, um mit dir zu reisen! Okay, das Domizil ist ebenfalls ziemlich bestechend.

Ab heute sind wir auch mobil und somit flexibler unterwegs. Die helfend bemühten Männers vom Hostel haben uns nämlich einen Mietwagen organisiert. Über die Locals hier wesentlich günstiger, als von Deutschland aus. Pünktlich um 10 Uhr kommt der Autoverleih-Jüngling mit der kleinen roten Schüssel angedüst und macht die Einführung und Übergabe. Welch erheiterndes Unterfangen. Wir hocken im Auto und beömmeln uns wegen diverser Ulkigkeiten (er erzählt von seiner Freundin in Bayern), als ein Taxi vorfährt und Janine ausliefert. Nach ausgiebigem Freudentaumel und Begrüßungsrausch beenden wir noch schnell die Mietwagenübergabe (inklusive Handynummer des fluffigen Auto-Dealers) und ernennen Janine offiziell als Fahrerin. Im Hostel ausgecheckt, unser Gepäck ins Auto geschmissen und ab nach La Gaulette. Dort haben wir eine vorzeigbare Ferienwohnung gebucht, in der wir ab heute für die kommenden zwei Wochen residieren werden.

Straßenverkehrsordnung à la Mauritius

Mauritius ist gerade mal ca. 61 Kilometer lang und 46 Kilometer breit. Klingt nach sehr kurzen Distanzen, die man schnell zurücklegt. Ganz so einfach isses allerdings nicht. Selbst für wenige Kilometer braucht man Zeit. Viele Straßen sind schmal, ins Hinterland hinein sehr serpentinenreich und steil und die Fahrten sind oftmals eine Herausforderung. Sei es, weil es schüttet wie aus Eimern und man kaum noch was sieht, Hänge sich auflösen und auf die Straßen rutschen, die Fahrzeuge nicht unbedingt im allergeilsten Zustand sind (eher Gefahr als Gefährt), Hunde gemütlich über die Fahrbahn trotteln oder irgendwo mal wieder irgendwer willkürlich mitten im Weg stehenbleibt. Auch zum Plaudern oder um einen Snack einzukaufen, bleibt man gerne mal auf der Straße mit der Kiste stehen. Dafür wird oft und viel gehupt; um Verkehrsteilnehmer zu warnen, um Unmut kundzutun, um Passanten, die mangels Bürgersteigen am Straßenrand rumlatschen auf sich aufmerksam zu machen oder weil Hupen zum guten Ton gehört.

Auf dem Weg nach La Gaulette entlang der Küste, im Hintergrund der Berg Le Morne

Wir müssen zuerst das Spaßmobil betanken. Also im Linksverkehr zur nächsten Tanke und die Schüssel füllen lassen. Macht man hier nämlich nicht selbst. Von Mahébourg zu unserem Domizil, dem „Pingo Studio“, nach La Gaulette sind es rund 65 Kilometer. Wir brauchen dafür tatsächlich fast eineinhalb Stunden, was nicht an der souveränen Fahrweise von Navigator-Janine liegt (ich unterstütze selbstredend tatkräftig, indem ich nervende Piepgeräusche von mir gebe, sobald sie zu nah zur linken Straßenseite driftet). Die Hauptverbindungsstraße von der linken zur rechten Inselseite ist gesperrt, daher dürfen wir über die Küstenstraße einmal komplett „untenrum“ gurken. Landschaftlich hübsch, aber im ungewohnten Linksverkehr, nicht vorhandener Servolenkung und diverser widriger Umstände ein mühsames Unterfangen.

Wohntraum in La Gaulette

Ben, der Eigentümer des Apartements, begrüßt uns freundlich vor der Tür. Die Begehung bestätigt sofort, die Fotos haben nicht gelogen. Das Pingo-Studio ist ein überaus sauberes, heimeliges Schmuckstück. Wir haben eine Küche mit Gasherd, großem Kühlschrank, Klimaanlage, ein sehr geräumiges Bad und eine schöne Terrasse mit Meerblick und vielen Palmen. Wir fühlen uns sofort pudelwohl. Das Auto parkt in der eigenen Einfahrt des Grundstücks, das ganze Haus ist mit Rolltor und Mauer von der Straße rundum sicher abgeschirmt. Auf dem Grundstück stehen riesige Palmen, drei weitere Wohnungen gehören zu dem Haus. Vorerst sind wir aber alleine. Voll die Bachelor-Villa, nur ohne Bachelor und ohne Zickenkrieg. Herrlich!

Unsere Unterkunft in La Gaulette, Pingo Studio
Der Blick von unserem Balkon ist unbezahlbar
Und drumrum ist auch viel Platz
Auf gesunder Einkaufstour in La Gaulette

Wir packen aus und stellen erst mal die kulinarische und getränketechnische Versorgung der kommenden Tage sicher, indem wir den nahegelegenen Supermarkt plündern und lecki Wassermelone am Straßenobststand kaufen. Wie schnell doch ein so großer Kühlschrank voll ist, wenn man allerlei Sorten Säfte, Wasser und Rum reinpackt. Lokalen selbstverständlich. Wegen der Nachhaltigkeit und man sollte als guter Tourist ja auch die traditionellen Wirtschaftszweige und alteingesessenen Industrien fördern. Wo wir grad bei Tradition sind; die wird mit dem obligatorischen Mittags-Roti aufrecht erhalten.

Salz auf der Haut und Sand zwischen den Zehen

Strandfein gemacht, Geraffel gepackt und mit dem roten Spaßmobil zum benachbarten Strand Le Morne gedüst. Es ist schon früher Nachmittag und Janine hat einen langen Flug in den Knochen. Heut wird nur noch gechillt, Sandkörner zwischen den Zehen zerrieben, im Meer geplantscht und mit offenem Mund auf den wahnsinns Trümmer von Berg (den Le Morne, mein neues Projekt) geglotzt. Ist das schön hier! Die Sonne brutzelt, das Meer glitzert, das Wasser ist badewannenwarm und kristallklar und wir vergnügen uns auf höchstem Euphorielevel darin rum. Janine fasst den Zustand höchst treffend mit zwei Wörtern zusammen: PURE GLÜCKSELIGKEIT! Das ist es in der Tat und wird zum Reisemotto!

Schwer beeindruckt stehe ich vom Le Morne Brabant. Da will ich rauf!
Endlos langer Sandstrand bei Le Morne

Wandernd auf Entdeckungstour

1. März 2022 – Nachdem wir am Abend äußerst selbstlos und ergiebig die lokale Rumindustrie unterstützten und ich ein kleines Bob Marley-Gedächtnis-OpenAir auf unserem Balkon vor undankbarem, weil nicht vorhandenem Publikum gegeben habe, kommt der Schlaf erneut zu kurz. Um sieben Uhr kräht der innere Hahn und sucht den frühen Wurm, oder wie auch immer. Den ertränk ich gleich mal im Kaffee.

Morgenkaffee zwischen Palmen

Bei subtropischer Hitze, enormer Luftfeuchtigkeit und strahlendem Sonnenschein traben wir in La Gaulette los. Zunächst geht es durch die Straßen, dann biegt ein langer, steiler Weg ab. Anstieg durch die opulente Vegetation. Grün soweit das Auge reicht. Während wir uns den feuchten Wald raufwurschdeln, aus allen Poren flutend, zerstören uns die Moskitos komplett. Ignorieren völlig das Repellent, das über Sonnenmilch und unter Schweiß den Körper stinkend verbabbt hat. Was stimmt mit den Drecksviechern nicht?! In sowas will doch keiner seinen Rüssel reintunken! Unsere Beine sehen aus, als hätten sie hochgradige Beulenpest. Dafür entschädigt wieder einmal der grandiose Weitblick über den leuchtend blauen Ozean. Aufstiegsmühen zahlen sich immer aus.

Auf Wanderschaft die Schönheiten der Insel erkunden
Je höher wir kommen, desto herrlicher wird der Blick
Wolken hängen in der Krone des Le Morne

Jetzt wird’s bunt – Naturspektakel Siebenfarbige Erde

Munter lassen wir uns nichtsahnend von komoot weiterlotsen und kommen ganz überraschend zu DER Attraktion von Chamarel: Der siebenfarbigen Erde (hier Terres de Sept Coleurs genannt). Die stand auch auf der To-Do-Liste, dass wir den Punkt heute abhaken würden, hatten wir nicht auf dem Schirm. Am Kassenhäußchen zahlen wir den Eintritt, der gleichzeitig auch für den bekannten Wasserfall von Chamarel gilt, der hier auch in der Nähe ist. Ein Ticket bekommen wir nicht, weil hier bloß die Eintrittskontrolle sei und die Tickets einige Kilometer entfernt – wo auch immer – gekauft werden müssten. Blöd, ohne Auto. Aus reiner Guthaftigkeit kommt man uns entgegen, indem man uns hier unbürokratisch abkassiert und Zutritt gewährt. Die etwas mürrische Dame verspricht, die Einlass-Stelle am Wasserfall anzufunken, damit man uns dort ohne Ticket reinlässt. Na dann, wenn’s so läuft… mangels besserer Alternative lassen wir uns auf den Deal ein.

Siebenfarbige Erde
Faszinierendes Farbenspiel

Wir betreten das Areal und staunen nicht schlecht. Hinter einer Umzäunung liegen bunte aufgeschüttete Sandhügel, so der laienhafte Animateur (ich). Das klügere Wikipedia erklärt, dass die Hügellandschaft – wie ganz Mauritius – vulkanischen Ursprung hat und die Farben durch die Umwandlung von Basaltlava in Tonminerale kommen. Die tropische Verwitterung hat die wasserlöslichen Bestandteile weggespült und das übriggebliebene Lavagestein in einer beeindruckenden Farbpalette von rötlich-braun, schwarz, violettblau bis blaugrün erschaffen. Sieht wirklich toll aus. Ein kleines Schildkrötengehege mit Riesenschildkröten gibt es auch noch, ist aber unspektakulär. Wir ziehen weiter zum nächsten Highlight unserer Surprise-Wandertour.

In Chamarel rauscht ein Wasserfall

Nach zwei, drei weiteren Kilometern erreichen wir das nächste Naturschauspiel von Chamarel: Den großen Wasserfall. Das mit dem Einlass war auch gar kein Thema, es gab nämlich keine Kontrolle. Knappe 100 Meter stürzen die Wassermassen von einem riesigen Felsplateau mit unbändiger Wucht in die Tiefe! Sattgrüne Bäume umrahmen das grandiose Bild. Nah ran kommen wir nicht, können den Wasserfall aber von zwei guten Aussichtsplattformen gegenüberliegend bewundern. Kleiner Spoiler: Das wird nicht unser letzter Wasserfall bleiben, davon hat’s auf Mauritius nämlich unzählige!

Chamarel Wasserfall

Auf dem weiteren Weg durch den Geopark passieren wir zu eine Kaffeeplantage. Ach das wär was, wenn ich die Beißerchen in die grünen Bohnen tackern tät und mein Kadaver in der Lage wäre, diese postwendend in das duftende Lieblingsgebräu umzuwandeln! Kann er bedauerlicherweise nicht, Kaffee muss warten. Vor uns liegen noch rund 10 Kilometer. Kommt aber mal wieder anders als geplant. Hab ich schon erwähnt, dass Pläne völlig überbewertet werden?

Weiter durch das Bergdörfchen treffen wir auf einen Roti-Stand. Die Chance wird genutzt, wir lassen uns die pikanten Teigfladen für später einpacken. Sehr viel weiter kommen wir allerdings gar nicht, da die Hauptstraße zwischen Chamarel und La Gaulette wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Wussten wir. Als Wanderer kein Problem. Dachten wir. Nachdem wir den kuschlig glühenden Asphalt ein gutes Stück bergab geflatscht sind (die Straßensperrung ignorierend), informiert uns ein umkehrender Autofahrer, dass auch Fußgänger nicht durchkommen. Wir tauschen ungläubige Blicke. Wir sollen jetzt ALLES zurück? Ähh danke, nö! Ein weiteres Auto hält neben uns an. Das einheimische Paar guckt fragend. Wir weisen auf die Vollsperrung hin und schildern unsere missliche Lage. Die beiden sind auf dem Weg nach Port Louis und müssen dafür durch La Gaulette durch. Wir könnten mitfahren, kein Problem. Überschwänglich dankend steigen wir ein und werden nach rund 30 minütiger Fahrt an unserem Auto ausgeladen. Unsere Wanderung endet nach gut 13 Kilometern somit zwar deutlich früher als erwartet aber zum Glück nicht so umwegweit wie kurz befürchtet. Was haben wir aber auch ein Dusel!

Jackfrüchte wachsen an Bäumen am Wegesrand

Wer sich für den genauen Wegeverlauf, weitere Fotos und die Koordinaten der Tour interessiert, findet sie unter den gemachten Touren bei komoot: https://www.komoot.de/tour/798597145?ref=aso

Meeresrauschen zum Tagesausklang

Es ist noch bissi Tag übrig und wie könnte man den nach Wanderfreuden besser nutzen als mit Füße im Sand? Ab ans Meer! Diesmal zum Strand unterhalb von Tamarin. Auf Mauritius ist heute Feiertag, entsprechend viel ist los. Mit unseren Wanderhosen und Trailschuhen entsprechen wir nicht dem klassischen Strandbild der Badenixen.

Am Strand bei Tamarin; es kündigt sich schon wieder Regen an

Wir werden darauf von einem Einheimischen angesprochen, der Guide für Wandertouren auf der Insel ist. Er erwähnt, dass er auch schon in Deutschland war. Ja ja, natürlich. Das erzählen sie ja alle. Immer. Die klassische Story über die Freundin in Deutschland. Tatsächlich zieht auch er die Deutschland-Ex-Freundinnen-Karte. Logo. Als er jedoch den Wohnort der Verflossenen nennt, wird die Geschichte spontan überzeugend: Saarbrücken! Der arme Tropf war von ganz Deutschland ausgerechnet im Saarland! By the way; ich als Saarlandflüchtling darf das sagen. Muss ihn prompt fragen, ob er Saarländisch kann. Kann er nicht, gibt er lachend zu. Dafür zeigt er Beweisfotos der Bierflasche einer heimischen Brauerei in einer St. Ingberter Kneipe. Der legendäre Saarland-Magnetismus, man entkommt ihm nicht einmal auf Mauritius 😉

Ich löchere ihn noch mit ein paar Fragen zu unseren anderen geplanten Touren, woraufhin er uns anbietet, uns morgen einer Tour zu den Tamarind Falls anschließen zu können. Man kann gerade nur tagesaktuell planen, die Regenzeit macht alles etwas knifflig. So tauschen wir Kontaktdaten aus, um uns am Morgen spontan kurzzuschließen, bevor er sich von uns verabschiedet. Auch wir machen uns auf den Weg zurück zum Auto, die nächste Regenfront steht schon am Himmel in den Startlöchern. Das wirklich Verlässliche hier ist der Regen. Und die Moskitos! Okay, der Rum auch.

Tagesausklang mit erfrischender Rum-Mixtur Marke Eigenbau

Was am nächsten Tag auf dem Programm steht, welch faszinierenden Naturwunder Mauritius noch so auf Lager hat und von einem tragischen Erlebnis, auf das wir lieber verzichtet hätten, erzähle ich euch bald schon im nächsten Teil.

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Mauritius – Naturparadies für Aktive

Teil 3: Rettungs-Ranger für Notfälle und die Löwen-Besteigung

22. Mai 2022

Ohhhh prächtiges, wanderbares Mauritius! Du hast mein Herz im Gipfelsturm erobert!

26. Februar 2022 – Heut ist Wandertag! Latschen bis die Socken glühen, bei der subtropischen Hitze schon sitzend im Bus der Fall. Seit 5 Tagen treibe ich auf der Insel mein Unwesen. Nach beschwerlichem Anreise-Entertainment (hier der Bericht zum Nachlesen) waren die ersten Tage zwar weniger actionreich, dennoch sehr unterhaltsam (und noch mehr Lesefutter da).

Die güldene Morgenstund kredenzt kuschlige 28 Grad zum Kaffee. Betriebstemperatur, der Kadaver frohlockt. Bin gutgelaunt, hochmotiviert und voller Tatendrang!

Kaffee mit Meerblick und Sonne – so sollte jeder Tag starten

Ich konnte ein paar Stunden Schlaf ergattern und hatte tatsächlich eine Nacht, die den Namen verdient! Scheinbar hatten selbst die Moskitos keinen freien Platz mehr an meinem Körper-Buffet gefunden. Rasch das Notwendige zusammengepackt, Abstecher zum Markt um die Mittagspausen-Verpflegung sicherzustellen (Roti, what else) und direktomundo zum Busbahnhof.

Unterwegs im Valleé de Ferney – Open Ferney Trail

Der Bus schmeißt mich nach knapp 20 Minuten Fahrt am Eingang des Vallée de Ferney raus. Das private Landschaftsschutzgebiet ist über 3.100 Hektar groß und liegt, mit Blick auf die Bucht von Mahébourg, am Fuße des Löwenbergs, dem Montagne du Lion. Die letzten endemischen Wälder der Insel sind dort beheimatet. Soviel zum botanischen Teil.

Mit dem Bus zum Vallée de Ferney, im Hintergrund der Montagne du Lion
Eingang ins Wanderparadies

Eine Palmenallee umrahmt die Straße zum Bürogebäude mit der Rezeption. Bei einer freundlichen Mitarbeiterin zahle ich die Eintrittsgebühr (gut investierte 8,- Euro) und verkünde strahlend meine Mission „Hiking!“ Ich erkundige mich nach den möglichen Trails. Auf die Frage, ob ich den 20 Kilometer langen Open Ferney Trail laufen wolle und ob ich alleine unterwegs sei, nicke ich eifrig. Die nette Madame führt mich zur Schautafel vor der Tür und erläutert: Blaue Markierung 5 Kilometer Trail, gelbe 13 und rote 20 Kilometer. Hirn ausschalten und einfach den farbigen Holzpflöcken nachlaufen, super beschildert. So so. Aber wenn ich doch „lost“ gehe, frage ich skeptisch? Dann könne ich einfach bei ihr im Büro anrufen und ein Ranger eile zur Rettung. Mit dem Plan lässt sich’s arbeiten. Auch wenn mich die angegebenen 970 Höhenmeter bei den Temperaturen etwas zucken lassen.

Hier starten geniale Trails
Erst registrieren und Eintritt zahlen, dann auf ins Wandervergnügen
Die Trails sind idiotensicher markiert

Alla gut, nochmal alle aufs Klo, dann reiten wir los. Ich starte alles an Technik was ich besitze (Garmin und komoot) und stiefele entschlossen los. Im Kopf verteile ich parallel die Kilometer auf die Zeit und plane vorfreudig mein Futter-Roti dazwischen ein. Die Kulinarik soll auch in der Flora und Fauna nicht zu kurz kommen.

Einlaufen auf dem Open Ferney Trail
Gelber, blauer, roter Weg, ich folge der roten Markierung in Richtung graue Wolken…
während der Himmel hinter mir sonnig und blau ist
Grün in allen Varianten, so weit das Auge blickt

Ich kann wirklich nicht gebührend in Worte fassen, was sich meinen Augen, Ohren und der Nase auf den 20 Kilometern bietet! Immer wieder gibt es unterwegs Viewpoints, auf die man steigen kann. Gerne würde ich die Gerüche so erklären, dass ihr riecht was ich schreib. Von blumig-süßlich über kräuterig-würzig, erdig-muffelnd, es ist alles dabei. Untermalt wird dies von einer Geräuschkulisse, die sich ebenso kaum schildern lässt: Extrem lautes Zikadengezirpe, dann ad hoc Stille als lege der Tinnitus Pause ein. Durch den Dschungelurwaldvogelsound dringt irgendwann ein großes Geräusch aus dem Wald. Ja, es gibt „große“ Geräusche. Kleines Geräusch isses, wenn ein Vogel durch die Blätter flattert. Das hier klingt, als würde ein unsichtbares Mammut Limbo unter Baumstämmen tanzen. Gespannt spähe ich in die Wallachei, kann aber nichts herausfinden. Wenig später schrecke ich einen riesigen Rehbock (oder was auch immer das ist) auf, der sofort flüchtet. Vielleicht war er der Verursacher.

Zu Beginn führt der Trail an beschaulichen Hütten vorbei
Hier entlang führt nur die große Runde – Open Ferney Trail
Nach unzähligen tristen Winterwanderungen gibt’s endlich knallende Farben auf die Augen
Es raschelt im Gebüsch. Was könnte das sein?

Das Wetter ist maximal flexibel: Sengende Hitze, Wolken mit Wind, warme Regenschauer, dann wieder Sonne, ständig abwechselnd. Der Trail führt über sandbraune breite Pfade, kleine Bäche, durch tiefen Mappel und Pfützen, über Steine, durch Palmenhaine und Wiesen. Vielseitiger geht kaum! Damit’s nicht langweilig wird, kommen immer wieder knackige und schweißtreibende Anstiege. Irgendwo müssen die Höhenmeter ja herkommen.

Durch hüfthohes Gras stapfe ich die Wiese hinauf. Ich fühle mich wie ein Ackergaul, weil die Drecksfliegen ununterbrochen versuchen, mir in die Augen und Ohren zu fliegen, während die Sonne unermüdlich auf mich bruzelt. Ich bin eine wandelnde Getränkebar mit Flatratesaufen für Mücken. Boah ist das nervig. Wie soll man sich denn so auf die herrliche Gegend konzentrieren?! Schutzsuchend rudere ich mit verzweifelten Taiji-Bewegungen vorm Gesicht herum. Selbst für die Sonnenbrille isses zu heiß. Alles muss raus ausm Gesicht!

Aussichtspunkte mit viel Ausgugg in atemberaubende Landschaft

Und dann – nach einem eeeewigen Anstieg – der Lohn der Plackerei: MEER!!! Oberste Eskalationsstufe auf der Richterskala der ungefilterten Freude! Wer würde auch Meer erwarten, auf einer Insel…

Meer finden und ausflippen vor Freude
Pures Wanderglück, was will Frau Me(e)hr?!

Super Zeitmanagement, trotz ausgiebigen Fotosessions komme ich passabel voran. Um 16:30 Uhr muss ich nämlich zurück sein, der Park schließt um 17 Uhr. So ein Mist, warum habe ich nicht den Ranger vorbesichtigt?! Vielleicht hätte es sich ja gelohnt, sich doch mal kurz zu verirren und vom braungebrannten, ansehnlichen Mauritiushelden in Nationalparkwanderuniform (sabber) retten zu lassen. Ärgerlich, meine Fahrlässigkeit. Allerdings müsste Retter-Ranger auf Dummheit stehen, um bei ihm zu landen. Wer sich bei diesen idiotensicheren Markierungen verläuft, ist wahrlich die personifizierte Lebensunfähigkeit! Der Ranger ist bestimmt alt, fürchterlich usselich und hat nen Bierbauch, rede ich mir meine Inaugenscheinnehm-Schludrigkeit schön, während ich mir zufrieden nach 16 Kilometern das verdiente und überaus schmackhafte Roti einverleibe.

Weltbeste Wanderverpflegung, lecker scharfes Roti

Am Ende brauche ich für den Trail keine 5 Stunden, obwohl ich teils ziemlich langsam bin, weil es entweder sau steil oder sehr rutschig ist. Oder das Gras zu hoch (muss mich grad selbst auslachen, bei all dem mimimi). Und ich muss dauernd stehen bleiben, um ganz irre viel das grandiose Panorama in mich aufzusaugen! Das Leben beginnt dort, wo die Zeit egal ist.

Man kann sich nicht sattsehen
20 grandiose Kilometer, die kaum abwechslungsreicher sein könnten

Die Höhenmeter fallen mit knapp 600 (sagt zumindest Garmin) deutlich geringer aus als erwartet. Technisch schwer (wie angepriesen) ist der Trail definitiv nicht, konditionell anspruchsvoll und nicht ganz unanstregend hingegen schon. Und sehr, sehr abwechslungsreich. Die Temperaturen und die enorm hohe Luftfeuchtigkeit sind nicht zu unterschätzen. Es gibt unterwegs keine Versorgungsmöglichkeiten, weswegen man ausreichend Flüssigkeit (und Roti) mitnehmen muss.

Die letzten Kilometer laufen alle 3 Trails wieder zusammen

Verstochen, verschlammt, Sonnenmilch-Moskitospray-schweißverbabbt und die Strümpfe voller Kletten, stehe ich randvoll mit Endorphinen an der Rezeption. „Finished? You did the 20 Kilometer?“ strahlt mich die Park-Frau von heute Morgen an. Yes, I did it sowas von! Könnt ich grad vielleicht mal eben nen Blick auf den Ranger, ääähhh, lassen wir das.

Zurück am Verwaltungsgebäude
Vermatscht und voller Kletten

Ich streife noch kurz durch den Botanischen Garten nebenan und schlendere zur Haltestelle an der Hauptstraße. Der Bus kommt wohl alle 15-20 Minuten. Ich bin kaum da, kommt er schon angetuckert. Kurzes lässiges Winken (bin mittlerweile Profi-Busmitfahrerin) und er sammelt mich ein. Keine viertel Stunde später hock ich, glücklich ausgetobt, mit einem erfrischenden Ananas-Kokos-Getränk in Mahébourg. Wenn’s läuft, läufts.

Kurzer Abstecher durch den Botanischen Garten
Bushaltestelle unter Palmen, da wartet man doch gerne

Die genaue Strecke mit vielen weiteren Fotos habe ich bei komoot getrackt. Wer es sich ansehen möchte findet hier die weitere Infos: https://www.komoot.de/tour/683839710?ref=aso

Sänk yuh for träwweling wiss public bus und Frühstück, die wichtigste Mahlhzeit des Tages

27. Februar 2022 – Letzte Nacht hat es ewig gedonnert und kräftig geschüttet. Uuuhhh, ich liebe Sommernachtgewitter!

Für heute steht der Montagne du Lion auf dem Plan. Seinen Namen hat der Berg, weil er aussieht wie ein liegender Löwe mit felsigem Kopf. Er gehört zum Grand Port Range Gebirge und liegt im Südosten, nicht weit weg von Mahébourg. Der Berg ist gerade mal 480 Meter hoch. Dennoch lautete die Empfehlung meines Hostel-Mann-für-alle-Fälle, um 6 Uhr zur Bergtour aufzubrechen. Kann mich so früh leider wegen massiver Bettanziehungskraft nicht aufraffen. Die Logik erschließt sich mir auch nicht ganz: Die gestrige Tour war fast viermal so weit mit mehr Höhenmetern. Vielleicht nicht ganz vergleichbar mit der Besteigung des Montagne du Lion, aber die Sonne hatte nicht minder geknallt. Alles eine Frage des Willens! Und ich will länger liegen. Dafür nehm ich schweißtreibendes UV-Gegrille in Kauf.

Die Empfehlung lautete streng genommen, den Lion nicht zu besteigen, weil es aktuell sehr matschig und absolut kein Vergnügen sei. Und wegen dem ganzen Matschgedöhns herrsche dort auch Moskito-Kriegsgebiet. Tatsächlich hat mich die Warnung grübeln lassen. Also Plan B, wieder eher „normal“ wandern. Ach, ich und Pläne… das will irgendwie nicht so recht passen. Der Löwe spukte mir schon daheim im Kopf rum und jetzt lechzen die Finger nach Felskontakt. Draufgeschissen! Ich fahr da mal hin und guck mir die Sache vor Ort an. Loslaufen, Eindruck verschaffen, notfalls kann man immer noch umdrehen. Es gibt nix zu verlieren.

Weil in der Ruhe bekanntlichermaßen die Kraft liegt, schiebe ich mir gemütlich Baguette mit Butter zwischen die Kiemen und kippe zwei anständige Pötte Kaffee hinterher. Minimalistisch Geraffel zusammenpacken und ab zum Bus. Bei Betreten des Busbahnhofs verabschieden sich wie durch Zauberhand Geduld und Ruhe. Ich will sofort los. Läuft aber nicht nach persönlicher Willkür. Nach einer gefühlten Unendlichkeit zockelt der Bus in Seelenruhe und Schrittgeschwindigkeit durch ganz Mahébourg. Der Fahrer braucht Frühstück. Er parkt mitten auf der Straße an einer Kreuzung, damit sein Kompagnon ihm am Straßenkiosk die kulinarische Bestellung organisiert.

Bloß keine Eile. Man kann auch an einer menschenleeren Haltestelle minutenlang parken und auf weitere vielleicht eintreffende Opfer, äh Fahrgäste warten. Niemand mag mit. Der Fahrer hat zwischenzeitlich fertig gespeist, die Kohlenhydrate sind in Energie umgewandelt. Hupe angeschmissen und ab dafür! Endlich. Jetzt schön das Pedal durchtreten, der Löwe ruft, ich muss da noch im Hellen hin.

Der Löwe brüllt – Besteigung des Montagne du Lion

Freundlicherweise werde ich auch heute wieder punktgenau rausgelassen, an der Polizeistation in Vieux Grand Port. Dem offiziellen Start der Tour. Der guten Ordnung halber trete ich in der Dienststelle an und gebe gesetzestreu Rapport über mein Vorhaben. Schadet nie, die Polizei zu involvieren. Spart später wertvolle Zeit beim Suchen, falls ich verschütt gehe. Ich lerne schließlich aus meinen Fehlern und nochmals passiert mir ein Fauxpas wie die verpasste Ranger-Rettung nicht! Die höfliche Polizistin freut sich für mich, intensiv interessiert ist sie allerdings nicht. Es wird zumindest nichts protokolliert. Sie zeigt hinter sich aus dem Fenster und erklärt, dort sei mein Weg.

Die Polizeistation in Vieux Grand Port, offizieller Start der Löwenbesteigung
Mitten durchs Leben der Einheimischen
Vorbei an ausrangierten Fahrzeugen
Der rote Pfeil weist den Weg durch die Zuckerrohrfelder

Eine schmale Teerstraße führt durch eine kleine, sehr ländliche Wohngegend, vorbei an ausgeschlachteten Fahrzeugen, Wellblechhütten und spartanischen Häusern. Souverän folge ich der roten Markierung. Anfangs nicht zu übersehen. Dann isse plötzlich weg und taucht nicht mehr auf. Ich hatte gelesen, dass die Tour mit lokalem Guide empfohlen wird, da die Markierung nicht durchgängig gegeben und die Wegeführung nicht immer eindeutig sei. Generell sei es aber alleine durchaus machbar, so die Männers meiner Hostelrezeption. Den Berg vor Augen, kämpfe ich mich durch die dichten Zuckerrohrfelder weiter auf dem vermeintlichen Weg. Ein prüfender Blick auf mapsme (funktioniert glücklicherweise offline) lässt erkennen, dass ich völlig vom Weg abgekommen bin. Nun wächst mir biologisch bestes Zuckerrohr über die Ohren und ich habe weder Rum noch Limetten, geschweige denn Eiswürfel für nen Caipirinha zur Hand. Das Leben kann so grausam sein. Nicht mal ne Machete hab ich einstecken. Meine Survivalfähigkeiten lassen zu wünschen übrig. Querfeldein arbeite ich mich durch das Dickicht, immer genau auf die Linie zulaufend, die im Handydisplay meinen Weg darstellt. Die Blätter zimmern mir ins Gesicht und zerkratzen meine Beine. Nach mühsamem Kampf taucht schließlich wieder die rote Markierung am Boden auf. Ich glänze nicht gerade mit Professionalität und die wirkliche Herausforderung kommt erst noch!

Das Zuckerrohr wächst mir über den Kopf und weder Rum noch Limetten zur Hand!

Der Pfad führt zum Rücken des Löwen und ich stoße auf Treppenstufen. Ich erinnere mich an die Beschreibung, dass es dort raufgeht. Um die 100 Stufen, genau genommen. Sieht spannend aus. Ist es auch. Es wird dschungeliger. Wieder mal keine Menschenseele in der Walachei unterwegs. Wie gestern. Lediglich in einziges Pärchen mit Führer (der mir zwinkernd „bon courage“ wünschte) kam mir zu Beginn auf dem Ferney Trail entgegen, ansonsten völlige Einsamkeit. Heute höre ich zumindest Stimmen. Also im Grunde wie daheim tagtäglich.

Endlich wieder die Markierung gefunden
Am Rücken des Löwen angekommen, 100 Treppenstufen führen auf den weiteren Pfad

Mir begegnen sicher noch Wanderer, die Besteigung ist ein Klassiker, mache ich mir Mut. Konsequent stiefel ich höher nach oben. Positiv überrascht, wie trocken der Boden ist. Noch. Es wird felsig und ein roter Pfeil zeigt unmissverständlich „do geht’s nuff“. Überraschenderweise beginnen bereits hier Kletterpassagen in leichtem Gelände (Kletterer würden es als „Gehgelände“ bezeichnen). Mit etwas Erfahrung kein Problem, aber ohne das Gefühl für Felsen und Schwindelfreiheit hätte ich mich schwer getan.

Es wird felsiger
Und dann beginnt die Kletterei
Immer weiter aufi und über einen Grat
Man gewinnt zusehends an Höhe

Nach einer Passage über einen felsigen Grat, eröffnet sich ein unfassbares Bild! Die grenzenlose Weite des Indischen Ozeans, unter mir die grüne Hölle aus Zuckerrohr, Palmen und Bäumen, durch die ich mich durchgewurschdeld habe. Bis zum Gipfel fehlt immer noch ein gutes Stück. Mapsme zeigt an, dass gerade mal ein Drittel der Besteigung geschafft ist. Ganz wohl ist mir nicht bei dem Gedanken, ganz alleine zum Gipfel zu klettern. Das ist mir etwas zu heikel und so plane ich, nur bis zur Gabelung am östlichen Aussichtspunkt und von dort über den südöstlichen Trail die Rundtour zu laufen. Erwähnte ich schon, dass Pläne und ich…

Kaum als Weg erkennbar, mitten durch die Bäume und Büsche
Bei so viel Botanik kann die Wegefindung mühsam werden
Auch nach ordentlichem Aufstieg ist der Gipfel noch immer in weiter Ferne

Psychotraining im Dschungel

In der Ferne donnert es. Ich schraube mich weiter durch die Hitze in die Höhe. Die Kletterei wird von tropischem Dschungelabenteuer abgelöst. Der Pfad ist verschlammt und rutschig. An Bäumen und Wurzeln ziehe ich mich über den aufgeweichten Boden hoch. Also DAS laufe ich nicht mehr runter! Glücklicherweise gibt es ja den anderen Abstieg. Hunderte Moskitos umschwirren mich trinkgierig. Stehenbleiben ist das ultimative Todesurteil. Hektisch kippe ich eine neue Ladung Tropical-Repellent über mich. Wehe ein einziger Rüssel wird irgendwo in meine Gliedmaßen versenkt, drohe ich den Blutsaugern.

Nach über einer Stunde rumgedschungel hüpft mir leichtfüßig ein athletischer Trailrunner vor die Nase. Wir kommen ins Gespräch und er bestätigt mir, dass am Gipfel einige Leute seien. Große Erleichertung, ich bin nicht alleine. Mein Vorhaben, den südöstlichen Trail abzusteigen, sei technisch etwas schwieriger als der Weg hier, erklärt er mir. Ähh, das ist ungünstig. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Es donnert und ich will ihn nicht länger aufhalten, also weiter. Welch nette Begegnung.

Seltsames Gedudel dringt in meine Ohren. Klingt wie… eine Spieluhr? Mitten im Urwald, am Berg, im Nirgendwo? Ist ja wie in ’nem schlechten Horrorfilm! Ich warte, ob die Mörderpuppe Chucky hinter einer Palme auftaucht oder Clown Pennywise mit einen roten Luftballon vorbeifliegt. Das Kopfkino rattert munter Filme ab. Könnte auch bloß ein Eiswagen sein, dessen Melodie vom Tal heraufgetragen wird. Ich erinnere mich zumindest nicht, dass bei Freddy Krüger und Konsorten „Für Elise“ flötete. Davon lasse ich mich jedenfalls nicht aufhalten.

Ui, das ist aber steil hier! Keine schwere Kletterei aber ein durchaus anspruchsvoller Hike. Die Erklimmung des Felsens belohnt mit noch grandioserer Aussicht! Ein erneuter Navigations-Check verrät: Bääätsch!! Längst vorbei am Aussichtspunkt und bereits auf dem letzten Stück zum Gipfel! WAS?! Fast oben? Wie kann das sein?? Da war doch gar kein Abzweig! Mooooment, vorhin wunderte ich mich doch, dass an einer Bananenstaude jeweils auf Vorder- und Rückseite rote Farbe war. Das war also die Gabelung und der Punkt an dem ich abbiegen wollte.

Dschungelfeeling, tausende Moskitos und zunehmend matschigerer Boden

Ein junges Pärchen taucht hinter mir auf, Einheimische. Dankbar über die unerwartete Gesellschaft frage ich die beiden, ob ich mich ihnen beim Rückweg anschließen dürfte. Sie werden den selben Weg absteigen, ich könne gerne mit ihnen rauf und auch runter, bieten sie an, aber sie seien langsam. Erleichtert laufe ich weiter. Das letzte Wandstück taucht auf. Es geht steil den Felsen rauf, generell machbar, allerdings ist alles schmoddrig, nass und komplett rutschig. Ich lasse die beiden vorbei und beobachte, wie er sie von unten die schmierige Wand raufschiebt. Ich steige auf den ersten Absatz und hadere. „Komm, es sind nur noch 10 Minuten. Wenn sie hochkommt, kannst du auch,“ insistiert der neue Weggefährte. Die innere Stimme pienzt, der Bauch knurrt. Nicht aus Hunger. Es donnert wieder. Durch das Blätterdach sehe ich ein kleines Stück blaugrauen Himmel, dort hinten schüttet es. Hoch geht immer irgendwie, aber komme ich die Schlonze mit meinen normalen Laufschuhen da wieder am Stück runter? Das Gelände ist stellenweise recht abschüssig. Maßgeblich besser ist der Ausblick da oben nicht mehr, der war etwas tiefer schon überragend! Vernunft und Respekt (und etwas Muffe) siegen. Ich gehe nicht rauf, entscheide ich. Er nickt und erklärt, sie machen oben Rast und kommen danach zurück. Ich könne warten, mich ihnen anschließen oder einfach schon mal vorlaufen. Ich danke den beiden herzlich und mache mich langsam auf den Abstieg aus dem Dschungel. Aus einem trockenen Palmenstengel baue ich mir einen Wanderstock, mit dessen Hilfe ich die Matschbahn runterrutsche. Geht besser als erwartet.

Für den Rückweg baue ich mir MacGyver-mäßig einen Palmenstengel-Wanderstock

Als ich aus dem Urwald komme und das offene Plateau erreiche, entfaltet sich das atemberaubende Ozean-Panorama vor mir. Auch wenn ich nicht am Gipfel war, kam ich weiter als geglaubt. Alleine. Hätte ich heute morgen nicht gedacht. Ungefiltertes Glück und Stolz kribbeln im ganzen Körper. Es ist früh, 12:20 Uhr. Mittagspause! Genüsslich kaue ich mein Roti, den Blick auf die blaue Schönheit tief unter mir getackert. Ich kann kaum begreifen, wie unfassbar wundervoll alles um mich herum gerade ist.

Mit Meerblick schmeckt ohnehin köstliches Roti noch viel besser
Atemberaubend und unbeschreiblich großartig

Es donnert immer mehr. Besser keine Zeit mehr verlieren. Wenn es anfängt zu regnen, wird’s verdammt blöd am Fels. Ich steige bis zur Gabelung hinab und entscheide, doch lieber wieder den gleichen Weg zurück zu nehmen. Zumindest kenne ich den, das Risiko lässt sich eher einschätzen. Es war technisch nichts tückisches dabei, ich habe Zeit, mache ich mir klar. Nachdem es so gut durch den unangenehmen Dschungelmappel ging, wird die Abkletterei am kompakten Felsen ein regelrechtes Vergnügen. Beschwingt fängt die Stimme im Kopf an zu singen: „Awimbawey, awimbawey, awimbawey“, der imaginäre Chor schmettert dazwischen „Aaauuiieeeeehhhh iawimbauweeeeey, in the jungle, the mighty jungle, the lion sleeps tonight!“

Abstieg vom Löwen, begleitet vom Donner
Vom Berg wieder ausgespuckt, das Gewitter naht

Ich gebe Gas und brauche keine Stunde, bis mich der Montagne du Lion wieder unversehrt (die neuen 85 Moskitobeulen unberücksichtigt) ausgespuckt hat. Diesmal ohne die ausschweifende Panoramatour durch das Zuckerrohrfeld. Was für ein Abenteuer! Ich laufe einige Kilometer weiter durch den ganzen Ort Vieux Grand Port zum benachbarten Vallée de Ferney.

Streifzug durch Vieux Grand Port
Ruine im Ort, die Natur erobert sich zurück, was einst ihr gehörte
Bananenstauden am Straßenrand sind keine Seltenheit
Bambus, Ylang Ylang, das üppige Naturreservat ist riesig.
Im Hintergrund der Montagne du Lion

Während ich die Hauptstraße durch die Pampa entlanglatsche, kommt hinter mir der Bus an. Mein kurzes Winken hält ihn mitten auf der Straße an. Er lässt mich reinspringen und bringt mich zurück nach Mahébourg.

Montagne du Lion auf der Bucketlist: Haken dran!

Abendstimmung und Tagesausklang an der Waterfront Mahébourg

Auch diese Tour findet ihr mit vielen weiteren Fotos bei komoot: https://www.komoot.de/tour/685180420?ref=aso

Panoramablick auf die Küste, den Blue Bay Marine Park und die vorgelagerten Inseln

Die erste Woche Mauritius ist vorüber. Zwei weitere Wochen folgen. Ich bekomme Gesellschaft und siedele zum südwestlichen Teil der Insel um. Noch mehr Wanderungen, noch mehr Abenteuer. Bald schon kommt der nächste Teil. Hier kommst du nochmals zum Rückblick.

Dieser Beitrag kann unbeauftragte und unbezahlte Werbung enthalten. Als unbeauftragte Werbung gilt die Erwähnung oder Empfehlung von Produkten, Marken und Leistungen jeglicher Art.

Mauritius – Naturparadies für Aktive

Teil 2: Naturschutzreservat Ile aux Aigrettes und warum Dummheit zum Überleben ungünstig ist

15. Mai 2022

24. Februar 2022 – Bonjour et bienvenue à Mahébourg. Nach meinem Ausrutscher ääähh Ausflug nach Trou d’Eau Douce (den ausführlichen Bericht gibt es hier) bin ich wieder zurück auf Start. Immer schön, dieses behagliche Gefühl von Vertrautheit in der Fremde.

Von dem Hafenörtchen Trou d’Eau Douce bin ich am Morgen mit dem Taxi zum Busbahnhof Flacq gefahren und weiter mit dem öffentlichen Bus. Die fast zweistündige Fahrt nach Mahébourg war mal wieder überaus unterhaltsam. Wie Kino! Draußen an der Bustür gut gemeintes Corona-Sicherheitsmaßnahmengedöhns und Abstandsgeregel aufpinseln, aber drinnen aufeinanderkleben wie Gewürzgurken im Einmachglas. Ist ja nicht so als wäre kein Platz. Hinten ist der Bus dreiviertel leer und vorne ist Gruppenkuscheln angesagt. Und geplaudert wird da immer! Seit Südamerika weiß ich, dass die Zusteigenden die Personen, neben die sie sich hocken, gar nicht kennen. Anfangs dachte ich immer, och guck an, da trifft sich grad zufällig der proseccotrinkende Kniffelclub und tuckert zusammen zum Vereinstreffen, so herzlich und angeregt schwätzt man miteinander. Ist hier in Mauritius genauso. Dieser freundliche Austausch fremder Menschen miteinander find ich herrlich. Selbst als externer Touri schließt man mich nicht aus. Einmal nett gegrinst und schwupps biste Mitglied im Verein „Fremde Busfahrfreunde e.V.“ Nicht wie bei den spaßbefreiten Busfahrten in Deutschland. Wo der Großteil genervt und gestresst aufs Handy starrt, Stöpsel in den Ohren und jegliche Kommunikation meidet wie ein Kannibale die vegane Grillwurst.

Jedes Mal, wenn ich von einer Reise zurückkomme und im Zug oder Bus nach Hause sitze, enttäuscht es mich, wie irritiert das Umfeld häufig auf ein Anlächeln reagiert. Ist doch bloß ne kleine, freundliche Geste von „hallo, ich sehe dich“. Warum sind so viele eher skeptisch, statt sich zu freuen, wenn Fremde einen anlächeln? Gerade in den Ländern, in denen ich daheim noch vor den Gefahren und hoher Kriminalität gewarnt wurde, fühlte ich mich unter den Einheimischen weitaus behüteter und sicherer, als in meinem Heimatland. Klar kann man das nicht pauschalisieren und wenn man z. B. in Guayaquil in ne falsche Straße gerät, wird sich eventuell ratzfatz auf eine ungesunde Art und Weise um einen gekümmert. Aber schaltet man den Verstand und die Sensoren ein, nimmt mit offenen Augen das Umfeld wahr und beachtet einige Vorsichtsmaßnahmen, glaube ich tatsächlich, dass es per se nicht gefährlicher ist, als in unseren Großstädten. Ich würde abends die Straßen in Myanmar zweifelsfrei dem Frankfurter Bahnhofsviertel vorziehen (nix gegen Frankfurter). Oder diversen Mannheimer Ecken. Meiner Meinung nach haben wir Deutschen da noch Nettigkeits-Luft nach oben, da ist noch Potenzial. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben. Ich schweife ab.

Die vertraute Nähe wird nun zu meiner persönlichen Herausforderung. Ein Mädel steigt mit letzten Kräften ein und verfrachtet sich in die Reihe hinter mir. Leicht verstört bemerke ich, dass sie kaum in der Lage ist, ihre Augen aufzuhalten. Das arme Ding ist derbe krank. So wie sie vor sich hinsiecht, befallen mich Zweifel, ob sie die nächste Bushaltestelle noch erlebt bzw. bis dorthin überlebt. Ständig zieht sie in Zeitlupe ihre Stoffmaske runter und tränkt das durchweichte Taschentuch am Zinken. Rüsselpest hoch zehn. Bestenfalls nur das… Während sie geradezu widerwillig den virendurchseuchten Lappen wieder über die Nase zieht, rutsche ich derweil auffällig unauffällig auf der Sitzbank nach außen. Zeitgleich verrenke ich den Kopf giraffenhalsartig Richtung offene Bustür (selbstverständlich sind die Türen während der Fahrt sperrangelweit geöffnet). Ihre Sitznachbarin bleibt solidarisch und völlig unbeeindruckt press neben ihr hocken. Respekt. Abstand halten ist hier halt net so populär.

Viel Nähe aber auch reichlich Frischluft im Bus bei offenen Türen

Generell habe ich das Coronahandling auf der Insel nicht wirklich kapiert: Ein Mal habe ich bislang mein Impfzertifikat vorgezeigt. Am Flughafen! Interessiert hier ansonsten keine Socke. Weder drinnen noch draußen. Abstand wird wie erwähnt völlig überbewertet, darum hockt man sich im Bus aufm Schoß. Aber wenn man alleine durch die Gasse tappt (bei 78 Grad Ober- und Unterhitze) ist permanentes Maskentragen oberstes Gebot. Schlappe Fünfzig Euronen Bußgeld drohen bei Missachtung. Geht man im Supermarkt einkaufen, muss man vorher die Hand an ein Thermometer halten, das erst die Temperatur prüft. Piept es bestätigend und leuchtet grün, werden die Pfoten desinfiziert. Erst danach darf man rein. Aber in Restaurants (mit Ausnahme eines einzigen China-Restaurant bislang) oder Bussen, bummsegal.

Thron mit Meerblick

Jedenfalls bin ich für die nächsten vier Nächte happy im Orient Guesthouse eingezogen. Als Sparbrötchen habe ich diesmal nicht vorher reserviert sondern erst mal online gecheckt, ob noch Zimmer frei sind. So entfällt für alle Beteiligten die lästige Buchungsgebühr. Das Hostel ist mir vor Tagen beim Vorbeilaufen aufgefallen und hat viele positive Bewertungen. Ideale Lage, wenige Minuten zum Busbahnhof, dem Markt und der Waterfront. Im oberen Stockwerk gibt es eine großzügige Dachterrasse mit überragendem Ausblick aufs Meer und zum Berg Mount Lion. Auf den Etagen Wasserspender, WLAN überall und ich darf die Küche mit benutzen. Große Gastfreundschaft zu kleinem Preis.

Hostel mit familiärem Charme in Mahébourg (ich residiere im 1. Stock links)
Dachterrassenpanorama

Kaum habe ich mein Gepäck in dem hübschen Zimmer abgestellt, heißt es leider wieder umziehen. Der Nachteil, wenn man nicht zuvor ein festes Zimmer bucht. Mit hundert Entschuldigungen werde ich ein Stockwerk downgegraded. Dafür mit Balkon und Meerblick. Selbst nen Ventilator gibt’s (als ob ich den brauche, wenn ich bei unter 24 Grad anfange zu frieren) und ein Mückenvergraul-Stinkesteckdosenteil (definitiv notwendig, ich bestehe mittlerweile aus „Stiche mit nem Körper dran“). Das Zimmer ist putzig, das Bad offen im Raum integriert und von der Toilette aus kann ich direkt aufs Meer gucken. Aus der Dusche auch, die ist nämlich unmittelbar neben dem Klo. Den gleichen Blick, den ich raus habe, hat Außen auch rein. Also Gegenübers in den oberen Etagen können von ihrem Salon direkt auf meinen Thron gucken. Für Exhibitionisten ein Träumchen! Zu zweit wäre das hier sehr „privat barrierefrei“, allein isses völlig ok. Und wenn Nachbars zu meinen Nasszellenzeiten daheim sind, zieh ich den Vorhang zu. Man muss ja nix unnötig verkomplizieren.

Nachdem das ganze Eincheck-Prozedere erledigt ist, hirne ich mit dem Monsieur de Auberge über meine Bucketlist. Dort steht unter anderem ein Besuch der Ile aux Aigrettes drauf. Reservierung erforderlich, erklärt er und übernimmt kurzerhand meine Anmeldung für den nächsten Morgen bei einer englischen Gruppe (zu den Französischen trau ich mich nicht). Auch für meine geplanten Wanderungen hat er hilfreiche Infos und ich fühle mich endlich nicht mehr so plan- und tatenlos. Morgen geht es los!

Sommerlauf zur Blue Bay

Jetzt entstaube ich erst mal die Laufschuhe. Hier ist es nicht mehr ganz so heiß wie in Trou d’Eau Douce, da kann man schön Rennen. Zuvor noch rüber zum Markt, der Bauch fordert leckeres Roti!

Ganz mühelos gestaltet sich die Lauferei nicht. Weil ist ja Maskenpflicht. Zumindest beim Sport nur pseudomäßig verbindlich. Also Mundschutz als Tropfenfänger unters Kinn und im Polizeifall schnell hochschieben. So hechel ich mich zur knapp 6 Kilometer entfernten Blue Bay. Wo die Schönen, die Reichen und die ganz schön Reichen stranden und baden. Wo man sich in Luxushotels mit der Champagnerflöte die aufgespritzten Lippen benetzt und sich mit Kaschmirbadetüchern den Luxuskörper trockentupfen lässt. Oder so ähnlich. Vielleicht nicht ganz so arg. Aber hey, man ist auf Mauritius, der Hochzeits- und Flitter- und Tüdeldidü-Insel schlechthin. Ich komme triefend an der Beachfront an – roter Kopf wie ein Hummer im Kochtopf – und denke verwundert: DAS ist alles? Das ist der hochgepriesene megatolle Strand? Da gab’s die Woche aber schönere. Haben komischen Geschmack, die blaublütigen Edeltouris. Ernüchtert trabe ich alles wieder zurück und mache dabei 456 Taxifahrer arbeitslos, die die Bekloppte, die da rennt, so gerne fahren wollten.

Wolken über der Blue Bay, richtig überzeugen kann mich der Strand hier nicht
Unter der Woche ist es in der Blue Bay recht leer, am Wochenende steppt hier der Bär

Bin definitiv schon beschissener gelaufen. So am Meer lang kann was, auch wenn man im Sand mühsam vorankommt. Versehentlich hüpfe ich durch die zum Strand hin offenen Hintergärten der schönen Reichen, die zum Glück nicht daheim sind. Bis auf eine Dame, die in ihrer Liege liest und meinen peinlich berührten Gesichtsausdruck sieht. Sie gestikuliert mir einladend lächelnd, einfach vorbeizulaufen. Auf meine Frage, wie ich zurück zur Straße komme – was mit größerem Umweg verbunden wäre – bringt sie mich tiefenentspannt über ihr Grundstück durch den Vorgarten zurück zur Straße. Vielleicht habe ich zu hart geurteilt, beim Pauschalisieren und Aufziehen der „Reichen-Schublade.“

25. Februar 2022 – Das mit dem Schlaf funktioniert nicht. Irgendwas ist nachts immer geboten. Das Hundegebell ist zwar weniger als in Trou d’Eau Douce, wird jedoch durch Moskito-Vendetta relativiert. Die Drecksviecher haben eine Blutschlacht an mir verübt! Wäre der Tatort mit Plastikfolie ausgelegt worden, hätte man meinen können, Dexter Morgan sei am Werk gewesen. Hätt ich bloß den Moskitostecker benutzt. Aber Schlaf wird eh völlig überbewertet…

Zumindest gibt’s im Hostel zum Frühstück eine Kanne gut trinkbaren Kaffee. Und ich rede hier von Instant-Pulver! Soll das schon die altersbedingte Milde und Güte sein, die sich da bei mir breitmacht?! Hauptsache Koffeein pumpt im Blutkreislauf. Die Unterkunft war eine gute Wahl. Die Männers sind so hilfsbereit und unheimlich nett. Sagen ständig, ich solle mich wie daheim fühlen und es ist tatsächlich fast familiär.

Naturschutzreservat Ile aux Aigrettes

Um 10 Uhr schlappe ich zur drei Kilometer entfernten Ablegestelle der Wildlife Foundation. Dann tuckert unsere kleine Gruppe im Bötchen rüber zur Ile aux Aigrettes. Wikipedia sagt, das Eiland ist eine 26 Hektar große Insel innerhalb des Riffs. Gerade mal 1 Kilometer und wenige Bootsminuten von Mahébourg entfernt. Die Insel ist ein Naturschutzreservat der Mauritian Wildlife Foundation, zum Erhalt der nativen Flora der Insel Mauritius und der Maskarenen.

Auf dem Fußweg zur Wildlife Foundation
Mit dem Boot geht es gemütlich rüber zur Insel
Ile aux Aigrettes – Ein kleines unbewohntes Paradies

Man darf sie ausschließlich mit Naturführer betreten. Der Eintritt (umgerechnet rund 16 Euro) geht an die Foundation die dort alles schützt, analysiert und erhält. Unsere Führerin begleitet uns fast zwei Stunden durch den subtropischen Urwald. Richtig schön isses, bin immer auch sehr interessiert, wenns um die Flora und Fauna geht. Deshalb jetzt bissi Biologie für Daheimgebliebene: Die Bäume mit den vielen Wurzeln, die unten breit auseinander gehen, sind Vacoa. Dann gibt’s massenhaft Ebonytrees. Erinnert mit seiner weißen Rinde etwas an unsere Birke. Im Inneren ist sein Holz pechschwarz. Und da sein Holz so toll ist, macht man daraus Musikinstrumente, Pianos zum Beispiel. So, zu dem gesellt sich der Nailtree. Der heißt so, weil die Seemänner früher daraus Nägel gemacht haben, um ihre Schiffe zu reparieren. Also mordsstabil, das Baum. Lustige Palmen stehen dort rum, deren Stamm die Form der Oranginaflasche haben. Gestrüpp wächst auch reichlich. Wie die Ratplant, deren Blüten am Strauch gut riechen, abgepflückt stinken sie aber wie die Sau.

Einiges Getier krabbelt, hängt und fliegt hier auch rum. Endlich bekomme ich auch mal den einheimischen Flughund vor die Linse. Weil er hier abhängt, im Flug wäre es nicht möglich.

Flughunde oder Flying Foxes gibt es auf Mauritius in Massen

Auf Mauritius fliegt überall ein kleiner Vogel mit knallrotem Kopf rum, der Madagaskar Fody, wie ich lerne. Auf der Ile aux Aigrettes flattert der mit orangenem Kopf rum, das ist der geschützten Mauritius Fody. Sein Kopf ist nur in der Zeit orange, in der er die Mädels anbaggert und abschleppen will. Danach wird er grün. Wär das auch geklärt. Apropos abschleppen: Big Daddy taucht aus dem Gebüsch auf, Hibiskusblüten mampfend. Er ist der Playboy hier, verfügt über 14 Weiber. Für alle die grad neidisch werden, Big Daddy ist eine Riesen(langhals)schildkröte. Die können den Hals enorm ausfahren, um an hohe Blätter zu kommen. Eine seiner Begatteten trottete zuvor an uns vorei. Völlig unerwartet kam leise knarzend ein 100 Jahre alter Trümmer (150 KG Lebendgewicht) auf uns zu. Unsere Führerin erklärt, dass der Panzer gerade mal 2 cm dick und ganz empfindlich ist. Sie fühlen jede Berührung und reagieren darauf.

Babyschildkröte und wie sie ca. 100 Jahre später aussehen wird
Big Daddy liebt Hibiskusblüten

Vor Ende der Rundtour stoßen wir auf eine lebensgroße Figur des Dodo. Das legendäre Vogelvieh, das leider zu dumm war zum Überleben. Auf Réunion schon verehrt ohne Ende und auf allen Bierflaschen drauf, sagt Mauritius: „Nix da, das ist unser Dodo!“ Er dient aber eher als Mahnmal, dass aussterbende Tiere zu schützen sind. Er kam einst – Warnung, das kann jetzt dauern, Hobby Heinz Sielmann fachsimpelt sich grad in Fahrt – als eine Art Taube auf Mauritius geflattert. Hier hatte er keinerlei Fressfeinde. Bis die Piraten und Seefahrer kamen und dachten „was ein geiler Fatzen Fleisch, da wird man wenigstens satt von.“ Die kulinarische Ernüchterung kam prompt, der dicke Vogel schmeckte fürchterlich. Weil das Tier nun sowas von sicher war, bildeten sich seine Flügel zurück. Erschwerenderweise war er auch dumm und legte seine Eier in Nestern auf dem Boden. Die irgendwann von eingeschleppten Ratten geplündert wurden. Der Dodo konnte nicht mehr flüchten (weil flugunfähig), unhandlich war er zudem auch, also nix von wegen mal eben rauf aufn Baum und besiegelte mit seiner „für alles zu haben und zu nix zu gebrauchen Attidüde“ sein trauriges Schicksal.

Der Dodo konnte sich nicht durchsetzen
Hibiskusblüten, Fressen der Schildkröten
Kleine heile Welt, Wanderung auf der Ile aux Aigrettes
Blick rüber nach Mahébourg

Ein Besuch der kleinen Insel ist absolut lohnenswert und kann ich auf ganzer Linie empfehlen. Allerdings sollte man sich rechtzeitig einen der begrenzten Plätze reservieren.

Schnorchelfreuden und Tamilentempel

Nach dem Naturspektakel schnappe ich mir mein Badekrempel und düse zum Strand Pointe d’Esny. Da ich vor Tagen zur zufälligen Vorbesichtigung dort war, weiß ich wo ich hin muss. Auch heute entzückt der weißen Sandstrand mit Einsamkeit. Ich verstecke mein Zeug unter einem Katamaran, tackere mir die Panoramasicht-Schnorchelmaske aufs Gesicht und stürze mich in die warmen Fluten. Die überschaubare Unterwasserausbeute (wenige Fische und ein Seeigel) beeinträchtigt das kindliche Planschvergnügen in keiner Weise.

Den Schnorchelfreuden wird eine Runde Kultur nachgeschoben. Das National Historical Naval Museum hat leider schon geschlossen. Also direkt zum bunten Tempel Shri Vinayagar Seedalamen Kovil. Der wunderschöne Tempel ist einer der ältesten Tamilentempel der Insel und liegt etwas außerhalb des Zentrums. Die Aussicht auf den Fluss und die riesigen Bäume beeindruckt ebenfalls. Tempel und Pagoden werde ich niemals überdrüssig. Kann ich stundenlang abklappern. Ich mag die Atmosphäre und Stille, die dort herrscht unheimlich gern.

Der bunte Shri Vinayagar Seedalamen Kovil Tempel
Blick in die wundervolle Natur vom Tempel aus
Weiterer kleiner Tempel zwischen Häusern im Ort
Überall gibt es Obst und Gemüse am Straßenrand zu kaufen

Zum Abschluss des Tages schlendere ich ziellos durch die Straßen. Übrigens lässt es sich an Waterfront mit frischer Kokosnuss durchaus ne Weile aushalten. Das Leben ist warm und mit Sonne und Meer einfach schöner. Berge fehlen aber. Diesen Punkt der Bucketlist nehme ich die nächsten Tage in Angriff! Das Programm für morgen steht auch schon. Da geht’s auf große Wanderschaft. Über diese atemberaubenden Erlebnisse berichte ich schon bald im nächsten Beitrag.

Es hat eine Weile gebraucht, aber endlich fangen Kopf und Körper an runterzufahren und zu regenerieren. Daran ändert auch die von Moskitos ausgelöste Beulenpest, die meinen Körper übersät hat, nichts.

Life is good with coconut

Noch ein wenig Geduld, schon bald geht es tiefer hinein ins Abenteuer. Wer den 1. Teil verpasst hat, kann solange hiermit die Wartezeit überbrücken.

Dieser Beitrag kann unbeauftragte und unbezahlte Werbung enthalten. Als unbeauftragte Werbung gilt die Erwähnung oder Empfehlung von Produkten, Marken und Leistungen jeglicher Art.

Mauritius – Naturparadies für Aktive

Teil 1: Von Mahébourg nach Trou d’Eau Douce und zurück

9. Mai 2022

Uff… ich hatte ewig keine Muße, hier textlich was Kreatives hinzuzimmern. Bin da eher so: „Haste nix zu erzählen, hälste die Klappe bzw. die Tastatur still.“ Aber nun ist mein Schweigejahr vorbei! Das Leben hat wieder Fahrt aufgenommen, besonders außerhalb der Landesgrenzen. Die Seele blüht auf. Ich war endlich wieder unterwegs und habe allerlei Erlebnisse im Rucksack heimgeschleppt.

Eins vorneweg: Alles hier ist frei Schnauze! Quasi Reisetagebuch. Kein Stefan Loose mit landesspezifischen Infos was man muss und soll, sondern unterhaltsames Reisealltagsgeplänkel, welches im besten Fall der Erheiterung dient. Soviel zum Prolog. Und nun schnappt euch ’ne Tüte Popcorn oder ’nen starken Kaffee, macht’s euch gemütlich, das wird ne lange Nacht!

Es ist der 20.02.2022 und meine erste Reise seit Corona steht bevor. Die lang ersehnte Wiedereingliederung sozusagen. In fünfzehn Minuten fährt mein Bus und nachdem ich den Kulturbeutel (ein Unwort für etwas, das Pflegeprodukte enthält, oder „Bad-Zeugs“ wie ich es nenne) in meinen Reiserucksack gestopft habe, betrachtet dieser sich als überfüllt. Dabei kann von „wegen Überfüllung geschlossen“ keine Rede sein. Er lässt sich nämlich nicht mehr schließen. Ich sollte mich dringend auf den Weg zur Haltestelle machen! Hektisch zerre ich bettelnd und fluchend am Reißverschluss.

Dafür, dass es auf ne Insel mit aktuell 30°C geht, wundere ich mich selbst über meinen Pack-Wahn. Bei vier Wochen Ecuador und Galapagos war mein Gepäck weniger umfangreich, als für drei Wochen Mauritius. Gut, der Rucksack ist neu und das Packsystem nicht ausgeklügelt, ändert allerdings nichts dran, dass da definitiv zu viel drin ist. Als ich das stylische Teil (den kann man nämlich normal auf dem Rücken tragen oder in einen Rollkoffer umwandeln) vorletztes Jahr gekauft habe, hätte ich nie gedacht, so lange auf seinen Einsatz warten zu müssen. Noch weniger hätte ich mir diese Reiseziel vorgestellt. Da wollt ich gar nicht hin! Nachdem allerdings Plan A, B und C aufgrund diverser Corona-Problematiken zu kompliziert bzw. unmöglich waren, wurde Mauritius zum neuen Plan A. Nachdem ich mich mit der Insel auseinandergesetzt und festgestellt hatte, dass man dort ja gar nicht nur am Strand liegen muss, verging der fade Beigeschmack. Und schon war diese Wahl nicht mehr bloß ein mittelmäßiger Kompromiss.

Der Reißverschluss ist endlich zu, fluchtartig verlasse ich die Wohnung. Mit rund fünfzehn Kilo auf dem Rücken und knapp vier Kilo Handgepäck vor der Brust. Minimalismus wird für die nächste Reise wieder geübt.

Gepäck als ginge es monatelang auf Arktis-Expedition

Frankfurter Flughafen, das Gepäck ist eingecheckt, ich bin im Besitz der heiligen Bordkarte. Gemäß dem Rat meiner Freunde, ausreichend Puffer einzuplanen, lieber einen Zug eher loszufahren und etwas länger am Flughafen zu warten, bleibt mir nun reichlich Zeit. Im Hirn schmettert ein Orchester Beethovens „Ode an die Freude“ während Stimmen dazu singen. Da isses wieder, das „loving feeling“. Klopft am Herzen an, tritt ein und macht sich breit. Ich dachte tatsächlich, mir wäre bewusst, wie sehr ich DAS vermisst habe. Jetzt wird klar, nix wusste ich! Gerade fühlt sich alles wieder 100% richtig an! Noch nicht im Flieger und schon weg von allem. Es gibt keine Worte, die beschreiben können, was da grad in mir abgeht.

Dafür brät mir Condor eins mit der Keule über und prügelt meinen Kopf aus den Wolken: Drei Stunden Flugverschiebung! Prima, dann guck ich mal, wie ich die nächsten sechs Stunden hier überbrücke. Zum Glück hab ich nen Puffer.

Harte Herausforderung für dünnen Geduldsfaden

Zwei Stunden und acht Kilometer im Terminal-Rumlatscherei später: Der Zugang zu meiner Abflughalle ist großräumig gesperrt. Großes Polizeiaufgebot wegen einem mysteriösen Koffer. Wenigstens wird adäquates Entertainment geboten, wenn man schon so viel Zeit verduddeln muss. Fehlt eigentlich nur noch, dass der Flug gecancelt – STOP! Nicht weiterdenken! Erst mal ’ne große Latte trinken, dann wird sich die Reisewelt schon wieder drehen.

Per Katapult in den Sommer – Bonjour Mahébourg

21. Februar 2022 – Es ist geschafft! Per Katapult wurde ich in den Sommer geschossen. Endlich Betriebstemperatur bei tropisch-schwülen 29°C. Tatsächlich stand in Frankfurt bis zuletzt alles auf der Kippe! Erst die Polizeisperrung und dann wegen des Zyklons, der an dem Tag noch über Mauritius fegte. Der hiesige Flughafen war geschlossen und es gab keine Landeerlaubnis. Hätte auch dumm laufen können und der Flug wäre, statt nur verschoben, gecancelt worden. Dann lieber die Warterei. Aber mächtig stürmig war es über den Wolken, alter Schlabbe! Ich war den Flug über „auf Reisetabletten“ und daher relativ gechillt. Pilot Sascha hat die ganzen Turbulenzen souverän gemeistert. Dachte, der operiert nur in der Schwarzwaldklinik und schippert mit dem Traumschiff über die Weltmeere. Wusste gar nicht, dass der auch fliegt. Wegen den Stürmen gabs einen kleinen Umweg über die Seychellen. Das war mal ein prächtiger Ausblick!

Wer Umwege fliegt, sieht mehr von der Welt; zum Beispiel die Seychellen
Die Wolken geben kurz den Blick auf die spektakulären Tamarind-Falls frei
Vor Einreise sind Gesundheitsformulare auszufüllen, wie die Disembarkation Card mit dem dicken Dodo

Am Flughafen Sir Seewoosagur Ramgoolam stelle ich mich in die endlose Schlange, wo erst mal alle Einreise- und Coronaformulare gecheckt werden. Unterdessen wählt sich mein Handy einen Sekundenbruchteil in die Mobilen Daten ein, was mich läppische einundzwanzig Euronen kostet (Überraschung als die Rechnung kommt). Nach einer Fragerunde wo ich übernachte, warum, wie lange ich bleibe und was ich danach mache, drückt man mir ein Tütchen in die Hand und schickt mich weiter zum Personal in Ganzkörperkondomen. Die rühren fleißig mim Stäbchen in meinem Riechkolben rum, notieren die lokale Festnetznummer unter der ich die nächsten 24 Stunden erreichbar bin und entlassen mich freundlich. Jetzt muss der Test nur brav negativ bleiben. Bloß nicht in Quarantäne und das Meer vom Fenster aus angucken müssen.

Nach harter aber fairer Preisverhandlung bringt mich ein Taxi in meine erstes Hostel in Mahébourg, die „Coco Villa“. Das rosafarbene Gebäude sieht von eher wie ein Lost Place aus. Das Zimmer hat, äähhh, antiken Charme, dafür gibt es einen Balkon und Meerblick. Von der Decke fällt ein Tropfen aufs Bett. Sofern die nicht ganz aufweicht und auf mich drauffällt, werde ich heute Nacht endlich mal wieder in den Schlaf gemeeresrauscht!

In Mahébourg fühle ich mich gleich wohl. Obwohl es komplett bewölkt und sehr windig ist, bin ich bei der Hitze dankbar, dass die Sonne nicht brutzelt. Der Kreislauf ist noch auf heimische Tiefkühltruhe eingestellt. Was aber wirklich anstrengt, dass man überall auf Mauritius im öffentlichen Raum eine Maske tragen muss. Immer. Außer beim Baden im Meer oder wenn man am Strand liegt. Die meisten Einheimischen tragen Stoffmasken, ich tausche meine FFP2-Maske gleich gegen eine medizinische Maske, das erleichtert das Atmen enorm.

Mein erster Weg führt in die Markthalle an der Rue Hollondaise. Habe gelesen, dass der Markt von Mahébourg einer der Größten und Buntesten auf der Insel ist. Über Gemüse, Obst, Fisch, Kleidung gibt es auch allerlei mehr oder weniger brauchbare Dinge des Alltags. Ich schiebe mich noch etwas unsicher durch das Gewusel der Halle, um einen ersten Eindruck von den Menschen und den hiesigen Gepflogenheiten zu bekommen. Stände mit bunten Röcken und Hosen, landestypischen Speisen, Kokosnüssen und den hier so beliebten Milchmixgetränken führen weiter entlang der Straße in Richtung Meer.

Markttreiben in Mahébourg
Neben Früchten und Gemüse gibt es auch Kleider und Alltagsgegenstände
Der Markt erstreckt sich bis zur Uferpromenade

Nachdem ich alle umliegenden Straßen abgelatscht habe, der Asphalt unter mir glüht und mir die Maske penetrant am Rüssel klebt, habe ich großen Vitamin-Sea-Bedarf! Ab zum Strand. Hach, wie glücklich einen Flip-Flops an den Füßen machen! Gut vier Kilometer später wühlen sich die Zehen in weißen, weichen Sand. Der Kopf hat noch nicht realisiert, was der Körper bereits fühlt. Zufällig stoße ich von der Straße abzweigend auf einen unscheinbaren Pfad. In einem Reiseblog habe ich gelesen, dass hier ein weniger bekannter, dafür aber umso schönerer Strand sein soll. Was mich am Ende des Trampelpfades erwartet, überrascht mich total: Bis auf ein paar Fischer bin alleine! Liegt vielleicht auch teils daran, dass noch Regenzeit ist.

Bürgersteige fehlen häufig
Unscheinbarer Pfad zum Strand Pointe D’esny
Das große Glück der kleinen Dinge
Einsamer Strand Pointe D’esny

Glückselig stehe ich im pisswarmen Ozean rum, lasse mir die Locken um die Ohren wehen, ein leicht irres Dauergrinsen ins Gesicht gefräst. Warum mache ich das nicht viel öfter? NIX! Einfach nur mal „sein“ und sich darüber freuen. Ich muss immer was tun, immer was rumwurschdeln, im Internet nachgucken oder rumlaufen. Nie tue ich einfach nur nix. Ich glaub ich brauche dringend Meer daheim, zum reinstellen und Sonne im Gesicht, um besser NIX tun zu können. Grad weiß ich gar nicht wohin mit den ganzen Glückshormonen, die in der Blutbahn eskalieren.

Fazit des Tages: Mahébourg gefällt! Dafür, dass es die ehemalige Hauptstadt der Insel ist, geht es hier sehr entspannt und übersichtlich zu. Es gibt reichlich Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants und das Hafenstädtchen ist noch sehr ursprünglich. Touri-Burgen sucht man hier glücklicherweise vergebens. Zudem ist der Flughafen gerade mal knapp zwanzig Minuten entfernt, somit ein guter Start- oder Endpunkt für die Reise.

Es gibt etliche verfallene, leerstehende Häuser
Waterfront Mahébourg
In den Straßen von Mahébourg
Die 6 Meter hohe Swami Shivananda Statue an der Waterfront

Die Menschen hier sind unfassbar freundlich! Alle grüßen mit einem lächelnden „Bonjour“. Nicht minder viel Aufmerksamkeit gibt es von den Stechmücken. Trotz Repellent bin ich verstochen ohne Ende! Und es herrscht ein großes Hundeproblem. Selbst in Myanmar liefen nicht so viele Straßenhunde umher, wie hier. Das ganze Ausmaß wird heute Nacht zu hören sein, davon ahne ich jetzt noch nichts.

Und zum Tagesende überraschen mich dann noch meine ersten Flughunde in freier Wildbahn!

Im Bus nach Flacq

22. Februar 2022 – Weiter geht die Reise nach Trou d’Eau Douce. Alle grinsen jedesmal, wenn ich mir verbal einen abbreche, wo ich hinfahre. Vor allem wenn ich mich ständig nach dem Bus durchfrage. Pünktlich vorm nächsten Regenguss hab ich’s zur nahegelegenen Haltestelle geschafft und mich in das stylisch-farbenfrohe Gefährt drapiert. Einmal umsteigen in Flacq. Bekomm ich hin.

Warten am Busbahnhof Mahébourg
Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, immer ein Abenteuer

Nach längerer Rumsteherei (allerdings ohne Rum) am Busbahnhof in Flacq, geht es mit der nächsten fahrenden Villa Kuntabunt zur neuen Nächtigungsstätte. Busfahren macht im Ausland einfach Spaß. Abgeranzte Teile (werde beim nächsten TÜV meine Werkstatt hinweisen, mal nicht so kleinlich zu sein), ständige Huperei (gutgemeinte Warnung für Fußgänger auf super schmalen Straßen) und ein Kassierer im Bus, der Hamburger Marktschreiern alle Ehre macht, wenn er an jeder Haltestelle werbend den Leuten „Flacq, Flacq, Flacq“ entgegenschmettert.

Hab mich auch mal gleich beim Bezahlen blamiert. Die Währung hier macht mich fertig. 34 läppische Rupien kosten die fast 2 Stunden Fahrt (rund 75 Cent). Stolz strecke ich die Münzen entgegen und ernte fragende Blicke. Okay, also wenn da ne 20 auf der Münze steht, sind das keine 20 Rupien? In dem Fall ist es eine 1 Rupie-Münze und die 20 die Jahreszahl, mit einer Trennung zwischen der 20 und 16. Meine Sitznachbarin lächelt mich nachsichtig an und bestätigt, dass das schon sehr verwirrend ist. Reicht mir aber noch nicht mit Peinlichkeiten. Mein schei… schöner neuer Rucksack ist so kacke schwer (logisch, für 3 Wochen Mauritius bei hundertelfzig Grad Tag und Nacht, Vier-Jahreszeiten-Klamotten einzupacken. Der Prachtkörper friert eben ungern), dass ich beim Aussteigen gleich zurück in den Sitz kippe und in dem furchtbar schmalen Gang erst an meinen schwächlichen Hintermann und weiter zur freundlichen Nachbarin torkelte. So kommt man auch zu Körperkontakt. Waren aber alle sehr behilflich, mich mit vereinten Kräften wieder auf die Spur zu bringen. Also mit drei Sangria ohne Gepäck wäre meine Performance definitiv souveräner gewesen. Mir bricht der Schweiß aus. Ich muss dringend meinen Mundschutz laminieren, damit der wasserdicht bleibt.

Allzeit breit in Trou d’Eau Douce

Ich frag mich allmählich wirklich, ob mich irgendeine seltsame Aura umgibt, dass ich immer den Irrsinn im Quadrat anziehe. Dabei wäre bei der Hitze ausziehen viel besser.

Nach gut 3 Stunden Anreise setzt mich der Busfahrer VOR der Tür meines B&B ab. Das nenn ich Kundenservice. Dann beginnt die Show, ich hätte sie nicht besser erfinden können: Ein dürrer Mann öffnet die Pforte und präsentiert mir nach kurzem Bonjour all sein deutsches Repertoire (geht schnell) und dann mein Zimmer (geht deutlich weniger schnell). Er ist ausgesprochen tiefenentspannt, was bedeutet, man hätte ihn auf dem Weg einmal komplett neu einkleiden können und das Zimmer noch immer in weiter Ferne. Urlaub, da hat man ja Zeit. Auch mit 15 KG aufm Rücken, Brummschädel und aus allen Poren triefend. Der Schlüsselmeister (Schlusen im Knast haben keinen fetteren Schlüsselbund) macht sich an der 1. Pforte zu schaffen. Endlich offen geht es weiter im Hinterhof die Treppen rauf. Begleitet von terrorartigem Gekläffe der komplett gestörten Nachbarstöle zur nächsten Tür. Unverständlich fragt er mich wegen Zimmer und wieviel Personen. Ääähh, tja, ich stehe quasi allein hier. Demnach 1 Person. Er grinst schief. Es dauert wieder, bis er unter dem riesen Bund den richtigen Schlüssel hat, der endlich die Tür öffnet. Nachbars Lumpi bellt sich unterdessen heiser. Heiß ist es hier oben auf der Dachterrasse übrigens auch. Da kühlt selbst der Meerblick nicht. Wir treten in eine Art Wintergarten (haha, klasse Gag bei 65°C) und – tadaaaaa – eine weitere Tür! Bekannte mühsame Schlüsselsuche. Zimmer für 3 Personen, ob ich das wolle, fragt er. Und grinst. Ich erkläre erneut, dass ich nur 1 Person sei und gerne das Zimmer nehme, das ich gebucht habe. Aha, na dann müssen wir wohl nebenan, fällt ihm ein. Das ganze Prozedere im Rückwärtsgang. Alles wieder zuschließen. Zur Tür nebenan und das Schlüsselchaos von vorne. Der Kläffer nebenan läuft parallel Amok. Ich dehydriere. Der Torwächter wackelt grinsend vorm Schlüsselloch rum.

Als er endlich Tor 2 öffnet kapiere ich das Problem! Der Typ ist LATTENSTRAMM! Wie konnte mir das entgehen? Deswegen acht Anläufe, bis der Schlüssel ins Loch traf und das auch nur, weil er sich an der Wand anlehnen konnte! Daher das 3er Zimmer. Logisch, der sah nicht mehr nur doppelt sondern schon dreifach! Respekt, 13:30 Uhr und hackebreit.

Unter meinem fassungslosen Blick (ein Vorteil der Maske, da sie einen Großteil der unter Kontrollverlust entgleisenden Gesichtszüge verdeckt) friemelt er heiter Batterien in zwei Fernbedienungen, drapiert sie auf dem Tisch und erklärt irgendwas. Fernseher brauch ich nicht, danke ich ablehnend. Er freut sich, legt mir die Fernbedienung trotzdem hin und wackelt davon. Ich nehme das Zimmer in Augenschein. Handtücher – Fehlanzeige. WLAN wie angepriesen (und wegen Reiseorga dringend benötigt) – Fehlanzeige. Dafür liegt im Bad ne alte Zahnbürste rum. Boah! Ich die Treppe runter (Terrortöle eskaliert völlig) und stehe am Treppenabgang vor verschlossenem Tor. Völlig verdrängt, ich residiere ja in Alcatraz! Aber einer der Schlüssel an dem mir überlassenen Bund muss es ja sein. Ich probiere mich durch. Ums verrecken kriege ich das Dreckstor zur Straße nicht auf. Die Töle dreht weiter am Rad. Mein Brummschädel hat inzwischen richtiges Kopfweh entwickelt. Der eine trinkt, die andere hat den Schädel. Leicht paranoid rufe und klopfe ich. Vergeblich. Genau wie weitere Befreiungsversuche.

Restaurant, Agentur und B&B in einem. Rechts die Pforte zum Gefangenenlager

Da! Draußen dackelt der Meister vorbei, in der Hand ne leere Bierflasche. Ich jammere ihn bei und er lacht, ich solle doch aufschließen. Nachdem er mein Problem checkt, krabbelt er die Mauer hoch, damit ich ihm den Schlüssel über das Tor reichen kann. Dummerweise bekommt auch er die Pforte nicht mehr auf. Nach mehreren Minuten befreit er mich endlich. Ich erkläre die fehlenden Handtücher, er versteht es gäbe kein Wasser. Er wieder mit mir rauf ins Zimmer, um mir zu zeigen, dass das Wasser läuft. Ich pantomime ihm, dass Handtücher fehlen. Wir wieder runter, er kramt ewig in seinem Kabuff und wird fündig. Also zurück ins Gefangenenlager. Die nächste Überraschung kommt, als ich das Bett aufdecke. Kleine tote Ameisen. Ein rotes Frauenhaar auf dem Kissen bringt das Fass zum Überlaufen. Entnervt latsche ich – unter Terrortölengebell – wieder runter und halte den Herrn erneut vom Bier ab. Der verweist mich an einen Giuseppe, den ich anrufen solle und der mir alles erklären könne, auch wegen dem WLAN-Passwort.

Ich rufe ganz bestimmt keinen Giuseppe an, er solle das bitte regeln, beharre ich. Mangels Telefon fährt er mim Radl los, dauert 5 Minuten, nuschelt er und kurvt von Dannen. Ich betrachte sorgenvoll das Badetuch in meiner Hand und blicke auf undefinierbare Flecken. Während ich über Promillefahrten, mein Dasein in dieser Unterkunft und dem tiefergehenden Sinn des Ganzen nachdenke, kommt Spritti mit einem Verantwortlichen zurück. Der ist dankenswerterweise nüchtern. Und stimmt verständnisvoll zu, das verdreckte Badetuch und das Bett gehen gar net.

Nun residiere ich doch im großen 3er-Salon. Mit frischem Handtuch und Bettlaken zum Selbstbeziehen. Die Reinigungsfrau hat heute frei, weil das zugehörige Restaurant heute geschlossen ist, so die Erklärung. Deswegen vermietet man dann Zimmer in benutztem Zustand weiter. Stichwort Nachhaltigkeit. Ehrlich, ich brauche kein Schnöselkram und Getüddel, aber ein sauberes Bett muss drin sein. Im Bad finde übrigens die Hülle zur Zahnbürste von Zimmer nebenan. Und ich hab Gesellschaft im Tempel. In der Ecke schläft ne Kakerlake. Liegend auf dem Rücken mit den Füßen nach oben. Kann ich großzügig drüber wegsehen.

Viel krieg ich heute nicht mehr auf die Kette. Den restlichen Tag flip-floppe ich 18 Kilometer durch das Küstenstädtchen und am Meer entlang. Abends treffe ich auf einen sehr unterhaltsamen Rastafari-Yogalehrer, der mich auf der Straße anquatscht, interessiert plaudert und auf ein Bier einlädt. Lachend lehne ich ab und werde in seine Wohnung „da hinten“, zeigt er ein paar Häuser weiter, eingeladen. Ich solle einfach vorbeikommen. Dankend verabschiede ich mich. Er schmatzt mir andächtig auf die Hand und grinst breit. Breit ist auch hier wieder das Motto, da scheint allerdings mehr im Spiel zu sein als Bier.

Unterwegs trifft man Locals und Yogi-Meister
Kirche in Trou d’Eau Douce
Gebäude mit morbidem Charme
Tankstelle
Kilometerlanger Strandwalk, herrlich menschenleer
So lässt es sich leben, direkt am Meer

Zur Nacht gibt es noch ein Reggae-Konzert vor meinem Fenster. Da entertainen sehr trinkwillige Männer fröhlich singend und Gitarre spielend. Mächtig was geboten auf Mauritius!

Reggae-Party vorm Fenster

Noch nicht ganz angekommen

23. Februar 2022 – Der Tag startet mit Kaffee, Frühstück in der Sonne und fantastischem Meerblick. Der Schlüsselmeister ist eben mein Bonjour ignorierend an mir vorbei. Ist vermutlich pissig auf mich. Kurz drauf kennt er mich dann wieder und winkt lachend. Sein Zustand ist übrigens dem Gestrigen verdammt ähnlich. Da scheinen andere Substanzen mitzuspielen! Von der Löffelliste konnte ich in drei Tagen gerade mal ein Vorhaben abhaken, den Marktbesuch in Mahébourg. Es kostete irre viel Zeit, das nächste Ziel, die Unterkunft, den Bus dahin usw. zu suchen. So bin ich in Trou d’Eau Douce gelandet, mit der Erkenntnis, dass ich doch nicht (wie geplant weil es das Highlight hier ist) mit dem Katamaran zur Ile aux Cerfs schippern mag. So schön es hier ist, ich bin zu ruhelos, mich als Grillhähnchen an den Strand zu legen. Also warum zu einem anderen Strand schippern. Genauso unsinnig für noch mehr Strandtage weiter hinauf in den Osten zu reisen.

Perfekter Start in den Tag
Hatte schon schlechtere Frühstücks-Ausblicke

Alles in mir ist noch unter Strom und nicht in der Lage runterzufahren. Ein anstrengendes Jahr mit wenig Erholungsphasen steckt in den Knochen. Einerseits ist mir grad alles zu viel, andererseits will ich sportliche Herausforderungen, Abenteuer. Ich fasse den ernüchternden Entschluss, morgen zurück nach Mahébourg zu fahren. In die Nähe der Berge, Wasserfälle, Nationalparks. Das wird mir die kommenden Tage viel Recherchearbeit und Zeitverplemperei ersparen und fühlt sich richtiger an.

Offen gesagt habe ich mir das hier etwas leichter vorgestellt. Die öffentlichen Verkehrsmittel bringen mich hier nicht zu meinen Wandertouren. Ein Mietwagen würde alles deutlich vereinfachen, den will ich alleine aber weder zahlen, noch damit rumgurken.

Ich suche Rat bei einem Tourenanbieter, der im Erdgeschoss meines B&B ist. Dort arbeitet Adrian, dessen Familie das hier zugehörige Restaurant betreibt. Mit ihm quatsche ich ewig und bekomme viele Wandervorschläge, Insiderinfos und Hilfe. Er wandert selbst gerne und viel und erklärt mir, dass ich für meine geplante heutige Tour zwingend auf auf Bus und Taxi angewiesen sei. Und nach der Wanderung müsste ich mir wiederum ein Taxi ordern, um zurück zur Bushaltestelle zu kommen. Ohne Telefon dumm, weil ich dann im Nirgendwo sei. Ohne lokale SIM-Karte noch dümmer, weil sau teuer. Adrian besteht darauf, mir eine SIM-Karte zu organisieren und entschwindet. Wenig später ist er wieder da. Er hatte seinen Ausweis vergessen, den man zum Kauf einer SIM-Karte benötige. Er lässt sich nicht von mir aufhalten, erneut loszufahren und es ist mir mehr als unangenehm, dass er so ein Häckmäck meinetwegen hat. Noch unangenehmer, als er sich vehement weigert, als ich die Telefonkarte bezahlen will. Er bietet mir sogar an, mich nach Feierabend von meiner Wanderung abzuholen und speichert mir seine Nummer im Handy ein. Ich komme aus meinen Dankesbekundungen gar nicht mehr raus, er winkt nur ab, für ihn eine Selbstverständlichkeit. Es macht mich auf jeder meiner Reisen sprachlos, wie hilfsbereit und uneigennützig so viele der Menschen sind und sich um mich Fremde kümmern.

Da der Tag allerdings auch schon wieder halb gelaufen ist, ist es für die Tour nun zu spät. Ich schlappe also wieder zu Fuß los. Stunden- und Kilometerlang unter der gnadenlosen Sonne, bei perverser Luftfeuchtigkeit, teils über glühenden Asphalt. Und brav mit Corona-Maultäschle üwwer der Gosch. Ich schwitze mehr als nach zwei Stunden Spinning.

Vorbei an Feldern und Plantagen
Bunte Hindu-Tempel findet man häufig
Wunderschönes Kitsch-Panorama
Lieblingsblume Plumeria / Frangipani
Gehört ebenfalls dazu, lecker Getränk
Soulfood; Roti am Strand

Leicht gefrustet über den weiteren „ungenutzten“ Tag. Herrlich isses hier trotzdem! Überall blüht es. Die würzigen Gerüche, die durch die Straßen wabern, sind fremd für die Nase. So ist auch das Essen geschmacklich besonders. Der „heiße Scheiß“ hier sind Rotis. Morgens, mittags, abends. Dünne Teigfladen, die mit gekochten Linsen und einer pikanten roten Soße gefüllt und hammermäßig lecker sind. Meine neue Lieblingsspeise.

Schlaflos in Alcatraz

24 Februar 2022 – Was für eine Nacht! Gegen 02:30 Uhr bin ich erstmals eingenickt und werde von wirren Träumen auf Trab gehalten. Im Traum muss ich aus familiären Gründen für 3 Tage heimfliegen und somit wieder neu einreisen und weiß nicht, wie ich das mit den PCR-Test hinbekomme. Traum-Dauerthema Corona.

Dann hält mich der Sturm und Platzregen draußen wach und die Horde Hunde, die die halbe Nacht ununterbrochen kläfft. Irgendwann nicke ich kurz ein, dann lässt mich lautes Türgeschepper aufschrecken. Einbrecher hier in Alcatraz?

War ich zu leichtsinnig, bloß noch eine Tür abzuschließen, weil sich die anderen beiden Pforten zu den heiligen Hallen ja nur öffnen lassen, wenn die Sonne im Zenit steht?! Und auch nur, wenn zeitgleich eine Jungfrau auf einem Einhorn reitet und dabei Harfe spielt. Sollte mir dies zum Verhängnis werden? Es ist 04:30 Uhr, keine zwei Stunden geschlafen und der Axtmörder steht vorm Loch. Na klasse!

Dann checke ich was los ist. Meine Nachbarn erzählten mir am Vorabend, dass sie morgens sehr früh zum Flughafen müssen. Und die haben jetzt das gleiche Problem wie ich: Tür zugesperrt, eingesperrt und für alle Ewigkeit weggesperrt. Die kommen nicht mehr aus ihrer Bude. Dummerweise ist nicht unbedingt die Uhrzeit, bei der man telefonisch nen Verantwortlichen erreicht. Der Ausbruchversuch dauert mindestens zwanzig Minuten. Ich weiß nicht, wie sie letztlich rauskommen (die Fenster sind nämlich auch alle vergittert), zumal ich höre sie nicht gehen höre. Die letzten eineinhalb Stunden der verbleibenden Nacht(un)ruhe wird lediglich noch von viel Hundegebell begleitet.

Frisch gepresster O-Saft, herrliche Früchte und Kaffee am Morgen kleben ein Trostpflaster über den harten Schlafentzug. Ich packe mein Geraffel zusammen und verabschiede mich von der Kakerlake, die noch immer in der Ecke schläft. Adrian organisiert mir am Straßenrand ein Taxi, das mich zusammen mit seiner Oma und einer anderen Dame zum Bahnhof nach Flacq bringt. Von dort werde ich mit dem Bus zurück nach Mahébourg fahren. Vorfreude stellt sich ein, endlich meine Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Panorama deluxe, Strand bei Trou d’Eau Douce

Wie die Reise in Mahébourg endlich Fahrt aufnimmt und wie klasse man auf Mauritius wandern kann, erfahrt ihr schon bald im nächsten Blogbeitrag!

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Der Geschmack von Glück

7. Juli 2021

Wer hätte je gedacht, dass die banalsten Dinge, Alltagskleinigkeiten, einmal zu ganz besonderen Momenten werden? Wer hätte jemals geglaubt, dass sich Routinen unseres Lebens zu erwähnenswerten Erlebnissen entwickeln? Zu kostbaren Augenblicken.

Wer hätte geahnt, dass man sich mal nach der Einfachheit der Normalität sehnen würde?!

Glücklich die Unwissenden… hab ich seit vergangenem Jahr öfter gedacht. Und ja, ich bin froh, nicht gewusst zu haben, was uns da überrollt. Geschweige denn welches Ausmaß die ganze Tragödie einnimmt.

Ich erspare euch einen Beitrag zum Thema Covid-19. Davon gibt’s genug und es braucht definitiv nicht noch meinen Social-Media-Senf dazu.

Es lässt sich allerdings auch nicht totschweigen, dass es sich in unseren Alltag und in unser aller Leben eingenistet hat und nun tatsächlich ein Bestandteil dessen ist. Wie ein ungebetener Gast, der eines Tages einfach vor deiner Tür steht, ungefragt eintritt und es sich auf deiner Couch bequem macht, während er sich gemütlich in deine Schmusedecke fläzt. Die Stinkefüße auf den Tisch legt, Chipskrümel großflächig verteilt und mit seinen Flossen fettige Tratscher auf der Fernbedienung hinterlässt. Und zu allem Übel musst du auch noch einen auf gastfreundlich tun.

Mein letzter Blogbeitrag ist eine gefühlte Ewigkeit her. Ich wollte nichts schreiben, womit jeder eh schon den ganzen Tag beblubbert wird und nicht mehr hören mag. Was gibt es zu erzählen, wenn das Leben in einen lichtgedimmten Sparmodus versetzt wird? Alle Reisen auf Eis gelegt und die meisten Freizeitaktivitäten runtergefahren sind. Mal abgesehen vom Allwetter-Sport im Freien. Eigentlich müsste der Rheindamm des Naturschutzgebietes vor meiner Tür kernsaniert werden, so dermaßen habe ich den in meiner Not die letzten 15 Monate mit meinen Laufschuhen malträtiert.

Laufen, laufen, laufen
unzählige Kilometer gegen den Corona-Koller
Zwar nicht Galapagos, aber auch daheim gibt es Schildkröten und wunderschöne Flecken

Reisestorys für’s Kopfkino hau ich heute keine raus, sorry. Dafür mag ich mich kurz über etwas ganz Alltägliches auslassen. Etwas, das noch Anfang 2020 völlig unerwähnenswert war und dann zu einem nennenswerten persönlichen Highlight mutiert ist:

Der erste Cappuccino in einem Biergarten! In Gesellschaft! Offiziell und legal! Und zur Feier dieses Tages wurden alle Register gezogen: Kuchen gab es obendrauf!

Die letzten paar Tage meines kalten, verregneten dreiwöchigen Mai-Urlaubes (Resturlaub des verkackten Vorjahres) ver-wanderte ich mit meiner treuen Reisegefährtin Janine im Schwarzwald. Tja, der Urlaub war ursprünglich auch anders geplant. Aber 2020 hat bescheiden gemacht und so freut man sich demütig über Reiseziele, die früher maximal ein ironisches Schmunzeln ins Gesicht gefräst hätten.

Im Jahr 2021 ist man happy, wenn man überhaupt irgendwo hin darf. Und das waren wir! So folgte nach 19 Kilometern vortrefflicher Füßeplattlatsch-Wandertour der krönende Abschluss bei der Darmstädter Hütte.

Urlaub daheim, Hauptsache raus aus dem Alltag und rein in die Natur
Die erste richtige Einkehr seit dem letzten langen Lockdown, Darmstädter Hütte in Seebach

Sonne, Urlaub, Wandern, Kaffee und Kuchen – die ehrlichste Entschuldigung für die vergangenen 15 Monate. Kulinarisch süßes Glück auf der Zunge und in warmer Sonnenstrahlenform auf der Haut.

Im 7. Kaffee-Kuchen-Himmel

Wenn man dem ganzen Elend ein Fünkchen Positives abgewinnen möchte, dann dass es das Bewusstsein für die schönen Momente im Leben wieder in unseren Köpfen verstärkt hat. Das Besondere im Alltäglichen zu erkennen; zum Beispiel in Form eines göttlichen Stück Kirschstreusel und einem leckeren Cappuccino.

Ich wartete am Ausgabe-Fenster der Hütte, um meine Bestellung entgegenzunehmen und hörte lächelnd der Unterhaltung der Wirtin mit einem Gast zu: „Man weiß es wieder so sehr zu schätzen, dass man irgendwo mit Menschen sitzen darf. Es ist so ein tolles Gefühl, wieder etwas Essen und Trinken gehen zu dürfen.“ Oh wie wahr!

Niemals hätte ich gedacht, so etwas als Privileg zu empfinden. Dass ich mich nach dem Moment sehnen würde, einfach irgendwo mit Freunden zu sitzen und etwas zu trinken oder essen. Und jetzt ist es genau so. Ich bin gespannt, wie lange unser Bewusstsein speichert, dass diese unspektakulären Dinge nicht gewöhnlich sind. Dass es nicht das Normalste der Welt ist, etwas mit unseren Lieblingsmenschen unternehmen zu können, wann immer uns danach ist.

Nichts, absolut gar nichts ist selbstverständlich. Und jeder noch so banalste Moment, jeder Schluck Cappuccino, jeder kleine Bissen eines leckeren Kuchens ist eine überdimensional-verflucht-kostbare Besonderheit!

Die letzten eineinhalb Jahre haben bei mir einige Dinge wieder in den Fokus gerückt. Prioritäten verschoben. Im Grunde sehr ähnlich wie beim Reisen. Auch wenn ich diese Reise lieber nicht gemacht hätte.

Die fünf Sinne wurden auf die aktuellste Version upgedatet, die Wahrnehmung neu kalibriert. Jetzt strahlt die Sonne scheinbar heller, stille Momente in der Natur klingen lauter, Sommerregen auf der Haut fühlt sich wärmer an.

Und Glück riecht nach Kaffee und schmeckt nach Kuchen. Intensiver denn je…

Es finden sich immer besondere Momente im Alltäglichen…
… und das große Glück liebt die kleinen Dinge

Sportjunkie auf Reisedroge

30. Januar 2021

Dank dem Aufruf der lieben Annette zur Blogparade „Fit halten im Urlaub“ (zu finden auf ihrem netreisetagebuch), entstand dieses sportliche Reise-Resümee. Tja, was soll ich sagen?! Das Thema passt wie Po auf Pott bzw. wie Laufschuhe ins  Reisegepäck.

Wegen eines Fabrikationsfehlers bin ich nämlich nicht in der „Couchpotatoe-Ausführung“ erhältlich, sondern lediglich in der internationalen Sonderedition „Aktiv-Frettchen mit Bewegungsdrang“. So ist mir ein umso größeres Vergnügen, euch einen Einblick in wortwörtlich bewegende Reisen zu geben.

Reisen und Sport = Traumkombi

Fakt ist, ich brauche aktive Abwechslung! Daheim wie auf Reisen. Eintönigkeit ist tödlich. Ein all inklusive Clubhotel Urlaub im Liegestuhl wäre mein ultimativer Killer. Selbstverständlich kann ich auch hervorragend liegen und mit einem guten Buch stundenlang relaxen. Wenn ich mich zuvor ordentlich ausgetobt habe…

Die Energie muss raus, dann entspannt es sich besser

Meine Reisedomizile müssen mir die pure Natur ungefiltert um die Ohren klatschen. Ich möchte mich frei bewegen, mit den Menschen in Kontakt treten und in das Land eintauchen können.

Es ist ja nicht so, als wäre Reisen an sich nicht schon recht anstrengend. Aber deswegen eine Sportpause einlegen? Nö, kommt gar nicht in Frage.

Der sportlichen Kreativität werden keine Grenzen gesetzt: Zum Warm-Up mit prallvollem Rucksack von einem Ort zum nächsten tingeln, während man dabei die Straßen auf der Suche nach einer Unterkunft ablatscht, stärkt zugleich die Rückenmuskulatur 🙂 Ist das Nachtlager bezogen, werden die Laufschuhe an die Füße getackert. Der Spruch „Nur wo man zu Fuß war, war man wirklich“ trägt viel Wahrheit in sich. Man bekommt einfach ein anderes Gefühl und Verständnis für das Land und seine Einwohner.

Dabei kam ich zum Laufen aus reiner Verzweiflung; es gab tagelang (Weihnachten bei meinen Eltern) keine sonstige Sportmöglichkeit. Gefährlich für mein direktes Umfeld. Aber was habe ich es gehasst! Lieber Brechdurchfall als Jogging. Irgendwann liefs plötzlich mit dem Laufen. In der aktuellen Corona-Situation – geschlossene Fitness-Studios und wetterbedingt stark eingeschränkte Optionen – bin ich irre froh, zum Laufen gefunden zu haben. Definitiv ziehe ich Outdoor-Sport dem Fitness-Studio vor. Aber bei Kälte, Regen und Winter pienz ich schon mal rum. Da lob ich mir die Bespaßung ansehnlicher Trainer im heimeligen Fitnesstempel. Geht leider momentan nicht. Deshalb ist Laufen so praktisch. Kannste immer machen. Auch bei kaltem Nieselregen. Überall. Passt sogar ins Reisegepäck.

Frühmorgendliche Laufrunde in Costa Rica

Es kann allerdings vorkommen, dass man in diversen Teilen der Welt als sonderlicher Exot auffällt, trabt man schnaubend durch die Prärie. In Myanmar erntete ich so manch belustigtes Grinsen von Mönchen oder begeistertes Kinderwinken. Sowie irritierte Blicke etlicher Burmesen, die die rennende Europäerin vermutlich für hochkarätig bekloppt hielten.

Stört mich alles nicht. Ich laufe. Auch bei 40°c tropischer Mittagshitze. Dann glüht eben die Birne, schmilzt die Sohle und läuft die Brühe sintflutartig. Ich laufe auch lange Sandstrände zwischen Leguanen entlang, wenns sein muss.

Barfußlaufstrandlauf mit Hindernisparcour (Galapagos, Santa Cruz)

Schwieriger wird es hingegen in höheren Lagen, beispielsweise in Ecuador. Bei Laufversuchen auf über 2.800 Metern geht ganz flott die ächzende Dampflock an und die Gangart rapide runter.

Und dann wäre noch die „Risikosportart“ Ver-Laufen zu erwähnen: Wo man fremd ist, da verläuft man sich auch mal. Nicht, dass mir das nicht auch Zuhause passiert. Ich kratze da regelrecht an der olympischen Disziplin. Macht aber nix. Verlaufen erhöht neben den Zusatzkilometern schließlich auch die Ortskenntnis. Außerdem sieht man viel mehr.

Der Weg ist das Ziel oder „ich muss da rauf“

Apropos Höhe. Mir kann’s kaum hoch genug sein. Das bringt die Kletterleidenschaft wohl so mit sich. Während ich Reisen niemals in die Kategorie Urlaub stecken würde, verhält es sich anders, wenn ich zum Klettern unterwegs bin. Das ist dann schon Urlaub. Spätestens beim ersten Glas Vino zum Sonnenuntergang vorm Zelt. Das wundervolle an dieser Sportart ist, dass man in Regionen kommt, die dem Ottonormal-Touri verschlossen bleiben und in die es einen normalerweise gar nicht verschlagen hätte. Ich hing im tiefsten Hinterland Spaniens, Kroatiens, der Türkei oder Frankreich an steilen Felsen und Klippen am Meer, fernab von jeglicher Zivilisation, das ist schon sehr besonders!

Klettern mit Meerblick, das kann was (Spanien, Calpe)

Mal ganz zu schweigen von den absolut liebsten Lieblingsbergen, den Dolomiten. Dort wurden etliche Schweißtropfen in alpinen Kletterrouten und auf Klettersteigen zwischen Hütte A und Hütte B, mit komplettem Geraffel auf dem Rücken, vergossen. Aber genau das ist meine Definition von Urlaub und Erholung. Ich brauche Herausforderungen, Verausgabung und Erschöpfung, um mich lebendig zu fühlen. So anstrengend und kräftezehrend diese Urlaube und insbesondere lange Reisen sind, gleichzeitig knallen sie wieder die Akkus mit Lebensfreude und positiver Energie randvoll. Berge sind das non plus ultra, dem Alltag zu entfliehen, sich sportlich zu verausgaben und eigene Grenzen zu verschieben. Nirgendwo kommen Geist und Seele so zur Ruhe. Wo keine Autos und Seilbahnen die Menschenmassen hin karren. Fernab der verrücken Welt „da unten.“

Einmal quer durch die Berge und bepackt für mehrere Tage

Im Gegensatz zum geselligen Klettern, ziehe ich auch ausgesprochen gern alleine durch die Welt. Um mich sportlich auszutoben komme ich dabei bisweilen auf abenteuerliche Ideen: In Nicaragua nutzte ich beispielsweise die Gelegenheit, mit einem Bergführer den Vulkan Maderas auf der Insel Ometepe zu besteigen. Ein sehr kräftezehrendes und schlammiges Unterfangen. Auf Galapagos wurde die Strapazierfähigkeit der Wanderschuhe beim langen Marsch zum Vulkan Sierra Negra getestet. Oder ich stellte die Höhentauglichkeit am Chimborazo, Ecuadors höchstem Berg, auf die Probe.

Die Wanderschuhe haben das Ende der Tour nicht überlebt (Vulkan Maderas, Nicaragua)
Die Luft wird dünner – Chimborazo, Ecuador

An guter Wandergesellschaft erfreue ich mich natürlich auch sehr. Seit vielen Jahren haben die Mädelstouren mit meiner treuen Freundin und Reisebegleiterin Janine eine hochheilige Tradition. Was einst als kleiner Wochenend-Städtetrip begann, ist zu ansehnlichen Wandertouren herangewachsen. Inzwischen haben wir Malta’s Küstenlandschaft, halb Sao Miguel (Azoren) und große Teile Teneriffa’s plattgelatscht. Ich kann euch garantieren: Der leckere Wein am Abend schmeckt doppelt besser, wenn man den Kadaver den Tag über sportlich gefordert hat.

Wind-, wetter-, wanderfest und unfassbar reisekompatibel (Mädelstour Azoren, Sao Miguel)
Gar köstliches Feierabendgetränk mit Panoramablick für fleißige Beine (Mädelstour Teneriffa)

Mit dem Drahtesel durch die Wallachei

Mit einem Fahrrad die Fremde zu erkunden ist ebenfalls recht unterhaltsam. Oftmals kann man für kleines Budget einen Drahtesel leihen und Entdeckungstour mit körperlicher Aktivität verbinden. Eine gewisse Robustheit sollte man vielleicht am Start haben. Wenn ich an die Rostgurke denke, auf denen man mich durch die Tempelstadt Bagan in Myanmar holpern ließ, fällt das nur noch indirekt in die Kategorie Sport. Der Vorteil, man kommt zügiger voran als beim Laufen, sieht mehr und kann an schönen Plätzen einfach anhalten und die Seele baumeln lassen.

Auf Galapagos bekam ich eine regelrechte Mountainbike Luxusversion, auf der ich Po und Beine malträtierte und dadurch keinen Bus benötigte, um zu einem 22 Kilometer entlegenen Riesen-Zwillingskrater zu gelangen. 

Hintern hoch und raus in die Welt

Egal ob radelnd über Inseln, ächzend und schnaufend auf Vulkane, schwitzend über Südamerikas heiße Pflaster rennend, Rucksackschleppend durch alpine Felslandschaften, wandernd mit Lieblingsmenschen grandiose Landschaften genießend, Kanu und Zelt paddelnd über den Missouri River in Montana (ja, auch so’n Quatsch hab ich gemacht), mit Haien und Riesenschildkröten mitten im Pazifik schnorchelnd, oder in Corona-Zeiten heimische Mikroabenteuer vor der Haustüre erleben, es gibt immer und überall etwas zu entdecken.

Auch die Heimat hat viel zu bieten
Fernwanderweg Neckarsteig, rund 128 Kilometer mit 3.130 Höhenmeter (hier Burgen-Etappe Neckarsteinach)
Soweit und solange mich die Füße tragen, werden die Socken qualmen!

Die Füße leg ich dann hoch, wenn ich im Seniorenstift auf dem Ohrensessel an meiner Kaffeeschnabeltasse nuckel.

Die Welt wartet auf dich. Du musst bloß den Hintern hochkriegen und loslegen. Es liegt an dir. Auf welchen sportlichen Umfang man das Ganze ausdehnt, kann jeder individuell für sich entscheiden. Aber wenn wir alle eine Sache in 2020 gelernt haben sollten, dann Dankbarkeit dafür, gesund zu sein und sich bewegen zu können. Und wenn die lang ersehnte Zeit des Reisens wieder kommt, werden wir auch diese Freiheit noch mehr zu schätzen wissen. Denn nichts von alledem ist selbstverständlich.

Bleibt gesund, aktiv und neugierig auf die großen und kleinen Wunder um euch rum!

COSTA RICA // Monteverde – Nebelwälder, Hängebrücken und der magic Ficus

7. bis 9. Februar 2018

(Beitrag vom 22.11.2020)

Costa Rica hat seit meiner Ankunft bereits etliche Highlights in Natur- und Tierform aus der Zauberkiste hüpfen lassen.

Nach dem Wohlfühlstart in Uvita (die „Ankommen- und Eingewöhnheimat“ der ersten Woche), den folgenden Übernachtungen im rastafari Montezuma, im chilligen Santa Teresa, dem unvergesslichen Schildkröten-Rescue-Camp von Camaronal, der Partymeile Playas del Coco und dem beschaulichen La Fortuna (das mit dem tollen Vulkan), bin ich jetzt in Monteverde aufgeschlagen.

Viva los mexicanos! Erwarte das Unerwartete

Sicherheitshalber habe ich mir schon gestern ein Bett im 4er Zimmer eines Dorms reserviert. Ich entschied mich für ein gemischtes Zimmer, davon ausgehend, dass es nicht voll belegt ist. Und falls doch, dann eben gemischt. Der Zufall lacht mal wieder Tränen über meine Blauäugigkeit und klatscht mir das Mix-Zimmer in allerfeinster Mischform untern Hintern. Die Mischung bin nämlich ICH. Die übrigen drei Betten sind mit holder Männlichkeit belegt. Nämlich von drei Mexikanern! Mein Plan ist kaputt, beschert mir dafür aber eine meiner lustigsten Begegnungen der Reise…

Angekommen im Hostel in Monteverde

Den angebrochenen Nachmittag verdödel ich mit einigen Leuten die ich in La Fortuna kennenlernte und die mit nach Monteverde gefahren sind.

Als ich am Abend zurück ins Dorm komme, werde ich freudig von den mexikanischen Zimmergefährten begrüßt. Die haben es sich mit drei Mitbewohnern im Aufenthaltsraum auf hochprozentigem Niveau gemütlich gemacht und bestehen nun auf meine Gesellschaft beim lustigen Kartenspiel. Eigentlich bin ich ziemlich erledigt und seit Tagen im Schlafdefizit, aber wer erinnert sich im Nachhinein schon an die Nächte, in denen man viel Schlaf bekommen hat?! Grinsend ergebe ich mich auf der Couch zwischen den Muchachos und lasse mir die Spielregeln erklären, während ein Glas vor mir erscheint, das großzügig gefüllt wird. Caramba!

Kartenabend mit den mexikanischen Zimmergefährten

Einige Stunden später: Ich habe unzählige Male mit den Fingerspitzen einen imaginären grünen Kobold von Rand meines Glases (Rum mit Cola) gehoben, dazu einen Spruch aufgesagt, getrunken und den Kobold wieder auf das Glas zurückgesetzt. Die Restvernunft ließ mich rechtzeitig die Bremse ziehen und so liege ich jetzt endlich im Bett. Zwei der amigos haben es ebenfalls in die enge Kajüte geschafft, in nicht ganz so souveränem Zustand. Es ist mitten in der Nacht und wir lachen uns ’nen Ast. „Mexikaner Drei“ hat sich zum Ausruhen in der kleinen Toilettenkabine zusammengefaltet. Liegt etwas ungeschickt vor der Tür, so dass die Jungs nicht reinkommen, um ihn in sein Bettchen zu tragen. Das befeuert unser Lachen noch mehr. Gegen halb 6 Uhr schaffen sie es tatsächlich, ihn aufzuwecken und in das Hochbett über mir zu katapultieren. Ich warne noch mit Grabesstimme: „Wehe der bricht auf mich!“ und ernte weiteres Gelächter als Antwort…

Selvatura Adventure Park – Abenteuerspielplatz im Regenwald

Nach knapp vier Stunden Wach-Schlaf lobpreise und huldige ich dem Frühstückskaffee voller Dankbarkeit. Meine Mexikaner ziehen am Morgen leider weiter, keine Ahnung, wie sie das in ihrem desolaten Zustand bewerkstelligen.

Zusammen mit Claudius (der Stuttgarter, den ich in La Fortuna kennenlernte) geht es am Morgen zum Selvatura Adventure Park nach Santa Elena. Ich hatte ihm von den Hängebrücken im Nebelwald vorgeschwärmt, so dass er kurzerhand seine Reiseroute unterbrach und mit nach Monteverde kam.

Am Eingang des Parks spuckt uns der Shuttlebus in die Nebelsuppe raus. Das Wetter könnte nicht stimmiger sein. Kühl, feucht, trüb, diesig. Alle Wetterattribute die ich nicht leiden kann. Aber hier ist es perfekt! Rund 30 Dollar (Park-Eintritt inklusive Busshuttle vom und zum Hostel) kostet uns der Spaß.

Direkt hinter dem Parkeingang befindet sich eine kleine Kolibri-Station. Wie üblich in Costa Rica kostet dieser extra Eintritt. Den sparen wir uns und gucken von draußen ins Gehege. Ein freundlicher Parkwächter winkt mich ran und bietet lächelnd an, uns schnell für ein paar Fotos reinzulassen. Wir nutzen das freundliche Angebot und können aus der Nähe bewundern, wie die filigranen Geschöpfe vor der Tränke in der Luft schweben und ihren Rüssel in die Honigmasse tunken.

Im Selvatura Park gibt es den Hummingbird and Butterfly Garden (Kolibris und Schmetterlinge), für Adrenalinjäger schier endlos lange Ziplines über die Baumwipfel und tolle Wege durch den Regenwald und über die Hängebrücken.

Übersicht Selvatura Park mit Hängebrücken

Die Hängebrücken Monteverde / Santa Elena

Darauf habe ich mich schon Zuhause total gefreut!

Wir starten auf den flachen Pfaden durch den mystischen Nebelwald. Natürlich ist das Reservat kein Geheimtipp und entsprechend touristisch frequentiert. Dennoch kann ich mir dieses Naturspektakel nicht entgehen lassen.

In der Region regnet es quasi das ganze Jahr hindurch. Entsprechend wachsen und gedeihen hier die Pflanzen, als wären sie mit Turbodünger zugedröhnt. Die Flora ist unbeschreiblich. Dichte Bäume, riesige Farne, Moose, Bromelien, unzählige Orchideenarten, Grün in allen Facetten, wohin das Auge blickt.

Zipliner im Regenwald

Inmitten des Nebelwaldes führen acht unterschiedlich hohe und lange Hängebrücken durch die Baumkronen. Ziemlich beeindruckend und atemberaubend schön. Überraschenderweise entdecken wir nicht viele Tiere. Schade, ich hatte so sehr auf ein Faultier gehofft. Aus der Ferne dringen die Jubelrufen der vorbeirauschenden Zipliner zu uns hinauf.

Hängebrücken Monteverde

Eineinhalb Stunden wandeln wir durch den urigen Dschungelwald, dann erreichen wir wieder unseren Ausgangspunkt. Uns bleibt noch ein wenig Zeit für einen Cappuccino, bevor uns der Shuttlebus zurück zum Hostel bringt.

Auf Reisen bleibt man nie allein

Um 7:15 Uhr bin ich mit Patrick im Frühstücksraum verabredet. Den rothaarigen, sommersprossigen Iren (hallo Klischee) lernte ich gestern abend im Hostel kennen. Ich erzählte ihm vom „magic Ficus Tree“, von dem ich gerade mit Claudius kam. Da wir erst kurz vor Sonnenuntergang im Wald ankamen und viel los war, wollte ich den Baum nicht mehr in Eile beklettern und habe das Abenteuer auf die Adventure-Löffelliste für den Folgetag gesetzt. Patrick war gleich interessiert und wir verabredeten uns.

Der Koffeein-Yieper hat mich aus dem Bett geschmissen. Ich bin zu früh. Mit der Kaffeetasse in der Hand wackel ich zu einer Engländerin, die alleine am Tisch sitzt und in ihren Reiseführer blättert. Ich setze mich zu ihr und während ich auf Patrick warte, erzähle ich ihr von unserem Plan, den Ficus zu erklimmen und danach den Trail „Cerro tres amigos“ zu wandern. Begeistert fragt sie, ob sie mit könne. Auch Patrick, verstrubbelt und müde, der sich mit Frühstück beladen zu uns setzt, ist einverstanden. Ich freue mich über die spontane Gesellschaft der beiden. Drei amigos auf dem Cerro tres amigos also.

Im Inneren der Würgefeige

Gestern brauchten wir eine ganze Weile, bis wir uns mit maps.me durch den Wald navigiert und den richtigen Baum gefunden hatten (wenn man vor lauter Bäumen im Wald DEN Baum nicht sieht). Dafür finde ich ihn heute umso schneller. Und im Gegensatz zu gestern (da herrschte Hochbetrieb) ist jetzt nur ein Paar mit seinen beiden Kindern da. Und die Affenschar, die in den Bäumen ringsum tobt. Grinsend betrachte ich die überraschten Blicke meiner beiden Begleiter.

Der Ficus ist wahrlich ein Naturphänomen! Und ein absolut lohnenswerter Besuch für den man – oh Wunder in Costa Rica – tatsächlich nichts zahlen muss.

Schätzungsweise 30 Meter ragt der Gigant in die Höhe. Was mir bis dahin gänzlich unbekannt ist, der Ficus zählt zur Gattung der Würgefeigen. Im Grunde ist er ein Parasit für seinen Wirtsbaum, den er sich förmlich einverleibt. So entsteht der Hohlraum im Inneren. Die Baumrinde und sein Innenleben sind einem kompakten hölzernen Klettergerüst gewichen, über das man bis zur Krone hochsteigen kann.

Luftige Kletterei im Ficus

Als begeisterte Sportkletterin hadere ich kurz bei dem Gedanken, völlig ungesichert wie dieser Märchen-Hans an der Zauberbohne gen Himmel zu kraxeln. Hinter Patrick krabbel ich in den Baum hinein. Na ja, im Grunde isses wie Treppensteigen. Hohe Treppen. Mit viel Luft unterm Hintern. Aber ich habe ja den irischen Schutzpatron dabei, der vor mir bereits hochmotiviert auf dem Weg nach oben ist. Dann mal los. Jeder Kletterer weiß: Runter kommt man immer…

Nach oben raus wird es immer schmaler und enger

Sprachlos kralle ich mich in der Baumkrone des „magic Ficus“ fest, von dem gigantischen Ausblick völlig geflasht. Auch Patrick grinst über beide Ohren und ist mächtig beeindruckt! Das Abklettern stellt sich als Kinderspiel heraus, alle Sorge war umsonst.

Hiking-Tour Cerro tres amigos mit oscarverdächtigem Spinnen-Kopfkino

Wir sind auf dem Weg zum höchsten Gipfel der Gegend, auf 1.840 Metern. Nicht nur wegen der strahlenden Sonne ein schweißtreibendes Unterfangen. Eine verdammt steile Straße zieht sich in die Unendlichkeit rauf und geht dann in einen rotbraunen erdigen Pfad über. Wir werden von drei Hunden begleitet, die uns die kompletten 14 Kilometer des Trails nicht von der Seite weichen.

Steiler als es aussieht, der Trail Cerro tres agimos
Am Gipfelplateau auf 1.840 m

Am Gipfelplateau angekommen, werden wir sogar mit einer ganz passablen Sicht belohnt. Wir möchten nicht den selben Weg zurück latschen und checken über Patrick’s Navigationssystem eine alternative Route aus. Das geht genau so lange gut, bis wir irgendwann im tiefsten Urwald stehen und uns eingestehen müssen, wir kommen hier ohne Machete nicht mehr weiter.

Noch ist der Weg gut erkennbar
Frontman Patrick und die Hunde dringen tiefer in den Urwald

Nach einer kurzen Rast sehen wir ein, es geht nicht weiter. Einstimmig entscheiden wir uns abzubrechen und den ganzen Weg zurück zu latschen.

Die Wanderschuhe schmatzen durch den Schlamm, während wir abwechselnd über dick bemooste Baumstämme krabbeln und unter sperrigen Ästen und Gestrüpp hindurchkriechen. Im dezenten Panikmodus scannen meine Augen die grüne Hölle ab. Der Tarantula-Radar steht auf empfindlichster Alarmbereitschaft. Bei jedem Stamm, über den ich mich hieve, wispert die garstige Stimme im Kopf: „Gar nicht so unwahrscheinlich, dass da gleich ne Vogelspinne rumhüpft. Hier wimmelts doch von den possierlichen Tierchen.“ Parallel dazu spielt das Kopfkino den passenden Trailer ab.

Wir kommen nicht weiter, Zeit umzukehren

Jedes neue Gestrüpp stellt mich vor herausfordernde Überwindungen. „Bitte keine Spinne, bitte keine Spinne“ pienze ich mich Schrittweise weiter. Nach dem Survivalerlebnis durchs Dickicht erreichen wir irgendwann wieder so etwas, das den Anschein eines Weges hat. Mein mimimi wurde erhört. Ich frohlocke und schallmeie vor Erleichterung.

Nach gut 4 Stunden und rund 900 Höhenmetern (einschließlich der Tour zum Ficus) sind wir zurück in der Zivilisation von Santa Elena. Auch den Hunden reicht es mit uns. Sie ziehen wieder von Dannen. Wir feiern unser Überleben mit hochgelegten Füßen bei einem verdienten Kaffee-Kuchen-Kränzchen in der Sonne. PURA VIDA!

Während sich meine Wandergefährten in Richtung Hotel aufmachen, stiefel ich weiter zur Touri-Info. Muss mich um meine Weiterreise (an der noch ein großes Fragezeichen klebt) und den Bustransfer kümmern und brauche qualifizierten Input. Noch ahne ich nicht, dass ich bereits in wenigen Stunden – um 4:15 Uhr, gähn – aufgeregt im Bus zur Landesgrenze sitze, auf dem mühsamen Weg nach Nicaragua. Ein überaus spontaner Kurz(ent)schluss und eigentlich entgegen meines Planes keinesfalls die Grenzen Costa Rica’s zu verlassen.

Ach… Pläne und Schlaf werden ja sowas von überbewertet!

Habt ihr auch schon unerwartete und völlig ungeplante Kurzentschlüsse getroffen? Etwas gemacht, was ihr nie von euch gedacht hättet und womit ihr euch selbst verblüfft habt? Und hat es sich im Nachgang als die richtige Entscheidung herausgestellt? Ich bin gespannt, welche Erfahrungen ihr gemacht habt und freue mich auf eure Erzählungen 🙂

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MYANMAR / Trekkingtour von Kalaw zum Inle-Lake

27. – 30. November 2018

(Beitrag vom 17.10.2020)

Ich sitze auf meinem Bett und starre auf den kleinen vollgestopften Rucksack auf dem Boden. Daneben steht sein großer Bruder, gefüllt mit meinem restlichen Reisebesitz. Die Entscheidung, welche 3-Tage-Survivalsachen in den 17 Liter-Knautschbeutel sollen, war schnell getroffen. Viel Auswahl gibt’s ja nicht und spartanisch kann ich inzwischen ganz gut. Auch wenn es schwerfällt, für die Kamera ist kein Platz, Handyfotos müssen reichen. Sie wandert mit dem Netbook zu den Sachen im Reiserucksack, der morgen auf eigene Tour geht.

Das nächste Abenteuer steht in mit scharrenden Hufen den Startlöchern…

Vorgestern habe ich mich bei einer Agentur in Kalaw für einen dreitägigen Trek angemeldet. Der Preis macht mich etwas skeptisch: Für umgerechnet schlappe 22,- Euronen werde ich vom Hostel zur Agentur und mein Reiserucksack zur nächsten Unterkunft befördert (ist bereits gebucht). Ein Guide bringt uns zu Fuß durchs Hinterland von Kalaw zum Inle-Lake. Frühstück, Lunch, Abendessen, Wasser, Übernachtung inklusive. Die erste Nacht bei einer Familie in einem abgeschiedenen Bergdorf, die zweite Nacht in einem Kloster (ein lang gehegter Traum und der Ausschlaggeber, die Tour bei Jungle King zu buchen)! Eine Bootsfahrt über den Inle-Lake gehört ebenfalls zum Programm. Wo also ist der verdammte Haken?!

Tag 1 – Ich latsch dann mal zum Inle-Lake

8:30 Uhr, ein Taxi bringt mich vom Hostel zu Jungle King. Mein Backpack bekommt ein Umhängeschild mit dem Namen meines nächsten Domizils und verschwindet auf einen Pickup. „Auf Wiedersehen“, hoffe ich gedanklich nachwinkend. Wir werden nach den unterschiedlichen Routen in Gruppen aufgeteilt und bekommen unsere Wanderführerin, Cindy. Der Glücksgriff schlechthin, wie sich herausstellen wird.

Wir sind eine kunterbunt gemischte Truppe von acht Leuten (Schweizer, Spanier, Kanadier, Deutsche). Schon nach wenigen Kilometern ist klar, die Gefährten (um mich an Tolkiens Vokabular zu bedienen) sind klasse und Cindy der Knaller. Das gewitzte Mädel ist Anfang zwanzig und wir sind sofort ihrer liebenswerten Art erlegen. Die ganze Zeit summt sie leise vor sich hin, albert rum und erklärt uns in super verständlichem Englisch alle möglichen Pflanzen und deren Wirkungen.

Am Mittag machen wir an einer Hütte Rast und werden mit einem kleinen Teller Suppe, etwas Obst und Nudeln mit Gemüse versorgt. Heute stehen 19 Kilometer an. Ganz gemütlich und völlig unanstrengend.

Auf dem Weg von Kalaw zum Inle-Lake
Blick hinunter zu den Terrassenreis-Feldern
Umgeben von blühendem Sesam
Frauen bei der Reisernte
Wir kommen an unzähligen Acker- und Feldflächen vorbei

Die Landschaft ist enorm schön. Wälder, knallgelb blühende Sesamfelder, weite Flächen mit grandiosem Fernblick. Von einem Hügel aus zeigt uns Cindy die terrassenförmigen Mountain-Reisfelder, wir treffen auf Bauersfrauen bei der Reisernte, kommen an Chili-Plantagen vorbei und passieren kleine Bergdörfer, in denen tatsächlich die Zeit stehengeblieben ist.

Unser Weg führt an einer Schule vorbei und die Kleinen flippen bei unserem Anblick völlig aus. Wir dürfen sogar in die Klassenzimmer und schreiben unsere Namen an die Tafel, während die Kinder aufgedreht lachend um uns herumspringen. Die Verständigung läuft über Lächeln, Gesten und Cindy. Englisch spricht hier niemand, wir sind in einer völlig anderen Welt gelandet.

Ein kleines Dorf im Hinterland zwischen Kalaw und dem Inle-Lake
Die Kinder sind alles andere als schüchtern. Neugierig umringen sie uns.

Nats, Naturgeister Myanmars

Auch über den spirituellen Glauben der Menschen und die „Nats“ erfahren wir einiges. Die Nats sind die guten und bösen Geister. Wir kommen zu einem Baum, an dem sich ein Schrein befindet. Cindy erklärt, dass die Bauern hier den Nats die größte Frucht ihrer Ernte opfern, verbunden mit der Bitte, im Gegenzug eine reiche Ernte zu erhalten. Motorradfahrer hupen drei Mal beim vorbeifahren, die Bitte an den Nat, dass ihnen nichts passieren möge, erzählt sie weiter. Die Menschen hier sind stark mit ihrem Glauben verbunden, was für uns vielleicht als schräg oder etwas lächerlich empfunden werden könnte. Ich finde es einfach bezaubernd.

Da es unterwegs keine Toiletten gibt, sind wir gezwungen, die Notdurft in der Wildnis zu verrichten. Kein Problem, beruhigt Cindy, bittet uns aber, uns nach dem Geschäft mit einem „sorry Nat“ bei den Waldgeistern zu entschuldigen. Dann sei kein Nat angepisst und alles in Butter. Ich werde wohl nie wieder bei Wanderungen ins Gestrüpp pinkeln, ohne „sorry Nat“ hinterherzuschmettern. Den Vogel schießt Cindy ab, als sie ein Blatt in einen Büffel-Kackehaufen steckt und auf meinen debilen Blick antwortet, dies sei ein Kuchen-Geschenk für den Nat. Wegen genau diesen Dingen reise ich, denke ich lachend.

Mit der Abenddämmerung erreichen wir das Bergdorf, in dem wir übernachten werden. Von einem ausgemergelten älteren Ehepaar werden wir freundlich lächelnd empfangen. Ich hatte zuvor bereits von der „spartanisch-rustikalen Ausstattung“ der Unterkünfte gelesen. Dennoch lacht sich die Realität mal wieder über meine Vorstellungen schlapp.

Einige Holzstufen führen ins Innere der Bambushütte. Dort gibt es eine Küche (definitiv nicht so wie ihr jetzt denkt) und einem Wohnraum. In dem liegen mehrere Matratzen und Decken auf dem Boden, unser Nachtlager. Mein Blick wandert durch den Raum, über Buddhafiguren und religiöse Gegenstände, sorgsam auf einem langen Brett drapiert, zu den dünnen Bambuswänden, durch deren Löcher ein kalter Wind in den Raum weht. Ich bin froh für meine Fleecejacke, die ich heute Nacht gewiss brauchen werde.

Unsere Unterkunft im Bergdorf
Dünne Wände, keine Fenster

Auch hier sind die Nats Bestandteil des alltäglichen Lebens. So werden wir gebeten, stets darauf zu achten, die Tür hinter uns zu schließen, damit der gute Spirit im Haus bleibt.

Zu Gast bei Einheimischen im Bergdorf

Unsere Gastgeber sitzen auf dem Boden des Küchenraumes an einer qualmenden Holzfeuerstelle. Wir kauern uns um die wärmenden Flammen und werden mit grünem Tee und einem köstlichen Tea-Leaf-Salad (ein scharf-pikanter, sehr öliger Salat aus Teeblättern und Nüssen) versorgt. Zusammen mit Cindy schnibbel ich, auf dem Boden knieend, die Zutaten für unser Abendessen, das sie anschließend auf dem offenen Feuer kocht. Leider können wir uns mit unseren Gastgebern nicht verständigen. Dafür ist ihr Lächeln umso herzlicher, mit dem sie uns zeigen, wir sind hier sehr willkommen. Leise unterhalten sie sich mit Cindy, die für uns übersetzt und über die Jahre zu einer Tochter für die beiden geworden ist. Die Hausherrin meint breit grinsend, wenn sie mit uns reden könne, würde sie gar nicht mehr aufhören. Wie gerne würde ich mit ihnen sprechen können, sie über ihr Leben fragen, bedauere ich.

Unsere Gastgeber in ihrer Küche bei der Zubereitung des Abendessens
Ein Blick in den Küchenraum. Die Wände in der ganzen Hütte sind dünn und luftig.

Abendessen gibt es nebenan. Meine brennenden Augen sind dankbar, dem beißenden Rauch zu entkommen. Wir sitzen auf unseren Matten an zwei sehr tiefen, runden Tischen und löffeln Suppe. Cindy bringt Teller, Besteck und einen großen Topf Reis. Dazu gibt es Salat aus grünen Tomaten mit Erdnussdressing, unterschiedliche Gemüsesorten, Fisch und Tofu. Eine köstliche Geschmacksexplosion fremdartiger Gewürze.

Ich frage mich, wo unsere Gastgeber schlafen, wenn wir ihren einzigen Raum belagern. Es gibt in der Hütte keinen Schrank, keinen Stuhl. Aber sie haben ein Dach über dem Kopf. Sie haben Essen und ein kleines Einkommen, durch das Nachtquartier, das sie uns geben. Vermutlich sind sie dadurch in einer weitaus privilegierteren Rolle, als die meisten Menschen hier. Die beiden sehen glücklich aus. Sie brauchen nicht mehr zum Leben. Nein, sie haben nicht mehr zum Leben. Wie sollen sie vermissen, was sie nicht kennen? Ist es letzten Endes nicht all das „Zuviel“ und der ganze überflüssige Kram, den man kauft aber nicht braucht, mit dem wir unser Leben zuschütten und unser wahres Glück und die Zufriedenheit darunter begraben? Warum fühlt man sich sonst so befreit, beim Entrümpeln und aussortieren?

Ich bin unbeschreiblich dankbar für diese spezielle Erfahrung und den Einblick in ein derartiges Leben. Es sind genau diese Momente, die mir immer wieder die Notwendigkeit bewusst machen, mich selbst, mein Umfeld und mein Leben mit den von mir gesetzten (manchmal falschen?) Prioritäten zu hinterfragen, zu überdenken und neu auszurichten. Blöderweise geht dieses Bewusstsein im Hamsterrad des Alltags viel zu häufig unter. Dabei sind diese Erfahrungen der Reinigungsfilter für mein (Über-)Leben, der meinen Füßen die Bodenhaftung gibt, mich erdet, den verschwommenen Blick wieder schärft und das Ungleichgewicht ausgleicht, wenn vermeintlich wichtige Banalitäten oder Ärgernisse die Waagschale zu kippen drohen.

Hier verteilt die Wirklichkeit knallharte Kinnhaken. Obwohl unser Nachtlager weder über Bett noch Stuhl verfügt, Strom gibt es für ein paar Stunden. In dem Wohnraum hängen zwei Glühlampen, betrieben über ein Aggregat. Um 21 Uhr wird alles abgeschaltet.

Die Toilette befindet sich etwas abseits der Hütte und besteht aus einem kleinen Bretterverschlag mit Plastikwanne und Abfluss. Wegen Groß-Spinnenalarm schleich ich heimlich ins Gebüsch und flüstere brav mein „sorry Nat“. Die Notdurft wird ab sofort vorerst auf ein Minimum reduziert. Zähne werden mit Stirnlampe draußen an einem Wassertrog geputzt. Unser Hausherr spült unterdessen, auf dem Boden des Außenbereichs hockend, das Geschirr in einer Schüssel. Fließendes Wasser gibt es nicht. Ich frage mich, wie ich all das hier zuhause erklären kann. Es fühlt sich an, als hätte man mich in eine andere Welt gebeamt. Ein Blick in den Sternenhimmel versichert mir aber, es ist der gleiche Planet. Allerdings leuchtet er hier anders. Die Milchstraße ergießt sich so breit und strahlend hell über meinem Kopf, dass mir die Spucke wegbleibt.

Mit einem Schüsselchen schöpfen wir uns gegenseitig Wasser aus dem Betonbecken, um Gesicht, Achseln und Hände zu waschen. Mehr baden ist nicht wegen zu kalt. Sei’s drumm, ich stink eh wie ein Räucheraal. Kostet dennoch Überwindung, in den verqualmten Klamotten zu schlafen. Kleidung ausziehen ist für die Frostbeule jedoch keine Option. Draufgesch***, das stärkt alles den Charakter!

Tag 2 – Ich latsch dann mal zum Inle-Lake

6:00 Uhr, helle Lichtstrahlen dringen durch die Schlitze der dünnen Wand und lassen den zarten Rauchschleier leuchten, der noch immer durch die Luft wabert. Die Nacht war eisig und und schlafdürftig.

Da wir alle in der Wanderkluft geschlafen haben, sind wir quasi beim Aufstehen schon abmarschfertig. Zuvor gibt es aber Frühstück. Die kleinen Tische werden wieder an unser Lager geschoben und vollgeladen: Frittierte Teigfladen, Avocadocreme, ein Kartoffelcurry, frische Papaya, Wassermelone. Definitiv zu viel für diese Uhrzeit. Etwas Wassermelone und Kaffee reichen völlig. Die braune Brühe will’s allerdings wissen, die ist speziell: Kaffeepulver in die Tasse kippen (Filter wird völlig überbewertet), heißes Wasser drauf und einen zähen, bappsüßen Milchbrei aus dem Tütchen reindrücken, umrühren, fertig. Die Koffeeinsucht kippts rein, der Überlebenswille treibts runter.

Opulentes Frühstück am Bett
Bei herrlichstem Wetter und schweißtreibenden Temperaturen in 3 Tagen zum Inle-Lake

Wasser ins Gesicht, Zähne schrubben, Unterwäschenwechsel und flott ein „sorry Nat“ in die Natur schmettern. Wir verabschieden uns herzlich dankend von unseren Gastgebern und ziehen los.

Wanderst du noch oder mampfst du schon wieder?

Nach rund zwei Stunden erreichen wir das nächste Dorf. Kaffeepause!! Danach lassen wir uns von Cindy durch das bunte Markttreiben schleusen. In Begleitung einer Einheimischen ist ein landestypischer Markt ganz großes Kino! Wir fressen uns mit Cindys kulinarischen Empfehlungen einmal quer durch. Sie kauft überall Leckereien zum probieren: Die beliebten „Lovers-Cake“ (eine fettig frittierte, pikante Teigtasche mit Gemüsefüllung), „Sticky Rice“ (Klebreis der in ein Zuckerrohr gepresst und darin gedämpft wird – babbisch aber höllenlecker!), süße, dreieckige Sesam-Reisteilchen, die in eine noch zuckerhaltigere Masse getunkt werden, Tofu mit Kraut und scharfer Koriandersauce… eine Schlemmerei sondergleichen!

Kaffeepause Myanmar-Style
Wir kosten die beliebten Lovers-Cake
Cindy zeigt uns, sichtlich erheitert, wie man Sticky-Rice isst
Landestypische Märkte, immer ein Erlebnis

Pappsatt kugeln wir weiter, vorbei an Chili-Plantagen, in deren Höfen die feuerroten Schoten großflächig zum Trocknen ausliegen. Da ich scharf fast genauso gut leiden kann wie Kaffee, kaufe ich einen Beutel Chilis und knote ihn an meinen randvollen Rucksack.

Scharfe Sache; Chiliplantagen soweit das Auge reicht

Man kommt hier tatsächlich in Mampfstress… Ist ja nicht so, als wäre der Kauleiste heute langweilig! Um 13 Uhr stoßen wir mitten im Nirgendwo auf ein paar Häuser und Cindy verkündet, es sei Mittagessenzeit. Mich fragt sie, ob ich ihr wieder helfen wolle und so machen wir uns in einer der Hütten an die Koch-Arbeit. Vier Männer sitzen drinnen um ein Feuer und rauchen. Während ich mich abrackere, Knoblauch mit einer verranzten Schere kleinzuschnibbeln, gebe ich den Herren zu ihrer großen Erheiterung ein paar Brocken Deutsch-Sprachkurs.

Mit erneut oder noch immer vollen Bäuchen ziehen wir am Mittag weiter. Man hätte mich ja mal vorwarnen können, dass das Motto nicht „sportliche Trekkingtour“ sondern „Schlemmertour Deluxe“ ist…

Wir kommen an einem Fluss vorbei. Das ist unsere Chance! Wer weiß, wann es die nächste Dusche gibt? Wir Mädels waschen uns erst mal das Räucheraroma aus den Haaren, während Cindy gleich komplett bekleidet in die Fluten springt. Kühlt beim Wandern in der Hitze besser, erklärt sie pragmatisch. Naheliegend, da sie bei den sommerlichen Temperaturen lange Kleider trägt.

Wir nutzen dankbar die erfrischende Waschmöglichkeit

Eine Nacht im buddhistischen Kloster

Es ist bereits stockdunkel, als wir um 18 Uhr nach gut 21 Kilometern das buddhistische Kloster erreichen. In dem großen, kargen Saal des Haupthauses sind Matratzen auf dem Dielenboden ausgelegt. Wir beziehen unser Lager und beobachten am anderen Ende des Saales die kleinen Novizen in ihren roten Roben, wie sie gebannt vor einem Fernseher sitzen. Momentan gibt es hier nur zwei Hauptmönche und die Novizen, erzählt Cindy.

Unser Quartier im Kloster

Mit Gefährte Johnny suche ich den „Waschraum“. Damit wir uns richtig verstehen: Der Waschraum besteht aus einem Gemäuer, das weder Türen noch ein Dach hat. Darin befindet sich ein länglicher Beton-Trog in dem (sofern wir das im kläglichen Schein unserer Stirnlampen erspähen können) semi-saubere Brühe steht. Wir sind uns einig, das Flusswaschen war ausreichend, auch wenn wir uns wieder klebrig und verschwitzt fühlen.

Zum Abendessen versammeln wir uns mit anderen Übernachtungsgästen auf einer langen überdachten Terrasse neben dem Haupthaus. Auch hier müssen wir, wie im Kloster selbstverständlich auch, die Schuhe davor ausziehen. Zumindest dürfen wir die Socken anbehalten. Das freut die frierenden Füße bei den mittlerweile wieder frischen Temperaturen.

Eine Nacht im buddhistischen Kloster

Nach einem reichhaltigen und leckeren Essen bleibt nicht mehr viel Zeit. Um 20 Uhr ist Schicht im Schacht, ähh Kloster. Dann geht das Licht aus. Scheinbar sind alle müde und verschwinden unter den Decken. „Hallo?! Ich geb dir schlafen um 20 Uhr! Normalerweise wär jetzt erst mal ’n Kaffee fällig!“ blafft mich mein Körper beleidigt an. Ich schnappe meinen Schreibkram und kauere mich abseits in dem stockdunklen Saal auf eine Holzstufe, um mit dem Licht der Stirnlampe niemanden zu stören. Gruselige Finsternis verschluckt mich.

Ich zucke zusammen, als plötzlich etwas auf mich zuspringt. Dann klettert ein Katzenbaby auf meinen Fuß. Ich hebe das kleine Flauschknäuel in meinen Schoß, wo es sich einkuschelt. Katzen sind eigentlich nicht so meins, aber Tierkinder sind einfach Seelenstreichler. Schockverliebt betrachte ich das kleine Wesen und erschrecke tierisch, als hinter mir etwas hektisch vorbeitippelt. Einige Novizen sind vorbeigerannt, einer bleibt neben mir stehen und sieht mich mit großen Augen an. Er heißt Toon (zumindest spricht er es so aus) und ist sieben Jahre alt. Er streckt mir seine kleine, eiskalte Hand entgegen und flüstert in englischer Sprache, er freue sich, mich kennenzulernen. Ich nenne ihm lächelnd meinen Namen und antworte, die Freude sei ganz meinerseits. Er streckt seine offene Hand aus und deutet mit der anderen auf seinen Mund. Er ist hungrig und hofft auf eine Essensspende. Traurig gestehe ich, dass ich nichts dabei habe, er nickt enttäuscht. Kaum ist er weg, stehen die nächsten 3 Novizen vor mir. Barfuß, mit nackten dünnen Ärmchen und Beinchen, nur ihre Robe um den Leib, ein geringer Schutz gegen die Kälte. Fasziniert starren sie auf mein Heft und wollen zusehen wie ich schreibe. Irgendwie ne verrückte Situation, mit Katzenbaby im Schoß, neugierigen Minimönchen, mitten in der tiefsten Pampa Myanmars, in einem uralten, stockdunklen buddhistischen Kloster. Das hätte ich mir so niemals nicht vorgestellt…

Tag 3 – Ich latsch dann mal zum Inle-Lake

Um 6:20 Uhr kriechen wir verknittert unter den Decken hervor und torkeln zum Frühstück. Die Nacht war ok, gegen 22 Uhr konnte ich tatsächlich einschlafen. Um 5 Uhr hörte ich die Novizen bereits durch den Saal flitzen.

Kurz nach 7 Uhr verlassen wir das Kloster. Die Sonne kämpft sich ihren Weg durch den dichten Morgennebel, der die Umgebung noch kühl und feucht einlullt. Eine wunderschöne und mystische Atmosphäre.

Aufbruch zur letzten Etappe an einem kalten nebligen Morgen
Viele Nachbarn gibt es hier nicht

Wir kommen an ein Zollhäuschen, an dem wir 15.000 Kyatt (rund 10,- Euro) zahlen. Die Eintrittsgebühren zur Inle-Region.

Rast machen wir an einem typisch burmesischen Kiosk, bei dem es über Autozubehör, Waschmittel, Knabberzeug, Süßigkram etc. auch Kaffee gibt. Wir setzen uns auf quietschbunte Plastikhöckerchen an die niedrigen Tische in der Sonne und trinken grünen Tee und Kaffee. Was freu ich mich darauf! Die Siffbrühe zum Waschen, die Matratzen im kalten Klostersaal, Bettruhe um 20 Uhr – alles halb so wild, aber der Kaffee heute früh… das war eher braunes Wasser.

Der Abwasch wird vorm Ladenlokal gemacht

Einiges was ich hier sehe und erlebe, verstehe ich nicht und so nutze ich die Gelegenheit, während unserer Wanderung Cindy über Buddhismus, die Nats und ihren Glauben zu fragen. Als wir unterwegs an einem weiteren Schrein vorbei kommen, stellt Cindy eine Flasche Wasser hin, die sie extra dafür mitgenommen hat. Für den guten Spirit, erklärt sie. Das Wasser symbolisiert Reinheit und Klarheit, die sich auch in ihrem Geist und Inneren widerspiegeln sollen. Nochmals nach den Nats gefragt, antwortet sie, dass uns diese überall umgeben. So glauben die Menschen beispielsweise an Baum-Nats, die in der Luft seien, die die Menschen schützen und ihnen das zurückgeben, was ihnen gespendet wird. Ein schöner Glaube…

Die heutige Etappe hat allerdings auch eine Challenge am Start! Nach einem kleinen Stopp an dem 800 Jahre alten Bodhi-Baum (ein riesen Teil, den einige der Truppe freudig erklimmen), setzt sich der Weg einige Kilometer unter immensen Spinnennetzen fort. Mit Schnappatmung stiere ich auf den Trampelpfad vor mir, der von weißen, dichten Spinnfäden überdacht ist. Muss ich erwähnen, dass auch zahlreiche überdimensionierte Prachtexemplare „zuhause“ sind?! Der absolute Horror! Lachend setzt mir Cindy ihren Strohhut auf und meint, ich solle einfach ne Weile weder nach rechts, links oder oben gucken. Für die ganz interessierten Insektenfreunde fischt sie anschaulich einen Spinnengigant aus dem Netz und lässt ihn auf der Hand krabbeln. Ich renne los.

Wir nähern uns dem Inle-See und die Landschaft verändert sich zusehends

Irgendwann gibt’s keine Netze mehr, der rote Sandboden und die kargen Sträucher weichen einem asphaltierten Weg, der uns vorbei an Acker- und Feldflächen führt. Die Farmersleute winken und grüßen uns aufgeschlossen, ganz anders als die sehr scheuen, zurückgezogenen indigenen Bergvölker.

Die erste Pagode, seit wir vor 3 Tagen in Kalaw gestartet sind
Kleine Nebenarme des Inle
Begeistert bestaunen die Kleinen ihr Foto auf dem Handy

Geschafft, angekommen am Inle-Lake

Nach 17 Kilometern sind wir fast am Ziel. Gegen 12:30 Uhr erreichen wir den Inle-Lake. Wir setzen uns in den Schatten einer chilligen Outdoor-Bar und stoßen mit kühlen Getränken gemeinsam auf die geniale Zeit und die grandiose Tour an. Cindy schleppt unterdessen mal wieder Unmengen Futter bei.

Angekommen – Darauf wird angestoßen

Das war’s dann wohl… Das letzte Stück müssen wir nicht mehr zu Fuß bewältigen. In einem Nebenarm des Inle-Lake wartet bereits ein langes, schmales Holzboot. Schweren Herzens verabschieden wir uns von Cindy. Für sie geht es nach Hause, für uns weiter.

Die Fahrt über den See ist toll! Über eine Stunde knattern wir an den Stelzen-Häusern, schwimmenden Gärten und den legendären Einbein-Ruderern vorbei, bis wir auf der anderen Seite in Nyaung Shwe anlegen. Hier trennen sich auch unsere Wege, zumindest was die Unterkünfte betrifft. Für den Abend verabrede ich mich mit der Truppe, dann mache mich auf die Suche nach meinem Hostel, in der Hoffnung, dass mein Rucksack seine Reise dorthin ebenfalls geschafft hat.

Eine Stunde dauert die Fahrt zur gegenüberliegenden Seite des Inle-Lake
Einbein-Ruderer auf dem Inle

Meine Unterkunft liegt etwas außerhalb und so bekomme ich auf dem Fußweg bereits erste Eindrücke der neuen Destination. Schön hier, allerdings bekanntermaßen auch deutlich touristischer.

Angekommen in Nyaung Shwe

Umso mehr freue ich mich, dass in meinem Hostel sehr wenig los ist. Beeindruckt stehe ich vor dem gepflegten, ruhigen „Inle Inn“ und werde sofort freundlich empfangen. Auch mein Gepäck ist da, yippieh! Mein Zimmer ist fantastisch! Alles aus Bambus, ein riesiges Bett, ein sauberes Bad mit fließendem, klaren Wasser! Ich sehne mich nach einer Dusche und frischen Kleidern. Der pure Luxus nach den letzten Tagen.

Jetzt steht eine neue Etappe des Abenteuers Myanmar an. Drei Tage bleibe ich am Inle-Lake und werde die Region erkunden. Danach reise ich weiter nach Hpa-An.

Als Fazit des Treks von Kalaw zum Inle-Lake bleibt mir nur zu sagen: Es war eine beeindruckende, faszinierende und sehr erlebnisreiche Tour! Die Landschaft war wunderschön, die Tagesetappen perfekt und sehr gut zu bewältigen. Die Unterkünfte hätte ich persönlich mir nicht anders gewünscht. Genau diese Erfahrungen würde ich nicht missen wollen und was ich ganz besonders toll fand, war die Gelegenheit, Gast bei Einheimischen sein zu dürfen. Genauso werde ich die Nacht in dem Kloster niemals vergessen. Es war eine einmalige Chance, das Land und die Menschen auf eine andere Art kennenzulernen.

Abschließen möchte ich mit einem Spruch, den ich an der Hauswand eines Hostels gelesen habe und den ich sehr passend finde:

See life as you see through a camera.
Focus on what’s important.
Capture the good moments.
Develop from the negatives.
And if things don’t work out, just take another shot.

Die besten Gefährten auf dem Kalaw-Inle-Trek

Wer noch mehr über meine besondere Reise durch Myanmar lesen mag, besonders im Hinblick darauf, was es „im Inneren“ mit mir gemacht hat, findet unter der Rubrik „Kurz(e)geschichten“ einen weiteren Beitrag. Für das Magazin „Tibet und Buddhismus“ durfte ich eine bebilderte Reportage schreiben, die ich euch hier auch gerne nochmals verlinke.

Der Beitrag kann unbeauftragte und unbezahlte Werbung enthalten. Als unbeauftragte Werbung gilt die Erwähnung oder Empfehlung von Produkten, Marken und Leistungen jeglicher Art.

Höhenflug in Bagan, Stadt der 1000 Tempel / MYANMAR

19. November 2018

(Beitrag vom 01.09.2020)

Bäääm! Von der ersten Sekunde an hat mich Myanmar wie ein Turbostaubsauger eingesaugt, emotional durchgewirbelt und sprachlos wieder ausgespuckt!

Vor gerade mal drei Tagen bin ich in dieser völlig fremden, anderen Welt angekommen. So kurz da und schon so tief eingetaucht…

Das Abenteuer startete in Yangon. Allerdings nur für eine Nacht, die hinterließ dafür einen Eindruck, der sich unwiderruflich in meinen Sehnerv eingebrannt hat. Mich hat wohl noch nie ein Bauwerk und sein Drumrum so aus der Fassung gebracht, wie die prachtvolle Shwedagon-Pagode!

Puh, die Messlatte liegt nun verdammt hoch. Dürfte schwer zu toppen sein, sinniere ich auf der langen Fahrt nach Bagan. Der Name klingt ja schon vielversprechend, irgendwie geheimnisvoll. Was ich über Bagan gelesen habe, schürt die Neugierde und lässt Großes erwarten.

Bagan, Old Bagan oder Nyaung U – wo bin ich?

Zu wissen, wo man hin muss, erleichtert das Ankommen ungemein. Daher habe ich bereits in Yangon die nächste Unterkunft gebucht. Nach elf Stunden Busfahrt komme ich endlich am Ziel an. Die „Eintrittserlaubnis“ für Bagan, kostet 25.000 Kyatt für drei Tage, umgerechnet rund 16 Euro. Zu zahlen bei Ankunft.

Im New Wave Hotel (irgendwo zwischen Nyaung U und Old Bagan) beziehe ich ein tolles geräumiges Zimmer mit zwei Betten und eigenem Bad. Meine Buchungswahl erweist sich als großer Glücksgriff. Das Personal ist unfassbar freundlich und hilfsbereit. Man macht es mir enorm leicht, mich in dem fremdartigen Land einzufinden, mich sicher und wohl zu fühlen. Ich bekomme Hilfe angeboten, noch bevor ich darum bitte. Jederzeit. Mit einer Selbstverständlichkeit, die mir die weitverbreitete Alltagsignoranz in der Heimat peinlich und traurig vor Augen führt.

Tempel-Erkundung per Fahrrad

Der Morgen startet auf dem Rooftop. Mit den hiesigen Frühstücksgepflogenheiten werde ich mich nicht anfreunden. Reis und Omelette lehne ich dankend ab und tausche es gegen etwas Toast mit Marmelade und Banane. Der einzig essenzielle Frühstücksbestandteil heißt für mich „Kaffee“, der Rest wird völlig überbewertet. Kaffee im warmem Sonnenschein auf der Dachterrasse – IM NOVEMBER – kann was! Die Glückskala ist am Anschlag.

Beim Fahrradverleih nebenan leihe ich mir für sagenhafte 1,50 € ein Vehikel für den Tag. Den Tempel-Übersichtsplan griffbereit, holpere ich auf dem Drahtesel durch die furztrockenen, staubigen Straßen.

Tempel-Sightseeing mit dem Fahrrad

Der Blick auf die Karte bestätigt Bagan’s Namenszusatz „Stadt der 1000 Tempel“. Unzählige Pagoden, Tempelanlagen, Stupas verstreuen sich über ein weitläufiges Areal. In jeder der heiligen Stätten wohnen Buddhas. Ich muss gar nicht lange suchen, bis die ersten Türme in der Steppe vor mir auftauchen. Das Fahrrad geparkt, laufe ich mit klopfendem Herzen auf die erste Pagode zu. Auf einem Podest davor stehen mehrere Buddha-Figuren im Kreis. Hochgradig froh mache ich Fotos. Wenn das so weitergeht, dürfte bereits am Mittag die Grenze meine Speicherkarte überschritten sein… Aber bei Buddhas und Tempeln werde ich schwach, da kann ich meine Begeisterung nicht mehr im Zaum halten. Die sprudelt über, ungebremst.

Eine Burmesin hockt vor der Pagode. Wir lächeln uns an, kommen ins Gespräch. Sie verkauft ihre Sandgemälde, deren Symbolik (die Bedeutung der buddhistischen Monate und Wochentage) sie mir ausgiebig erklärt. Kein Verkaufsgespräch, sie freut sich einfach über unseren Austausch.

Am nächsten Tempel eine ähnliche Begegnung. Ein drolliges Männlein erzählt mir mit seinen von Betelnüssen rotverfärbten Zahnstummeln seine Lebensgeschichte. Er kümmert sich um die Pagode und den Buddha, der darin wohnt. Er restauriert, pinselt die Wandfarbe nach, schaut nach dem Rechten und malt wunderschöne Sandbilder. Das hat ihm sein Papa beigebracht, der jetzt 82 Jahre alt ist, erklärt er stolz. Deshalb kann der jetzt auch nicht mehr den Buddha und die Pagode pflegen, deren Putz schon überall abbröckelt.

Wächter der Pagode und Sandmaler

Ich bin von der Warmherzigkeit und Offenheit der Menschen, die zugleich schüchtern sind, komplett ergriffen. Jeder will wissen woher ich komme. Ich werde nach meinem Namen gefragt und bekomme freudig den Namen meines Gegenübers genannt. Die Menschen sind so unaufdringlich interessiert und aufrichtig freundlich, dass ich sie sofort in mein Herz schließe. Ständig winken mir Kinder juchzend zu und lachen sich kringelig, wenn ich zurückwinke und „Mingalabar“ (was „Hallo“ heißt) rufe. Meine Kamera finden sie besonders toll. Sie möchten unbedingt aufs Foto, werfen sich in Pose und gucken mit großen Augen ihr Konterfei auf dem Display an, das ich ihnen zeige.

Die Kinder sind neugierig und fröhlich

Den ganzen Tag radel und laufe ich zwischen den sandigen Anlagen umher. Vor mir flüchtet eine Schlange ins Gebüsch. Davon gibt es etliche, weswegen auch immer Vorsicht geboten ist. Selbst nach dem gefühlt einhundertelfzigsten Tempel gerate ich noch immer in Augen-Ekstase. Jeder ist anders, jeder Buddha darin einzigartig.

Tempelanlagen soweit das Auge blickt – und noch weiter…
Der Ananda-Tempel, eines der elf größten Bauwerke Bagans
Wundervolle Buddhas

Nach einem Abstecher nach Old Bagan zur Bu Paya, einer goldenen, eierförmigen Statue am Irrawaddy-See, verabschiede ich diesen wunderschönen Tag beim Sonnenuntergang vom Dach einer Pagode. Natürlich von einer, die man besteigen darf. Das ist nämlich bei den wenigsten erlaubt. Dreckverstaubt, verschwitzt und den Kopf voller neuer Eindrücke, strampel ich durch den warmen Sommerabend zurück zum Hostel. Freu ich mich auf eine Dusche!

Junge Novizen in Old Bagan
Abenddämmerung in Bagan und…
Durch die Tür sieht man im Inneren einen Buddha sitzen
… Sonnenuntergangsstimmung

Am Abend nimmt mich die herzige Hotel-Rezeptionistin auf ihrem Roller mit nach Nyaung U. Ich besuche die Shwezigon-Pagode, bei der das Tazaungmon-Vollmondfest stattfindet. Etwas anders, als ich es mir vorgestellt habe: Viele Stände mit furchtbar viel buntem Firlefanz, Essen und Trinken. Untermalt von schriller, irre lauter Kirmesmusik. Die Shwezigon-Pagode, die unter dem Vollmond golden leuchtet, bietet ein grandioses Bild. Die ganze Atmosphäre hier, abseits des Volksfesttrubels, mag ich sehr. Es haben sich Nonnen und Mönche versammelt, betende Menschen hocken auf dem Boden, ich stehe mit meinen mittlerweile wieder verdreckten Füßen mittendrin. Kein Wunder, da man Tempelanlagen nicht mit Schuhen betreten darf und ich maximal Flipflops an den Mauken habe.

Shwezigon-Pagode zum Tazaungmon-Vollmondfest
Gebete

Taxifahrten auf Reisen – besser als Kino

Nach einem gepflegten Rooftop-Kaffee teile ich mir am nächsten Morgen mit weiteren Reisenden ein Taxi zum 50 Kilometer entfernten Mount Popa (1.518 m).

Also Taxifahrten auf Reisen… weiß ja auch nicht… In Ecuador landete ich schon in der Kutsche des Vorhöllen Taxi-Luzifer. Die burmesische Version rast zwar nicht, ist aber ebenfalls ein artgenössisches Prachtexemplar: Sein Handy kreischt die Fahrt über einen unsäglichem Klingelton. Die Telefonate gestalten sich recht einsilbig. Entweder hat der Gute bereits sein verfügbares Tages-Wortkontingent verpulvert oder es liegt am opulten Inhalt seiner Mundhöhle, dass er außer „HALLO?!“ und „hmmmmm…“ quasi kaum spricht. Ich habe auf dem Beifahrersitz die Pole Position ergattert, allerfeinster Kinoplatz! Ein strenger Geruch sticht mir in die Nase. Hungrig scheint er zu sein. Kontinuierlich futtert er gerollte Blätter. Wie ein Eichhörnchen, das sich auf einen harten Winter vorbereitet, bunkert er das Grünzeug in den Backen seiner Kauleiste, die immer dicker werden. Und durstig isser! Zwischen uns steht eine Halbliter-Plastikflasche mit einem dunklen Saft. Die Brühe sieht bissl eklig aus. Die wird er doch nicht dazukippen?! Aber jeder wie er mag. Sicherheitshalber gucke ich aus dem Fenster.

Nach eine Weile fällt es mir dann wie Schuppen aus den Haaren! Der volle Mund, der Ekelgeruch, die Saftflasche die – STOP. Warum wird die voller statt leerer?? Weil er Betelnüsse kaut! Natürlich, die sind in Blätter eingewickelt. Und fördern den Speichelfluss aufs Heftigste. Deswegen sind auch die Bürgersteige und Straßen in ganz Myanmar mit roten Pfützen gesprenkelt. Weil jeder seine optische Betel-Blutlache rausrotzt. Rumrotzen im Taxi zählt aber nicht zu den kundenfreundlichsten Gepflogenheiten. Dazu nimmt er die Plastikflasche, die er hübsch zwischen uns plaziert hat. Möglicherweise entgleisen mir die Gesichtszüge, bis ich den Brechreiz wieder unter Kontrolle habe. Tja, andere Länder, andere Sitten. Dafür reise ich schließlich, sonst könnt ich auch zuhause bleiben. Okay, vielleicht nicht ganz genau für SOLCHE Erlebnisse, aber besonders das Betelnuss-Kauen hat Tradition bei den Burmesen.

Armut und Müll – die andere Seite von Myanmar

Wir nähern uns dem Ziel, weiter über steile Serpentinen. Rechts und links am Straßenrand stehen unzählige Bettler. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Über viele Kilometer erstreckt sich die Armuts-Schlange. Alle paar Metern kauern zu beiden Seiten uralte, dünne, verkrümmte und ausgemergelte Menschen. Es ist ein Anblick, der mich in Schockstarre versetzt. Ich weiß gar nicht, wie ich mich verhalten soll. Je näher wir dem Touristenmagnet Mount Popa kommen, desto schlimmer wird es, nun stehen auch Kinder da. „Menschliche Leitplanken“, schießt mir ein furchtbarer Gedanke in den Kopf. Ich bin hoffnungslos überfordert mit der Situation und dem Anblick der entgegengestreckten Hände. Aus dem Wagen vor uns fliegen Geldscheine auf die Straße. Schreiend rennt ein Pulk Kinder ungebremst zwischen die Autos, in der Hoffnung, einen der Scheine zu ergattern. Mir schnürt es die Kehle zu. Vermutlich 200 Kyatt-Scheine, umgerechnet keine 20 Cent, aber die Kinder rennen um ihr Leben. Ich überlege fieberhaft, wäge ab und entscheide mich mit schlechtem Gewissen dagegen, Geld aus dem Fenster zu werfen. Es ist ein Fass ohne Boden. Wo fängt man an, wo hört man auf? Im Reiseführer wurde ausdrücklich gemahnt, den Bettlern Geld zu geben sei der falsche Weg und würde das ganze Drama nur befeuern. Auch das ist Myanmar. Unbeschreibliche Armut.

Ein weiteres Desaster ist die katastrophale Müllsituation. Als ich aus dem Taxi steige und in Richtung Mount Popa laufe, trifft mein Blick unvermeidbar auf die Müllberge am Abhang neben mir. Abfallsäcke, Plastikflaschen, Dosen. Hier wurde der Umweltverschmutzung ein Denkmal gebaut. Auch das ist ein Anblick, an den ich mich auf der Reise nicht gewöhnen kann und will, der mir aber tagtäglich unterkommt. Sei es an Straßenecken, wo Leute ihre Abfallbeutel hinschmeißen, die dann von Hunden aufgerissen und auf verwertbare Fressalien durchwühlt werden, oder in flachen Bächen zwischen Häusern, in denen man vor Plastikmüllscheiße kaum noch das Wasser erkennen kann. Es ist furchtbar bitter, es ist die Realität. Die Mehrheit der Landsleute weiß es nicht besser, sie sind in keinster Weise darauf sensibilisiert, was sie ihrer Umwelt antun.

Auch das ist Myanmar – Plastikmüll wird in die Natur geworfen

Plastikflaschen aus dem Autofenster werfen, hier das Normalste der Welt. Als ich auf der Rückfahrt ins Taxi steige und eine leere Getränkedose in meinen Rucksack packe (ich konnte unterwegs nirgendwo einen Mülleimer finden), zeigt unser Fahrer auf die Büchse und deutet mit einem Schwung aus dem Fenster. Sein Hilfsangebot, meinen Müll zu entsorgen. Ich gucke grimmig und sage bestimmt „NO!“ und schließe demonstrativ den Rucksack. Es tut mir in der Seele weh und ich kann nur hoffen, dass schnellstmöglich ein Umdenken seinen Weg hierher findet…

Kulturschock am Mount Popa

Auf zum Berg. Eineinhalb Stunden werden uns bis zur Rückfahrt eingeräumt. Meine Enttäuschung über diesen knappen Aufenthalt erweist sich als unbegründet. Ich persönlich kann die Begeisterung vieler Touristen zu diesem überlaufenen Hotspot nicht teilen. Als ich die Müllberge hinter mir gelassen und mich durch das ganze Gewusel (alles untermalt von wahnsinnig lauter und schriller Musik) gekämpft habe, kommt die wahre Herausforderung. Über 777 Treppenstufen geht es auf den Vulkankegel. Genau genommen handelt es sich dabei um den Mount Taung Kalat. Vorbei an Marktständen und Touri-Nepp-Verkaufsbuden schiebe ich mich mit den Massen nach oben. Zwischen unseren Füßen rennen wild Affen umher. Barfuß (weil heiliger Boden) steige ich über aufgerissene Verpackungstütchen, Essensresten und Krümel, mit denen die Affen gefüttert werden. Auf der Brüstung neben mir hocken zwei große Affen und matschen in einer Plastiktüte mit Asianudeln, die sie sich gierig einverleiben.

Über 777 Stufen geht es barfuß den Heiligen Berg hinauf
Auch hier wird Thanaka verkauft, das zur Aufhellung und gegen Sonne auf die Haut gerieben wird

Stahltreppen und Bodenkacheln wechseln sich ab. Ich betrachte die Flecken auf dem Boden, denen nicht einmal mehr die Männer mit den Wischmöppen Herr werden können. Affenkacke, hatte ich gelesen. Komischerweise bin ich auf Reisen in vielerlei Hinsicht sehr robust und blende aus, wovon ich zuhause hochgradig Plack bekäme. Als ich über eine Pfütze Erbrochenes steige, komme ich aber auch an meinem persönlichen Armageddon an.

Nun gut, der Mount Popa ist einer der heiligsten Berge. Ein Besuch ist Pflichtprogramm. Meiner Meinung nach fehlt es diesem Berg und seiner Umgebung an jeglicher Atmosphäre und Spirit. Laut, dreckig, hektisch, zu voll. Das ist mein Fazit dieser Tour.

Mount Popa – Aus der Ferne schön. Näher dran verfliegt der Zauber

Höhenflug oder tu das wovon du träumst

Mein Bagan-Highlight (nicht nur höhenbedingt) wird am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück serviert.

Um 5:20 Uhr stehe ich parat vorm Hotel. Ein hübscher, nostalgischer roter Bus sammelt mich auf. 30 Minuten später sind wir am Ort des Geschehens. Im Dunkeln stehe ich mit weiteren Abenteuerlustigen auf einem weitläufigen Feld. Riesige Ventilatoren blasen kräftig die Ballons auf, während man uns mit Kaffee und genauen Instruktionen versorgt und den Piloten zuweist.

Fasziniert laufe ich zwischen rund zwanzig Fesselballons herum. Um uns brummt es laut. Langsam und beschwerlich füllen sich die Giganten und richten sich in Zeitlupe auf. Eine Gänsehaut kriecht mir über den Rücken, ich bin ganz ergriffen. Ein weiterer großer Traum geht gerade in Erfüllung. Mit „Ballons over Bagan“ habe ich vorgestern spontan eine der legendären Luft-Fahrten über die Tempelanlagen dieser traumhaften Stadt gebucht. Kapieren kann ich es noch nicht.

Nicht mehr lange… gleich geht es los

Die Morgendämmerung hat eingesetzt und unser Ballon türmt sich in seiner ganzen Pracht stolz vor uns auf. Vor Aufregung bin ich ganz kribbelig. Um 6:20 Uhr erteilt Nobby, unser Pilot, die Einstiegserlaubnis. Mit 16 Personen klettern wir in den Korb, der sich in vier großzügige Quadrate mit jeweils vier Leuten unterteilt. Unser Ballon ist der Erste, der in den Himmel steigt. Ein irres Gefühl, als der Korb über den Boden schrabbert und erst zaghaft, dann schneller abhebt und nach oben schwebt.

Bagan begeisterte mich bereits enorm, als ich mit dem Fahrrad die Pagoden abgefahren hatte. Diese uralte, gigantische Tempelstadt nun von oben betrachten zu dürfen und ihr Ausmaß zu sehen, ist jedoch eine ganz andere Nummer! Zutiefst berührt und völlig überwältigt glotze ich aus dem Korb nach unten, den Freudentränen hinterher, die mir aus den Augen kullern.

Hunderte kleine Stupas und große Tempel ragen aus der grünen Wiesen- und Palmenlandschaft heraus. Manche steinweiß, manche golden, die meisten erdfarben, dazwischen steigt der Morgennebel auf und würzt das Spektakel mit einer Prise Mystik. Sonnenaufgang. Ein glühender Feuerball, an dem all die Ballons vorbeiziehen, während unter uns einige Frühaufsteher das Schauspiel von ihren Aussichtspunkten bestaunen und uns zuwinken. „Welch magischer, phantastischer Ort“, denke ich völlig geflasht.

Nach rund 40 Minuten landen wir ganz entspannt auf dem Feld. Mit einem Glas Champagner überreicht uns Nobby unsere Urkunde. Es folgt ein gemeinsames Frühstück mit Kaffee, Tee, Croissants, Bananenkuchen und Obst. Um 7:30 Uhr hat der Zauber ein Ende, das Team von Balloons over Bagan bringt uns zurück.

Zugegeben, die Fahrt mit Balloons over Bagan ist kein Schnäppchen. Es war meine erste und wohl auch einzige Ballonfahrt in meinem Leben. Ich hätte mir sicherlich keinen für mich schöneren Ort dafür aussuchen können und rückwirkend betrachtet, war es die genialste Entscheidung, mir diesen Luxus zu gönnen. Alles war von vorne bis hinten top organisiert, das Equipment im allerbesten Zustand (soweit ich das beurteilen kann) und das ganze Team mega freundlich, kompetent und professionell. Jeder Handgriff saß, alles lief ausgesprochen sicher ab. Zudem war mir wichtig, die Tour mit einem regionalen Anbieter zu machen, so dass meine Investition auch an die Locals geht. Ich kann jedem, der mit einer Ballonfahrt liebäugelt und in Myanmar ist, wirklich ans Herz legen, bei Balloons over Bagan zu buchen. Alternativ gibt es auch eine Ballonfahrt über den Inle-Lake, was für mich persönlich lange nicht so reizvoll wäre, wie die Fahrt über die wunderschöne Tempelanlage von Bagan. Aber das ist Geschmackssache.

Unsere Crew rund um Pilot Nobby (mitte)
Foto: Balloons over Bagan

Man kann definitiv sagen, ich verlasse Bagan mit Pauken und Trompeten! Mir bleiben jetzt noch ein paar Stunden, dann ziehe ich um 11:30 Uhr mit dem Bus weiter nach Mandalay. Eine gute Gelegenheit, noch eben die Laufschuhe zu schnüren und eine letzte Abschiedsrunde durch Bagan zu drehen…

Wer noch mehr über meine besondere Reise durch Myanmar lesen mag, besonders im Hinblick darauf, was es „im Inneren“ mit mir gemacht hat, findet unter der Rubrik „Kurz(e)geschichten“ einen weiteren Beitrag. Für das Magazin „Tibet und Buddhismus“ durfte ich eine bebilderte Reportage schreiben, die ich euch hier auch gerne nochmals verlinke.

Der Beitrag kann unbeauftragte und unbezahlte Werbung enthalten. Als unbeauftragte Werbung gilt die Erwähnung oder Empfehlung von Produkten, Marken und Leistungen jeglicher Art.

GALÁPAGOS / ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 15: Löffelliste Santa Cruz und sowas wie Fremdweh

Finale: San Cristóbal – Santa Cruz – Ecuador

16. – 20. Dezember 2019

Uuuäääähhhhh… Echtes Morgen-Grauen um 6:00 Uhr. Mit weniger als fünf Stunden Schlaf hängt der Körper in San Cristóbal, der Rest irgendwo im Wolkenkuckucksheim.

Grundnahrungsmittel Pseudo-Kaffee (pulverisiert, die Not ist groß) und Anti-Brech-Pille pimpen den Kadaver für das Bevorstehende. The same Procedure as – ach, ihr wisst schon…

Werde ganz innig und beinahe sentimental vom herzigen Gastgeber Pepe gedrückt und verabschiedet. Dann zum letzten Mal auf die Fähre, die mich um 7:00 Uhr nach Santa Cruz beamt. Zurück zum Ausgangspunkt. Könnte auf der zweistündigen Fahrt unterwegs ja ne Runde in den Pazifik hüpfen, Haie „kann“ ich jetzt schließlich.

Wiedersehensfreude in Santa Cruz

Gestrandet auf Santa Cruz hat die Quartiersuche alleroberste Piorität. Die morgendliche Mission ist von Erfolg gekrönt. Residiere in einem Hotel – Asche über mein elitäres Haupt – in zwei dekadent großen Zimmern (jeweils mit Doppelbett) und eigenem Bad. Gönn dir, auf die letzten Tage. Eigentlich fällt das unschlagbare Preis-Leistungsverhältnis die Entscheidung. Ist sogar günstiger als die etwas abgeranzte Unterkunft, in der ich hier vor einigen Tagen war. Dafür latscht man knapp zehn Minuten zum Meer. Stört mich keineswegs.

Soeben angekommen und auch gleich verabredet. Fühle mich wahnsinnig „local-like.“ Treffe nämlich meine Reisefreundin Nicole, die ich gleich zu Beginn im Ecuador-Wanderbus kennenlernte und mit der ich schon einiges erlebt habe. Witzigerweise sitzen wir in ein paar Tagen sogar im selben Flieger zurück nach Deutschland. Nee doch nicht witzig, Rückflug nach Deutschland im Winter.

Schon von Weitem sehe ich Nicole in dem zum Meer ausgerichteten Straßenlokal. Große Wiedersehensfreude! Mit leckerem Cappucchino und Cocos-Saft spülen wir den neuesten Reiseabenteuerdratsch hinunter.

Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell man mit manchen Menschen vertraut wird. Es spielt überhaupt keine Rolle, wie kurz man sich erst kennt. Besonders, wenn man abenteuerliche Erlebnisse teilt und viel Zeit zusammen beim Reisen verbringt, lernt man sich recht schnell, ziemlich gut kennen. Und in Glücksfällen trifft man die perfekt passenden Arsch-auf-Eimer-Menschen.

Wiedersehen mit Nicole. Wenn aus Reisebekanntschaft Freundschaft wird, darf’s zum Nachmittag auch mal Sangria sein

Die Lavaschlucht Las Grietas

Nach regen Gequatsche nehmen wir einen der noch offenen Punkte der Löffelliste in Angriff. Dieser nennt sich „Las Grietas“. Ein Taxiboot tuckert uns zur Anlegestelle gegenüber des Piers und wir traben zu der bekannten Felsenschlucht. Einer Schlucht, die mit Süßwasser gespeist wird, also weniger salzig und zum Baden geeignet ist.

Mit dem Wassertaxi zur gegenüberliegenden Bucht

Bereits die kleine Wanderung ist äußerst beeindruckend. Erst kommen wir am kleinen Strand „Playa los Alemanes“ vorbei, dann geht es entlang weiß-rosafarbener Salinas.

Salinas bei Las Grietas

Die Farbkontraste des braunen Weges, den unzähligen Opuntien (das sind diese Baumstamm-Kakteen) und den weißgrauen dürren Sträuchern sind toll. Ich traue meinen Augen kaum, als plötzlich vor uns ein komplett pinkfarbener Tümpel auftaucht. Sowas habe ich noch nie gesehen.

Pinkfarbener Salzsee

Es führt ein gut beschilderter Weg führt zur Lavaschlucht. Man kann sich gar nicht verirren. Über Holzstufen steigt man zum Ufer hinab. Rechts und links ragen dunkelgraue Felswände empor. Das glasklare Wasser erlaubt den ungetrübten Blick auf die Fische und bis zum Grund. Etliche Badefreudige tümmeln sich in der Grotte und an dem kleinen Uferstreifen.

Schöne Wanderwege zu Las Grietas

Kristallklares Wasser in der Grotte

Hochmotiviert, aber als maßlos selbstüberschätzter Deepwater-Profi, tunke ich den Kadaver in das seichte Nass. Ein Leichtes, nach meinem Tiefsee-Abenteuer! Uiuiuiiii, arschkalt! Vielleicht fange ich besser nur mit den Füßen und Waden an, um den Kreislauf zu stabilisieren. Ist ja völlig ungesund, bei 48° Grad Außentemperatur (gefühlt) direkt durch die Eisschicht in die arktische Tiefkühlsuppe zu brechen. Nicole schaut grinsend zu und schweigt. Sie kennt mein Wasserweichei-Kältesyndrom schon. Um mir nicht die totale Blöße zu geben, quäle ich mich ein paar nicht enden wollende Schwimmzüge. Dumm, dass meine gepresste Geburtsvorbereitungskursatmung für eine Bewußtseinsveränderung im Kopf sorgt. Ich kapituliere. Ist die Brühe zu kalt, bin ich zu schwach.

Nicole hingegen taucht entspannt ein und schwimmt von Dannen. Pffff… Da passe ich lieber am Ufer auf unseren Krempel auf. Bemüht, die Hautfarbe von adeligem Bläulich wieder in knusprige Sonnenbräune zu verwandeln.

Luftgetrocknet und zurück auf Betriebstemperatur gehen wir den Weg oberhalb der Schlucht ab. Der Blick hinab ins Wasser ist genial. Selbst von hier oben kann man den Meeresboden sehen.

Blick in die langgezogene Schlucht
Der Weg führt oberhalb der Schlucht durch Bäume und Opuntien zu einer Aussichtsplattform

Aussichtspunkt bei Las Grietas

Wir beobachten die Schnorchler in der Grotte und genießen den Panoramablick über den weiten Ozean von der Plattform. Den restlichen Nachmittag verdüseln wir am Playa los Alemanes, bevor das Wassertaxi uns das kurze Stück zum Pier zurück schwimmt.

Playa los Alemanes

Nachdem wir wieder salonfähig und vorzeigbar sind, treffen wir uns zum gemeinsamen Abendessen. Ich habe Nicole von der einen Straße im Ort erzählt, die nach Sonnenuntergang für Autos gesperrt und zur ultimativen Schlemmermeile wird. Alle Restaurants bauen ihre Tische und Stühle draußen auf und verwandeln die Gasse über ein paar Stunden zum kulinarischen Dreh- und Angelpunkt. Mit viel zu leckeren Schirmchengetränken und köstlichen Speisen schlemmen wir uns satt und lassen den Abend in einer chilligen Bar beim Hafen ausklingen.

Guter Kaffee am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen (bevor sie entstehen)

Ich schwelge in koffeeinhaltiger Seeligkeit. Habe ein hippes schnuckliges Café und somit mein Morgenglück in kräftig gerösteter Gaumenfreude gefunden! Für Tische ist in der kleinen offenen Holzbude kein Platz. Dafür sitzt man auf Barhockern innen und außen entlang der Theke.

Kaffeeglück auf Galápagos
Cappucchino und Schreib-Zeit, perfekter Morgen-Start

Vor lauter Verzückung wegen der überragenden Auswahl, habe ich versehentlich über meine Verhältnisse gebechert. Ein Blick in den Geldbeutel bestätigt das Unheil: Ich muss die Zeche prellen. Vor Scham will ich sofort mit Betonschuhen im Ozean versinken. Peinlichst berührt gestehe ich der freundlichen Kaffeefrau meinen Fauxpas. Sie ist völlig gelassen und winkt verständnisvoll ab. Mit dem Versprechen, gleich wieder zurück zu sein, leiste ich eine Anzahlung und düse zum Geldautomaten (gemäß Murphys Law sind die ersten beiden defekt und ein drittes Gerät – funktionierend – in entgegengesetzter Richtung). Mit spanischen Entschuldigungen kann ich endlich meine Schulden begleichen.

Ich könnte es nicht treffender formulieren!

Los Gemelos – alles andere als Gammelprogramm

Gepusht von Koffeein und Verlegenheitsadrenalin muss erst mal ne gepflegte Portion Sport her! Zudem steht auf der Löffelliste auch „Los Gemelos“. Kann man ja prima kombinieren.

Beim dritten Anlauf finde ich endlich einen Fahrradverleih, der mir für den angebrochenen Tag und zu einem angemessenen Preis ein Bike vermietet, das sich als überraschend tauglich herausstellt. Sogar mit einem Not-Reparaturset werde ich ausgestattet – nicht, dass ich damit umgehen könnte. Aber es ist ja wie mit Regenjacken: Hat man es im Gepäck dabei, braucht man’s nicht.

Per Maps checke ich die Route zu den Kratern „Los Gemelos“. Aha, 22 Kilometer. Das angegebene Zeitfenster für die Fahrt erscheint mir lang und irritiert mich etwas. Rückwirkend betrachtet war es realistisch, da ich von den rund 600 zu bewältigenden Höhenmetern nix wusste. Glücklich die Unwissenden.