Paisaje Lunar – Erste (Wander-)Schritte auf Teneriffa

Donnerstag, 16. Mai 2019

Gestern sind wir auf Teneriffa angekommen.

Ich bin mit Janine, meiner zutiefst geschätzten Freundin und weltbesten Reisebegleitung, auf die Insel gereist, um sie in der kommenden Woche zu erlatschen (Mission Mädels-Trip 2019).

Weitere Wander-Anekdoten unserer Reise gibt es auch im Blogbeitrag https://mosaikteile.de/2019/06/21/ab-durchs-teno-gebirge-santiago-del-teide-oder-traue-niemals-kilometer-und-hoehenangaben-im-wanderfuehrer/ zu lesen.

Um keine kostbare Zeit zu verbummeln, machen wir uns heute gleich auf Wanderschaft.

Zum Auftakt haben wir uns eine Tour mit dem klangvollen Namen „Paisaje Lunar“ aus dem Wanderführer gepickt. „Märchenhafte Minaretten und Türme der Mondlandschaft“ (Zitatende) prophezeit die Beschreibung des Autors. Jetzt hängt die Messlatte der optischen Landschaftserwartungen schon mal ganz schön hoch!

Kaffee und Meer – Der perfekte Start in den Tag

Bevor wir uns am Morgen auf den Weg machen, wird zuerst der Koffeein-Pegel neu kalibriert. Auf unserer Terrasse (den Meerblick gibt es übrigens auch vom Bett aus) schmeckt der Kaffee, in Kombination mit Wellenrauschenlauschen und Meeresluftgeschnupper, tatsächlich noch viel besser als daheim!

Morgen-Ausblick mit Meeresbrise, könnte durchaus schlimmer sein 🙂
Sommer-Sonnen-Frühstückskaffee,
kredenzt mit guter Lektüre – Gechillter Start in den Tag

Wir verfrachten Rucksäcke und unsere Kadaver in den Leihwagen und brechen gegen 9:45 Uhr auf. Bis nach Vilaflor ist es eine ziemliche Gurkerei. Janine cruist souverän über die Autobahn und weiter durch morgendlich bereits sehr belebte Ortschaften. Danach geht es auf ca. 1.500 Meter über unsägliche, nicht enden wollende Serpentinen den Berg hinauf.

Die Serpentinenstraße nach Vilaflor – fährst du noch oder brichst du schon?

Mit Brechreiz von unserer eigenen Fahrerei stellen wir, nach einer gefühlten Ewigkeit (tatsächlich dauerte die Fahrt 40 Minuten), endlich das Auto an der Iglesia de San Pedro in Vilaflor ab. Die Sonne strahlt hoch motiviert vom Himmel. Zuerst laufen wir durch das idyllische Örtchen, bis links eine schmale Straße abzweigt und wir auf den weiß-rot-gelb markierten Camino (PR-TF 72) stoßen. Ein Weg, eingesäumt von Steinmäuerchen, führt gut 30 Minuten durch einen lichten Kiefernwald stetig aufwärts. Es ist ziemlich warm und die Körpertemperatur steigt kontinuierlich mit der Höhe.

Es geht erst mal eine Weile stetig bergauf

Wir folgen einer Wasserleitung und treffen auf ein verlassenes und teils zerfallenes Gehöft (so sagt die Beschreibung, als Gehöft ist es für uns nicht wirklich erkennbar).

Das verlassene Gehöft mit Trockenfeldterrassen

Die Landschaft ist enorm vielseitig. Nirgendwo zuvor habe ich bislang solch riesige Blumen gesehen. Prächtige Stauden, mit hunderten kleinen Blüten in rosa und lila, die mich überragen (ok, meine Körpergröße kann als „platzsparend“ bezeichnet werden, dennoch sind Blumen üblicherweise kleiner als ich). Diese imposanten Pflanzen nennen sich Roter Wildprets Natternkopf und wachsen ausschließlich im Nationalpark El Teide. Wir haben das große Glück, dass sie jetzt blühen.

Der Rote Wildprets Natternkopf direkt am Wanderweg.
Er kann bis zu 2 Meter hoch werden und hat wunderschöne Blüten.

Mondlandschaft, Wälder und bizarre Felsen

Abwechslungsreicher könnte die Landschaft kaum sein. Die Wegfindung ist so eindeutig, dass selbst Orienterungslosigkeits-Spezis wie wir, uns nicht verlaufen können. Der mühevoll angelegte Pfad führt weiter durch die Caldera zu den bizarren Felsformationen, die wir bereits aus dem Wanderführer kennen. Das werden wohl die Minaretten sein.

Immer den bepinselten Steinen und dem gut erkennbaren Pfad folgen
Die hellen Bimssteinsäulen, ein toller Kontrast zum blauen Himmel
und den Bäumen

In der Mittagshitze suchen wir einen Schattenplatz und vertilgen unser Proviant. Um unsere Füße flitzen hektisch kleine Eidechsen, in der Hoffnung, herabfallende Krümelchen zu ergattern. Wir haben noch ein Stück vor uns, daher marschieren wir bald weiter.

Gestärkt geht es weiter, vor uns liegt noch ein gutes Stück

Vor uns taucht in der Ferne der Teide auf. Was für ein Berg! Der Vulkan bot aus dem Flieger schon einen imposanten Anblick, aber inmitten dieser speziellen Landschaft sieht er noch mächtiger aus.

Die Schönheit der Natur spricht für sich
Sitzen, schweigen, staunen – Janine nimmt die Eindrücke in sich auf

Von der Sonne begleitet laufen wir zum Aussichtspunkt Paisaje Lunar und lassen die faszinierende Umgebung auf uns wirken.

Aussichtspunkt Paisaje Lunar

Die weitere Strecke führt erst leicht abwärts, dann für einige Zeit recht ebenerdig bis zum Ausgangspunkt zurück.

Wanderweg nach Las Vegas oder lieber doch zurück nach Vilaflor?!

Nach ca. 5 Stunden (mit kurzen Rastpausen) stecken insgesamt 760 Höhenmeter in den Beinen und 15 Kilometer in den Füßen.

Verschwitzt, etwas erschöpft und rundum glücklich kommen wir um 16:15 Uhr in Vilaflor an. Im Schatten einer von wildem Wein bewachsenen Pergola lassen wir bei Kaltgetränken und einem Cortado (la vida es bella!) die Tour und unsere Eindrücke nachklingen, bevor wir über die Serpentinenstraße den Heimweg antreten.

Unser Fazit: Eine abwechslungsreiche und absolut lohnenswerte Wandertour, mit einigen Steigungen und einer kontrastreichen Landschaft. Der Weg ist super markiert und jederzeit gut erkennbar. Ausreichend Getränke sollte man einpacken, da es unterwegs keine Nachfüll-Möglichkeiten gibt und es sehr heiß werden kann!

Ab durch’s Teno-Gebirge / Santiago del Teide oder: Traue niemals Kilometer- und Höhenangaben im Wanderführer!

Dienstag, 21. Mai 2019

Es hat sich zu einer lieb gewonnenen Tradition entwickelt, dass meine Freundin Janine und ich jedes Jahr eine Mädelstour starten. Was vor über 10 Jahren als kurzer Wochenend-Trip begann, hat sich mittlerweile zu Unternehmungen von meist einer Woche ausgedehnt.

Dieses Mal stand Teneriffa auf unserer Liste. Und wie die Jahre zuvor auf den Azoren und Malta, wurden wieder die Wanderschuhe geschnürt. Für uns die schönste und eindrucksvollste Art, eine Insel oder ein Land kennenzulernen.

Was allerdings die Souveränität unserer Wanderperformance betrifft, so besteht – vorsichtig ausgedrückt – durchaus Potenzial und Luft nach oben.

Obwohl jede Wanderung am Vorabend bei einem (vielleicht auch zwei oder…) kühlen Glas Sangria akribisch ausgewählt und mit sehr viel Engagement, Zielstrebigkeit und, nun ja… ein wenig jugendlichem Leichtsinn angegangen wird.

Perfekte Location um die nächste Tour zu planen

Getreu dem Motto von Pipi Langstrumpf: „Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut!“ 🙂

Schließlich wächst man an seinen Herausforderungen und derer scheuen wir uns nicht!

Für heute hatten wir uns im Wanderführer eine Tour durchs Teno-Gebirge ausgesucht. Rund 70 Kilometer entfernt von unserer Ferienwohnung in La Mareta, wollten wir von Santiago del Teide über Tamaimo und Arguayo laufen.

Nach überlebenswichtiger Kaffee-Zeremonie am Morgen, auf unserer traumhaften Meerblick-Dachterrasse, saßen wir gegen 9 Uhr hochmotiviert im Mietwagen. Santiago del Teide war dank der Autobahn recht flott erreichbar, so blieben uns die brechreizfördernden Serpentinenstraßen durchs Hinterland erspart.

Mit Windjacke und Pullover im Gepäck waren wir heute sogar gegen kühle Winde und frische Temperaturen gerüstet! Nachdem uns ein eisiger Sturm zuvor bei unserer Tour im gleichen Gebirge fast vom Bergkamm wehte, sollte uns das kein weiteres Mal passieren. Man / Frau ist immerhin lernfähig.

Nach 45 Minuten Fahrt, stellten wir das Auto an der Kirche San Fernando Rey im Ortszentrum ab.

Santiago del Teide, ausgelegt auf Wander- und Kletteraktivitäten

Die Wanderung wurde mit 11,5 Kilometern und 500 Metern Höhendifferenz angegeben, prinzipiell gut machbar.

Vielleicht sollte erwähnt werden, dass Janine und ich – geografische Orientierungsgenies sondergleichen – über eine unfreiwillige Neigung verfügen, Touren äußerst flexibel und variabel auszudehnen…

Seit wir gemeinsam wandern, ist es nicht unüblich, dass wir Strecken teilweise wieder zurücklaufen, Abzweigungen verpassen und somit Zusatzkilometer einbauen. Selbst vermeintlich unspektakuläre Wanderungen umweht immer eine (mal mehr, mal weniger steife) Brise Abenteuerluft. Und wir haben‘s immer lustig. Verdammt lustig! Spätestens wenn wir wieder am Ziel angekommen sind.

Unsere ausgewählte Route war hervorragend beschrieben, das Wetter perfekt und wir guter Dinge (um nicht zu sagen überrascht), als wir gegen 10 Uhr sofort den Einstieg zum Wanderweg fanden.

Einfach immer den Schildern folgen, dann kann gar nix schiefgehen. Oder doch?!

Ein wunderschöner Pfad führte durch eine üppige Vegetation; Wolfsmilchgewächse (auf Teneriffa in 3 Sorten reichlich vertreten), Ginsterbüsche, wilder Fenchel und unzählige Dachwurz-Pflanzen.

Fenchel, Mandelbäume, Kakteen, Weinreben und im Hintergrund der Teide

Dazwischen thronten dunkelbraun-rötliche Felsen, eine traumhafte Fotokulisse. Vor uns lag der nächste Ort Tamaimo, dahinter zeichnete sich das Meer mit der Silhouette von La Gomera ab. Die Augen konnten sich gar nicht satt sehen.

Felsen und weitere Wolfsmilchgewächse

Es war so herrlich warm, dass wir unsere Hosen hochgekrempelt hatten. Einige Zeit folgten wir dem Weg entlang Natursteinmauern und einem alten Wasserkanal bis nach Tamaimo.

Eindeutige Wegführung, ein Verlaufen ist (fast) nicht möglich

Wie beschrieben, durchquerten wir den Ort bis zu einem Geröllweg, der uns nach gut 20 Minuten Anstieg nach Arguayo führte. Auf der ganzen Strecke trafen wir keine anderen Wanderer. In den Ortschaften wurden wir von den Einheimischen fröhlich und lächelnd begrüßt.

Die Etappen zwischen den kleinen Örtchen waren unglaublich abwechslungsreich und landschaftlich wirklich toll. Noch nirgendwo habe ich solch eine Vielzahl Feigen- und Mandelbäume gesehen, die so reichlich bestückt waren.

Bäume voller riesiger Mandeln

Als wir Arguayo erreichten, lagen bereits über 300 Höhenmeter hinter uns. Das Töpfereimuseum, laut Wanderführer UNBEDINGT zu besuchen, hatte trotz theoretischer Öffnungszeit praktisch geschlossen.

Töpfereimuseum in Arguayo; theoretisch geöffnet aber praktisch geschlossen

Unsere nächste Mission: Finde den Sportplatz im Dorf und orientiere dich neu.

Wir belagerten aber erst einmal eine Holzbank am Straßenrand und legten eine schöpferische Pause ein.

Während ich hungrig mein Käsebrötchen vertilgte, deklamierte Janine – in noch ausbaufähigem Spanisch, jedoch an Dramaturgie kaum zu überbieten – die historische Geschichte des Ortes, die sie verantwortungsbewusst einer Infotafel entnahm.

Gebannt kauend lauschte ich ihrem Verbal-Exkurs und filmte es selbstverständlich gleich mit, zu wichtigen Dokumentationszwecken für die Nachwelt.

Trotz frischem Tatendrang hatten wir etwas Mühe, den Fußballplatz zu finden. Nachdem uns „mapsme“ die Hauptstraße auf- und abschickte, bemerkten wir, dass wir bereits 3x blind dran vorbeigelaufen waren. Der Rasenplatz verbarg sich hinter einer hohen weißen Mauer und war für uns einfach nicht ersichtlich.

Von dem Ort Arguayo unterhalb des Fußballplatzes kamen wir. Von oben ist er deutlich erkennbar

Als nächstes sollten wir „eine nicht ganz deutlich zu erkennende Abzweigung“ (Zitatende) nehmen, vor der ein Steinmännchen stehe. Zumindest stand es bei Herausgabe des Wanderführers im Jahr 2013 noch. Die Abzweigung fanden wir. Auch das steinerne Häufchen gab es noch. Auf dem weiteren Weg beschlichen uns trotzdem leichte Zweifel, bis wir erleichtert den Strommasten erreichten, der zur Orientierung in der Beschreibung genannt wurde.

La Gomera im Hintergrund.
Doch; ob du wirklich richtig gehst, siehste erst, wenn du am Strommasten stehst.

Die bis dato bereits deutlich überschrittene Zeitvorgabe, redeten wir uns mit unserer stark ausgeprägten Fotografie-Leidenschaft schön. Schließlich hatten wir Zeit und die nahmen wir uns.

Nachdem wir den Bergkamm des gegenüberliegenden Tals überschritten hatten, kamen wir an einer kleinen Kapelle an.

Eine Straße führt durch erkaltetes Lavagelände, Wattewölkchen am Himmel fürs Foto

Hinter ihr führte eine Straße mitten durch das Lavagelände. Stolz und imposant ragte der Vulkan Teide (3.718 m) in die Höhe. Wir hatten unfassbares Glück, ihn wolkenlos zu sehen. Der etwas niedrigere Pico Viejo (3.135 m) thronte rechts daneben. Sprachlos standen wir in der Prärie und ließen einfach den Anblick auf uns wirken.

Wolkenloser Vulkan Teide mit dem kleineren Pico Viejo

Über ein langes Lavafeld stiegen wir zum nächsten Dorf Las Manchas hinab, um gleich darauf weitere Höhenmeter zu sammeln. Durch die rotbraun-schwarze Vulkanlandschaft führte ein wunderschön angelegter und von Steinmäucherchen gesäumter Weg hinauf. Als Zeichen  ihrer Dankbarkeit, dass der Vulkan Chinyero bei seinem Ausbruch ihre Häuser verschonte, hatten hier die Einwohner einst drei Kreuze errichtet.

Schlackenkegel Chinyero (1.556 m), der 1909 letztmals ausbrach

Das letzte Stück zog sich ewig. Die Sonne brutzelte ordentlich. Ein irritierter Blick auf unsere Uhren zeigte, dass wir bereits 13 Kilometer hinter uns hatten. Erstaunlich, da die Tour mit 11,5 Kilometern angegeben war. Okay, zwei Mal mussten wir ein Stück zurücklaufen (um zu erkennen, dass wir eigentlich richtig waren). Zuzüglich der etwas ausgedehnteren Fußballplatz-Suche. Sind ratz fatz ein, zwei Kilometer mehr. Aber unser Ausgangs- und Zielort lag noch in weiter Entfernung… Es half alles nix, wir schlappten weiter durch die Hitze.

Und dann kam endlich wieder ein Wegweiser. Der zeigte bis Santiago del Teide noch 2 Kilometer. Uhrencheck; wir hatten mittlerweile 14 Kilometer und über 600 Höhenmeter. Da rumfiepen nix hilft, wurden die Arschbacken zusammengekniffen und weitergelaufen.

Der Weg begann sich bei den Temperaturen sehr in die Länge zu ziehen

Am Ende waren wir exakt 6 Stunden unterwegs. Auf 16 Kilometer und knapp 700 Höhenmeter hatten wir die Tour ausgedehnt.

Wo wir all diese Irrungen und Wirrungen eingebaut hatten, war uns ein Rätsel. Egal, wir freuten uns. Mission erfüllt: Wir hatten den Weg gefunden und eine weitere Tour erfolgreich absolviert.

Ohne Umschweife pilgerten wir in die nächste Dorfschänke (den Weg fanden wir direkt), knallten die müden Kadaver in die Sonne und zogen bei Kaffee und Kaltgetränken Resümee:

Eine absolut lohnenswerte und abwechslungsreiche Wanderung. Grandiose Blicke auf den Teide, tolles Meer mit Sicht auf La Gomera, bizarre Vulkanlandschaft und schöne Pfade durch allerlei Wildwuchs und Pflanzen.

Das Sahnehäubchen bildete die Ruhe und das Gefühl der Abgeschiedenheit, da uns unterwegs keine Menschenseele begegnete (mit Ausnahme von den Dörfern).

Ometepe, El Zopilote und die (Schlamm-)Schlacht am Vulkan

14. Februar 2018 – Bester Valentinstag ever!

Heute hieß es Abschied nehmen von Granada, dem bunten und quirligen Städtchen in Nicaragua. Besonders seine wunderschönen, alten Kolonial-Gebäude hatten es mir angetan. Abends wurde in den Bars und Kneipen bei lauter Musik gefeiert, tagsüber trafen sich die Menschen am Marktplatz und der Parkanlage, während Pferde nebenher durch die heißen Straßen der Stadt spazierten.

Nun stand der 2. Anlauf nach Ometepe auf dem Programm.

Ein Taxi sammelte mich am Morgen an meinem Hostel ein und brachte mich, mit drei weiteren Rucksackreisenden, zur Schiffsanlegestelle nach San Jorge. Auf der Fahrt kam ich mit den beiden Amerikanern und der Hamburgerin ins Gespräch, eine lustige Truppe. Alle drei berichteten begeistert vom Camp „El Zopilote“, ihrer Unterkunft auf Ometepe. Die Permaculture-Farm sei DIE Szene-Location mit besonderer Atmosphäre und viel Dschungelfeeling.

Ich hatte noch kein Bett für die nächsten Nächte und prüfte über booking.com die Verfügbarkeit des Camps. Tatsächlich gab es noch ein paar freie Schlafplätze und so buchte ich mich prompt ein. Die Fotos von El Zopilote sahen spannend aus! Außerdem könnte ich so auch gleich den Punkt Dschungel-Übernachtung auf meiner Löffel-Liste abhaken.

In San Jorge betraten wir die Fähre, die uns rüber zur Vulkaninsel schipperte. Der Kutter schaukelte und schwankte, als befänden wir uns auf offener See. In weiser Voraussicht hatte ich mit Reisetabletten meiner See-Untauglichkeit vorgebeugt. Der starke Wellengang war bekannt auf dem Nicaraguasee.

Eine der Fähren im Hafen von Moyogalpa

Bereits von weitem zeigte sich der Vulkan Concepción (1.610 m), dessen Spitze in einem Wolkengebilde hing. Nach 60 Minuten legten wir in Moyogalpa an. Von dort brachte uns ein Taxi ins Innere der Insel zum El Zopilote. Auf staubigen Pfaden und Steinplatten stiefelten wir mit unseren Rucksäcken durch das üppige Urwald-Areal des Camps, vorbei an lautstark ächzenden Bambushainen, bis hinauf zur Anmeldung. Ging ja schon mal abenteuerlich los.

Die Pfade im Camp sind steinig und lang 🙂

Die Jungs bezogen ihr Zimmer, während Hamburgerin Anna und ich unsere Betten in einer der Holzhütten aussuchten. Auf der Terrasse, vor dem Eingang der Urwald-Hütte, hing als weiterer Schlafplatz eine Hängematte.

Urige Holzhütten im El Zopilote, inklusive Übernachtungs-Hängematte

Erleichtert sah ich, dass alle Betten mit Moskitonetzen ausgestattet waren. Um die Stechmücken ging es mir dabei weniger. Unser Quartier war „sehr offen und luftig“. Fensterscheiben gab es keine, sämtliche krabbelnden Dschungelbewohner hatten somit die ultimative Zutrittsberechtigung. Für (oder gegen) meine dezente Arachnophobie die übelste Dschungelprüfung!

Ich wollte Abenteuer, jetzt gab‘s Abenteuer!

Nachtquartier im Grünen, schön gepflegt mit Spinnen-Aussperr-Gitter

Am nächsten Tag schlossen wir uns einer großen Führung durch das Camp an und bekamen die Philosophie erläutert. Das Permaculture-Konzept setzt dabei auf die langfristige Schaffung von natürlichen und nachhaltigen Kreisläufen. Es werden zahlreiche Pflanzen, Gemüse, Obst und Kräuter angebaut und in den angebotenen Speisen des eigenen Restaurants verarbeitet. Plastik wird gänzlich vermieden. In großen Behältern wird Wasser gesammelt, aufbereitet und als Trinkwasser zur Verfügung gestellt. Es gibt tolle Aussichtstürme, kostenfreie Yoga-Stunden und unterschiedliche Workshops. Strom kommt zum Teil über Solarpanelen und ein Power Bike, das den „Insassen“ zur Verfügung steht. Belohnt wird zehnminütiges Strampeln mit einem „Shot des Hauses“.

El Zopilote ist speziell! So auch seine umweltfreundlichen Trocken-Komposttoiletten; gemauerte Häuschen mit selbstgebautem Thron für die „großen Geschäfte“. Als Toilettenspülung gibt es Reis oder Sägemehl, nach Verrichtung zu verstreuen. Für Pipi stehen mehr oder eher weniger blickdichte Bambusbuden mit Ablaufrinnen parat. Bei Dämmerung chillen im Blätterdach des stillen Örtchens für normale Verhältnisse überdurchschnittlich große Spinnen. Von der Camp-Belegschaft gab es glücklicherweise den Freibrief „pinkelt ins Camp, das ist guter Dünger für die Natur“.

Auch die Duschen werden im wahrsten Sinne des Wortes offen gehandhabt. Authentisches Outdoor-Feeling verspricht eine Dusche, deren Wände aus Palmwedeln bestehen und die sich komplett im Freien befindet. Bodenfliesen oder ein Dach gibt es nicht. Wer es nicht so luftig mag, kann auf eine andere Variante zugreifen: Eine gemauerte halbe Kurve jeweils nach rechts und links führt direkt in die Kabine hinein. Türen? Nö. Aber reichlich kaltes Wasser, ist eh viel gesünder.

Wer mehr über die Permaculture-Farm erfahren möchte bekommt hier weitere Infos: https://ometepezopilote.net/

Legendär ist das El Zopilote – auch über die nicht vorhandenen Camp-Mauern hinaus – für seine Pizza-Night. Mittendrin befindet sich ein Open Air-Restaurant mit großem Pizza-Ofen. In riesigen Bottichen blubberten bereits morgens herrlich duftende Tomatensaucen vor sich hin. Nach Einbruch der Dunkelheit öffnete das Restaurant und die Pizzabestellungen wurden aufgenommen. Jeder versorgte sich mit Bier, Cocktails oder anderen Getränken und bei guten Technobeats wurde als Vorspeise eine heiße Feuershow serviert. Die Stimmung war genial und die Besucher der Pizza-Party rundum begeistert.

An diesem Abend fasste ich spontan den Entschluss, mich doch noch für die Vulkantour am nächsten Tag anzumelden. Morgens hatte ich gehört, dass einige aus dem Camp die Besteigung des kleinen Vulkan Maderas (1.394 m) machen wollten. Diese Tour stand ebenfalls auf meiner To-Do-Liste, dennoch hatte ich ziemlichen Respekt vor der kräftezehrenden Besteigung. Um 22 Uhr flitzte ich an die Anmeldung und buchte mich auf den letzten Drücker ein.

Um noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, beendete ich das Abend-Event, richtete meinen Krempel für die Tour, stopfte das Moskitonetz penibel rund um meine Matratze fest und haute mich aufs Ohr.

Der Wecker klingelte kurz vor 6 Uhr. Flott fertig gemacht, leise an der bewohnten Hängematte vorbeigeschlichen und auf der Aufenthalts-Terrasse eine Schale Joghurt mit Müsli und frischen Früchten gespachtelt, dazu dünnen Kaffee bzw. braunes Wasser in den Schlund gekippt.

Um 7 Uhr stand unser Bergführer parat. Hendrik, ein dürrer, freundlich dreinblickender Mann, in der einen Hand einen Stock und die Füße in weiten Gummistiefeln. Ich schloss mich mit meiner total netten Wandergruppe, bestehend aus zwei Jungs und zwei Mädels, unserem Guide an und so brachen wir gegen halb 8 zum Vulkan Maderas auf. Hendrik war super. Auf dem Weg durch das Camp und die grüne Landschaft, hielt er immer wieder an, erklärte uns in Englisch unterschiedliche Pflanzen, zeigte uns Affen und gab mir bereitwillig Nachhilfe bei meinen paar Spanisch-Brocken, mit denen ich mich bei ihm versuchte. Unterwegs statteten wir uns ebenfalls mit Holz-Wanderstöcken aus, die den Vulkan-Aspiranten extra zur Verfügung standen.

Den ersten Aussichtspunkt erreichten wir nach ca. 45 Minuten. Durch gemütliches Gelände hatten wir bereits einiges an Höhe gewonnen und genossen einen phantastischen Panoramablick auf den riesigen Nicaragua-See bei einer kurzen Rast. Bis hierher war die Welt in Ordnung.

Erste Rast mit Panoramablick auf den Nicaraguasee

Doch die Zeit drängte und unser dünner Guide schraubte sich in seinen Gummilatschen stetig den Berg hinauf, während wir in unseren festen Wanderstiefeln kaum mit ihm mithalten konnten. Der Weg wurde zusehends schlammiger und somit rutschiger. Mittlerweile waren wir im Regenwald. Und der Name war Programm! Unangenehm starker Wind kam auf, der uns zusätzlich kalten Nieselregen entgegen klatschte. Mit gesenkten Köpfen stapften wir mühsam durch den tiefer werdenden Matsch. Man wusste nie, wie weit der Fuß beim nächsten Schritt einsank. Seit eineinhalb Stunden waren wir unterwegs. Eingepackt in Regenjacken rackerten wir uns voran.

Kalt im Regenwald
Noch fast wie aus dem Ei gepellt und sauber

Der zähe Hendrik zeigte nicht die geringste Spur der Anstrengung. Immer wieder wartete er, bis wir zu ihm aufgeschlossen hatten. Dann verkündete er grinsend „3 hours more.“ Mit großen Augen starrten wir ihn an. WHAT?! 3 weitere Stunden?! Ernsthaft??

Unsicher fragte ich ihn, ob wir wirklich auf dem Weg zu dem kleinen Vulkan seien und er bejahte lachend. Nebenher erwähnte er, dass der große, aktive Vulkan „Concepción“ der Leichtere sei, während wir unterdessen auf den anstrengenderen Pfaden wanderten.

Finde den Fehler. Da hatte ich wohl irgendetwas missverstanden…

Mein Stolz verbietet mir prinzipiell jegliches pienzen und fiepen am Berg. Schwächeln war keine Option. Also Augen und Klappe zu und ab durch den Mappel.

Ich habe schon ein paar Gipfel in den Beinen und ehrlich, ohne Übertreibung, die Besteigung war heftig! Netterweise kommt man irgendwann mental an den Punkt, an dem einem alles schnuppe ist. Mit der Anmut einer wühlenden Wildsau auf Kastaniensuche und aufgepimpt mit einer bestechenden Kombination aus Regen und Schweiß, bis zur Unterhose vor- und auch durchgedrungen, beschloss ich, in den „Ach-scheiß-doch-drauf-Modus“ überzugehen. Mir war’s schnurz.

Inzwischen flossen kleine Bäche den Hang herab, durch die wir stiegen. Nasse Füße? Wen kümmerts! Wir kletterten über völlig zugewucherte Baumstämme, krabbelten unter vermoosten Ästen durch und kämpften unzählige Male damit, unsere Schuhe aus dem tiefen Schlamm herauszuziehen. Je dichter das Gestrüpp rundum wurde, desto lauter flehte die innere Stimme „Bitte keine Vogelspinne! Keine Tarantel!“ Parallel liefen im Kopfkino Oscar-reife Blockbuster ab. Hier hatte das „Innere Fuck it“ leider noch Verbesserungspotenzial.

Der Weg (nicht immer erkennbar) wurde schlammiger und abenteuerlicher

Nach rund 3:40 Stunden erreichten wir den höchsten Punkt der (Tor-)Tour. Hendrik lächelte zufrieden. Ich war noch immer hochgradig imponiert, mit welcher Leichtigkeit er diesen unsäglichen Weg in seinen Gummitretern zurückgelegt hatte.

Bis zu unserem Ziel, dem Kratersee, war es nun nicht mehr weit.

Auf Felsen und durch noch mehr Schlamm, kletterten wir gut 10 Minuten einen steilen Hang ab. Die Landschaft war unglaublich; alles war wild verwachsen, in den Bäumen hingen Lianen und Flechten und Nebelschwaden stiegen auf. Die Luft war kalt, in der Ferne rauschte Wasser und noch immer nieselte es.

Wir traten aus dem Regenwald und plötzlich standen wir am Rand des Kratersees. Angekommen. Im Inneren des Vulkanes. Es war völlig surreal!

Angekommen im Inneren des Vulkans; der Kratersee, nicht die bestechendste Wellness-Oase

Über uns hing ein grauer Himmel, vor uns lag ein noch grauerer, schier endloser See, über den lautstark der Wind pfiff. Darüber schwebte mystisch der Nebel, der den Blick keine 20 Meter weit erlaubte. Eine ruhige, ganz besondere Stimmung lullte uns ein. Wir waren glücklich, erschöpft und fasziniert. 1.230 Höhenmeter steckten bleischwer in unseren Beinen. Jetzt hieß es erst einmal, Reserven auffüllen. Vom Camp Zopilote hatten wir super leckere Hummus-Brote als Proviant dabei, die wir ausgehungert vertilgten.

Nach einer halben Stunde traten wir, recht durchgekühlt, den Rückweg an. Die Strecke zu kennen, machte es nicht unbedingt leichter. Mit müden Beton-Beinen zogen wir uns an Ästen und Pflanzenschlingen über die rutschigen Felsen wieder den Steilhang hinauf.

Geschlagene 4 Stunden brauchten wir für den Abstieg. Etliche Stürze gab es obendrauf. Der Pfad war vom Regen so miserabel geworden, dass alle abwechselnd ausrutschten und stürzten. Unsere Beine begannen irgendwann zu zittern, weil die Muskeln die Schnauze voll hatten. Was war ich dankbar für den Wanderstock, der aber gegen Ende auch bei mir einen ordentlichen Sturz auf den Hintern nicht vermeiden konnte. Ein großer blauer Fleck blieb als tagelange Erinnerung an das „Epos am Schicksalsberg“.


Mit Hendrik (rechts außen) und einem Teil der Truppe auf dem Rückweg

Wenn wir beim Aufstieg dachten, wir seien versumpft gewesen, so wurden wir auf dem Rückweg eines besseren belehrt. Es gab keinen Fleck mehr an Körper oder Kleidung, der nicht eingeschmuddelt war. Dicker Matsch lief von oben in die Wanderstiefel rein. Tatsächlich wich der Regen mittags der Sonne, die unsere ausgekühlten Körper wieder wärmte und uns trocknete.

Und dann kam wieder die wärmende Sonne. Vor uns lag der Vulkan
Concepción, verziert mit Wolken-Sahnehäubchen

Erledigt, dreckig, stolz und übertrieben happy kamen wir um 16 Uhr zurück ins El Zopilote.

Opfergabe an den Schicksalsberg (im Schuh war fast genauso viel Matsch)

Innig dankten wir Hendrik, bevor wir uns von ihm verabschiedeten.

Meine Hose, die vor eingetrockneter Erde eigenmächtig stehen konnte, packte ich in einen Beutel, warf die Strümpfe in den Müll und schrubbte mir unter der Dusche den Dreck vom Körper, so gut es mit kaltem Wasser ging.

Die Wanderschuhe ließ ich bei meiner Abreise im Camp zurück. Obwohl sie gnadenlos stanken und völlig hinüber waren, hatten sie bereits einen Abnehmer gefunden.

Abschließend betrachtet war die Besteigung des Maderas definitiv eines meiner absoluten Nicaragua-Highlights. Physisch, psychisch und optisch! Ich kann jedem der dort ist nur empfehlen, sich dieses Abenteuer nicht entgehen zu lassen! Eine gewisse Grundkondition sollte man besser mitbringen, sonst könnte sich der Spaßfaktor eher in Grenzen halten. Aber man wächst ja bekanntlich an seinen Herausforderungen.

Und das wahre Leben beginnt nunmal dort, wo die Komfortzone endet 😉

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