ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 10: Cuenca – Zauber einer Stadt

3. – 6. Dezember 2019

Charismatisch, zauberhaft! Das ist der erste Eindruck von Cuenca.

Schon bei der Ankunft am gestrigen Abend blieb mir die Spucke weg. Cuenca ist nicht nur im Dunkeln eine Schönheit, sondern auch bei Tag überdurchschnittlich vorzeigbar!

Wie schon im vorherigen Blogbeitrag angekündigt, ich habe eine Mission! Die ich ernst nehme. Heute früh allerdings erfolglos. Das ansprechende Café, in dem ich vorfreudig Cappuccino orderte, servierte süße Milch (trotz Verneinung auf die Zucker-Frage) mit Instantpulver drin. Geschmackliche Verschlimmerung des sonstigen Pseudo-Kaffees. Wie soll meine Revolution funktionieren, wenn der Kaffeevollautomaten-Köder hinter der Theke auslegt wird, der dann nur zu Ausstellungszwecken dient?!

Aber der hat Tag Potenzial. Ein freundlicher Gastro-Al Capone mit Sombrero bringt mir zu rhythmischen Salsa-Klängen ein Joghurtschälchen an frischen Erdbeeren, Papaya- und Bananenstücken. Das relativiert die Instant-Irritation auf der Zunge.

Mercado 9 de Octubre – Bälleparadies für Frischfruchtfanatiker

Im Tourismusbüro werde ich mit einem Straßenplan ausgestattet und auf die Stadt losgelassen. Ich liebe einheimische Märkte und so führt mein erster Weg zum Mercado 9 de Octubre. Eine weiße Markthalle lässt auf 3 Ebenen das Herz aller Obst-, Gemüse- und Schlemmerfreunde höher schlagen!

Markthalle Mercado 9 de Octubre mit Weihnachtsmarktständen davor

Im Untergeschoss türmen sich allerlei Frischfleischberge. Lockend werden mir Hühnchenenstücke entgegenstreckt, ich flüchte ins obere Stockwerk. Dort wird garküchenmäßig gebrutzelt und direkt vor den Töpfen gespeist. Die Gemüse- und Früchte-Vielfalt im Erdgeschoss ist gigantisch. In der Luft hängen unbeschreibliche Duft-Aromen.

Obst und Gemüse soweit das Auge blickt
Auf einer Etage werden Fleischmassen in allen Variationen angeboten
Einkaufsplatz und Zusammenkommen der Einheimischen

Trotz des erst kürzlichen Frühstücks kann ich mich dem Saft-Lockruf nicht entziehen. Meine Wahl fällt auf eine mega schmackhafte (zuckerfreie) Kokosnuss-Erdbeer-Kombination.

Flätze mich auf die Stufen vor der Halle, tunke die Nase in die Sonne und genieße meinen Vitamin-Kick. Zwei freundliche Polizisten bleiben stehen und erkundigen sich interessiert nach mir und meiner Reise. Sie raten, meinen Rucksack im Auge zu behalten, es gäbe immer mal Leute die stehlen. Ich danke ihnen und mahne mich selbst, aufmerksam zu bleiben. Im Gegensatz zu Quito fühle ich mich hier super sicher. Das macht leichtsinniger. Kein Mensch trägt in Cuenca seine Tasche vor der Brust. Nie zuvor habe ich irgendwo Tag und Nacht solch ein Polizei-Aufgebot gesehen. Wachmänner vor Einkaufsmärkten, Banken, an allen größeren Plätzen, Parks und sind mit Motor- und Fahrrrädern in den Straßen präsent. Vielleicht herrscht hier auch deswegen solch eine entspannte Atmosphäre.

Während die Äquator-Turbosonne weiter auf mich brutzelt, dudelt von den Ständen hinter mir (die vollgestopft sind mit Lametta, Krippenfiguren und Nikolausmützen) Weihnachtsbeschallung. Irgendein kokelndes Trockengestrüpp verströmt strengen Weihrauchgestank über den Platz. Ich türme zum Kunsthandwerker-Markt am Plaza Sangurima (Plaza Rotary): Holzmöbel, Korbgeflecht, Edelstahlkram wie Siebe und Kochutensilien, buntes Häkelzeug. Die Temperaturen in den Straßen fühlen sich inzwischen nach Hochsommer an.

Quadratische Stadt, die einen Vogel, äh Kuckuck hat

Orientierung in Cuenca, ein Thema für sich! Normalerweise finde ich mich in Städten echt gut zurecht. Hier verlaufe ich mich konsequent permanent! Dabei ist Cuenca ähnlich angeordnet wie das heimische Mannheim, nur halt in schöner. Alles ist in quadratischen Blöcken aufgebaut. Gut, in Mannheim haben die Straßen einfach Buchstaben und Zahlen statt Namen. Aber es kann doch nicht so schwer sein?!

Ecuadors Kolonialhauptstadt in den Südanden liegt auf 2.560 Metern und hat rund 330.0000 Einwohner. UNESCO-Weltkulturerbe. Für Besucher hält sie reichlich Programmpunkte parat. Selbst ich – alles andere als ein Stadtmensch – fühle mich hier pudelwohl. Es ist die Mischung, die ich so mag. Man ist mittendrin im Stadtleben (welches hier völlig stressfrei ist) und hat dennoch viel Grün rundum. Nur rund eine Stunde entfernt liegt der Cajas-Nationalpark. Die Stadt hat einige Parks, im Parque de la Madre gibt es sogar eine extra Laufstrecke.

Dreh- und Angelpunkt ist der Parque Abdón Calderón. Hier ist zugleich der Sammelpunkt von Wanderbus. Um dem Park steht die imposante Catedral de la Inmaculada Concepción (die Neue Kathedrale), mit ihren himmelblauen Kuppen. 105 Meter hoch und bei Dunkelheit grandios illuminiert. Gegenüber liegt die alte Kathedrale, jetzt ein Museum, auch hübsch.

Die blauen Kuppeln der Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis (Neue Kathedrale) leuchten in der Dunkelheit
Nachtleben am Parque Calderon und der Kathedrale Inmaculada Concepción

Die Stadt hat Flair, ohne Zweifel. Neben thronähnlichen Vorrichtungen, auf denen stets jemand sitzt, sich die Schuhe putzen zu lassen, befinden sich Elektromärkte, Einkaufsläden, kleine Restaurants, Cafés, Kathedralen und Verwaltungsgebäude. Cuenca ist lebendig und quirlig.

Vielfältigkeit und bunte Gebäude prägen das Stadtbild

Die Kuckuck-Geräusche, die manche Ampelanlagen bei ihrer Grünphase machen, bringen mich zum schmunzeln.

Außerdem trägt meine Revolution erste Früchte! Ich finde wahrhaftigen, guten Kaffee! In einem kleinen, putzigen Café, mit hervorragendem Equipment. Diesmal zeige ich vor meiner Bestellung auf das Gerät und frage, ob der Kaffee auch wirklich da rauskommt. Ein grinsendes Nicken. Her mit dem großen Cappuccino! Beim Abschied drohe ich, morgen wieder zu kommen!

Revoluzzen und Reise planen! Endlich köstlicher Kaffee! Und einen netten Plausch gab es auch dazu.

Cuenca’s Wandkunst übertrumpft alles Bisherige! Die Speicherkarte füllt sich ruck zuck mit eindrucksvollen Graffiti-Fotos. Die wären ein eigener Blogbeitrag wert…

Streetart trifft auf Kultur und zeigt hier die traditionelle Maske Aya Huma

Läuft man vom Zentrum zum Rio Tomebamba, wird es umgehend grüner. Der Fluss teilt die Stadt in 2 Hälften. Hier führt sogar ein Radweg vorbei. Damit habe ich in Südamerika irgendwie nicht gerechnet. Und auch am Stadtrand findet sich ein tolles Café neben dem anderen! Geht doch, amigos.

Am Rande der Altstadt lädt das grüne Ufer des Rio Tomebamba zum Verweilen ein
Perspektivenwechsel; Der Radweg führt entlang bunter Graffity am Rio Tomebamba

Zum Nachmittag ziehen dunkle Wolken und Wind auf. Ideal für Kulturprogramm. Im Museo del Sombrero wird die Herstellung der original Panamahüte vorgeführt. Die kommen nämlich nicht aus Panama sondern aus Cuenca. Es gibt sogar knuffige Mini-Sombreros, nur wenige Zentimeter groß.

Sombrero-Museum: Hüte in allen Größen, Formen und Farben
Die original Panama-Hüte werden in Cuenca gefertigt

Beim Gang durch die Straßen bleibe ich an der Fensterfront eines kleinen Ateliers kleben. Man bittet mich freundlich, doch einzutreten. Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen. Begeistert darf ich zwei Künstlern beim Malen über die Schulter schauen.

Derart inspiriert schlendere ich in die Kunstausstellung Manuel Augustin Landivar. Ui ist das bunt, einige schöne Exponate dabei. Allerlei Galapagos-Getier wurde farbenfroh auf Leinwand und als Kunstwerk kreiert.

Kunstausstellung Manuel Augustin Landivar mit Galapagos-Echsen

Die Besichtigungstour endet im Museum Pumapungo. Einem weitläufigen Gebäude mit 3 Stockwerken und großer Außenanlage. Die Anlage verfügt über einen botanischen Garten, Inka-Ruinenreste und Lamas. Im Museum liegt, für mich Kulturbanause, viel langweiliges Zeugs, wie alte Münzen, getöpferte historische Schüsseln und Kannen. Aber eine Etage, die sich sehr anschaulich mit der Ethnologie beschäftigt, interessiert mich sehr. So läuft man anschaulich durch einen nachgebauten Urwald, durch spartanische Inka-Hütten, sieht Schrumpfköpfe, Schamanenzeug und erfährt vieles über die Rituale.

Ein kleiner Teil der Außenanlage des Museum Pumapungo (innen waren leider keine Aufnahmen erlaubt)

Bis zum Abend bin ich 20 Kilometer gelatscht. Einige Strecken zwangsläufig wegen Orientierungslosigkeit mehrmals.

To Do-Liste: Das süße Nichtstun genießen

Bereits beim Aufstehen wird klar, heute komm ich nicht aus dem Chillmodus. Eigentlich ging ich davon aus, am zweiten Tag Stadt-überdrüssig zu sein. Daher war der Plan, zum Wandern in den Cajas Nationalpark zu fahren. Nun ist mir die einstündige Gurkerei mit einem Public Bus in die Kälte viel zu mühsam. Lieber durch Cuenca tingeln, Cappuccino schnabulieren, lesen und bei 30°c Wohlfühltemperatur den Kadaver in der Sonne auslüften. Muss eben der morgige Abstecher auf der Wanderbus-Durchreise ausreichen. Pläne sind ja dazu da, sie flexibel über’n Haufen zu werfen. Ein weiterer Faktor, den ich bei dieser Art zu reisen so ungemein schätze.

Selbstverständlich startet der angebrochene Pausentag damit, die Richterskala der Kaffee-(Mess)-Latte neu zu justieren. Danach muss ich unbedingt zum Rathaus und meinen Zweitwohnsitz hier anmelden!

Viele Cafés in Cuenca sind gemütlich uns stylisch
Einladung zum Kaffeetrinken, immer willkommen!

Der ausgiebigen Schmöker- und Kaffeezeremonie schließt sich ein Besuch des coolen Hippie-Marktes, gegenüber meines Hostels, an. Rumschlunzen bis zum späten Mittag, das braucht’s auch mal. Dann werde ich unverhofft aktiv. Muss zum Turi-View-Point! Jetzt! Busfahren ist aber wieder viel zu mühsam, Google verkündet 5 Kilometer Entfernung. Kann man latschen.

Wenn der Touri zum Turi-View latscht

Kurzfassung: Es waren 7 ziemlich öde Kilometer, fast ausschließlich an Hauptstraßen, gegen Ende steil ansteigend (bei einem Aussichtspunkt logisch und naheliegend) und nicht sehr lohnend. Wie üblich zog sich am Nachmittag der Himmel zu, es dröpselte. Zum Glück blieb der befürchtete Starkregen aus. Wäre für die Kamera blöd geworden, ohne Unterstand weit und breit.

Unterwegs zum Turi-View, eintönige Latscherei an der Hauptstraße

Der Turi-View, hmmm… habe schon von deutlich beeindruckenderen Plattformen ge-aussichtet. Man hat einen weiten Panoramablick über die Stadt, mich spricht es irgendwie nicht an. Finde es übertrieben touristisch. Schicki-micki Resorts mit Pools, zu viele Selfistangenstrecker mit zu affigen Posen, zu viele Reisebusse. Nix wie weg hier. Ich misstraue dem Wetter und fahre mit dem Taxi bis zum Parque de la Madre zurück.

Ausblick vom Turi-View

Auf dem Heimweg bleibe ich im Café Wunderbar hängen, eine Empfehlung des Reiseführers. Was soll ich sagen? Der Name ist Programm.

Und soll ich euch noch was sagen? Zur Feier des heutigen Rumschlunz-Tages gibt’s ein Getränk aus der Karte der hochprozentigen Verlockungen. So auf fast leeren Magen zieht das Gesöff einem / mir aber gepflegt die Schuhe aus! Dennoch furchtbar schmackhaft, schlabber.

Gedanklich stoße ich auf meine Freunde zuhause an. Das hier geht auf Euch da draußen in der kalten Ferne!

Am Rande der Altstadt, am Rio Tomebamba auf der rechten Seite – Café Wunderbar

Also Café Wunderbar kann ich nur empfehlen, richtig schöne Location mit super Lage, am Rande der Altstadt am Rio Tomebamba. Eine weitere kulinarische Empfehlung: Wenn ihr die Chance habt, probiert Yuccabrötchen. In den Genuss kam ich erstmals beim Dschungelabenteuer (hier geht’s zum Blog-Bericht). Da haben wir aus Yucca-Wurzeln Brot hergestellt. In Cuenca finde ich zufällig einen Laden, der mini Yucca-Brötchen verkauft. Sie werden sogar warm gemacht. Ich liebe die Dinger, ganz ohne Klimbim, nix drauf. Köstlich!

Am Abend drehe ich eine lange Abschiedsrunde durch die Stadt. Ich kann mich an den erhabenen Bauten und der wunderschönen Beleuchtung einfach nicht satt sehen.

Imposant – Edificio de piedra de oficiales
Im Innenhof der Neuen Kathedrale
befinden sich hübsche Bars und Cafés
Kirche San Alfonso

Hinter den Fenstern vieler Wohnhäuser stehen bereits geschmückte Weihnachtsbäume. Zudem ist wirklich immer und überall was geboten, selbst unter der Woche. Auch vor der Alten Kathedrale wird gefeiert. Aus Lautsprechern schallen folkloristische Klänge und in Trachten gekleidete Paare legen feurige Tänze auf die Pflastersteine.

In Cuenca herrscht stets eine ausgelassene Stimmung und es wird viel gefeiert

Der Abschied von Cuenca fällt schwer. Die Stadt hat mein Herz erobert.

Die kommende Nacht wird wieder kurz, um 6:45 Uhr fährt der Wanderbus. Die letzte Etappe steht bevor. Danach geht es in die Lüfte und in ein ganz neues Abenteuer…

Ich gebe mir selbst ein Versprechen: Kehre ich irgendwann nach Ecuador zurück, dann auf jeden Fall auch nach Cuenca.

(Teil 11 folgt)

Seid ihr auch in eine Stadt schockverliebt? In welche und warum gerade in diese Stadt? Was macht für euch ihr Zauber aus? Und wo sollte man eurer Meinung nach auf alle Fälle einmal gewesen sein? Teilt eure Empfehlungen gerne mit mir.

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