Der Geschmack von Glück

7. Juli 2021

Wer hätte je gedacht, dass die banalsten Dinge, Alltagskleinigkeiten, einmal zu ganz besonderen Momenten werden? Wer hätte jemals geglaubt, dass sich Routinen unseres Lebens zu erwähnenswerten Erlebnissen entwickeln? Zu kostbaren Augenblicken.

Wer hätte geahnt, dass man sich mal nach der Einfachheit der Normalität sehnen würde?!

Glücklich die Unwissenden… hab ich seit vergangenem Jahr öfter gedacht. Und ja, ich bin froh, nicht gewusst zu haben, was uns da überrollt. Geschweige denn welches Ausmaß die ganze Tragödie einnimmt.

Ich erspare euch einen Beitrag zum Thema Covid-19. Davon gibt’s genug und es braucht definitiv nicht noch meinen Social-Media-Senf dazu.

Es lässt sich allerdings auch nicht totschweigen, dass es sich in unseren Alltag und in unser aller Leben eingenistet hat und nun tatsächlich ein Bestandteil dessen ist. Wie ein ungebetener Gast, der eines Tages einfach vor deiner Tür steht, ungefragt eintritt und es sich auf deiner Couch bequem macht, während er sich gemütlich in deine Schmusedecke fläzt. Die Stinkefüße auf den Tisch legt, Chipskrümel großflächig verteilt und mit seinen Flossen fettige Tratscher auf der Fernbedienung hinterlässt. Und zu allem Übel musst du auch noch einen auf gastfreundlich tun.

Mein letzter Blogbeitrag ist eine gefühlte Ewigkeit her. Ich wollte nichts schreiben, womit jeder eh schon den ganzen Tag beblubbert wird und nicht mehr hören mag. Was gibt es zu erzählen, wenn das Leben in einen lichtgedimmten Sparmodus versetzt wird? Alle Reisen auf Eis gelegt und die meisten Freizeitaktivitäten runtergefahren sind. Mal abgesehen vom Allwetter-Sport im Freien. Eigentlich müsste der Rheindamm des Naturschutzgebietes vor meiner Tür kernsaniert werden, so dermaßen habe ich den in meiner Not die letzten 15 Monate mit meinen Laufschuhen malträtiert.

Laufen, laufen, laufen
unzählige Kilometer gegen den Corona-Koller
Zwar nicht Galapagos, aber auch daheim gibt es Schildkröten und wunderschöne Flecken

Reisestorys für’s Kopfkino hau ich heute keine raus, sorry. Dafür mag ich mich kurz über etwas ganz Alltägliches auslassen. Etwas, das noch Anfang 2020 völlig unerwähnenswert war und dann zu einem nennenswerten persönlichen Highlight mutiert ist:

Der erste Cappuccino in einem Biergarten! In Gesellschaft! Offiziell und legal! Und zur Feier dieses Tages wurden alle Register gezogen: Kuchen gab es obendrauf!

Die letzten paar Tage meines kalten, verregneten dreiwöchigen Mai-Urlaubes (Resturlaub des verkackten Vorjahres) ver-wanderte ich mit meiner treuen Reisegefährtin Janine im Schwarzwald. Tja, der Urlaub war ursprünglich auch anders geplant. Aber 2020 hat bescheiden gemacht und so freut man sich demütig über Reiseziele, die früher maximal ein ironisches Schmunzeln ins Gesicht gefräst hätten.

Im Jahr 2021 ist man happy, wenn man überhaupt irgendwo hin darf. Und das waren wir! So folgte nach 19 Kilometern vortrefflicher Füßeplattlatsch-Wandertour der krönende Abschluss bei der Darmstädter Hütte.

Urlaub daheim, Hauptsache raus aus dem Alltag und rein in die Natur
Die erste richtige Einkehr seit dem letzten langen Lockdown, Darmstädter Hütte in Seebach

Sonne, Urlaub, Wandern, Kaffee und Kuchen – die ehrlichste Entschuldigung für die vergangenen 15 Monate. Kulinarisch süßes Glück auf der Zunge und in warmer Sonnenstrahlenform auf der Haut.

Im 7. Kaffee-Kuchen-Himmel

Wenn man dem ganzen Elend ein Fünkchen Positives abgewinnen möchte, dann dass es das Bewusstsein für die schönen Momente im Leben wieder in unseren Köpfen verstärkt hat. Das Besondere im Alltäglichen zu erkennen; zum Beispiel in Form eines göttlichen Stück Kirschstreusel und einem leckeren Cappuccino.

Ich wartete am Ausgabe-Fenster der Hütte, um meine Bestellung entgegenzunehmen und hörte lächelnd der Unterhaltung der Wirtin mit einem Gast zu: „Man weiß es wieder so sehr zu schätzen, dass man irgendwo mit Menschen sitzen darf. Es ist so ein tolles Gefühl, wieder etwas Essen und Trinken gehen zu dürfen.“ Oh wie wahr!

Niemals hätte ich gedacht, so etwas als Privileg zu empfinden. Dass ich mich nach dem Moment sehnen würde, einfach irgendwo mit Freunden zu sitzen und etwas zu trinken oder essen. Und jetzt ist es genau so. Ich bin gespannt, wie lange unser Bewusstsein speichert, dass diese unspektakulären Dinge nicht gewöhnlich sind. Dass es nicht das Normalste der Welt ist, etwas mit unseren Lieblingsmenschen unternehmen zu können, wann immer uns danach ist.

Nichts, absolut gar nichts ist selbstverständlich. Und jeder noch so banalste Moment, jeder Schluck Cappuccino, jeder kleine Bissen eines leckeren Kuchens ist eine überdimensional-verflucht-kostbare Besonderheit!

Die letzten eineinhalb Jahre haben bei mir einige Dinge wieder in den Fokus gerückt. Prioritäten verschoben. Im Grunde sehr ähnlich wie beim Reisen. Auch wenn ich diese Reise lieber nicht gemacht hätte.

Die fünf Sinne wurden auf die aktuellste Version upgedatet, die Wahrnehmung neu kalibriert. Jetzt strahlt die Sonne scheinbar heller, stille Momente in der Natur klingen lauter, Sommerregen auf der Haut fühlt sich wärmer an.

Und Glück riecht nach Kaffee und schmeckt nach Kuchen. Intensiver denn je…

Es finden sich immer besondere Momente im Alltäglichen…
… und das große Glück liebt die kleinen Dinge

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