GALÁPAGOS / ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 12: Gast in einer einzigartigen Tierwelt

Inseln Baltra und Santa Cruz

7. – 9. Dezember 2019

Fakt ist: Das Leben ist dazu da, es zu LEBEN. Träume zu verwirklichen. Den Alltag mit Nicht-Alltäglichem zu dekorieren. Momente zu sammeln, statt irgendwelchen Staubfängern für’s Regal. Das ist meine Lebensphilosophie. Dafür steht Mosaikteile. Jedes einzelne Mosaikteil deines Lebens ist ein Unikat. Es macht dich letzten Endes zu dem Menschen, der du bist.

Galápagos war, nein, ist (m)ein großer Lebenstraum. Einer der Pflichtpunkte auf der Löffelliste. Und obwohl ich bereits seit fast drei Wochen durch Ecuador ziehe, fühlt es sich völlig surreal an, im Flieger nach Baltra zu sitzen. Während des knapp zweistündigen Fluges schwirren so viele Bilder der bisherigen Reise durch meine Gedanken, dass der Kopf nicht hinterher kommt. So irre viele Eindrücke und Erlebnisse sind auf mich eingeprasselt, das verarbeitet man nicht so schnell. Wie soll das Hirn also bitte jetzt noch checken, dass sein dranhängender Mensch sich gleich auf Galápagos befindet?! Glücksgefühle und tiefe Dankbarkeit überrollen mich wie ein Tsunami, Tränen laufen. Na prima, im Flieger hocken und heulen, ernsthaft? Yepp, genau das. Es schwappt einfach über. Ungefragt. Was raus muss, muss raus. In Freudentränen-Form.

Das sind die Galápagos-Inseln? Ganz schön karg…

Hinzu kommt die Erleichterung, dass bisher alles so reibungslos lief. Hayde, meine neue ecuadorianische Freundin und mein Guide im Wanderbus nach Quilotoa, hat mich gestern über Whatsapp mit Info-Anweisungen zugeschüttet. Für ein souveränes Auftreten am Flughafen. Trug bei mir allerdings eher zur Verunsicherung bei, sollte die Einreise denn so kompliziert sein?

Die Sorgen sind unbegründet. Mit massig zeitlichem Puffer stehe ich um 8:30 Uhr am Flughafen von Guayaquil. Fein, organisier ich mir zuerst die benötigte Immigration Card (gleich den richtigen Schalter nehmen hätte sogar mehrmaliges Anstehen erspart). Für schlappe 25 Dollar gibt’s den Lappen, die offizielle Genehmigung des Government, auf Galápagos einzureisen.

Reisepass, Flugticket, offizielle Betretungserlaubnis, Kaffee – ich bin sowas von bereit!

Mein Gepäck tuckert durch den Bioscanner. Entgegen warnender Unkenrufe, keinerlei Plastiktüten mitzuführen, interessiert mein „illegaler Rucksackinhalt“ keine Socke. Zur besseren Ordnung sind nämlich meine Klamotten in eben diesen Umweltsünden verstaut. Die Schuhe sowieso. Sogar meine Wasserflasche, die ich täglich neu befülle, darf mit. Das Zeug wird nachhaltig genutzt, bis es auseinander fällt. Mein Rucksack wird verplombt.

Auf zum nächsten Schalter, Boardingpass greifen. Dann darf das Handgepäck Karussell fahren. Und die Wanderschuhe, denen ich in Socken durch den Scanner hinterher tippel.

Sensationelles Zeitmanagement! Bis zum Start in 40 Minuten, schlabber ich zufrieden einen Pott leckeren Cappucchino und schmilze im Terminal bei drückenden 27 Grad zu Weihnachtsbeschallung und unterhaltsamer Gesellschaft dahin. Wie es das Schicksal will, hab ich nämlich mal wieder genau die richtigen Leute angesabbelt. Ein sympathisches Paar aus Quebec, mit zwei kleinen Jungs, hat das gleiche Ziel. Nach der Landung auf Baltra und der Fährfahrt nach Santa Cruz, wartet dort ihr Privat-Taxi zum Zentrum Puerto Ayora. Ich passe auch noch mit rein und dürfe mit, versichern sie freundlich. Win-win-Situation für alle, ich zahle 10 Dollar statt 25 und die beiden sparen auch. Nebenbei kommen mir gute Ideen, wie man den Gewinn noch gewinnbringender (hochprozentiger) investieren kann…

Die kleine Maschine von LATAM landet um 12:30 Uhr auf Baltra. Seymour-Sur, wie sich Baltra einst nannte, war im zweiten Weltkrieg ein US-Luftwaffenstützpunkt und besitzt – neben der Insel San Cristóbal – einen Flughafen. Das war’s dann aber auch schon, mehr ist nicht. Ein paar dürre Pflanzen und Leguane und Darwin-Spatzen vielleicht noch. Durch die Zeitverschiebung zwischen Ecuador und den Galápagos-Inseln (die beeindruckende 1.000 Kilometer im Pazifik liegen) gibt’s 1 Stunde mehr aufs Zeitkonto. Die ersten Schritte auf dem angebeteten Boden sind teuer. 100 Dollar berappt man für die Betretungserlaubnis. Darauf bin ich vorbereitet. Auch darauf, dass man die Scheine cash hinblättern muss. Man sollte also ausreichend Bargeld dabei haben.

Geduldig warten wir in der überschaubaren Flughafenhalle, bis alle Gepäckstücke durchgeschnüffelt sind. Das übernehmen zwei Hunde, die nacheinander auf den Rucksäcken und Koffern rumhopsen und ihre Schnute drüberziehen, während Michael Boublé Weihnachtssongs durch die Lautsprecher schmachtet (macht’s bei knapp 30 Grad nicht besser). Gründlich ist man ja hier! Selbst im Flieger werden vor der Landung sämtliche Ablageboxen über unseren Köpfen akribisch mit dubiosem Spray eingeräuchert.

Vor dem Terminal warten bereits Busse auf die gelandeten Gestrandeten. Für 5 Dollar zwingt man jedem Gast ein Ticket auf, dann tuckert der Bus wenige Minuten zur Fähre. Und erneut Zahlemann-und-Söhne. Zum Schnäppchenpreis von 1 Dollar, für einen kurzen Schwenk über den Canal de Itabaca zur gegenüberliegenden Seite von Santa Cruz, der zweitgrößten Insel im Archipel.

Mit der Fähre von Baltra über den Canal de Itabaca nach Santa Cruz

Der Taxifahrer wartet schon. Ich bin spontan offizielles Familienmitglied, wie Eric (Papa Quebec) dem Fahrer meine Erscheinung erklärt. 40 Minuten düsen wir über die Insel zum Hostel meiner neuen Miet-Familie. Von dort aus suche ich zu Fuß meine Unterkunft, die mir Hayde (die hat der ecuadorianische Himmel geschickt) zu einem Freundschaftspreis organisiert hat. Es geht nix über Connections!

Nach ewigem Rumgeirre quer durch Puerto Ayora werde ich endlich fündig. Gar nicht so einfach, wenn der Routenplaner streikt und man kein Wifi hat. Das mit der Internetverbindung ist eh so ’ne Sache auf Galápagos… aber wer braucht schon Internet, mitten im tierischen, landschaftlichen Paradies?! Das Zimmer im Hostel ist ganz ok (drückt man in der Nasszelle die Äuglein etwas großzügiger zu), die Lage ist top, 600 Meter vom Meer entfernt. Rucksack-Inhalt im Zimmer verteilen, Sommersonnengutelaune-Klamotten und Flipflops an und los!

Erste Erkundungen auf Santa Cruz

Santa Cruz hat eine Fläche von 986 m² und kann als touristischer Mittelpunkt der 14 größeren Galápagos-Inseln bezeichnet werden, von denen gerade mal vier bewohnt sind. Die Basis befindet sich rund um die Hafenstadt Puerto Ayora. Hier starten etliche Insel-Exkursionen, die Fähren, tolle Wandertouren, es gibt die Charles Darwin Research Station und kilometerlange, traumhafte Sandstrände.

Viele der Häuser in den Straßen sind farbenfroh und blumenbewachsen
Auch auf Santa Cruz sorgen überall tolle Kunstwerke für ein buntes Straßenbild

Es ist der Wahnsinn und das ist noch weit untertrieben! Ich begreife allmählich, dass ich ja sowas von keine Vorstellung hatte, wie sehr man förmlich in das Naturspektakel involviert wird. Als ich über einen Holzsteg zu den Stufen ans Meer schlendere, bin ich von einer auf die andere Sekunde mittendrin im Entertainment. Überall sitzen rote Klippenkrabben. Während ich verzückt nach meiner Kamera krame, entdecke ich auf dem grauen Stein daneben einen Leguan. EINEN LEGUAN! Mein Blick streift weiter rum, findet einen Reiher. Moment, was hat sich da vor mir im Wasser bewegt? Ich glotze nochmal, ein Seelöwe auf Fischjagd!

Mit grenzdebilem Grinsen hocke ich auf den Stufen und murmele in Endlosschleife „ich werd verrückt, das gibt es nicht, das glaubt mir kein Mensch.“ Überall wimmelt und lebt was. Als ich den Steg verlasse, wartet die nächste Überraschung. Leguane fläzen auf dem Gehweg in der Sonne rum, alle Viere von sich gestreckt. Während ich völlig fasziniert vor ihnen stehe, haben sie für mich maximal einen reglosen, uninteressierten Blick übrig.

Leguane mitten in der Stadt

Gefühlte 150 Fotos später stoße ich auf den kleinen Fischmarkt, an dem auch die Boote anlegen und ihren Fang ausladen. Mitten auf der Bank hat sich ein Seelöwe lang gemacht. Liegt da einfach rum und schnarcht. Mit Abstand setze ich mich neben ihn. Ich bin sprachlos, das hier ist alles so übertrieben unwirklich! Ich weiß nicht, ob ich staunen, vor Freude heulen, vor Begeisterung quietschen, den Atem anhalten oder alles gleichzeitig tun soll.

Erste Seelöwenbegegnung – ich bin schockverliebt

Während ich noch vergeblich auf der Suche meiner Contenance bin, hat ein Fischerboot angelegt. Ein Mann wiegt große Langusten zum Verkauf ab, dazwischen torkelt ein junger Seelöwe und quengelt mit gespreizten Flossen lautstark nach Fisch. Um die Ecke liegen zwei größere Exemplare aneinandergekuschelt und schlafen. Pelikane lauern vom Dach des Bootes, ob auch für sie etwas abfällt. Unterdessen pickt eine Möwe gierig das Fleisch von der Wirbelsäule eines halbierten Thunfisches ab. Das hier ist krasser als jede 3D-Naturdoku auf Großleinwand.

Leguan und Pelikan, Seite an Seite
Lobster fehlt hier auf keiner Speisekarte
Als Mensch fühlt man sich hier wie ein geduldeter Gast in der Tierwelt
Fischmarkt – die Tiere haben keinerlei Scheu. Sie genießen besonderen Schutz.
Er wägt noch seine Chancen ab, sich einen Fisch zu mopsen

Kennt ihr noch die Bücher mit den Wimmelbildern? Als Kind habe ich die geliebt! Man schlägt eine Seite auf und in dem Bild sind hunderte kleine Details versteckt, es wimmelt überall. So ist Santa Cruz. Wohin ich auch blicke, überall wimmelt es vor unterschiedlichen Tiere. Es ist weltklasse!

Abends in Puerto Ayora

Am Abend ziehe ich mit zwei lustigen Kanadiern (Mutter und Sohn) los, die ich ein paar Stunden zuvor im Hostel kennenlernte. In Puerto Ayora gibt es eine Gasse, die abends zur ultimativen Fress-Partymeile umfunktioniert wird. Wo tagsüber Autos fahren, werden bei Einbruch der Dunkelheit zahlreiche Tische und Stühle vor den Lokalen aufgebaut.

Binnen weniger Minuten sind die Tische besetzt

Hier bekommt man grandioses Essen, versichern mir die beiden. Das Touri-Programm schockt mich im ersten Moment. Es ist laut und hektisch. Jeden Meter klebt mir eine andere Speisekarte unter der Nase, man wird regelrecht an die Tische gelabert. Das krasse Gegenteil zu Ecuador. Ich muss jedoch zugeben, es ist ein Anblick, den man nicht alle Tage bekommt. Auf den Auslagen vor den Lokalen wird Meeresgetier in allen Farben, Größen und Varianten angeboten: Lebende Langusten, Fische, Oktopusse. Die beiden suchen sich eine Languste aus und wir setzen uns rein ins Gewusel. Der Tag endet bei köstlichem Essen (mit leckerer Gemüsepasta auch vegetarisch völlig unproblematisch), ein paar Cocktails und viel Gelächter.

Tortuga Bay Santa Cruz – Läufst du noch oder staunst du schon?

Heute Morgen werden endlich mal wieder die Laufschuhe geschnürt. Kombiniere meinen Lauf mit einem Ausflug zur Tortuga Bay. Was ich nicht bedacht habe, Laufen ist auf Galápagos nicht so einfach. Weil ich ständig staunen und gucken muss, bin ich völlig vom Laufen abgelenkt.

Am Eingang der Tortuga Bay registriert man sich standardmäßig erst in einem Verzeichnis. Wie oft habe ich die letzten 3 Wochen meine Reisepassnummer in irgendwelche Listen eingetragen?!

Über Pflastersteine laufe ich durch eine Art Wald, der aus riesigen Kakteen und weißgrauen Bäumen besteht. Sieht sehr bizarr aus. Auch der Geruch ist nicht minder sonderbar, es riecht intensiv nach eingelegten Gurken.

Nach einigen Kilometern endet der Weg direkt am Strand. Samtweicher, fast schneeweißer Sand, dahinter ein türkisfarbener Ozean, gleißende Sonne. Eskalation! Es gibt kein Halten mehr. Ich reiße mir Schuhe und Socken von den Füßen und renne barfuß an einem Naturführer vorbei, der mir lachend „good decision“ hinterher ruft. Oh ja! Es fühlt sich verdammt gut an!

Laufstrecke Deluxe! Lieber Sand in den Laufschuhen als Sand im Getriebe 🙂

Ich komme wieder nicht weit, ein Leguan schwimmt an mir vorbei. Euphorische Foto-Ekstase. Ein paar Meter weiter liegt der ganze Strand voll mit den Urzeitviehchern. Will man weiter, muss man erst an ihnen vorbei. Denen ist das egal. Als Reaktion kommt bloß ein verächtliches Schnauben mit Nasenlochgerotze. Das ist ihr Strand, die Menschen sind gnädig geduldet, soviel ist klar.

Irgendwann endet der Strand in einer Bucht. Badewannenwarmes Wasser. Zwischen planschenden Leuten schwimmen Leguane und Pelikane. Völlig abgefahren.

Blick auf die Badebucht, der Himmel ist – wie häufig – bewölkt

Besuch der Charles Darwin Station

Nach der Tortuga Bay laufe ich zur Charles Darwin Research Station. Sehr praktisch, dass in Puerto Ayora alles dicht zusammenliegt.
Da mich die Tiere in freier Wildbahn einfach mehr faszinieren, haut mich das Forschungszentrum nicht so recht um. Nichts desto trotz gehört der Besuch für mein Empfinden dazu. Der Eintritt ist frei, natürlich muss man sich auch hier zuvor registrieren. Und die „10 goldenen Park-Gebote“ auswendig lernen! Ich werde zurück zur Hinweistafel geschickt und studiere unter den Argusaugen der Kontrollöse die Regeln. Bevor mir Einlass gewährt wird, muss ich ihr die Gebote aufsagen, wie ein Kind sein Gedicht vor dem Weihnachtsmann. Da nimmt jemand seinen Job verdammt ernst! Scheinbar erweise ich mich als würdig. Sie nickt zufrieden und bietet mir für 10 Dollar einen Naturguide an. Ich lehne ab. Wer weiß, was ich singen, tanzen oder performen muss, um dessen Gunst zu erwerben?! Zweieinhalb Stunden bummel ich durch die Anlage. Auf dem Rundweg und in den Ausstellungen gibt es reichlich Infos über das Leben und die Entwicklung der Galápagosschildkröten, den Pflanzen und Charles Darwin. Bis zu seinem Tod im Jahr 2012 lebte hier auch die legendäre Schildkröte „Lonesome George“. Er wurde ca. 100 Jahre alt.

Drusenkopf- oder Landleguan in der Darwin Station Santa Cruz

Haie im Hafen

Abends am Pier geht das Gestaune weiter. Im schummrigen Laternenlicht tingel ich am Hafenbecken entlang, glotze ins Wasser. Heute mittag schwamm hier ein Mantarochen, jetzt entdecke ich einen Babyhai. „Shark!“ ruft jemand neben mir und ein größerer Hai schwimmt vorbei. Keine Seltenheit, denn die Haie kommen regelmäßig zum Schlafen in das flache Hafenbecken.

Morgen früh geht es zur nächsten Insel. Das Ticket ist gekauft (25 Dollar). Um 6:20 Uhr wackelt die Fähre zwei Stunden nach Isabela und glaubt man den Berichten, geht es nicht sehr zimperlich auf dem Kutter zu. Na, da freut sich doch mein seekranker Magen ganz besonders.

Die restlichen Punkte meiner „Santa Cruz To-do-and-will-see Liste“ müssen noch warten. Da mein Flug nach Ecuador ebenfalls von Baltra zurück geht (viele kombinieren die Flüge von den beiden Inseln Baltra und San Cristóbal), werde ich hier die letzten Nächte verbringen.

(Teil 13 folgt)

Was hat euch auf euren Reisen richtig sprachlos gemacht? Welcher Ort hat euch gefangen und fasziniert? Welchen großen Lebenstraum habt ihr euch schon erfüllt? Schreibt doch mal, ich würde gerne von euren magic moments lesen.

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 11: Kalter Cajas Nationalpark, tropische Kakaoplantage, gefährliche „Area 51“ Guayaquil

6. – 7. Dezember 2019

Ein kleiner Abschiedsschmerz piekst mich, als ich mit Wanderbus in der Frühe Cuenca verlasse. Ich hatte Ecuadors Kolonialhauptstadt bereits bei meiner Ankunft sofort ins Herz geschlossen (den Beitrag zum Nachlesen findest du hier). Zeit für Melancholie bleibt keine, neue Erlebnisse stehen bereits in den Startlöchern.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir vorm Eingang des Cajas Nationalparks an. Per Katapult aus der Stadt in die Natur. Kontrastreicher könnte der Morgen gegenüber den letzten Tagen nicht sein. Zwischenzeitlich sind wir auch wieder auf 3.900 Metern. Entsprechend hat sich das Klima verändert. Gestern auf Betriebstemperatur bei 30° Grad, zeichnet sich mein Atem nun als Hauchwölkchen in der kalten Luft ab. Adios Sommer.

Die feuchte Kälte spiegelt sich auch in der Natur wider. Prägten anfangs noch sattgrüne Bäume, Bachläufe und Wasserfälle das Landschaftsbild, hüllt sich nun das Draußen in geheimnisvollen Nebel. Vereinzelt ziehen hübsche Holzhäuser im Wildwest-Style an der Scheibe vorbei. Es fehlen nur noch die Cowboys.

Der Geruch von Holzfeuer hängt in der Luft, als wir aus dem warmen Bus steigen. Er kommt aus dem „Casa Don Guevara“. Der Name könnte nicht treffender sein, lache in mich hinein. Das schreit ja förmlich nach einer Kaffee-Revolution zum Frühstück (Revoluzzer-Hintergründe werden in Teil 9 erklärt).

Laguna Toreadora und der Lebensbaum

Nach dem Frühstück passieren wir die Einfahrt des Cajas Nationalparks. Nächster Halt, die Laguna Toreadora. Brrrr, immer noch frisch… selbst das Kaminfeuer konnte die Morgenkälte im Casa Don Guevara nicht vertreiben. Vor gerade mal zwei Wochen lag hier noch richtig hoch Schnee, erzählte uns der Restaurantbetreiber.

Jacke drüber, Kamera geschnappt und auf zum Aussichtspunkt. Eine grandiose und etwas mystisch-verwunschene Landschaft breitet sich vor uns aus. Dem perfekten Kitsch-Klischee fehlen bloß ein paar kleine Wald-Trolle, die über die Störenfriede fluchen und unter Wurzeln und über Steine wuseln.

Vor der Laguna Toreadora im Cajas Nationalpark

Der Cajas Nationalpark umfasst ein 28.808 Hektar großes Seengebiet. Vor Ewigkeiten gab es hier einen Gletscher. Von dem ist nichts mehr zu sehen. Sogar Camping-Möglichkeiten bieten sich bei der Lagune. Hier kann sich locker mehrere Tage die Füße platt latschen. Etliche Wegweiser schlagen unterschiedliche Wandertouren vor. Mehr Zeit bräuchte man…

Weitläufiges Wandergebiet in geheimnisvoller Landschaft – Cajas Nationalpark

Philippe, unser Guide, weiß viel über den Nationalpark und seinen Pflanzen zu erzählen. Wir stehen vor einem „Tree of Life“, dem Lebensbaum. Den Glauben, der mit ihm verbunden ist, finde ich schön: Die Inkas sagen, fühlt man sich traurig, ausgebrannt oder hat schlechte Gedanken, solle man diesen Baum umarmen. Er sauge alles Negative und sämtliche Blockaden aus dem Körper und gebe gute Energie zurück.

Die „Tree of Life“, Lebensbäume im Cajas Nationalpark

Inmitten dieser atemberaubenden Landschaft ist man durchaus geneigt, an Schamanismus und den Spirit der Natur zu glauben. Ein Kraftort ist dieser definitiv, das lässt sich nicht bestreiten.

Und zum Thema Spirit: Auf unserer Weiterfahrt stoppt uns ein wild gestikulierender Autofahrer. Der Ecuadorianer redet mit der Wanderbus-Crew, deren Augen plötzlich groß werden. Dann bricht Hektik aus. Wir haben während der Fahrt unbemerkt Gepäckstücke verloren!

„Bitte nicht“, murmele ich. Mir wird heiß und kalt, als ich an meinen Rucksack denke, in dem sich unter anderem das Netbook und die Flugtickets für morgen befinden (oder befanden). Der aufmerksame Herr hat unterwegs bereits eine Tasche aufgelesen und gibt sie Philippe zurück. Es handelt sich um seine. Wir checken das Gepäck im Bus. Alle weiteren Taschen sind glücklicherweise noch da. Keine Ahnung was da passiert ist.

Es heißt, in Ecuador sei das Wetter unberechenbarer als die Laune vieler Frauen

Drei Ökosysteme gibt es im Cajas Nationalpark und der angrenzenden Region. Nebelwald, Highlands und tropischen Wald. Wir pfeifen uns heute alle rein! Das Klima und die Temperaturen wechseln schneller, als ich meine Kleidungsstücke. Vom sonnigen Cuenca hinein ins Nass-Kalte, der Nebel rundum wird wieder dichter.

Fahrt durch mehrere Klimazonen und unterschiedliche Landschaften

Je näher wir der Küste kommen, desto schwüler und tropischer wird es. Auch die Landschaft hat sich grundlegend geändert. Endlose Reisfelder, Zuckerrohrplantagen und Shrimps-Bassins ziehen vorbei. Philippe zählt die wichtigsten regionalen Witschaftsgüter auf: Reis, Bananen, Zuckerrohr, Mangos und Kakao. Reis kommt bereits zum Frühstück auf den Teller. Ein super Kohlenhydrate- und Energielieferant für die körperlich anstregende Arbeit der Farmersleute.

Hitze und Schoki – Der ecuadorianische Kakaoplantagen-Himmel

Über eine schmale Holperpiste tuckern wir die letzten Meter zur Kakaoplantage. Die Bäume hängen voller duftender Mangos und Avocados, die Sträucher sind übersät mit Kakaobohnen.

Mangobäume bei der Kakaoplantage

Für mich der letzte Wanderbus-Programmpunkt des gebuchten Tangara-Pass (mehr in Bericht Teil 4), seit ich in Quito startete. Wir werden auf einer Kakaoplantage selbst Schokolade herstellen.

Zwischen rot-gelb gestreiften Kakaobohnen schlagen wir uns durch die Sträucher, während blutlüsterne Mosquitos surrend-sabbernd über die Hautparzellen herfallen, die repellentfrei sind. Philippe pflückt schnell eine reife Frucht, wir flüchten.

Tropische Hitze, hungrige Mosquitos auf der Mango- und Kakaoplantage
Kakaobohne

Zur Schokoladenproduktion wird zunächst die ovale, harte Frucht halbiert. Fluffiges, weißes Fruchtfleisch kommt zum Vorschein. Philippe hält jedem von uns eine halbe Kakaobohne hin, wir pulen uns Stücke raus. Er erklärt, wir sollen das Mark vom Kern ablutschen und diesen ausspucken. Auf keinen Fall draufbeißen, die Kerne wirken toxisch auf den Magen. Allein das süße Fruchtfleisch ist göttlich!

Halbierte Kakobohne mit dem weißen Fruchtfleisch und Schalen der gerösteten Kakaobohnenkerne

Die großen, schwarzen Kerne werden vor ihrer Verarbeitung großflächig in der Sonne ausgelegt und getrocknet.

Zusammen mit einem Mitarbeiter der Plantage, röstet Philippe vollständig getrocknete Kerne in einer Pfanne. Sofort umhüllt uns ein herber Schokoladenduft. Die gerösteten Kerne pellen wir wie Erdnüsse von ihrer Haut, wir probieren erneut. Sie schmecken leicht bitter, extrem aromatisch.

Philippe (links) erklärt den Verarbeitungsprozess der Kakaobohne,
während ein Plantagen-Mitarbeiter Kerne röstet

Als nächstes werden sie in einer Art Fleischwolf von Hand gemahlen. Eine ölig-dunkelbraune Masse quilt zäh aus der Öffnung. Philippe kratzt sie mit einem Messer auf den Teller, den er uns zum probieren hinstreckt. Was dann auf unseren Zungen explodiert, ist der reine Geschmack 100% purer Schokolade. Noch immer bitter, aber unfassbar intensiv. Er stellt einen weiteren Teller mit kleinen braunen Rohrzucker-Stückchen hin, wir mischen sie im Mund mit einem kleinen Klecks Schokopaste. Mir schwinden förmlich die Sinne vor süßer Glückseligkeit! Kaum zu fassen, dass ich noch vor wenigen Jahren mit Schokolade überhaupt nix am Hut hatte.

So wird reine Öko-Schokolade gemacht

„Und jetzt bekommt ihr einen Kakao, den ihr niemals in eurem Leben vergessen werdet!“, kündigt Philippe an. Auf dem Herd kocht bereits ein Topf mit heißem Wasser. Unser Schoko-Gott kippt den restlichen Rohrzucker und frische Stängel Zitronengras hinein. Mit Blick in unsere ungläubigen Gesichter versichert er, „Vertraut mir“, bevor er die gute Schokomasse in das sprudelnde Wasser gibt.

Auf dem Weg in den ultimativen Schokoladen-Himmel

Jeder bekommt einen kleinen Becher. Ich halte mir den heißen Trunk unter die Nase, schnuppere. Wenn es nur halb so gut schmeckt, wie es riecht… Gaumen-Vorfreude-Eskalation! Die Geschmacksknospen katapultiert’s binnen Sekundenbruchteilen in die absolute Kakao-Ekstase. „Damit bekommst du bei nem Date wirklich alles und jede rum“, sabbere ich Philippe seelig voll. Den Kakao-Kollegen kratz ich wegen eines Jobs auf der Plantage an. Der strahlt und nickt.

Der kulinarische Gipfel endet beim Mittagessen. Umringt von Mangobäumen, Kakaosträuchern und allerlei Grünzeug. An einem hübsch gedeckten Tisch werden wir mit köstlichstem Essen verwöhnt. Am Nachbartisch sitzt der Plantagen-Boss, den ich so kurzerhand kennenlerne. Erfreut stelle ich fest, dass er meine ungefilterte Begeisterung anerkennt. Ihm wurde auch meine Jobanfrage zugetragen. Als wir gehen, werde ich exklusiv mit Küßchen links, Küßchen rechts von ihm verabschiedet. Ich bekomme die mündliche Zusage und eine Visitenkarte in die Hand gedrückt. Breche fast ab vor Lachen.

Mal schnell die Fakten durchgehirnt: Geiles Wetter, Schokolade im Überfluss, Hängematten hat’s hier auch, arbeiten und futtern in der Natur – okay, es drohen Gewichtsprobleme (auch wenn Philippe schwört, von der reinen Schokolade nehme man nicht zu) und die Mosquitos sind nervig, ach fuck it! Zeit für Veränderung! Zeit, beruflich Prioritäten zu setzen! Bevor sich Wanderbus in Bewegung setzt, rufe ich: „Ich fang dann Montag in drei Wochen an!“ Erst mal fertig reisen. Hoffentlich haben die auch guten Kaffee…

Schlemmen und schokoschwelgen inmitten der Natur

Guayaquil und die Area 51

Noch zweieinhalb Stunden Fahrt bis Guayaquil, mein Wanderbus–Ende. Dann wird sich wieder alleine durchgeschlagen. Am Flughafen verabschiede ich mich von der Truppe. Einige kenne ich bereits seit mehreren Etappen. Darunter ein ganz goldiges, älteres Ehepaar aus der Schweiz. Wir drücken uns zum Abschied. Sie fahren heute noch nach Montañita weiter. Philippe organisiert mir ein Taxi und sagt dem Fahrer wo ich hin muss. 15 Minuten mit dem Taxi durch die typisch vollgestopften innerstädtischen Straßen, dann stehe ich dem festungsähnlich abgeschotteten Hostel. Über Booking.com hatte ich tags zuvor ein Zimmer reserviert.

Nach dem Einchecken ist noch reichlich Abend übrig, den ich ungern im Zimmer abhocken mag. Draußen vor der Tür tobt allerdings der Mob, das hört man sogar drinnen. An der Rezeption des Jeshua Inn frage ich nach einem nahegelegenen Supermarkt und erkundige mich allgemein nach der Situation hier, als Alleinreisende. Der freundliche Herr zückt einen Stadtplan und kritzelt munter drauflos. Er markiert zwei Hauptstraßen mit gelbem Textmarker. Rechts und links davon kreuzt er die Straßenblöcke großzügig aus. Die zwei Straßen sind sicher, überall sonst habe ich nix verloren, zu gefährlich. Quasi die „Area 51“ im Molloch Guayaquil. Zum Supermarkt kann ich problemlos laufen, versichert er mir. Sofern ich vor Einbruch der Dämmerung zurück bin.

Keine Fotos von Guayaquil, aber vom Survival-Masterplan der „Area 51“

Na prima, geht doch nichts über gute Vibes und ein Wohlfühl-Gefühl! Immerhin ist das Hostel sauber und ganz angenehm. Ist ja nur für eine Nacht. Irgendwie ist das kein Ort, an dem man sein möchte, denke ich, während ich meine Laufschuhe wieder zur wegpacke…

Der Eindruck verstärkt sich, als ich die „Danger Zone“ vor der Tür betrete. Willkommen in der 2,8 Millionen Einwohner Hafenstadt.

Es ist subtropisch warm (yippieh).
Es ist UNFASSBAR voll mit Autos und Abgasen (röchel).
Es ist mega hektisch (würden mich die Area 51-Aliens freundlicherweise zurück in den Dschungel oder zur Kakaoplantage beamen?!)
Es ist laut (Autofahrer hupen sich ins Nirwana, Sirenen heulen, Motoren dröhnen). Es ist… gefährlich…

Zum Glück finde ich den Supermarkt sofort. Besorge mir eine Kleinigkeit zum futtern und gehe nicht über LOS, ziehe keine 4.000 DM ein, sondern begebe mich direkt in das Gefäng- ääääh ins Hostel. Die Stadt killt meinen Kopf, der ordentlich wummert. Wen wundert’s, nach 3 Klimazonen mit heftigen Temperaturschwankungen innerhalb eines Tages.

Dafür macht sich freudige Aufregregung in mir breit. Morgen geht der Flieger nach Galapagos, ich kann es einfach nicht glauben! Muss bloß die Nacht überleben. War das grad ein Schuss da draußen?! Hoffentlich ist meine Schlafzimmerwand kugelsicher 🤨

Mit Wanderbus in Etappen von Quito nach Guayaquil, für mich definitiv die beste Entscheidung!

(Teil 12 folgt, fliegt mit mir auf die Galapagos-Inseln!)

In welchen Städten habt ihr euch auf euren Reisen unsicher gefühlt? Was war die vermeintlich gefährlichste Stadt, in der ihr je wart? Seid ihr schon einmal in eine blöde Situation geraten, in der ihr euch richtig unwohl gefühlt hatbt? Ich bin an euren Erfahrungen oder auch Tipps interessiert.

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 10: Cuenca – Zauber einer Stadt

3. – 6. Dezember 2019

Charismatisch, zauberhaft! Das ist der erste Eindruck von Cuenca.

Schon bei der Ankunft am gestrigen Abend blieb mir die Spucke weg. Cuenca ist nicht nur im Dunkeln eine Schönheit, sondern auch bei Tag überdurchschnittlich vorzeigbar!

Wie schon im vorherigen Blogbeitrag angekündigt, ich habe eine Mission! Die ich ernst nehme. Heute früh allerdings erfolglos. Das ansprechende Café, in dem ich vorfreudig Cappuccino orderte, servierte süße Milch (trotz Verneinung auf die Zucker-Frage) mit Instantpulver drin. Geschmackliche Verschlimmerung des sonstigen Pseudo-Kaffees. Wie soll meine Revolution funktionieren, wenn der Kaffeevollautomaten-Köder hinter der Theke auslegt wird, der dann nur zu Ausstellungszwecken dient?!

Aber der hat Tag Potenzial. Ein freundlicher Gastro-Al Capone mit Sombrero bringt mir zu rhythmischen Salsa-Klängen ein Joghurtschälchen an frischen Erdbeeren, Papaya- und Bananenstücken. Das relativiert die Instant-Irritation auf der Zunge.

Mercado 9 de Octubre – Bälleparadies für Frischfruchtfanatiker

Im Tourismusbüro werde ich mit einem Straßenplan ausgestattet und auf die Stadt losgelassen. Ich liebe einheimische Märkte und so führt mein erster Weg zum Mercado 9 de Octubre. Eine weiße Markthalle lässt auf 3 Ebenen das Herz aller Obst-, Gemüse- und Schlemmerfreunde höher schlagen!

Markthalle Mercado 9 de Octubre mit Weihnachtsmarktständen davor

Im Untergeschoss türmen sich allerlei Frischfleischberge. Lockend werden mir Hühnchenenstücke entgegenstreckt, ich flüchte ins obere Stockwerk. Dort wird garküchenmäßig gebrutzelt und direkt vor den Töpfen gespeist. Die Gemüse- und Früchte-Vielfalt im Erdgeschoss ist gigantisch. In der Luft hängen unbeschreibliche Duft-Aromen.

Obst und Gemüse soweit das Auge blickt
Auf einer Etage werden Fleischmassen in allen Variationen angeboten
Einkaufsplatz und Zusammenkommen der Einheimischen

Trotz des erst kürzlichen Frühstücks kann ich mich dem Saft-Lockruf nicht entziehen. Meine Wahl fällt auf eine mega schmackhafte (zuckerfreie) Kokosnuss-Erdbeer-Kombination.

Flätze mich auf die Stufen vor der Halle, tunke die Nase in die Sonne und genieße meinen Vitamin-Kick. Zwei freundliche Polizisten bleiben stehen und erkundigen sich interessiert nach mir und meiner Reise. Sie raten, meinen Rucksack im Auge zu behalten, es gäbe immer mal Leute die stehlen. Ich danke ihnen und mahne mich selbst, aufmerksam zu bleiben. Im Gegensatz zu Quito fühle ich mich hier super sicher. Das macht leichtsinniger. Kein Mensch trägt in Cuenca seine Tasche vor der Brust. Nie zuvor habe ich irgendwo Tag und Nacht solch ein Polizei-Aufgebot gesehen. Wachmänner vor Einkaufsmärkten, Banken, an allen größeren Plätzen, Parks und sind mit Motor- und Fahrrrädern in den Straßen präsent. Vielleicht herrscht hier auch deswegen solch eine entspannte Atmosphäre.

Während die Äquator-Turbosonne weiter auf mich brutzelt, dudelt von den Ständen hinter mir (die vollgestopft sind mit Lametta, Krippenfiguren und Nikolausmützen) Weihnachtsbeschallung. Irgendein kokelndes Trockengestrüpp verströmt strengen Weihrauchgestank über den Platz. Ich türme zum Kunsthandwerker-Markt am Plaza Sangurima (Plaza Rotary): Holzmöbel, Korbgeflecht, Edelstahlkram wie Siebe und Kochutensilien, buntes Häkelzeug. Die Temperaturen in den Straßen fühlen sich inzwischen nach Hochsommer an.

Quadratische Stadt, die einen Vogel, äh Kuckuck hat

Orientierung in Cuenca, ein Thema für sich! Normalerweise finde ich mich in Städten echt gut zurecht. Hier verlaufe ich mich konsequent permanent! Dabei ist Cuenca ähnlich angeordnet wie das heimische Mannheim, nur halt in schöner. Alles ist in quadratischen Blöcken aufgebaut. Gut, in Mannheim haben die Straßen einfach Buchstaben und Zahlen statt Namen. Aber es kann doch nicht so schwer sein?!

Ecuadors Kolonialhauptstadt in den Südanden liegt auf 2.560 Metern und hat rund 330.0000 Einwohner. UNESCO-Weltkulturerbe. Für Besucher hält sie reichlich Programmpunkte parat. Selbst ich – alles andere als ein Stadtmensch – fühle mich hier pudelwohl. Es ist die Mischung, die ich so mag. Man ist mittendrin im Stadtleben (welches hier völlig stressfrei ist) und hat dennoch viel Grün rundum. Nur rund eine Stunde entfernt liegt der Cajas-Nationalpark. Die Stadt hat einige Parks, im Parque de la Madre gibt es sogar eine extra Laufstrecke.

Dreh- und Angelpunkt ist der Parque Abdón Calderón. Hier ist zugleich der Sammelpunkt von Wanderbus. Um dem Park steht die imposante Catedral de la Inmaculada Concepción (die Neue Kathedrale), mit ihren himmelblauen Kuppen. 105 Meter hoch und bei Dunkelheit grandios illuminiert. Gegenüber liegt die alte Kathedrale, jetzt ein Museum, auch hübsch.

Die blauen Kuppeln der Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis (Neue Kathedrale) leuchten in der Dunkelheit
Nachtleben am Parque Calderon und der Kathedrale Inmaculada Concepción

Die Stadt hat Flair, ohne Zweifel. Neben thronähnlichen Vorrichtungen, auf denen stets jemand sitzt, sich die Schuhe putzen zu lassen, befinden sich Elektromärkte, Einkaufsläden, kleine Restaurants, Cafés, Kathedralen und Verwaltungsgebäude. Cuenca ist lebendig und quirlig.

Vielfältigkeit und bunte Gebäude prägen das Stadtbild

Die Kuckuck-Geräusche, die manche Ampelanlagen bei ihrer Grünphase machen, bringen mich zum schmunzeln.

Außerdem trägt meine Revolution erste Früchte! Ich finde wahrhaftigen, guten Kaffee! In einem kleinen, putzigen Café, mit hervorragendem Equipment. Diesmal zeige ich vor meiner Bestellung auf das Gerät und frage, ob der Kaffee auch wirklich da rauskommt. Ein grinsendes Nicken. Her mit dem großen Cappuccino! Beim Abschied drohe ich, morgen wieder zu kommen!

Revoluzzen und Reise planen! Endlich köstlicher Kaffee! Und einen netten Plausch gab es auch dazu.

Cuenca’s Wandkunst übertrumpft alles Bisherige! Die Speicherkarte füllt sich ruck zuck mit eindrucksvollen Graffiti-Fotos. Die wären ein eigener Blogbeitrag wert…

Streetart trifft auf Kultur und zeigt hier die traditionelle Maske Aya Huma

Läuft man vom Zentrum zum Rio Tomebamba, wird es umgehend grüner. Der Fluss teilt die Stadt in 2 Hälften. Hier führt sogar ein Radweg vorbei. Damit habe ich in Südamerika irgendwie nicht gerechnet. Und auch am Stadtrand findet sich ein tolles Café neben dem anderen! Geht doch, amigos.

Am Rande der Altstadt lädt das grüne Ufer des Rio Tomebamba zum Verweilen ein
Perspektivenwechsel; Der Radweg führt entlang bunter Graffity am Rio Tomebamba

Zum Nachmittag ziehen dunkle Wolken und Wind auf. Ideal für Kulturprogramm. Im Museo del Sombrero wird die Herstellung der original Panamahüte vorgeführt. Die kommen nämlich nicht aus Panama sondern aus Cuenca. Es gibt sogar knuffige Mini-Sombreros, nur wenige Zentimeter groß.

Sombrero-Museum: Hüte in allen Größen, Formen und Farben
Die original Panama-Hüte werden in Cuenca gefertigt

Beim Gang durch die Straßen bleibe ich an der Fensterfront eines kleinen Ateliers kleben. Man bittet mich freundlich, doch einzutreten. Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen. Begeistert darf ich zwei Künstlern beim Malen über die Schulter schauen.

Derart inspiriert schlendere ich in die Kunstausstellung Manuel Augustin Landivar. Ui ist das bunt, einige schöne Exponate dabei. Allerlei Galapagos-Getier wurde farbenfroh auf Leinwand und als Kunstwerk kreiert.

Kunstausstellung Manuel Augustin Landivar mit Galapagos-Echsen

Die Besichtigungstour endet im Museum Pumapungo. Einem weitläufigen Gebäude mit 3 Stockwerken und großer Außenanlage. Die Anlage verfügt über einen botanischen Garten, Inka-Ruinenreste und Lamas. Im Museum liegt, für mich Kulturbanause, viel langweiliges Zeugs, wie alte Münzen, getöpferte historische Schüsseln und Kannen. Aber eine Etage, die sich sehr anschaulich mit der Ethnologie beschäftigt, interessiert mich sehr. So läuft man anschaulich durch einen nachgebauten Urwald, durch spartanische Inka-Hütten, sieht Schrumpfköpfe, Schamanenzeug und erfährt vieles über die Rituale.

Ein kleiner Teil der Außenanlage des Museum Pumapungo (innen waren leider keine Aufnahmen erlaubt)

Bis zum Abend bin ich 20 Kilometer gelatscht. Einige Strecken zwangsläufig wegen Orientierungslosigkeit mehrmals.

To Do-Liste: Das süße Nichtstun genießen

Bereits beim Aufstehen wird klar, heute komm ich nicht aus dem Chillmodus. Eigentlich ging ich davon aus, am zweiten Tag Stadt-überdrüssig zu sein. Daher war der Plan, zum Wandern in den Cajas Nationalpark zu fahren. Nun ist mir die einstündige Gurkerei mit einem Public Bus in die Kälte viel zu mühsam. Lieber durch Cuenca tingeln, Cappuccino schnabulieren, lesen und bei 30°c Wohlfühltemperatur den Kadaver in der Sonne auslüften. Muss eben der morgige Abstecher auf der Wanderbus-Durchreise ausreichen. Pläne sind ja dazu da, sie flexibel über’n Haufen zu werfen. Ein weiterer Faktor, den ich bei dieser Art zu reisen so ungemein schätze.

Selbstverständlich startet der angebrochene Pausentag damit, die Richterskala der Kaffee-(Mess)-Latte neu zu justieren. Danach muss ich unbedingt zum Rathaus und meinen Zweitwohnsitz hier anmelden!

Viele Cafés in Cuenca sind gemütlich uns stylisch
Einladung zum Kaffeetrinken, immer willkommen!

Der ausgiebigen Schmöker- und Kaffeezeremonie schließt sich ein Besuch des coolen Hippie-Marktes, gegenüber meines Hostels, an. Rumschlunzen bis zum späten Mittag, das braucht’s auch mal. Dann werde ich unverhofft aktiv. Muss zum Turi-View-Point! Jetzt! Busfahren ist aber wieder viel zu mühsam, Google verkündet 5 Kilometer Entfernung. Kann man latschen.

Wenn der Touri zum Turi-View latscht

Kurzfassung: Es waren 7 ziemlich öde Kilometer, fast ausschließlich an Hauptstraßen, gegen Ende steil ansteigend (bei einem Aussichtspunkt logisch und naheliegend) und nicht sehr lohnend. Wie üblich zog sich am Nachmittag der Himmel zu, es dröpselte. Zum Glück blieb der befürchtete Starkregen aus. Wäre für die Kamera blöd geworden, ohne Unterstand weit und breit.

Unterwegs zum Turi-View, eintönige Latscherei an der Hauptstraße

Der Turi-View, hmmm… habe schon von deutlich beeindruckenderen Plattformen ge-aussichtet. Man hat einen weiten Panoramablick über die Stadt, mich spricht es irgendwie nicht an. Finde es übertrieben touristisch. Schicki-micki Resorts mit Pools, zu viele Selfistangenstrecker mit zu affigen Posen, zu viele Reisebusse. Nix wie weg hier. Ich misstraue dem Wetter und fahre mit dem Taxi bis zum Parque de la Madre zurück.

Ausblick vom Turi-View

Auf dem Heimweg bleibe ich im Café Wunderbar hängen, eine Empfehlung des Reiseführers. Was soll ich sagen? Der Name ist Programm.

Und soll ich euch noch was sagen? Zur Feier des heutigen Rumschlunz-Tages gibt’s ein Getränk aus der Karte der hochprozentigen Verlockungen. So auf fast leeren Magen zieht das Gesöff einem / mir aber gepflegt die Schuhe aus! Dennoch furchtbar schmackhaft, schlabber.

Gedanklich stoße ich auf meine Freunde zuhause an. Das hier geht auf Euch da draußen in der kalten Ferne!

Am Rande der Altstadt, am Rio Tomebamba auf der rechten Seite – Café Wunderbar

Also Café Wunderbar kann ich nur empfehlen, richtig schöne Location mit super Lage, am Rande der Altstadt am Rio Tomebamba. Eine weitere kulinarische Empfehlung: Wenn ihr die Chance habt, probiert Yuccabrötchen. In den Genuss kam ich erstmals beim Dschungelabenteuer (hier geht’s zum Blog-Bericht). Da haben wir aus Yucca-Wurzeln Brot hergestellt. In Cuenca finde ich zufällig einen Laden, der mini Yucca-Brötchen verkauft. Sie werden sogar warm gemacht. Ich liebe die Dinger, ganz ohne Klimbim, nix drauf. Köstlich!

Am Abend drehe ich eine lange Abschiedsrunde durch die Stadt. Ich kann mich an den erhabenen Bauten und der wunderschönen Beleuchtung einfach nicht satt sehen.

Imposant – Edificio de piedra de oficiales
Im Innenhof der Neuen Kathedrale
befinden sich hübsche Bars und Cafés
Kirche San Alfonso

Hinter den Fenstern vieler Wohnhäuser stehen bereits geschmückte Weihnachtsbäume. Zudem ist wirklich immer und überall was geboten, selbst unter der Woche. Auch vor der Alten Kathedrale wird gefeiert. Aus Lautsprechern schallen folkloristische Klänge und in Trachten gekleidete Paare legen feurige Tänze auf die Pflastersteine.

In Cuenca herrscht stets eine ausgelassene Stimmung und es wird viel gefeiert

Der Abschied von Cuenca fällt schwer. Die Stadt hat mein Herz erobert.

Die kommende Nacht wird wieder kurz, um 6:45 Uhr fährt der Wanderbus. Die letzte Etappe steht bevor. Danach geht es in die Lüfte und in ein ganz neues Abenteuer…

Ich gebe mir selbst ein Versprechen: Kehre ich irgendwann nach Ecuador zurück, dann auf jeden Fall auch nach Cuenca.

(Teil 11 folgt)

Seid ihr auch in eine Stadt schockverliebt? In welche und warum gerade in diese Stadt? Was macht für euch ihr Zauber aus? Und wo sollte man eurer Meinung nach auf alle Fälle einmal gewesen sein? Teilt eure Empfehlungen gerne mit mir.

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 9: Kaffee-Revoluzzer, Mordlustige Lagune und Teufelsfahrt zur Teufelsnase

3. Dezember 2019

Buenos dias und adios Riobamba. Zum Abschied einen Morgenkaffee, bevor Wanderbus ein- und ich mit ihm abtrudel. Das sensationelle Café, in dem ich gestern Glück fand, zu. Es wär ja auch einfach zu schön gewesen…

Dann eben traditionell zum bekannten Saft- und Mampfladen. Da weiß man wenigstens, was Koffeein-Grottiges serviert wird, ha! Neben die erwartete Tasse heiße Milch wird eine große Dose Instantpulver (offensichtlich wurde meine Not erkannt), mit dem vielversprechenden Slogan „Cafe Buendia“, gestellt. Hoffentlich ist der Name Programm! Der Körper schluchzt auf.

Instant-Kaffee: Hartes Los für Menschen, in deren Venen Koffeein fließt…

Südamerika, das Land der minimierten Kaffeefrohlockung, schade eigentlich. Hätte ja gern importiert. Aber ich werde die Hoffnung nicht aufgeben! REVOLUTION! Viva el Kaffeebohne! Herausforderung angenommen. Ernenne mich fortan zum Che Guevara der unterdrückten Kaffeejunkies! Was zählt, ist die Mission!

Ecuadors erste Kirche

Der Wanderbus kommt, pünktlich und zuverlässig wie immer. Unser erster Stop der heutigen, sehr langen Reiseetappe ist Balbanera im Kanton Colta. Kurze Besichtigung der ersten Kirche (15. August 1534), die es in Ecuador gab. Sakrales Gedudel schallt uns entgegen. Aus Angst, beim Betreten zu Staub zu zerfallen, spähe ich vorsichtig ins Innere. Schicke, rustikale Holzdecke. Ansonsten, tja, ne kleine Kirche eben. Nicht so mein Ding, verkommenes Heidekind. Buddhistische Tempel lassen mich hingegen bedeutend mehr ausflippen.

Wanderbus vor Ecuadors erster Kirche

Die Stände mit den ach so hübschen Alpaka-Schals auf dem Parkplatz finden größeres Interesse. Ich handele den Preis runter (auf Spanisch) wie ein Marktweib auf Umschulungsmaßnahme. Meisterleistung! 1 Dollar gespart. Feilschen gehört nicht zu meinen bestechendsten Eigenschaften.

Wanderbus-Guide José zeigt auf quietschbunte Häkelmasken und erklärt ihre Tradition. Die sogenannte „Aya Huma“ hat hinten und vorne jeweils ein Gesicht, eines für die Vergangenheit, eines für die Zukunft. 12 Woll-Dödel stellen Haare dar, die für die Monate und die 12 Götter der Region Balbanera’s stehen.

Die traditionelle quietschbunte Aya Huma

Auf der Straßenseite gegenüber drehen aufgespießte Cuys (Meerschweinchen) Runden im Grillkarussel. José schwärmt mit hungrigem Blick, sie seien seeehr lecker. Ich bevorzuge sie lebend, ziehe ich den Veggie-Spaßbremsenjoker.

Landestypische Delikatesse, gegrillte Cuys (Meerschweinchen)

Unser Kamikazefahrer (sollte ich in Ecuador sterben, dann im Straßenverkehr -> Überlebensbericht Teil 1) brettert weiter durch Santiago de Quito, ein früheres Inka-Dorf. Hier leben etliche indigene Völker und betreiben großflächig Landwirtschaft. Ihre wichtigsten Anbau-Produkte sind Mais, Kartoffeln, Quinoa und Knoblauch.

Die hungrige Laguna Ozogoche im Sangay National Park

Die Fahrt ist brechreizfördernd. Hoffentlich wird Wanderbus nicht zum Kübelbus. Dafür kommen die Augen voll auf ihre Kosten. Die Landschaft ist wunderschön, unendliche Weiten erstrecken sich hinter der Fensterscheibe.

Unterwegs in der Einsamkeit

Wir holpern über eine sandige Schotterpiste im Sangay National Park. Durch den sonnendurchfluteten Bus wabert ein stickiger Staubschleier, den wir unweigerlich einatmen. Vor uns öffnet sich ein Tal mit zwei tollen Seen. Ich bin geflasht.

Die Lagunen im Sangay National Park

Kurze Pause für Fotos, dann fahren wir das letzte Stück zum „Restaurant“, wie José verkündet. Das Gemäuer sieht allerdings sehr verlassen aus. Im Gras hockt ein kleines Mädchen mit pinkfarbenem Poncho, rosa Käppchen und lila Gummistiefeln. Dreckverschnuddelt hält sie eine Tüte Chips in der Hand, während ein Welpe versucht, einen Happen zu ergattern. Verschüchtert blicken ihre dunklen Kulleraugen die vor ihr stehende Touri-Truppe an. Die Gastgeberin tritt mit einem Tablett aus der Hütte. Sie serviert uns heißen, aromatischem Tee aus „Sunfo“, einer endemischen kleinen roten Blume. Hilfreich bei Höhenkrankheit. Wir sind wieder auf 3.800 Metern. Vielleicht hilft Sunfo ja auch gegen Busfahrt-Magenschleudertrauma.

Bevor wir zum Mittagessen in wieder hier einkehren, steht eine Wanderung durch den Nationalpark an. Bewegung, Yippieh!
Eine gute Stunde laufen wir durch die braun-grüne Steppenlandschaft zur Lagune Ozogoche und zurück. Ein einfacher Pfad, über idyllische kleine Holzbrücken, durch Matschtümpel und Weideland zum Seeufer. Die Höhe macht sich bemerkbar.

José weiht uns in das düstere Geheimnis der Laguna Ozogoche ein. Der Name bedeutet in Quichua soviel wie „hungrig nach Fleisch.“ Einmal im Jahr fliegen unzählige Vögel in den See hinein und sterben, erklärt er weiter. Das ist keine Legende, sondern unheimliche Realität. Keiner kennt den Grund. Die Einheimischen zelebrieren diese eine bestimmte Woche im Jahr, da ist Party angesagt. Ozogoche, die nicht vegetarische Lagune, ist ne mörderkrasse Plörre!

Ein aufschlußreiche Wandertour. José bricht Seegras von einer Art Schilf ab und hält mir den Halm warnend hin. Rasiermesserscharf. Die Völker verwenden die Halme, um bei Geburten damit die Nabelschnur durchzuschneiden. Faszinierend. Jeder weitere Tag in Ecuador macht survival-tauglicher!

Zudem ist es traumhaft schön hier. „Sieht aus wie im Auenland, bloß die Hobbits fehlen“, grinse ich José an. Er kontert schlagfertig: „Oh, es gibt hier Hobbits, aber die tragen Ponchos.“ Grüble über seine Worte nach, mit dem Resultat, dass er hier der einzige Lockenkopf ist. Die Tatsache, dass er unentwegt am futtern ist, festigt meine unausgesprochene These über den Tag hinweg. Vielleicht erwische ich ihn noch barfuß…

13 Uhr, zurück am „Restaurant“. Zeit für Lunch. In meinem Fall Frühstück (am Morgen wurde der Körper bloß mit Pseudo-Kaffee abgespeist und einem vorzüglichen Tree-Tomato-Cocos-Saft). Im Fall des Hobbits vermutlich das einhundertelfzigste Frühstück. In dem Gemäuer hat man ein paar Tische bunt für uns eingedeckt.

Zum Glück ist das Essen fleischloser als die Lagune und erstaunlicherweise ist nix davon in Fett gebraten oder frittiert. Es gibt gekochte Maiskolben, Riesenbohnen (gepimpt mit einer pikanten Soße aus der vielseitigen Tree-Tomato, Limone und Zwiebel) und köstliche Kartoffelsuppe mit einem Spalt Avocado. Wärmender Sunfo-Tee rundet unser Menü ab.

Teuflische Fahrt zur Teufelsnase

Die Weiterfahrt nach Alausi wird als sehr serpentinenreich angekündigt. Bingo! Mit gefülltem Bauch, Doppelbingo! Die Prognose lautet: Zwei Fahrstunden Brechbus, wenn es (wie fast immer) sehr neblig ist und schwupps, schon sieht man keine 30 Meter mehr aus dem Fenster. Das Blister mit den Kotztabletten bohrt sich in meine Hand.

Deutlich schneller als angekündigt erreichen wir Alausi. Was jedoch nicht daran lag, dass der Nebel verschwand. Das tat er nämlich nicht! Allerdings ist der Teufel kein Eichhörnchen, sondern Busfahrer. Unser Chauffeur aus der Führerschein-Vorhölle muss mit dem Taxi-Sensenmann aus Quito verwandt sein (erneuter Verweis auf den Überlebensbericht Teil 1 und die dort deklarierten Spezial-Verkehrsregeln). Meine Gebete für erhöhtes Nebelaufkommen IM Bus wurden ignoriert. Dafür gab es uneingeschränkten Freiblick zum Fahrerfenster. Alles, was sich dahinter bzw. davor abspielte, ließ sich lediglich erahnen, nein, befürchten. Sicherheitsabstand?! Völlig überbewertet! Höllen-Bus überholte auch rigoros LKW’s in Kurven! Teufelsfahrt zur Teufelsnase! Nur, dass ich dies fatalerweise ausschließlich auf die abenteuerliche Holzzug-Fahrt über die legendäre Nariz del Diablo (Teufelsnase) bezogen hatte. Die brauch ich nach dem Verkehrs-Exorzismus wahrlich nicht mehr.

Im Bahnhof von Alausi

40 Minuten Alausi-Aufenthalt. Zeit, kurz den Boden zu küssen und sich flott umzusehen. Mit einem Koffeeinjunkie-Komplizen unserer Truppe investiere ich in Kaffee, statt Souvenirs, frisch vor unseren Augen aufgebrüht! Kein Instantpulver. Dieser Duft! Will gerne euphorischen Ausdruckstanz auf der Theke machen.

Auch in Alausi werden massenweise Alpaka-Waren angeboten

Cuenca – wir leben noch

Heute haben wir ordentlich Strecke durch Ecuador gemacht. Und es überlebt! Die heutigen Busstunden werde ich in einigen Therapiestunden aufarbeiten müssen. Vielleicht trinke ich besser einfach zwei, drei Schirmchengetränke mehr, das könnte auch helfen.

Man lernt ja nie aus und heute habe ich gelernt, dass Coke Zero in den Nasenlöchern nicht sooo geil is. Von Baileys und Eierlikör wusste ich das ja bereits.
Der Bus-Besessene hatte vor einem beachtlichen Hubbel mal gepflegt das Gaspedal durchgetreten. Da ich ja eh kaum hinsehen konnte, war ich darauf nicht vorbereitet und habe mir einen kräftigen Schwupps frontal in den Riechkolben katapultiert. Fazit meiner Knoff-Hoff-Show: Wenn man unbedingt diverse Getränke über die Nasenscheidewand filtern mag, dann sind kohlensäurearme vorzuziehen. Hochprozentige sowieso.

Der Fahrer hat seinen Stil konsequent durchgezogen. Starkregen, dichter Nebel, viel Verkehr, alles kein Grund mit 120 km/h rumzutrödeln. Generell wird gerne mit Lichthupe hinterm Vordermann geklebt, während bei Dämmerung oder Nebel das Licht eher auszuschalten ist. Blendet ja auch ungemein.

Egal, wir sind in Cuenca, es nieselt. Das wenige was ich von der Stadt gesehen habe – wobei, hatte mich ’ne knappe Stunde verirrt und daher doch schon einiges gesehen – ist übelst schick! Prunkvolle Kolonialbauten und alles gigantisch beleuchtet.

Auch ein Hostel war prompt gefunden. Habe mich kurzerhand dort einquartiert, wo der Hobbit nächtigt. José, ich meine José! Quasi Locals-Know-how genutzt. Die Unterkunft Casa Latina ist ein altes, charismatisches Kolonialhaus. Hohe Decken, ächzende Treppenstufen, uralte Holzdielen. Ich spüre die knarzenden Schritte von draußen, wenn ich im Bett liege. Für die nächsten 3 Nächte wohne ich in einem unfassbar günstigen Zimmer mit 3 Betten und eigener kleiner Nasszelle.

Morgen wird erst einmal die Stadt erkundet. Und nicht zu vergessen, es gilt auch noch eine Mission zu erfüllen!

(Teil 10 folgt)

Habt ihr auch schon solche Horrorfahrten erlebt? Kämpft ihr mit Reisekrankheit oder seid ihr völlig gechillt, egal wie schlecht die Straßen,wie rau die See ist? Reist ihr lieber mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit Mietwagen? Wie bereist ihr ein Land? Erzählt doch mal 🙂

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 8: Caramba in Riobamba und höhenkrank am Chimborazo

30. November – 3. Dezember 2019

Der Dschungel hat mich verbabbt ausgespuckt (Bericht Teil 7). Seit Mitternacht bin ich zurück in Baños.

Die Rückfahrt war speziell… Nach der tropischen Dschungelhitze kämpfte der Körper mit der Kühlschrankkälte im Bus. Unterwegs stoppte uns das Militär. Alle mussten aussteigen (draußen wieder 30°C) und Ausweise bzw. Reisepässe abgeben. Selbst ich gelassenes Wesen werde sehr schnell unentspannt, wenn man mir meinen Reisepass wegnimmt. Das Handgepäck wurde gefilzt, dann wurden wir glücklicherweise recht zügig und sehr freundlich wieder entlassen. Uff…

Die folgenden 9 Stunden im Bus sind alles andere als vergnügungssteuerpflichtig! Die Kiste schaukelt über Hubbelpisten, der Fernseher vorne plärrt Boxfilme (in spanisch) durch die Nacht und zwei Kinder haben es sich zur Mission gemacht, abwechselnd mit lautem Geschrei oder Kreischgelächter die TV-Beschallung zu übertönen. Und das gefühlt die komplette Fahrt hindurch! Waterboarding für Lauscher und Hirn, ich bin jedenfalls durch, als ich in Baños den Bus verlasse.

Dank Carlos (der vor 5 Tagen mit mir das Zimmer reservieren war) kenne ich den Weg zum Hostel. Schnell geduscht und in das letzte freie Hochbett im 6er-Dorm geklettert. Übernächtigt, aufgedreht. Mir bleiben 4 1/2 Stunden, dann sammelt mich bereits der nächste Wanderbus ein.

Frühstücks-Fresskoma vs. Pseudo-Kaffee

Nach nur 2 1/2 Stunden Fahrt erreichen wir Riobamba. Mit der kleinen Wanderbus-Truppe verschaffen wir uns ein ersten Eindruck von der lebhaften Stadt. Mampfend funktioniert das ganz gut! Unser Guide schleift uns durch die Markthalle und wir kosten uns durch die Obstvielfalt: Granadilla (Bestandteil des neuen Lieblingsgetränkes Canelazo), Tree-Tomato, Babaco, um nur einige zu nennen.

Danach frühstücken wir gemeinsam an einem der vielen Imbissläden. Frühstück in Ecuador, auch so eine Sache. Ich gehöre ja zur Fraktion „am Morgen bloß ’ne kräftige Soja-Latte“. Dass es Kaffee hier fast ausschließlich in Instantform gibt, damit hab ich mich arrangiert. Befremdlich finde ich allerdings nach wie vor, die nicht vorhandene Kaffeekultur, im Land der Kaffeebohne. Dafür haut man sich bereits um 7 Uhr ein Frühstück rein, das als reichhaltiges Abendessen durchgeht. Ein Reisberg an gebratenen Würstchen, eingebettet von roter Beete, ertränkt unter Eiern. „Llapingachos“ nennt sich der oppulente Frühstücks-Wahnsinn. Vom Bett ins Fresskoma. Verstört-fasziniert blicke ich dem Teller nach, während ich an meinem Käsebrötchen nage und eine weitere Schippe Instantpulver in heiße Milch schaufel.

Der letzte Iceman von Riobamba

Unser Guide verrät, dieser (Saft-)Laden ist der einzige in Riobamba, dessen Smoothie-Eis vom Gletscher des legendären Chimborazo kommt. Er erzählt uns die wahre Geschichte des letzten Iceman von Riobamba, Baltazar Ushca. Der kleine, zähe Mann ist weit über 70 Jahre alt. Noch immer zieht er mit seinem Esel zu Fuß zum Chimborazo, steigt auf über 4.000 Meter zu dem imposanten Berg, um dort im Gletscher das Eis zu schlagen. Dieses wickelt er wärmeisolierend in Stroh und bringt es auf dem Rücken seines Esels ins Tal. Zu genau dem Laden, in dem wir jetzt sitzen. Ein Knochenjob! Vor uns liegt ein restlicher Eisblock im feuchtem Stroh. Andächtig bestelle ich einen Tree-Tomato-Saft und bin sofort hin und weg von dem Gesöff. Neues Lieblingsgetränk, furchtbar lecker!

Links unten im Bild ein Rest des Eisblocks im Stroh vorm „Saftladen“ des Vertrauens
Baltazar Ushka, der letzte Ice-Man

Die Gruppe reist weiter. Ich werde 3 Nächte hierbleiben, bis der nächste Wanderbus vorbeikommt und mich mitnimmt. Ich schultere meinen Rucksack und mache mich auf die Suche nach einer Unterkunft.

Fündig geworden. Im Hostel wird jedoch ausschließlich auf Spanisch kommuniziert. Mein einziges Zimmerfenster führt zu einem Lüftungsschacht, ich mag nicht reklamieren. Ich KANN gar nicht reklamieren, auf spanisch… vermisse den Sound und den Geruch des Dschungels. Wo ist die Vogelspinne an der Wand – ääähh halt, bin kurz melancholisch abgedriftet. Die kann wegbleiben, dennoch fehlt mir der Dschungel grad ganz arg.

Fremdeln in der Fremde

Hmmm, so wirklich warm bin ich noch nicht mit Riobamba. Dabei ist es hier warm. Den Tag über bin ich über einige kunterbunte Märkte geschlendert und 4 Stunden planlos durch den Ort geirrt, auf der Suche nach einer Agentur, um eine Chimborazo-Tour zu buchen. Die einen Agenturen aus meinem Reiseführer gibt es nicht mehr, die anderen finde ich nicht. Zurück im Hostel. Mit mächtig Frust. Per Sprachübersetzer versucht man mir zu helfen, vergeblich. Ich brauche einen Plan B, sonst bin ich hier tatenlos gestrandet. Die Riobamba-Mission lautet schließlich „Chimborazo!“ Selbst die Laufschuhe brauch ich mir hier nicht anzuschnallen, der Autoverkehr ist die Hölle! Fühle mich irgendwie fehl am Platz. Und fremd.

Ich hirne auf Hochtouren, recherchiere im Netz. Zufällig stoße ich auf einen Bike-Adventure-Laden und erinnere mich, dass ich heute irgendwann daran vorbeigeirrt bin. Letzte Chance, ich düse los, bevor er schließt.

2 Stunden später: Wieder im Hostel. Jetzt mit Euphorie statt Frust! Das Stimmungsbarometer steht auf „Caramba Riobamba!“ Einziger Haken der Lilalaunebär-Freude, morgen klingelt mal wieder verdammt früh der Wecker. Das Frühaufsteh-Opfer bringe ich gerne für den Berg. Schlaf wird eh völlig überbewertet oder wie ich zu sagen pflege: „Niemand schaut auf sein Leben zurück und erinnert sich an die Nächte, in denen er zu viel Schlaf bekommen hat.“

Das Handy brummt. Ui, Nachrichten und Fotos von Daheim. Meine Freunde trinken auf diversen Weihnachtsmärkten Glühwein auf mich, wie lieb. So soll’s! Ich grinse auf meine Flipflop-Füße. Glühwein oder Sommer-Sonnen-Dezember? Sorry Leute, das hier is leider geiler 🙂

Pro Bici und der Chimborazo

6:25 Uhr, müde aber gespannt warte ich vorm Hostel. Der quirlige Carlo, bei dem ich gestern die Tour gebucht habe, holt mich fröhlich plaudernd ab. Auto und mich übergibt er kurzerhand an Allejandro. Der smarte Bursche wird uns zum Chimborazo bringen. Wir sammeln die restliche Truppe ein, eine Französin und ein ecuadorianisches Pärchen und machen uns auf den Weg.

Allejandro erzählt uns viel über die Region und die Gepflogenheiten der indigenen Dörfer, zeigt uns die 1. Stierkampfarena Ecuadors, den Olympiastützpunkt und die Siedlungen um den Chimborazo, dem höchsten Berg Ecuadors (6.263 m). Sein Gipfel ist der vom Erdmittelpunkt am weitesten entfernte Punkt der Erdoberfläche. Einst war er höher als der Himalaya, musste durch seine Kratereinbrüche jedoch an Höhe einbüßen. Als er das erste Mal vor uns auftaucht, sind wir baff. Wolkenlos thront er vor uns. Ein imposantes Massiv, am Fuße dunkelbraun, gekrönt von einer strahlenden Schneehaube.

Und dann taucht der Chimborazo vor uns auf

Carlo’s Worte schießen mir in den Kopf: „Fühl den Spirit des Berges. Bitte ihn, für dich zu sorgen und zolle ihm deinen Respekt. Manchmal hat er schlechte Laune, aber er kann dir auch seine gute Seite zeigen. Wenn er dich aufsteigen lässt und gut zu dir ist, bedanke dich bei ihm auf deinem Weg.“ In dem Moment fühle ich, was Carlo meinte. Ich kann mich der Aura nicht entziehen, der Chimborazo hat mich vom ersten Augenblick an in seinen Fängen.

Die Fahrt dauert. Wir tuckern hinter Farmersleuten her, die ihre Kuhherde über die Straße treiben. Eine ältere Frau steigt zu uns in den Wagen, wir nehmen sie ein Stück ihres Weges mit. Sie freut sich und strahlt uns mit ihrem wettergegerbten Gesicht dankbar an.

Rush Hour unterwegs

Auf knapp 4.000 Metern sehe ich erstmals in meinem Leben Vicuñas. Diese wunderschönen Tiere ähneln Alpakas und Lamas. Sie leben jedoch erst in einer Höhe von 3.500 – 5.500 Metern. Entfernt in den Weideflächen steht die Chimborazo Lodge, der erste Akklimatisations-Stützpunkt für Bergsteiger, die auf den Gipfel möchten.

Vicuñas im Naturschutzgebiet Chimborazo
36 KM entfernt von Riobamba, die Chimborazo-Lodge auf 4.000 Metern. Stützpunkt für Wanderer und Kletterer, die zum Gipfel des Chimborazo möchten

Kontinuierlich geht es bergan. Die Landschaft, die anfangs noch aus bräunlichem Weideland und Schluchten bestand, ähnelt zunehmend einer Mondlandschaft. Steinig, braun, karg. Wir passieren ein Tor, hinter dem Allejandro aussteigt, um beim Wachpersonal zu registrieren.

Die Räder auf dem Dach des Geländewagens warten bereits auf die Abfahrt
Dem Auge sind keine Grenzen gesetzt
Im Hintergrund das Refugio, unser Halt inmitten der mystischen Mondlandschaft

Auf 4.800 Metern erreichen wir den Parkplatz am ersten Refugio. Ab jetzt geht es zu Fuß weiter. Allejandro drückt uns ein Walkie Talkie in die Hand. 2 Stunden Zeit zum Aufstieg. Er wartet währenddessen am Auto bei den Mountainbikes.

Magische 5000er-Grenze

Es ist nicht so kalt wie erwartet. Gleich oberhalb des Refugio passieren wir eine Steinpyramide und etliche Gedenktafeln verunglückter Bergsteiger. Bringt einen zum Nachdenken, wenn man daran vorbeistiefelt.

Steintafeln für die Verunglückten
Ein Blick zurück, unspektakulär und doch so anstrengend

Geschlagene 36 Minuten benötigen wir für 200 Höhenmeter! De Höhe macht sich heute brutal im Körper bemerkbar. Mein Schädel brummt, was auch teilweise mehrerer extrem kurzer Nächte geschuldet sein mag. Schritt für Schritt geht es im Kriechtempo durch die Ödnis hinauf. Nachdem wir das Refugio Whymper auf 5.000 Metern erreicht haben, wollen wir auch noch zur Lagune rauf. Es sind gerade mal 100 Höhenmeter, sie fühlen sich an wie ein Sprint auf einen steilen Berg. Der Kopf brüllt: „Aua! Ignorier das Dröhnen und lauf weiter.“ Der Körper wimmert leise: „Scheiß drauf, schaff deinen Hintern ins Refugio und chill!“ Jeder Kletterer weiß, das Gehirn ist der stärkste Muskel im Körper. Es gewinnt, ich gehe weiter. Die Vernunft stellt sich dahinter in die Schlange. Manou, die Französin, läuft munter neben mir her, sie fühlt sich gut. Die beiden Ecuadorianer sind hinter uns abgefallen, auch ihre Körper boykottieren die Höhe.

Niemals hätte ich gedacht, so sehr kämpfen zu müssen! Zum Kopfwummern gesellt sich plötzlich Übelkeit. Normaler Herzschlag, trotzdem zehrt der Aufstieg an der Substanz. Ich muss ständig anhalten und tief atmen. Es ist so unglaublich für mich, endlich oberhalb der 5.000er Grenze zu sein. Auch wenn ich nicht alles auf eigene Faust geschafft habe. Nach 10 Minuten erreichen wir die Laguna Condor Cocha, 5.100 Meter! Eine braune, eiskalte Brühe, die sich – umgeben von einer dicken Nebelschicht – in die karge, steinige Einöde einbettet. Wir machen schnell Fotos und funken Allejandro den Stand durch. Er empfiehlt, im Refugio Whymper einzukehren, da die Hütte bei ihm unten menschenvoll sei. Es ist richtig kalt und äußerst ungemütlich geworden. Alles in mir schreit „schaff dich endlich runter!“, das hier fühlt sich nicht mehr richtig an.

Der Kopf wummert, der Rest ist happy – Die persönliche Höchtgrenze überschritten!

Im Refugio Whymper wärmen wir uns rasch mit Coca-Tee und heißem Kakao und steigen weiter ab. Auf einem Steinhaufen vor der Hütte sitzt ein Mann, der sich übergibt. Er bringt zum Ausdruck, wie ich mich fühle…

Super Multikulti-Gefährten, allen Höhen-Widrigkeiten zum Trotz

Wir brauchen nicht lange für den Abstieg. Allejandro empfängt uns strahlend mit high-five am Refugio Carrel. Er hat bereits die Bikes vom Autodach geholt und stattet die Truppe mit Protektoren aus. Die 3 werden mit den Mountainbikes abfahren, Allejandro und ich im Auto hinterher. Dankbar, in meinem desolaten Zustand nicht biken zu müssen, hiev ich mich ins Auto und werfe mir etwas gegen den Brechreiz ein. Die Abfahrt nimmt einige Stunden in Anspruch, da wir immer wieder halten und warten, bis unsere Biker vorbeidüsen. Mehrmals döse ich weg, fix und alle.

Wir haben deutlich an Höhe verloren und schwuppdiwupp geht’s mir wieder gut. In einem Lokal an der Straße kehren wir ein und essen eine Suppe, dann geht es weiter. Auf einer derben Offroad-Piste haut Allejandro (nachdem er zuvor mühsam Bäume aus dem Weg geräumt hatte) die zweite Gangschaltung in den Schlussmitlustig-Modus. Wir holpern um den Chimborazo und bekommen ihn von einer grandiosen Seite präsentiert.

Natur pur, Seelenbalsam!
Immer schützend in der Nähe der Downhiller
Der Chimborazo, ein unvergessliches Abenteuer

Was für ein gigantisches Abenteuer! Was für ein genialer Tag! Am Ende der Abfahrt sammeln wir unsere überglücklichen Downhiller wieder ein. Den Rest der Strecke zurück nach Riobamba legen wir zusammen im Yeep zurück. Es ist bereits nach 18 Uhr, als Allejandro mich vor dem Hostel verabschiedet. Selbst für mich, die „nur“ als Beifahrer daneben saß, bleibt dieser Tag unvergesslich. Ein überragender Tag, da einfach alles gepasst hat (mal von den kurzzeitig körperlichen Ausfallerscheinungen abgesehen): Eine super Truppe, Allejandro, der beste Guide, den man sich wünschen konnte und der Chimborazo, der all seine Pracht mit uns teilte.

Auf der Suche nach dem Heiligen Kaffee-Gral

Erwachen in Riobamba. Heute ist Urlaub! Früh geschlafen, lange geschlafen. Die Morgen-Mission lautet „Anständigen Kaffee reinkippen“. Dazu müsste ich allerdings erst mal ein Café finden, was mich tragischerweise vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Denn, wie bereits erwähnt, man speist des morgens außergewöhnlich opulent, was auf Kosten der Kaffeekultur geht. Cafés, die ich finde, sind geschlossen. Ähm, macht ja total Sinn morgens. Oder sie werden gerade nass durchgewischt und ich deswegen weggeschickt. Auch das ist selbstverständlich nachvollziehbar, zur Haupt-Kaffeezeit des Tages *Ironie-off*.

Die braunen Bohnen werden hier definitiv nicht überbewertet. Nein, sie werden völlig unterschätzt. Schade eigentlich. Mein Körper verlangt Koffeein, nicht zuletzt, weil er am gestrigen Tag erschütterlicherweise nicht einen einzigen Tropfen davon bekommen hat! Mit Instantpulver lässt er sich heute also gar nicht erst abspeisen.

Nach langer Suche werde ich tatsächlich fündig! Café Padaro, das Tor zum Himmel der Geschmacksknospen-Eskalation! Vorm Betreten der wohlduftenden, kleinen Oase bin ich geneigt, ein Tränchen der Glückseligkeit zu verdrücken und die „Ode an die Freude“ anzustimmen.

Cappuccino, Pancakes, Müsli, Früchte, Schreiben – Urlaub in seiner perfektioniertesten Schlemmer-Vollendung

Zu grandiosem Cappuccino gesellen sich nicht minder grandiose Pancakes (ich MUSS im Himmel sein), Joghurt, Obst, Müsli und frisch gepresstem Erdbeersaft. Auch als normalerweise Nicht-Frühstücker ein Träumchen sondergleichen!

Energiekick-gepimpt schnüre ich meine Laufschuhe. Ich brauche Bewegung! Allejandro hat mir gestern vom nahegelegenen Parque Lineal erzählt, in dem man super laufen könne. Dahin werde ich mich jetzt navigieren lassen.

Laufrunde im Parque Lineal, eine grüne Oase in der Stadt

2 Kilometer später bin ich da, eine grüne Oase inmitten einem Stadt voller Autos und Straßenlärm. Allerdings stelle ich auch fest, Laufen läuft nicht. Statt durch die Grünfläche zu springen wie ein junges Reh, pumpt das Herz und streikt die Lunge. Soviel zum Thema längst erreichte Akklimatisation und Blut-Sauerstoffsättigung. Auf 2.800 Metern läuft der Flachland-Kadaver nun mal auf Sparflamme. Egal, dann Lauf-Gehe ich eben, Hauptsache Bewegung in der Natur! Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes wieder grün mit Riobamba.

11 Kilometern später geschafft im Hostel. Duschen, umziehen und ab in die Stadt. Erst mal Tree-Tomato-Saft mit Chimborazo-Gletschereis schlabbern. Dann Kultur. Am Nachmittag zieht – wie bereits am Tag zuvor – eine große Parade durch die Straßen. Unzählige Kinder in indigenen Trachten tanzen zu ohrenbetäubender Musik und feiern den Geist der Weihnacht. Ich mische mich als ziemlich einziger Touri unter die Locals und beobachte das quirlige, fröhliche Spektakel.

Zur Weihnachtszeit gibt es ständig Paraden durch die Stadt

Danach besuche ich das Museo de Ciencias Naturales, das naturhistorische Museum, das sich mit der Fauna der Provinz befasst. Das Museum verfügt nur über wenige Exponate und ist bereits stark in die Jahre gekommen, interessant fand ich es dennoch.

Im Museo de Ciencieas Naturales

Die Kultur-Tour geht weiter zum Museo de la Ciudad. Einer Kunstgalerie mit Gemälden und Exponaten berühmter Persönlichkeiten der Stadt. Allein das Gebäude in seinem wunderschönen Kolonialstil haut mich um! Offensichtlich hat auch ein bekanntes Orchester seine Räumlichkeiten hier. Während meines Besuchs bin ich Gast bei den Musikproben im Gebäude-Innenhof.

Was mich in Ecuador echt positiv überrascht, hier sind die meisten Museen kostenfrei. Am Eingang registriert man sich lediglich in einer Liste ein.

Am frühen Abend tingel ich zum Abschluss gemütlich durch die hübschen Stadtparks: Parque Sucre, Parce Maldonado mit seiner Kathedrale und Parque La Libertad mit der einzigen Rundkirche Ecuadors, La Basilica.

Parque Maldonado
Einzige Rundkirche Ecuadors: Gran Basílca del Sagrado Corazón de Jesús im Parque La Libertad
Colegio Maldonado im Sucre-Park

In den Seitenstraßen stoße ich erneut auf richtig tolle Streetart. Ich feiere die bunten und künstlerischen Wände hier so dermaßen!

Ausklang des sportlich-kulturellen Tages in einem hübschen Restaurant (Empfehlung des Reiseführers). „Mnom-mnom, ein Gläschen Vino Tinto zur Gemüsepasta“, schwärme ich gedanklich und bestelle den vermeintlichen Hauswein. Irritiert betrachte ich das Glas, dass serviert wird und dessen Inhalt dampft. Ich rieche vorsichtig dran. Tja, heute gibt’s wohl Glühwein zur Gemüsepasta. In diesem Sinne, frohe Adventszeit und buen provecho!

In den Straßen von Riobamba
Einkaufsladen mal anders
Süßwarenladen typisch ecuadorianisch

(Teil 9 folgt)

Wie haltet ihr es im Urlaub oder auf Reisen? Wo/wie holt ihr euch eure Portion Sport oder ist Urlaub sportfreie Zeit? Reist ihr, um ambitionierte Ziele zu verfolgen? Meidet ihr eher Städte oder bevorzugt ihr reine Städtetrips? Erzählt mir doch mal eure Geschichten 🙂

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 7: Der Amazonas ruft – Dschungel(über)leben im Cuyabeno Reservat

26. / 29. November 2019

Uuuuuaaaaaaahhhhhhh!!!!! Auf in in den Amazonas, rein ins nächste Abenteuer. Für mich Spinnen-Weichei eine persönliche Herausforderung. Aber genau an der wächst man ja bekanntlich.

Abenteuer wollen erobert werden und so lasse ich die längere Anreise über mich ergehen. Nicole (meine zeitweise Reisebegleitung -> Blogbeiträge Teil 6 / Teil 5) und ein Kollege von Carlos (dessen Agentur mir den Trip organisierte), haben mich gestern Abend zum Busbahnhof Baños gebracht und freundschaftlich verabschiedet.

19:40 Uhr, Abfahrt. Nach einer guten Stunde erreicht der Bus das Terminal in Ambato. Ich kaufe mein Ticket und verdödel bis 22 Uhr die Warterei mit süßem Cappucchino, dann startet der Nachtbus nach Lago Agrio.

Wechselgeld. Ein Kuriosum in Ecuador. Ich bin seit einer Weile im Land unterwegs und habe bemerkt, dass dies ein unliebsames Thema ist. Der Ecuadorianer kann prinzipiell kein Geld rausgeben und wenn doch, dann ungern. Seine Mimik unterstreicht meist das Desaster. Bestenfalls sorgt man dafür, immer den passenden Betrag in der Tasche zu haben. Auch Taxifahrer leiden an chronischer „Wechselgeldinsuffizienz“. Wobei man doch gerade hier davon ausgehen dürfte, dass genügend Groschen vorhanden sind. Es kann durchaus passieren, dass man zu wenig zurückbekommt, mit der „Entschuldigung“, keine Münzen mehr da. Unverständlich, aber inzwischen nehme ich es als gegeben hin. Zumal mein Spanisch nicht diskussionsfähig genug ist.

Für die Fahrt (kostet 3 oder 4 Dollar) habe ich jetzt dummerweise nur einen 20 Dollar-Schein, den ich verschämt dem Kassierer gebe. Er steckt ihn mürrisch ein, nuschelt spanische Brocken und geht. Ich beobachte, wie er die Fahrgäste abkassiert und höre mächtig Münzen klimpern. Mit gefüllter Tasche läuft er an mir vorbei und schließt wortlos die Fahrerkabine hinter sich. 45 Minuten später hock ich noch immer irritiert im Bus. Als die Neuzugänge bezahlen, erdreiste ich mich, höflich nach dem Wechselgeld zu fragen und werde brüsk abgespeist mit „cambio“ (= wechseln) und unverständlichen Spanisch-Wortfetzen. Ein Fahrgast erklärt, er müsse erst Geld wechseln. Ähh, hat er das nicht bei über 20 Leuten bereits getan?! Ich schweige. Bevor wir ankommen, drückt er mir das Geld in die Hand. Na geht doch.

In der Morgendämmerung erreichen wir um 5:50 Uhr das Terminal in Lago Agrio. Herrlich, 25 Grad. Ich hocke mich auf eine Bank, neben mir ein Weihnachtsbaum-Gebilde mit Pseudogeschenken darunter und warte, dass mich wer aufsammelt. Zumindest hatte ich Carlos so verstanden, als er etwas von chillen in einer gemütlichen Lodge mit Hängematten erzählte, bevor es in den Dschungel geht. Hier sieht’s nicht chillig aus. 40 Minuten später bin ich immer noch bestellt und nicht abgeholt. Kaffee wär jetzt was, mjamm mjamm. Die Nacht war übelst schlafarm, so sitzend im Bus. Nervös texte ich Carlos, der glücklicherweise schon wach ist und prompt antwortet. Ups, ich muss mit dem Taxi zur Chillout-Area. Sein Hinweis, doch bitte die Unterlagen zu lesen, bringt Klarheit. Da steht es sogar drin. Wie düsselich, ach, kaum ist man im Urlaubsmodus. Schäme mich kurz.

Keine 5 Minuten später wirft mich das Taxi vor einem umzäunten Haus am Straßenrand raus und fährt weg. Sieht verlassen aus. Bin ich hier richtig?! Zumindest das Foto in den Unterlagen sieht wie dieses Haus aus. Ich finde eine Klingel, die Pforten öffnen sich. Große Erleichterung.

Ich begrüße zwei Pärchen, die in Hängematten fleetzen und rühre mir koffeeinverzweiflungssüchtig Instantkaffee und Milchpulver in heißes Wasser. Noch 2 Stunden…

Wir sind eine Truppe von 7 Leuten. Ein Pärchen aus Holland, eins aus Amiland (alle Mitte 20) und ein älteres Ehepaar aus England. Nach einem gemeinsamen Frühstück werden wir mit dem Survival-Equipment ausgestattet: Gummistiefel, Ganzkörper-Regenponchos und ein grüner Seesack, um alles reinzupacken. Im Sprinter holpern wir 2 Stunden nach Oriente. Auf halber Strecke stoppen uniformierte Männern mit Maschinenpistolen den Wagen. Vielleicht, weil wir uns der kolumbianischen Grenze nähern? Besorgte Blicke, keiner von uns versteht ein Wort. Unser Fahrer steigt aus und regelt alles. Uff, wir dürfen weiter. Es geht tiefer ins Hinterland, alles ist so ursprünglich, Häuser, kleine Läden am Straßenrand, die Plätze, auf denen Kinder im Staub Fußball spielen.

Tag 1 // Tierischer Dschungelsound

In Oriente werden unsere Reiserucksäcke in ein Kanu geladen und wasserdicht verpackt. Wir schnuppern währenddessen erste tropische Amazonasluft. Die Geräuschkulisse ist unbeschreiblich. Ein Vogel, einer der Guides nennt ihn wegen seines seltsamen Lautes „Waterdrop Bird“, begeistert mich maßlos. Der Tropenzwitscherer heißt Oropendola und wer sich seinen sehr speziellen Laut anhören möchte, findet bei Youtube einige Clips dazu. Lohnt sich!

Hier stoppt der Bus, jetzt geht es auf dem Fluss rein in den Dschungel
Erste tierische Begegnung. Riesenraupe im Waschbecken

Unsere Fahrt in den Amazonas geht in die nächste Etappe. Weitere 2 Stunden bringt uns das Motor-Kanu auf dem Punte Rio tiefer in den Dschungel hinein. Die Augen wissen gar nicht, wohin sie überall blicken sollen, aus Angst, etwas zu verpassen.

Im Herzen des Amazonas

Alles hier ist viel größer als üblich. Überall wachsen und wuchern überdimensionale Bäume, Farne, Palmen, hängen meterlange Lianen über dem Fluss und flattern große azurblaue Schmetterlinge (Morpho Menelaus Clymena, wunderschön) neben uns her. Der gehässige Synchronsprecher in meinem Kopf raunt „Was meinste, wie groß erst die Spinnen sind?!“ Aber jetzt bin ich hier, ich zieh das durch und dann wird sich zeigen, wie die Phobie auf Achtbeiner-Konfrontationskurs reagiert.

In den Bäumen springen Affen, Vögel sonnen sich auf Ästen und trocknen ihre ausgebreiteten Flügel. Der Fluss wird breiter, wir steuern auf einen Baum mitten im Wasser zu. Sie ist bereits von Weitem zu sehen. Ein großer, in sich zusammengerollter Wulst, schwarz-grau mit orangefarbenem Muster. „This is the anaconda“, verkündet unser Bootsführer stolz. Um die 5 Meter lang, ergänzt er. Wir sind so nah, dass wir nur den Arm ausstrecken müssten, um sie zu berühren. Respektvoll ziehen wir die Köpfe ein und gehen auf Sicherheitsabstand. Beeindruckend und völlig surreal. Eine Schlange von solch einem Ausmaß, habe ich noch nie gesehen. Das Tier lässt sich nicht von uns stören.

Nah an der Anaconda

Es nieselt kurz, dann macht der Regenwald seinem Namen alle Ehre und es schüttet wie aus Eimern. Versteckt unter den Gummiponchos, kauern wir im Boot, die Gesichter patschnass, vom Regen, der uns durch die Fahrt entgegenklatscht. So schnell wie es anfängt, hört es auch immer wieder auf. Dann ist es unter den dicken Regenhauben auch nicht mehr auszuhalten.

Ankunft in der Bamboo Lodge

14:15 Uhr, wir biegen in einen schmalen, bewucherten Flusszweig und werden mit den Worten „welcome to the jungle!“ am Ufer der Bamboo Lodge begrüßt. Das Zuhause der nächsten 4 Tage.

Angekommen im neuen Zuhause

Nach einem leckeren Mittagessen werden wir auf die Unterkünfte aufgeteilt. Als einziges „Nicht-Paar“ bekomme ich ein 3-Bett-Zimmer mit Bad. Ich freue mich über das unerwartete Upgrade. Die Schizo-Stimme aus dem off freut sich mit: „Mega, ne? Heut Nacht heulste, wenn die Tarantel in deinem Zimmer Salsa tanzt. Darfste dann allein raus tragen.“ Es hat auch was Gutes, wenn man ein wenig krank im Kopp is. Man kann sich nämlich alles doofe auch wieder selber schönreden. Dafür hab ich auch ne Stimme: „Ach, das wird! Immer locker durch die Hose atmen. Es gibt hier keine so großen Spinnen,“ beruhigt sie.

Upgrade: Mein Zimmer mit Bad und 3 Betten

Kleine Siesta, dann geht’s wieder auf den Fluss. Wir tuckern zur Lagune (nicht so paradiesisch wie das jetzt klingt) und wer mag (alle außer Guide Willian und mir) springt in die dunkle Brühe und badet im Sonnenuntergang. Ich genieße das Schauspiel vom Kanu aus und denke an die Anaconda, die in der Nähe im Baum hängt – oder vielleicht gerade hierher schwimmt. Es regnet wieder, juckt aber niemanden, sind eh alle nass. Die Sonne verabschiedet sich zusammen mit einem leuchtenden Regenbogen, während wir in der Dämmerung zur Lodge zurückfahren.

Ein kleines Stück Paradies

Nächtliche Dschungelsafari

Beim Abendessen informiert uns Willian, dass wir später nochmals rausfahren, um Kaimane und Schlangen zu suchen. In einer Mosquitospray-Duftwolke und bewaffnet mit Stirnlampen, steigen wir ins Boot. Unbegreiflich, wie Kapitän „Cappy“ sich in der absoluten Dunkelheit orientiert. Am Himmel zeigt sich eine Sternenpracht, wie ich sie selten gesehen habe. Traumhaft!

Willian leuchtet derweil über das Wasser, auf der Suche nach roten (Kaimanaugen) und weißen Reflektionen (Schlangenaugen) in der Ferne. Weiße sehen wir schnell. In einen Baum räkelt sich eine gelb-orange farbige Boa. Dann entdecken wir eine weitere junge Schlange. Auch die Anaconda hängt noch in ihrem Baum und knackt.

Auf nächtlicher Schlangensuche im Schein der Taschenlampe

Der Lichtstrahl wandert weiter über den Fluss. Wie auch immer er das macht, Willian erspäht plötzlich rote Augen. Cappy lenkt das Boot in den Mangrovenwald und Willian deutet still auf einen riesen Kopf, der aus dem Wasser ragt. Geräuschlos nähern wir uns vorsichtig. Vor uns im Wasser schwimmt ein 3 Meter langer Kaiman. Irre!

Fahrt ins dunkle Nichts
Wir haben einen Kaiman gefunden

Willian ist hochzufrieden, voller Erfolg. Zeit zurückzufahren. Cappy düst uns souverän zur Logde, man kann wirklich nicht die Hand vor Augen sehen.

In der Bamboo Lodge geht’s tierisch weiter. Mit der Dunkelheit kommen Spinnen. Tja, ist halt kein Ponyhof hier. An der Holzwand einer der Unterkünfte (nämlich in der auch ich schlafe – oder nicht), klebt ein gar nicht mal so unaufdringliches Exemplar. Eine junge Vogelspinne, grinst Willian. JUNG?! Sollte jung nicht klein sein? Wie sehen dann die Alten aus? Gehen mir die vom Boden bis zum Bauchnabel?? Ich bin geschockt. Und irgendwie fasziniert… nein, mehr geschockt. Mein Hirn kriegt es nicht auf die Kette, was die Augen sehen. Prompt klinkt sich die Schizo-Stimme wieder ein: „Riesenteil, ne? Hat mehr Haare annen Beinen als du! War übrigens witzig, wie du vorhin erschrocken bist, als der Frosch in deinem Zimmer die Cremetube umgehüpft hat. Viel Getier in deiner Bude! Wie die Fledermaus, die über deinem Bett ständig ihre Runden flattert. Du glaubst noch immer, Spinnen können nicht rein? By the way, haste dir mal den Abstand zwischen den Bodendielen angeguckt? Luftiges Zimmer, in dem du da wohnst.“

Ich schnappe meinen Verfolgungswahn und nehme ihn mit ins Zimmer. Mit Überwindung ziehe ich den Vorhang zur Nasszelle auf, bevor mein Röntgenblick Dusche und Waschbecken abscannt. Uff… keiner da. Ich verkrümel mich ins Bett und stopfe das Mosquitonetz akribisch unter die Matratze. Das leuchtende Display des Ebook-Readers lockt kleine Mückchen an, die mir in die Nase fliegen. Wie ein Schutzschild ziehe ich das dünne Laken über den Kopf und lausche dem grandiosen Dschungel-Sound, der durch die scheibenlosen Fenster ins Zimmer dringt. Mein letzter Gedanke: „Wie soll ich jemals wieder einschlafen können, ohne diese wahnsinnig tollen Urwaldgeräusche?“ Durch die dünne Bretterwand mischt sich Nachbar-Geschnarche.

Tag 2 // Organisiertes Leben im Cuyabeno Reservat

Hab geschlafen wie ein Stein. Selbst der strömende Regen, der am Morgen auf das Dach poltert, wirkt meditativ. Verschlafen torkel ich zum Aufenthaltsbereich. Mit Sicherheitsabstand checke ich unterwegs, ob die Spinne dort vielleicht grad frühstückt. Sie ist weg, ist das jetzt besser? Mich meinem Kaffeeschicksal ergebend, löffle ich Instantkrümel und Milchpulver (darauf bedacht, die Ameisen nicht mit reinzuschaufeln ) in eine Tasse heißes Wasser. Mein Blick schweift durch die Anlage. Viel gibt’s hier nicht, back to the roots, das entschleunigt. Weg kommt man ausschließlich per Boot, der Bewegungsradius ist somit auf dieses Insel-Kleinod beschränkt. Neben den paar Schlafhütten gibt es eine „Honeymoon-Suite“, wie ich sie nenne, einen Aussichtsturm, den Aufenthalts-/Essbereich und die Terrasse mit Hängematten an der Anlegestelle. Alle Hütten sind über Holzstege miteinander verbunden. Und dann gibt es noch „das Gym.“ Ich muss so lachen, als ich die selbstgebauten Beton-Hantelstangen und Gewichte neben der Klimmzugstange im Gras entdecke.

Chillout-Area am Ufer
Vorne links die Schlafräume, dahinter der Aussichtsturm, rechts die „Honeymoon-Suite“
Das Gym am Aussichtsturm
Aufenthalts- und Essbereich
Blick vom Aussichtsturm über das Cuyabeno-Reservat und die Botanik

Das Camp ist super organisiert, komplett ökologisch. Von 7 – 22 Uhr gibt es Licht. Meistens. Der Strom kommt über ein Solarpannel. Darüber wird auch das Duschwasser aufgewärmt. Duschwasser, Toilettenspülung etc. ist Regenwasser oder kommt aus dem Fluss. Deshalb wird damit auch nicht die Zähne geputzt. Eigenes Shampoo/Duschgel sollen wir nicht verwenden, nur das Zitronellazeugs, das in der Dusche hängt. Riecht gut und ist für die Natur verträglicher. Handys und elektronische Geräte können zwischen 19 – 22 Uhr geladen werden. Nicht, dass man hier Empfang hätte! Das Cuyabeno Reservat ist völlig im off, was ich enorm genieße. Die Außenwelt bleibt außen vor.

Direkt nach dem Frühstück brechen wir auf. Zwei Stunden lang genießen wir die Bootstour und die Tierwelt. Heute gibt’s sogar einen Manta im Fluss-Angebot. Ungewöhnlich nah schwimmt er an unser Boot. Willian sieht wirklich überall Getier und zeigt es uns mit Begeisterung. Er hat bereits einen Bildband über die einheimischen Vögel rausgebracht und kennt alle.

Manta direkt am Boot
Neugierige Stinky-Birds

Im Baum sitzen „Stinky Birds“. Der Name ist Programm, erklärt er uns, denn der Flatterich stinkt. Wegen seiner vegetarischen Ernährung. Dies sei bei mir aber nicht der Fall, grinst er mich an und feixt sich einen. Jaja, die Vegetarier halt wieder…

Besuch der Kommune Puerto Bolivar

Um 11 Uhr legen wir am Ufer der Kommune Puerto Bolivar an. In Gummistiefeln staksen wir durch Matsch und Wasserlachen über die Plantage, vorbei an Kaffeebohnenpflanzen und unbekannten Früchte. Willian haut eine Guama, eine Art überdimensionale Erbsenschote vom Baum, bricht sie auf und lässt uns das fluffig weiße Fruchtfleisch rauspulen. Schmeckt unerwartet lecker! Das süße Fruchtfleisch nur vom Kern ablutschen, nicht draufkauen, mahnt er.

Angekommen bei der Kommune Puerto Bolivar
Wir bahnen uns den Weg durch die Plantage
Guama Frucht, köstlich!

Er zeigt uns riesige Ameisen unter einer Rinde und warnt: Ein Biss dieses Tieres sei vierzehn mal heftiger als ein Wespenstich, verursache ein Taubheitsgefühl an der entsprechenden Stelle und am nächsten Tag spüre man, beispielsweise bei einem Biss in die Hand, diese gar nicht mehr. Unterschätz niemals die Natur! Kaum gedacht, platscht ein ein kräftiger Regenschauer herab.

Willian stellt uns eine der Dorfbewohnerinnen vor. Mit ihr werden wir Yucca-Brot backen. Die beiden graben mit einer Machete Yucca-Wurzeln aus dem matschigen Erdreich, die geschält werden. In der „Küche“ (ein offener Unterstand mit Blätterdach und rundum aufgebockten Holzstämmen als Bänken) verarbeiten wir die Wurzeln weiter. Erst werden sie gewaschen, dann auf einer verbeulten Riesenreibe kleingehobelt. Die breiige Masse kommt in ein schweres Lianengeflecht und wird mühsam ausgepresst. Wir sind überrascht, wie viel Wasser die kleine Frau auswringt. Das Ergebnis ist eine Art Yucca-Parmesan, den sie als Crêpeteig auf einem flachen Stein auf der Feuerstelle verteilt. Sie klopft ihn mit einer Kokosnushälfte platt und backt ihn von beiden Seiten aus. So also werden Yucca-Fladen hergestellt.

Ausbuddeln der Yucca-Wurzeln
Die geschälten und gewaschenen Wurzeln werden gerieben
Der geriebene Brei kommt in die Presse
Dann wird das Wasser rausgequetscht, es entsteht eine parmesanähnliche Substanz
Die trockenen Yucca-Krümel werden als Fladen auf der Feuerstelle gebacken
Schutz unter dem Blätterdach, während der Himmel wieder seine Schleusen öffnet

Willian bereitet währenddessen aus Tomaten, Thunfisch, Limetten und Zwiebeln eine pikante Beilage zu. Der warme Fladen, wahlweise mit der Füllung oder einfach mit etwas Honig, stößt bei uns allen auf große Zustimmung. Keine Zusatzstoffe, keine chemische Verarbeitung. Super lecker und die außergewöhnliche Umgebung macht diesen Snack zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Danach hat der angesehene Dorf-Schamane Raphael seinen Auftritt. Wir dürfen ihn mit Fragen löchern und opfern Felix, einen unserer Truppe, für ein schamanistisches Ritual. In blauer Tunika und mit Wildschwein-/Jaguarzähnen und Papageienfedernkrone ausstaffiert, malträtiert der Heiler singend mit stacheligem Blätterwerk Felix nackten Rücken. Wir gaffen fasziniert mitleidig. Ihm wird hochoffiziell das Ende seiner Rückenschmerzen prophezeit (wahrscheinlich ist jetzt Hautausschlag sein größeres Problem), dann folgt Touri-Bespaßung in Form von Blasrohrschießen. Kann man mal machen.

Besuch des hoch angesehenen Dorf-Schamanen

Unsere Dschungeltage sind vollgepackt, es wird mächtig viel Programm geboten. Uns bleibt eine Stunde Verschnaufpause, dann geht es um 18 Uhr auf Nachtwanderung in die grüne Hölle. Mir schwant, jetzt kommt meine persönliche Dschungelprüfung! Wir legen am Ufer irgendwo im Amazonas an und befinden uns keine Minute später richtig tief drin im tropisch-schwülen Urwald. Zum Schutz vor Ameisen, die bereits an meinem Bauch krabbeln, ziehe ich meine Socken über die Hose, und schlüpfe zurück in die Gummistiefel. Werden schon nicht diese Killerteile sein und morgen ist mein Bauch taub! Die unzähligen Mosquitos sind so gierig und ausgehungert, dass jeder Mikromillimeter ohne Repellent, zum all you can eat happy-hour-Buffet erklärt wird. Permanent sauge ich kleine Fliegen in den Riechkolben. Die Stirnlampe ist jedoch unabdingbar, es ist stockfinster! Auch Willian warnt eindringlich: Jeder hat sein Licht an! Niemand verlässt den Pfad! Und keiner fasst auch nur irgendetwas an! Die giftigsten Schlangen sind am Boden. Das hier ist ernst, soviel ist klar.

Ehrfürchtig leuchte ich umher. Dann richte ich das Licht über meinen Kopf und mir haut’s schier den Mais vom Kolben. Meterlange, riesige Palmwedel wuchern wie ein natürliches Dach hoch über uns, alles wächst wild und unbändig. Der feuchte, matschige Boden scheint ein Turbo-Dünger für die Pflanzen zu sein.

Willian will wissen, ob die Tarantel daheim ist. Mein Zeichen, mich in den Windschatten der Gruppe zu verdrücken. Mit einem dünnen Stöckchen klopft der Dschungelguru an ein kleines Loch am Stamm. Nix passiert, dann erscheinen zwei dicke Beine. Der Rest des Spinnentiers schießt aus dem Loch. Wuuuäääääähhhhh!!!!! An welchem Atommeiler hat denn die geleckt?! ABER: Ich hab hingeguckt! Mich der Angst gestellt! Nicht weggerannt, nur bissi versteckt.

Das Urwald-Spinnenportfolio hält weitere Langbeiner parat: Wolfsspinnen, eine schneeweiße Spinne und ein richtig großes dünnes Vieh, das Willian auf die Hand nimmt. Stop! Will ich nicht sehen.

Und wenn man so gesellig beisammen steht, während der Adrenalinpegel unkontrolliert wie eine fehlgezündete Feuerwerksrakete gen Himmel steigt, könnte man doch zum romantischen Teil übergehen. Unser Dschungelchef findet es irre toll, dem puren Sound zu lauschen. Jetzt. Ohne Lichtverschmutzung. Stört die Konzentration, wenn man nur Lauschen will und die Tarantel auf der Giftschlange reiten sieht. Unbeweglich, wie die Perücke von Olivia Jones, stehe ich in der Finsternis. Den nervösen Finger am Lichtschalter, während die Stimme im Kopf die schrille Melodie der „Psycho“ Badewannen-Messerszene zum Besten gibt.

Ich sag nur: KRASSER SCHEISS!! Hosen vollgeschissen, aber durchgezogen! Bin ab sofort eins mit der Natur, quasi in Symbiose mit ihr verschmolzen.

Die Erleichterung ist greifbar, als uns der Urwald nach der Durchquerung wieder ausspuckt. „Cappy“ wartet bereits und bringt uns durch die Dunkelheit zurück zur Lodge. Nach dem Abendessen gibt’s für alle eine Runde Caiphis aufs Haus. Läuft mir heut Abend – im wahrsten Sinne des Wortes – überaus geschmeidig rein!

Der hübsche Geselle wohnt hinter der Holzverkleidung neben meiner Eingangstür

Auf dem Weg ins Zimmer flüstert der innere Kackbratzen-Psycho: „Haste gesehen, die Vogelspinne hing nicht an der Lodge. Wo die wohl sein mag?!“ Dafür hopst der Frosch wieder im Zimmer rum und als die Fledermaus zum dritten Mal über mein Bett segelt, schalte ich die Stirnlampe aus. Das Licht im Camp ist schon seit 22 Uhr erloschen.

Tag 3 // Frühschicht und Leibesertüchtigung

5:50 Uhr – Boppes ausm Bett, zack zack!
Kleider an, Vogelnest aufm Kopf gekämmt, Zähne geputzt und einen laukalten Instantpulverkaffee in den Schlund gekippt. Schlechtes Friedensangebot für den müden Kadaver.

Der Camp-Frühschicht wird heute ein Sonnenaufgang vorm Frühstück serviert. Das stand schon gestern auf dem Plan, da wären wir allerdings im Boot ersoffen, so sehr regnete es. Umso mehr genießen wir heute die Stille und die aufgehende Sonne im Nebel. In der Lagune beobachten wir die rosa Flussdelphine beim spielen. Grandios!

Kurz vor 8 Uhr sind wir zurück. Nach dem Frühstück bleiben wenige Minuten und schon hocken wir erneut in Poncho und Gummistiefeln im Boot. Es regnet und gewittert. Schöne atmosphärische Stimmung.

Nach dem Rumgeschipper der letzten beiden Tage, können wir uns heute endlich mal bewegen. Dschungelwanderung, yeah! Cappy setzt uns an einem Ufer aus und wir schlagen uns 3 Stunden durch die tropisch-vermappelte Pflanzenwelt.

Schlammschlacht bei der Dschungelwanderung

Ich fühl mich, als hätte ich Windpocken mit Flöhen. Die Mosquitostiche jucken wie die Sau.

Willian zieht wieder alle Register des botanisch-animalischen Entertainments. Wo der wieder Tiere ausgräbt und erspäht. Tukane, Eisvögel, einen Mini-Ameisenbären, Seqoia-Bäume mit Riesenwurzeln, Bäume aus deren Rinde (im Camouflage-Style) Chinin hergestellt wird, einen winzigen roten Frosch. Den Giftigsten übrigens, den es hier gibt. Wir sollen nicht dran lecken oder sein Sekret mit eigenem Blut in Verbindung bringen. Gut, dass er es erwähnt. War fast geneigt, die Zunge auszufahren… Wäre das Todesurteil. Einer der Bäume hat einen dünnen, schneeweißen Stamm. Seine Rinde sondert einen Schimmel ab, der Insekten tötet, die an ihm hochkrabbeln. Die trocknen regelrecht aus. Sachen gibt’s!

Der Boden ist extrem moorastig und lehmig. Bis über das Schienbein sinken wir im Mappel ein. Ich torkel umher, als hätte ich ne durchzechte Nacht hinter mir und stütze mich an einem Baum. Bekomme prompt die Lehre erteilt: Fass nix an! War ja die Ansage. Der Stamm hat Stacheln und ich einen blutenden Stich in der Hand.

Es stinkt gewaltig. Faulig.
Willian zieht seinen Stiefel aus einem dunkelbraunen Matschloch und hält ein Feuerzeug in den feuchten Schlamm. Sofort flackert eine bläuliche Flamme auf. Hier ist reichlich Methangas in der Erde. Unser kleiner Feuerteufel fackelt tüchtig weiter. An einem Baum pickelt er etwas Schwarzes von der Rinde und zündet es an. Das klamme Baumstück kokelt und qualmt. Es riecht nach einer Mischung aus Zedernholz und Weihrauch.

Nach 3 Kilometern mühsamer Schlammschlacht erreichen wir das Flussufer der anderen Dschungelseite. Im Gras liegt ein großes Kanu. Nix motorisierter Heim-Shuttleservice. Zur Lodge wird eigenhändig zurückgepaddelt. Mein Körper freut sich über die Leibesertüchtigung.

Nach dem Mittagessen ist heute längere Siesta-Zeit.
Die nächste Bootstour steht erst um 16:30 Uhr an. Der Buschfunk munkelt von einer weiteren Anaconda, die wollen wir suchen.
Wieder ist Paddeltraining angesagt. In den Bäumen beobachten wir umhertobende Totenkopfäffchen und werden von Affen beobachtet.

Dann steuern wir einen Baum im Wasser an. Zusammengerollt liegt darauf eine dicke Anaconda und chillt. Felix, ganz vorne im Kanu, wird unentspannt, da er den Würger gleich auf den Beinen liegen hat. Er bekommt unsere Handys und wird verdonnert, spektakuläre Nahaufnahmen zu machen.

Bis zum Sonnenuntergang wird gepaddelt, es gewittert die ganze Zeit. Natürlich schüttet es auch wieder ordentlich. Schnell den miefigen Gummiponcho drüber, bevor das Equipment nass wird. Einige der Truppe springen in die Lagune. Über uns grollt der Donner, während die Sonne sinkt und die Dunkelheit einbricht. Das Abendessen ruft, wir paddeln zurück.

Sonnenuntergang über der Lagunge

Heute Abend hat alles wieder seine Ordnung. Die Vogelspinne hängt an ihrem Platz, wohnt ja hier. Mit gebührendem Abstand und viel Überwindung wage ich mich näher ran. Willian beobachtet belustigt meinen Eiertanz. Ich drücke ihm mein Handy in die Hand, damit er ein Angeber-Foto für Familie und Freunde macht. Kann ich selbst nicht. Dazu müsst ich noch näher dran, noch genauer hingucken, geht nicht! Wahrscheinlich krieg ich jedesmal den ultimativen Schock, wenn ich unerwartet das Foto sehe im Handy sehe.

Die ansässige Lodge-Vogelspinne

Tag 4 // Vom Amazonas wieder ausgespuckt

Nach dem Frühstück müssen wir heute zurück in die Zivilisation. Der Abschied fällt schwer. Ich hätte ultra gerne weitere Tage dran gehängt.
Jetzt folgt das Einstiegsprogramm rückwärts. 2 Stunden Bootsfahrt zum Verladepunkt. 2 weitere Stunden Schaukelbus nach Lago Agrio und bis Mitternacht zum Ziel nach Baños. Dort wartet ein Bett im Dorm auf mich.

Schwerer Abschied vom Dschungelparadies und der Abgeschiedenheit

Mein Fazit: Ich würd’s wieder tun! Zweifelsohne! Es waren die mitunter spannendsten 4 Tage in meinem Leben. Lehrreich, tiefgründig, emotional, spaßig, gruselig, grandios… Auf dieses Erlebnis hätte ich niemals nie verzichten wollen. Jeder, der Natur und Tiere mag und die Chance hat, sollte sich auf das Abenteuer einlassen! Wenn ich an meine anfänglichen Zweifel denke, ich hätte es zutiefst bereut, es nicht zu machen. Deshalb, geht raus, seit mutig, verlasst eure Komfortzone! Lasst euch auf die Abenteuer ein, die die Welt parat hält! Und genießt sie in vollen Zügen!

(Teil 8 folgt)

Welche Dschungelerlebnisse hattet ihr schon? Was waren eure größten Herausforderungen und was hat das mit euch gemacht? Euch wie verändert? Was war für euch das Faszinierendste, das Beängstigendste? Erzählt es mir oder lasst einen Kommentar hier. Ich bin gespannt auf eure Geschichten!

Dieser Beitrag kann unbeauftragte und unbezahlte Werbung enthalten. Als unbeauftragte Werbung gilt die Erwähnung oder Empfehlung von Produkten, Marken und Leistungen jeglicher Art.

ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 6: Baños – Hüpfburg für Adrenalinjunkies

23. / 25. November 2019

Vamos al Baños oder wie ich es zur unabwendbaren Vorweihnachtsbedrohung nenne: Die Après-Skihütte Ecuadors. Baños ist das pure Leben! Musikalisch, farblich, sportlich, abenteuerlich. Es saugt dich ein, nudelt dich einmal ordentlich durch und spuckt dich – vollgepumpt mit Endorphinen – wieder aus.

Bei leichtem Nieselregen trudeln wir mit Wanderbus abends in dem quirligen Ort ein. Von rund 3.900 Höhenmetern in Quilotoa auf gerade mal noch 1.800 Metern. Das erste Gefühl, beim Verlassen des Busses: Wärme! Sommer!! Ähh neee, doch nicht. Überall Weihnachtsklimbim, sogar die Straßenlaternen zieren überdimensionale rot-weiß geringelte Zuckerstangen. Ich schultere meinen Rucksack und blicke kopfschüttelnd einem grell beleuchteten Bähnchen mit Partyvolk hinterher, welches mit dröhnender Musik vorbeifährt. Das komplette Kontrastprogramm zum beschaulichen Quilotoa.

3 1/2 Stunden hat die Fahrt gedauert. Wir möchten schleunigst ins Hostel und duschen. Der ganze Schweiß, Staub und Bapp vom Serpentinenaufstieg am Morgen (s. Bericht Teil 5) klebt noch an mir.

Christina, unsere heutige Wanderbus-Beauftragte, schickt der Himmel. Eigentlich schickt sie ihre Freundin Hayde (die sich gestern um uns kümmerte und mit der ich seitdem in Kontakt stehe). Hayde hat in Baños für Nicole (meine Reisebegleitung seit einigen Tagen) und mich bereits Zimmer zu super Preisen reserviert. Christina soll nun checken, dass alles seine Richtigkeit hat, flüstert diese mir vertraulich zu, als sie uns mit Carlos durch das bunte Halligalli zur Unterkunft begleitet. Carlos hat sich bei unserer Ankunft im Wanderbus vorgestellt. Er betreibt hier eine Agentur für Ausflüge. Auch ihn hat Hayde schon auf uns angesetzt, weswegen er und Christina sich nun für uns deutsche Gringas verantwortlich fühlen. Ich bin gerührt.

Die zwei begleiten uns bis in die Zimmer, um sich zu versichern, dass wir wirklich zufrieden sind. So etwas habe ich noch niemals nicht erlebt. Nach Dankeshymnen meinerseits und ersten Infos von Carlos verabschieden wir uns von den beiden. Mit Carlos haben wir uns für den nächsten Morgen verabredet.

Frisch geduscht stürze ich mich mit Nicole ins Nachtleben. So ähnlich muss es am Ballermann zugehen! In der Szene-Straße reiht sich Kneipe an Kneipe, überall wummert Mucke aus den Boxen durch die Straße. Vor den Türen stehen überwiegend junge Menschen, es wird ausgelassen getrunken und gefeiert. Wir machen es uns in einem Baumhaus-Pub gemütlich und ordern Caiphis.

Buntes und lautes Nachtleben in Baños

Stunden später kommen wir in unsere Unterkunft zurück. Offensichtlich ein ziemlich religiöses Haus. Das zeigt nicht nur der vollgehängte Weihnachtsbaum und das Krippenspiel an der Rezeption. Nee, überall hängen Gemälde mit des Lattengustl’s Konterfei. Bis zu unseren Zimmern im 4 Stock, bin ich auf jeder weiteren Etage mehr und mehr dazu geneigt, mich vor den Bildern zu bekreuzigen und weiter auf Knien die Treppe hinaufzurobben. Dank den verköstigten Getränken wahre ich jedoch die Contenance.

Weihnachtskrippe und eines der unzähligen Heiligenbilder

Nach dem Frühstück (Highlight: Frisches Obst und lecker frischgepresster Saft // Lowlight: Kaffee besteht aus heißer Milch mit Instant Pulver) steht Hausarbeit auf dem Plan – Dreckwäsche. Mit unserem Klamotten-Stinkesack stürmen wir die Wäscherei gegenüber. Ich hoffe, der guten Frau kappt es beim Öffnen des Wäschesacks nicht die Sauerstoffversorgung. Arbeit erfolgreich delegiert, nix wie los.

Im Partybus der musikalischen Verzweiflung

Wir laufen zu Carlos in die Agentur. Keine 5 Minuten später drückt er uns Tickets in die Hand und schiebt uns in den Doppeldeckerbus zur Sightseeing- und Adrenalinjunkie-Tour. Wir hatten ja keine Ahnung, worauf wir uns da einlassen…

Wir hocken „oben ohne“ im Bus und lassen uns von der Sonne bescheinen. Will heißen, das Vehikel hat kein Dach – bevor gleich das unseriöse Fantasienkarusell Runden dreht! Der Bus tuckert zunächst durch die schmalen Gassen des Ortes. Überall sind die Wände bunt bemalt, was ich wunderschön finde.

Dann geht es vorbei an der kleinen Parkanlage mit der Basilika und den typischen Süßigkeitenständen weiter zu dem hohen Wasserfall am Rand des Zentrums. Die Erklärung zu den Sehenswürdigkeiten gibt es leider ausschließlich auf Spanisch. Lässt mir umso mehr Spielraum für eigene geistige Kreativität, daran mangelt es ja nicht.

Park mit der Basilika im Zentrum von Baños
Jede Menge Süßigkeiten, auch dafür ist Baños bekannt
Stadtleben und im Hintergrund einer der vielen Wasserfälle

Dazwischen dröhnt „das Schlechteste der 90er in Technoform“ aus den Boxen. Wirklich ganz übel! Selbst vor musikalischen Niederträchtigkeiten wie „Eins, zwei Polizei“ wird nicht zurückgeschreckt! Nicole und ich tauschen entsetzte Blicke. Peinlich berührt, überlege ich, im Bus ab sofort meine Landessprache zu verweigern.

Als irgendwann „Moskau“ durch die Lautsprecher tönt, geht der Gaul der Verzweiflung mit mir durch. Ich kapituliere und singe Nicole laut ins Ohr.

Der Partybus hält am Parque Aventura San Martin. Hier wird einige Zeit verdödelt, damit alle (Zahlungs-)Willigen über eine Schlucht ziplinen oder eine Hängebrücke überqueren können. Erscheint uns wenig spektakulär.

Wasserfälle und Adrenalin intravenös

Der Agoyan Wasserfall ist hingegen wesentlich beeindruckender. Er ist mit 61 Metern der Höchste der Anden Ecuadors. Genau genommen sind es zwei Wasserfälle, die wir von dem gegenüberliegenden Parkplatz aus bestaunen.

Agoyan Wasserfall vom Parkplatz aus

Bei einem weiteren Stop an einer schmalen Pflastersteinstraße, deutet unser Guide ehrfürchtig auf die Felswand. Ich glotze debil die Struktur an und wundere mich, warum alle Fotos machen und sich in völliger Hingabe befinden. Die fragwürdige Begründung – nun ja, lassen wir das. Vor uns offenbart sich – angeblich – das Antlitz Jesu Christi. Der hat da mal gepflegt seine Silhouette in den Fels getackert. Ich erkenne nix, gehöre allerdings auch zur Fraktion der Ungläubigen. An Jesus kommt man in Baños halt nicht vorbei, der guckt dich von überall aus an. Ein wenig wie Big Brother…

Weiter geht’s zum nächsten Adrenalin-Event. Mir persönlich reicht dafür ja schon die Busfahrt! Hinter einer ziemlich schmalen Brücke hält der Bus an einem Canyon und prompt gerät Nicole in Verzückung. Mit leuchtenden Augen lässt sie sich in eine Kugel schnallen, um darin über den Abgrund zu schwingen. Hier wurde ordentlich was für die Kick-Suchenden hingezimmert! Ziplines, an denen man in Bauchlage vogelähnlich die Schlucht überfliegen kann, die um sich selbst drehende Kotzkugel und allerlei masochistisches Schwingpendelrunterfall-Gedöhns. Die intravenöse Adrenalin-Injektion kostet, die Krankenkasse zahlt nicht, dafür aber der Touri. Das Konzept geht auf.

Ziplining, Canyope, Bungeejumping, Kotzkugel, Mountainbiken – unbegrenzte Möglichkeiten für Kicksuchende

Ich verweigere und dokumentiere von der benachbarten Brücke aus Nicole’s Flugshow auf Fotos und Videos. Ich steh nämlich so gar nicht auf runterfallen, rumfliegen oder mit schneller Geschwindigkeit wegkatapultiert werden. Als Kletterer kenne ich meine hinderliche Sturzangst zu gut und hier werde ich ganz sicher nicht mit Falltraining beginnen!

Die fahrbare Love-Parade bringt uns weiter zum Cascada el Manto de la Novia. Ein weiterer hoher Wasserfall, an den man in einer Gondel ganz nah ranfahren kann.

Abenteuer in grandioser Natur

Offensichtlich hat die allgemeine Zahlungswilligkeit nachgelassen. Der Großteil ist adrenalinsatt, so dass der Halt recht kurz ausfällt. Nichts desto trotz, die Landschaft ist toll!

Naturspektakel Cascada Pailon del Diablo

Unser letztes Ziel ist mein persönliches Highlight: Der Cascada Pailon del Diablo in Rio Verde. Der kann was! Am Parkplatz schmeißt man uns raus und räumt uns 30 Minuten ein. Hää?! Ich will es nicht glauben! Stundenlanges Schluchtenschleudern an Draht und jetzt – an einem wirklich atemberaubenden Naturspektakel – dürfen wir gerade mal noch ne halbe Stunde? Pffff!

Am Eingang zum Pailon del Diablo

Flott zahlen wir ein kleines Eintrittsgeld und laufen durch die botanische Klamm. Hat man die wackeligen Hängebrücken überquert, ist das Tosen des Wasserfalls zu hören. Als ich ihn sehe, stockt mir der Atem. Bombastisch! Über unzählige Treppenstufen schlängelt sich ein steinerner Weg zu dieser unbändigen Wassergewalt in die Schlucht hinab. Ich habe schon viele, viele Wasserfälle gesehen, aber dieser ist wirklich beeindruckend. Der Regenbogen, den die Natur zeitgleich hingepinselt hat, macht das Kitschfoto geradezu übertrieben perfekt.

Die Zeit drängt, wir müssen leider zurück. Als Trost versüßen wir uns die Rückfahrt mit mega leckeren Fruchtbechern.

Yummie! Die Wassermelone gehört mir!

Nach 4 Stunden musikalischer Grenzgänge in Dauerschleife (bestehend aus 5 oder 6 unterschiedlichen Liedern), sind Ohren und Hirn froh, den Bus zu verlassen. Meine Nerven schreien nach Koffeein!

Das Programm geht weiter

Ich möchte unbedingt zum Baumhaus Casa del Arbol und Carlos hat natürlich gleich das passende Programm am Start.

Ursprünglich war das Baumhaus eine Erdbebenwarte, um den (sehr) aktiven Vulkan Tungurahua zu überwachen. Dann hatte vor langer Zeit ein älterer Mann an das Baumhaus eine große Schaukel für seine Kinder gebaut. Der Zufall brachte irgendwann einen Fotograf der National Geographic dorthin, sein Foto ging um die Welt und schwuppdiwupp wurde das Casa del Arbol zum ultimativen Touristenmagneten. Bereits daheim habe ich verzückt die Fotos der in den Abgrund schaukelnden Reisenden bestaunt. Nicole lässt sich von meiner Begeisterungsrede sofort anstecken.

Zwei Stunden Pause, bis es weiter geht. Wir verbringen sie auf die sinnvollste Weise und fleetzen uns mit einem Kaffee auf eine Bank im Park. Tatsächlich haben wir (Tipp von Carlos) ein sensationell gutes Café gefunden, mein Gaumen eskaliert vor Freude.

Um 16 Uhr steigen wir in die Party-Bimmelbahn. Die Musik ist zwar nicht minder laut, dafür deutlich erträglicher. Das Bähnchen tuckert uns einen endlosen Berg in Runtun hinauf. Die Temperaturen werden deutlich kühler.

Das ganze Areal, bei dem wir ankommen, ist ein einziger Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Gerade mal 1 Dollar kostet der Eintritt zum Casa del Arbol. Überall blühen prachtvolle Blumen, in überdimensionalen Lettern prangt „Baños“ vor einer Bergkulisse. Besucher schaukeln, balancieren auf Holzpfählen, rutschen oder düsen mit Ziplines über die Wiesen.

Baumhaus Casa del Arbol im Blütenmeer

Die Schaukel am Ende der Welt

Das ultimative Highlight ist zweifelsohne die riesige Schaukel, wegen der wir hier sind. Auf einer Höhe von 2.600 Metern hievt man den Hintern auf die Holzbretter, bekommt eine pseudo Sicherheitsstrippe um den Bauch und wird von einem Mitarbeiter mit einem ordentlich Schups in die Freiheit entlassen. Das Gefühl ist krass! Mit einem schier endlosen Pendler fliege ich über den dschungelartigen Abgrund, unter Füßen und Hintern mächtig viel Luft. Und vor den Augen der mächtige Vulkan Tungurahua mit 5.016 Metern Höhe. Ich werde erneut kräftig angestupst und kralle mich in der Schaukel fest, mit dem Gefühl, gleich rauszurutschen. Der dritte Schwinger gibt mir den Rest. Mir zieht es von den Zehenspitzen in den Magen, ich schnappe nach Luft und mir wird übel. Beim Rückflug Richtung meines Antreibers presse ich „Stop, stop, not more“ raus und schon hängt der Arsch wieder über dem grünen Schlund. Pressatmung, auspendeln, dann zittere ich aus der Adrenalin-Liane raus. Tja, blicken wir den Tatsachen ins Auge; ich bin ein Riesen-Schaukel-Weichei. Als Kind konnte ich nicht genug davon bekommen. Das hier ist definitiv ein anderes Kaliber. Aber cool war es trotzdem…

Zipline und Schaukeln auf 2.600 Metern Höhe
Blumenpracht vor dem Vulkan Tungurahua

Weiterfahrt zu dem nächsten Adventure-Park, der Abenteurer glücklich macht. Es dämmert und inzwischen ist es kalt geworden. Ich verziehe mich mit ein paar netten Mädels aus der Bahn ins warme Innere einer urigen Holzhütte. Wir schlabbern gemütlich Canelazos, während sich Nicole ins Geschirr schmeißt, um sich mit Hingabe den gewaltigen Abhang runterzustürzen. Jedem das Seine…

Um 19:30 Uhr trudeln wir wieder im Ort ein. Auf den letzten Programmpunkt „Besichtigung der Süßigkeitenmanufaktur“, hat keiner mehr Lust. Ganz schön anstrengend, solch hochdosierte Touristenbespaßung! Morgen muss das Kontrastprogramm her!

Loma Chontilla oder Latschen bis die Socken qualmen

Am nächsten Morgen gibt’s Frühstücks-Besuch von Carlos. Wie alte Freunde hocken wir gemütlich bei einem Kaffee zusammen und quatschen über den Tagesplan. Ich will den Loma Chintilla (Las Antenas) überqueren, verkünde ich. Reiseführer und Internetquellen geben allerdings kaum Infos. Carlos aber, er erklärt uns den Startpunkt. Nicole zweifelt noch, lässt sich von der vagen Reiseführer-Beschreibung „eine leichte 2,5 Stunden Wanderung“ dann aber überzeugen.

Bevor es losgeht, stärken wir uns mit einem frischen Saft aus der Markthalle

Einmal quer durch den Ort gelatscht, starten wir vormittags an der San Fransisco Brücke die Wanderung. Auch hier gibt es ein Adrenalin-Angebot, denn die sehr hohe Brücke von Baños De Agua Santa ist beliebt und bekannt unter Bungee Jumpern.

Bunte Mauer entlang des Weges nach der San Fransisco Brücke

Ab hier ist der Weg erst einmal nicht zu verfehlen. Pflastersteine führen kontinuierlich Bergauf, eine gewisse Grundkondition ist durchaus hilfreich. Je höher wir kommen, desto beeindruckender wird die Aussicht. Unter uns liegt die Schlucht des Rio Pastaza.

Wir gewinnen an Höhe mit Blick auf den Rio Pastaza

Schier endlos folgen wir dem Anstieg, vorbei an den Bauernschaften Illuchi Bajo und Illuchi Alto. Hier sind kaum Menschen, nur ein Auto fährt gelegentlich vorbei. Uns läuft die Brühe und Nicole’s Spaßlevel nimmt nach jeder weiteren Kurve prozentual im Verhältnis zur steileren Strecke ab.

Ich kann es auch nicht mehr mit „wir sind gleich oben“ schönreden. Laut Mapsme zeigt das Display, dass wir irgendwo im nirgendwo rumdriften. Der Gipfel „Las Antenas“ liegt in der Ferne…

Die Latscherei an sich ist wenig spannend. Dafür aber die Aussicht und die Landschaft. Es gibt nur vereinzelte Höfe mit großen Plantagen. Bananenstauden, so weit das Auge reicht, Gummibäume, Benjamini-Büsche, wilde Weihnachtssterne, Papaya- und Eukalyptus-Bäume. Gegenüber hängen die Wolken im Vulkan Tungurahua und unten im Tal tost der Wasserfall. Es ist eine Pracht.

Tree-Tomato Plantage, eine sehr leckere und vielseitige Frucht

Ich frage eine Farmersfrau, deren Kind uns aus großen, verschüchterten Augen anblickt, ob es noch weit zu Las Antenas sei. 15 Minuten, antwortet sie freundlich.

20 Minuten später ist noch immer kein Gipfel in Sicht. Die nächste Bäuerin, die selbe Auskunft: 15 Minuten. Hmmmm… da stimmt etwas nicht mit der hiesigen (oder unseren) Zeitrechnung. Wir sind doch nicht versehentlich rückwärts gelaufen?!

Bergab steigt die Laune

Tatsächlich kommen wir irgendwann auf über 2.500 Metern, genau genommen nach 700 durchschwitzten Höhenmetern, an einer abgeranzten ehemaligen Gaststätte an. Ein Pfad führt Richtung Satelitenmast hinab. Den nehmen wir! Einen Kaffee hätt ich übrigens auch genommen…

Der erste Wegweiser, der in die wildgewucherte Pampa führt, lässt uns frohlocken und jubilieren! Wir sind richtig. Prompt steigt das Stimmungsbarometer der Erleichterung! Der Abstieg schmeckt nach Abenteuer und macht richtig Laune. Schweißtreibend bleibt es weiterhin, die Sonne brezelt erbarmungslos auf die Haut. Wir können kaum ausreichend Sonnenschutz auf die Kadaver schmieren.

Durch die Pampa geht es zurück in die Zivilisation

Die spärlichen Fressvorräte sind längst weggefuttert, der Wasserstandsmelder der Trinkflasche hängt im roten Warnbereich. Nach 4 Stunden, oder umgerechnet 11 Kilometern, erreichen wir die Zivilisation, Lligua. Keine Motivation, weitere 3 Kilometer an der Straße zurück nach Baños zu tappen…

Streckenverlauf der Wanderung Loma Chontilla

Zwei ältere Herren, die gesellig an der Bushaltestelle verweilen, erklären, von hier fährt kein Bus nach Baños. Hmpf…

Als hätte das Universum nix besseres zu tun, als unsere noch nicht einmal abgeschickte Bestellung prompt auszuliefern, kommt ein Taxi angerauscht. Ohne zu zögern stürzen wir auf die Straße und halten den Fahrer an. 10 Minuten später sind wir im Hotel.

Die Wanderung war ein herrlicher Baños-Abschluss und ist gleichzeitig der Abschied von Nicole. In wenigen Stunden trennen sich leider unsere Wege. Sie reist morgen mit Wanderbus weiter. Für mich geht es heute Abend mit dem Nachtbus nach Lago Agrio.

Nach langem Hadern und psychologischer Selbstanalyse, habe ich mich gegen meine Spinnenphobie und für das Abenteuer Dschungel entschieden. Carlos hat alles organisiert und für mich in die Wege geleitet. Der Nachtbus sowie der weitere Transfer zur Lodge, das 4 Tage Dschungel-Komplett-Paket sind gebucht. Sogar ein spottbilliges Bett im 7er Dorm (ich komme in 3 Nächten erst um Mitternacht nach Baños zurück) waren wir bereits persönlich reservieren. Ich bin ihm unendlich dankbar für seine Hilfe. In wenigen Stunden geht es los und ich bin mächtig gespannt.

Welche Erlebnisse und Herausforderungen der Dschungel so parat hält, erzähle ich euch im nächsten Teil. Soviel sei aber bereits verraten: Meinen Ängsten muss ich mich stellen!

(Teil 7 folgt)

Seid ihr Adrenalinjunkies? Was war euer Highlight diesbezüglich? Wart ihr vielleicht selbst schon beim Baumhaus Casa del Arbol? Oder wollt ihr im Urlaub einfach eure Ruhe und am Strand liegen? Wenn ihr möchtet, schreibt mir eure Erlebnisse hier in die Kommentare, ich bin sehr gespannt!

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