Mauritius – Naturparadies für Aktive

Teil 2: Naturschutzreservat Ile aux Aigrettes und warum Dummheit zum Überleben ungünstig ist

15. Mai 2022

24. Februar 2022 – Bonjour et bienvenue à Mahébourg. Nach meinem Ausrutscher ääähh Ausflug nach Trou d’Eau Douce (den ausführlichen Bericht gibt es hier) bin ich wieder zurück auf Start. Immer schön, dieses behagliche Gefühl von Vertrautheit in der Fremde.

Von dem Hafenörtchen Trou d’Eau Douce bin ich am Morgen mit dem Taxi zum Busbahnhof Flacq gefahren und weiter mit dem öffentlichen Bus. Die fast zweistündige Fahrt nach Mahébourg war mal wieder überaus unterhaltsam. Wie Kino! Draußen an der Bustür gut gemeintes Corona-Sicherheitsmaßnahmengedöhns und Abstandsgeregel aufpinseln, aber drinnen aufeinanderkleben wie Gewürzgurken im Einmachglas. Ist ja nicht so als wäre kein Platz. Hinten ist der Bus dreiviertel leer und vorne ist Gruppenkuscheln angesagt. Und geplaudert wird da immer! Seit Südamerika weiß ich, dass die Zusteigenden die Personen, neben die sie sich hocken, gar nicht kennen. Anfangs dachte ich immer, och guck an, da trifft sich grad zufällig der proseccotrinkende Kniffelclub und tuckert zusammen zum Vereinstreffen, so herzlich und angeregt schwätzt man miteinander. Ist hier in Mauritius genauso. Dieser freundliche Austausch fremder Menschen miteinander find ich herrlich. Selbst als externer Touri schließt man mich nicht aus. Einmal nett gegrinst und schwupps biste Mitglied im Verein „Fremde Busfahrfreunde e.V.“ Nicht wie bei den spaßbefreiten Busfahrten in Deutschland. Wo der Großteil genervt und gestresst aufs Handy starrt, Stöpsel in den Ohren und jegliche Kommunikation meidet wie ein Kannibale die vegane Grillwurst.

Jedes Mal, wenn ich von einer Reise zurückkomme und im Zug oder Bus nach Hause sitze, enttäuscht es mich, wie irritiert das Umfeld häufig auf ein Anlächeln reagiert. Ist doch bloß ne kleine, freundliche Geste von „hallo, ich sehe dich“. Warum sind so viele eher skeptisch, statt sich zu freuen, wenn Fremde einen anlächeln? Gerade in den Ländern, in denen ich daheim noch vor den Gefahren und hoher Kriminalität gewarnt wurde, fühlte ich mich unter den Einheimischen weitaus behüteter und sicherer, als in meinem Heimatland. Klar kann man das nicht pauschalisieren und wenn man z. B. in Guayaquil in ne falsche Straße gerät, wird sich eventuell ratzfatz auf eine ungesunde Art und Weise um einen gekümmert. Aber schaltet man den Verstand und die Sensoren ein, nimmt mit offenen Augen das Umfeld wahr und beachtet einige Vorsichtsmaßnahmen, glaube ich tatsächlich, dass es per se nicht gefährlicher ist, als in unseren Großstädten. Ich würde abends die Straßen in Myanmar zweifelsfrei dem Frankfurter Bahnhofsviertel vorziehen (nix gegen Frankfurter). Oder diversen Mannheimer Ecken. Meiner Meinung nach haben wir Deutschen da noch Nettigkeits-Luft nach oben, da ist noch Potenzial. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben. Ich schweife ab.

Die vertraute Nähe wird nun zu meiner persönlichen Herausforderung. Ein Mädel steigt mit letzten Kräften ein und verfrachtet sich in die Reihe hinter mir. Leicht verstört bemerke ich, dass sie kaum in der Lage ist, ihre Augen aufzuhalten. Das arme Ding ist derbe krank. So wie sie vor sich hinsiecht, befallen mich Zweifel, ob sie die nächste Bushaltestelle noch erlebt bzw. bis dorthin überlebt. Ständig zieht sie in Zeitlupe ihre Stoffmaske runter und tränkt das durchweichte Taschentuch am Zinken. Rüsselpest hoch zehn. Bestenfalls nur das… Während sie geradezu widerwillig den virendurchseuchten Lappen wieder über die Nase zieht, rutsche ich derweil auffällig unauffällig auf der Sitzbank nach außen. Zeitgleich verrenke ich den Kopf giraffenhalsartig Richtung offene Bustür (selbstverständlich sind die Türen während der Fahrt sperrangelweit geöffnet). Ihre Sitznachbarin bleibt solidarisch und völlig unbeeindruckt press neben ihr hocken. Respekt. Abstand halten ist hier halt net so populär.

Viel Nähe aber auch reichlich Frischluft im Bus bei offenen Türen

Generell habe ich das Coronahandling auf der Insel nicht wirklich kapiert: Ein Mal habe ich bislang mein Impfzertifikat vorgezeigt. Am Flughafen! Interessiert hier ansonsten keine Socke. Weder drinnen noch draußen. Abstand wird wie erwähnt völlig überbewertet, darum hockt man sich im Bus aufm Schoß. Aber wenn man alleine durch die Gasse tappt (bei 78 Grad Ober- und Unterhitze) ist permanentes Maskentragen oberstes Gebot. Schlappe Fünfzig Euronen Bußgeld drohen bei Missachtung. Geht man im Supermarkt einkaufen, muss man vorher die Hand an ein Thermometer halten, das erst die Temperatur prüft. Piept es bestätigend und leuchtet grün, werden die Pfoten desinfiziert. Erst danach darf man rein. Aber in Restaurants (mit Ausnahme eines einzigen China-Restaurant bislang) oder Bussen, bummsegal.

Thron mit Meerblick

Jedenfalls bin ich für die nächsten vier Nächte happy im Orient Guesthouse eingezogen. Als Sparbrötchen habe ich diesmal nicht vorher reserviert sondern erst mal online gecheckt, ob noch Zimmer frei sind. So entfällt für alle Beteiligten die lästige Buchungsgebühr. Das Hostel ist mir vor Tagen beim Vorbeilaufen aufgefallen und hat viele positive Bewertungen. Ideale Lage, wenige Minuten zum Busbahnhof, dem Markt und der Waterfront. Im oberen Stockwerk gibt es eine großzügige Dachterrasse mit überragendem Ausblick aufs Meer und zum Berg Mount Lion. Auf den Etagen Wasserspender, WLAN überall und ich darf die Küche mit benutzen. Große Gastfreundschaft zu kleinem Preis.

Hostel mit familiärem Charme in Mahébourg (ich residiere im 1. Stock links)
Dachterrassenpanorama

Kaum habe ich mein Gepäck in dem hübschen Zimmer abgestellt, heißt es leider wieder umziehen. Der Nachteil, wenn man nicht zuvor ein festes Zimmer bucht. Mit hundert Entschuldigungen werde ich ein Stockwerk downgegraded. Dafür mit Balkon und Meerblick. Selbst nen Ventilator gibt’s (als ob ich den brauche, wenn ich bei unter 24 Grad anfange zu frieren) und ein Mückenvergraul-Stinkesteckdosenteil (definitiv notwendig, ich bestehe mittlerweile aus „Stiche mit nem Körper dran“). Das Zimmer ist putzig, das Bad offen im Raum integriert und von der Toilette aus kann ich direkt aufs Meer gucken. Aus der Dusche auch, die ist nämlich unmittelbar neben dem Klo. Den gleichen Blick, den ich raus habe, hat Außen auch rein. Also Gegenübers in den oberen Etagen können von ihrem Salon direkt auf meinen Thron gucken. Für Exhibitionisten ein Träumchen! Zu zweit wäre das hier sehr „privat barrierefrei“, allein isses völlig ok. Und wenn Nachbars zu meinen Nasszellenzeiten daheim sind, zieh ich den Vorhang zu. Man muss ja nix unnötig verkomplizieren.

Nachdem das ganze Eincheck-Prozedere erledigt ist, hirne ich mit dem Monsieur de Auberge über meine Bucketlist. Dort steht unter anderem ein Besuch der Ile aux Aigrettes drauf. Reservierung erforderlich, erklärt er und übernimmt kurzerhand meine Anmeldung für den nächsten Morgen bei einer englischen Gruppe (zu den Französischen trau ich mich nicht). Auch für meine geplanten Wanderungen hat er hilfreiche Infos und ich fühle mich endlich nicht mehr so plan- und tatenlos. Morgen geht es los!

Sommerlauf zur Blue Bay

Jetzt entstaube ich erst mal die Laufschuhe. Hier ist es nicht mehr ganz so heiß wie in Trou d’Eau Douce, da kann man schön Rennen. Zuvor noch rüber zum Markt, der Bauch fordert leckeres Roti!

Ganz mühelos gestaltet sich die Lauferei nicht. Weil ist ja Maskenpflicht. Zumindest beim Sport nur pseudomäßig verbindlich. Also Mundschutz als Tropfenfänger unters Kinn und im Polizeifall schnell hochschieben. So hechel ich mich zur knapp 6 Kilometer entfernten Blue Bay. Wo die Schönen, die Reichen und die ganz schön Reichen stranden und baden. Wo man sich in Luxushotels mit der Champagnerflöte die aufgespritzten Lippen benetzt und sich mit Kaschmirbadetüchern den Luxuskörper trockentupfen lässt. Oder so ähnlich. Vielleicht nicht ganz so arg. Aber hey, man ist auf Mauritius, der Hochzeits- und Flitter- und Tüdeldidü-Insel schlechthin. Ich komme triefend an der Beachfront an – roter Kopf wie ein Hummer im Kochtopf – und denke verwundert: DAS ist alles? Das ist der hochgepriesene megatolle Strand? Da gab’s die Woche aber schönere. Haben komischen Geschmack, die blaublütigen Edeltouris. Ernüchtert trabe ich alles wieder zurück und mache dabei 456 Taxifahrer arbeitslos, die die Bekloppte, die da rennt, so gerne fahren wollten.

Wolken über der Blue Bay, richtig überzeugen kann mich der Strand hier nicht
Unter der Woche ist es in der Blue Bay recht leer, am Wochenende steppt hier der Bär

Bin definitiv schon beschissener gelaufen. So am Meer lang kann was, auch wenn man im Sand mühsam vorankommt. Versehentlich hüpfe ich durch die zum Strand hin offenen Hintergärten der schönen Reichen, die zum Glück nicht daheim sind. Bis auf eine Dame, die in ihrer Liege liest und meinen peinlich berührten Gesichtsausdruck sieht. Sie gestikuliert mir einladend lächelnd, einfach vorbeizulaufen. Auf meine Frage, wie ich zurück zur Straße komme – was mit größerem Umweg verbunden wäre – bringt sie mich tiefenentspannt über ihr Grundstück durch den Vorgarten zurück zur Straße. Vielleicht habe ich zu hart geurteilt, beim Pauschalisieren und Aufziehen der „Reichen-Schublade.“

25. Februar 2022 – Das mit dem Schlaf funktioniert nicht. Irgendwas ist nachts immer geboten. Das Hundegebell ist zwar weniger als in Trou d’Eau Douce, wird jedoch durch Moskito-Vendetta relativiert. Die Drecksviecher haben eine Blutschlacht an mir verübt! Wäre der Tatort mit Plastikfolie ausgelegt worden, hätte man meinen können, Dexter Morgan sei am Werk gewesen. Hätt ich bloß den Moskitostecker benutzt. Aber Schlaf wird eh völlig überbewertet…

Zumindest gibt’s im Hostel zum Frühstück eine Kanne gut trinkbaren Kaffee. Und ich rede hier von Instant-Pulver! Soll das schon die altersbedingte Milde und Güte sein, die sich da bei mir breitmacht?! Hauptsache Koffeein pumpt im Blutkreislauf. Die Unterkunft war eine gute Wahl. Die Männers sind so hilfsbereit und unheimlich nett. Sagen ständig, ich solle mich wie daheim fühlen und es ist tatsächlich fast familiär.

Naturschutzreservat Ile aux Aigrettes

Um 10 Uhr schlappe ich zur drei Kilometer entfernten Ablegestelle der Wildlife Foundation. Dann tuckert unsere kleine Gruppe im Bötchen rüber zur Ile aux Aigrettes. Wikipedia sagt, das Eiland ist eine 26 Hektar große Insel innerhalb des Riffs. Gerade mal 1 Kilometer und wenige Bootsminuten von Mahébourg entfernt. Die Insel ist ein Naturschutzreservat der Mauritian Wildlife Foundation, zum Erhalt der nativen Flora der Insel Mauritius und der Maskarenen.

Auf dem Fußweg zur Wildlife Foundation
Mit dem Boot geht es gemütlich rüber zur Insel
Ile aux Aigrettes – Ein kleines unbewohntes Paradies

Man darf sie ausschließlich mit Naturführer betreten. Der Eintritt (umgerechnet rund 16 Euro) geht an die Foundation die dort alles schützt, analysiert und erhält. Unsere Führerin begleitet uns fast zwei Stunden durch den subtropischen Urwald. Richtig schön isses, bin immer auch sehr interessiert, wenns um die Flora und Fauna geht. Deshalb jetzt bissi Biologie für Daheimgebliebene: Die Bäume mit den vielen Wurzeln, die unten breit auseinander gehen, sind Vacoa. Dann gibt’s massenhaft Ebonytrees. Erinnert mit seiner weißen Rinde etwas an unsere Birke. Im Inneren ist sein Holz pechschwarz. Und da sein Holz so toll ist, macht man daraus Musikinstrumente, Pianos zum Beispiel. So, zu dem gesellt sich der Nailtree. Der heißt so, weil die Seemänner früher daraus Nägel gemacht haben, um ihre Schiffe zu reparieren. Also mordsstabil, das Baum. Lustige Palmen stehen dort rum, deren Stamm die Form der Oranginaflasche haben. Gestrüpp wächst auch reichlich. Wie die Ratplant, deren Blüten am Strauch gut riechen, abgepflückt stinken sie aber wie die Sau.

Einiges Getier krabbelt, hängt und fliegt hier auch rum. Endlich bekomme ich auch mal den einheimischen Flughund vor die Linse. Weil er hier abhängt, im Flug wäre es nicht möglich.

Flughunde oder Flying Foxes gibt es auf Mauritius in Massen

Auf Mauritius fliegt überall ein kleiner Vogel mit knallrotem Kopf rum, der Madagaskar Fody, wie ich lerne. Auf der Ile aux Aigrettes flattert der mit orangenem Kopf rum, das ist der geschützten Mauritius Fody. Sein Kopf ist nur in der Zeit orange, in der er die Mädels anbaggert und abschleppen will. Danach wird er grün. Wär das auch geklärt. Apropos abschleppen: Big Daddy taucht aus dem Gebüsch auf, Hibiskusblüten mampfend. Er ist der Playboy hier, verfügt über 14 Weiber. Für alle die grad neidisch werden, Big Daddy ist eine Riesen(langhals)schildkröte. Die können den Hals enorm ausfahren, um an hohe Blätter zu kommen. Eine seiner Begatteten trottete zuvor an uns vorei. Völlig unerwartet kam leise knarzend ein 100 Jahre alter Trümmer (150 KG Lebendgewicht) auf uns zu. Unsere Führerin erklärt, dass der Panzer gerade mal 2 cm dick und ganz empfindlich ist. Sie fühlen jede Berührung und reagieren darauf.

Babyschildkröte und wie sie ca. 100 Jahre später aussehen wird
Big Daddy liebt Hibiskusblüten

Vor Ende der Rundtour stoßen wir auf eine lebensgroße Figur des Dodo. Das legendäre Vogelvieh, das leider zu dumm war zum Überleben. Auf Réunion schon verehrt ohne Ende und auf allen Bierflaschen drauf, sagt Mauritius: „Nix da, das ist unser Dodo!“ Er dient aber eher als Mahnmal, dass aussterbende Tiere zu schützen sind. Er kam einst – Warnung, das kann jetzt dauern, Hobby Heinz Sielmann fachsimpelt sich grad in Fahrt – als eine Art Taube auf Mauritius geflattert. Hier hatte er keinerlei Fressfeinde. Bis die Piraten und Seefahrer kamen und dachten „was ein geiler Fatzen Fleisch, da wird man wenigstens satt von.“ Die kulinarische Ernüchterung kam prompt, der dicke Vogel schmeckte fürchterlich. Weil das Tier nun sowas von sicher war, bildeten sich seine Flügel zurück. Erschwerenderweise war er auch dumm und legte seine Eier in Nestern auf dem Boden. Die irgendwann von eingeschleppten Ratten geplündert wurden. Der Dodo konnte nicht mehr flüchten (weil flugunfähig), unhandlich war er zudem auch, also nix von wegen mal eben rauf aufn Baum und besiegelte mit seiner „für alles zu haben und zu nix zu gebrauchen Attidüde“ sein trauriges Schicksal.

Der Dodo konnte sich nicht durchsetzen
Hibiskusblüten, Fressen der Schildkröten
Kleine heile Welt, Wanderung auf der Ile aux Aigrettes
Blick rüber nach Mahébourg

Ein Besuch der kleinen Insel ist absolut lohnenswert und kann ich auf ganzer Linie empfehlen. Allerdings sollte man sich rechtzeitig einen der begrenzten Plätze reservieren.

Schnorchelfreuden und Tamilentempel

Nach dem Naturspektakel schnappe ich mir mein Badekrempel und düse zum Strand Pointe d’Esny. Da ich vor Tagen zur zufälligen Vorbesichtigung dort war, weiß ich wo ich hin muss. Auch heute entzückt der weißen Sandstrand mit Einsamkeit. Ich verstecke mein Zeug unter einem Katamaran, tackere mir die Panoramasicht-Schnorchelmaske aufs Gesicht und stürze mich in die warmen Fluten. Die überschaubare Unterwasserausbeute (wenige Fische und ein Seeigel) beeinträchtigt das kindliche Planschvergnügen in keiner Weise.

Den Schnorchelfreuden wird eine Runde Kultur nachgeschoben. Das National Historical Naval Museum hat leider schon geschlossen. Also direkt zum bunten Tempel Shri Vinayagar Seedalamen Kovil. Der wunderschöne Tempel ist einer der ältesten Tamilentempel der Insel und liegt etwas außerhalb des Zentrums. Die Aussicht auf den Fluss und die riesigen Bäume beeindruckt ebenfalls. Tempel und Pagoden werde ich niemals überdrüssig. Kann ich stundenlang abklappern. Ich mag die Atmosphäre und Stille, die dort herrscht unheimlich gern.

Der bunte Shri Vinayagar Seedalamen Kovil Tempel
Blick in die wundervolle Natur vom Tempel aus
Weiterer kleiner Tempel zwischen Häusern im Ort
Überall gibt es Obst und Gemüse am Straßenrand zu kaufen

Zum Abschluss des Tages schlendere ich ziellos durch die Straßen. Übrigens lässt es sich an Waterfront mit frischer Kokosnuss durchaus ne Weile aushalten. Das Leben ist warm und mit Sonne und Meer einfach schöner. Berge fehlen aber. Diesen Punkt der Bucketlist nehme ich die nächsten Tage in Angriff! Das Programm für morgen steht auch schon. Da geht’s auf große Wanderschaft. Über diese atemberaubenden Erlebnisse berichte ich schon bald im nächsten Beitrag.

Es hat eine Weile gebraucht, aber endlich fangen Kopf und Körper an runterzufahren und zu regenerieren. Daran ändert auch die von Moskitos ausgelöste Beulenpest, die meinen Körper übersät hat, nichts.

Life is good with coconut

Noch ein wenig Geduld, schon bald geht es tiefer hinein ins Abenteuer. Wer den 1. Teil verpasst hat, kann solange hiermit die Wartezeit überbrücken.

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Mauritius – Naturparadies für Aktive

Teil 1: Von Mahébourg nach Trou d’Eau Douce und zurück

9. Mai 2022

Uff… ich hatte ewig keine Muße, hier textlich was Kreatives hinzuzimmern. Bin da eher so: „Haste nix zu erzählen, hälste die Klappe bzw. die Tastatur still.“ Aber nun ist mein Schweigejahr vorbei! Das Leben hat wieder Fahrt aufgenommen, besonders außerhalb der Landesgrenzen. Die Seele blüht auf. Ich war endlich wieder unterwegs und habe allerlei Erlebnisse im Rucksack heimgeschleppt.

Eins vorneweg: Alles hier ist frei Schnauze! Quasi Reisetagebuch. Kein Stefan Loose mit landesspezifischen Infos was man muss und soll, sondern unterhaltsames Reisealltagsgeplänkel, welches im besten Fall der Erheiterung dient. Soviel zum Prolog. Und nun schnappt euch ’ne Tüte Popcorn oder ’nen starken Kaffee, macht’s euch gemütlich, das wird ne lange Nacht!

Es ist der 20.02.2022 und meine erste Reise seit Corona steht bevor. Die lang ersehnte Wiedereingliederung sozusagen. In fünfzehn Minuten fährt mein Bus und nachdem ich den Kulturbeutel (ein Unwort für etwas, das Pflegeprodukte enthält, oder „Bad-Zeugs“ wie ich es nenne) in meinen Reiserucksack gestopft habe, betrachtet dieser sich als überfüllt. Dabei kann von „wegen Überfüllung geschlossen“ keine Rede sein. Er lässt sich nämlich nicht mehr schließen. Ich sollte mich dringend auf den Weg zur Haltestelle machen! Hektisch zerre ich bettelnd und fluchend am Reißverschluss.

Dafür, dass es auf ne Insel mit aktuell 30°C geht, wundere ich mich selbst über meinen Pack-Wahn. Bei vier Wochen Ecuador und Galapagos war mein Gepäck weniger umfangreich, als für drei Wochen Mauritius. Gut, der Rucksack ist neu und das Packsystem nicht ausgeklügelt, ändert allerdings nichts dran, dass da definitiv zu viel drin ist. Als ich das stylische Teil (den kann man nämlich normal auf dem Rücken tragen oder in einen Rollkoffer umwandeln) vorletztes Jahr gekauft habe, hätte ich nie gedacht, so lange auf seinen Einsatz warten zu müssen. Noch weniger hätte ich mir diese Reiseziel vorgestellt. Da wollt ich gar nicht hin! Nachdem allerdings Plan A, B und C aufgrund diverser Corona-Problematiken zu kompliziert bzw. unmöglich waren, wurde Mauritius zum neuen Plan A. Nachdem ich mich mit der Insel auseinandergesetzt und festgestellt hatte, dass man dort ja gar nicht nur am Strand liegen muss, verging der fade Beigeschmack. Und schon war diese Wahl nicht mehr bloß ein mittelmäßiger Kompromiss.

Der Reißverschluss ist endlich zu, fluchtartig verlasse ich die Wohnung. Mit rund fünfzehn Kilo auf dem Rücken und knapp vier Kilo Handgepäck vor der Brust. Minimalismus wird für die nächste Reise wieder geübt.

Gepäck als ginge es monatelang auf Arktis-Expedition

Frankfurter Flughafen, das Gepäck ist eingecheckt, ich bin im Besitz der heiligen Bordkarte. Gemäß dem Rat meiner Freunde, ausreichend Puffer einzuplanen, lieber einen Zug eher loszufahren und etwas länger am Flughafen zu warten, bleibt mir nun reichlich Zeit. Im Hirn schmettert ein Orchester Beethovens „Ode an die Freude“ während Stimmen dazu singen. Da isses wieder, das „loving feeling“. Klopft am Herzen an, tritt ein und macht sich breit. Ich dachte tatsächlich, mir wäre bewusst, wie sehr ich DAS vermisst habe. Jetzt wird klar, nix wusste ich! Gerade fühlt sich alles wieder 100% richtig an! Noch nicht im Flieger und schon weg von allem. Es gibt keine Worte, die beschreiben können, was da grad in mir abgeht.

Dafür brät mir Condor eins mit der Keule über und prügelt meinen Kopf aus den Wolken: Drei Stunden Flugverschiebung! Prima, dann guck ich mal, wie ich die nächsten sechs Stunden hier überbrücke. Zum Glück hab ich nen Puffer.

Harte Herausforderung für dünnen Geduldsfaden

Zwei Stunden und acht Kilometer im Terminal-Rumlatscherei später: Der Zugang zu meiner Abflughalle ist großräumig gesperrt. Großes Polizeiaufgebot wegen einem mysteriösen Koffer. Wenigstens wird adäquates Entertainment geboten, wenn man schon so viel Zeit verduddeln muss. Fehlt eigentlich nur noch, dass der Flug gecancelt – STOP! Nicht weiterdenken! Erst mal ’ne große Latte trinken, dann wird sich die Reisewelt schon wieder drehen.

Per Katapult in den Sommer – Bonjour Mahébourg

21. Februar 2022 – Es ist geschafft! Per Katapult wurde ich in den Sommer geschossen. Endlich Betriebstemperatur bei tropisch-schwülen 29°C. Tatsächlich stand in Frankfurt bis zuletzt alles auf der Kippe! Erst die Polizeisperrung und dann wegen des Zyklons, der an dem Tag noch über Mauritius fegte. Der hiesige Flughafen war geschlossen und es gab keine Landeerlaubnis. Hätte auch dumm laufen können und der Flug wäre, statt nur verschoben, gecancelt worden. Dann lieber die Warterei. Aber mächtig stürmig war es über den Wolken, alter Schlabbe! Ich war den Flug über „auf Reisetabletten“ und daher relativ gechillt. Pilot Sascha hat die ganzen Turbulenzen souverän gemeistert. Dachte, der operiert nur in der Schwarzwaldklinik und schippert mit dem Traumschiff über die Weltmeere. Wusste gar nicht, dass der auch fliegt. Wegen den Stürmen gabs einen kleinen Umweg über die Seychellen. Das war mal ein prächtiger Ausblick!

Wer Umwege fliegt, sieht mehr von der Welt; zum Beispiel die Seychellen
Die Wolken geben kurz den Blick auf die spektakulären Tamarind-Falls frei
Vor Einreise sind Gesundheitsformulare auszufüllen, wie die Disembarkation Card mit dem dicken Dodo

Am Flughafen Sir Seewoosagur Ramgoolam stelle ich mich in die endlose Schlange, wo erst mal alle Einreise- und Coronaformulare gecheckt werden. Unterdessen wählt sich mein Handy einen Sekundenbruchteil in die Mobilen Daten ein, was mich läppische einundzwanzig Euronen kostet (Überraschung als die Rechnung kommt). Nach einer Fragerunde wo ich übernachte, warum, wie lange ich bleibe und was ich danach mache, drückt man mir ein Tütchen in die Hand und schickt mich weiter zum Personal in Ganzkörperkondomen. Die rühren fleißig mim Stäbchen in meinem Riechkolben rum, notieren die lokale Festnetznummer unter der ich die nächsten 24 Stunden erreichbar bin und entlassen mich freundlich. Jetzt muss der Test nur brav negativ bleiben. Bloß nicht in Quarantäne und das Meer vom Fenster aus angucken müssen.

Nach harter aber fairer Preisverhandlung bringt mich ein Taxi in meine erstes Hostel in Mahébourg, die „Coco Villa“. Das rosafarbene Gebäude sieht von eher wie ein Lost Place aus. Das Zimmer hat, äähhh, antiken Charme, dafür gibt es einen Balkon und Meerblick. Von der Decke fällt ein Tropfen aufs Bett. Sofern die nicht ganz aufweicht und auf mich drauffällt, werde ich heute Nacht endlich mal wieder in den Schlaf gemeeresrauscht!

In Mahébourg fühle ich mich gleich wohl. Obwohl es komplett bewölkt und sehr windig ist, bin ich bei der Hitze dankbar, dass die Sonne nicht brutzelt. Der Kreislauf ist noch auf heimische Tiefkühltruhe eingestellt. Was aber wirklich anstrengt, dass man überall auf Mauritius im öffentlichen Raum eine Maske tragen muss. Immer. Außer beim Baden im Meer oder wenn man am Strand liegt. Die meisten Einheimischen tragen Stoffmasken, ich tausche meine FFP2-Maske gleich gegen eine medizinische Maske, das erleichtert das Atmen enorm.

Mein erster Weg führt in die Markthalle an der Rue Hollondaise. Habe gelesen, dass der Markt von Mahébourg einer der Größten und Buntesten auf der Insel ist. Über Gemüse, Obst, Fisch, Kleidung gibt es auch allerlei mehr oder weniger brauchbare Dinge des Alltags. Ich schiebe mich noch etwas unsicher durch das Gewusel der Halle, um einen ersten Eindruck von den Menschen und den hiesigen Gepflogenheiten zu bekommen. Stände mit bunten Röcken und Hosen, landestypischen Speisen, Kokosnüssen und den hier so beliebten Milchmixgetränken führen weiter entlang der Straße in Richtung Meer.

Markttreiben in Mahébourg
Neben Früchten und Gemüse gibt es auch Kleider und Alltagsgegenstände
Der Markt erstreckt sich bis zur Uferpromenade

Nachdem ich alle umliegenden Straßen abgelatscht habe, der Asphalt unter mir glüht und mir die Maske penetrant am Rüssel klebt, habe ich großen Vitamin-Sea-Bedarf! Ab zum Strand. Hach, wie glücklich einen Flip-Flops an den Füßen machen! Gut vier Kilometer später wühlen sich die Zehen in weißen, weichen Sand. Der Kopf hat noch nicht realisiert, was der Körper bereits fühlt. Zufällig stoße ich von der Straße abzweigend auf einen unscheinbaren Pfad. In einem Reiseblog habe ich gelesen, dass hier ein weniger bekannter, dafür aber umso schönerer Strand sein soll. Was mich am Ende des Trampelpfades erwartet, überrascht mich total: Bis auf ein paar Fischer bin alleine! Liegt vielleicht auch teils daran, dass noch Regenzeit ist.

Bürgersteige fehlen häufig
Unscheinbarer Pfad zum Strand Pointe D’esny
Das große Glück der kleinen Dinge
Einsamer Strand Pointe D’esny

Glückselig stehe ich im pisswarmen Ozean rum, lasse mir die Locken um die Ohren wehen, ein leicht irres Dauergrinsen ins Gesicht gefräst. Warum mache ich das nicht viel öfter? NIX! Einfach nur mal „sein“ und sich darüber freuen. Ich muss immer was tun, immer was rumwurschdeln, im Internet nachgucken oder rumlaufen. Nie tue ich einfach nur nix. Ich glaub ich brauche dringend Meer daheim, zum reinstellen und Sonne im Gesicht, um besser NIX tun zu können. Grad weiß ich gar nicht wohin mit den ganzen Glückshormonen, die in der Blutbahn eskalieren.

Fazit des Tages: Mahébourg gefällt! Dafür, dass es die ehemalige Hauptstadt der Insel ist, geht es hier sehr entspannt und übersichtlich zu. Es gibt reichlich Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants und das Hafenstädtchen ist noch sehr ursprünglich. Touri-Burgen sucht man hier glücklicherweise vergebens. Zudem ist der Flughafen gerade mal knapp zwanzig Minuten entfernt, somit ein guter Start- oder Endpunkt für die Reise.

Es gibt etliche verfallene, leerstehende Häuser
Waterfront Mahébourg
In den Straßen von Mahébourg
Die 6 Meter hohe Swami Shivananda Statue an der Waterfront

Die Menschen hier sind unfassbar freundlich! Alle grüßen mit einem lächelnden „Bonjour“. Nicht minder viel Aufmerksamkeit gibt es von den Stechmücken. Trotz Repellent bin ich verstochen ohne Ende! Und es herrscht ein großes Hundeproblem. Selbst in Myanmar liefen nicht so viele Straßenhunde umher, wie hier. Das ganze Ausmaß wird heute Nacht zu hören sein, davon ahne ich jetzt noch nichts.

Und zum Tagesende überraschen mich dann noch meine ersten Flughunde in freier Wildbahn!

Im Bus nach Flacq

22. Februar 2022 – Weiter geht die Reise nach Trou d’Eau Douce. Alle grinsen jedesmal, wenn ich mir verbal einen abbreche, wo ich hinfahre. Vor allem wenn ich mich ständig nach dem Bus durchfrage. Pünktlich vorm nächsten Regenguss hab ich’s zur nahegelegenen Haltestelle geschafft und mich in das stylisch-farbenfrohe Gefährt drapiert. Einmal umsteigen in Flacq. Bekomm ich hin.

Warten am Busbahnhof Mahébourg
Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, immer ein Abenteuer

Nach längerer Rumsteherei (allerdings ohne Rum) am Busbahnhof in Flacq, geht es mit der nächsten fahrenden Villa Kuntabunt zur neuen Nächtigungsstätte. Busfahren macht im Ausland einfach Spaß. Abgeranzte Teile (werde beim nächsten TÜV meine Werkstatt hinweisen, mal nicht so kleinlich zu sein), ständige Huperei (gutgemeinte Warnung für Fußgänger auf super schmalen Straßen) und ein Kassierer im Bus, der Hamburger Marktschreiern alle Ehre macht, wenn er an jeder Haltestelle werbend den Leuten „Flacq, Flacq, Flacq“ entgegenschmettert.

Hab mich auch mal gleich beim Bezahlen blamiert. Die Währung hier macht mich fertig. 34 läppische Rupien kosten die fast 2 Stunden Fahrt (rund 75 Cent). Stolz strecke ich die Münzen entgegen und ernte fragende Blicke. Okay, also wenn da ne 20 auf der Münze steht, sind das keine 20 Rupien? In dem Fall ist es eine 1 Rupie-Münze und die 20 die Jahreszahl, mit einer Trennung zwischen der 20 und 16. Meine Sitznachbarin lächelt mich nachsichtig an und bestätigt, dass das schon sehr verwirrend ist. Reicht mir aber noch nicht mit Peinlichkeiten. Mein schei… schöner neuer Rucksack ist so kacke schwer (logisch, für 3 Wochen Mauritius bei hundertelfzig Grad Tag und Nacht, Vier-Jahreszeiten-Klamotten einzupacken. Der Prachtkörper friert eben ungern), dass ich beim Aussteigen gleich zurück in den Sitz kippe und in dem furchtbar schmalen Gang erst an meinen schwächlichen Hintermann und weiter zur freundlichen Nachbarin torkelte. So kommt man auch zu Körperkontakt. Waren aber alle sehr behilflich, mich mit vereinten Kräften wieder auf die Spur zu bringen. Also mit drei Sangria ohne Gepäck wäre meine Performance definitiv souveräner gewesen. Mir bricht der Schweiß aus. Ich muss dringend meinen Mundschutz laminieren, damit der wasserdicht bleibt.

Allzeit breit in Trou d’Eau Douce

Ich frag mich allmählich wirklich, ob mich irgendeine seltsame Aura umgibt, dass ich immer den Irrsinn im Quadrat anziehe. Dabei wäre bei der Hitze ausziehen viel besser.

Nach gut 3 Stunden Anreise setzt mich der Busfahrer VOR der Tür meines B&B ab. Das nenn ich Kundenservice. Dann beginnt die Show, ich hätte sie nicht besser erfinden können: Ein dürrer Mann öffnet die Pforte und präsentiert mir nach kurzem Bonjour all sein deutsches Repertoire (geht schnell) und dann mein Zimmer (geht deutlich weniger schnell). Er ist ausgesprochen tiefenentspannt, was bedeutet, man hätte ihn auf dem Weg einmal komplett neu einkleiden können und das Zimmer noch immer in weiter Ferne. Urlaub, da hat man ja Zeit. Auch mit 15 KG aufm Rücken, Brummschädel und aus allen Poren triefend. Der Schlüsselmeister (Schlusen im Knast haben keinen fetteren Schlüsselbund) macht sich an der 1. Pforte zu schaffen. Endlich offen geht es weiter im Hinterhof die Treppen rauf. Begleitet von terrorartigem Gekläffe der komplett gestörten Nachbarstöle zur nächsten Tür. Unverständlich fragt er mich wegen Zimmer und wieviel Personen. Ääähh, tja, ich stehe quasi allein hier. Demnach 1 Person. Er grinst schief. Es dauert wieder, bis er unter dem riesen Bund den richtigen Schlüssel hat, der endlich die Tür öffnet. Nachbars Lumpi bellt sich unterdessen heiser. Heiß ist es hier oben auf der Dachterrasse übrigens auch. Da kühlt selbst der Meerblick nicht. Wir treten in eine Art Wintergarten (haha, klasse Gag bei 65°C) und – tadaaaaa – eine weitere Tür! Bekannte mühsame Schlüsselsuche. Zimmer für 3 Personen, ob ich das wolle, fragt er. Und grinst. Ich erkläre erneut, dass ich nur 1 Person sei und gerne das Zimmer nehme, das ich gebucht habe. Aha, na dann müssen wir wohl nebenan, fällt ihm ein. Das ganze Prozedere im Rückwärtsgang. Alles wieder zuschließen. Zur Tür nebenan und das Schlüsselchaos von vorne. Der Kläffer nebenan läuft parallel Amok. Ich dehydriere. Der Torwächter wackelt grinsend vorm Schlüsselloch rum.

Als er endlich Tor 2 öffnet kapiere ich das Problem! Der Typ ist LATTENSTRAMM! Wie konnte mir das entgehen? Deswegen acht Anläufe, bis der Schlüssel ins Loch traf und das auch nur, weil er sich an der Wand anlehnen konnte! Daher das 3er Zimmer. Logisch, der sah nicht mehr nur doppelt sondern schon dreifach! Respekt, 13:30 Uhr und hackebreit.

Unter meinem fassungslosen Blick (ein Vorteil der Maske, da sie einen Großteil der unter Kontrollverlust entgleisenden Gesichtszüge verdeckt) friemelt er heiter Batterien in zwei Fernbedienungen, drapiert sie auf dem Tisch und erklärt irgendwas. Fernseher brauch ich nicht, danke ich ablehnend. Er freut sich, legt mir die Fernbedienung trotzdem hin und wackelt davon. Ich nehme das Zimmer in Augenschein. Handtücher – Fehlanzeige. WLAN wie angepriesen (und wegen Reiseorga dringend benötigt) – Fehlanzeige. Dafür liegt im Bad ne alte Zahnbürste rum. Boah! Ich die Treppe runter (Terrortöle eskaliert völlig) und stehe am Treppenabgang vor verschlossenem Tor. Völlig verdrängt, ich residiere ja in Alcatraz! Aber einer der Schlüssel an dem mir überlassenen Bund muss es ja sein. Ich probiere mich durch. Ums verrecken kriege ich das Dreckstor zur Straße nicht auf. Die Töle dreht weiter am Rad. Mein Brummschädel hat inzwischen richtiges Kopfweh entwickelt. Der eine trinkt, die andere hat den Schädel. Leicht paranoid rufe und klopfe ich. Vergeblich. Genau wie weitere Befreiungsversuche.

Restaurant, Agentur und B&B in einem. Rechts die Pforte zum Gefangenenlager

Da! Draußen dackelt der Meister vorbei, in der Hand ne leere Bierflasche. Ich jammere ihn bei und er lacht, ich solle doch aufschließen. Nachdem er mein Problem checkt, krabbelt er die Mauer hoch, damit ich ihm den Schlüssel über das Tor reichen kann. Dummerweise bekommt auch er die Pforte nicht mehr auf. Nach mehreren Minuten befreit er mich endlich. Ich erkläre die fehlenden Handtücher, er versteht es gäbe kein Wasser. Er wieder mit mir rauf ins Zimmer, um mir zu zeigen, dass das Wasser läuft. Ich pantomime ihm, dass Handtücher fehlen. Wir wieder runter, er kramt ewig in seinem Kabuff und wird fündig. Also zurück ins Gefangenenlager. Die nächste Überraschung kommt, als ich das Bett aufdecke. Kleine tote Ameisen. Ein rotes Frauenhaar auf dem Kissen bringt das Fass zum Überlaufen. Entnervt latsche ich – unter Terrortölengebell – wieder runter und halte den Herrn erneut vom Bier ab. Der verweist mich an einen Giuseppe, den ich anrufen solle und der mir alles erklären könne, auch wegen dem WLAN-Passwort.

Ich rufe ganz bestimmt keinen Giuseppe an, er solle das bitte regeln, beharre ich. Mangels Telefon fährt er mim Radl los, dauert 5 Minuten, nuschelt er und kurvt von Dannen. Ich betrachte sorgenvoll das Badetuch in meiner Hand und blicke auf undefinierbare Flecken. Während ich über Promillefahrten, mein Dasein in dieser Unterkunft und dem tiefergehenden Sinn des Ganzen nachdenke, kommt Spritti mit einem Verantwortlichen zurück. Der ist dankenswerterweise nüchtern. Und stimmt verständnisvoll zu, das verdreckte Badetuch und das Bett gehen gar net.

Nun residiere ich doch im großen 3er-Salon. Mit frischem Handtuch und Bettlaken zum Selbstbeziehen. Die Reinigungsfrau hat heute frei, weil das zugehörige Restaurant heute geschlossen ist, so die Erklärung. Deswegen vermietet man dann Zimmer in benutztem Zustand weiter. Stichwort Nachhaltigkeit. Ehrlich, ich brauche kein Schnöselkram und Getüddel, aber ein sauberes Bett muss drin sein. Im Bad finde übrigens die Hülle zur Zahnbürste von Zimmer nebenan. Und ich hab Gesellschaft im Tempel. In der Ecke schläft ne Kakerlake. Liegend auf dem Rücken mit den Füßen nach oben. Kann ich großzügig drüber wegsehen.

Viel krieg ich heute nicht mehr auf die Kette. Den restlichen Tag flip-floppe ich 18 Kilometer durch das Küstenstädtchen und am Meer entlang. Abends treffe ich auf einen sehr unterhaltsamen Rastafari-Yogalehrer, der mich auf der Straße anquatscht, interessiert plaudert und auf ein Bier einlädt. Lachend lehne ich ab und werde in seine Wohnung „da hinten“, zeigt er ein paar Häuser weiter, eingeladen. Ich solle einfach vorbeikommen. Dankend verabschiede ich mich. Er schmatzt mir andächtig auf die Hand und grinst breit. Breit ist auch hier wieder das Motto, da scheint allerdings mehr im Spiel zu sein als Bier.

Unterwegs trifft man Locals und Yogi-Meister
Kirche in Trou d’Eau Douce
Gebäude mit morbidem Charme
Tankstelle
Kilometerlanger Strandwalk, herrlich menschenleer
So lässt es sich leben, direkt am Meer

Zur Nacht gibt es noch ein Reggae-Konzert vor meinem Fenster. Da entertainen sehr trinkwillige Männer fröhlich singend und Gitarre spielend. Mächtig was geboten auf Mauritius!

Reggae-Party vorm Fenster

Noch nicht ganz angekommen

23. Februar 2022 – Der Tag startet mit Kaffee, Frühstück in der Sonne und fantastischem Meerblick. Der Schlüsselmeister ist eben mein Bonjour ignorierend an mir vorbei. Ist vermutlich pissig auf mich. Kurz drauf kennt er mich dann wieder und winkt lachend. Sein Zustand ist übrigens dem Gestrigen verdammt ähnlich. Da scheinen andere Substanzen mitzuspielen! Von der Löffelliste konnte ich in drei Tagen gerade mal ein Vorhaben abhaken, den Marktbesuch in Mahébourg. Es kostete irre viel Zeit, das nächste Ziel, die Unterkunft, den Bus dahin usw. zu suchen. So bin ich in Trou d’Eau Douce gelandet, mit der Erkenntnis, dass ich doch nicht (wie geplant weil es das Highlight hier ist) mit dem Katamaran zur Ile aux Cerfs schippern mag. So schön es hier ist, ich bin zu ruhelos, mich als Grillhähnchen an den Strand zu legen. Also warum zu einem anderen Strand schippern. Genauso unsinnig für noch mehr Strandtage weiter hinauf in den Osten zu reisen.

Perfekter Start in den Tag
Hatte schon schlechtere Frühstücks-Ausblicke

Alles in mir ist noch unter Strom und nicht in der Lage runterzufahren. Ein anstrengendes Jahr mit wenig Erholungsphasen steckt in den Knochen. Einerseits ist mir grad alles zu viel, andererseits will ich sportliche Herausforderungen, Abenteuer. Ich fasse den ernüchternden Entschluss, morgen zurück nach Mahébourg zu fahren. In die Nähe der Berge, Wasserfälle, Nationalparks. Das wird mir die kommenden Tage viel Recherchearbeit und Zeitverplemperei ersparen und fühlt sich richtiger an.

Offen gesagt habe ich mir das hier etwas leichter vorgestellt. Die öffentlichen Verkehrsmittel bringen mich hier nicht zu meinen Wandertouren. Ein Mietwagen würde alles deutlich vereinfachen, den will ich alleine aber weder zahlen, noch damit rumgurken.

Ich suche Rat bei einem Tourenanbieter, der im Erdgeschoss meines B&B ist. Dort arbeitet Adrian, dessen Familie das hier zugehörige Restaurant betreibt. Mit ihm quatsche ich ewig und bekomme viele Wandervorschläge, Insiderinfos und Hilfe. Er wandert selbst gerne und viel und erklärt mir, dass ich für meine geplante heutige Tour zwingend auf auf Bus und Taxi angewiesen sei. Und nach der Wanderung müsste ich mir wiederum ein Taxi ordern, um zurück zur Bushaltestelle zu kommen. Ohne Telefon dumm, weil ich dann im Nirgendwo sei. Ohne lokale SIM-Karte noch dümmer, weil sau teuer. Adrian besteht darauf, mir eine SIM-Karte zu organisieren und entschwindet. Wenig später ist er wieder da. Er hatte seinen Ausweis vergessen, den man zum Kauf einer SIM-Karte benötige. Er lässt sich nicht von mir aufhalten, erneut loszufahren und es ist mir mehr als unangenehm, dass er so ein Häckmäck meinetwegen hat. Noch unangenehmer, als er sich vehement weigert, als ich die Telefonkarte bezahlen will. Er bietet mir sogar an, mich nach Feierabend von meiner Wanderung abzuholen und speichert mir seine Nummer im Handy ein. Ich komme aus meinen Dankesbekundungen gar nicht mehr raus, er winkt nur ab, für ihn eine Selbstverständlichkeit. Es macht mich auf jeder meiner Reisen sprachlos, wie hilfsbereit und uneigennützig so viele der Menschen sind und sich um mich Fremde kümmern.

Da der Tag allerdings auch schon wieder halb gelaufen ist, ist es für die Tour nun zu spät. Ich schlappe also wieder zu Fuß los. Stunden- und Kilometerlang unter der gnadenlosen Sonne, bei perverser Luftfeuchtigkeit, teils über glühenden Asphalt. Und brav mit Corona-Maultäschle üwwer der Gosch. Ich schwitze mehr als nach zwei Stunden Spinning.

Vorbei an Feldern und Plantagen
Bunte Hindu-Tempel findet man häufig
Wunderschönes Kitsch-Panorama
Lieblingsblume Plumeria / Frangipani
Gehört ebenfalls dazu, lecker Getränk
Soulfood; Roti am Strand

Leicht gefrustet über den weiteren „ungenutzten“ Tag. Herrlich isses hier trotzdem! Überall blüht es. Die würzigen Gerüche, die durch die Straßen wabern, sind fremd für die Nase. So ist auch das Essen geschmacklich besonders. Der „heiße Scheiß“ hier sind Rotis. Morgens, mittags, abends. Dünne Teigfladen, die mit gekochten Linsen und einer pikanten roten Soße gefüllt und hammermäßig lecker sind. Meine neue Lieblingsspeise.

Schlaflos in Alcatraz

24 Februar 2022 – Was für eine Nacht! Gegen 02:30 Uhr bin ich erstmals eingenickt und werde von wirren Träumen auf Trab gehalten. Im Traum muss ich aus familiären Gründen für 3 Tage heimfliegen und somit wieder neu einreisen und weiß nicht, wie ich das mit den PCR-Test hinbekomme. Traum-Dauerthema Corona.

Dann hält mich der Sturm und Platzregen draußen wach und die Horde Hunde, die die halbe Nacht ununterbrochen kläfft. Irgendwann nicke ich kurz ein, dann lässt mich lautes Türgeschepper aufschrecken. Einbrecher hier in Alcatraz?

War ich zu leichtsinnig, bloß noch eine Tür abzuschließen, weil sich die anderen beiden Pforten zu den heiligen Hallen ja nur öffnen lassen, wenn die Sonne im Zenit steht?! Und auch nur, wenn zeitgleich eine Jungfrau auf einem Einhorn reitet und dabei Harfe spielt. Sollte mir dies zum Verhängnis werden? Es ist 04:30 Uhr, keine zwei Stunden geschlafen und der Axtmörder steht vorm Loch. Na klasse!

Dann checke ich was los ist. Meine Nachbarn erzählten mir am Vorabend, dass sie morgens sehr früh zum Flughafen müssen. Und die haben jetzt das gleiche Problem wie ich: Tür zugesperrt, eingesperrt und für alle Ewigkeit weggesperrt. Die kommen nicht mehr aus ihrer Bude. Dummerweise ist nicht unbedingt die Uhrzeit, bei der man telefonisch nen Verantwortlichen erreicht. Der Ausbruchversuch dauert mindestens zwanzig Minuten. Ich weiß nicht, wie sie letztlich rauskommen (die Fenster sind nämlich auch alle vergittert), zumal ich höre sie nicht gehen höre. Die letzten eineinhalb Stunden der verbleibenden Nacht(un)ruhe wird lediglich noch von viel Hundegebell begleitet.

Frisch gepresster O-Saft, herrliche Früchte und Kaffee am Morgen kleben ein Trostpflaster über den harten Schlafentzug. Ich packe mein Geraffel zusammen und verabschiede mich von der Kakerlake, die noch immer in der Ecke schläft. Adrian organisiert mir am Straßenrand ein Taxi, das mich zusammen mit seiner Oma und einer anderen Dame zum Bahnhof nach Flacq bringt. Von dort werde ich mit dem Bus zurück nach Mahébourg fahren. Vorfreude stellt sich ein, endlich meine Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Panorama deluxe, Strand bei Trou d’Eau Douce

Wie die Reise in Mahébourg endlich Fahrt aufnimmt und wie klasse man auf Mauritius wandern kann, erfahrt ihr schon bald im nächsten Blogbeitrag!

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