ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 2: Quito – Höhenluft schnuppern

19. November 2019

Aus 2 geplanten Übernachtungen in Quito werden spontan 4. Es stehen einfach zu viele TOP’s auf meiner „Must-see-and-will-do-Liste“…

An Tag 3 ruft der Berg! Und zwar Quitos Hausberg Pichincha. Das Wetter soll – zumindest bis mittags – stabil bleiben. Das ist nämlich so ’ne Sache, das Wetter in Quito. Irgendwie muss man jederzeit auf alles gefasst sein.

Gleich am Morgen schnappe ich mir ein Taxi am Straßenrand und fahre zur Bergstation Teleférico (3.050 m). Um 9:30 Uhr reihe ich mich in die bereits recht lange Warteschlange ein. Normalerweise sind mir Seilbahnen ein Gräuel. Berge erklimme ich lieber aus eigener Kraft. Heute breche ich meine Prinzipien. Für günstige 8,50 Dollar gibt es ein Ticket für eine Hin- und Rückfahrt. Kann man nicht meckern.

Auch an der Bergstation des Teleférico zieren wunderschöne Wandbilder die Mauern

Die 6er-Gondel fährt, über eine Länge von 2.500 Metern, in knapp 18 Minuten über saftig grüne Wiesen dem dichten Nebel entgegen. Beachtliche 1.000 Höhenmeter wuppt der Teléferico.

In der Gondel geht es ratz fatz rauf auf 4.000 Meter

Auf rund 4.000 Metern steige ich am Cruz Loma aus, überrascht, wie mild es hier oben ist.

Eine große Holztafel gibt einen Überblick auf die umliegenden Anden-Berge, von denen jetzt leider kein einziger zu sehen ist. Der Nebel hat alles unterhalb der Station in eine graue, dichte Suppe gelullt. Schade, aber es ist wie es ist.

Bergpanorama, für das man anderes Wetter braucht…

Oben verschaffe ich mir erst mal einen Überblick und schaue mich um. Es macht mich immer fassungslos, Menschen auf „Seilbahn-Bergen“ zu beobachten, die sich scheinbar ausschließlich für Selfies und zu Dekorationszwecken in die Höhe karren lassen. So auch hier. Kreischende Schminkbeutel-Fashion-Queens posen hypermotiviert und drapieren sich mit Duckface in rustikalen Holzstühlen vor der Bergkulisse, pingelig darauf bedacht, die Schokoladenseite mit alpinem Zuckerguss zu präsentieren. Mir entgleisen die Gesichtszüge, ich kann das nicht steuern. „Bloß weg hier“, raunt die innere Stimme verzweifelt. Ich ergreife die Flucht, während die schrille Quiekerei endlich in meinen Ohren abebbt.

Motiviert zum Rucu Pichincha

Auf den Spuren von Alexander von Humboldt starte ich zum Pichincha, mal gespannt, wie weit ich komme. Es soll später wohl regnen, erzählte mir in der Gondel ein Bergführer. Uhr kalibrieren und keine Zeit verlieren.

Auf dem breiten Sandpfad ist es unmöglich, sich zu verlaufen. Gut so, da ich – wider Erwarten – alleine losstiefel. Die Option, mich weiteren Wanderern anzuschließen, bietet sich nicht.

Ein Blick zurück und weiter geht es aufwärts

Schritt für Schritt schraube ich mich dem Ziel entgegen. Die Höhe ist überhaupt kein Problem. Erst nach einer Weile spüre ich, ich muss langsamer laufen. Das Herz puckert und auch wenn ich kurz ausruhe, geht die Atmung noch schnell. Trotz langsamem Tempo, überhole ich unterwegs einige der wenigen Wanderer.

Am Wegesrand motivieren Schilder, die die Höhe und die Entfernung zum Gipfel anzeigen. 4.078 Meter… 4.127 Meter… 4.177 Meter… 4.309 Meter… 4.331 Meter…

Ein Guckloch nach Quito

Vom Tal und den umliegenden Anden ist nach wie vor nichts zu sehen. Doch dann gibt es für einen kurzen Augenblick ein kleines Guckloch auf Quito mit Sonnenschein, rund 1.3000 Meter in der Tiefe. Jetzt bekommt man einen Eindruck, wie riesig diese Stadt ist. Wow!

Während ich in oben den Wolken stehe, scheint unten auf Quito die Sonne

Sobald sich die kleinsten Sonnenstrahlen zeigen, spürt man ihre enorme Kraft. Das Wetter hält mich auf Trab: Sonnenbrille auf, Sonnenbrille ab. Jacke aus, Jacke an. Pulli über’s T-Shirt, Jacke drüber, dann wieder aus. Trinken. Lichtschutzfaktor nachschmieren.

Trotz wolkenverhangenem Himmel besticht die tolle Natur mit ihrer Schönheit

Je höher ich komme, desto nebeliger und kälter wird es. Die Wanderung zum Rucu Pichincha (4.698 m) ist mit insgesamt 11,5 Kilometern und 650 Höhenmetern angegeben.

Die letzte Passage besteht aus leichter Kletterei am Grat. Etwas abschüssig und ausgesetzt, so die Info meines Hostel-Betreibers. Er erzählte mir am Morgen, er war vor einiger Zeit mit seinen Kindern hier, als vor seinen Augen jemand abstürzte und sich dabei das Genick brach. Furchtbar tragisch, aber es kann immer was passieren. Auch in leichtem alpinen Gelände. Besonders, wenn berguntaugliche Seilbahn-Sandalen-Touris unterwegs sind…

Schlimmer geht immer; das Wetter gibt es heute nicht in schön

Am Wandeinstieg angekommen, fängt es an zu graupeln. Ich schaue mich um. Der gesamte Bergkamm hängt in feucht-kalter Nebelsuppe. Gipfelblick kann ich mir definitiv in die Haare schmieren. Ich ziehe die Regenjacke über und beobachte ein älteres Ehepaar, das mit einem Bergführer 2 Meter oberhalb in der Wand steht. Sie waren mit mir in der Gondel, so dass ich den Weg hinauf ihr sehr selbstüberzeugtes Fachgesimpel mitbekam. Da klangen sie, wie frisch zurückgekehrte Himalaya-Aspiranten. Jetzt haben sie offensichtlich große Schwierigkeiten, weiterzugehen. Während ihr Bergführer auf sie einredet und dem Mann die Regenkleidung überzieht, wehklagen sie über ihre missliche Lage. Tja, ist doch nicht alles Gold was glänzt und nicht jeder ein Steinbock, bloß weil er John Krakauer liest, denke ich, mit einer kleinen, deftigen Prise Sarkasmus.

Was nun? Weitergehen? Umkehren?

Ich weiß zu gut, wie schmierig nasser Fels beim klettern wird. „Vergiss nicht, du bist alleine unterwegs“, raunt die Stimme im Kopf mit erhobenem Zeigefinger. Wie sich das Wetter entwickelt, kann ich nur schwer abschätzen. Aber es sieht – hoffnungsvoll und realistisch betrachtet – beschissen aus. Tatsächlich schlägt die Vernunft den sportlichen Ehrgeiz. Ich kehre um. Die beste Entscheidung, wie sich gleich danach rausstellt. Es hagelt. Dann schlägt der Hagel in Regen um und während ich den Berg runterflitze, donnert es laut. Nix wie runter hier!

Regenrun zurück zur Bergstation

Eine Stunde brauche ich für den Weg zurück. Das letzte Stück renne ich im strömenden Regen, um mich herum bedrohliches Gewitter. Außer Puste (rennen auf 4.000 Metern ist echt ne Nummer) falle ich in der Bergstation ein. Der Kadaver schreit nach einem heißen Koffeeingetränk. Ich bin erleichtert und froh, den richtigen Entschluss getroffen zu haben. Glück am Gipfel, diesmal ohne Gipfelglück.

Fast geschafft. Die Bergstation bereits im Rücken.
Kurzer Unterstand vorm letzten Regen-Sprint.

In der Station lerne ich Ute kennen. Sie wartet auf ihren Mann und dessen Bruder. Ich erinnere mich an die drei. Ich bin unterwegs an ihnen vorbeigegangen. Ute ist irgendwann umgedreht und die Männer weitergelaufen, erzählt sie. Mit dem festen Vorsatz, den Pichincha zu bezwingen.

Es schüttet noch immer übelst und mittlerweile ist es richtig kalt. Durchgefroren steige ich, nach einem längeren aber sehr kurzweiligen Plausch und Nummerntausch mit Ute, in den Teleférico und gondele tiefzufrieden runter nach Quito. Freu ich mich auf eine heiße Dusche!

Ute schreibt mir am Abend. Sie hat mit ihren Männern abgesprochen, dass wir am nächsten Tag zusammen losziehen und uns ihr Privattaxi teilen können. Wir haben das gleiche Vorhaben. Auch sie möchten zum Mitad del Mundo, dem Mittelpunkt der Welt. Ich freue mich riesig auf morgen und über die unerwarteten Reisebegleiter, denen ich mich spontan anschließen darf. Einer der Gründe, warum ich das Alleine-Reisen so schätze und so spannend finde.

(Teil 3 folgt)

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