GALÁPAGOS / ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 14: Noch mehr Seelöwen, Seefahrten des Grauens und Hai-End-Erfahrungen

Von Isabela über Santa Cruz nach San Cristóbal

13. – 16. Dezember 2019

Es soll ja durchaus einen Vorteil haben, wenn um 4:50 Uhr der Wecker klingelt. Welcher war das nochmal?! Ach so, Sonnenaufgangserlebnis…

Sonnenaufgang am Pier von Isabela

Am Pier in Isabela wieder der übliche Check auf Früchte, Samen und saubere Wanderschuhe, bevor um 6:00 Uhr die Fähre zurück nach Santa Cruz brettert. Der Abschied fällt schwer. Zu wissen, was mir auf dem Wasser blüht, trägt nicht wirklich zur Förderung des Wohlbefindens bei. Darauf erst mal eine Reisetablette!

Es folgt die bekannte Prozedur: Wassertaxi, zwei Stunden Pazifik-Apokalypse, Wassertaxi. Mir gegenüber hängt ein armer Kerl und kübelt sich die Seele aus dem Leib. Ich strecke ihm einen Blister Reisekaugummis hin. Er mag nicht. Füttert stattdessen weiterhin fleißig die Fische. Die ganze Fahrt über, sogar als wir gemütlich in den Hafen shippern. Es ist kein Vergnügen auf dem Kutter…

In der Reiseagentur in Quito, hatte man mich bei meiner Flugbuchung bereits vor den Überfahrten gewarnt. Damals der Grund, mich gegen San Cristóbal zu entscheiden. Sonst hätte ich gleich einen Gabelflug nach Baltra und zurück von San Cristóbal gebucht. Aber wie es so ist auf Reisen, viele Wege entstehen spontan und Planungen werden sowieso völlig überbewertet.

Hilfe, es weihnachtet sehr

Deshalb muss ich jetzt erneut nach Santa Cruz, dort hoffentlich ein Ticket für die andere Fähre ergattern, sechs Stunden die Zeit verdödeln und am Mittag weitere zwei Stunden dem Schleuderwaschgang fröhnen.

Ich springe aus dem Boot und renne zum erstbesten Schalter. Wueppa, das Ticket! Die freundliche Dame bietet mir sogar an, meinen Rucksack zu verwahren. Ein Angebot, dass ich bei der Hitze gerne annehme.

Beim Rumlungern erheitert mich die mit Abstand geilste Weihnachtsdeko. Hier werden neue Maßstäbe kreativer Dekoration gesetzt. Während ein City-Aufpimp-Team auf dem Marktplatz in Isabela drei volle Tage in aufwendigster Hand- und Schnibbelarbeit aus Stoffbahnen einen Weihnachtsbaum zusammenbastelte, wird das Auge am Pier Santa Cruz von einer großen Krippe begrüßt. Darin gesellen sich, neben Josef, Maria (in Menschengröße) und Jesuskindlein, ein Seelöwe, Flamingo, Riesenschildkröte und Blaufußtölpel. Nicht minder sensationell ist der Schlitten des Weihnachtsmannes. Der ist nämlich hochseetauglich und wird nicht von langweiligen Rentieren gezogen – die würden sich ja hier totschwitzen oder ertrinken – sondern von Seepferdchen und Delfinen.

Tierisches Krippenspiel im Galápagos-Style
Für alle, die sich fragen, wie der Weihnachtsmann von Insel zu Insel kommt…

Die verbleibende Zeit hühnere ich durch den Ort, schlabbere Café und gar köstlichsten Kokossaft und sehe dem tierischen Treiben am Fischmarkt zu.

Fischmarkt in Santa Cruz – immer ein Spektakel

14:00 Uhr, erneut auf hoher See. Und souverän den dämlichsten Platz ausgesucht. Zwei lange Stunden ergießt sich ein spezielles Wellness-Spa-Programm, in Form von kaltem Salzwasser, über meinen Kadaver. Ein aufmerksamer Mitmatrose kramt nach seiner Regenjacke und reicht sie rüber. Dankbar hülle ich mich ein. Derweil befindet sich meine Sitznachbarin – nicht verwandt und nicht verschwägert – in ihrer Tiefschlafphase. Selig ruht ihr Kopf auf meiner Schulter. So ist das, ein Geben und ein Nehmen.

Nach endloser See-Schaukelei endlich angekommen

16:00 Uhr, der Hafen von San Cristóbal! Das Leiden hat… noch kein Ende. Über Lautsprecher schmettern uns die schrägen Klänge des Kinder-Christmas-Chor entgegen. Daneben blinkt ein riesiger Weihnachtsbaum. Oh du heilige Scheiße…

Und auch auf San Cristóbal bekommt das Auge erst mal nen Weihnachtflash
Endlich angekommen

Die Unterkunftssuche gestaltet sich auch hier als völlig unkompliziert. Und ich bekomme wieder einen Preisnachlass auf das Zimmer, da ich nicht vorab über ein Buchungsportal reserviert habe. Den restlichen Tag latsche ich den Ort ab. Die Seelöwen hier sind der Hammer! Der ganze Strand an der Promenade liegt voll. Und was die für einen Lärm machen! Besonders die Jungen. Nach Sonnenuntergang dröhnt ihr Gebrüll durch die Straße.

Nachdem ich mir am Morgen in der Hostel-Küche ein Überlebens-Koffeeingetränk gebraut habe, begleitet mich Pepe zum Pier. Pepe ist mein Herbergs-Opa, unheimlich mitteilsam, total herzig und ganz arg kümmernd. Er hat Kontakte zu einer Agentur und könne mir einen Freundschaftsrabatt für eine Tour aushandeln, verrät er leise. Er schleppt mich in einen abgeranzten Laden und ich ergattere einen der letzten freien Plätze für die beliebte 360-Grad-Tour. Der Tagesausflug gehört zum absoluten Must-Do auf San Cristóbal und ist überall meist tagelang im Voraus ausgebucht.

San Cristóbal via Drahtesel

Nach einem sensationellen Frühstück (göttliche Pancakes, lauwarmes Birchermüsli mit frischen Früchten und Cappucchino) mit Meerblick, falle ich in den Fahrradverleih gegenüber ein. Miete einen Drahtesel für den halben Tag. Und zwar die „Klapper-Deluxe-Version“ in der edlen Sonderedition „Rostige Bremse“. Denn schlechte Bremsen hat’s gute und viel Luft in den Reifen hat’s wenig. Bevor ich mich auf den Sattel schwinge, bitte ich um eine Luftpumpe. Die zwei Señores vom Verleihamt pumpen minutenlang und fragen amüsiert, ob ich denn den spanischen, sehr populären Hit mit meinem Namen kenne. Auf meine Verneinung schmettern sie mir mitten auf der Gasse enthusiastisch ein persönliches Ständchen. Meine Freude über ihre Performance signalisiere ich durch munteres Mitgewackel und Honigkuchenpferdgrinsen. Singen können sie besser als pumpen, viel „luftiger“ sind die Reifen nicht geworden. Gutgelaunt schicken sie mich von Dannen, mit dem Argument, bei meinem Gewicht würde das reichen.

Mehr Schein als Sein. Es klappert, bremst nicht, hat kaum Luft in den Reifen

Playa Punta Carola, Tijeretas und der einsame Strand Baquerizo

Mit viel Bodenhaftung strampel ich zum Playa Punta Carola, kette das Rad an (der blanke Hohn, Fahrradschloss ist wertvoller als das Vehikel) und wandere zum Strand. Ungewohnt viel los hier. Seelöwen und Schnorchler vergnügen sich in den Fluten und im Sand. Ich laufe weiter hinauf zum Aussichtspunkt Tijeretas. Kein Wölkchen am Himmel, die Sonne brennt unerbittlich. Die Plattform belohnt mit einem gigantischen Blick auf die türkisfarbene Bucht und den weiten Pazifik.

Der Pfad zur Aussichtsplattform Tijeretas
Paradiesischer Blick auf die Bucht und die Schnorchler

Ich beobachte die Schnorchler im Wasser und bekomme eine Vorahnung auf den legendären Kicker Rock in der Ferne. Wegen des enormen Hai-Aufgebotes ist er DIE Anlaufstelle aller Taucher. Von Tijeretas führt der Weg weiter durch eine völlig bizarre Landschaft. Die Kontraste der weißgrauen trockenen Bäume, schwarzen Lavafelsen und dem tiefblauen Himmel ist einfach phantastisch.

Als Weg kaum erkennbar, doch es gibt immer wieder Wegweiser

Eine knappe Stunde folge ich der steilen Sandpiste bergab und balanciere weiter über große Steine bis zum entlegenen Strand Baquerizo. Kein Mensch unterwegs. Nur eine einsame Katze kommt miauend auf mich zu. Wo kommt die denn her? Den gleichen Weg geht es wieder zurück, rund sechs Kilometer insgesamt.

Der einsame Strand Baquerizo

Danach radel ich zum „Centro de Interpretaciones“. Einem Museum über die Entstehung und politische Geschichte des Archipels, Erläuterungen, wie die ersten Tiere auf die Inseln kamen und sich Galápagos sowie die Bevölkerung im Laufe der Jahre verändert haben. Auch hier ist der Eintritt frei, wie üblich registriert man sich am Eingang.

Nach dem Besuch klappere ich weiter. Positiv betrachtet ist ja zumindest alles was klappert noch am Fahrrad dran. Vorbei am Playa Mann mit kurzem Seelöwen-Staun-Stop, genieße ich den Sonnenuntergang am etwas abgelegenen weißen Sandstrand Loberia. Hier ist mächtig was geboten! Die Seelöwen-Hochburg. Mit ihrem Nachwuchs wälzen sie sich im Sand und spielen in den Fluten. Loberia ist ein sehr beliebter Badestrand und Publikumsmagnet. Entsprechend viele Zuschauer haben die drolligen Gesellen.

Der wohl bekannteste Strand auf San Cristóbal – Loberia

Bevor ich meinen fahrbaren Untersatz zurückbringe, buche ich sicherheitshalber schon mal die Fähre für übermorgen zurück nach Santa Cruz. Drei Nächte San Cristóbal reichen.

Radtour mit Wandkunst, hier der Léon Dormido (schlafender Löwe) oder auch Kicker Rock genannt. Beliebter Tauch-Spot wegen der vielen Haie

Spektakuläre 360-Grad-Tour

Nach 4 1/2 Stunden Schlaf startet der Tag mit Strom- und Wasserausfall. Der arme Pepe ist völlig aufgelöst und schleppt mir mit vielen Entschuldigungen einen Eimer Wasser zum Waschen und Zähneputzen an. Alles kein Drama, versichere ich ihm lachend. Er lässt es sich natürlich auch nicht nehmen, mich in aller Frühe runter zum Pier zu begleiten. Und er ist ja so redefreudig. Man muss ihn einfach gern haben.

Kurz nach 7 Uhr stehe ich also schon wieder in dem dubiosen Laden, in dem ich tags zuvor die 360-Grad-Tour gebucht und am späten Abend noch das Schnorchelequipment anprobiert habe. Taucherbrille und Schnorchel waren völlig verstaubt, der Wetsuit total verschlissen… Jetzt bin ich verdammt gespannt, was das da auf mich zukommt.

Es geht einmal mit dem Boot um die Insel. An mehreren Top-Spots wird zum Schnorcheln gehalten. Einer dieser Top-Spots ist ein Hai-Hotspot mit Riff- und Hammerhaien. Hai-end quasi. Will ich das wirklich?!

Viele Stunden später:
AAAAAAAAAAHHHHHHHHH!!!!!!!!!!! Bin immer noch komplett am eskalieren!!!!

Ernsthaft, das Schnorcheln bei Los Tuneles war Kindergeburtstag! Sozusagen die Feuertaufe für den heutigen krassen Scheiß! Ich stehe psychisch und physisch – und überhaupt – völlig neben mir! Aber der Reihe nach.

Um 7:30 Uhr legt der Kotz-Kutter am Pier ab und ich versichere euch, der Name ist Programm. Abwechselnd sehen sich zwei Jungs unserer zehnköpfigen Gruppe die Fluten aus allernächster Nähe an. Yepp, das kennt man ja bereits. Ich bin unterdessen gechillt auf’m Seepillen-Trip, oder wie ich es nenne, mit „Galápagos-Frühstück“ intus. Den Jungs reiche ich auch welche rüber und verspreche: „In 20 Minuten ist eure Welt wieder in Ordnung.“

Erster Stop – Rosa Blanca Bay

Wet landing in der Rosa Blanca Bay. Das bedeutet, Schuhe aus, vom Boot ins hüfthohe Wasser springen und bis zum Strand laufen. Noch niemals in meinem Leben habe ich solch einen schneeweißen Sandstrand gesehen! Es ist so grell, dass es in den Augen brennt.

Andres, unser crazy Guide, läuft voran. Wir folgen ihm karawanenartig über einen steinigen Pfad bis zu einer Art Fels-Bassin, in dem sich Wasser gesammelt hat. Sobald Ebbe ist, trennt sich dieser Teil für einen gewissen Zeitraum vom Pazifik ab. Das Spektakuläre daran ist allerdings, dass dieser glasklare, natürliche Pool voller Haie (Haischutzzone) ist. Erst wenn der Meeresspiegel wieder hoch genug ist, kommen sie aus ihrem temporären Gefängnis. Fassungslos starren wir in dem Bassin unter uns auf die Haie, während eine Schildkröte ihre Kreise über ihnen zieht. Es ist unglaublich.

Ein kleines Bassin voller Haie, das sich bei tiefem Wasserstand vom Meer abspaltet

Die angrenzende Bucht – derzeit wegen dem tiefen Wasserstand noch vom Hai-Pool getrennt – gehört nicht mehr zur Haischutzzone. Andres verkündet, hier wird geschnorchelt. Zur Begrüßung schwimmt auch prompt ein kleiner Hai vorbei. Da bin ich inzwischen relativ schmerzfrei. Wahrscheinlich machen die vielen Reisetabletten auf Dauer die Birne buttrig… Schwimmflossen an die Latschen, Brille auf die Glubscher, Salzwasser-Schnorcheldesinfektion (würg) und den Astralkörper in die karibische Brühe versenken.

Hmmm… wieso läuft denn da Wasser in meine Taucherbrille?! Das blöde Ding hat einen Riss an der Seite! Wirklich wundern tut’s mich nicht. Der Uralt-Krempel dieses schmierigen Tourenvermittlers (dessen Hüftgezwicke und Fragerunde über meinen Beziehungsstatus in Deutschland und auf Galápagos ich heute früh gepflegt im Keim erstickte) besteht keine Tauchtauglichkeitsprüfung mehr. Crazy Andres hilft mir mit seiner Brille aus, klasse Typ. Unter dem mexikanischen Schutz eines Mit-Abenteuerers, lasse ich mich ermutigen, zum Hai zu schnorcheln und ihn kurz aus der Nähe zu betrachten.

Wizard Hill, Punta Pitt und Sardine Bay

Nach dem Schnorchelstop düsen wir mit ordentlich Tempo irgendwo im Nirgendwo vorbei an Cerro Brujo, dem Wizard Hill und der Insel Punta Pitt.

Felskanal bei Cerro Brujo

Zweiter Stop: Die Sardine Bay. Zwei Buchten, die an Sanddünen liegen und farblich einen wunderschönen Kontrast zum Meer und den grünen Pflanzen bilden. Auch dieses kleine Eiland darf nicht überall betreten werden. Dort, wo die Pflanzen zu wachsen beginnen, ist Schluss mit Gelatsche.

Wunderschön und menschenleer – die Sardine Bay

An einem Schrein aus einem vertrocknetem Kugelfisch und Schildkrötenskeletten klärt uns Andres über die Tiere und das Naturreservat auf, auf dem wir uns gerade befinden. So verrückt wie er ist, so unbestreitbar stark verbunden ist er auch mit den Lebewesen seiner traumhaften Heimat.

Was das Meer zurücklässt

Mittagspause. In der flachen Bucht tobt verspielt ein Seelöwnbaby zwischen unseren Beinen im Meer umher. Wir haben viel Zeit zum Schnorcheln, eine willkommene Erfischung in der glühenden Sonne und der Affenhitze, denn Schatten sucht man hier vergebens. Das Wasser ist kristallklar, man fühlt sich wie in einem großen Aquarium, bei all den bunten Fischen.

Seelöwenbaby, ganz müde vom vielen Spielen im Wasser
Gestrandet in der Sardine Bay, Zeit zum Chillen und Schnorcheln

Hai-Life am Kicker Rock (Léon Dormido)

Weiter zum großen Finale, dem Kicker Rock. Oder Léon Dormido, wie er auch genannt wird, was „schlafender Löwe“ bedeutet. Hierhin zieht es alle passionierten Taucher, denn hier gibt es die meiste Hai-Vielfalt.

Als die beiden immensen Felsen vor uns aufragen, bleibt mir die Spucke weg. Rund 150 Meter Gestein, getrennt durch einen Kanal. Die hohen Wellen brechen sich an den Wänden, das Wasser ist stockdunkel und tief. Sehr tief.

Andres grinst uns aus seinem Ganzkörper-Neopren abenteuerlustig an und spult ein kurzes Briefing ab: Es wird nichts angefasst. Alle Tiere sind tabu. Bloß von den Felswänden fernhalten und immer Achtung wegen der Brandung und der Strömung. Da das Boot nicht durch den Tunnel kommt, tuckert es außenrum und wartet auf der anderen Seite. Wer zu sehr friert oder keine Kraft mehr hat, kann jederzeit zum Boot schwimmen, die Leiter hängt draußen. Mit jedem Satz wird mir elendiger. Ich starre in den undefinierbaren Abgrund unter dem Boot und grusel mich fürchterlich.

Mächtige Felswände umsäumen den Kanal des Kicker Rock

Lasst mich an dieser Stelle kurz ein paar treffende Zeilen zitieren, die ich zum Kicker Rock fand: „Der Schwierigkeitsgrad beim Schnorcheln oder Tauchen ist mäßig bis anstrengend, da von einem Boot aus durch einen tiefen natürlichen Kanal zwischen den Felsen im offenen Wasser geschnorchelt wird. Die Strömungen in Kicker Rock sind stark und normalerweise kalt, aber die Meereswunder sind es absolut wert.“

Damit ist alles gesagt. Der guten Ordnung halber wiederhole ich, dass ich ein ultraübles Wasser-Weichei mit extremst ausgeprägtem Kältesensor bin. Die innere Stimme dudelt das „Ich kann da nicht rein“-Mantra in Dauerschleife. Das Hirn, kurz vorm geistigen Burnout, rödelt „Offene See, tiefes Wasser, KALT, vom Boot weg in den Kanal schwimmen?! KAHALT! Ach so, da sind verflucht noch mal H A I E !!!!“

Da mir Andres‘ Crew eine intakte Taucherbrille zur Verfügung gestellt hat, fällt zumindest die Ausrüstungsausrede flach. Keinen blassen Schimmer, wie ich die Horrorszenarien im Kopf, die Angst im Bauch und die Stimme im Ohr ausblende. Offensichtlich hat aber jemand den Vorschlaghammer auf meinen Not-Aus-Schalter draufgedonnert, denn in dem Moment platsche ich ins Wasser und tauche in die Finsternis ein. Übrigens ist am Kopf das Wasser noch viel kälter.

Als ich realisiere, dass ich mich im grenzenlosen, blauen Nichts befinde, geht mir sowas von der Arsch auf Grundeis! Holla die Enten. Ich hefte mich an Andres Flossen, der mit entspannter Geste „alles okay“ zeigt. Wenn ich schon gefressen werde, dann zumindest unter erfahrener Aufsicht.

Von der unendlichen blauen Tiefe verschlungen

Entsetzt gaffe ich ihm nach, wie er einfach abtaucht. Könnte man unter Wasser heulen, ich würde vermutlich den Meeresspiegel um einige Meter ansteigen lassen. Der Schockzustand wechselt sich mit Frostschüben, Aufregung, Neugierde, Abenteuerlust und Angst ab.

Einige Minuten später befinden wir uns mitten in dem Kanal. Zur rechten und linken Seite steigen die grauen, bedrohlichen Wände des Kicker Rock in die Höhe, unter mir kann ich rein gar nichts sehen, das Boot ist ebenfalls außer Sichtweite. „Bitte behalt jetzt die Nerven“, flehe ich innerlich und schnorchele weiter Andres hinterher. Während es vorher rund 35 Meter hinab ging, ist es im Kanal nur noch etwa 19 Meter tief. Endlich nimmt die undefinierbare blaue Masse Formen an, ich kann bis auf den Grund sehen.

Ich zucke zusammen, als ein Schatten an mir vorbeizischt. Uff, nur ein Seelöwe! Vor mir fliegt eine Schildkröte. Und dann sehe ich, dass ich umgeben bin von Schildkröten und Fischschwärmen. Völlig fasziniert gucke ich mich nach unserem Guide um. Er deutet unter sich. Der erste Hai… Andres taucht ab und ihm gemächlich hinterher.

Am Kicker Rock wimmelt es nur so von Haien

Ich komme kaum dazu, über das fehlende Boot nachzugrübeln. Oder über die anstrengende Strömung und den mächtigen Wellengang im Kanal, der den Körper permanent auf- und abschaukelt. Auf dem Meeresgrund ruhen weitere Riffhaie, einzelne Weiß- und Grauspitzenhaie schwimmen anmutig vorbei. Ich friere abartig, Hände und Füße sind eiskalt. Wir kämpfen uns mit den Wellen durch den Kanal. Auf der anderen Seite wartet unser Boot. Nach über einer Stunde Adrenalin-Ekstase verfrachten wir unsere ausgekühlten Körper bibbernd hinein. Nie zuvor habe ich mit solcher Erleichterung und Freude ein Boot bestiegen.

Überlebt! Vollgepumpt mit Adrenalin und Endorphinen

DAS war mit Abstand eines meiner heftigsten, gruseligsten, unberechenbarsten aber auch atemberaubendsten und faszinierenden Erlebnisse! Vollgepumpt mit Endorphinen schippern wir kurz nach 17 Uhr in den Hafen von San Cristóbal.

Das muss erst mal verarbeitet werden. Ich drehe noch eine Laufrunde, dusche das mehrschichtige Salzwasser ab und ziehe am Abend gemeinsam mit Ecuadorianer Raphael los. Er kommt aus Quito und ist bei mir in der Unterkunft. Auch er war heute am Kicker Rock – allerdings zum Tauchen – und ist noch immer völlig begeistert. Als er mir seine Videos zeigt, ich bin sprachlos! Der gleiche Spot, es wimmelt nur so von Haien. Als ich die großen Hammerhaie sehe, bin ich dankbar, dass ich die nicht in Flossennähe hatte! Die Viecher sind mir echt unheimlich.

Uff…  Zurück im Hostel bleiben mir noch rund fünf Stunden, bis der Wecker schon wieder klingelt. Ist Reisen anstrengend, hahaha. Zur Abwechslung steht morgen mal wieder ne Fährfahrt an. Das notwendige Übel, um zurück nach Santa Cruz zu kommen.

Dort brechen dann tatsächlich die letzten Tage an. Ich kann den Gedanken nicht leiden..

Galápagos-Life

(Teil 15 folgt)

Was war eur beeindruckendstes Tier-Erlebnis? Oder bei welchem eurer Abenteuer war die Neugierde größer als die Angst? Wobei musstet ihr euch selbst in den Hintern treten und über euren Schatten springen? Bereut ihr vielleicht sogar, die Chance auf ein Abenteuer nicht genutzt zu haben? In den Kommentaren könnt ihr gern davon erzählen, oder ihr schreibt mir. Ich freu mich 🙂

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Camaronal Wildlife Refuge

Schildkröten, Vollmondnächte und animalische Überlebenskämpfe

30. Januar 2018

Schildkröten-Retten in Costa Rica? Will ich machen! Unbedingt!

Auf Costa Ricas Halbinsel Nicoya, in der Provinz Guanacaste, liegt das Camaronal Wildlife Refuge. Die Institution wurde 1994 zum Schutz der Meeresschildkröten ins Leben gerufen. Vier unterschiedliche Schildkröten-Arten leben hier an der Küste. Sie alle sind vom Aussterben bedroht.

Bei meiner Rundreise durch das Pura-Vida-Land, bekam ich die Gelegenheit, in Camaronal 3 Tage zu verbringen. Dieser Besuch und die Möglichkeit mich dort einbringen zu können, war ein großer Herzenswunsch.

Das Wildlife Refuge liegt recht abgelegen und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen. Die Anreise von Santa Teresa – erst mit mehreren Bussen (inkl. Getriebeschaden) und final mit dem Taxi – war somit ziemlich ausdauernd.

Umso größer die Freude, als ich mit Rita (einer langjährigen Freundin, die 2 Wochen mit mir reiste) in Camaronal ankam. Der Empfang war herzlich, wir bekamen unser Zimmer und wurden zur Einführungsveranstaltung der Volunteers eingeladen, bei der das Team auf das Projekt und seine Wichtigkeit einging.

Das Refuge besteht aus mehreren Gebäuden. Gegenüber des Haupthauses (in dem wir untergebracht waren) gibt es ein kleines Küchenhaus mit überdachter Lodge, auf der gemeinsam gegessen wurde und die Anlaufstation für Besucher ist. Unser Ansprechpartner Mario („solo habla español“), der sich auch um die Volunteers kümmerte, wohnte in einem wunderschönen Holzhaus. Die Volunteers waren in benachbarten Gebäuden mit Mehrbettzimmern untergebracht.

Als wir beim Abendessen alle zusammen saßen, fragte Mario grinsend, ob Rita und ich später zur Nachtpatrouille mitwollten. Mit großen Augen starrten wir ihn an. Ich dachte erst, ich hätte ihn falsch verstanden. Was für eine Frage?! „Si claro“ nickte ich begeistert und strahlte.

Um 23:15 Uhr ging es los.

Mario gab uns dünnes, rotes Papier, das wir vor unsere Taschenlampe wickelten. Schildkröten folgen nachts dem Mondlicht. Um sie mit dem grellen Licht nicht zu irritieren, darf nur mit rotem Lichtstrahl geleuchtet werden, erklärte er.

Im Dunkeln folgten wir Mario mit einem der Volunteers den kleinen Pfad zum Strand runter. Wir gingen zu dem Hochsitz, auf dem jede Nacht jeweils zwei Volunteers in 3 Schichten Dienst haben und das Hatchery nebenan bewachen. Dabei handelt es sich um eine Art großer abgeschlossener Käfig, der rundum mit engmaschigem Schutznetz umhüllt ist, so dass keine Eindringlinge und Wildtiere hinein können. Im Inneren sind in Sandbahnen eine Vielzahl Vierecke abgesteckt und nummeriert. In diesen Feldern werden alle gefundenen Schildkröten-Eier vergraben, aus denen nach Ende der Brutzeit die Jungen schlüpfen. Da alles in Listen dokumentiert wird, ist genau absehbar, aus welchem unterirdischen Nest sich die nächsten Babys ausbuddeln. Damit sie nicht ausbüxen, werden vor deren Ausschlüpfen die Felder mit kleinen Zäunen abgesteckt. Sobald die Kleinen soweit sind, werden sie zum Meer gebracht und beschützt in die Freiheit entlassen.

Das Hatchery am Strand von Camaronal
Die abgesteckten Felder im Hatchery. In den Zäunchen schlüpfen die nächsten Schildkröten

Am Hatchery startete die Patrouille. Von hier aus ging der Strand jeweils 3 KM nach links und rechts, wir hatten also einiges vor.

Über uns stand der Vollmond, so riesig, wie ich ihn selten in meinem Leben gesehen hatte. Er tauchte den kompletten Strand in einen warmen, hellen Schimmer. Fasziniert schaute ich in den Himmel, dann in das finstere Meer. Der Wind war noch ganz warm, die dunklen Wellen rauschten laut. In mir stieg die Spannung und Freude.

Mit flottem Schritt folgten wir Mario zur linken Strandseite. Überall wuselten hungrige Waschbären herum. Mir war noch nicht ganz klar, wonach wir Ausschau hielten und worauf achten sollten…

Die Frage klärte sich kurzerhand. Mario zeigte auf eine Spur, die sich vom Meer in Richtung Land zog und weiter oben in einer Sandkuhle endete. Schweigend griff er nach einem Stock und stocherte in der Vertiefung herum. Er schüttelte den Kopf. Hier war nichts.

Einige Meter weiter stießen wir auf die nächste breite Spur. Vorsichtig prüfte Mario den Sand, dann begann er emsig zu graben. Gebannt standen wir daneben. Langsam schob er den Sand zur Seite und förderte er ein paar zerbrochene Eier hervor. Ich schluckte. Mario reichte dem Volunteer Einmalhandschuhe und zeigte ihm, wie er vorsichtig buddeln solle. Den Anweisungen folgend, kamen die ersten unversehrten Eier zum Vorschein. Ich hätte nie geahnt, wie tief Schildkröten ihre Eier eingraben. Wir zählten 31 Stück und verstauten sie behutsam in einer Tüte, während Mario in seinen Unterlagen die Anzahl und den Fundort eintrug. Anhand seiner Tabellen erklärte er, dass der Strand in 3 Zonen unterteilt sei: Zone 1, direkt am Meer. Zone 2, im mittleren Strandteil und Zone 3 weiter oben.

Die Eier mussten jetzt zügig ins Hatchery. Dort wurde in dem vorgesehenen Feld ein armlang tiefes Loch gebuddelt, die Ausbeute vorsichtig hineingelegt und wieder mit Sand zugeschüttet. Danach nahmen wir uns die andere Strandseite vor. Auch hier wurden wir fündig. Am Ende der Patrouille hatten wir 40 Eier unter Schutz gestellt. Es war schon fast halb 2, als wir am Hochsitz den Mädels eine gute Nacht wünschten. Sie mussten noch ein paar Stunden ausharren und die gierigen Waschbären vertreiben. Vollgepackt mit Eindrücken legten Rita und ich uns schlafen.

7 Uhr. Der nächste Morgen nach einer kurzen Nacht. In einem hohen Baum vor unserem Fenster tümmelten sich Papageien in allen Farben und Größen, die mächtig Krach machten. Nach dem Frühstück stand der Bau eines weiteren Hatchery auf der Agenda. Rita und ich wollten unbedingt mithelfen und so machten wir uns alle gemeinsam am Strand an die Arbeit. Gut 2 Stunden in der Sonne, hieß es Loch ausheben, schaufeln, Sand sieben, schwitzen. Blasen an den Händen von endlosem Gerüttel mit dem riesigen Sandsieb inklusive.

Bau des neuen Hatchery unter Anleitung von Mario und bewaffnet mit Sieben

Der heiße Mittag stand zur freien Verfügung und wurde mit baden im Meer, chillen, lesen, Jogging und Musik machen vielfältig genutzt.

Über den Tag waren im Hatchery neue Schildkröten geschlüpft. Wir konnten sie uns ansehen und auf die Hand nehmen. Was waren sie winzig und verschrumpelt! Eines war sehr schwach und bewegte sich kaum. Ob es den Start in sein neues Leben schaffen würde, war noch unklar. Darauf hatte leider niemand Einfluss, hier endeten die Möglichkeiten des Teams. Am Abend mussten wir erfahren, dass es das kleine Wesen nicht geschafft hatte. Der traurige Lauf der Natur.

Die anderen Schlüpflinge hingegen waren quirlig und munter. Nach Einbruch der Dunkelheit war es so weit. Sie durften in die Freiheit. Zaghaft hob ich sie aus ihrem umzäunten Nest und legte sie in eine Schüssel.

In Meeresnähe setzten wir die Kleinen im Sand ab. Mit dem roten Lichtschein der Taschenlampen, leuchteten wir ihnen den Weg zum Ozean. Tüchtig schaufelten sie sich mit ihren verhältnismäßig langen Flossen ihre Strecke über den Strand. Ein anstrengender Weg für die kleinen Körper. Immer wieder mussten sie anhalten, Kräfte sammeln, um weiter dem Lichtkegel hinterher zu flitzen. Die erste Welle kam, nahm die kleinen Schildkröten mit sich und spülte sie zurück an den Strand. Erneut hatten sie den ganzen Weg zu bewältigen. Mitfühlend sahen wir zu, wie sie sich abrackerten, bis das Meer sie endlich in seine Obhut nahm. Ich war so stolz, dass sie es geschafft hatten und gleichermaßen zutiefst ergriffen. Ihr weiteres Überleben lag jetzt nicht mehr in unseren Händen.

In derselben Nacht liefen Rita und ich wieder die Patrouille mit. Leider fanden wir keine Spuren. Keine Nester, keine Eier, keine Schildkröten. Bloß hungrige Waschbären lungerten herum, ebenfalls auf der Jagd nach Beute. Offen gestanden, ich war enttäuscht. So sehr hatte ich mir gewünscht, am letzten Abend vor unserer Abreise eine Schildkröte zu sehen. Ich blickte zu Rita und sah, dass ihr die gleichen Gedanken durch den Kopf gingen.

Auf dem Weg zurück zum Hatchery, blinkten plötzlich vom anderen Strandende Lichtsignale auf. Mario griff nach seinem Funkgerät. Ich verstand nur Spanisch. Genau genommen verstand ich leider nicht genug Spanisch. Uns vermittelte Mario dann, dass wohl eine Schildkröte auf dem Weg zum Strand sei. Rita und ich grinsten über beide Backen. Mit Mario und der Truppe legten wir eilig die Strecke zurück, noch immer erhellte der riesige Mond weite Teile des Strandes. Und dann entdeckten wir plötzlich die Spur, die zuvor noch nicht da war. Breit zog sie sich vom Meer hinauf durch den Sand. Unser Blick folgte ihr und traf auf eine große Lora-Schildkröte, die langsam nach oben kroch. Mit gebührendem Abstand folgten wir ihr und versammelten uns still um sie herum, während sie begann, ein Loch auszuheben. Sie buddelte eine viertel Stunde, stoppte und krabbelte einfach weiter. Der Platz behagte ihr nicht. Ein Stück höher fing sie erneut an zu graben. Über 40 Minuten arbeitete sie mit ihren Hinterbeinen und Flossen, um die optimale Tiefe zu erreichen. Während sie begann, ihre Eier zu legen, verfiel sie in einen tranceähnlichen Zustand. Mario erzählte uns, dass Schildkröten während dieses Prozesses völlig wegtreten. Sie würde deshalb gar nicht registrieren, wenn man ihre Eier wegnimmt oder sie berührt. In diesem Zustand könne man sie problemlos wegtragen, sie würde es nicht bemerken.

Eier, in der Größe von Tischtennisbällen, ploppten aus ihrem Körper. Direkt in die behandschuhten Hände von einem der Volunteers. Sachte packte er sie in eine Tüte. 87 Exemplare waren es am Ende. Die bekämen die Waschbären glücklicherweise nicht in ihre Fänge! Wir alle waren mächtig beeindruckt, als wir das fleißige Muttertier zurückließen, um ihre Eier im warmen Sand im geschützen Hatchery einzugraben.

Wie krass ist das bitte?! schoss mir durch den Kopf. Du stehst einfach so mitten in der Nacht irgendwo in Costa Rica am Meer neben einer riesigen Schildkröte, während sie ihre Eier ablegt. Du leuchtest Schildkrötenbabys mit einer Taschenlampe den Weg ins Meer! In deiner Hand hast du ein nur wenige Gramm schweres, frisch Geschlüpftes gehalten! Mir stiegen Tränen in die Augen, bei den Gedanken.

Ich finde nur schwer treffende Worte für das, was besondere Momente mit mir machen. Sie prägen. Sie verändern. Sie berühren mein Herz. Dieses (Er-)Leben, ein Teil davon sein zu können, ist für mich Glück in seiner Reinform.

So oft denke ich, dass ich kein Durchschnittsleben führe. Ich bin für diese vielen, außergewöhnlichen Erlebnisse (auch daheim im Alltag) unendlich dankbar. Ich weiß, dass sie nicht selbstverständlich sind. Solche Reisen wiederum, haben nicht wirklich etwas mit „normalem Urlaub“ zu tun. Sie sind mit einiger Vorbereitung und mit Anstrengungen verbunden. Ich hirne lange und viel vor den Reisen und setze mich intensiv damit auseinander. Um manche der Wege zu gehen, braucht es eine Portion Mut, verbunden mit Ungewissheit, gepaart mit Vertrauen und Zuversicht. Es erstaunt mich immer wieder, welche Türen sich auf unbekannten Pfaden öffnen, wenn man bereit ist, den Schlüssel in ihr Schloss zu stecken und umzudrehen…

Es war schon 1:20 Uhr, bis wir in der Nacht fertig waren. Müde und völlig ergriffen, gingen Rita und ich zu unserer Unterkunft zurück. Wir wollten uns nur noch aufs Ohr hauen. Wir konnten ja nicht ahnen, was uns noch bevorstand.

Auf der Wiese vor dem Haupthaus herrschte nämlich ein Ziegenbock. Bereits seit unserer Ankunft als überaus kontaktfreudig, nein, aufdringlich bekannt, empfand er enorme Freude dabei, sein Umfeld zu malträtieren. Der Begriff Nachtruhe war dem Tier gänzlich fremd. Das kleine Schwänzchen wedelte enthusiastisch, während die Abenteuerlust dem gehörnten Aggro-Bock förmlich aus den Augen schoss. Mein Blick fiel auf die Leine, die zwar am Baum, aber nicht mehr am Hals des Ziegenviehs befestigt war. Das Hirn begann zu kombinieren, die Erkenntnis sickerte durch die geistigen Poren und schon ereilte uns animalisches Unheil.

Bevor ich Rita hinter mir warnen konnte, kam das (Un-)Tier auf uns zu. Ich zückte den Schlüssel der Eingangstür und hechtete auf die Veranda. Die Chance, den Schlüssel zu benutzen, blieb mir verwehrt. Der Bock verfolgte nur eine Mission; mich mit seinen Hörnern auf Trab zu halten. „Rita, mach was!! Ich krieg so die Tür nicht auf“, pienzte ich, mit einer Hand am Schlüsselloch fummelnd und mit der anderen vergeblich das Ungetüm abhaltend.

Rita stand in respektvollem Abstand auf der Wiese, ausgestattet mit Zweigen und Blättern, und wedelte semi-motiviert in Richtung des Sado-Maso-Bocks. Pah! Den interessierte das lächerliche Gestrüpp null. Wer gibt sich schon mit popeligem Geäst ab, wenn er Beute aus Übersee kredenzt bekommt?! Der Dreck-Bock (ich bin tierlieb, ehrlich!) ließ auch nach 10 Minuten nicht locker und mir ging mehr und mehr die Düse. Hinter mir wedelte und lockte Rita freundschaftlich weiter.

Er schenkte ihr irgendwann tatsächlich für Sekunden seine Aufmerksamkeit, ich hatte beide Hände frei und schwupps, war der Schlüssel in der Tür und mit Ziehen und Stoßen der Eingang geöffnet. Rita warf ihr Gebüsch von sich, schoss mir hinterher und (angst-)schweißgebadet verrammelten wir die Schotten der sicheren Burg. Rita begann, sich halb ins Koma zu lachen, während ich noch immer schnappatmend versuchte, meine Nahtod-Erfahrung zu verarbeiten.

Jetzt endlich ins Bett! Was für ein naiver Wunsch…

In unserem Zimmer erwartete uns bereits die nächste zoologische Dschungelprüfung; eine Krabbe hockte zwischen unseren Betten und Rucksäcken auf dem Boden. Das spinnenähnliche Getier, seine Scheren zum Meuchelmord bereits gewetzt, löste bei mir ungeahnte Wogen der Verzweiflung aus. Für mich stand fest, dem Teil nähere ich mich nicht mehr in dieser Nacht. Ich hatte genug. Hier wuchs Rita, offiziell anerkannte Dschungelkönigin, über sich hinaus. In der benachbarten Küche schnappte sie sich zwei Becher und fing damit – nach mehreren Versuchen, die auch ihr alle Überwindung abverlangten – das flinke Scherentier ein. Über einen Hinterausgang der Küche – das Haupttor war wegen des lauernden Geißbocks kontaminierte Sperrzone – entließ sie die Krabbe in die Freiheit. Welche Heldentat und hervorragend, wenn die Arbeitsteilung zwischen einem Reiseduo so funktioniert.

Erschöpft und todmüde krochen wir kurz nach 2 Uhr endlich in unsere Betten. Über meinem Kopf flitzte ein Gecko die Wand entlang. Ha, der konnte mir maximal ein schwaches Grinsen abringen. Diese quirligen Kerlchen liebe ich aber auch ganz arg.

Keine 5 Stunden blieben uns mehr, bis ich den klingenden Wecker gegen die Wand trümmern müsste. Wer hätte im Schildkrötencamp auch mit derartigen Herausforderungen gerechnet?

Aber wenn du denkst, es kommt nichts mehr,
läuft hinter dem Geißbock noch ne Krabbe daher…

Surfer am Strand von Camaronal
Iguano, der ebenfalls vor unserer Unterkunft rumlungerte