Teil 7 – Finale: Abenteuerlichen Höhen und Tiefen
7. September 2022
Hui ist Urlaub anstrengend! Die letzte Nacht kann man knicken, die war völlig unnötig weil quasi kaum vorhanden. Um 4:50 Uhr fallen wir aus dem Bett. Dabei sind wir vor gerade mal vier Stunden erst reingefallen. DrauĂen ist es noch immer stockdunkel. Logisch. Was man fĂŒr Abenteuer doch alles in Kauf nimmt. Pronto ein KĂ€ffchen in die Blutbahn katapultieren, das notwendige Geraffel packen und los geht’s.
Mit dem Boot in den Sonnenaufgang
10. MĂ€rz 2022 – Vor unserer Unterkunft hĂ€lt ein dunkler Kombi. Wie mit Ben, unserem Vermieter besprochen, werden wir pĂŒnktlich um 5:25 Uhr an unserer Villa abgeholt. Er hat kurzfristig fĂŒr Janine und mich zwei PlĂ€tze bei Dolphin Warrior organisiert und uns eingebucht. Gespannt sitzen wir im Auto, wĂ€hrend wir von Chef Navin und seiner Frau zum nahegelegenen Bootsanlegeplatz in La Gaulette gefahren werden. Dort besteigen wir das Boot und warten, unter dem Sternenhimmel sitzend, auf den Rest der Truppe. Guter Zeitpunkt die Brechpille einzuwerfen! Alles andere wĂ€re grob fahrlĂ€ssig und wie eine schriftliche Zustimmung auf mein Todesurteil und dem anschlieĂend qualvollen Dahinsiechen. Janine und ich zimmern uns die Reisetabletten ein und warten, dass sie das tun, wofĂŒr sie erfunden wurden.

Neun Teilnehmer, wir sind vollzĂ€hlig und können endlich los. KapitĂ€n Navin und sein Boots-Chauffeur brettern uns im Affenzahn zum Sonnenaufgang raus aufs offene Meer. Bin schon ganz kribbelig vor Aufregung und Vorfreude. Werden wir Delfine zu Gesicht bekommen? Kritisch fĂŒhle ich in meine Magengegend und bin höchst zufrieden, ich sehe die Wellen, spĂŒre sie aber nicht. Unterhalb vom Hals liegt alles lahm. Herrlich, auf das Zeug ist einfach Verlass. Das hat mir bei den ĂŒbelsten FĂ€hrfahrten zwischen den Galapagosinseln schon mehrfach das Leben gerettet.
Wir mĂŒssen gar nicht lange warten, bis sich die ersten Delfine zeigen. Die TrĂ€nendrĂŒse eskaliert unkontrolliert und vor Ergriffenheit schieĂt Pipi in die Augen. Es berĂŒhrt und bewegt mich, als wĂŒrde ich das allererste Mal Delfine sehen. Es gibt Momente im Leben, die nutzen sich niemals ab. Die verlieren niemals an Bedeutung und Wert. Die sind auch nach dem zehnten, vierzigsten, hundertsten Mal noch so intensiv und besonders, wie beim ersten Mal. Und es gibt Augenblicke, die jedes verfluchte Mal eine GĂ€nsehaut ĂŒber deinen ganzen Körper jagen, dich nach Luft schnappen lassen, dich staunend und fassungslos stehen lassen. So geht es mir beispielsweise immer, wenn ich auf dem Gipfel eines Berges stehe und realisiere, wie klein ich bin. Was fĂŒr ein unscheinbares Nichts wir Menschen auf diesem Planeten sind. Das Meer verdeutlicht einem dies auch ungefiltert. Nichts ist so roh, so pur, so faszinierend, hart, grausam, gewaltig und gleichzeitig so wunderbar wie die Natur, in der wir uns bewegen.
Schnorcheln mit Delfinen
Navin erklĂ€rt die Unterschiede der beiden Delfinarten, auf die wir hier treffen. Die Spinner-Delfine, die spiralenförmig aus dem Wasser springen und ĂŒblicherweise in kleineren Gruppen von 10 oder 15 Tieren schwimmen. Und die gröĂeren Flaschennasen-Delfine (bekannt als Flipper), die in Gruppen von ĂŒber 100 Tieren auftauchen können. Wir erhalten eine kurze Einweisung, ziehen die Flossen ĂŒber und dĂŒbeln die Schnorchelmaske auf die Glubscher. Auf dem Bootsrand sitzend, mit angehobenen Flossen, warten wir aufgeregt auf das Kommando. „Wait, wait“ bremst Navin die Truppe, seine Augen unablĂ€ssig beobachtend auf das Wasser gerichtet. Plötzlich geht alles ganz schnell: „Go, go! Now, go!“ ruft er und wir springen ĂŒber Bord.
Ich bin selbst völlig verblĂŒfft, dass es mich keinerlei Ăberwindung kostet, in den dunklen, unbekannten Abgrund unter mir zu springen. Scheinbar wurde der Kopf zusammen mit dem Magen von den Tabletten ins Off geschossen. Oder er ist zu dieser Uhrzeit noch gar nicht angeschaltet. Umso besser. Wenn ich mich an die letzte Aktion auf Galapagos erinnere (da waren allerdings Haie drunter), fand ich das recht bedrohlich und haderte sehr (den Bericht findet man hier zum Nachlesen). Jetzt kann ich es kaum erwarten, mich im Ozean zu versenken. Das Wasser ist selbst hier drauĂen unfassbar warm! Um das Boot zischten gerade etliche Delfine, hoffentlich sind sie noch da. Es dauert einen Moment, bis sich die Augen an das tiefe Blau gewöhnt haben, das alles rundum zu verschlucken scheint. In meine Ohren dringen diese typisch pfeifenden DelfingerĂ€usche und dann nehme ich Bewegungen unter mir wahr. Vor unbĂ€ndiger Freude quietsche ich in meine Maske. Der Kopf kapiert gar nicht die unwirkliche Situation. Schnorcheln mit Delfinen, mitten im Nirgendwo! Euphorisch tauche ich auf und suche Janine. Sie klammert sich an der Leiter des Bootes fest und scheint in Panik zu sein. Sie hat unter ihrer Schnorchelmaske keine Luft mehr bekommen. Navin zieht sie am Handgelenk ins Boot hinein. Auch wir schwimmen zurĂŒck und steigen wieder ein.
Navin sucht die nĂ€chste Delfingruppe, die prompt erscheint. Wieder Flossen und Maske an, auf die Reling hiefen und bei dem Wellengeschaukel ordentlich festhalten. Das Kommando „go, go“ erlaubt uns zu springen. Navin hat sich Janine gekrallt, hĂ€lt sie an der Hand und schwimmt mit ihr durch die Wellen. Ich folge eilig paddelnd, so ganz geheuer ist mir der Ozean ohne jemanden in unmittelbarer NĂ€he nĂ€mlich nicht. Zudem ist die Schwimmerei in den Wellen mega anstrengend. Navin deutet in die Tiefe. Als ich untertauche, sehe ich nur zahllose neonblaue Leuchtpunkte. Eine Reflektion des Lichtes, vermute ich. Plötzlich bin ich inmitten eines Delfinschwarms. Es sind so unfassbar viele! So wunderschön und elegant, wie sie irre flink durch das Wasser tanzen.

Ich kĂ€mpfe mich durch die Strömung zurĂŒck zum Boot und schmeiĂe die Flossen hinein, um an der rutschigen Leiter hinaufklettern zu können. Völlig auĂer Atem falle ich auf den Sitz. Das ganze Prozedere wiederholen wir weitere Male. Kardiotraining vom Feinsten. Eine Stunde Spinning ist Kindergarten dagegen, witzele ich. Eine Frau aus unserer Truppe erklĂ€rt, dass es sich bei diesen blauen Leuchtpunkten unter Wasser um Plankton handelt. Hier gĂ€be es sehr viel davon, meint sie und erzĂ€hlt weiter, dass es bei BerĂŒhrung auf der Haut wie Brennesseln bitzele. Jetzt weiĂ ich endlich, was es mit dem komischen Neonzeugs auf sich hat und beim nĂ€chsten Schnorchelgang spĂŒre ich das bitzeln tatsĂ€chlich auch.
Janine ist trotz Reisetabletten ĂŒbelst seekrank geworden. FĂŒr sie hat sich das Schnorcheln erledigt. Es geht ihr richtig schlecht, man sieht in ihrem blassen Gesicht, wie sehr sie leidet. FĂŒr uns geht es eine weitere Runde in die blaue Unterwasserwelt und sofort bin ich umringt von Delfinen. Navin begleitet mich durchs Wasser. GroĂe Erleichterung, denn sobald ich untertauche, verliere ich komplett die Orientierung und habe Schiss, mich unbemerkt von der Gruppe zu entfernen. Und die Tatsache, dass ich so ziemlich alle blutrĂŒnstigen Hai-Filme gesehen habe, trĂ€gt nicht zum Wellnessfeeling bei. Spielerisch schwimmen die Delfine vor mir her und gewĂ€hren mir Begleitung. Ganz nah unter mir zischen unzĂ€hlige Flipper vorbei! Ich flippe endgĂŒltig aus vor Freude, als ich ein Delfinbaby sehe. Als ich glucksend vor GlĂŒck auftauche, grinst Navin, er reckt den Daumen in die Luft und schwimmt mit mir zum Boot. Janine hat es völlig zerlegt, mit geschlossenen Augen krallt sie sich machtlos an der Reling fest. Das Boot schaukelt ordentlich hin und her, noch schlimmer wackelt es, wenn es steht. Es bleibt ihr nichts anderes ĂŒbrig, als durchzuhalten.
Weihnachtsstimmung am Crystal Rock
Die Fahrt geht weiter zum fotogenen Crystal Rock. Ein kleiner Felsbrocken mitten im Ozean. Streng genommen ist es kein Felsen, sondern ein Korallenriff. Obendrauf abgestorben, unter Wasser jedoch voll intakt. Wir schippern gemĂŒtlich drumrum und bewundern lachend die goldene Weihnachtsgirlande, mit der das schwimmende Gestein geschmĂŒckt wurde! In einem Monat hĂ€ngen dann vermutlich bunte Ostereier dran.


In StrandnĂ€he von Le Morne gibt’s die letzte Schnorchelrunde. Vom Boot aus entdecken wir einen riesigen Stachelrochen auf dem Meeresboden. Der Truppe (alle mit Taucherfahrung) isses hier nicht mehr spektakulĂ€r genug, dafĂŒr hĂŒpft Janine mit mir ins Wasser. Sie hat sich etwas regeneriert und wird wenigstens zum Ende mit UnterwasservergnĂŒgen entschĂ€digt. An Bord versorgt uns Navins Frau mit selbstgemachten Samoussas und einem leckeren Fruchtsaftcocktail mit hauseigenem Rum ArrangĂ©. Die BrĂŒhe hat es in sich. Wirkt sofort, trotz unserem abendlich regelmĂ€Ăigen „Rum-Gelungere“. Nicht wie mein klassischer FrĂŒhschoppen-Kaffee, den der nĂŒchterne Kadaver am Morgen so gewohnt ist.

Die RĂŒckfahrt ist erneut ein bretternder Tiefflug ĂŒbers Meer, dann werden wir zurĂŒck zur Unterkunft gefahren. Um 9:30 Uhr ist der Zauber vorbei. Janine kĂŒsst erleichtert den Boden und gelobigt inbrĂŒnstig, nie wieder mit einem Schiff in See zu stechen (Tretboote und Standup-Paddel ausgenommen). Als gefĂŒhlsechtes Andenken schmerzt ihr Handgelenk höllisch, seit sie ins Boot gezogen wurde und danach stundenlang an der Reling klammerte.
Nach so viel abenteuerlichem FrĂŒhsport braucht Frau erst mal FrĂŒhstĂŒck. Die Brech-Pillen entfalten jetzt vollstĂ€ndig ihre Nachwirkungen. Wir sind hundemĂŒde. Dass ich von dem halben Glas Rumgemisch angezwitschert bin und Seegang im Kopf habe, macht nicht wacher. Wir hauen uns aufs Bett und dösen ein.
Von der Tiefe in die Höhe
11. MĂ€rz 2022 – Nach dem ereignisreichen Tag, konnten wir gestern Nacht tatsĂ€chlich relativ zeitig einschlafen. Um 4:00 Uhr brummt mein Handy. Ben schreibt, dass heute DER Tag ist. Was lange wĂ€hrt, endlich, nach mehreren AnlĂ€ufen… ein Abenteuer jagt das nĂ€chste. Gestern ging es tief nach unten, heute geht es steil nach oben.
In aller FrĂŒhe (man könnte es auch mitten in der Nacht nennen) sammelt er mich vor der Unterkunft ein. Wir (es ist noch ein französisches MĂ€del dabei) fahren die wenigen Kilometer zum Parkplatz in Le Morne. Als wir um 5:30 Uhr Richtung Berg loslaufen, ist es noch immer stockdunkel. Wir folgen dem spĂ€rlichen Schein von Ben’s Handytaschenlampe und meiner Minifunzel, die ich schnell anschalte, nachdem es das zweite Mal unter meinem FuĂ fieĂ geknackt hat. Als ich auf den Boden leuchte, erklĂ€rt sich meine Trefferquote. GroĂe muschelartige Schnecken bevölkern den feuchten Boden.

Es war zu erwarten, dass Ben ein ordentliches Tempo vorlegt. FĂŒr ihn ist der Aufstieg zum Le Morne quasi sowas wie der morgendliche Gang zum BĂ€cker. Mehrmals wöchentlich rennt er seinen Hausberg rauf. Wir MĂ€dels versuchen motiviert Schritt zu halten. AllmĂ€hlich dĂ€mmert mir, warum Ben auf den frĂŒhen Aufbruch pochte. Da die Sonne noch nicht da ist, sind die Temperaturen zwar noch moderat, aber dennoch schon kuschelig. Und die Luftfeuchtigkeit ist heftig. Der Weg steigt an, das erste StĂŒck kenne ich bereits von meiner Laufrunde kĂŒrzlich. Die Suppe strömt aus allen Poren, wĂ€hrend wir dem leichtfĂŒĂigen Ben hinterherhecheln. Der Geruch des Waldes wird plötzlich ganz intensiv. Wir drei sind allein auf weiter Flur. Die MorgendĂ€mmerung setzt ein und schon bald brauchen wir kein Licht mehr.
Le Morne Brabant, der Berg ruft
Am ersten Aussichtspunkt erwacht der Himmel leise und gewĂ€hrt uns einen friedvollen Blick ĂŒber die Weiten des Meeres. Ben drĂ€ngt weiter. Ăber einen breiten Weg stapfen wir bergauf, wĂ€hrend unser einheimischer Guide eine Beere vom Baum pflĂŒckt und mich fragt, ob ich „Glue“ kenne. Noch wĂ€hrend ich den Kopf schĂŒttel, habe ich eine schleimige Pampe auf dem Finger. „Das wird als Kleber benutzt“, amĂŒsiert sich Ben, wĂ€hrend ich irritiert meine zusammengeklebten Finger betrachte. Schon hat er die nĂ€chste Pflanze am Start. Ben rupft BlĂ€tter ab, zerreibt sie und hĂ€lt sie uns unter die Nase. Ein wunderbares Pfefferaroma bahnt sich seinen Weg ĂŒber meine Geruchsrezeptoren. Ăberall um uns herum wĂ€chst roter Pfeffer, der hier richtig gut und richtig teuer ist.
Auf dem Zwischenplateau erreichen wir das Warnschild. Ab hier gefĂ€hrliches Klettern! Und ErklĂ€rungen, was alles zu befolgen ist. Der TrĂŒmmer von Berg thront vor uns, zum Greifen nahe. Die Fingerchen kribbeln schon! Ben kĂŒndigt an, wir wĂŒrden nun etwas langsamer laufen. Aha. Wir merken davon irgendwie nichts. Nachdem wir ein Tor passiert haben, heiĂt es Hand anlegen fĂŒr die Kletterpassagen. KilometermĂ€Ăig weit ist der gesamte Weg nach oben nicht, doch insbesondere die leichten Klettereien sind teils sehr steil und abschĂŒssig. Wir steigen durch eine eine Rinne aufwĂ€rts, in der Wasser runterlĂ€uft. Ben lotst uns dran vorbei, besser durch matschige Passagen, statt ĂŒber rutschig-nassen Felsen. Hier bieten zumindest BĂ€ume etwas Halt. Der folgende Anstieg ist das schwerste StĂŒck. „Good exercise,“ lĂ€chelt unser BergfĂŒhrer.




Ein Blick auf die Uhr sagt, dass wir seit einer gute Stunde unterwegs sind. Mit einem PĂ€rchen habe er neulich bis hierher zweieinhalb Stunden gebraucht, plaudert er munter. Nun verstehe ich, warum wir so viele Tage auf die passenden Wetterbedingungen gewartet haben. Bei Regen wollte ich hier nicht in der steinigen Rinne stehen. Meter fĂŒr Meter klettern wir weiter nach oben, der Ausblick wird immer grandioser. Ich fasse nicht, dass ich endlich diesen Berg besteige! Etwas ĂŒberrascht ĂŒber „so viel Kletterei“ bin ich allerdings. Alles nicht wirklich schwer, dennoch wĂŒrde ein falscher Tritt an an der falschen Stelle unschön enden. Der Aufstieg ist ja eher selten das Problem. Den gleichen Weg geht es allerdings zurĂŒck und das könnte stellenweise knifflig werden.
Die Kletterei liegt hinter uns. Ein schmaler Pfad fĂŒhrt um eine Kurve. „Ich lasse dir den Vortritt, geh du vor zum Gipfelkreuz“, nickt Ben mir zu. Moment – sind wir etwa da?! Ein breites Honigkuchenpferdgrinsen frĂ€st sich in mein Gesicht (und bleibt dort fĂŒr den Rest des Tages reingetackert). Ich weiĂ, das klingt schrecklich pathetisch, aber als ich um die Kurve gehe und auf das stĂ€hlerne Gipfelkreuz blicke, bleibt mir vor Demut und Respekt die Luft weg. Ein grandioser Moment. Es ist 6:50 Uhr, wir stehen hoch ĂŒber dem Indischen Ozean, die ersten Sonnenstrahlen kitzeln uns und das GefĂŒhl ist nicht annĂ€hernd in Worte zu fassen. Ich bin schlichtweg emotional ĂŒberwĂ€ltigt.



WĂ€hrend Ben höher auf die schmale Felsnadel nebenan klettert, machen wir MĂ€dels Fotos als gĂ€be es kein Morgen mehr. Wir verbringen ausgiebig Zeit auf dem Gipfel, Ben weiĂ unheimlich viel ĂŒber die Umgebung, erklĂ€rt uns die FarbzusammenhĂ€nge im Meer mit den Korallen und die umliegenden Inseln. Selbst La RĂ©union ist an guten Tagen von hier zu sehen. Sogar den Crystal Rock, die schwimmende Weihnachtskoralle, entdecken wir. Genauso die Boote an den Delfin Hotspots drauĂen. Der ausragende Viewpoint mit dem Felsen bei Bel Hombre, Chamarel mit den WĂ€ldern, die ganzen StrĂ€nde, alles breitet sich vor unseren Augen aus. Allein das Farbenspiel am Himmel, die groĂe Wolke, die auf uns zusteuert und sich genauso schnell hinter uns wieder in Nichts auflöst und puren Sonnenschein zurĂŒcklĂ€sst, traumhaft. Weitere GipfelstĂŒrmer kommen an. Einer davon ist ein Bekannter von Ben, dessen Rekord bei 17 Besteigungen des Le Morne Brabant HINTEREINANDER liegt! Es gibt schon krasse Leute…




Von weit unten kommt eine Horde Menschen. Ach du scheiĂe! Hochbetrieb wie am Himalaya. Gut, dass Ben uns mitten in der Nacht aus dem Bett geschmissen und uns so das Privileg verschafft hat, die Ersten auf dem Gipfel zu sein. Unbezahlbare Augenblicke der Einsamkeit und absoluten Stille nur fĂŒr uns! Jetzt heiĂt es heil runterkommen.

Beim Abstieg (es ist noch nicht mal 8 Uhr) brennt die Sonne bereits gnadenlos. Der RĂŒckweg dauert tatsĂ€chlich lĂ€nger als der Aufstieg. Wir geraten in die Rushhour und mĂŒssen warten, bis eine nicht enden wollende Gruppe stöhnender und schwitzender Menschen an uns vorbeigeschnauft ist. Wenn die bereits hier schon kĂ€mpfen… das schwere StĂŒck liegt erst vor ihnen. Gegen 9 Uhr erreichen wir das Auto. Durchgeschwitzt, randvoll mit Endorphinen und stolz wie Bolle.


Die aufgezeichnete Strecke der Besteigung des Le Morne findet ihr hier: https://www.komoot.de/tour/705393965?ref=aso
GipfelglĂŒck und WasserspaĂ – Le Morne all inclusive
Nachdem Janine zum FrĂŒhstĂŒck meinen Reinhold-Messner-Expeditionsbericht serviert bekam, wird der Tages-Masterplan ausgetĂŒftelt: Hardcore-Chillen in der ausgeprĂ€gtesten Disziplin. Wo könnte man das besser als am einladenden Strand von Le Morne? Wir schmeiĂen unser Bade- und Entertainmentkrempel ins stinkende SpaĂmobil (warum’s stinkt wird hier erklĂ€rt) und dĂŒsen zum Beach.
Wir sind noch immer erstaunt, wie wenig hier los ist. ĂberfĂŒllte StrĂ€nde sucht man vergebens (nichts lĂ€ge uns ferner als das). Wir stĂŒrzen in die Fluten und schnorcheln ewig. Fischlis gucken ist furchtbar unterhaltsam. So unterhaltsam, dass man gar nicht mitbekommt, wenn die Sonne den RĂŒcken zu Grillfleisch zerbrutzelt. Ist ja nicht so, als hĂ€tte ich mir nicht genau dafĂŒr zuhause ein T-Shirt mit eingebautem 50er UV-Schutz gekauft. Jahaaa, das wird natĂŒrlich geschont, damit es sich nicht so schnell abnutzt. Weil das daheim schlieĂlich im permanenten Einsatz ist, wenn ich mich unablĂ€ssig auf dem Rhein und Neckar in Meeresbiologie fortbilde. Deshalb liegt das gute StĂŒck nun ordentlich im Appartement im Schrank. Ironie des Lebens. Morgen ist der RĂŒcken braun, rede ich mir selber meine Blödheit schön und parke den Kadaver fĂŒr den Rest des Tages ausschlieĂlich im Schatten. Ansonsten war das heute ein rundum verdammt toller Tag! Und endlich ist der Haken am Le Morne Brabant gemacht!



Der verborgene Wasserfall von Le Gris-Gris
12. MĂ€rz 2022 – Die Rum- und GetrĂ€nkevorrĂ€te wurden am Abend feierlich leergetrunken, die sind Koffer gepackt. Heute heiĂt es Abschied nehmen von der heimeligen Bachelor-Villa, dem Pingo-Studio. Wir verlassen La Gaulette einen Tag frĂŒher als geplant, um in MahĂ©bourg etwas mehr Zeit zu haben. Auch von Ben haben wir uns bereits verabschiedet.

Die Stinkeschleuder ist beladen. Mit einer gewissen Melancholie im Kofferraum, nehmen wir die KĂŒstenstraĂe Richtung Le Gris-Gris. Dort ist ein kleiner Zwischenstop geplant. Beim rumjammernden Felsen (la Roche qui pleure), an der KĂŒstenspitze waren wir ja bereits. Moment, hat grad jemand was von Rum gesagt?
Da wir von unserer ĂŒberaus inselkundigen Bekanntschaft (dem Einheimischen, den wir vor Tagen am Strand kennenlernten) ĂŒber einen versteckten Wasserfall in der NĂ€he des Roche qui pleure informiert wurden, verfĂŒgen wir ĂŒber heiĂ begehrtes Insiderwissen fĂŒr Nicht-Touristen. Guter Draht zu den Locals zahlt sich aus. Die Wegbeschreibung hat er uns erklĂ€rend in den Sand gemalt und wir (mehr oder weniger) in einer nicht Rum-geschĂ€digten Hirnwindung abgespeichert. Der Wasserfall liegt auf unserem Weg, den lassen wir uns natĂŒrlich nicht entgehen und können ihn mit einer kleinen Wanderung verbinden. Ăber die Richtung philosophierend, stiefeln wir zu den erwĂ€hnten Zuckerrohrfeldern und hören nach einer Weile tatsĂ€chlich im Wald ein Rauschen. Wir haben ihn gefunden! Ein toller Wasserfall mit DschungelatmosphĂ€re, ganz fĂŒr uns allein.



Der Weg fĂŒhrt auf der gegenĂŒberliegenden Seite weiter. Also Treter aus und das FluĂbett oberhalb durchqueren. Wir folgen dem Pfad einige Meter und steigen eine wurzelige Matschrinne zum Wasserfall hinab. Erneut mĂŒssen wir die Schuhe ausziehen, um die Seite zu wechseln. Es geht nur ein kurzes StĂŒck weiter durch die Schlucht, dann beginnt an einem zweiten, kleineren Wasserfall das Spiel ein drittes Mal. Latschen aus, Seitenwechsel, FĂŒĂe trocknen, Schuhe an. Nach wenigen hundert Metern stehen wir abermals vor einem knietiefen Flusslauf, den es zu ĂŒberqueren gilt. Hmpf, wir sind mehr mit an- und ausziehen von Schuhen und StrĂŒmpfen beschĂ€ftigt, als wir vorankommen. Wenn das so weiter geht, fallen die Mauken bald ab. BarfuĂ wollen wir auf dem teils stark zugewucherten, kaum erkennbaren Boden allerdings nicht laufen. Hoffentlich mĂŒssen wir nicht den gleichen Weg zurĂŒck.

Die Landschaft, der Fluss und die WasserfĂ€lle entschĂ€digen fĂŒr alle MĂŒhen, es ist traumhaft schön. Alles ist knallegrĂŒn, wild und ungezĂ€hmt verwachsen, dazu das beruhigende Rauschen des Wassers. AllmĂ€hlich mĂŒssten wir am Meer ankommen und optimalerweise sollte dort auch ein Weg hinauf- und zurĂŒckfĂŒhren. In der Ferne hören wir leise Stimmen. Scheinbar sind hinter dem ganzen GestrĂŒpp irgendwo Menschen. Dann muss es auch einen Weg geben.



Wir bahnen uns durch die Pampa voran und plötzlich ist Meer in Sicht! Ăber schwarze Steine und jede Menge Treibholz balancieren wir am Ozean entlang und spotten rum, dass hoffentlich nicht Ebbe ist, und binnen der nĂ€chsten Sekunden prompt die Flut kommt (sehr realisitische und konkrete Todesvorstellungen) und uns fortreiĂt. Erleichtert finden wir den Pfad, der von der Meeresebene aufs Festland hinauf fĂŒhrt. Ein dickes Tau, das einige Meter oberhalb an einer Holzleiter endet, hilft beim Anstieg. Mit ihrem zunehmend schmerzenden Handgelenk zieht sich Janine nach oben.





Mit kleinem Abstecher zum Roche qui pleure, ĂŒber bekannte Pfade vorbei am Nonnenkloster (unser Unterschlupf neulich, als es in Strömen regnete), beenden wir nach rund fĂŒnf Kilometern voller Begeisterung die Wasserfall-Erlebnistour.
Mahébourg, die letzte Etappe
12. MĂ€rz 2022 – Am frĂŒhen Mittag erreichen wir MahĂ©bourg. Dank Teamwork wĂ€hrend der Autofahrt. Da Linksverkehr herrscht und der Fahrer (Janine) auf der rechten Seite sitzt, befindet sich das Schaltgetriebe ebenfalls auf der linken Seite. Janines Handgelenk lĂ€sst eine Schaltbewegung nicht mehr zu. Wie gut, dass wir drei uns non-verbal verstehen; Janine tritt die Kupplung, die Karre quietscht sich ins Koma und ich schalte (liegt ja sowieso auf meiner richtigen Seite). Funktioniert prima!
Wir checken im bewĂ€hrten Orient Hostel ein und ziehen los. Die Mission lautet FrĂŒhstĂŒcks-Roti, oder eher Mittagessen-Roti.


Ich zeige Janine den am Rande der Stadt gelegenen bunten Shri Vinayagar Seedalamen Kovil Tempel und starte meinen 187. Versuch, endlich das Nationalmuseum zur Ăffnungszeit zu besuchen. Wir liegen hervorragend in der Zeit, dennoch schickt man uns hinfort. Warum nur stehe ich hier jedes Mal vor verschlossenen Toren? Heute ist Nationalfeiertag! Das war uns nicht bekannt, erklĂ€rt im Nachhinein aber einiges. Zum Beispiel, warum die Markthalle und der Supermarkt geschlossen sind.

Gut, dann Spontan-Plan B, auf zum Strand nach Blue Bay. Nach der Hitze des Tages ein Cooldown am populĂ€ren Beach, diese Idee haben am Feiertag noch weitere zwei, drei Leute. Der Strand ist brechend voll, die Badebucht nicht minder. Alles tĂŒmmelt sich im Wasser, es ist trubelig und laut.
Am Abend ziehen wir auf Futtersuche durch die umliegenden StraĂen. Die Möglichkeiten sind derart vielfĂ€ltig, dass man die Qual der Wahl hat. Wir landen in einer hippen Raggae-Dreadlock-LokalitĂ€t. Und versacken. So richtig. Unter lauter Locals, mittendrin statt nur dabei. FĂŒr richtig leckeres Essen und drei gar köstliche Cocktails zahlen wir unfassbar wenig. Gekrönt wird der kulinarische Donnerschlag von der GroĂzĂŒgigkeit des Tresen-Chefs, der uns weitere Cocktails aufs Haus nachkippt. Alle BemĂŒhungen, unsere Trinklaune zu bezahlen, werden kategorisch abgelehnt. Sowas hab ich noch nie erlebt! Wenn die denken, die können die deutschen MĂ€dels abfĂŒllen, haben die die Rechnung allerdings ohne uns gemacht, ha!
Nebenbei lernen wir eine wichtige Tropen-Ăberlebensstrategie: Siehst du nicht was unterm Tisch passiert, dann mal lieber hoch die Latschen! Kakerlaken und Riesenspinne rennen unter den Tischen und zwischen den FĂŒĂen der GĂ€ste rum. Als ich mit aufgerissenen Augen der ponygroĂen Spinne nachstarre, wĂ€hrend diese auf den Flipflop eines Gastes zurennt… lassen wir das! Meine FĂŒĂe berĂŒhren erst wieder den Boden, als wir aufbrechen.
Was werden wir betĂŒdelt! Genaugenommen Janine, ich bin eher DranhĂ€ngsel. Unter (sehr) mĂ€nnlichem Geleitschutz schlendern wir zum Hostel und bekommen obendrein als Abschiedsgeschenk eine groĂe Flasche des geschĂ€tzen Rums! Machen wir doch einen derart bedĂŒrftigen Eindruck? Janine bekommt zum Rum vom adretten Mauritius-Adonis eine freundliche und nahezu seriöse Kidnapping-Anfrage fĂŒr die Nacht, welche sie höflich lĂ€chelnd abgelehnt. Ist ja nicht so, als hĂ€tte sie vom Hostel-Meister heute nicht schon nen Heiratsantrag bekommen… Selbst Schuld, wenn ich Sand mit an den Strand nehme, resĂŒmiere ich gönnend. Immerhin textet mich mein StinkschĂŒsselvermieter des Vertrauens regelmĂ€Ăig mit „unterhaltsamen“ Nachrichten zu, sonst mĂŒsste ich nicht nur im Rum, sondern auch in völligen Minderwertigkeitskomplexen ertrinken. In unsere ilustre nĂ€chtliche Gassenrunde reiht sich spontan der ordentlich angetĂŒdelte Nachbar mit ein. Der hat definitiv mehr intus als wir! Was sind die MĂ€nners hier mitteilsam!
Markthalle, Museum und Donnerwetter
13. MĂ€rz 2022 – Apropos mitteilsam; auch diese Nacht endet viel zu zeitig. In MahĂ©bourg schwĂ€tzt man nĂ€mlich sehr frĂŒh, sehr gern und sehr laut. Auch am heiligen Sonntag. Tja, wer spĂ€t ins Bett geht darf frĂŒh aufstehen.
Der Morgen startet geschĂ€ftig. Wir quĂ€len uns durch den verhassten, niedertrĂ€chtigen Flug-Online-Checkin und geben dem lusteligen Autovermieter des Vertrauens das fahrende Blech zurĂŒck. Danach ziehen wir durch MahĂ©bourg. Nach dem vergangenen durstigen Abend ist dem Kadaver nach scharfem Roti. Und ich brauche noch ein Opfer, dem ich mein RĂŒckflugticket aufdrĂŒcken kann. Habe nĂ€mlich nicht vor, den Heimflug anzutreten.

Der heutige finale Versuch, Eintritt ins Historische Marinemuseum zu erhalten, ist von Erfolg gekrönt! Die Pforten sind geöffnet! In einem hĂŒbschen alten Kolonialhaus, dem ChĂąteau Gheude, befindet sich das Museum. Es erzĂ€hlt ĂŒber das französische Kolonialreich, die Sklaven und verfĂŒgt ĂŒber etliche Artefakte. Soviel zur Bildung des Tages.





Das Wetter ist nix halbes und nix ganzes, wolkig, trist, pisswarm und gewittrig. Nach rund acht Kilometern rumgeflatsche (ohne Rum) wollen wir dem Strand noch tschĂŒss sagen. Schlechte Idee. Auf dem FuĂmarsch gen Meer fĂ€ngt es an krĂ€ftig zu donnern, es stĂŒrmt und kĂŒhlt erheblich runter. Man scheint uns den Abschied leicht machen zu wollen. Mehr als im Hostel Kaffee trinken und dem Regen zusehen ist nicht drin. Wir sitzen – im wahrsten Sinne des Wortes – auf gepackten Koffern. Das Taxi zum Flughafen holt uns morgen frĂŒh um 6:15 Uhr ab. Eine weitere kurze Nacht also, der rote Faden der Reise. Mein Heimflugticket konnte ich leider niemandem schmackhaften machen. Und ich mag auch nicht zurĂŒck…
Ăbrigens: Die uns geschenkte Flasche Rum haben wir selbstverstĂ€ndlich nicht getrunken. Okay, wir hatten keinen Saft zum mixen đ Die haben wir in der Hostel-KĂŒche fĂŒr die Allgemeinheit zurĂŒckgelassen. In Deutschland wurden Janines Schmerzen im Handgelenk immer schlimmer. Als sie schlieĂlich zum Arzt ging, stellte sich heraus, dass ihr Handgelenk gebrochen ist. Das war ein Schock und hielt sie noch etliche Wochen auf Trab. Mauritius hallt auch nach vielen Monaten noch nach. Fast tĂ€glich flitzen Erinnerungsfetzen dieser intensiven Reise durch den Kopf.

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