MYANMAR / Trekkingtour von Kalaw zum Inle-Lake

27. – 30. November 2018

(Beitrag vom 17.10.2020)

Ich sitze auf meinem Bett und starre auf den kleinen vollgestopften Rucksack auf dem Boden. Daneben steht sein großer Bruder, gefüllt mit meinem restlichen Reisebesitz. Die Entscheidung, welche 3-Tage-Survivalsachen in den 17 Liter-Knautschbeutel sollen, war schnell getroffen. Viel Auswahl gibt’s ja nicht und spartanisch kann ich inzwischen ganz gut. Auch wenn es schwerfällt, für die Kamera ist kein Platz, Handyfotos müssen reichen. Sie wandert mit dem Netbook zu den Sachen im Reiserucksack, der morgen auf eigene Tour geht.

Das nächste Abenteuer steht in mit scharrenden Hufen den Startlöchern…

Vorgestern habe ich mich bei einer Agentur in Kalaw für einen dreitägigen Trek angemeldet. Der Preis macht mich etwas skeptisch: Für umgerechnet schlappe 22,- Euronen werde ich vom Hostel zur Agentur und mein Reiserucksack zur nächsten Unterkunft befördert (ist bereits gebucht). Ein Guide bringt uns zu Fuß durchs Hinterland von Kalaw zum Inle-Lake. Frühstück, Lunch, Abendessen, Wasser, Übernachtung inklusive. Die erste Nacht bei einer Familie in einem abgeschiedenen Bergdorf, die zweite Nacht in einem Kloster (ein lang gehegter Traum und der Ausschlaggeber, die Tour bei Jungle King zu buchen)! Eine Bootsfahrt über den Inle-Lake gehört ebenfalls zum Programm. Wo also ist der verdammte Haken?!

Tag 1 – Ich latsch dann mal zum Inle-Lake

8:30 Uhr, ein Taxi bringt mich vom Hostel zu Jungle King. Mein Backpack bekommt ein Umhängeschild mit dem Namen meines nächsten Domizils und verschwindet auf einen Pickup. „Auf Wiedersehen“, hoffe ich gedanklich nachwinkend. Wir werden nach den unterschiedlichen Routen in Gruppen aufgeteilt und bekommen unsere Wanderführerin, Cindy. Der Glücksgriff schlechthin, wie sich herausstellen wird.

Wir sind eine kunterbunt gemischte Truppe von acht Leuten (Schweizer, Spanier, Kanadier, Deutsche). Schon nach wenigen Kilometern ist klar, die Gefährten (um mich an Toliens Vokabular zu bedienen) sind klasse und Cindy der Knaller. Das gewitzte Mädel ist Anfang zwanzig und wir sind sofort ihrer liebenswerten Art erlegen. Die ganze Zeit summt sie leise vor sich hin, albert rum und erklärt uns in super verständlichem Englisch alle möglichen Pflanzen und deren Wirkungen.

Am Mittag machen wir an einer Hütte Rast und werden mit einem kleinen Teller Suppe, etwas Obst und Nudeln mit Gemüse versorgt. Heute stehen 19 Kilometer an. Ganz gemütlich und völlig unanstrengend.

Auf dem Weg von Kalaw zum Inle-Lake
Blick hinunter zu den Terrassenreis-Feldern
Umgeben von blühendem Sesam
Frauen bei der Reiseernte
Wir kommen an unzähligen Acker- und Feldflächen vorbei

Die Landschaft ist enorm schön. Wälder, knallgelb blühende Sesamfelder, weite Flächen mit grandiosem Fernblick. Von einem Hügel aus zeigt uns Cindy die terrassenförmigen Mountain-Reisfelder, wir treffen auf Bauersfrauen bei der Reisernte, kommen an Chili-Plantagen vorbei und passieren kleine Bergdörfer, in denen tatsächlich die Zeit stehengeblieben ist.

Unser Weg führt an einer Schule vorbei und die Kleinen flippen bei unserem Anblick völlig aus. Wir dürfen sogar in die Klassenzimmer und schreiben unsere Namen an die Tafel, während die Kinder aufgedreht lachend um uns herumspringen. Die Verständigung läuft über Lächeln, Gesten und Cindy. Englisch spricht hier niemand, wir sind in einer völlig anderen Welt gelandet.

Ein kleines Dorf im Hinterland zwischen Kalaw und dem Inle-Lake
Die Kinder sind alles andere als schüchtern. Neugierig umringen sie uns.

Nats, Naturgeister Myanmars

Auch über den spirituellen Glauben der Menschen und die „Nats“ erfahren wir einiges. Die Nats sind die guten und bösen Geister. Wir kommen zu einem Baum, an dem sich ein Schrein befindet. Cindy erklärt, dass die Bauern hier den Nats die größte Frucht ihrer Ernte opfern, verbunden mit der Bitte, im Gegenzug eine reiche Ernte zu erhalten. Motorradfahrer hupen drei Mal beim vorbeifahren, die Bitte an den Nat, dass ihnen nichts passieren möge, erzählt sie weiter. Die Menschen hier sind stark mit ihrem Glauben verbunden, was für uns vielleicht als schräg oder etwas lächerlich empfunden werden könnte. Ich finde es einfach bezaubernd.

Da es unterwegs keine Toiletten gibt, sind wir gezwungen, die Notdurft in der Wildnis zu verrichten. Kein Problem, beruhigt Cindy, bittet uns aber, uns nach dem Geschäft mit einem „sorry Nat“ bei den Waldgeistern zu entschuldigen. Dann sei kein Nat angepisst und alles in Butter. Ich werde wohl nie wieder bei Wanderungen ins Gestrüpp pinkeln, ohne „sorry Nat“ hinterherzuschmettern. Den Vogel schießt Cindy ab, als sie ein Blatt in einen Büffel-Kackehaufen steckt und auf meinen debilen Blick antwortet, dies sei ein Kuchen-Geschenk für den Nat. Wegen genau diesen Dingen reise ich, denke ich lachend.

Mit der Abenddämmerung erreichen wir das Bergdorf, in dem wir übernachten werden. Von einem ausgemergelten älteren Ehepaar werden wir freundlich lächelnd empfangen. Ich hatte zuvor bereits von der „spartanisch-rustikalen Ausstattung“ der Unterkünfte gelesen. Dennoch lacht sich die Realität mal wieder über meine Vorstellungen schlapp.

Einige Holzstufen führen ins Innere der Bambushütte. Dort gibt es eine Küche (definitiv nicht so wie ihr jetzt denkt) und einem Wohnraum. In dem liegen mehrere Matratzen und Decken auf dem Boden, unser Nachtlager. Mein Blick wandert durch den Raum, über Buddhafiguren und religiöse Gegenstände, sorgsam auf einem langen Brett drapiert, zu den dünnen Bambuswänden, durch deren Löcher ein kalter Wind in den Raum weht. Ich bin froh für meine Fleecejacke, die ich heute Nacht gewiss brauchen werde.

Unsere Unterkunft im Bergdorf
Dünne Wände, keine Fenster

Auch hier sind die Nats Bestandteil des alltäglichen Lebens. So werden wir gebeten, stets darauf zu achten, die Tür hinter uns zu schließen, damit der gute Spirit im Haus bleibt.

Zu Gast bei Einheimischen im Bergdorf

Unsere Gastgeber sitzen auf dem Boden des Küchenraumes an einer qualmenden Holzfeuerstelle. Wir kauern uns um die wärmenden Flammen und werden mit grünem Tee und einem köstlichen Tea-Leaf-Salad (ein scharf-pikanter, sehr öliger Salat aus Teeblättern und Nüssen) versorgt. Zusammen mit Cindy schnibbel ich, auf dem Boden knieend, die Zutaten für unser Abendessen, das sie anschließend auf dem offenen Feuer kocht. Leider können wir uns mit unseren Gastgebern nicht verständigen. Dafür ist ihr Lächeln umso herzlicher, mit dem sie uns zeigen, wir sind hier sehr willkommen. Leise unterhalten sie sich mit Cindy, die für uns übersetzt und über die Jahre zu einer Tochter für die beiden geworden ist. Die Hausherrin meint breit grinsend, wenn sie mit uns reden könne, würde sie gar nicht mehr aufhören. Wie gerne würde ich mit ihnen sprechen können, sie über ihr Leben fragen, bedauere ich.

Unsere Gastgeber in ihrer Küche bei der Zubereitung des Abendessens
Ein Blick in den Küchenraum. Die Wände in der ganzen Hütte sind dünn und luftig.

Abendessen gibt es nebenan. Meine brennenden Augen sind dankbar, dem beißenden Rauch zu entkommen. Wir sitzen auf unseren Matten an zwei sehr tiefen, runden Tischen und löffeln Suppe. Cindy bringt Teller, Besteck und einen großen Topf Reis. Dazu gibt es Salat aus grünen Tomaten mit Erdnussdressing, unterschiedliche Gemüsesorten, Fisch und Tofu. Eine köstliche Geschmacksexplosion fremdartiger Gewürze.

Ich frage mich, wo unsere Gastgeber schlafen, wenn wir ihren einzigen Raum belagern. Es gibt in der Hütte keinen Schrank, keinen Stuhl. Aber sie haben ein Dach über dem Kopf. Sie haben Essen und ein kleines Einkommen, durch das Nachtquartier, das sie uns geben. Vermutlich sind sie dadurch in einer weitaus privilegierteren Rolle, als die meisten Menschen hier. Die beiden sehen glücklich aus. Sie brauchen nicht mehr zum Leben. Nein, sie haben nicht mehr zum Leben. Wie sollen sie vermissen, was sie nicht kennen? Ist es letzten Endes nicht all das „Zuviel“ und der ganze überflüssige Kram, den man kauft aber nicht braucht, mit dem wir unser Leben zuschütten und unser wahres Glück und die Zufriedenheit darunter begraben? Warum fühlt man sich sonst so befreit, beim Entrümpeln und aussortieren?

Ich bin unbeschreiblich dankbar für diese spezielle Erfahrung und den Einblick in ein derartiges Leben. Es sind genau diese Momente, die mir immer wieder die Notwendigkeit bewusst machen, mich selbst, mein Umfeld und mein Leben mit den von mir gesetzten (manchmal falschen?) Prioritäten zu hinterfragen, zu überdenken und neu auszurichten. Blöderweise geht dieses Bewusstsein im Hamsterrad des Alltags viel zu häufig unter. Dabei sind diese Erfahrungen der Reinigungsfilter für mein (Über-)Leben, der meinen Füßen die Bodenhaftung gibt, mich erdet, den verschwommenen Blick wieder schärft und das Ungleichgewicht ausgleicht, wenn vermeintlich wichtige Banalitäten oder Ärgernisse die Waagschale zu kippen drohen.

Hier verteilt die Wirklichkeit knallharte Kinnhaken. Obwohl unser Nachtlager weder über Bett noch Stuhl verfügt, Strom gibt es für ein paar Stunden. In dem Wohnraum hängen zwei Glühlampen, betrieben über ein Aggregat. Um 21 Uhr wird alles abgeschaltet.

Die Toilette befindet sich etwas abseits der Hütte und besteht aus einem kleinen Bretterverschlag mit Plastikwanne und Abfluss. Wegen Groß-Spinnenalarm schleich ich heimlich ins Gebüsch und flüstere brav mein „sorry Nat“. Die Notdurft ab sofort vorerst auf ein Minimum reduziert. Zähne werden mit Stirnlampe draußen an einem Wassertrog geputzt. Unser Hausherr spült unterdessen, auf dem Boden des Außenbereichs hockend, das Geschirr in einer Schüssel. Fließendes Wasser gibt es nicht. Ich frage mich, wie ich all das hier zuhause erklären kann. Es fühlt sich an, als hätte man mich in eine andere Welt gebeamt. Ein Blick in den Sternenhimmel versichert mir aber, es ist der gleiche Planet. Allerdings leuchtet er hier anders. Die Milchstraße ergießt sich so breit und strahlend hell über meinem Kopf, dass mir die Spucke wegbleibt.

Mit einem Schüsselchen schöpfen wir uns gegenseitig Wasser aus dem Betonbecken, um Gesicht, Achseln und Hände zu waschen. Mehr baden ist nicht wegen zu kalt. Sei’s drumm, ich stink eh wie ein Räucheraal. Kostet dennoch Überwindung, in den verqualmten Klamotten zu schlafen. Kleidung ausziehen ist für die Frostbeule jedoch keine Option. Draufgesch***, das stärkt alles den Charakter!

Tag 2 – Ich latsch dann mal zum Inle-Lake

6:00 Uhr, helle Lichtstrahlen dringen durch die Schlitze der dünnen Wand und lassen den zarten Rauchschleier leuchten, der noch immer durch die Luft wabert. Die Nacht war eisig und und schlafdürftig.

Da wir alle in der Wanderkluft geschlafen haben, sind wir quasi beim Aufstehen schon abmarschfertig. Zuvor gibt es aber Frühstück. Die kleinen Tische werden wieder an unser Lager geschoben und vollgeladen: Frittierte Teigfladen, Avocadocreme, ein Kartoffelcurry, frische Papaya, Wassermelone. Definitiv zu viel für diese Uhrzeit. Etwas Wassermelone und Kaffee reichen völlig. Die braune Brühe will’s allerdings wissen, die ist speziell: Kaffeepulver in die Tasse kippen (Filter wird völlig überbewertet), heißes Wasser drauf und einen zähen, bappsüßen Milchbrei aus dem Tütchen reindrücken, umrühren, fertig. Die Koffeeinsucht kippts rein, der Überlebenswille treibts runter.

Opulentes Frühstück am Bett
Bei herrlichstem Wetter und schweißtreibenden Temperaturen in 3 Tagen zum Inle-Lake

Wasser ins Gesicht, Zähne schrubben, Unterwäschenwechsel und flott ein „sorry Nat“ in die Natur schmettern. Wir verabschieden uns herzlich dankend von unseren Gastgebern und ziehen los.

Wanderst du noch oder mampfst du schon wieder?

Nach rund zwei Stunden erreichen wir das nächste Dorf. Kaffeepause!! Danach lassen wir uns von Cindy durch das bunte Markttreiben schleusen. In Begleitung einer Einheimischen ist ein landestypischer Markt ganz großes Kino! Wir fressen uns mit Cindys kulinarischen Empfehlungen einmal quer durch. Sie kauft überall Leckereien zum probieren: Die beliebten „Lovers-Cake“ (eine fettig frittierte, pikante Teigtasche mit Gemüsefüllung), „Sticky Rice“ (Klebreis der in ein Zuckerrohr gepresst und darin gedämpft wird – babbisch aber höllenlecker!), süße, dreieckige Sesam-Reisteilchen, die in eine noch zuckerhaltigere Masse getunkt werden, Tofu mit Kraut und scharfer Koriandersauce… eine Schlemmerei sondergleichen!

Kaffeepause Myanmar-Style
Wir kosten die beliebten Lovers-Cake
Cindy zeigt uns, sichtlich erheitert, wie man Sticky-Rice isst
Landestypische Märkte, immer ein Erlebnis

Pappsatt kugeln wir weiter, vorbei an Chili-Plantagen, in deren Höfen die feuerroten Schoten großflächig zum Trocknen ausliegen. Da ich scharf fast genauso gut leiden kann wie Kaffee, kaufe ich einen Beutel Chilis und knote ihn an meinen randvollen Rucksack.

Scharfe Sache; Chiliplantagen soweit das Auge reicht

Man kommt hier tatsächlich in Mampfstress… Ist ja nicht so, als wäre der Kauleiste heute langweilig! Um 13 Uhr stoßen wir mitten im Nirgendwo auf ein paar Häuser und Cindy verkündet, es sei Mittagessenzeit. Mich fragt sie, ob ich ihr wieder helfen wolle und so machen wir uns in einer der Hütten an die Koch-Arbeit. Vier Männer sitzen drinnen um ein Feuer und rauchen. Während ich mich abrackere, Knoblauch mit einer verranzten Schere kleinzuschnibbeln, gebe ich den Herren zu ihrer großen Erheiterung ein paar Brocken Deutsch-Sprachkurs.

Mit erneut oder noch immer vollen Bäuchen ziehen wir am Mittag weiter. Man hätte mich ja mal vorwarnen können, dass das Motto nicht „sportliche Trekkingtour“ sondern „Schlemmertour Deluxe“ ist…

Wir kommen an einem Fluss vorbei. Das ist unsere Chance! Wer weiß, wann es die nächste Dusche gibt? Wir Mädels waschen uns erst mal das Räucheraroma aus den Haaren, während Cindy gleich komplett bekleidet in die Fluten springt. Kühlt beim Wandern in der Hitze besser, erklärt sie pragmatisch. Naheliegend, da sie bei den sommerlichen Temperaturen lange Kleider trägt.

Wir nutzen dankbar die erfrischende Waschmöglichkeit

Eine Nacht im buddhistischen Kloster

Es ist bereits stockdunkel, als wir um 18 Uhr nach gut 21 Kilometern das buddhistische Kloster erreichen. In dem großen, kargen Saal des Haupthauses sind Matratzen auf dem Dielenboden ausgelegt. Wir beziehen unser Lager und beobachten am anderen Ende des Saales die kleinen Novizen in ihren roten Roben, wie sie gebannt vor einem Fernseher sitzen. Momentan gibt es hier nur zwei Hauptmönche und die Novizen, erzählt Cindy.

Unser Quartier im Kloster

Mit Gefährte Johnny suche ich den „Waschraum“. Damit wir uns richtig verstehen: Der Waschraum besteht aus einem Gemäuer, das weder Türen noch ein Dach hat. Darin befindet sich ein länglicher Beton-Trog in dem (sofern wir das im kläglichen Schein unserer Stirnlampen erspähen können) semi-saubere Brühe steht. Wir sind uns einig, das Flusswaschen war ausreichend, auch wenn wir uns wieder klebrig und verschwitzt fühlen.

Zum Abendessen versammeln wir uns mit anderen Übernachtungsgästen auf einer langen überdachten Terrasse neben dem Haupthaus. Auch hier müssen wir, wie im Kloster selbstverständlich auch, die Schuhe davor ausziehen. Zumindest dürfen wir die Socken anbehalten. Das freut die frierenden Füße bei den mittlerweile wieder frischen Temperaturen.

Eine Nacht im buddhistischen Kloster

Nach einem reichhaltigen und leckeren Essen bleibt nicht mehr viel Zeit. Um 20 Uhr ist Schicht im Schacht, ähh Kloster. Dann geht das Licht aus. Scheinbar sind alle müde und verschwinden unter den Decken. „Hallo?! Ich geb dir schlafen um 20 Uhr! Normalerweise wär jetzt erst mal ’n Kaffee fällig!“ blafft mich mein Körper beleidigt an. Ich schnappe meinen Schreibkram und kauere mich abseits in dem stockdunklen Saal auf eine Holzstufe, um mit dem Licht der Stirnlampe niemanden zu stören. Gruselige Finsternis verschluckt mich.

Ich zucke zusammen, als plötzlich etwas auf mich zuspringt. Dann klettert ein Katzenbaby auf meinen Fuß. Ich hebe das kleine Flauschknäuel in meinen Schoß, wo es sich einkuschelt. Katzen sind eigentlich nicht so meins, aber Tierkinder sind einfach Seelenstreichler. Schockverliebt betrachte ich das kleine Wesen und erschrecke tierisch, als hinter mir etwas hektisch vorbeitippelt. Einige Novizen sind vorbeigerannt, einer bleibt neben mir stehen und sieht mich mit großen Augen an. Er heißt Toon (zumindest spricht er es so aus) und ist sieben Jahre alt. Er streckt mir seine kleine, eiskalte Hand entgegen und flüstert in englischer Sprache, er freue sich, mich kennenzulernen. Ich nenne ihm lächelnd meinen Namen und antworte, die Freude sei ganz meinerseits. Er streckt seine offene Hand aus und deutet mit der anderen auf seinen Mund. Er ist hungrig und hofft auf eine Essensspende. Traurig gestehe ich, dass ich nichts dabei habe, er nickt enttäuscht. Kaum ist er weg, stehen die nächsten 3 Novizen vor mir. Barfuß, mit nackten dünnen Ärmchen und Beinchen, nur ihre Robe um den Leib, ein geringer Schutz gegen die Kälte. Fasziniert starren sie auf mein Heft und wollen zusehen wie ich schreibe. Irgendwie ne verrückte Situation, mit Katzenbaby im Schoß, neugierigen Minimönchen, mitten in der tiefsten Pampa Myanmars, in einem uralten, stockdunklen buddhistischen Kloster. Das hätte ich mir so niemals nicht vorgestellt…

Tag 3 – Ich latsch dann mal zum Inle-Lake

Um 6:20 Uhr kriechen wir verknittert unter den Decken hervor und torkeln zum Frühstück. Die Nacht war ok, gegen 22 Uhr konnte ich tatsächlich einschlafen. Um 5 Uhr hörte ich die Novizen bereits durch den Saal flitzen.

Kurz nach 7 Uhr verlassen wir das Kloster. Die Sonne kämpft sich ihren Weg durch den dichten Morgennebel, der die Umgebung noch kühl und feucht einlullt. Eine wunderschöne und mystische Atmosphäre.

Aufbruch zur letzten Etappe an einem kalten nebligen Morgen
Viele Nachbarn gibt es hier nicht

Wir kommen an ein Zollhäuschen, an dem wir 15.000 Kyatt (rund 10,- Euro) zahlen. Die Eintrittsgebühren zur Inle-Region.

Rast machen wir an einem typisch burmesischen Kiosk, bei dem es über Autozubehör, Waschmittel, Knabberzeug, Süßigkram etc. auch Kaffee gibt. Wir setzen uns auf quietschbunte Plastikhöckerchen an die niedrigen Tische in der Sonne und trinken grünen Tee und Kaffee. Was freu ich mich darauf! Die Siffbrühe zum Waschen, die Matratzen im kalten Klostersaal, Bettruhe um 20 Uhr – alles halb so wild, aber der Kaffee heute früh… das war eher braunes Wasser.

Der Abwasch wird vorm Ladenlokal gemacht

Einiges was ich hier sehe und erlebe, verstehe ich nicht und so nutze ich die Gelegenheit, während unserer Wanderung Cindy über Buddhismus, die Nats und ihren Glauben zu fragen. Als wir unterwegs an einem weiteren Schrein vorbei kommen, stellt Cindy eine Flasche Wasser hin, die sie extra dafür mitgenommen hat. Für den guten Spirit, erklärt sie. Das Wasser symbolisiert Reinheit und Klarheit, die sich auch in ihrem Geist und Inneren widerspiegeln sollen. Nochmals nach den Nats gefragt, antwortet sie, dass uns diese überall umgeben. So glauben die Menschen beispielsweise an Baum-Nats, die in der Luft seien, die die Menschen schützen und ihnen das zurückgeben, was ihnen gespendet wird. Ein schöner Glaube…

Die heutige Etappe hat allerdings auch eine Challenge am Start! Nach einem kleinen Stopp an dem 800 Jahre alten Bodhi-Baum (ein riesen Teil, den einige der Truppe freudig erklimmen), setzt sich der Weg einige Kilometer unter immensen Spinnennetzen fort. Mit Schnappatmung stiere ich auf den Trampelpfad vor mir, der von weißen, dichten Spinnfäden überdacht ist. Muss ich erwähnen, dass auch zahlreiche überdimensionierte Prachtexemplare „zuhause“ sind?! Der absolute Horror! Lachend setzt mir Cindy ihren Strohhut auf und meint, ich solle einfach ne Weile weder nach rechts, links oder oben gucken. Für die ganz interessierten Insektenfreunde fischt sie anschaulich einen Spinnengigant aus dem Netz und lässt ihn auf der Hand krabbeln. Ich renne los.

Wir nähern uns dem Inle-See und die Landschaft verändert sich zusehends

Irgendwann gibt’s keine Netze mehr, der rote Sandboden und die kargen Sträucher weichen einem asphaltierten Weg, der uns vorbei an Acker- und Feldflächen führt. Die Farmersleute winken und grüßen uns aufgeschlossen, ganz anders als die sehr scheuen, zurückgezogenen indigenen Bergvölker.

Die erste Pagode, seit wir vor 3 Tagen in Kalaw gestartet sind
Kleine Nebenarme des Inle
Die Schulkinder schauen sich fasziniert ein Foto von ihnen auf meinem Handy an

Geschafft, angekommen am Inle-Lake

Nach 17 Kilometern sind wir fast am Ziel. Gegen 12:30 Uhr erreichen wir den Inle-Lake. Wir setzen uns in den Schatten einer chilligen Outdoor-Bar und stoßen mit kühlen Getränken gemeinsam auf die geniale Zeit und die grandiose Tour an. Cindy schleppt unterdessen mal wieder Unmengen Futter bei.

Angekommen – Darauf wird angestoßen

Das war’s dann wohl… Das letzte Stück müssen wir nicht mehr zu Fuß bewältigen. In einem Nebenarm des Inle-Lake wartet bereits ein langes, schmales Holzboot. Schweren Herzens verabschieden wir uns von Cindy. Für sie geht es nach Hause, für uns weiter.

Die Fahrt über den See ist toll! Über eine Stunde knattern wir an den Stelzen-Häusern, schwimmenden Gärten und den legendären Einbein-Ruderern vorbei, bis wir auf der anderen Seite in Nyaung Shwe anlegen. Hier trennen sich auch unsere Wege, zumindest was die Unterkünfte betrifft. Für den Abend verabrede ich mich mit der Truppe, dann mache mich auf die Suche nach meinem Hostel, in der Hoffnung, dass mein Rucksack seine Reise dorthin ebenfalls geschafft hat.

Eine Stunde dauert die Fahrt zur gegenüberliegenden Seite des Inle-Lake
Einbein-Ruderer auf dem Inle

Meine Unterkunft liegt etwas außerhalb und so bekomme ich auf dem Fußweg bereits erste Eindrücke der neuen Destination. Schön hier, allerdings bekanntermaßen auch deutlich touristischer.

Angekommen in Nyaung Shwe

Umso mehr freue ich mich, dass in meinem Hostel sehr wenig los ist. Beeindruckt stehe ich vor dem gepflegten, ruhigen „Inle Inn“ und werde sofort freundlich empfangen. Auch mein Gepäck ist da, yippieh! Mein Zimmer ist fantastisch! Alles aus Bambus, ein riesiges Bett, ein sauberes Bad mit fließendem, klaren Wasser! Ich sehne mich nach einer Dusche und frischen Kleidern. Der pure Luxus nach den letzten Tagen.

Jetzt steht eine neue Etappe des Abenteuers Myanmar an. Drei Tage bleibe ich am Inle-Lake und werde die Region erkunden. Danach reise ich weiter nach Hpa-An.

Als Fazit des Treks von Kalaw zum Inle-Lake bleibt mir nur zu sagen: Es war eine beeindruckende, faszinierende und sehr erlebnisreiche Tour! Die Landschaft war wunderschön, die Tagesetappen perfekt und sehr gut zu bewältigen. Die Unterkünfte hätte ich persönlich mir nicht anders gewünscht. Genau diese Erfahrungen würde ich nicht missen wollen und was ich ganz besonders toll fand, war die Gelegenheit, Gast bei Einheimischen sein zu dürfen. Genauso werde ich die Nacht in dem Kloster niemals vergessen. Es war eine einmalige Chance, das Land und die Menschen auf eine andere Art kennenzulernen.

Abschließen möchte ich mit einem Spruch, den ich an der Hauswand eines Hostels gelesen habe und den ich sehr passend finde:

See life as you see through a camera.
Focus on what’s important.
Capture the good moments.
Develop from the negatives.
And if things don’t work out, just take another shot.

Die besten Gefährten auf dem Kalaw-Inle-Trek

Wer noch mehr über meine besondere Reise durch Myanmar lesen mag, besonders im Hinblick darauf, was es „im Inneren“ mit mir gemacht hat, findet unter der Rubrik „Kurz(e)geschichten“ einen weiteren Beitrag. Für das Magazin „Tibet und Buddhismus“ durfte ich eine bebilderte Reportage schreiben, die ich euch hier auch gerne nochmals verlinke.

Der Beitrag kann unbeauftragte und unbezahlte Werbung enthalten. Als unbeauftragte Werbung gilt die Erwähnung oder Empfehlung von Produkten, Marken und Leistungen jeglicher Art.

Höhenflug in Bagan, Stadt der 1000 Tempel / MYANMAR

19. November 2018

(Beitrag vom 01.09.2020)

Bäääm! Von der ersten Sekunde an hat mich Myanmar wie ein Turbostaubsauger eingesaugt, emotional durchgewirbelt und sprachlos wieder ausgespuckt!

Vor gerade mal drei Tagen bin ich in dieser völlig fremden, anderen Welt angekommen. So kurz da und schon so tief eingetaucht…

Das Abenteuer startete in Yangon. Allerdings nur für eine Nacht, die hinterließ dafür einen Eindruck, der sich unwiderruflich in meinen Sehnerv eingebrannt hat. Mich hat wohl noch nie ein Bauwerk und sein Drumrum so aus der Fassung gebracht, wie die prachtvolle Shwedagon-Pagode!

Puh, die Messlatte liegt nun verdammt hoch. Dürfte schwer zu toppen sein, sinniere ich auf der langen Fahrt nach Bagan. Der Name klingt ja schon vielversprechend, irgendwie geheimnisvoll. Was ich über Bagan gelesen habe, schürt die Neugierde und lässt Großes erwarten.

Bagan, Old Bagan oder Nyaung U – wo bin ich?

Zu wissen, wo man hin muss, erleichtert das Ankommen ungemein. Daher habe ich bereits in Yangon die nächste Unterkunft gebucht. Nach elf Stunden Busfahrt komme ich endlich am Ziel an. Die „Eintrittserlaubnis“ für Bagan, kostet 25.000 Kyatt für drei Tage, umgerechnet rund 16 Euro. Zu zahlen bei Ankunft.

Im New Wave Hotel (irgendwo zwischen Nyaung U und Old Bagan) beziehe ich ein tolles geräumiges Zimmer mit zwei Betten und eigenem Bad. Meine Buchungswahl erweist sich als großer Glücksgriff. Das Personal ist unfassbar freundlich und hilfsbereit. Man macht es mir enorm leicht, mich in dem fremdartigen Land einzufinden, mich sicher und wohl zu fühlen. Ich bekomme Hilfe angeboten, noch bevor ich darum bitte. Jederzeit. Mit einer Selbstverständlichkeit, die mir die weitverbreitete Alltagsignoranz in der Heimat peinlich und traurig vor Augen führt.

Tempel-Erkundung per Fahrrad

Der Morgen startet auf dem Rooftop. Mit den hiesigen Frühstücksgepflogenheiten werde ich mich nicht anfreunden. Reis und Omelette lehne ich dankend ab und tausche es gegen etwas Toast mit Marmelade und Banane. Der einzig essenzielle Frühstücksbestandteil heißt für mich „Kaffee“, der Rest wird völlig überbewertet. Kaffee im warmem Sonnenschein auf der Dachterrasse – IM NOVEMBER – kann was! Die Glückskala ist am Anschlag.

Beim Fahrradverleih nebenan leihe ich mir für sagenhafte 1,50 € ein Vehikel für den Tag. Den Tempel-Übersichtsplan griffbereit, holpere ich auf dem Drahtesel durch die furztrockenen, staubigen Straßen.

Tempel-Sightseeing mit dem Fahrrad

Der Blick auf die Karte bestätigt Bagan’s Namenszusatz „Stadt der 1000 Tempel“. Unzählige Pagoden, Tempelanlagen, Stupas verstreuen sich über ein weitläufiges Areal. In jeder der heiligen Stätten wohnen Buddhas. Ich muss gar nicht lange suchen, bis die ersten Türme in der Steppe vor mir auftauchen. Das Fahrrad geparkt, laufe ich mit klopfendem Herzen auf die erste Pagode zu. Auf einem Podest davor stehen mehrere Buddha-Figuren im Kreis. Hochgradig froh mache ich Fotos. Wenn das so weitergeht, dürfte bereits am Mittag die Grenze meine Speicherkarte überschritten sein… Aber bei Buddhas und Tempeln werde ich schwach, da kann ich meine Begeisterung nicht mehr im Zaum halten. Die sprudelt über, ungebremst.

Eine Burmesin hockt vor der Pagode. Wir lächeln uns an, kommen ins Gespräch. Sie verkauft ihre Sandgemälde, deren Symbolik (die Bedeutung der buddhistischen Monate und Wochentage) sie mir ausgiebig erklärt. Kein Verkaufsgespräch, sie freut sich einfach über unseren Austausch.

Am nächsten Tempel eine ähnliche Begegnung. Ein drolliges Männlein erzählt mir mit seinen von Betelnüssen rotverfärbten Zahnstummeln seine Lebensgeschichte. Er kümmert sich um die Pagode und den Buddha, der darin wohnt. Er restauriert, pinselt die Wandfarbe nach, schaut nach dem Rechten und malt wunderschöne Sandbilder. Das hat ihm sein Papa beigebracht, der jetzt 82 Jahre alt ist, erklärt er stolz. Deshalb kann der jetzt auch nicht mehr den Buddha und die Pagode pflegen, deren Putz schon überall abbröckelt.

Wächter der Pagode und Sandmaler

Ich bin von der Warmherzigkeit und Offenheit der Menschen, die zugleich schüchtern sind, komplett ergriffen. Jeder will wissen woher ich komme. Ich werde nach meinem Namen gefragt und bekomme freudig den Namen meines Gegenübers genannt. Die Menschen sind so unaufdringlich interessiert und aufrichtig freundlich, dass ich sie sofort in mein Herz schließe. Ständig winken mir Kinder juchzend zu und lachen sich kringelig, wenn ich zurückwinke und „Mingalabar“ (was „Hallo“ heißt) rufe. Meine Kamera finden sie besonders toll. Sie möchten unbedingt aufs Foto, werfen sich in Pose und gucken mit großen Augen ihr Konterfei auf dem Display an, das ich ihnen zeige.

Die Kinder sind neugierig und fröhlich

Den ganzen Tag radel und laufe ich zwischen den sandigen Anlagen umher. Vor mir flüchtet eine Schlange ins Gebüsch. Davon gibt es etliche, weswegen auch immer Vorsicht geboten ist. Selbst nach dem gefühlt einhundertelfzigsten Tempel gerate ich noch immer in Augen-Ekstase. Jeder ist anders, jeder Buddha darin einzigartig.

Tempelanlagen soweit das Auge blickt – und noch weiter…
Der Ananda-Tempel, eines der elf größten Bauwerke Bagans
Wundervolle Buddhas

Nach einem Abstecher nach Old Bagan zur Bu Paya, einer goldenen, eierförmigen Statue am Irrawaddy-See, verabschiede ich diesen wunderschönen Tag beim Sonnenuntergang vom Dach einer Pagode. Natürlich von einer, die man besteigen darf. Das ist nämlich bei den wenigsten erlaubt. Dreckverstaubt, verschwitzt und den Kopf voller neuer Eindrücke, strampel ich durch den warmen Sommerabend zurück zum Hostel. Freu ich mich auf eine Dusche!

Junge Novizen in Old Bagan
Abenddämmerung in Bagan und…
Durch die Tür sieht man im Inneren einen Buddha sitzen
… Sonnenuntergangsstimmung

Am Abend nimmt mich die herzige Hotel-Rezeptionistin auf ihrem Roller mit nach Nyaung U. Ich besuche die Shwezigon-Pagode, bei der das Tazaungmon-Vollmondfest stattfindet. Etwas anders, als ich es mir vorgestellt habe: Viele Stände mit furchtbar viel buntem Firlefanz, Essen und Trinken. Untermalt von schriller, irre lauter Kirmesmusik. Die Shwezigon-Pagode, die unter dem Vollmond golden leuchtet, bietet ein grandioses Bild. Die ganze Atmosphäre hier, abseits des Volksfesttrubels, mag ich sehr. Es haben sich Nonnen und Mönche versammelt, betende Menschen hocken auf dem Boden, ich stehe mit meinen mittlerweile wieder verdreckten Füßen mittendrin. Kein Wunder, da man Tempelanlagen nicht mit Schuhen betreten darf und ich maximal Flipflops an den Mauken habe.

Shwezigon-Pagode zum Tazaungmon-Vollmondfest
Gebete

Taxifahrten auf Reisen – besser als Kino

Nach einem gepflegten Rooftop-Kaffee teile ich mir am nächsten Morgen mit weiteren Reisenden ein Taxi zum 50 Kilometer entfernten Mount Popa (1.518 m).

Also Taxifahrten auf Reisen… weiß ja auch nicht… In Ecuador landete ich schon in der Kutsche des Vorhöllen Taxi-Luzifer. Die burmesische Version rast zwar nicht, ist aber ebenfalls ein artgenössisches Prachtexemplar: Sein Handy kreischt die Fahrt über einen unsäglichem Klingelton. Die Telefonate gestalten sich recht einsilbig. Entweder hat der Gute bereits sein verfügbares Tages-Wortkontingent verpulvert oder es liegt am opulten Inhalt seiner Mundhöhle, dass er außer „HALLO?!“ und „hmmmmm…“ quasi kaum spricht. Ich habe auf dem Beifahrersitz die Pole Position ergattert, allerfeinster Kinoplatz! Ein strenger Geruch sticht mir in die Nase. Hungrig scheint er zu sein. Kontinuierlich futtert er gerollte Blätter. Wie ein Eichhörnchen, das sich auf einen harten Winter vorbereitet, bunkert er das Grünzeug in den Backen seiner Kauleiste, die immer dicker werden. Und durstig isser! Zwischen uns steht eine Halbliter-Plastikflasche mit einem dunklen Saft. Die Brühe sieht bissl eklig aus. Die wird er doch nicht dazukippen?! Aber jeder wie er mag. Sicherheitshalber gucke ich aus dem Fenster.

Nach eine Weile fällt es mir dann wie Schuppen aus den Haaren! Der volle Mund, der Ekelgeruch, die Saftflasche die – STOP. Warum wird die voller statt leerer?? Weil er Betelnüsse kaut! Natürlich, die sind in Blätter eingewickelt. Und fördern den Speichelfluss aufs Heftigste. Deswegen sind auch die Bürgersteige und Straßen in ganz Myanmar mit roten Pfützen gesprenkelt. Weil jeder seine optische Betel-Blutlache rausrotzt. Rumrotzen im Taxi zählt aber nicht zu den kundenfreundlichsten Gepflogenheiten. Dazu nimmt er die Plastikflasche, die er hübsch zwischen uns plaziert hat. Möglicherweise entgleisen mir die Gesichtszüge, bis ich den Brechreiz wieder unter Kontrolle habe. Tja, andere Länder, andere Sitten. Dafür reise ich schließlich, sonst könnt ich auch zuhause bleiben. Okay, vielleicht nicht ganz genau für SOLCHE Erlebnisse, aber besonders das Betelnuss-Kauen hat Tradition bei den Burmesen.

Armut und Müll – die andere Seite von Myanmar

Wir nähern uns dem Ziel, weiter über steile Serpentinen. Rechts und links am Straßenrand stehen unzählige Bettler. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Über viele Kilometer erstreckt sich die Armuts-Schlange. Alle paar Metern kauern zu beiden Seiten uralte, dünne, verkrümmte und ausgemergelte Menschen. Es ist ein Anblick, der mich in Schockstarre versetzt. Ich weiß gar nicht, wie ich mich verhalten soll. Je näher wir dem Touristenmagnet Mount Popa kommen, desto schlimmer wird es, nun stehen auch Kinder da. „Menschliche Leitplanken“, schießt mir ein furchtbarer Gedanke in den Kopf. Ich bin hoffnungslos überfordert mit der Situation und dem Anblick der entgegengestreckten Hände. Aus dem Wagen vor uns fliegen Geldscheine auf die Straße. Schreiend rennt ein Pulk Kinder ungebremst zwischen die Autos, in der Hoffnung, einen der Scheine zu ergattern. Mir schnürt es die Kehle zu. Vermutlich 200 Kyatt-Scheine, umgerechnet keine 20 Cent, aber die Kinder rennen um ihr Leben. Ich überlege fieberhaft, wäge ab und entscheide mich mit schlechtem Gewissen dagegen, Geld aus dem Fenster zu werfen. Es ist ein Fass ohne Boden. Wo fängt man an, wo hört man auf? Im Reiseführer wurde ausdrücklich gemahnt, den Bettlern Geld zu geben sei der falsche Weg und würde das ganze Drama nur befeuern. Auch das ist Myanmar. Unbeschreibliche Armut.

Ein weiteres Desaster ist die katastrophale Müllsituation. Als ich aus dem Taxi steige und in Richtung Mount Popa laufe, trifft mein Blick unvermeidbar auf die Müllberge am Abhang neben mir. Abfallsäcke, Plastikflaschen, Dosen. Hier wurde der Umweltverschmutzung ein Denkmal gebaut. Auch das ist ein Anblick, an den ich mich auf der Reise nicht gewöhnen kann und will, der mir aber tagtäglich unterkommt. Sei es an Straßenecken, wo Leute ihre Abfallbeutel hinschmeißen, die dann von Hunden aufgerissen und auf verwertbare Fressalien durchwühlt werden, oder in flachen Bächen zwischen Häusern, in denen man vor Plastikmüllscheiße kaum noch das Wasser erkennen kann. Es ist furchtbar bitter, es ist die Realität. Die Mehrheit der Landsleute weiß es nicht besser, sie sind in keinster Weise darauf sensibilisiert, was sie ihrer Umwelt antun.

Auch das ist Myanmar – Plastikmüll wird in die Natur geworfen

Plastikflaschen aus dem Autofenster werfen, hier das Normalste der Welt. Als ich auf der Rückfahrt ins Taxi steige und eine leere Getränkedose in meinen Rucksack packe (ich konnte unterwegs nirgendwo einen Mülleimer finden), zeigt unser Fahrer auf die Büchse und deutet mit einem Schwung aus dem Fenster. Sein Hilfsangebot, meinen Müll zu entsorgen. Ich gucke grimmig und sage bestimmt „NO!“ und schließe demonstrativ den Rucksack. Es tut mir in der Seele weh und ich kann nur hoffen, dass schnellstmöglich ein Umdenken seinen Weg hierher findet…

Kulturschock am Mount Popa

Auf zum Berg. Eineinhalb Stunden werden uns bis zur Rückfahrt eingeräumt. Meine Enttäuschung über diesen knappen Aufenthalt erweist sich als unbegründet. Ich persönlich kann die Begeisterung vieler Touristen zu diesem überlaufenen Hotspot nicht teilen. Als ich die Müllberge hinter mir gelassen und mich durch das ganze Gewusel (alles untermalt von wahnsinnig lauter und schriller Musik) gekämpft habe, kommt die wahre Herausforderung. Über 777 Treppenstufen geht es auf den Vulkankegel. Genau genommen handelt es sich dabei um den Mount Taung Kalat. Vorbei an Marktständen und Touri-Nepp-Verkaufsbuden schiebe ich mich mit den Massen nach oben. Zwischen unseren Füßen rennen wild Affen umher. Barfuß (weil heiliger Boden) steige ich über aufgerissene Verpackungstütchen, Essensresten und Krümel, mit denen die Affen gefüttert werden. Auf der Brüstung neben mir hocken zwei große Affen und matschen in einer Plastiktüte mit Asianudeln, die sie sich gierig einverleiben.

Über 777 Stufen geht es barfuß den Heiligen Berg hinauf
Auch hier wird Thanaka verkauft, das zur Aufhellung und gegen Sonne auf die Haut gerieben wird

Stahltreppen und Bodenkacheln wechseln sich ab. Ich betrachte die Flecken auf dem Boden, denen nicht einmal mehr die Männer mit den Wischmöppen Herr werden können. Affenkacke, hatte ich gelesen. Komischerweise bin ich auf Reisen in vielerlei Hinsicht sehr robust und blende aus, wovon ich zuhause hochgradig Plack bekäme. Als ich über eine Pfütze Erbrochenes steige, komme ich aber auch an meinem persönlichen Armageddon an.

Nun gut, der Mount Popa ist einer der heiligsten Berge. Ein Besuch ist Pflichtprogramm. Meiner Meinung nach fehlt es diesem Berg und seiner Umgebung an jeglicher Atmosphäre und Spirit. Laut, dreckig, hektisch, zu voll. Das ist mein Fazit dieser Tour.

Mount Popa – Aus der Ferne schön. Näher dran verfliegt der Zauber

Höhenflug oder tu das wovon du träumst

Mein Bagan-Highlight (nicht nur höhenbedingt) wird am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück serviert.

Um 5:20 Uhr stehe ich parat vorm Hotel. Ein hübscher, nostalgischer roter Bus sammelt mich auf. 30 Minuten später sind wir am Ort des Geschehens. Im Dunkeln stehe ich mit weiteren Abenteuerlustigen auf einem weitläufigen Feld. Riesige Ventilatoren blasen kräftig die Ballons auf, während man uns mit Kaffee und genauen Instruktionen versorgt und den Piloten zuweist.

Fasziniert laufe ich zwischen rund zwanzig Fesselballons herum. Um uns brummt es laut. Langsam und beschwerlich füllen sich die Giganten und richten sich in Zeitlupe auf. Eine Gänsehaut kriecht mir über den Rücken, ich bin ganz ergriffen. Ein weiterer großer Traum geht gerade in Erfüllung. Mit „Ballons over Bagan“ habe ich vorgestern spontan eine der legendären Luft-Fahrten über die Tempelanlagen dieser traumhaften Stadt gebucht. Kapieren kann ich es noch nicht.

Nicht mehr lange… gleich geht es los

Die Morgendämmerung hat eingesetzt und unser Ballon türmt sich in seiner ganzen Pracht stolz vor uns auf. Vor Aufregung bin ich ganz kribbelig. Um 6:20 Uhr erteilt Nobby, unser Pilot, die Einstiegserlaubnis. Mit 16 Personen klettern wir in den Korb, der sich in vier großzügige Quadrate mit jeweils vier Leuten unterteilt. Unser Ballon ist der Erste, der in den Himmel steigt. Ein irres Gefühl, als der Korb über den Boden schrabbert und erst zaghaft, dann schneller abhebt und nach oben schwebt.

Bagan begeisterte mich bereits enorm, als ich mit dem Fahrrad die Pagoden abgefahren hatte. Diese uralte, gigantische Tempelstadt nun von oben betrachten zu dürfen und ihr Ausmaß zu sehen, ist jedoch eine ganz andere Nummer! Zutiefst berührt und völlig überwältigt glotze ich aus dem Korb nach unten, den Freudentränen hinterher, die mir aus den Augen kullern.

Hunderte kleine Stupas und große Tempel ragen aus der grünen Wiesen- und Palmenlandschaft heraus. Manche steinweiß, manche golden, die meisten erdfarben, dazwischen steigt der Morgennebel auf und würzt das Spektakel mit einer Prise Mystik. Sonnenaufgang. Ein glühender Feuerball, an dem all die Ballons vorbeiziehen, während unter uns einige Frühaufsteher das Schauspiel von ihren Aussichtspunkten bestaunen und uns zuwinken. „Welch magischer, phantastischer Ort“, denke ich völlig geflasht.

Nach rund 40 Minuten landen wir ganz entspannt auf dem Feld. Mit einem Glas Champagner überreicht uns Nobby unsere Urkunde. Es folgt ein gemeinsames Frühstück mit Kaffee, Tee, Croissants, Bananenkuchen und Obst. Um 7:30 Uhr hat der Zauber ein Ende, das Team von Balloons over Bagan bringt uns zurück.

Zugegeben, die Fahrt mit Balloons over Bagan ist kein Schnäppchen. Es war meine erste und wohl auch einzige Ballonfahrt in meinem Leben. Ich hätte mir sicherlich keinen für mich schöneren Ort dafür aussuchen können und rückwirkend betrachtet, war es die genialste Entscheidung, mir diesen Luxus zu gönnen. Alles war von vorne bis hinten top organisiert, das Equipment im allerbesten Zustand (soweit ich das beurteilen kann) und das ganze Team mega freundlich, kompetent und professionell. Jeder Handgriff saß, alles lief ausgesprochen sicher ab. Zudem war mir wichtig, die Tour mit einem regionalen Anbieter zu machen, so dass meine Investition auch an die Locals geht. Ich kann jedem, der mit einer Ballonfahrt liebäugelt und in Myanmar ist, wirklich ans Herz legen, bei Balloons over Bagan zu buchen. Alternativ gibt es auch eine Ballonfahrt über den Inle-Lake, was für mich persönlich lange nicht so reizvoll wäre, wie die Fahrt über die wunderschöne Tempelanlage von Bagan. Aber das ist Geschmackssache.

Unsere Crew rund um Pilot Nobby (mitte)
Foto: Balloons over Bagan

Man kann definitiv sagen, ich verlasse Bagan mit Pauken und Trompeten! Mir bleiben jetzt noch ein paar Stunden, dann ziehe ich um 11:30 Uhr mit dem Bus weiter nach Mandalay. Eine gute Gelegenheit, noch eben die Laufschuhe zu schnüren und eine letzte Abschiedsrunde durch Bagan zu drehen…

Wer noch mehr über meine besondere Reise durch Myanmar lesen mag, besonders im Hinblick darauf, was es „im Inneren“ mit mir gemacht hat, findet unter der Rubrik „Kurz(e)geschichten“ einen weiteren Beitrag. Für das Magazin „Tibet und Buddhismus“ durfte ich eine bebilderte Reportage schreiben, die ich euch hier auch gerne nochmals verlinke.

Der Beitrag kann unbeauftragte und unbezahlte Werbung enthalten. Als unbeauftragte Werbung gilt die Erwähnung oder Empfehlung von Produkten, Marken und Leistungen jeglicher Art.

GALÁPAGOS / ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 15: Löffelliste Santa Cruz und sowas wie Fremdweh

Finale: San Cristóbal – Santa Cruz – Ecuador

16. – 20. Dezember 2019

Uuuäääähhhhh… Echtes Morgen-Grauen um 6:00 Uhr. Mit weniger als fünf Stunden Schlaf hängt der Körper in San Cristóbal, der Rest irgendwo im Wolkenkuckucksheim.

Grundnahrungsmittel Pseudo-Kaffee (pulverisiert, die Not ist groß) und Anti-Brech-Pille pimpen den Kadaver für das Bevorstehende. The same Procedure as – ach, ihr wisst schon…

Werde ganz innig und beinahe sentimental vom herzigen Gastgeber Pepe gedrückt und verabschiedet. Dann zum letzten Mal auf die Fähre, die mich um 7:00 Uhr nach Santa Cruz beamt. Zurück zum Ausgangspunkt. Könnte auf der zweistündigen Fahrt unterwegs ja ne Runde in den Pazifik hüpfen, Haie „kann“ ich jetzt schließlich.

Wiedersehensfreude in Santa Cruz

Gestrandet auf Santa Cruz hat die Quartiersuche alleroberste Piorität. Die morgendliche Mission ist von Erfolg gekrönt. Residiere in einem Hotel – Asche über mein elitäres Haupt – in zwei dekadent großen Zimmern (jeweils mit Doppelbett) und eigenem Bad. Gönn dir, auf die letzten Tage. Eigentlich fällt das unschlagbare Preis-Leistungsverhältnis die Entscheidung. Ist sogar günstiger als die etwas abgeranzte Unterkunft, in der ich hier vor einigen Tagen war. Dafür latscht man knapp zehn Minuten zum Meer. Stört mich keineswegs.

Soeben angekommen und auch gleich verabredet. Fühle mich wahnsinnig „local-like.“ Treffe nämlich meine Reisefreundin Nicole, die ich gleich zu Beginn im Ecuador-Wanderbus kennenlernte und mit der ich schon einiges erlebt habe. Witzigerweise sitzen wir in ein paar Tagen sogar im selben Flieger zurück nach Deutschland. Nee doch nicht witzig, Rückflug nach Deutschland im Winter.

Schon von Weitem sehe ich Nicole in dem zum Meer ausgerichteten Straßenlokal. Große Wiedersehensfreude! Mit leckerem Cappucchino und Cocos-Saft spülen wir den neuesten Reiseabenteuerdratsch hinunter.

Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell man mit manchen Menschen vertraut wird. Es spielt überhaupt keine Rolle, wie kurz man sich erst kennt. Besonders, wenn man abenteuerliche Erlebnisse teilt und viel Zeit zusammen beim Reisen verbringt, lernt man sich recht schnell, ziemlich gut kennen. Und in Glücksfällen trifft man die perfekt passenden Arsch-auf-Eimer-Menschen.

Wiedersehen mit Nicole. Wenn aus Reisebekanntschaft Freundschaft wird, darf’s zum Nachmittag auch mal Sangria sein

Die Lavaschlucht Las Grietas

Nach regen Gequatsche nehmen wir einen der noch offenen Punkte der Löffelliste in Angriff. Dieser nennt sich „Las Grietas“. Ein Taxiboot tuckert uns zur Anlegestelle gegenüber des Piers und wir traben zu der bekannten Felsenschlucht. Einer Schlucht, die mit Süßwasser gespeist wird, also weniger salzig und zum Baden geeignet ist.

Mit dem Wassertaxi zur gegenüberliegenden Bucht

Bereits die kleine Wanderung ist äußerst beeindruckend. Erst kommen wir am kleinen Strand „Playa los Alemanes“ vorbei, dann geht es entlang weiß-rosafarbener Salinas.

Salinas bei Las Grietas

Die Farbkontraste des braunen Weges, den unzähligen Opuntien (das sind diese Baumstamm-Kakteen) und den weißgrauen dürren Sträuchern sind toll. Ich traue meinen Augen kaum, als plötzlich vor uns ein komplett pinkfarbener Tümpel auftaucht. Sowas habe ich noch nie gesehen.

Pinkfarbener Salzsee

Es führt ein gut beschilderter Weg führt zur Lavaschlucht. Man kann sich gar nicht verirren. Über Holzstufen steigt man zum Ufer hinab. Rechts und links ragen dunkelgraue Felswände empor. Das glasklare Wasser erlaubt den ungetrübten Blick auf die Fische und bis zum Grund. Etliche Badefreudige tümmeln sich in der Grotte und an dem kleinen Uferstreifen.

Schöne Wanderwege zu Las Grietas

Kristallklares Wasser in der Grotte

Hochmotiviert, aber als maßlos selbstüberschätzter Deepwater-Profi, tunke ich den Kadaver in das seichte Nass. Ein Leichtes, nach meinem Tiefsee-Abenteuer! Uiuiuiiii, arschkalt! Vielleicht fange ich besser nur mit den Füßen und Waden an, um den Kreislauf zu stabilisieren. Ist ja völlig ungesund, bei 48° Grad Außentemperatur (gefühlt) direkt durch die Eisschicht in die arktische Tiefkühlsuppe zu brechen. Nicole schaut grinsend zu und schweigt. Sie kennt mein Wasserweichei-Kältesyndrom schon. Um mir nicht die totale Blöße zu geben, quäle ich mich ein paar nicht enden wollende Schwimmzüge. Dumm, dass meine gepresste Geburtsvorbereitungskursatmung für eine Bewußtseinsveränderung im Kopf sorgt. Ich kapituliere. Ist die Brühe zu kalt, bin ich zu schwach.

Nicole hingegen taucht entspannt ein und schwimmt von Dannen. Pffff… Da passe ich lieber am Ufer auf unseren Krempel auf. Bemüht, die Hautfarbe von adeligem Bläulich wieder in knusprige Sonnenbräune zu verwandeln.

Luftgetrocknet und zurück auf Betriebstemperatur gehen wir den Weg oberhalb der Schlucht ab. Der Blick hinab ins Wasser ist genial. Selbst von hier oben kann man den Meeresboden sehen.

Blick in die langgezogene Schlucht
Der Weg führt oberhalb der Schlucht durch Bäume und Opuntien zu einer Aussichtsplattform

Aussichtspunkt bei Las Grietas

Wir beobachten die Schnorchler in der Grotte und genießen den Panoramablick über den weiten Ozean von der Plattform. Den restlichen Nachmittag verdüseln wir am Playa los Alemanes, bevor das Wassertaxi uns das kurze Stück zum Pier zurück schwimmt.

Playa los Alemanes

Nachdem wir wieder salonfähig und vorzeigbar sind, treffen wir uns zum gemeinsamen Abendessen. Ich habe Nicole von der einen Straße im Ort erzählt, die nach Sonnenuntergang für Autos gesperrt und zur ultimativen Schlemmermeile wird. Alle Restaurants bauen ihre Tische und Stühle draußen auf und verwandeln die Gasse über ein paar Stunden zum kulinarischen Dreh- und Angelpunkt. Mit viel zu leckeren Schirmchengetränken und köstlichen Speisen schlemmen wir uns satt und lassen den Abend in einer chilligen Bar beim Hafen ausklingen.

Guter Kaffee am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen (bevor sie entstehen)

Ich schwelge in koffeeinhaltiger Seeligkeit. Habe ein hippes schnuckliges Café und somit mein Morgenglück in kräftig gerösteter Gaumenfreude gefunden! Für Tische ist in der kleinen offenen Holzbude kein Platz. Dafür sitzt man auf Barhockern innen und außen entlang der Theke.

Kaffeeglück auf Galápagos
Cappucchino und Schreib-Zeit, perfekter Morgen-Start

Vor lauter Verzückung wegen der überragenden Auswahl, habe ich versehentlich über meine Verhältnisse gebechert. Ein Blick in den Geldbeutel bestätigt das Unheil: Ich muss die Zeche prellen. Vor Scham will ich sofort mit Betonschuhen im Ozean versinken. Peinlichst berührt gestehe ich der freundlichen Kaffeefrau meinen Fauxpas. Sie ist völlig gelassen und winkt verständnisvoll ab. Mit dem Versprechen, gleich wieder zurück zu sein, leiste ich eine Anzahlung und düse zum Geldautomaten (gemäß Murphys Law sind die ersten beiden defekt und ein drittes Gerät – funktionierend – in entgegengesetzter Richtung). Mit spanischen Entschuldigungen kann ich endlich meine Schulden begleichen.

Ich könnte es nicht treffender formulieren!

Los Gemelos – alles andere als Gammelprogramm

Gepusht von Koffeein und Verlegenheitsadrenalin muss erst mal ne gepflegte Portion Sport her! Zudem steht auf der Löffelliste auch „Los Gemelos“. Kann man ja prima kombinieren.

Beim dritten Anlauf finde ich endlich einen Fahrradverleih, der mir für den angebrochenen Tag und zu einem angemessenen Preis ein Bike vermietet, das sich als überraschend tauglich herausstellt. Sogar mit einem Not-Reparaturset werde ich ausgestattet – nicht, dass ich damit umgehen könnte. Aber es ist ja wie mit Regenjacken: Hat man es im Gepäck dabei, braucht man’s nicht.

Per Maps checke ich die Route zu den Kratern „Los Gemelos“. Aha, 22 Kilometer. Das angegebene Zeitfenster für die Fahrt erscheint mir lang und irritiert mich etwas. Rückwirkend betrachtet war es realistisch, da ich von den rund 600 zu bewältigenden Höhenmetern nix wusste. Glücklich die Unwissenden.

Uffbasse! Schildkröten und teils verkackte Radwege

Die Temperaturen sind perfekt zum Biken. Bewölkter Himmel, nicht zu heiß, der Schweiß läuft trotzdem ordentlich. Parallel der Hauptstraße führt der Radweg, konsequent moderat ansteigend, weg vom Meer hinein ins Landesinnere. Die ganzen Radwege auf der Insel sind super. Leider ist der hier irgendwann über mehrere Kilometer mit matschigen Exkrementen zugekleistert. Scheinbar hat den ein Güllewagen geteert. Vom mistfabrizierenden Viehzeug fehlt allerdings jede Spur. Zudem liegen etliche tote Vögelchen auf dem Weg. Sehr seltsam.

Je weiter ich fahre und je höher ich komme, desto kühler wird es. Es beginnt zu nieseln. Die Landschaft hat sich verändert. Als würde der Weg vom Ozean direkt in die grünen Highlands führen, denke ich. Leider ändert das am Geschiss nix. Mit jeder Reifenumdrehung fliegt mir, im wahrsten Sinne des Wortes, die feuchte Kacke um die Ohren. Grenzwertig eklig, ohne Schutzbleche. Mit einem Ast puddel ich irgendwann kiloweise Scheiß aus dem Reifenprofil, ziehe die Regenjacke über und strample weiter. Augen und Klappe zu und durch. 19 Kilometer Anstieg, noch immer kein Ende in Sicht. Im Gegenteil, jetzt wird der nasse Radweg richtig steil. Vergnügungssteuerpflichtig ist das nicht mehr. Aber aufgeben ist keine Option! Das wird durchgezogen!

Zweifelnd, ob ich jemals an der vorgesehenen Stelle ankomme, erreiche ich das erlösende Schild am Parkplatz.

Angekommen! Nach 22 Kilometern durch die Kacke nach oben

Etwas mehr Wanderung habe ich mir bei „Los Gemelos“ aber doch vorgestellt. Keine fünf Minuten Marsch vom Parkplatz weg, stehe ich bereits vor dem größten Gemelos-Krater. Etwas weiter durch den dicht bewachsenen, mystischen Scalesiawald, der einmal kurz von der Hauptstraße unterbrochen wird, kommt man zu dem Kleineren. Die rund 64 m tiefen Zwillingskrater entstanden durch den Einsturz unterirdischer Magmakammern. Der Ausblick ist mächtig beeindruckend. Verdammt schön hier. Und in Kombination mit der sportlichen Radelei die perfekte Halbtagestour.

Durch urige Scalesiawälder zu den beiden Vulkankratern
Blick in die gigantischen Zwillingskrater Los Gemelos

Die gequälten Beine haben Schonzeit. Bis auf ein paar kurze intervallartige Steigungen, fliege ich 22 lange Kilometer vom feucht-kühlen Nebelwald runter an die Sonnenküste. Unterwegs entdecke ich zufällig eine Riesenschildkröte, die an einem Seitenpfad im hohen Gras sitzt. Dann treffe ich noch ein bekanntes Pärchen aus Freiburg, das mir von einer Bushaltestelle im Nirgendwo zuwinkt. Die beiden lernte ich vor Tagen in meiner ersten Unterkunft in Santa Cruz kennen. Die Welt ist ein Dorf. Da ich ständig „Bekannte“ auf den Inseln treffe, fühle ich mich auch schon sehr heimisch.

Direkt neben der Hauptstraße sitzt eine Riesenschildkröte im Gras

Im Hotel erst mal von jeglichem Scheiß und Schweiß befreien und in die vorzeigbare Mensch-Variante verwandeln, bevor ich wieder mit Nicole im Ort verabredet bin. Morgen heißt es adios Galápagos. Ich will es nicht wahrhaben. Zumindest Nicole treffe ich übermorgen am Flughafen wieder, dann geht unsere Maschine zurück nach Deutschland.

Das Schirmchengetränk hat heute Abend einen bitteren Beigeschmack von Melancholie und Abschiedsschmerz.

Abschieds-Caiphis mit Weihnachtsflair
Rettungslos verliebt, der Abschied schmeckt bitter

Der Körper zieht weiter, das Herz bleibt hängen

Drei Faktoren machen einen blöden Morgen aus: Müdigkeit, kein Kaffee und viel zu wenig Nacht.
Erschwerend kommt die Rückreise nach Guayaquil hinzu. Bäääh!

Um 7:30 Uhr bringt mich ein Taxi vom Hotel zur Bushhaltestelle. Dann 40 Minuten Busfahrt ins Hinterland zum Canal de Itabaca. Einen Teil der Strecke, die ich gestern raufgeradelt bin. Heute regnet es unterwegs richtig dolle. Da war das Geniesel gestern weitaus besser.

Am Canal de Itabaca setzt die Fähre binnen weniger Minuten über nach Baltra.
Dann im Busshuttle zum Flughafen und nach Guayaquil. „Die Area 51„, wie ich die anstrengende Stadt der vielen verbotenen und gefährlichen Straßen nenne. Noch kann ich einfach von der Fähre flüchten und rüber nach Isabela schwimmen…

Bin viel zu früh am Flughafen. Noch knapp drei Stunden bis Abflug. Für ein Geduldsmonster wie mich, eine Herausforderung. Mit einem bappsüßen Cappucchino (der Barista gehört gefeuert!) vergrault man mich von der Insel.

Zurück in Ecuador

Vom Flughafen gehe ich nicht über LOS sondern direktomundo per Taxi ins Hostel. Die Unterkunft hatte ich bei meiner Abreise ich vor einigen Tagen gleich wieder reserviert. Der Fluxkompensator katapultiert mich quasi vom Flora-Fauna-Inselidyll mitten rein in den stickig-siffigen Asphaltterror.

Den restlichen Tag über ist stundenlanger Großstadtdschungel-Nahkampf angesagt. Resümee am Abend: Es sind noch alle Körperteile dran und alle wenigen Habseligkeiten da. Wie es sich gehört, habe ich mich selbstverständlich auch wieder verlaufen! Selbst maps.me hat in dem ganzen Chaos die Grätsche gemacht und mich hängen lassen. Dafür kümmert sich eine äußerst freundliche Einheimische und begleitet mich den gesamten Weg zurück zum Hostel. Wahrscheinlich zu gefährlich für die herumirrende deutsche Gringa nach Sonnenuntergang (ich wollte ja längst zurück sein). Während ihr Sohn mich mit großen Augen anguckt, drückt ihr kleines Mädchen beharrlich mit ihren Fingerchen auf meiner Uhr rum, die dabei jedesmal leuchtet. Klappe halten und dankbar sein, disziplinierte ich mich.

Heimweh? Nö das ist Fremdweh

Rumms! Da isser. Wurde nicht eingeladen, hat nicht angeklopft und türmt sich trotzdem unerlaubt vor mir auf. Der letzte Morgen, der letzte Tag, die letzten Stunden. Wenn ich nicht spontan irgendwo unter die Räder komme, steht dem Rückflug tragischerweise nichts mehr im Wege. Fühlt sich jetzt schon an wie Heimweh, nur umgedreht. Wie nennt man das? Vermutlich Fremdweh. Ich bin nicht bereit, will noch so viel sehen in Ecuador, noch in diesem wunderschönen Land bleiben.

Vor elendig langen Flügen ist artgerechter Auslauf furchtbar wichtig. Deshalb latsche ich mir den Abschiedsfrust am Malecón 2000 raus. Um an die kilometerlange schicke Flusspromande zu gelangen, geht’s erst einmal schön durchs Ghetto. Ein befremdliches Gefühl, als ich die käfigartig vergitterten Geschäftsläden sehe, durch deren Metallstäbe die Verkäufe geschoben werden. Heißes Pflaster hier, nicht allein wegen der kuschligen Außentemperatur.

Käfighaltung für Verkäufer. Kein Wohlfühl-Gefühl

Die Antennen auf Habacht-Stellung ausgerichtet, in der Hand einen erfrischenden Wassermelonensaft, hühnere ich durch die vor Hitze flirrenden vollen Straßen in Richtung Zentrum.

Die schönen Ecken von Guayaquil

Das Umfeld wird allmählich angenehmer. Hier taucht sogar wieder die Polizei auf. Und es gibt Grünanlagen. Rundum stehen imposante Bau-Klötze. An einem hohen Gebäude lese ich „Bombero“, der spanische Begriff für Feuerwehr. Ich lache. Bei Bombero denke ich irgendwie an ein würziges, hochprozentiges Glühgetränk.

Feuerwehrhaus in der Hauptstraße Avenida Nueve de Octubre

Auffallend ist auch, dass vor wirklich jedem Bankautomaten immer meterlange Menschenschlangen stehen.

Der Brett schlägt unerwartet am Malecón in Form von optisch-aktustischem Weihnachtsoverkill gegen die Birne! Über die lange Uferpromenade schmettert live gesungenes Weihnachtsliedgut aus erstaunlich starken Lautsprechern. Guayaquil ist im Ausnahmezustand, die Leute flippen förmlich aus.

Malecón mit großzügigem Weihnachtsbaum
La Perla, mit 57 Metern das höchste Riesenrad Südamerikas

Als Elfen verkleidete Kinder tanzen zwischen quietschbunten, überdimensionalen Plastik-Lollis und Zuckerstangen auf dem Weihnachtsmarkt rum. Richtig gelesen – Weihnachtsmarkt! Mit Holzbuden und viel quatschigem Plunder. Und ich Weihnachtsgrinch mitten im Epizentrum! Dabei bin ich extra dem deutschen Dezemberwahnsinn entflohen.

Hochsommerlich-weihnachtliches Guayaquil

Menschenmassen auf den Märkten und in den Straßen

Am Monument Hemicycle de la Rotonda an der Flusspromenade und den großen GUAYAQUIL-Lettern (natürlich passend weihnachtlich anmutend) sind riesige Nussknacker, ein überdimensionaler Weihnachtsbaum und ein Karussell aufgebaut. Die Hitze brutzelt allmählich mein Hirn weich. Zur Abkühlung kippe ich mir großzügig frisches Wasser aus den Brunnen über. Hoffentlich nicht meine letzte Waschmöglichkeit, bevor ich in den Flieger steige, sonst bapp ich da drin fest.

Es weihnachtet sehr, auch am Monument La Rotonda

Tatsächlich schließe ich gegen Ende meinen Frieden mit Guayaquil. Nachdem ich die Stadt genauer unter die Lupe nehmen konnte, habe ich einige wirklich hübsche Ecken gefunden. Allen voran das charismatische Künstlerviertel „Las Peñas„, das sich farbenfroh über den Hügel Santa Ana erstreckt. Hier befindet sich auch die älteste Straße der Stadt, zahlreiche bezaubernde Ateliers, Bars und viele bunte, alte Häuser. Sogar Che Guevara soll hier einst gelebt haben. Durch das Viertel geht es 444 nummerierte Treppenstufen hinauf zum Cerro de Sante Ana, wo die Stadt 1547 gegründet wurde.

Die kleinen, verlockenden Seitengassen sind für „Eindringlinge“ wie mich definitiv zu vermeiden. Mein Fehltritt wird mit verächtlichem Blick, wütendem Wink und unverständlichem Angeraunze quittiert. Verstanden, hier habe ich nichts verloren. Entschuldigend trolle ich mich.

Künstlerviertel Las Peñas
Alle Treppenstufen sind durchnummeriert

Auf dem Hügel angekommen, erreicht man den bereits von Weitem sichtbaren blau-weißen Leuchtturm und eine kleine Kapelle. Steigt man die weiteren Stufen der Wendeltreppe im Leuchtturms hinauf, sind den Augen keine Grenzen mehr gesetzt.

Blick auf das Künstlerviertel und die Kathedrale
Der Leuchtturm von Guayaquil
Die Flussmetropole von oben, links Tourimeile Malecón am Rio Guayas und die Insel Santay

Auf dem Rückweg zum Hostel bummel ich am Plaza Bolivar vorbei und schaue mir die Urzeitviecher im Parque Seminario, oder auch „Parque de las Iguanas“ an. Hier lebt eine Kolonie von über 300 Landleguanen auf der Wiese und in den Bäumen.

Auf dem Plaza Bolivar befindet sich zudem die Reiterstatue Simón Bolivar, gegenüber thront die stattliche Kathedrale von Guayaquil. Ordentlich Tamtam für eine kleine städtische Grünanlage.

Kathedrale und Reiterstatue des Befreiers Simón Bolivar im Plaza Bolivar und dem integrierten Parque de las Iguanas
Der Park mitten in der Stadt ist in Leguanbesitz

Reisen enden, Erinnerungen bleiben

Im Hostel bleibt kaum Zeit, mich im engen Gäste-WC unter den Wasserhahn zu hängen und flugfein zu machen, schon steht das Taxi vor den hermetisch abgeriegelten Toren. Ein letzter Kampf durch übervolle Straßen, dann werde ich vom Taxifahrer mit meinem Rucksack vor dem Flughafenterminal abgestellt. Das war’s dann also…

Nicole ist bereits da. Auch sie mag nicht ins kalte Deutschland. Ein kleiner Trost. Geteilter Abschiedsschmerz ist halber Abschiedsschmerz. Wir ertrinken ihn unerfolgreich im Flughafen-Starbucks bei einem großen Becher Cappucchino, während wir auf unsere Maschine nach Amsterdam warten.

DANKE für dieses Leben – DANKE an euch!

34 Tage pures Abenteuer liegen hinter mir. Atemberaubend, unvergesslich, freudentränenreich, unfassbar, emotional! Es war übelst grandios und der Dankbarkeit, die mich erfüllt, werden Worte eh nicht gerecht.

Alle treuen Gefährten, die ihr bis hierhin mitgelesen habt und die ich quer durch Ecuador zerren und auf Galapagos mitnehmen durfte, meinen aufrichtigen DANK für euer Interesse und eure Zeit, die ihr dem Blog geschenkt habt. Ich hoffe, ich konnte euch ein wenig aus dem Alltag entführen und euch eine Brise Reiseabenteuer in die heimischen Wände wehen. Ich würde mich riesig freuen, wenn ihr auch künftig mitkommt. Ihr könnt auch gerne meinen Blog abonnieren, dann werdet ihr einfach über neue „Ausreißer“ informiert. Ihr seid herzlich eingeladen.

Denn eines kann ich euch versprechen: Nach der Reise ist vor der Reise. Man könnte auch sagen, ich stehe bereits mit scharrenden Hufen in den Startlöchern 🙂

Kennt ihr auch Fremdweh? Oder habt ihr eher Heimweh? Oder in der Ferne Heimweh und daheim Fernweh? Vielleicht liebt ihr es ja auch zu Reisen, seid aber jedesmal froh, wenn ihr wieder zu Hause seid? Wie ist das so bei euch?

Dieser Beitrag kann unbeauftragte und unbezahlte Werbung enthalten. Als unbeauftragte Werbung gilt die Erwähnung oder Empfehlung von Produkten, Marken und Leistungen jeglicher Art.

GALÁPAGOS / ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 14: Noch mehr Seelöwen, Seefahrten des Grauens und Hai-End-Erfahrungen

Von Isabela über Santa Cruz nach San Cristóbal

13. – 16. Dezember 2019

Es soll ja durchaus einen Vorteil haben, wenn um 4:50 Uhr der Wecker klingelt. Welcher war das nochmal?! Ach so, Sonnenaufgangserlebnis…

Sonnenaufgang am Pier von Isabela

Am Pier in Isabela wieder der übliche Check auf Früchte, Samen und saubere Wanderschuhe, bevor um 6:00 Uhr die Fähre zurück nach Santa Cruz brettert. Der Abschied fällt schwer. Zu wissen, was mir auf dem Wasser blüht, trägt nicht wirklich zur Förderung des Wohlbefindens bei. Darauf erst mal eine Reisetablette!

Es folgt die bekannte Prozedur: Wassertaxi, zwei Stunden Pazifik-Apokalypse, Wassertaxi. Mir gegenüber hängt ein armer Kerl und kübelt sich die Seele aus dem Leib. Ich strecke ihm einen Blister Reisekaugummis hin. Er mag nicht. Füttert stattdessen weiterhin fleißig die Fische. Die ganze Fahrt über, sogar als wir gemütlich in den Hafen shippern. Es ist kein Vergnügen auf dem Kutter…

In der Reiseagentur in Quito, hatte man mich bei meiner Flugbuchung bereits vor den Überfahrten gewarnt. Damals der Grund, mich gegen San Cristóbal zu entscheiden. Sonst hätte ich gleich einen Gabelflug nach Baltra und zurück von San Cristóbal gebucht. Aber wie es so ist auf Reisen, viele Wege entstehen spontan und Planungen werden sowieso völlig überbewertet.

Hilfe, es weihnachtet sehr

Deshalb muss ich jetzt erneut nach Santa Cruz, dort hoffentlich ein Ticket für die andere Fähre ergattern, sechs Stunden die Zeit verdödeln und am Mittag weitere zwei Stunden dem Schleuderwaschgang fröhnen.

Ich springe aus dem Boot und renne zum erstbesten Schalter. Wueppa, das Ticket! Die freundliche Dame bietet mir sogar an, meinen Rucksack zu verwahren. Ein Angebot, dass ich bei der Hitze gerne annehme.

Beim Rumlungern erheitert mich die mit Abstand geilste Weihnachtsdeko. Hier werden neue Maßstäbe kreativer Dekoration gesetzt. Während ein City-Aufpimp-Team auf dem Marktplatz in Isabela drei volle Tage in aufwendigster Hand- und Schnibbelarbeit aus Stoffbahnen einen Weihnachtsbaum zusammenbastelte, wird das Auge am Pier Santa Cruz von einer großen Krippe begrüßt. Darin gesellen sich, neben Josef, Maria (in Menschengröße) und Jesuskindlein, ein Seelöwe, Flamingo, Riesenschildkröte und Blaufußtölpel. Nicht minder sensationell ist der Schlitten des Weihnachtsmannes. Der ist nämlich hochseetauglich und wird nicht von langweiligen Rentieren gezogen – die würden sich ja hier totschwitzen oder ertrinken – sondern von Seepferdchen und Delfinen.

Tierisches Krippenspiel im Galápagos-Style
Für alle, die sich fragen, wie der Weihnachtsmann von Insel zu Insel kommt…

Die verbleibende Zeit hühnere ich durch den Ort, schlabbere Café und gar köstlichsten Kokossaft und sehe dem tierischen Treiben am Fischmarkt zu.

Fischmarkt in Santa Cruz – immer ein Spektakel

14:00 Uhr, erneut auf hoher See. Und souverän den dämlichsten Platz ausgesucht. Zwei lange Stunden ergießt sich ein spezielles Wellness-Spa-Programm, in Form von kaltem Salzwasser, über meinen Kadaver. Ein aufmerksamer Mitmatrose kramt nach seiner Regenjacke und reicht sie rüber. Dankbar hülle ich mich ein. Derweil befindet sich meine Sitznachbarin – nicht verwandt und nicht verschwägert – in ihrer Tiefschlafphase. Selig ruht ihr Kopf auf meiner Schulter. So ist das, ein Geben und ein Nehmen.

Nach endloser See-Schaukelei endlich angekommen

16:00 Uhr, der Hafen von San Cristóbal! Das Leiden hat… noch kein Ende. Über Lautsprecher schmettern uns die schrägen Klänge des Kinder-Christmas-Chor entgegen. Daneben blinkt ein riesiger Weihnachtsbaum. Oh du heilige Scheiße…

Und auch auf San Cristóbal bekommt das Auge erst mal nen Weihnachtflash
Endlich angekommen

Die Unterkunftssuche gestaltet sich auch hier als völlig unkompliziert. Und ich bekomme wieder einen Preisnachlass auf das Zimmer, da ich nicht vorab über ein Buchungsportal reserviert habe. Den restlichen Tag latsche ich den Ort ab. Die Seelöwen hier sind der Hammer! Der ganze Strand an der Promenade liegt voll. Und was die für einen Lärm machen! Besonders die Jungen. Nach Sonnenuntergang dröhnt ihr Gebrüll durch die Straße.

Nachdem ich mir am Morgen in der Hostel-Küche ein Überlebens-Koffeeingetränk gebraut habe, begleitet mich Pepe zum Pier. Pepe ist mein Herbergs-Opa, unheimlich mitteilsam, total herzig und ganz arg kümmernd. Er hat Kontakte zu einer Agentur und könne mir einen Freundschaftsrabatt für eine Tour aushandeln, verrät er leise. Er schleppt mich in einen abgeranzten Laden und ich ergattere einen der letzten freien Plätze für die beliebte 360-Grad-Tour. Der Tagesausflug gehört zum absoluten Must-Do auf San Cristóbal und ist überall meist tagelang im Voraus ausgebucht.

San Cristóbal via Drahtesel

Nach einem sensationellen Frühstück (göttliche Pancakes, lauwarmes Birchermüsli mit frischen Früchten und Cappucchino) mit Meerblick, falle ich in den Fahrradverleih gegenüber ein. Miete einen Drahtesel für den halben Tag. Und zwar die „Klapper-Deluxe-Version“ in der edlen Sonderedition „Rostige Bremse“. Denn schlechte Bremsen hat’s gute und viel Luft in den Reifen hat’s wenig. Bevor ich mich auf den Sattel schwinge, bitte ich um eine Luftpumpe. Die zwei Señores vom Verleihamt pumpen minutenlang und fragen amüsiert, ob ich denn den spanischen, sehr populären Hit mit meinem Namen kenne. Auf meine Verneinung schmettern sie mir mitten auf der Gasse enthusiastisch ein persönliches Ständchen. Meine Freude über ihre Performance signalisiere ich durch munteres Mitgewackel und Honigkuchenpferdgrinsen. Singen können sie besser als pumpen, viel „luftiger“ sind die Reifen nicht geworden. Gutgelaunt schicken sie mich von Dannen, mit dem Argument, bei meinem Gewicht würde das reichen.

Mehr Schein als Sein. Es klappert, bremst nicht, hat kaum Luft in den Reifen

Playa Punta Carola, Tijeretas und der einsame Strand Baquerizo

Mit viel Bodenhaftung strampel ich zum Playa Punta Carola, kette das Rad an (der blanke Hohn, Fahrradschloss ist wertvoller als das Vehikel) und wandere zum Strand. Ungewohnt viel los hier. Seelöwen und Schnorchler vergnügen sich in den Fluten und im Sand. Ich laufe weiter hinauf zum Aussichtspunkt Tijeretas. Kein Wölkchen am Himmel, die Sonne brennt unerbittlich. Die Plattform belohnt mit einem gigantischen Blick auf die türkisfarbene Bucht und den weiten Pazifik.

Der Pfad zur Aussichtsplattform Tijeretas
Paradiesischer Blick auf die Bucht und die Schnorchler

Ich beobachte die Schnorchler im Wasser und bekomme eine Vorahnung auf den legendären Kicker Rock in der Ferne. Wegen des enormen Hai-Aufgebotes ist er DIE Anlaufstelle aller Taucher. Von Tijeretas führt der Weg weiter durch eine völlig bizarre Landschaft. Die Kontraste der weißgrauen trockenen Bäume, schwarzen Lavafelsen und dem tiefblauen Himmel ist einfach phantastisch.

Als Weg kaum erkennbar, doch es gibt immer wieder Wegweiser

Eine knappe Stunde folge ich der steilen Sandpiste bergab und balanciere weiter über große Steine bis zum entlegenen Strand Baquerizo. Kein Mensch unterwegs. Nur eine einsame Katze kommt miauend auf mich zu. Wo kommt die denn her? Den gleichen Weg geht es wieder zurück, rund sechs Kilometer insgesamt.

Der einsame Strand Baquerizo

Danach radel ich zum „Centro de Interpretaciones“. Einem Museum über die Entstehung und politische Geschichte des Archipels, Erläuterungen, wie die ersten Tiere auf die Inseln kamen und sich Galápagos sowie die Bevölkerung im Laufe der Jahre verändert haben. Auch hier ist der Eintritt frei, wie üblich registriert man sich am Eingang.

Nach dem Besuch klappere ich weiter. Positiv betrachtet ist ja zumindest alles was klappert noch am Fahrrad dran. Vorbei am Playa Mann mit kurzem Seelöwen-Staun-Stop, genieße ich den Sonnenuntergang am etwas abgelegenen weißen Sandstrand Loberia. Hier ist mächtig was geboten! Die Seelöwen-Hochburg. Mit ihrem Nachwuchs wälzen sie sich im Sand und spielen in den Fluten. Loberia ist ein sehr beliebter Badestrand und Publikumsmagnet. Entsprechend viele Zuschauer haben die drolligen Gesellen.

Der wohl bekannteste Strand auf San Cristóbal – Loberia

Bevor ich meinen fahrbaren Untersatz zurückbringe, buche ich sicherheitshalber schon mal die Fähre für übermorgen zurück nach Santa Cruz. Drei Nächte San Cristóbal reichen.

Radtour mit Wandkunst, hier der Léon Dormido (schlafender Löwe) oder auch Kicker Rock genannt. Beliebter Tauch-Spot wegen der vielen Haie

Spektakuläre 360-Grad-Tour

Nach 4 1/2 Stunden Schlaf startet der Tag mit Strom- und Wasserausfall. Der arme Pepe ist völlig aufgelöst und schleppt mir mit vielen Entschuldigungen einen Eimer Wasser zum Waschen und Zähneputzen an. Alles kein Drama, versichere ich ihm lachend. Er lässt es sich natürlich auch nicht nehmen, mich in aller Frühe runter zum Pier zu begleiten. Und er ist ja so redefreudig. Man muss ihn einfach gern haben.

Kurz nach 7 Uhr stehe ich also schon wieder in dem dubiosen Laden, in dem ich tags zuvor die 360-Grad-Tour gebucht und am späten Abend noch das Schnorchelequipment anprobiert habe. Taucherbrille und Schnorchel waren völlig verstaubt, der Wetsuit total verschlissen… Jetzt bin ich verdammt gespannt, was das da auf mich zukommt.

Es geht einmal mit dem Boot um die Insel. An mehreren Top-Spots wird zum Schnorcheln gehalten. Einer dieser Top-Spots ist ein Hai-Hotspot mit Riff- und Hammerhaien. Hai-end quasi. Will ich das wirklich?!

Viele Stunden später:
AAAAAAAAAAHHHHHHHHH!!!!!!!!!!! Bin immer noch komplett am eskalieren!!!!

Ernsthaft, das Schnorcheln bei Los Tuneles war Kindergeburtstag! Sozusagen die Feuertaufe für den heutigen krassen Scheiß! Ich stehe psychisch und physisch – und überhaupt – völlig neben mir! Aber der Reihe nach.

Um 7:30 Uhr legt der Kotz-Kutter am Pier ab und ich versichere euch, der Name ist Programm. Abwechselnd sehen sich zwei Jungs unserer zehnköpfigen Gruppe die Fluten aus allernächster Nähe an. Yepp, das kennt man ja bereits. Ich bin unterdessen gechillt auf’m Seepillen-Trip, oder wie ich es nenne, mit „Galápagos-Frühstück“ intus. Den Jungs reiche ich auch welche rüber und verspreche: „In 20 Minuten ist eure Welt wieder in Ordnung.“

Erster Stop – Rosa Blanca Bay

Wet landing in der Rosa Blanca Bay. Das bedeutet, Schuhe aus, vom Boot ins hüfthohe Wasser springen und bis zum Strand laufen. Noch niemals in meinem Leben habe ich solch einen schneeweißen Sandstrand gesehen! Es ist so grell, dass es in den Augen brennt.

Andres, unser crazy Guide, läuft voran. Wir folgen ihm karawanenartig über einen steinigen Pfad bis zu einer Art Fels-Bassin, in dem sich Wasser gesammelt hat. Sobald Ebbe ist, trennt sich dieser Teil für einen gewissen Zeitraum vom Pazifik ab. Das Spektakuläre daran ist allerdings, dass dieser glasklare, natürliche Pool voller Haie (Haischutzzone) ist. Erst wenn der Meeresspiegel wieder hoch genug ist, kommen sie aus ihrem temporären Gefängnis. Fassungslos starren wir in dem Bassin unter uns auf die Haie, während eine Schildkröte ihre Kreise über ihnen zieht. Es ist unglaublich.

Ein kleines Bassin voller Haie, das sich bei tiefem Wasserstand vom Meer abspaltet

Die angrenzende Bucht – derzeit wegen dem tiefen Wasserstand noch vom Hai-Pool getrennt – gehört nicht mehr zur Haischutzzone. Andres verkündet, hier wird geschnorchelt. Zur Begrüßung schwimmt auch prompt ein kleiner Hai vorbei. Da bin ich inzwischen relativ schmerzfrei. Wahrscheinlich machen die vielen Reisetabletten auf Dauer die Birne buttrig… Schwimmflossen an die Latschen, Brille auf die Glubscher, Salzwasser-Schnorcheldesinfektion (würg) und den Astralkörper in die karibische Brühe versenken.

Hmmm… wieso läuft denn da Wasser in meine Taucherbrille?! Das blöde Ding hat einen Riss an der Seite! Wirklich wundern tut’s mich nicht. Der Uralt-Krempel dieses schmierigen Tourenvermittlers (dessen Hüftgezwicke und Fragerunde über meinen Beziehungsstatus in Deutschland und auf Galápagos ich heute früh gepflegt im Keim erstickte) besteht keine Tauchtauglichkeitsprüfung mehr. Crazy Andres hilft mir mit seiner Brille aus, klasse Typ. Unter dem mexikanischen Schutz eines Mit-Abenteuerers, lasse ich mich ermutigen, zum Hai zu schnorcheln und ihn kurz aus der Nähe zu betrachten.

Wizard Hill, Punta Pitt und Sardine Bay

Nach dem Schnorchelstop düsen wir mit ordentlich Tempo irgendwo im Nirgendwo vorbei an Cerro Brujo, dem Wizard Hill und der Insel Punta Pitt.

Felskanal bei Cerro Brujo

Zweiter Stop: Die Sardine Bay. Zwei Buchten, die an Sanddünen liegen und farblich einen wunderschönen Kontrast zum Meer und den grünen Pflanzen bilden. Auch dieses kleine Eiland darf nicht überall betreten werden. Dort, wo die Pflanzen zu wachsen beginnen, ist Schluss mit Gelatsche.

Wunderschön und menschenleer – die Sardine Bay

An einem Schrein aus einem vertrocknetem Kugelfisch und Schildkrötenskeletten klärt uns Andres über die Tiere und das Naturreservat auf, auf dem wir uns gerade befinden. So verrückt wie er ist, so unbestreitbar stark verbunden ist er auch mit den Lebewesen seiner traumhaften Heimat.

Was das Meer zurücklässt

Mittagspause. In der flachen Bucht tobt verspielt ein Seelöwnbaby zwischen unseren Beinen im Meer umher. Wir haben viel Zeit zum Schnorcheln, eine willkommene Erfischung in der glühenden Sonne und der Affenhitze, denn Schatten sucht man hier vergebens. Das Wasser ist kristallklar, man fühlt sich wie in einem großen Aquarium, bei all den bunten Fischen.

Seelöwenbaby, ganz müde vom vielen Spielen im Wasser
Gestrandet in der Sardine Bay, Zeit zum Chillen und Schnorcheln

Hai-Life am Kicker Rock (Léon Dormido)

Weiter zum großen Finale, dem Kicker Rock. Oder Léon Dormido, wie er auch genannt wird, was „schlafender Löwe“ bedeutet. Hierhin zieht es alle passionierten Taucher, denn hier gibt es die meiste Hai-Vielfalt.

Als die beiden immensen Felsen vor uns aufragen, bleibt mir die Spucke weg. Rund 150 Meter Gestein, getrennt durch einen Kanal. Die hohen Wellen brechen sich an den Wänden, das Wasser ist stockdunkel und tief. Sehr tief.

Andres grinst uns aus seinem Ganzkörper-Neopren abenteuerlustig an und spult ein kurzes Briefing ab: Es wird nichts angefasst. Alle Tiere sind tabu. Bloß von den Felswänden fernhalten und immer Achtung wegen der Brandung und der Strömung. Da das Boot nicht durch den Tunnel kommt, tuckert es außenrum und wartet auf der anderen Seite. Wer zu sehr friert oder keine Kraft mehr hat, kann jederzeit zum Boot schwimmen, die Leiter hängt draußen. Mit jedem Satz wird mir elendiger. Ich starre in den undefinierbaren Abgrund unter dem Boot und grusel mich fürchterlich.

Mächtige Felswände umsäumen den Kanal des Kicker Rock

Lasst mich an dieser Stelle kurz ein paar treffende Zeilen zitieren, die ich zum Kicker Rock fand: „Der Schwierigkeitsgrad beim Schnorcheln oder Tauchen ist mäßig bis anstrengend, da von einem Boot aus durch einen tiefen natürlichen Kanal zwischen den Felsen im offenen Wasser geschnorchelt wird. Die Strömungen in Kicker Rock sind stark und normalerweise kalt, aber die Meereswunder sind es absolut wert.“

Damit ist alles gesagt. Der guten Ordnung halber wiederhole ich, dass ich ein ultraübles Wasser-Weichei mit extremst ausgeprägtem Kältesensor bin. Die innere Stimme dudelt das „Ich kann da nicht rein“-Mantra in Dauerschleife. Das Hirn, kurz vorm geistigen Burnout, rödelt „Offene See, tiefes Wasser, KALT, vom Boot weg in den Kanal schwimmen?! KAHALT! Ach so, da sind verflucht noch mal H A I E !!!!“

Da mir Andres‘ Crew eine intakte Taucherbrille zur Verfügung gestellt hat, fällt zumindest die Ausrüstungsausrede flach. Keinen blassen Schimmer, wie ich die Horrorszenarien im Kopf, die Angst im Bauch und die Stimme im Ohr ausblende. Offensichtlich hat aber jemand den Vorschlaghammer auf meinen Not-Aus-Schalter draufgedonnert, denn in dem Moment platsche ich ins Wasser und tauche in die Finsternis ein. Übrigens ist am Kopf das Wasser noch viel kälter.

Als ich realisiere, dass ich mich im grenzenlosen, blauen Nichts befinde, geht mir sowas von der Arsch auf Grundeis! Holla die Enten. Ich hefte mich an Andres Flossen, der mit entspannter Geste „alles okay“ zeigt. Wenn ich schon gefressen werde, dann zumindest unter erfahrener Aufsicht.

Von der unendlichen blauen Tiefe verschlungen

Entsetzt gaffe ich ihm nach, wie er einfach abtaucht. Könnte man unter Wasser heulen, ich würde vermutlich den Meeresspiegel um einige Meter ansteigen lassen. Der Schockzustand wechselt sich mit Frostschüben, Aufregung, Neugierde, Abenteuerlust und Angst ab.

Einige Minuten später befinden wir uns mitten in dem Kanal. Zur rechten und linken Seite steigen die grauen, bedrohlichen Wände des Kicker Rock in die Höhe, unter mir kann ich rein gar nichts sehen, das Boot ist ebenfalls außer Sichtweite. „Bitte behalt jetzt die Nerven“, flehe ich innerlich und schnorchele weiter Andres hinterher. Während es vorher rund 35 Meter hinab ging, ist es im Kanal nur noch etwa 19 Meter tief. Endlich nimmt die undefinierbare blaue Masse Formen an, ich kann bis auf den Grund sehen.

Ich zucke zusammen, als ein Schatten an mir vorbeizischt. Uff, nur ein Seelöwe! Vor mir fliegt eine Schildkröte. Und dann sehe ich, dass ich umgeben bin von Schildkröten und Fischschwärmen. Völlig fasziniert gucke ich mich nach unserem Guide um. Er deutet unter sich. Der erste Hai… Andres taucht ab und ihm gemächlich hinterher.

Am Kicker Rock wimmelt es nur so von Haien

Ich komme kaum dazu, über das fehlende Boot nachzugrübeln. Oder über die anstrengende Strömung und den mächtigen Wellengang im Kanal, der den Körper permanent auf- und abschaukelt. Auf dem Meeresgrund ruhen weitere Riffhaie, einzelne Weiß- und Grauspitzenhaie schwimmen anmutig vorbei. Ich friere abartig, Hände und Füße sind eiskalt. Wir kämpfen uns mit den Wellen durch den Kanal. Auf der anderen Seite wartet unser Boot. Nach über einer Stunde Adrenalin-Ekstase verfrachten wir unsere ausgekühlten Körper bibbernd hinein. Nie zuvor habe ich mit solcher Erleichterung und Freude ein Boot bestiegen.

Überlebt! Vollgepumpt mit Adrenalin und Endorphinen

DAS war mit Abstand eines meiner heftigsten, gruseligsten, unberechenbarsten aber auch atemberaubendsten und faszinierenden Erlebnisse! Vollgepumpt mit Endorphinen schippern wir kurz nach 17 Uhr in den Hafen von San Cristóbal.

Das muss erst mal verarbeitet werden. Ich drehe noch eine Laufrunde, dusche das mehrschichtige Salzwasser ab und ziehe am Abend gemeinsam mit Ecuadorianer Raphael los. Er kommt aus Quito und ist bei mir in der Unterkunft. Auch er war heute am Kicker Rock – allerdings zum Tauchen – und ist noch immer völlig begeistert. Als er mir seine Videos zeigt, ich bin sprachlos! Der gleiche Spot, es wimmelt nur so von Haien. Als ich die großen Hammerhaie sehe, bin ich dankbar, dass ich die nicht in Flossennähe hatte! Die Viecher sind mir echt unheimlich.

Uff…  Zurück im Hostel bleiben mir noch rund fünf Stunden, bis der Wecker schon wieder klingelt. Ist Reisen anstrengend, hahaha. Zur Abwechslung steht morgen mal wieder ne Fährfahrt an. Das notwendige Übel, um zurück nach Santa Cruz zu kommen.

Dort brechen dann tatsächlich die letzten Tage an. Ich kann den Gedanken nicht leiden..

Galápagos-Life

(Teil 15 folgt)

Was war eur beeindruckendstes Tier-Erlebnis? Oder bei welchem eurer Abenteuer war die Neugierde größer als die Angst? Wobei musstet ihr euch selbst in den Hintern treten und über euren Schatten springen? Bereut ihr vielleicht sogar, die Chance auf ein Abenteuer nicht genutzt zu haben? In den Kommentaren könnt ihr gern davon erzählen, oder ihr schreibt mir. Ich freu mich 🙂

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GALÁPAGOS / ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 13: Paradies in Seepferdchen-Form

Von Santa Cruz nach Isabela und zurück

9. – 13. Dezember 2019

Latscht man um 5:50 Uhr mit rund 12 Kilo Gepäck auf dem Rücken zum Pier und das Frühstück besteht aus Tabletten gegen Seekrankheit, dann ersetzt man das Wort Urlaub ganz schnell durch die treffendere Bezeichnung Reisen. Logisch, dass die Nacht wieder verdammt kurz war, ich strecke die Tage (und Abende) bis zum Ultimo, könnte ja was verpassen!

Als ich im Morgengrauen meinen Buchungsbeleg an der Fähre vorzeige, blicke ich in fragende Gesichter. Offensichtlich stehe ich nicht auf der Liste. Somit gibt es auch keinen Zutritt auf den Kübel-Kutter. Da ist man hier sehr bürokratisch. Das ist jetzt aber doof, denke ich und erkläre mit spärlichem Spanisch, die Agentur habe mich doch telefonisch angemeldet, was ich gehört und mir schließlich schwarz auf weiß bestätigt wurde. Mit einem Wink wird mein Geplapper abgewürgt, der Security-Chef beginnt hektisch zu telefonieren. Skeptisch beäugt er mich, brabbelt furchtbar schnell ins Telefon, wirft mir einen weiteren seltsamen Blick zu und wendet sich ab. Ist ja nicht so, als würd ich auch nur ein Wort verstehen… diese Geheimniskrämerei irritiert mich. Leicht beunruhigt frage ich nach. Spanische Brocken werden mir entgegen katapultiert, yo no comprendo nada. Man dreht mir den Rücken zu, weitere verschwörerische Telefonate. Ich linse auf die Anmeldeliste und finde meinen Namen. Aha! Aber wenn ich doch draufstehe, warum dann diese Panik?! Jetzt werde ich unentspannt, die Vorstellung hier stinkt zum Himmel. Zwei Männer in offizieller Dienstkleidung kommen hinzu. Moment mal, haben die jetzt ernsthaft die Polizei gerufen?! Der Telefonmann wedelt mit meinem Reservierungswisch herum, in meinem Hirn laufen üble Szenarien von mir hinter schwedischen – ääh spanischen – Gardinen ab. Ich kralle mir einen Hombre, der aussieht, als hätte er was zu melden und frage, ob er Englisch spricht. Yes he can, halleluja! Ich frage ihn, wo das Problem liege und warum nun auch noch die Polizei da steht. Er beruhigt mich, das sei bloß die Seewache und sie bräuchten lediglich eine Gegenbestätigung, ich solle einfach warten, alles sei in Ordnung. Geduldig warten, gut, eine meiner bestechendsten Eigenschaften – NICHT!

Nach weiteren Telefonaten und erneutem Check der Anmeldeliste erspäht Telefonmann plötzlich doch meinen Namen. Seine Laune wechselt von ernst in fröhlich und wie auf Knopfdruck ist alles dufte! Das Problem war, dass auf seiner Liste „nur“ mein voller Name, aber nicht meine Passnummer eingetragen ist. Ohne Worte. Übrigens ist seine Liste maximal eine halbe Seite lang und besteht aus gerade einmal 16 Namen. Ist also nicht so, als hätte er viele Seiten durchblättern müssen, um meinen Namen zu finden. Er zog dennoch endlose Telefonate vor. Nach gut gelaunten Entschuldigungen hängt er mir meinen Kutter-Pass um den Hals.

Erleichtert schweift mein Blick über den Pier. Könnt jetzt losgehen. Moment mal, die beiden Gesichter da kenne ich doch. Es rattert im Oberstübchen, das sind Marylin und Martin! Die beiden waren mit mir vier Tage im Cuyabeno Reservat, im tiefsten Dschungel von Ecuador. Die Welt ist ein Dorf, da treffen wir uns auf Galápagos wieder!

Punkt 6:30 Uhr geht’s aufs Wasser. Zuvor werden alle Gepäckstücke auf verbotene Lebensmittel und derlei geprüft und anschließend versiegelt. Auch die Wanderschuhe werden auf saubere Sohlen kontrolliert.

Ein Taxiboot tuckert die Passagiere für 50 Cent zur Fähre. Dann geht die Luzzie ab! All meine Befürchtungen werden übertroffen! Ohne Reisetabletten hätte ich die Fahrt nicht überlebt! Zwei Stunden fetzt das Schnellboot über den Pazifik, der mächtig derbe Schlaglöcher hat! Diejenigen, die sich ebenfalls Käpt’n Blaubär-Medikamente reingeföhnt haben, erkennt man daran, dass sie willenlos rumhängen, den Kopf auf der Schulter des Sitznachbarn und trotz rabiaten Umständen gepflegt schlafen. So kommt man zumindest mit blauen Flecken davon und kübelt sich nicht zusätzlich die Seele aus dem Leib. Was auf den Booten durchaus zum „guten Ton“ gehört!

Bienvenido a Isabela

Land in Sicht!!! Der Horror hat ein Ende. Was die Taxifahrten in Ecuador sind, scheinen die Fährfahrten auf Galápagos zu sein. Nur mit deutlich mehr „Brech-Potenzial“. Getreu dem Motto: Übergeben ist seliger denn nehmen! Na, da behalte ich doch lieber. Nämlich den Inhalt in mir drin! Und genommen werden bloß die Zauberpillen.

Bevor ich von dem Speed-Kutter ins Taxiboot (1 Dollar) flüchte, checke ich unauffällig die Schulter meines österreichischen Sitznachbarn auf Speichelpfützen. Sieht trocken aus, habe ihn nicht eingesabbert, während es mich kurzzeitig komatös dahingerafft hat. Die Kombi „Reisetablette statt Kaffee“ hat meinen Körper von der Notwendigkeit entbunden, weiterhin den Aktivitätsmodus aufrechtzuerhalten. Um 9:20 Uhr betrete ich erleichtert festen Boden. Am Pier zahlt man erst mal 10 Dollar Nationalpark-Eintritt und trifft sofort auf die Seelöwen und Leguane.

Empfangskomitee auf Isabela
Seite an Seite wird gepflegt gechillt
Ein alter Kahn nahe des Piers

Ich schultere meinen Rucksack, öffne „mapsme“ auf dem Handy und trabe los. Die Hostels suchen, die ich gestern bereits selektiert habe. Gut einen Kilometer ist das gemütliche Zentrum Puerto Villamil entfernt. Auf Galápagos lohnt es sich wirklich, die Unterkünfte nicht im Voraus zu buchen. Der Steueranteil, den man (und auch die Hostelbetreiber) auf diese Weise spart, ist nicht unerheblich. Auf meiner ganzen Reise habe ich nie Probleme, eine passable freie Unterkunft zu finden.

Diesmal bekomme ich ein riesiges Zimmer mit vier großen Betten, geräumigem Badezimmer mit ausladender Warmwasserdusche und Kühlschrank, für schlappe 20 Dollar pro Nacht.

Jetzt werde ich erst mal ein nicht aus der Apotheke stammendes Frühstück einfahren und den Koffeein-Defizitpegel korrekt justieren. Der angebrochene Tag (lustiges Wortspiel in Verbindung mit dem Kotzkutter) wird genutzt, einen Überblick über die Insel zu bekommen und Touren für die nächsten Tage zu buchen.

Isabela hat wunderschöne, menschenleere Strände

Kein Zurück mehr

Es fing alles so harmlos an… Um 7:30 Uhr aufstehen, ums Eck einen Kaffee schlabbern, paar Lebensmittel einkaufen und flott ’ne sechs Kilometer Laufrunde. Hier gibt es zu sehr quirligen Seelöwen und Leguanen auch noch Flamingos.

Jede Bank auf Isabela ist von Seelöwen belagert
In der Laguna Salinas tummeln sich unzählige Leguane und Flamingos

Ich mache mir im Hostel ein kleines Frühstück und laufe zur benachbarten Agentur, in der ich gestern nachmittag zwei Ausflüge gebucht habe. Schwimmflossen und Wetsuit anprobieren, die Truppe kennenlernen und ab geht es zum Boot.

In weiser Voraussicht werfe ich mir eine Reisetablette ein! Heute erfahre ich, WAS Seegang ist. Die gestrige Fahrt kommt mir wie jetzt wie eine Tretboot-Tour vor. Unser Käptn rotzt so dermaßen übers Wasser, dass ich den zweiten Kaffee bereue. Ich kann gar nicht hinsehen. Macht alles doppelt schlimm. Mein Sitznachbar erkundigt sich, nicht ganz ohne Sorge, nach meinem Befinden. Ich versichere ihm, er habe nichts zu befürchten. Schicksalsergeben recke ich die Nase in den Wind, fokussiere die Gedanken und kneife die Arschbacken zusammen. Aus der Nummer komm ich jetzt nicht mehr raus.

Irgendwann hält das Boot mitten auf dem Meer an. Es schaukelt so abartig hin und her, dass man fast nicht stehen kann. Ich schiele vorsichtig über das Meer und sehe eine große Flosse. „HAI“, rufe ich. Die Heinz Sielmann-Auszeichnung gibt es dafür nicht, handelt sich nämlich um einen riesigen Manta. Zwei sogar. Sie schwimmen unter unserem Boot hindurch, drehen ihre weiße Unterseite nach oben und in dem Moment erkennen wir ihr enormes Ausmaß. Pablo, unser Guide, schätzt sie auf vier Meter und macht Unterwasseraufnahmen.

Bei genauem Hinsehen kann man im Wasser die dunkle Silhoutte des Mantas erkennen
Zwei riesige Tiere schweben um unser Boot herum

Mit hoher Geschwindigkeit scheppern wir weiter zum Black Rock. Ein bizarrer Felsen, der einfach so mitten aus dem Pazifik ragt und als Ruheplatz für Seelöwen, kleine Pinguine und Vögel dient. Wir wackeln in unserer Schüssel einmal drumherum.

Black Rock mitten auf hoher See

Los Túneles und die Blaufußtölpel

Nach gut 45 Minuten erreichen wir Los Túneles, die bizarre Lavafelslandschaft, die vom Vulkan da einfach so hingespuckt wurde. Wunderschön! Langsam tuckern wir durch die steinernen Kanäle, vorbei an Felsbrücken, die sich über das kristallklare, seichte Wasser schwingen. Auf den kargen Böden wachsen Kakteen, Seelöwen liegenin der Sonne.

Los Túneles

Nach einem leckeren Lunch auf dem Boot machen wir eine kleine Wanderung auf dem Lavagestein. Pedro zeigt uns Nester des so beliebten Vogels, dem Blaufußtölpel. Oder wie man ihn hier nennt „Blue footed boobie.“ Begeistert beobachten wir die Tölpel beim Brüten ihrer Eier und zusammen mit ihrem flauschigen Nachwuchs.

Blue footed boobie mit 6 Monate alten Jungvögeln

Die Boobies sind wirklich zu ulkig, nicht nur wegen ihren blauen Füßen. Die haben sie übrigens, weil sie Shrimps fressen. Tun sie das nicht, verlieren ihre Patschen die Blaufärbung und werden weiß. Ihre Artgenossen, die Rotfußtölpel, futtern sich ihre roten Treter durch Calamari an.

Zweimal jährlich, im April und September, ist Paarungszeit bei den Tölpeln. Die Männchen tanzen für die Weibchen und zeigen dabei ihre blauen Mauken, um damit die Chicas zu beeindrucken. Die finden das auch ganz fesch und tanzen mit, will heißen, „geht klar, in dein Nest oder meins?“

Wirf die Angst über Bord und spring über deinen Schatten

Nach der kleinen Wanderung geht es ein weiteres Mal mit ordentlich Karacho über die Wellen.
Irgendwo im Nirgendwo halten wir. Ich schieße mich in den Neopren, Flossen an die Treter, Maske auf. Jetzt wird’s ernst. Pablo erklärt ein paar Regeln und sagt an, dass wir jetzt einfach vom Boot ins Wasser hüpfen. Öhmm, Augenblick… hä? Wie, hüpfen?! Das geht nicht, ich bin Hochleistungs-Wasserweichei! Also im Schwimmbad (wo ich mich quasi nie aufhalte – genauso wenig wie in Badeseen) begebe ich mich maximal in Zeitlupentempo ins Wasser. So durchschnittlich drei Zentimeter Körper pro Minute, außer wenn es sehr kalt ist, dann gar nicht.

Habe ich tatsächlich dafür bezahlt, mitten im arschkalten Pazifik – wo alles mögliche und unmögliche Getier schwimmt – zu planschen?? Jetzt dämmert mir, das hier ist ne Nummer zu groß. Klassische Größenwahn-Selbstüberschätzung!
Ich kann nicht in diese dunkle Brühe springen und vom Boot wegschwimmen, hier in der gefühlten Arktis. Ich suche nach Eisschollen. Als nächstes registriere ich, dass bereits die ganze Truppe im Wasser ist, nur ich erstarrt im Boot klebe.

Schnorchelausflug bei Haien


Einer der Crew versteht meine Not und redet beruhigend auf mich ein. Verstehe zwar nur spanisch, aber er guckt mir so eindringlich in die Augen, dass ich mich fasse. Tief atmend hocke ich auf dem Rand des Bootes. „Pienz net und schaff den Kadaver ins Wasser“, pushe ich mich. Wie eine Ertrinkende klammere ich mich an die Hand, die mir der Skipper hinstreckt und… springe. Schnappatmung! Scheiße ist das kalt! Noch immer hält er meine Hand und nickt zuversichtlich, während ich hektisch durch den Schnorchel röchel. Ich lasse los und schwimme zur Gruppe. Der Schnorchel verstärkt die Lautstärke meiner eigenen Atemgeräusche, klingt unheimlich, wie in einem schäbigen Horrorfilm.

Die Psychostimme funkt mal wieder rein: „Guck maaaal, das Boot ist voll weit weg. Sau kalt, die Brühe. Übrigens ist es unter dir brutal dunkel. Kannste gar nicht sehen was da so rumschwimmt. Du gehörst nicht ins Wasser, du solltest an den Felsen bleiben und klettern!“ Ich tauche unter, die Stimme ist abgesoffen. Hefte mich dicht an die Flossen von Pablo und der letzte Rest Angst weicht Euphorie und Neugierde. Und dann schwimmt plötzlich ein Hai unter mir durch. Er hat in etwa meine Größe. Panik? Nö, im Gegenteil. Ich quietsche in den Schnorchel vor Freude! Wie krank ist mein Kopf, dass ich das jetzt einfach nur gigantisch finde?!

Und dann taucht der erste Hai auf…

Die Schnorcheltour ist für mich eines meiner krassesten Erlebnisse. Wir schwimmen zusammen mit Riesenschildkröten, die seelenruhig ganz nah vor uns durchs Wasser schweben. Die Unterwasserwelt hält einiges parat. Drei Manta-Rochen gleiten an uns vorbei, wir finden Seepferdchen, große bunte Fische und kleinere Haie.

Erlebnisreiche Unterwasserwelt
Auch die Mantas lassen sich nicht von uns stören

Pablo will mit uns auf Hai-Suche gehen. Er bringt uns zu Höhlen, in denen sie sich aufhalten. Da man im Neopren kaum untertauchen kann, drückt uns Pablo der Reihe nach für einige Sekunden unter Wasser, so dass wir in die Höhle gucken und die Haie sehen können. Das ist der absolute Wahnsinn und ein wenig gruselig. Zumal das Wasser sehr trüb und grünlich ist. Manchmal kann man kaum etwas sehen und paddelt förmlich ins Ungewisse, da geht mir ordentlich die Düse.

Gruseliger Blick in die Hai-Höhle

Nach gut einer Stunde steigen wir zähneklappernd und durchgefroren ins Boot. Von der Crew bekommen wir eine Süßwasserdusche aus dem Schlauch, ein Badetuch und warmen Tee. Die Rückfahrt fühlt sich viel besser an.

Um 17 Uhr sind wir wieder am Pier. War das krass!
Ich kann es nicht fassen, dass ich meinen persönlichen Horror überwunden und sogar Spaß dran hatte! Mir tut die ganze Kauleiste weh. Habe mich vermutlich wie eine Geisteskranke in den Schnorchel festgebissen.

Ein neuer Tag, ein neues Abenteuer

Hmpf… kurze Nacht mit viel Träumerei. Das nennt man wohl Erlebnisverarbeitung.

6:25 Uhr. Schneller Koffeeinkick während ich mich fertig mache. Heute gibt es eine Trekkingtour, als Kontrastprogramm zu Wellen und Wasser.

Isabela, die auf der Landkarte die Form eines Seepferdchens hat, ist so toll, dass ich kurzerhand meinen Besuch auf 4 Nächte verlängere. Lieber eine Nacht weniger in Santa Cruz. Was mir so gut gefällt, ist die Echtheit und das karibische Flair. Es ist viel weniger touristisch als Santa Cruz. Dabei ist Isabela mit einer Fläche von 4.588 km² die Größte der Inseln. Im Norden gibt es die Vulkane Wolf und Darwin, in der Mitte den Volcán Alcedo und im Süden die Vulkane Cerro Azul und Sierra Negra. Alle sind aktiv.

Isabela, das Seepferd ist die größte der Inseln im Archipel

Die Besteigung des Volcán Sierra Negra und Chico

Als Vulkanliebhaber gehört eine Besteigung natürlich zum Pflichtprogramm.

Kurz nach 7 Uhr sammelt mich der Bus am Hostel auf. Nachdem die Gruppe vollständig ist, geht es rund 25 Kilometer ins Hinterland Santo Tomás, zum Volcán Sierra Negra (1.124 m) und seinem kleineren Bruder Chico. Tiffany, unser Guide, verteilt Lunchpakete an alle bevor wir aussteigen. Draußen ist es neblig-feucht, es nieselt. Meer und Strand sind einer Nebelwald-Atmosphäre gewichen. Kontrastreicher könnte es nicht sein.

Auf dem Weg zum Volcán Sierra Negra

In zügigem Tempo folgen wir Tiffany die braune Sandpiste hinauf. Vorbei an Farnen und Flechten, Bäumen und allerlei Grünzeugs steigen wir bis zum Kraterrand auf 1.000 Metern. Ein gigantischer Anblick. Mit seinem Durchmesser von ca. 10,5 Kilometern ist er der zweitgrößte Vulkan der Erde. Ich bin schon auf einigen Vulkanen dieser Erde gewandert, aber dieser gehört wirklich zu den Schönsten. Nebelwolken ziehen in den Krater. Tiffany erklärt uns die unterschiedlichen Farbtöne der Lava, an denen man deutlich die neueste Schicht des Ausbruchs von 1997 erkennen kann. Mit Schaubildern steht sie vor dem Krater und informiert uns über die Ausbrüche und die letzte Eruption in 2018.

Die fast 11 KM breite Caldera des Sierra Negra
Guide Tiffany erzählt über die Vulkane der Insel

Je weiter wir kommen, desto trockener und wärmer wird es. An Sträuchern hängen reife Guabas. „Probiert sie mal“, schlägt Tiffany vor. Während wir die kleinen süßen Früchte knabbern, erzählt sie von der Sage, wer die Guaba vom Baum pflückt und isst, bleibe für immer auf Galápagos. Meine Augen funkeln. Sicherheitshalber schieb ich eine weitere hinterher. „Und? Für welche der Inseln hast du dich entschieden?“ fragt Tiffany lachend.

Guaba-Frucht; es heißt, wer sie isst, bleibt für immer auf Galápagos

Am Horizont zeichnet sich das Meer ab. Von der Anhöhe aus sind der Volcán Ecuador, die Insel Fernandina, der Volcán Darwin und die Ausläufer von Isabela erkennbar.

10 Uhr, die Bäuche knurren – Frühstückspause! Die vegetarischen Bedürfnisse wurden berücksichtigt, stelle ich beim Blick auf das mit Käse, Tomaten und Salat belegte Brötchen freudig fest. Darüber hinaus hält die Wundertüte Banane, Schokoriegel, Säftchen und eine vorgeschälte Apfelsine parat. Tiffany bittet, die Kerne nicht auszuspucken, sondern wieder einzupacken. Auch die bettelnden Vögel dürfen nicht gefüttert werden. Jeglicher organischer Abfall könnte zu einer Veränderung der endemischen Natur führen. Beeindruckend, dass überall auf Galápagos streng darauf geachtet wird, Flora und Fauna in ihrem Ursprung zu schützen. Hier beugt man sich glücklicherweise nur begrenzt dem Tourismus, der Erhalt der Naturreservate hat oberste Priorität. Das Konzept ist simpel aber effektiv: Lediglich rund ein Drittel von Isabela darf betreten werden (Touren wie die heutige ausschließlich in Begleitung eines Naturguides). Im restlichen Naturschutzgebiet hat niemand etwas verloren. Nur wenige bestimmte Guides dürfen es betreten. Zu den Tieren ist immer ein gebührender Abstand einzuhalten. Sie werden weder gefüttert noch berührt. Die Einreiseerlaubnis von 100 Dollar und überhaupt die stolzen Preise auf den Inseln tragen ihr Übriges dazu bei, die Menschenmassen zu dezimieren.

Die Umgebung verändert sich kontinuierlich. Die grüne Fläche um den Sierra Negra und seinem kleinen Bruder Chico ist einer kargen Landschaft gewichen. Wir laufen weitere neun Kilometer über raues, rotbraun und schwarzes Lavagestein, vorbei an großen Kakteen.

Man fühlt sich auf einen anderen Planeten gebeamt

In der Caldera haben sich höhlenähnliche Löcher gebildet. „Steckt mal die Hand rein“, deutet Tiffany auf ein Loch. Die Luft darin ist ganz warm. Ewig lange Lavatunnel durchziehen das Vulkanareal. Die mineralische Farbpalette ist prächtig. Tiffany dreht einen schwarzen Lavastein in ihrer Hand. Er schimmert wunderschön tiefblau. Sie hält uns einen weiß und gelb gesprenkelten Stein hin. Magnesium- und Sulfurablagerungen.

Die Lavahöhlen ziehen sich endlos lang über das Vulkan-Areal

Als wir den Rückweg antreten, brennt die Sonne so heiß, dass die Luft flimmert. Sonnencreme und Kopfbedeckung sind unerlässlich. Selbst für die Einheimischen.
Verrückterweise schlägt es am Ende der Strecke binnen weniger Minuten wieder um in feuchtes, nebliges und kaltes Klima.

Knapp 17 Kilometer legen wir zurück. Eine echt abwechslungsreiche und lohnenswerte Wanderung, die ich jedem auf Isabela nur ans Herz legen kann.
Um 14 Uhr sind wir wieder in Puerto Villamil.

Wer so fleißig ist, hat auch Seelenbaumel-Programm verdient, denke ich, als ich durch den entspannten Ort schlendere. So verläuft der restliche Tag mit Leguane bestaunen, Seelöwen und Flamingos gucken, furchtbar leckeren Loco Coco zum Sonnenuntergang am Strand schlabbern, dabei barfuß im Sand graben und mich ganz irre viel über dieses Lebensglück-Gesamtpaket freuen. Es könnte durchaus beschissener sein.

Restaurants in der „Hauptstraße“ von Puerto Villamil
Wunderschöne, ruhige Abendstimmung am Meer

Wanderung „Muro de las Lágrimas“ – die Mauer der Tränen

Am Morgen stelle ich meine Anpassungsfähigkeit – oder nennt man das Kapitulation?! – unter Beweis. In der Hostelküche koche ich mit heißem Wasser, Milch und Höllen-Instantpulver mein Koffeeingebräu (yepp, richtig gelesen, ihr Kaffeeliebhaber da draußen) und trabe los. Tatsächlich ist der Himmel wolkenlos, das war bisher eher selten so. Und es ist drückend warm.

Auf der Wanderung „Muro de las Lágrimas“ komme ich mal wieder voll auf meine Kosten: Ich nehme jeden kleinen Abzweig rechts und links des Hauptweges und treffe auf Leguane, Flamingos, Seelöwen und Pelikane.

Wegbeschreibung der Wanderung Muro de las Lágrimas
Auch hier hängen überall die Leguane rum

Der Weg führt vorbei an Stränden und Leguan-Nistplätzen (Betreten verboten Schilder schützen diese Areale), großen Kakteenbäumen, Mangroven und zweigt zum Aussichtspunkt „Los Tunos“ und zum Lavatunnel „Túnel de Estero“ ab.

Farbenfroh und einfach toll
Los Tunos
Faszinierende Lavatunnel

Bei einem Seitengang stoße auf ein ganz besonderes Gewächs. Den Manchinelbaum, einer der giftigsten Bäume der Welt. Im spanischen nennt man ihn auch „Manzanilla de la muerte“, was soviel heißt wie „Äpfelchen des Todes“. Der Name ist Programm. Deshalb warnen Hinweisschilder vor dem botanischen Killer.

Schilder warnen vor den hochgiftigen Bäumen

Während der Verzehr seiner kleinen Äpfel für den Menschen tödlich sein und der Kontakt mit dem hochgiftigen Milchsaft (der bei Regen aus den Blättern tropft) starke Hautverätzungen und Augenreizungen hervorrufen kann, fressen Riesenschildkröten und einige Leguanarten mit Vorliebe seine Blätter und Früchte. Durch einen niedrigen Ast-Tunnel dieser Bäume komme ich überraschend an einer kleinen, versteckten Lagune raus. Ein Vorteil, wenn man die Tour läuft und nicht – wie viele der Leute – mit dem Fahrrad macht.

Der Majagua-Tunnel führt zu einer idyllischen Lagune

Es könnte gar nicht passender sein. Als ich das Schild „Camino de las Tortugas“ (Weg der Schildkröten) passiere, steht einige Meter vor mir auf dem sandigen Pfad ein eben solches Prachtexemplar. Die Schildkröte bleibt stehen und beäugt mich argwöhnisch. Als ich mich nähere, zieht sie langsam den Kopf an ihren großen Panzer. Ihr Blick klebt weiterhin an mir. Mit großem Abstand gehe ich staunend an ihr vorbei. Erst als ich aus ihrer vermeintlichen Gefahrenzone bin, lässt sie mich aus den Augen und schleicht weiter.

Riesenschildkröte auf dem Camino de las Tortugas

Nach achteinhalb Kilometern erreiche ich den Mirador Cerro Orchilla. Über Steinstufen geht es rauf zur Aussichtsplattform. Die trockenen, blattlosen Äste der weißen Bäume ringsum hängen voller Flechtenbüschel. Ein irrer Anblick. Tief beeindruckt und schwitzend stehe ich oben. Kein Mensch weit und breit. Unter mir dehnt sich die weitläufige Schönheit dieses Paradieses aus. Ein Fleck heile Welt. Und der perfekte Platz für eine Frühstückspause. Selig nage ich mein Käsebrötchen, genieße das 360-Grad-Panorama rundum. Der Bauch füllt sich, die Augen können sich nicht satt sehen.

Hinauf zum Mirador Cero Orchilla
Die Bäume hängen voller Flechten
Vom Mirador hat man einen grandiosen 360-Grad-Rundumblick

Bleibt nur noch die Frage zu klären, wo diese Tränenmauer ist… Um Freudentränen handelte es sich bei ihrer Errichtung allerdings nicht. Gefangene einer Strafkolonie wurden zu der leidvollen Arbeit gezwungen, die Lavasteine anzuschleppen und mühsam eine mehrere Meter hohe, breite Mauer um das Gefängnisgelände zu bauen. Viele Menschen ließen dabei ihr Leben. Inzwischen stehen nur noch Überreste dieser Mauer. Ein Mahnmal, in Gedenken an die Gefangenen (1946 – 1959), ihre Qualen und ihr Leid.

Von meinem Aussichtspunkt kann ich die Mauer nirgendwo erspähen. Noch immer ist auch rundum kein Mensch, den ich fragen könnte. Da ich nicht weiß, wie weit es noch zu der Tränenmauer ist (auch mit googlemaps werde ich nicht schlauer und zweifle an meiner örtlichen Richtigkeit), die ganze Strecke auch wieder zurückgelatscht werden muss und es brütend heiß ist, trete ich den Rückweg an.

Unterwegs treffe ich auf weitere Galápagosschildkröten. Aus dem Gebüsch am Wegesrand winkt mir plötzlich ein bekanntes Gesicht zu. Einer der Jungs, der mit mir auf dem Boot bei der „Los Túneles-Tour“ war. Flüsternd zeigt er auf den Tümpel unter sich. Eine Riesenschildkröte kriecht langsam zum Trinken in das grüne Wasser. Wir setzen uns auf den Boden und beobachten schweigend das imposante Geschöpf, bis es im Zeitlupentempo im Dickicht verschwunden ist.

Am frühen Nachmittag erreiche ich den Eingang des Parks. Jetzt muss ich doch mal einen Blick auf den Lageplan werfen. Oha, Mist! Die Mauer wäre ja unmittelbar nach dem Mirador gekommen. Gucke wohl etwas blöd aus der Wäsche, denn ein Herr neben mir spricht mich an. Ich erkläre meinen ärgerlichen Wander-Fauxpas. Er winkt ab, war gar nicht so spektakulär. Auf seinem Handy zeigt er mir seine Fotos der „Muro de las Lágrimas“, von der noch etwa hundert Meter übrig sind. Na gut, wirklich was verpasst habe ich nicht, lässt man mal außer Acht, dass dies das eigentliche Ziel meiner Tour war. Aber heute hat sich wieder mal bestätigt, der Weg ist das Ziel. Und der war definitiv grandios!

Den angebrochenen Tag nutze ich für einen Abstecher zur Aufzuchtstation für Riesenschildkröten (Centro de Crianza de Tortugas Gigantes). Hier werden Eier ausgebrütet, unterschiedliche Arten der Jungtiere großgezogen und ältere Tiere gepflegt. Wenn die Tiere soweit sind, werden sie in die Freiheit entlassen.

Gehege in der Aufzuchtstation Centro de Crianza de Tortugas Gigantes

18 Kilometer später bin ich im Hostel zurück.
Der müde Kadaver schreit nach Kaffee und ner lauwarmen Dusche, bevor ich zum Abend in einem der Restaurants um die Ecke die Füße hochlege.

Morgen klingelt der Wecker wieder zu einer absolut perversen Uhrzeit! Um 5:15 Uhr habe ich am Pier zu stehen. Dummerweise gibt es nur an ganz wenigen Tagen eine Direktverbindung von Isabela nach San Cristobal. Mir bleibt also bloß die mühsame und zeitintensive Variante über Santa Cruz, in der Hoffnung, dort ein Ticket für die spätere Fähre nach San Cristobal zu ergattern. Da sich der Tourismus stark in Grenzen hält, bin ich guter Dinge.

Ich könnte noch locker ein paar Tage auf Isabela dranhängen. Die Insel versprüht so viel karibischen Charme und Leichtigkeit, man kann sich nur pudelwohl fühlen. Aber gerade beim Reisen sind Abschiede unvermeidlich…

Keine Bank ohne Seelöwen
Leguane beherrschen die Galápagos-Inseln
Rote Klippenkrabbe

(Teil 14 folgt)

Wart ihr schon auf Galápagos? Welche der Inseln hat euch am besten gefallen? Welche Touren habt ihr so gemacht und wie waren eure Erfahrungen? Welches der Tiere hat euch am meisten fasziniert? Oder welcher Fleck auf der Erde hat euch ganz besonders berührt und warum?

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GALÁPAGOS / ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 12: Gast in einer einzigartigen Tierwelt

Inseln Baltra und Santa Cruz

7. – 9. Dezember 2019

Fakt ist: Das Leben ist dazu da, es zu LEBEN. Träume zu verwirklichen. Den Alltag mit Nicht-Alltäglichem zu dekorieren. Momente zu sammeln, statt irgendwelchen Staubfängern für’s Regal. Das ist meine Lebensphilosophie. Dafür steht Mosaikteile. Jedes einzelne Mosaikteil deines Lebens ist ein Unikat. Es macht dich letzten Endes zu dem Menschen, der du bist.

Galápagos war, nein, ist (m)ein großer Lebenstraum. Einer der Pflichtpunkte auf der Löffelliste. Und obwohl ich bereits seit fast drei Wochen durch Ecuador ziehe, fühlt es sich völlig surreal an, im Flieger nach Baltra zu sitzen. Während des knapp zweistündigen Fluges schwirren so viele Bilder der bisherigen Reise durch meine Gedanken, dass der Kopf nicht hinterher kommt. So irre viele Eindrücke und Erlebnisse sind auf mich eingeprasselt, das verarbeitet man nicht so schnell. Wie soll das Hirn also bitte jetzt noch checken, dass sein dranhängender Mensch sich gleich auf Galápagos befindet?! Glücksgefühle und tiefe Dankbarkeit überrollen mich wie ein Tsunami, Tränen laufen. Na prima, im Flieger hocken und heulen, ernsthaft? Yepp, genau das. Es schwappt einfach über. Ungefragt. Was raus muss, muss raus. In Freudentränen-Form.

Das sind die Galápagos-Inseln? Ganz schön karg…

Hinzu kommt die Erleichterung, dass bisher alles so reibungslos lief. Hayde, meine neue ecuadorianische Freundin und mein Guide im Wanderbus nach Quilotoa, hat mich gestern über Whatsapp mit Info-Anweisungen zugeschüttet. Für ein souveränes Auftreten am Flughafen. Trug bei mir allerdings eher zur Verunsicherung bei, sollte die Einreise denn so kompliziert sein?

Die Sorgen sind unbegründet. Mit massig zeitlichem Puffer stehe ich um 8:30 Uhr am Flughafen von Guayaquil. Fein, organisier ich mir zuerst die benötigte Immigration Card (gleich den richtigen Schalter nehmen hätte sogar mehrmaliges Anstehen erspart). Für schlappe 25 Dollar gibt’s den Lappen, die offizielle Genehmigung des Government, auf Galápagos einzureisen.

Reisepass, Flugticket, offizielle Betretungserlaubnis, Kaffee – ich bin sowas von bereit!

Mein Gepäck tuckert durch den Bioscanner. Entgegen warnender Unkenrufe, keinerlei Plastiktüten mitzuführen, interessiert mein „illegaler Rucksackinhalt“ keine Socke. Zur besseren Ordnung sind nämlich meine Klamotten in eben diesen Umweltsünden verstaut. Die Schuhe sowieso. Sogar meine Wasserflasche, die ich täglich neu befülle, darf mit. Das Zeug wird nachhaltig genutzt, bis es auseinander fällt. Mein Rucksack wird verplombt.

Auf zum nächsten Schalter, Boardingpass greifen. Dann darf das Handgepäck Karussell fahren. Und die Wanderschuhe, denen ich in Socken durch den Scanner hinterher tippel.

Sensationelles Zeitmanagement! Bis zum Start in 40 Minuten, schlabber ich zufrieden einen Pott leckeren Cappucchino und schmilze im Terminal bei drückenden 27 Grad zu Weihnachtsbeschallung und unterhaltsamer Gesellschaft dahin. Wie es das Schicksal will, hab ich nämlich mal wieder genau die richtigen Leute angesabbelt. Ein sympathisches Paar aus Quebec, mit zwei kleinen Jungs, hat das gleiche Ziel. Nach der Landung auf Baltra und der Fährfahrt nach Santa Cruz, wartet dort ihr Privat-Taxi zum Zentrum Puerto Ayora. Ich passe auch noch mit rein und dürfe mit, versichern sie freundlich. Win-win-Situation für alle, ich zahle 10 Dollar statt 25 und die beiden sparen auch. Nebenbei kommen mir gute Ideen, wie man den Gewinn noch gewinnbringender (hochprozentiger) investieren kann…

Die kleine Maschine von LATAM landet um 12:30 Uhr auf Baltra. Seymour-Sur, wie sich Baltra einst nannte, war im zweiten Weltkrieg ein US-Luftwaffenstützpunkt und besitzt – neben der Insel San Cristóbal – einen Flughafen. Das war’s dann aber auch schon, mehr ist nicht. Ein paar dürre Pflanzen und Leguane und Darwin-Spatzen vielleicht noch. Durch die Zeitverschiebung zwischen Ecuador und den Galápagos-Inseln (die beeindruckende 1.000 Kilometer im Pazifik liegen) gibt’s 1 Stunde mehr aufs Zeitkonto. Die ersten Schritte auf dem angebeteten Boden sind teuer. 100 Dollar berappt man für die Betretungserlaubnis. Darauf bin ich vorbereitet. Auch darauf, dass man die Scheine cash hinblättern muss. Man sollte also ausreichend Bargeld dabei haben.

Geduldig warten wir in der überschaubaren Flughafenhalle, bis alle Gepäckstücke durchgeschnüffelt sind. Das übernehmen zwei Hunde, die nacheinander auf den Rucksäcken und Koffern rumhopsen und ihre Schnute drüberziehen, während Michael Boublé Weihnachtssongs durch die Lautsprecher schmachtet (macht’s bei knapp 30 Grad nicht besser). Gründlich ist man ja hier! Selbst im Flieger werden vor der Landung sämtliche Ablageboxen über unseren Köpfen akribisch mit dubiosem Spray eingeräuchert.

Vor dem Terminal warten bereits Busse auf die gelandeten Gestrandeten. Für 5 Dollar zwingt man jedem Gast ein Ticket auf, dann tuckert der Bus wenige Minuten zur Fähre. Und erneut Zahlemann-und-Söhne. Zum Schnäppchenpreis von 1 Dollar, für einen kurzen Schwenk über den Canal de Itabaca zur gegenüberliegenden Seite von Santa Cruz, der zweitgrößten Insel im Archipel.

Mit der Fähre von Baltra über den Canal de Itabaca nach Santa Cruz

Der Taxifahrer wartet schon. Ich bin spontan offizielles Familienmitglied, wie Eric (Papa Quebec) dem Fahrer meine Erscheinung erklärt. 40 Minuten düsen wir über die Insel zum Hostel meiner neuen Miet-Familie. Von dort aus suche ich zu Fuß meine Unterkunft, die mir Hayde (die hat der ecuadorianische Himmel geschickt) zu einem Freundschaftspreis organisiert hat. Es geht nix über Connections!

Nach ewigem Rumgeirre quer durch Puerto Ayora werde ich endlich fündig. Gar nicht so einfach, wenn der Routenplaner streikt und man kein Wifi hat. Das mit der Internetverbindung ist eh so ’ne Sache auf Galápagos… aber wer braucht schon Internet, mitten im tierischen, landschaftlichen Paradies?! Das Zimmer im Hostel ist ganz ok (drückt man in der Nasszelle die Äuglein etwas großzügiger zu), die Lage ist top, 600 Meter vom Meer entfernt. Rucksack-Inhalt im Zimmer verteilen, Sommersonnengutelaune-Klamotten und Flipflops an und los!

Erste Erkundungen auf Santa Cruz

Santa Cruz hat eine Fläche von 986 km² und kann als touristischer Mittelpunkt der 14 größeren Galápagos-Inseln bezeichnet werden, von denen gerade mal vier bewohnt sind. Die Basis befindet sich rund um die Hafenstadt Puerto Ayora. Hier starten etliche Insel-Exkursionen, die Fähren, tolle Wandertouren, es gibt die Charles Darwin Research Station und kilometerlange, traumhafte Sandstrände.

Viele der Häuser in den Straßen sind farbenfroh und blumenbewachsen
Auch auf Santa Cruz sorgen überall tolle Kunstwerke für ein buntes Straßenbild

Es ist der Wahnsinn und das ist noch weit untertrieben! Ich begreife allmählich, dass ich ja sowas von keine Vorstellung hatte, wie sehr man förmlich in das Naturspektakel involviert wird. Als ich über einen Holzsteg zu den Stufen ans Meer schlendere, bin ich von einer auf die andere Sekunde mittendrin im Entertainment. Überall sitzen rote Klippenkrabben. Während ich verzückt nach meiner Kamera krame, entdecke ich auf dem grauen Stein daneben einen Leguan. EINEN LEGUAN! Mein Blick streift weiter rum, findet einen Reiher. Moment, was hat sich da vor mir im Wasser bewegt? Ich glotze nochmal, ein Seelöwe auf Fischjagd!

Mit grenzdebilem Grinsen hocke ich auf den Stufen und murmele in Endlosschleife „ich werd verrückt, das gibt es nicht, das glaubt mir kein Mensch.“ Überall wimmelt und lebt was. Als ich den Steg verlasse, wartet die nächste Überraschung. Leguane fläzen auf dem Gehweg in der Sonne rum, alle Viere von sich gestreckt. Während ich völlig fasziniert vor ihnen stehe, haben sie für mich maximal einen reglosen, uninteressierten Blick übrig.

Leguane mitten in der Stadt

Gefühlte 150 Fotos später stoße ich auf den kleinen Fischmarkt, an dem auch die Boote anlegen und ihren Fang ausladen. Mitten auf der Bank hat sich ein Seelöwe lang gemacht. Liegt da einfach rum und schnarcht. Mit Abstand setze ich mich neben ihn. Ich bin sprachlos, das hier ist alles so übertrieben unwirklich! Ich weiß nicht, ob ich staunen, vor Freude heulen, vor Begeisterung quietschen, den Atem anhalten oder alles gleichzeitig tun soll.

Erste Seelöwenbegegnung – ich bin schockverliebt

Während ich noch vergeblich auf der Suche meiner Contenance bin, hat ein Fischerboot angelegt. Ein Mann wiegt große Langusten zum Verkauf ab, dazwischen torkelt ein junger Seelöwe und quengelt mit gespreizten Flossen lautstark nach Fisch. Um die Ecke liegen zwei größere Exemplare aneinandergekuschelt und schlafen. Pelikane lauern vom Dach des Bootes, ob auch für sie etwas abfällt. Unterdessen pickt eine Möwe gierig das Fleisch von der Wirbelsäule eines halbierten Thunfisches ab. Das hier ist krasser als jede 3D-Naturdoku auf Großleinwand.

Leguan und Pelikan, Seite an Seite
Lobster fehlt hier auf keiner Speisekarte
Als Mensch fühlt man sich hier wie ein geduldeter Gast in der Tierwelt
Fischmarkt – die Tiere haben keinerlei Scheu. Sie genießen besonderen Schutz.
Er wägt noch seine Chancen ab, sich einen Fisch zu mopsen

Kennt ihr noch die Bücher mit den Wimmelbildern? Als Kind habe ich die geliebt! Man schlägt eine Seite auf und in dem Bild sind hunderte kleine Details versteckt, es wimmelt überall. So ist Santa Cruz. Wohin ich auch blicke, überall wimmelt es vor unterschiedlichen Tiere. Es ist weltklasse!

Abends in Puerto Ayora

Am Abend ziehe ich mit zwei lustigen Kanadiern (Mutter und Sohn) los, die ich ein paar Stunden zuvor im Hostel kennenlernte. In Puerto Ayora gibt es eine Gasse, die abends zur ultimativen Fress-Partymeile umfunktioniert wird. Wo tagsüber Autos fahren, werden bei Einbruch der Dunkelheit zahlreiche Tische und Stühle vor den Lokalen aufgebaut.

Binnen weniger Minuten sind die Tische besetzt

Hier bekommt man grandioses Essen, versichern mir die beiden. Das Touri-Programm schockt mich im ersten Moment. Es ist laut und hektisch. Jeden Meter klebt mir eine andere Speisekarte unter der Nase, man wird regelrecht an die Tische gelabert. Das krasse Gegenteil zu Ecuador. Ich muss jedoch zugeben, es ist ein Anblick, den man nicht alle Tage bekommt. Auf den Auslagen vor den Lokalen wird Meeresgetier in allen Farben, Größen und Varianten angeboten: Lebende Langusten, Fische, Oktopusse. Die beiden suchen sich eine Languste aus und wir setzen uns rein ins Gewusel. Der Tag endet bei köstlichem Essen (mit leckerer Gemüsepasta auch vegetarisch völlig unproblematisch), ein paar Cocktails und viel Gelächter.

Tortuga Bay Santa Cruz – Läufst du noch oder staunst du schon?

Heute Morgen werden endlich mal wieder die Laufschuhe geschnürt. Kombiniere meinen Lauf mit einem Ausflug zur Tortuga Bay. Was ich nicht bedacht habe, Laufen ist auf Galápagos nicht so einfach. Weil ich ständig staunen und gucken muss, bin ich völlig vom Laufen abgelenkt.

Am Eingang der Tortuga Bay registriert man sich standardmäßig erst in einem Verzeichnis. Wie oft habe ich die letzten 3 Wochen meine Reisepassnummer in irgendwelche Listen eingetragen?!

Über Pflastersteine laufe ich durch eine Art Wald, der aus riesigen Kakteen und weißgrauen Bäumen besteht. Sieht sehr bizarr aus. Auch der Geruch ist nicht minder sonderbar, es riecht intensiv nach eingelegten Gurken.

Nach einigen Kilometern endet der Weg direkt am Strand. Samtweicher, fast schneeweißer Sand, dahinter ein türkisfarbener Ozean, gleißende Sonne. Eskalation! Es gibt kein Halten mehr. Ich reiße mir Schuhe und Socken von den Füßen und renne barfuß an einem Naturführer vorbei, der mir lachend „good decision“ hinterher ruft. Oh ja! Es fühlt sich verdammt gut an!

Laufstrecke Deluxe! Lieber Sand in den Laufschuhen als Sand im Getriebe 🙂

Ich komme wieder nicht weit, ein Leguan schwimmt an mir vorbei. Euphorische Foto-Ekstase. Ein paar Meter weiter liegt der ganze Strand voll mit den Urzeitviehchern. Will man weiter, muss man erst an ihnen vorbei. Denen ist das egal. Als Reaktion kommt bloß ein verächtliches Schnauben mit Nasenlochgerotze. Das ist ihr Strand, die Menschen sind gnädig geduldet, soviel ist klar.

Irgendwann endet der Strand in einer Bucht. Badewannenwarmes Wasser. Zwischen planschenden Leuten schwimmen Leguane und Pelikane. Völlig abgefahren.

Blick auf die Badebucht, der Himmel ist – wie häufig – bewölkt

Besuch der Charles Darwin Station

Nach der Tortuga Bay laufe ich zur Charles Darwin Research Station. Sehr praktisch, dass in Puerto Ayora alles dicht zusammenliegt.
Da mich die Tiere in freier Wildbahn einfach mehr faszinieren, haut mich das Forschungszentrum nicht so recht um. Nichts desto trotz gehört der Besuch für mein Empfinden dazu. Der Eintritt ist frei, natürlich muss man sich auch hier zuvor registrieren. Und die „10 goldenen Park-Gebote“ auswendig lernen! Ich werde zurück zur Hinweistafel geschickt und studiere unter den Argusaugen der Kontrollöse die Regeln. Bevor mir Einlass gewährt wird, muss ich ihr die Gebote aufsagen, wie ein Kind sein Gedicht vor dem Weihnachtsmann. Da nimmt jemand seinen Job verdammt ernst! Scheinbar erweise ich mich als würdig. Sie nickt zufrieden und bietet mir für 10 Dollar einen Naturguide an. Ich lehne ab. Wer weiß, was ich singen, tanzen oder performen muss, um dessen Gunst zu erwerben?! Zweieinhalb Stunden bummel ich durch die Anlage. Auf dem Rundweg und in den Ausstellungen gibt es reichlich Infos über das Leben und die Entwicklung der Galápagosschildkröten, den Pflanzen und Charles Darwin. Bis zu seinem Tod im Jahr 2012 lebte hier auch die legendäre Schildkröte „Lonesome George“. Er wurde ca. 100 Jahre alt.

Drusenkopf- oder Landleguan in der Darwin Station Santa Cruz

Haie im Hafen

Abends am Pier geht das Gestaune weiter. Im schummrigen Laternenlicht tingel ich am Hafenbecken entlang, glotze ins Wasser. Heute mittag schwamm hier ein Mantarochen, jetzt entdecke ich einen Babyhai. „Shark!“ ruft jemand neben mir und ein größerer Hai schwimmt vorbei. Keine Seltenheit, denn die Haie kommen regelmäßig zum Schlafen in das flache Hafenbecken.

Morgen früh geht es zur nächsten Insel. Das Ticket ist gekauft (25 Dollar). Um 6:20 Uhr wackelt die Fähre zwei Stunden nach Isabela und glaubt man den Berichten, geht es nicht sehr zimperlich auf dem Kutter zu. Na, da freut sich doch mein seekranker Magen ganz besonders.

Die restlichen Punkte meiner „Santa Cruz To-do-and-will-see Liste“ müssen noch warten. Da mein Flug nach Ecuador ebenfalls von Baltra zurück geht (viele kombinieren die Flüge von den beiden Inseln Baltra und San Cristóbal), werde ich hier die letzten Nächte verbringen.

(Teil 13 folgt)

Was hat euch auf euren Reisen richtig sprachlos gemacht? Welcher Ort hat euch gefangen und fasziniert? Welchen großen Lebenstraum habt ihr euch schon erfüllt? Schreibt doch mal, ich würde gerne von euren magic moments lesen.

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 11: Kalter Cajas Nationalpark, tropische Kakaoplantage, gefährliche „Area 51“ Guayaquil

6. – 7. Dezember 2019

Ein kleiner Abschiedsschmerz piekst mich, als ich mit Wanderbus in der Frühe Cuenca verlasse. Ich hatte Ecuadors Kolonialhauptstadt bereits bei meiner Ankunft sofort ins Herz geschlossen (den Beitrag zum Nachlesen findest du hier). Zeit für Melancholie bleibt keine, neue Erlebnisse stehen bereits in den Startlöchern.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir vorm Eingang des Cajas Nationalparks an. Per Katapult aus der Stadt in die Natur. Kontrastreicher könnte der Morgen gegenüber den letzten Tagen nicht sein. Zwischenzeitlich sind wir auch wieder auf 3.900 Metern. Entsprechend hat sich das Klima verändert. Gestern auf Betriebstemperatur bei 30° Grad, zeichnet sich mein Atem nun als Hauchwölkchen in der kalten Luft ab. Adios Sommer.

Die feuchte Kälte spiegelt sich auch in der Natur wider. Prägten anfangs noch sattgrüne Bäume, Bachläufe und Wasserfälle das Landschaftsbild, hüllt sich nun das Draußen in geheimnisvollen Nebel. Vereinzelt ziehen hübsche Holzhäuser im Wildwest-Style an der Scheibe vorbei. Es fehlen nur noch die Cowboys.

Der Geruch von Holzfeuer hängt in der Luft, als wir aus dem warmen Bus steigen. Er kommt aus dem „Casa Don Guevara“. Der Name könnte nicht treffender sein, lache in mich hinein. Das schreit ja förmlich nach einer Kaffee-Revolution zum Frühstück (Revoluzzer-Hintergründe werden in Teil 9 erklärt).

Laguna Toreadora und der Lebensbaum

Nach dem Frühstück passieren wir die Einfahrt des Cajas Nationalparks. Nächster Halt, die Laguna Toreadora. Brrrr, immer noch frisch… selbst das Kaminfeuer konnte die Morgenkälte im Casa Don Guevara nicht vertreiben. Vor gerade mal zwei Wochen lag hier noch richtig hoch Schnee, erzählte uns der Restaurantbetreiber.

Jacke drüber, Kamera geschnappt und auf zum Aussichtspunkt. Eine grandiose und etwas mystisch-verwunschene Landschaft breitet sich vor uns aus. Dem perfekten Kitsch-Klischee fehlen bloß ein paar kleine Wald-Trolle, die über die Störenfriede fluchen und unter Wurzeln und über Steine wuseln.

Vor der Laguna Toreadora im Cajas Nationalpark

Der Cajas Nationalpark umfasst ein 28.808 Hektar großes Seengebiet. Vor Ewigkeiten gab es hier einen Gletscher. Von dem ist nichts mehr zu sehen. Sogar Camping-Möglichkeiten bieten sich bei der Lagune. Hier kann sich locker mehrere Tage die Füße platt latschen. Etliche Wegweiser schlagen unterschiedliche Wandertouren vor. Mehr Zeit bräuchte man…

Weitläufiges Wandergebiet in geheimnisvoller Landschaft – Cajas Nationalpark

Philippe, unser Guide, weiß viel über den Nationalpark und seinen Pflanzen zu erzählen. Wir stehen vor einem „Tree of Life“, dem Lebensbaum. Den Glauben, der mit ihm verbunden ist, finde ich schön: Die Inkas sagen, fühlt man sich traurig, ausgebrannt oder hat schlechte Gedanken, solle man diesen Baum umarmen. Er sauge alles Negative und sämtliche Blockaden aus dem Körper und gebe gute Energie zurück.

Die „Tree of Life“, Lebensbäume im Cajas Nationalpark

Inmitten dieser atemberaubenden Landschaft ist man durchaus geneigt, an Schamanismus und den Spirit der Natur zu glauben. Ein Kraftort ist dieser definitiv, das lässt sich nicht bestreiten.

Und zum Thema Spirit: Auf unserer Weiterfahrt stoppt uns ein wild gestikulierender Autofahrer. Der Ecuadorianer redet mit der Wanderbus-Crew, deren Augen plötzlich groß werden. Dann bricht Hektik aus. Wir haben während der Fahrt unbemerkt Gepäckstücke verloren!

„Bitte nicht“, murmele ich. Mir wird heiß und kalt, als ich an meinen Rucksack denke, in dem sich unter anderem das Netbook und die Flugtickets für morgen befinden (oder befanden). Der aufmerksame Herr hat unterwegs bereits eine Tasche aufgelesen und gibt sie Philippe zurück. Es handelt sich um seine. Wir checken das Gepäck im Bus. Alle weiteren Taschen sind glücklicherweise noch da. Keine Ahnung was da passiert ist.

Es heißt, in Ecuador sei das Wetter unberechenbarer als die Laune vieler Frauen

Drei Ökosysteme gibt es im Cajas Nationalpark und der angrenzenden Region. Nebelwald, Highlands und tropischen Wald. Wir pfeifen uns heute alle rein! Das Klima und die Temperaturen wechseln schneller, als ich meine Kleidungsstücke. Vom sonnigen Cuenca hinein ins Nass-Kalte, der Nebel rundum wird wieder dichter.

Fahrt durch mehrere Klimazonen und unterschiedliche Landschaften

Je näher wir der Küste kommen, desto schwüler und tropischer wird es. Auch die Landschaft hat sich grundlegend geändert. Endlose Reisfelder, Zuckerrohrplantagen und Shrimps-Bassins ziehen vorbei. Philippe zählt die wichtigsten regionalen Witschaftsgüter auf: Reis, Bananen, Zuckerrohr, Mangos und Kakao. Reis kommt bereits zum Frühstück auf den Teller. Ein super Kohlenhydrate- und Energielieferant für die körperlich anstregende Arbeit der Farmersleute.

Hitze und Schoki – Der ecuadorianische Kakaoplantagen-Himmel

Über eine schmale Holperpiste tuckern wir die letzten Meter zur Kakaoplantage. Die Bäume hängen voller duftender Mangos und Avocados, die Sträucher sind übersät mit Kakaobohnen.

Mangobäume bei der Kakaoplantage

Für mich der letzte Wanderbus-Programmpunkt des gebuchten Tangara-Pass (mehr in Bericht Teil 4), seit ich in Quito startete. Wir werden auf einer Kakaoplantage selbst Schokolade herstellen.

Zwischen rot-gelb gestreiften Kakaobohnen schlagen wir uns durch die Sträucher, während blutlüsterne Mosquitos surrend-sabbernd über die Hautparzellen herfallen, die repellentfrei sind. Philippe pflückt schnell eine reife Frucht, wir flüchten.

Tropische Hitze, hungrige Mosquitos auf der Mango- und Kakaoplantage
Kakaobohne

Zur Schokoladenproduktion wird zunächst die ovale, harte Frucht halbiert. Fluffiges, weißes Fruchtfleisch kommt zum Vorschein. Philippe hält jedem von uns eine halbe Kakaobohne hin, wir pulen uns Stücke raus. Er erklärt, wir sollen das Mark vom Kern ablutschen und diesen ausspucken. Auf keinen Fall draufbeißen, die Kerne wirken toxisch auf den Magen. Allein das süße Fruchtfleisch ist göttlich!

Halbierte Kakobohne mit dem weißen Fruchtfleisch und Schalen der gerösteten Kakaobohnenkerne

Die großen, schwarzen Kerne werden vor ihrer Verarbeitung großflächig in der Sonne ausgelegt und getrocknet.

Zusammen mit einem Mitarbeiter der Plantage, röstet Philippe vollständig getrocknete Kerne in einer Pfanne. Sofort umhüllt uns ein herber Schokoladenduft. Die gerösteten Kerne pellen wir wie Erdnüsse von ihrer Haut, wir probieren erneut. Sie schmecken leicht bitter, extrem aromatisch.

Philippe (links) erklärt den Verarbeitungsprozess der Kakaobohne,
während ein Plantagen-Mitarbeiter Kerne röstet

Als nächstes werden sie in einer Art Fleischwolf von Hand gemahlen. Eine ölig-dunkelbraune Masse quilt zäh aus der Öffnung. Philippe kratzt sie mit einem Messer auf den Teller, den er uns zum probieren hinstreckt. Was dann auf unseren Zungen explodiert, ist der reine Geschmack 100% purer Schokolade. Noch immer bitter, aber unfassbar intensiv. Er stellt einen weiteren Teller mit kleinen braunen Rohrzucker-Stückchen hin, wir mischen sie im Mund mit einem kleinen Klecks Schokopaste. Mir schwinden förmlich die Sinne vor süßer Glückseligkeit! Kaum zu fassen, dass ich noch vor wenigen Jahren mit Schokolade überhaupt nix am Hut hatte.

So wird reine Öko-Schokolade gemacht

„Und jetzt bekommt ihr einen Kakao, den ihr niemals in eurem Leben vergessen werdet!“, kündigt Philippe an. Auf dem Herd kocht bereits ein Topf mit heißem Wasser. Unser Schoko-Gott kippt den restlichen Rohrzucker und frische Stängel Zitronengras hinein. Mit Blick in unsere ungläubigen Gesichter versichert er, „Vertraut mir“, bevor er die gute Schokomasse in das sprudelnde Wasser gibt.

Auf dem Weg in den ultimativen Schokoladen-Himmel

Jeder bekommt einen kleinen Becher. Ich halte mir den heißen Trunk unter die Nase, schnuppere. Wenn es nur halb so gut schmeckt, wie es riecht… Gaumen-Vorfreude-Eskalation! Die Geschmacksknospen katapultiert’s binnen Sekundenbruchteilen in die absolute Kakao-Ekstase. „Damit bekommst du bei nem Date wirklich alles und jede rum“, sabbere ich Philippe seelig voll. Den Kakao-Kollegen kratz ich wegen eines Jobs auf der Plantage an. Der strahlt und nickt.

Der kulinarische Gipfel endet beim Mittagessen. Umringt von Mangobäumen, Kakaosträuchern und allerlei Grünzeug. An einem hübsch gedeckten Tisch werden wir mit köstlichstem Essen verwöhnt. Am Nachbartisch sitzt der Plantagen-Boss, den ich so kurzerhand kennenlerne. Erfreut stelle ich fest, dass er meine ungefilterte Begeisterung anerkennt. Ihm wurde auch meine Jobanfrage zugetragen. Als wir gehen, werde ich exklusiv mit Küßchen links, Küßchen rechts von ihm verabschiedet. Ich bekomme die mündliche Zusage und eine Visitenkarte in die Hand gedrückt. Breche fast ab vor Lachen.

Mal schnell die Fakten durchgehirnt: Geiles Wetter, Schokolade im Überfluss, Hängematten hat’s hier auch, arbeiten und futtern in der Natur – okay, es drohen Gewichtsprobleme (auch wenn Philippe schwört, von der reinen Schokolade nehme man nicht zu) und die Mosquitos sind nervig, ach fuck it! Zeit für Veränderung! Zeit, beruflich Prioritäten zu setzen! Bevor sich Wanderbus in Bewegung setzt, rufe ich: „Ich fang dann Montag in drei Wochen an!“ Erst mal fertig reisen. Hoffentlich haben die auch guten Kaffee…

Schlemmen und schokoschwelgen inmitten der Natur

Guayaquil und die Area 51

Noch zweieinhalb Stunden Fahrt bis Guayaquil, mein Wanderbus–Ende. Dann wird sich wieder alleine durchgeschlagen. Am Flughafen verabschiede ich mich von der Truppe. Einige kenne ich bereits seit mehreren Etappen. Darunter ein ganz goldiges, älteres Ehepaar aus der Schweiz. Wir drücken uns zum Abschied. Sie fahren heute noch nach Montañita weiter. Philippe organisiert mir ein Taxi und sagt dem Fahrer wo ich hin muss. 15 Minuten mit dem Taxi durch die typisch vollgestopften innerstädtischen Straßen, dann stehe ich dem festungsähnlich abgeschotteten Hostel. Über Booking.com hatte ich tags zuvor ein Zimmer reserviert.

Nach dem Einchecken ist noch reichlich Abend übrig, den ich ungern im Zimmer abhocken mag. Draußen vor der Tür tobt allerdings der Mob, das hört man sogar drinnen. An der Rezeption des Jeshua Inn frage ich nach einem nahegelegenen Supermarkt und erkundige mich allgemein nach der Situation hier, als Alleinreisende. Der freundliche Herr zückt einen Stadtplan und kritzelt munter drauflos. Er markiert zwei Hauptstraßen mit gelbem Textmarker. Rechts und links davon kreuzt er die Straßenblöcke großzügig aus. Die zwei Straßen sind sicher, überall sonst habe ich nix verloren, zu gefährlich. Quasi die „Area 51“ im Molloch Guayaquil. Zum Supermarkt kann ich problemlos laufen, versichert er mir. Sofern ich vor Einbruch der Dämmerung zurück bin.

Keine Fotos von Guayaquil, aber vom Survival-Masterplan der „Area 51“

Na prima, geht doch nichts über gute Vibes und ein Wohlfühl-Gefühl! Immerhin ist das Hostel sauber und ganz angenehm. Ist ja nur für eine Nacht. Irgendwie ist das kein Ort, an dem man sein möchte, denke ich, während ich meine Laufschuhe wieder zur wegpacke…

Der Eindruck verstärkt sich, als ich die „Danger Zone“ vor der Tür betrete. Willkommen in der 2,8 Millionen Einwohner Hafenstadt.

Es ist subtropisch warm (yippieh).
Es ist UNFASSBAR voll mit Autos und Abgasen (röchel).
Es ist mega hektisch (würden mich die Area 51-Aliens freundlicherweise zurück in den Dschungel oder zur Kakaoplantage beamen?!)
Es ist laut (Autofahrer hupen sich ins Nirwana, Sirenen heulen, Motoren dröhnen). Es ist… gefährlich…

Zum Glück finde ich den Supermarkt sofort. Besorge mir eine Kleinigkeit zum futtern und gehe nicht über LOS, ziehe keine 4.000 DM ein, sondern begebe mich direkt in das Gefäng- ääääh ins Hostel. Die Stadt killt meinen Kopf, der ordentlich wummert. Wen wundert’s, nach 3 Klimazonen mit heftigen Temperaturschwankungen innerhalb eines Tages.

Dafür macht sich freudige Aufregregung in mir breit. Morgen geht der Flieger nach Galapagos, ich kann es einfach nicht glauben! Muss bloß die Nacht überleben. War das grad ein Schuss da draußen?! Hoffentlich ist meine Schlafzimmerwand kugelsicher 🤨

Mit Wanderbus in Etappen von Quito nach Guayaquil, für mich definitiv die beste Entscheidung!

(Teil 12 folgt, fliegt mit mir auf die Galapagos-Inseln!)

In welchen Städten habt ihr euch auf euren Reisen unsicher gefühlt? Was war die vermeintlich gefährlichste Stadt, in der ihr je wart? Seid ihr schon einmal in eine blöde Situation geraten, in der ihr euch richtig unwohl gefühlt hatbt? Ich bin an euren Erfahrungen oder auch Tipps interessiert.

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 10: Cuenca – Zauber einer Stadt

3. – 6. Dezember 2019

Charismatisch, zauberhaft! Das ist der erste Eindruck von Cuenca.

Schon bei der Ankunft am gestrigen Abend blieb mir die Spucke weg. Cuenca ist nicht nur im Dunkeln eine Schönheit, sondern auch bei Tag überdurchschnittlich vorzeigbar!

Wie schon im vorherigen Blogbeitrag angekündigt, ich habe eine Mission! Die ich ernst nehme. Heute früh allerdings erfolglos. Das ansprechende Café, in dem ich vorfreudig Cappuccino orderte, servierte süße Milch (trotz Verneinung auf die Zucker-Frage) mit Instantpulver drin. Geschmackliche Verschlimmerung des sonstigen Pseudo-Kaffees. Wie soll meine Revolution funktionieren, wenn der Kaffeevollautomaten-Köder hinter der Theke auslegt wird, der dann nur zu Ausstellungszwecken dient?!

Aber der hat Tag Potenzial. Ein freundlicher Gastro-Al Capone mit Sombrero bringt mir zu rhythmischen Salsa-Klängen ein Joghurtschälchen an frischen Erdbeeren, Papaya- und Bananenstücken. Das relativiert die Instant-Irritation auf der Zunge.

Mercado 9 de Octubre – Bälleparadies für Frischfruchtfanatiker

Im Tourismusbüro werde ich mit einem Straßenplan ausgestattet und auf die Stadt losgelassen. Ich liebe einheimische Märkte und so führt mein erster Weg zum Mercado 9 de Octubre. Eine weiße Markthalle lässt auf 3 Ebenen das Herz aller Obst-, Gemüse- und Schlemmerfreunde höher schlagen!

Markthalle Mercado 9 de Octubre mit Weihnachtsmarktständen davor

Im Untergeschoss türmen sich allerlei Frischfleischberge. Lockend werden mir Hühnchenenstücke entgegenstreckt, ich flüchte ins obere Stockwerk. Dort wird garküchenmäßig gebrutzelt und direkt vor den Töpfen gespeist. Die Gemüse- und Früchte-Vielfalt im Erdgeschoss ist gigantisch. In der Luft hängen unbeschreibliche Duft-Aromen.

Obst und Gemüse soweit das Auge blickt
Auf einer Etage werden Fleischmassen in allen Variationen angeboten
Einkaufsplatz und Zusammenkommen der Einheimischen

Trotz des erst kürzlichen Frühstücks kann ich mich dem Saft-Lockruf nicht entziehen. Meine Wahl fällt auf eine mega schmackhafte (zuckerfreie) Kokosnuss-Erdbeer-Kombination.

Flätze mich auf die Stufen vor der Halle, tunke die Nase in die Sonne und genieße meinen Vitamin-Kick. Zwei freundliche Polizisten bleiben stehen und erkundigen sich interessiert nach mir und meiner Reise. Sie raten, meinen Rucksack im Auge zu behalten, es gäbe immer mal Leute die stehlen. Ich danke ihnen und mahne mich selbst, aufmerksam zu bleiben. Im Gegensatz zu Quito fühle ich mich hier super sicher. Das macht leichtsinniger. Kein Mensch trägt in Cuenca seine Tasche vor der Brust. Nie zuvor habe ich irgendwo Tag und Nacht solch ein Polizei-Aufgebot gesehen. Wachmänner vor Einkaufsmärkten, Banken, an allen größeren Plätzen, Parks und sind mit Motor- und Fahrrrädern in den Straßen präsent. Vielleicht herrscht hier auch deswegen solch eine entspannte Atmosphäre.

Während die Äquator-Turbosonne weiter auf mich brutzelt, dudelt von den Ständen hinter mir (die vollgestopft sind mit Lametta, Krippenfiguren und Nikolausmützen) Weihnachtsbeschallung. Irgendein kokelndes Trockengestrüpp verströmt strengen Weihrauchgestank über den Platz. Ich türme zum Kunsthandwerker-Markt am Plaza Sangurima (Plaza Rotary): Holzmöbel, Korbgeflecht, Edelstahlkram wie Siebe und Kochutensilien, buntes Häkelzeug. Die Temperaturen in den Straßen fühlen sich inzwischen nach Hochsommer an.

Quadratische Stadt, die einen Vogel, äh Kuckuck hat

Orientierung in Cuenca, ein Thema für sich! Normalerweise finde ich mich in Städten echt gut zurecht. Hier verlaufe ich mich konsequent permanent! Dabei ist Cuenca ähnlich angeordnet wie das heimische Mannheim, nur halt in schöner. Alles ist in quadratischen Blöcken aufgebaut. Gut, in Mannheim haben die Straßen einfach Buchstaben und Zahlen statt Namen. Aber es kann doch nicht so schwer sein?!

Ecuadors Kolonialhauptstadt in den Südanden liegt auf 2.560 Metern und hat rund 330.0000 Einwohner. UNESCO-Weltkulturerbe. Für Besucher hält sie reichlich Programmpunkte parat. Selbst ich – alles andere als ein Stadtmensch – fühle mich hier pudelwohl. Es ist die Mischung, die ich so mag. Man ist mittendrin im Stadtleben (welches hier völlig stressfrei ist) und hat dennoch viel Grün rundum. Nur rund eine Stunde entfernt liegt der Cajas-Nationalpark. Die Stadt hat einige Parks, im Parque de la Madre gibt es sogar eine extra Laufstrecke.

Dreh- und Angelpunkt ist der Parque Abdón Calderón. Hier ist zugleich der Sammelpunkt von Wanderbus. Um dem Park steht die imposante Catedral de la Inmaculada Concepción (die Neue Kathedrale), mit ihren himmelblauen Kuppen. 105 Meter hoch und bei Dunkelheit grandios illuminiert. Gegenüber liegt die alte Kathedrale, jetzt ein Museum, auch hübsch.

Die blauen Kuppeln der Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis (Neue Kathedrale) leuchten in der Dunkelheit
Nachtleben am Parque Calderon und der Kathedrale Inmaculada Concepción

Die Stadt hat Flair, ohne Zweifel. Neben thronähnlichen Vorrichtungen, auf denen stets jemand sitzt, sich die Schuhe putzen zu lassen, befinden sich Elektromärkte, Einkaufsläden, kleine Restaurants, Cafés, Kathedralen und Verwaltungsgebäude. Cuenca ist lebendig und quirlig.

Vielfältigkeit und bunte Gebäude prägen das Stadtbild

Die Kuckuck-Geräusche, die manche Ampelanlagen bei ihrer Grünphase machen, bringen mich zum schmunzeln.

Außerdem trägt meine Revolution erste Früchte! Ich finde wahrhaftigen, guten Kaffee! In einem kleinen, putzigen Café, mit hervorragendem Equipment. Diesmal zeige ich vor meiner Bestellung auf das Gerät und frage, ob der Kaffee auch wirklich da rauskommt. Ein grinsendes Nicken. Her mit dem großen Cappuccino! Beim Abschied drohe ich, morgen wieder zu kommen!

Revoluzzen und Reise planen! Endlich köstlicher Kaffee! Und einen netten Plausch gab es auch dazu.

Cuenca’s Wandkunst übertrumpft alles Bisherige! Die Speicherkarte füllt sich ruck zuck mit eindrucksvollen Graffiti-Fotos. Die wären ein eigener Blogbeitrag wert…

Streetart trifft auf Kultur und zeigt hier die traditionelle Maske Aya Huma

Läuft man vom Zentrum zum Rio Tomebamba, wird es umgehend grüner. Der Fluss teilt die Stadt in 2 Hälften. Hier führt sogar ein Radweg vorbei. Damit habe ich in Südamerika irgendwie nicht gerechnet. Und auch am Stadtrand findet sich ein tolles Café neben dem anderen! Geht doch, amigos.

Am Rande der Altstadt lädt das grüne Ufer des Rio Tomebamba zum Verweilen ein
Perspektivenwechsel; Der Radweg führt entlang bunter Graffity am Rio Tomebamba

Zum Nachmittag ziehen dunkle Wolken und Wind auf. Ideal für Kulturprogramm. Im Museo del Sombrero wird die Herstellung der original Panamahüte vorgeführt. Die kommen nämlich nicht aus Panama sondern aus Cuenca. Es gibt sogar knuffige Mini-Sombreros, nur wenige Zentimeter groß.

Sombrero-Museum: Hüte in allen Größen, Formen und Farben
Die original Panama-Hüte werden in Cuenca gefertigt

Beim Gang durch die Straßen bleibe ich an der Fensterfront eines kleinen Ateliers kleben. Man bittet mich freundlich, doch einzutreten. Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen. Begeistert darf ich zwei Künstlern beim Malen über die Schulter schauen.

Derart inspiriert schlendere ich in die Kunstausstellung Manuel Augustin Landivar. Ui ist das bunt, einige schöne Exponate dabei. Allerlei Galapagos-Getier wurde farbenfroh auf Leinwand und als Kunstwerk kreiert.

Kunstausstellung Manuel Augustin Landivar mit Galapagos-Echsen

Die Besichtigungstour endet im Museum Pumapungo. Einem weitläufigen Gebäude mit 3 Stockwerken und großer Außenanlage. Die Anlage verfügt über einen botanischen Garten, Inka-Ruinenreste und Lamas. Im Museum liegt, für mich Kulturbanause, viel langweiliges Zeugs, wie alte Münzen, getöpferte historische Schüsseln und Kannen. Aber eine Etage, die sich sehr anschaulich mit der Ethnologie beschäftigt, interessiert mich sehr. So läuft man anschaulich durch einen nachgebauten Urwald, durch spartanische Inka-Hütten, sieht Schrumpfköpfe, Schamanenzeug und erfährt vieles über die Rituale.

Ein kleiner Teil der Außenanlage des Museum Pumapungo (innen waren leider keine Aufnahmen erlaubt)

Bis zum Abend bin ich 20 Kilometer gelatscht. Einige Strecken zwangsläufig wegen Orientierungslosigkeit mehrmals.

To Do-Liste: Das süße Nichtstun genießen

Bereits beim Aufstehen wird klar, heute komm ich nicht aus dem Chillmodus. Eigentlich ging ich davon aus, am zweiten Tag Stadt-überdrüssig zu sein. Daher war der Plan, zum Wandern in den Cajas Nationalpark zu fahren. Nun ist mir die einstündige Gurkerei mit einem Public Bus in die Kälte viel zu mühsam. Lieber durch Cuenca tingeln, Cappuccino schnabulieren, lesen und bei 30°c Wohlfühltemperatur den Kadaver in der Sonne auslüften. Muss eben der morgige Abstecher auf der Wanderbus-Durchreise ausreichen. Pläne sind ja dazu da, sie flexibel über’n Haufen zu werfen. Ein weiterer Faktor, den ich bei dieser Art zu reisen so ungemein schätze.

Selbstverständlich startet der angebrochene Pausentag damit, die Richterskala der Kaffee-(Mess)-Latte neu zu justieren. Danach muss ich unbedingt zum Rathaus und meinen Zweitwohnsitz hier anmelden!

Viele Cafés in Cuenca sind gemütlich uns stylisch
Einladung zum Kaffeetrinken, immer willkommen!

Der ausgiebigen Schmöker- und Kaffeezeremonie schließt sich ein Besuch des coolen Hippie-Marktes, gegenüber meines Hostels, an. Rumschlunzen bis zum späten Mittag, das braucht’s auch mal. Dann werde ich unverhofft aktiv. Muss zum Turi-View-Point! Jetzt! Busfahren ist aber wieder viel zu mühsam, Google verkündet 5 Kilometer Entfernung. Kann man latschen.

Wenn der Touri zum Turi-View latscht

Kurzfassung: Es waren 7 ziemlich öde Kilometer, fast ausschließlich an Hauptstraßen, gegen Ende steil ansteigend (bei einem Aussichtspunkt logisch und naheliegend) und nicht sehr lohnend. Wie üblich zog sich am Nachmittag der Himmel zu, es dröpselte. Zum Glück blieb der befürchtete Starkregen aus. Wäre für die Kamera blöd geworden, ohne Unterstand weit und breit.

Unterwegs zum Turi-View, eintönige Latscherei an der Hauptstraße

Der Turi-View, hmmm… habe schon von deutlich beeindruckenderen Plattformen ge-aussichtet. Man hat einen weiten Panoramablick über die Stadt, mich spricht es irgendwie nicht an. Finde es übertrieben touristisch. Schicki-micki Resorts mit Pools, zu viele Selfistangenstrecker mit zu affigen Posen, zu viele Reisebusse. Nix wie weg hier. Ich misstraue dem Wetter und fahre mit dem Taxi bis zum Parque de la Madre zurück.

Ausblick vom Turi-View

Auf dem Heimweg bleibe ich im Café Wunderbar hängen, eine Empfehlung des Reiseführers. Was soll ich sagen? Der Name ist Programm.

Und soll ich euch noch was sagen? Zur Feier des heutigen Rumschlunz-Tages gibt’s ein Getränk aus der Karte der hochprozentigen Verlockungen. So auf fast leeren Magen zieht das Gesöff einem / mir aber gepflegt die Schuhe aus! Dennoch furchtbar schmackhaft, schlabber.

Gedanklich stoße ich auf meine Freunde zuhause an. Das hier geht auf Euch da draußen in der kalten Ferne!

Am Rande der Altstadt, am Rio Tomebamba auf der rechten Seite – Café Wunderbar

Also Café Wunderbar kann ich nur empfehlen, richtig schöne Location mit super Lage, am Rande der Altstadt am Rio Tomebamba. Eine weitere kulinarische Empfehlung: Wenn ihr die Chance habt, probiert Yuccabrötchen. In den Genuss kam ich erstmals beim Dschungelabenteuer (hier geht’s zum Blog-Bericht). Da haben wir aus Yucca-Wurzeln Brot hergestellt. In Cuenca finde ich zufällig einen Laden, der mini Yucca-Brötchen verkauft. Sie werden sogar warm gemacht. Ich liebe die Dinger, ganz ohne Klimbim, nix drauf. Köstlich!

Am Abend drehe ich eine lange Abschiedsrunde durch die Stadt. Ich kann mich an den erhabenen Bauten und der wunderschönen Beleuchtung einfach nicht satt sehen.

Imposant – Edificio de piedra de oficiales
Im Innenhof der Neuen Kathedrale
befinden sich hübsche Bars und Cafés
Kirche San Alfonso

Hinter den Fenstern vieler Wohnhäuser stehen bereits geschmückte Weihnachtsbäume. Zudem ist wirklich immer und überall was geboten, selbst unter der Woche. Auch vor der Alten Kathedrale wird gefeiert. Aus Lautsprechern schallen folkloristische Klänge und in Trachten gekleidete Paare legen feurige Tänze auf die Pflastersteine.

In Cuenca herrscht stets eine ausgelassene Stimmung und es wird viel gefeiert

Der Abschied von Cuenca fällt schwer. Die Stadt hat mein Herz erobert.

Die kommende Nacht wird wieder kurz, um 6:45 Uhr fährt der Wanderbus. Die letzte Etappe steht bevor. Danach geht es in die Lüfte und in ein ganz neues Abenteuer…

Ich gebe mir selbst ein Versprechen: Kehre ich irgendwann nach Ecuador zurück, dann auf jeden Fall auch nach Cuenca.

(Teil 11 folgt)

Seid ihr auch in eine Stadt schockverliebt? In welche und warum gerade in diese Stadt? Was macht für euch ihr Zauber aus? Und wo sollte man eurer Meinung nach auf alle Fälle einmal gewesen sein? Teilt eure Empfehlungen gerne mit mir.

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Teil 9: Kaffee-Revoluzzer, Mordlustige Lagune und Teufelsfahrt zur Teufelsnase

3. Dezember 2019

Buenos dias und adios Riobamba. Zum Abschied einen Morgenkaffee, bevor Wanderbus ein- und ich mit ihm abtrudel. Das sensationelle Café, in dem ich gestern Glück fand, zu. Es wär ja auch einfach zu schön gewesen…

Dann eben traditionell zum bekannten Saft- und Mampfladen. Da weiß man wenigstens, was Koffeein-Grottiges serviert wird, ha! Neben die erwartete Tasse heiße Milch wird eine große Dose Instantpulver (offensichtlich wurde meine Not erkannt), mit dem vielversprechenden Slogan „Cafe Buendia“, gestellt. Hoffentlich ist der Name Programm! Der Körper schluchzt auf.

Instant-Kaffee: Hartes Los für Menschen, in deren Venen Koffeein fließt…

Südamerika, das Land der minimierten Kaffeefrohlockung, schade eigentlich. Hätte ja gern importiert. Aber ich werde die Hoffnung nicht aufgeben! REVOLUTION! Viva el Kaffeebohne! Herausforderung angenommen. Ernenne mich fortan zum Che Guevara der unterdrückten Kaffeejunkies! Was zählt, ist die Mission!

Ecuadors erste Kirche

Der Wanderbus kommt, pünktlich und zuverlässig wie immer. Unser erster Stop der heutigen, sehr langen Reiseetappe ist Balbanera im Kanton Colta. Kurze Besichtigung der ersten Kirche (15. August 1534), die es in Ecuador gab. Sakrales Gedudel schallt uns entgegen. Aus Angst, beim Betreten zu Staub zu zerfallen, spähe ich vorsichtig ins Innere. Schicke, rustikale Holzdecke. Ansonsten, tja, ne kleine Kirche eben. Nicht so mein Ding, verkommenes Heidekind. Buddhistische Tempel lassen mich hingegen bedeutend mehr ausflippen.

Wanderbus vor Ecuadors erster Kirche

Die Stände mit den ach so hübschen Alpaka-Schals auf dem Parkplatz finden größeres Interesse. Ich handele den Preis runter (auf Spanisch) wie ein Marktweib auf Umschulungsmaßnahme. Meisterleistung! 1 Dollar gespart. Feilschen gehört nicht zu meinen bestechendsten Eigenschaften.

Wanderbus-Guide José zeigt auf quietschbunte Häkelmasken und erklärt ihre Tradition. Die sogenannte „Aya Huma“ hat hinten und vorne jeweils ein Gesicht, eines für die Vergangenheit, eines für die Zukunft. 12 Woll-Dödel stellen Haare dar, die für die Monate und die 12 Götter der Region Balbanera’s stehen.

Die traditionelle quietschbunte Aya Huma

Auf der Straßenseite gegenüber drehen aufgespießte Cuys (Meerschweinchen) Runden im Grillkarussel. José schwärmt mit hungrigem Blick, sie seien seeehr lecker. Ich bevorzuge sie lebend, ziehe ich den Veggie-Spaßbremsenjoker.

Landestypische Delikatesse, gegrillte Cuys (Meerschweinchen)

Unser Kamikazefahrer (sollte ich in Ecuador sterben, dann im Straßenverkehr -> Überlebensbericht Teil 1) brettert weiter durch Santiago de Quito, ein früheres Inka-Dorf. Hier leben etliche indigene Völker und betreiben großflächig Landwirtschaft. Ihre wichtigsten Anbau-Produkte sind Mais, Kartoffeln, Quinoa und Knoblauch.

Die hungrige Laguna Ozogoche im Sangay National Park

Die Fahrt ist brechreizfördernd. Hoffentlich wird Wanderbus nicht zum Kübelbus. Dafür kommen die Augen voll auf ihre Kosten. Die Landschaft ist wunderschön, unendliche Weiten erstrecken sich hinter der Fensterscheibe.

Unterwegs in der Einsamkeit

Wir holpern über eine sandige Schotterpiste im Sangay National Park. Durch den sonnendurchfluteten Bus wabert ein stickiger Staubschleier, den wir unweigerlich einatmen. Vor uns öffnet sich ein Tal mit zwei tollen Seen. Ich bin geflasht.

Die Lagunen im Sangay National Park

Kurze Pause für Fotos, dann fahren wir das letzte Stück zum „Restaurant“, wie José verkündet. Das Gemäuer sieht allerdings sehr verlassen aus. Im Gras hockt ein kleines Mädchen mit pinkfarbenem Poncho, rosa Käppchen und lila Gummistiefeln. Dreckverschnuddelt hält sie eine Tüte Chips in der Hand, während ein Welpe versucht, einen Happen zu ergattern. Verschüchtert blicken ihre dunklen Kulleraugen die vor ihr stehende Touri-Truppe an. Die Gastgeberin tritt mit einem Tablett aus der Hütte. Sie serviert uns heißen, aromatischem Tee aus „Sunfo“, einer endemischen kleinen roten Blume. Hilfreich bei Höhenkrankheit. Wir sind wieder auf 3.800 Metern. Vielleicht hilft Sunfo ja auch gegen Busfahrt-Magenschleudertrauma.

Bevor wir zum Mittagessen in wieder hier einkehren, steht eine Wanderung durch den Nationalpark an. Bewegung, Yippieh!
Eine gute Stunde laufen wir durch die braun-grüne Steppenlandschaft zur Lagune Ozogoche und zurück. Ein einfacher Pfad, über idyllische kleine Holzbrücken, durch Matschtümpel und Weideland zum Seeufer. Die Höhe macht sich bemerkbar.

José weiht uns in das düstere Geheimnis der Laguna Ozogoche ein. Der Name bedeutet in Quichua soviel wie „hungrig nach Fleisch.“ Einmal im Jahr fliegen unzählige Vögel in den See hinein und sterben, erklärt er weiter. Das ist keine Legende, sondern unheimliche Realität. Keiner kennt den Grund. Die Einheimischen zelebrieren diese eine bestimmte Woche im Jahr, da ist Party angesagt. Ozogoche, die nicht vegetarische Lagune, ist ne mörderkrasse Plörre!

Ein aufschlußreiche Wandertour. José bricht Seegras von einer Art Schilf ab und hält mir den Halm warnend hin. Rasiermesserscharf. Die Völker verwenden die Halme, um bei Geburten damit die Nabelschnur durchzuschneiden. Faszinierend. Jeder weitere Tag in Ecuador macht survival-tauglicher!

Zudem ist es traumhaft schön hier. „Sieht aus wie im Auenland, bloß die Hobbits fehlen“, grinse ich José an. Er kontert schlagfertig: „Oh, es gibt hier Hobbits, aber die tragen Ponchos.“ Grüble über seine Worte nach, mit dem Resultat, dass er hier der einzige Lockenkopf ist. Die Tatsache, dass er unentwegt am futtern ist, festigt meine unausgesprochene These über den Tag hinweg. Vielleicht erwische ich ihn noch barfuß…

13 Uhr, zurück am „Restaurant“. Zeit für Lunch. In meinem Fall Frühstück (am Morgen wurde der Körper bloß mit Pseudo-Kaffee abgespeist und einem vorzüglichen Tree-Tomato-Cocos-Saft). Im Fall des Hobbits vermutlich das einhundertelfzigste Frühstück. In dem Gemäuer hat man ein paar Tische bunt für uns eingedeckt.

Zum Glück ist das Essen fleischloser als die Lagune und erstaunlicherweise ist nix davon in Fett gebraten oder frittiert. Es gibt gekochte Maiskolben, Riesenbohnen (gepimpt mit einer pikanten Soße aus der vielseitigen Tree-Tomato, Limone und Zwiebel) und köstliche Kartoffelsuppe mit einem Spalt Avocado. Wärmender Sunfo-Tee rundet unser Menü ab.

Teuflische Fahrt zur Teufelsnase

Die Weiterfahrt nach Alausi wird als sehr serpentinenreich angekündigt. Bingo! Mit gefülltem Bauch, Doppelbingo! Die Prognose lautet: Zwei Fahrstunden Brechbus, wenn es (wie fast immer) sehr neblig ist und schwupps, schon sieht man keine 30 Meter mehr aus dem Fenster. Das Blister mit den Kotztabletten bohrt sich in meine Hand.

Deutlich schneller als angekündigt erreichen wir Alausi. Was jedoch nicht daran lag, dass der Nebel verschwand. Das tat er nämlich nicht! Allerdings ist der Teufel kein Eichhörnchen, sondern Busfahrer. Unser Chauffeur aus der Führerschein-Vorhölle muss mit dem Taxi-Sensenmann aus Quito verwandt sein (erneuter Verweis auf den Überlebensbericht Teil 1 und die dort deklarierten Spezial-Verkehrsregeln). Meine Gebete für erhöhtes Nebelaufkommen IM Bus wurden ignoriert. Dafür gab es uneingeschränkten Freiblick zum Fahrerfenster. Alles, was sich dahinter bzw. davor abspielte, ließ sich lediglich erahnen, nein, befürchten. Sicherheitsabstand?! Völlig überbewertet! Höllen-Bus überholte auch rigoros LKW’s in Kurven! Teufelsfahrt zur Teufelsnase! Nur, dass ich dies fatalerweise ausschließlich auf die abenteuerliche Holzzug-Fahrt über die legendäre Nariz del Diablo (Teufelsnase) bezogen hatte. Die brauch ich nach dem Verkehrs-Exorzismus wahrlich nicht mehr.

Im Bahnhof von Alausi

40 Minuten Alausi-Aufenthalt. Zeit, kurz den Boden zu küssen und sich flott umzusehen. Mit einem Koffeeinjunkie-Komplizen unserer Truppe investiere ich in Kaffee, statt Souvenirs, frisch vor unseren Augen aufgebrüht! Kein Instantpulver. Dieser Duft! Will gerne euphorischen Ausdruckstanz auf der Theke machen.

Auch in Alausi werden massenweise Alpaka-Waren angeboten

Cuenca – wir leben noch

Heute haben wir ordentlich Strecke durch Ecuador gemacht. Und es überlebt! Die heutigen Busstunden werde ich in einigen Therapiestunden aufarbeiten müssen. Vielleicht trinke ich besser einfach zwei, drei Schirmchengetränke mehr, das könnte auch helfen.

Man lernt ja nie aus und heute habe ich gelernt, dass Coke Zero in den Nasenlöchern nicht sooo geil is. Von Baileys und Eierlikör wusste ich das ja bereits.
Der Bus-Besessene hatte vor einem beachtlichen Hubbel mal gepflegt das Gaspedal durchgetreten. Da ich ja eh kaum hinsehen konnte, war ich darauf nicht vorbereitet und habe mir einen kräftigen Schwupps frontal in den Riechkolben katapultiert. Fazit meiner Knoff-Hoff-Show: Wenn man unbedingt diverse Getränke über die Nasenscheidewand filtern mag, dann sind kohlensäurearme vorzuziehen. Hochprozentige sowieso.

Der Fahrer hat seinen Stil konsequent durchgezogen. Starkregen, dichter Nebel, viel Verkehr, alles kein Grund mit 120 km/h rumzutrödeln. Generell wird gerne mit Lichthupe hinterm Vordermann geklebt, während bei Dämmerung oder Nebel das Licht eher auszuschalten ist. Blendet ja auch ungemein.

Egal, wir sind in Cuenca, es nieselt. Das wenige was ich von der Stadt gesehen habe – wobei, hatte mich ’ne knappe Stunde verirrt und daher doch schon einiges gesehen – ist übelst schick! Prunkvolle Kolonialbauten und alles gigantisch beleuchtet.

Auch ein Hostel war prompt gefunden. Habe mich kurzerhand dort einquartiert, wo der Hobbit nächtigt. José, ich meine José! Quasi Locals-Know-how genutzt. Die Unterkunft Casa Latina ist ein altes, charismatisches Kolonialhaus. Hohe Decken, ächzende Treppenstufen, uralte Holzdielen. Ich spüre die knarzenden Schritte von draußen, wenn ich im Bett liege. Für die nächsten 3 Nächte wohne ich in einem unfassbar günstigen Zimmer mit 3 Betten und eigener kleiner Nasszelle.

Morgen wird erst einmal die Stadt erkundet. Und nicht zu vergessen, es gilt auch noch eine Mission zu erfüllen!

(Teil 10 folgt)

Habt ihr auch schon solche Horrorfahrten erlebt? Kämpft ihr mit Reisekrankheit oder seid ihr völlig gechillt, egal wie schlecht die Straßen,wie rau die See ist? Reist ihr lieber mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit Mietwagen? Wie bereist ihr ein Land? Erzählt doch mal 🙂

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Teil 8: Caramba in Riobamba und höhenkrank am Chimborazo

30. November – 3. Dezember 2019

Der Dschungel hat mich verbabbt ausgespuckt (Bericht Teil 7). Seit Mitternacht bin ich zurück in Baños.

Die Rückfahrt war speziell… Nach der tropischen Dschungelhitze kämpfte der Körper mit der Kühlschrankkälte im Bus. Unterwegs stoppte uns das Militär. Alle mussten aussteigen (draußen wieder 30°C) und Ausweise bzw. Reisepässe abgeben. Selbst ich gelassenes Wesen werde sehr schnell unentspannt, wenn man mir meinen Reisepass wegnimmt. Das Handgepäck wurde gefilzt, dann wurden wir glücklicherweise recht zügig und sehr freundlich wieder entlassen. Uff…

Die folgenden 9 Stunden im Bus sind alles andere als vergnügungssteuerpflichtig! Die Kiste schaukelt über Hubbelpisten, der Fernseher vorne plärrt Boxfilme (in spanisch) durch die Nacht und zwei Kinder haben es sich zur Mission gemacht, abwechselnd mit lautem Geschrei oder Kreischgelächter die TV-Beschallung zu übertönen. Und das gefühlt die komplette Fahrt hindurch! Waterboarding für Lauscher und Hirn, ich bin jedenfalls durch, als ich in Baños den Bus verlasse.

Dank Carlos (der vor 5 Tagen mit mir das Zimmer reservieren war) kenne ich den Weg zum Hostel. Schnell geduscht und in das letzte freie Hochbett im 6er-Dorm geklettert. Übernächtigt, aufgedreht. Mir bleiben 4 1/2 Stunden, dann sammelt mich bereits der nächste Wanderbus ein.

Frühstücks-Fresskoma vs. Pseudo-Kaffee

Nach nur 2 1/2 Stunden Fahrt erreichen wir Riobamba. Mit der kleinen Wanderbus-Truppe verschaffen wir uns ein ersten Eindruck von der lebhaften Stadt. Mampfend funktioniert das ganz gut! Unser Guide schleift uns durch die Markthalle und wir kosten uns durch die Obstvielfalt: Granadilla (Bestandteil des neuen Lieblingsgetränkes Canelazo), Tree-Tomato, Babaco, um nur einige zu nennen.

Danach frühstücken wir gemeinsam an einem der vielen Imbissläden. Frühstück in Ecuador, auch so eine Sache. Ich gehöre ja zur Fraktion „am Morgen bloß ’ne kräftige Soja-Latte“. Dass es Kaffee hier fast ausschließlich in Instantform gibt, damit hab ich mich arrangiert. Befremdlich finde ich allerdings nach wie vor, die nicht vorhandene Kaffeekultur, im Land der Kaffeebohne. Dafür haut man sich bereits um 7 Uhr ein Frühstück rein, das als reichhaltiges Abendessen durchgeht. Ein Reisberg an gebratenen Würstchen, eingebettet von roter Beete, ertränkt unter Eiern. „Llapingachos“ nennt sich der oppulente Frühstücks-Wahnsinn. Vom Bett ins Fresskoma. Verstört-fasziniert blicke ich dem Teller nach, während ich an meinem Käsebrötchen nage und eine weitere Schippe Instantpulver in heiße Milch schaufel.

Der letzte Iceman von Riobamba

Unser Guide verrät, dieser (Saft-)Laden ist der einzige in Riobamba, dessen Smoothie-Eis vom Gletscher des legendären Chimborazo kommt. Er erzählt uns die wahre Geschichte des letzten Iceman von Riobamba, Baltazar Ushca. Der kleine, zähe Mann ist weit über 70 Jahre alt. Noch immer zieht er mit seinem Esel zu Fuß zum Chimborazo, steigt auf über 4.000 Meter zu dem imposanten Berg, um dort im Gletscher das Eis zu schlagen. Dieses wickelt er wärmeisolierend in Stroh und bringt es auf dem Rücken seines Esels ins Tal. Zu genau dem Laden, in dem wir jetzt sitzen. Ein Knochenjob! Vor uns liegt ein restlicher Eisblock im feuchtem Stroh. Andächtig bestelle ich einen Tree-Tomato-Saft und bin sofort hin und weg von dem Gesöff. Neues Lieblingsgetränk, furchtbar lecker!

Links unten im Bild ein Rest des Eisblocks im Stroh vorm „Saftladen“ des Vertrauens
Baltazar Ushka, der letzte Ice-Man

Die Gruppe reist weiter. Ich werde 3 Nächte hierbleiben, bis der nächste Wanderbus vorbeikommt und mich mitnimmt. Ich schultere meinen Rucksack und mache mich auf die Suche nach einer Unterkunft.

Fündig geworden. Im Hostel wird jedoch ausschließlich auf Spanisch kommuniziert. Mein einziges Zimmerfenster führt zu einem Lüftungsschacht, ich mag nicht reklamieren. Ich KANN gar nicht reklamieren, auf spanisch… vermisse den Sound und den Geruch des Dschungels. Wo ist die Vogelspinne an der Wand – ääähh halt, bin kurz melancholisch abgedriftet. Die kann wegbleiben, dennoch fehlt mir der Dschungel grad ganz arg.

Fremdeln in der Fremde

Hmmm, so wirklich warm bin ich noch nicht mit Riobamba. Dabei ist es hier warm. Den Tag über bin ich über einige kunterbunte Märkte geschlendert und 4 Stunden planlos durch den Ort geirrt, auf der Suche nach einer Agentur, um eine Chimborazo-Tour zu buchen. Die einen Agenturen aus meinem Reiseführer gibt es nicht mehr, die anderen finde ich nicht. Zurück im Hostel. Mit mächtig Frust. Per Sprachübersetzer versucht man mir zu helfen, vergeblich. Ich brauche einen Plan B, sonst bin ich hier tatenlos gestrandet. Die Riobamba-Mission lautet schließlich „Chimborazo!“ Selbst die Laufschuhe brauch ich mir hier nicht anzuschnallen, der Autoverkehr ist die Hölle! Fühle mich irgendwie fehl am Platz. Und fremd.

Ich hirne auf Hochtouren, recherchiere im Netz. Zufällig stoße ich auf einen Bike-Adventure-Laden und erinnere mich, dass ich heute irgendwann daran vorbeigeirrt bin. Letzte Chance, ich düse los, bevor er schließt.

2 Stunden später: Wieder im Hostel. Jetzt mit Euphorie statt Frust! Das Stimmungsbarometer steht auf „Caramba Riobamba!“ Einziger Haken der Lilalaunebär-Freude, morgen klingelt mal wieder verdammt früh der Wecker. Das Frühaufsteh-Opfer bringe ich gerne für den Berg. Schlaf wird eh völlig überbewertet oder wie ich zu sagen pflege: „Niemand schaut auf sein Leben zurück und erinnert sich an die Nächte, in denen er zu viel Schlaf bekommen hat.“

Das Handy brummt. Ui, Nachrichten und Fotos von Daheim. Meine Freunde trinken auf diversen Weihnachtsmärkten Glühwein auf mich, wie lieb. So soll’s! Ich grinse auf meine Flipflop-Füße. Glühwein oder Sommer-Sonnen-Dezember? Sorry Leute, das hier is leider geiler 🙂

Pro Bici und der Chimborazo

6:25 Uhr, müde aber gespannt warte ich vorm Hostel. Der quirlige Carlo, bei dem ich gestern die Tour gebucht habe, holt mich fröhlich plaudernd ab. Auto und mich übergibt er kurzerhand an Allejandro. Der smarte Bursche wird uns zum Chimborazo bringen. Wir sammeln die restliche Truppe ein, eine Französin und ein ecuadorianisches Pärchen und machen uns auf den Weg.

Allejandro erzählt uns viel über die Region und die Gepflogenheiten der indigenen Dörfer, zeigt uns die 1. Stierkampfarena Ecuadors, den Olympiastützpunkt und die Siedlungen um den Chimborazo, dem höchsten Berg Ecuadors (6.263 m). Sein Gipfel ist der vom Erdmittelpunkt am weitesten entfernte Punkt der Erdoberfläche. Einst war er höher als der Himalaya, musste durch seine Kratereinbrüche jedoch an Höhe einbüßen. Als er das erste Mal vor uns auftaucht, sind wir baff. Wolkenlos thront er vor uns. Ein imposantes Massiv, am Fuße dunkelbraun, gekrönt von einer strahlenden Schneehaube.

Und dann taucht der Chimborazo vor uns auf

Carlo’s Worte schießen mir in den Kopf: „Fühl den Spirit des Berges. Bitte ihn, für dich zu sorgen und zolle ihm deinen Respekt. Manchmal hat er schlechte Laune, aber er kann dir auch seine gute Seite zeigen. Wenn er dich aufsteigen lässt und gut zu dir ist, bedanke dich bei ihm auf deinem Weg.“ In dem Moment fühle ich, was Carlo meinte. Ich kann mich der Aura nicht entziehen, der Chimborazo hat mich vom ersten Augenblick an in seinen Fängen.

Die Fahrt dauert. Wir tuckern hinter Farmersleuten her, die ihre Kuhherde über die Straße treiben. Eine ältere Frau steigt zu uns in den Wagen, wir nehmen sie ein Stück ihres Weges mit. Sie freut sich und strahlt uns mit ihrem wettergegerbten Gesicht dankbar an.

Rush Hour unterwegs

Auf knapp 4.000 Metern sehe ich erstmals in meinem Leben Vicuñas. Diese wunderschönen Tiere ähneln Alpakas und Lamas. Sie leben jedoch erst in einer Höhe von 3.500 – 5.500 Metern. Entfernt in den Weideflächen steht die Chimborazo Lodge, der erste Akklimatisations-Stützpunkt für Bergsteiger, die auf den Gipfel möchten.

Vicuñas im Naturschutzgebiet Chimborazo
36 KM entfernt von Riobamba, die Chimborazo-Lodge auf 4.000 Metern. Stützpunkt für Wanderer und Kletterer, die zum Gipfel des Chimborazo möchten

Kontinuierlich geht es bergan. Die Landschaft, die anfangs noch aus bräunlichem Weideland und Schluchten bestand, ähnelt zunehmend einer Mondlandschaft. Steinig, braun, karg. Wir passieren ein Tor, hinter dem Allejandro aussteigt, um beim Wachpersonal zu registrieren.

Die Räder auf dem Dach des Geländewagens warten bereits auf die Abfahrt
Dem Auge sind keine Grenzen gesetzt
Im Hintergrund das Refugio, unser Halt inmitten der mystischen Mondlandschaft

Auf 4.800 Metern erreichen wir den Parkplatz am ersten Refugio. Ab jetzt geht es zu Fuß weiter. Allejandro drückt uns ein Walkie Talkie in die Hand. 2 Stunden Zeit zum Aufstieg. Er wartet währenddessen am Auto bei den Mountainbikes.

Magische 5000er-Grenze

Es ist nicht so kalt wie erwartet. Gleich oberhalb des Refugio passieren wir eine Steinpyramide und etliche Gedenktafeln verunglückter Bergsteiger. Bringt einen zum Nachdenken, wenn man daran vorbeistiefelt.

Steintafeln für die Verunglückten
Ein Blick zurück, unspektakulär und doch so anstrengend

Geschlagene 36 Minuten benötigen wir für 200 Höhenmeter! De Höhe macht sich heute brutal im Körper bemerkbar. Mein Schädel brummt, was auch teilweise mehrerer extrem kurzer Nächte geschuldet sein mag. Schritt für Schritt geht es im Kriechtempo durch die Ödnis hinauf. Nachdem wir das Refugio Whymper auf 5.000 Metern erreicht haben, wollen wir auch noch zur Lagune rauf. Es sind gerade mal 100 Höhenmeter, sie fühlen sich an wie ein Sprint auf einen steilen Berg. Der Kopf brüllt: „Aua! Ignorier das Dröhnen und lauf weiter.“ Der Körper wimmert leise: „Scheiß drauf, schaff deinen Hintern ins Refugio und chill!“ Jeder Kletterer weiß, das Gehirn ist der stärkste Muskel im Körper. Es gewinnt, ich gehe weiter. Die Vernunft stellt sich dahinter in die Schlange. Manou, die Französin, läuft munter neben mir her, sie fühlt sich gut. Die beiden Ecuadorianer sind hinter uns abgefallen, auch ihre Körper boykottieren die Höhe.

Niemals hätte ich gedacht, so sehr kämpfen zu müssen! Zum Kopfwummern gesellt sich plötzlich Übelkeit. Normaler Herzschlag, trotzdem zehrt der Aufstieg an der Substanz. Ich muss ständig anhalten und tief atmen. Es ist so unglaublich für mich, endlich oberhalb der 5.000er Grenze zu sein. Auch wenn ich nicht alles auf eigene Faust geschafft habe. Nach 10 Minuten erreichen wir die Laguna Condor Cocha, 5.100 Meter! Eine braune, eiskalte Brühe, die sich – umgeben von einer dicken Nebelschicht – in die karge, steinige Einöde einbettet. Wir machen schnell Fotos und funken Allejandro den Stand durch. Er empfiehlt, im Refugio Whymper einzukehren, da die Hütte bei ihm unten menschenvoll sei. Es ist richtig kalt und äußerst ungemütlich geworden. Alles in mir schreit „schaff dich endlich runter!“, das hier fühlt sich nicht mehr richtig an.

Der Kopf wummert, der Rest ist happy – Die persönliche Höchtgrenze überschritten!

Im Refugio Whymper wärmen wir uns rasch mit Coca-Tee und heißem Kakao und steigen weiter ab. Auf einem Steinhaufen vor der Hütte sitzt ein Mann, der sich übergibt. Er bringt zum Ausdruck, wie ich mich fühle…

Super Multikulti-Gefährten, allen Höhen-Widrigkeiten zum Trotz

Wir brauchen nicht lange für den Abstieg. Allejandro empfängt uns strahlend mit high-five am Refugio Carrel. Er hat bereits die Bikes vom Autodach geholt und stattet die Truppe mit Protektoren aus. Die 3 werden mit den Mountainbikes abfahren, Allejandro und ich im Auto hinterher. Dankbar, in meinem desolaten Zustand nicht biken zu müssen, hiev ich mich ins Auto und werfe mir etwas gegen den Brechreiz ein. Die Abfahrt nimmt einige Stunden in Anspruch, da wir immer wieder halten und warten, bis unsere Biker vorbeidüsen. Mehrmals döse ich weg, fix und alle.

Wir haben deutlich an Höhe verloren und schwuppdiwupp geht’s mir wieder gut. In einem Lokal an der Straße kehren wir ein und essen eine Suppe, dann geht es weiter. Auf einer derben Offroad-Piste haut Allejandro (nachdem er zuvor mühsam Bäume aus dem Weg geräumt hatte) die zweite Gangschaltung in den Schlussmitlustig-Modus. Wir holpern um den Chimborazo und bekommen ihn von einer grandiosen Seite präsentiert.

Natur pur, Seelenbalsam!
Immer schützend in der Nähe der Downhiller
Der Chimborazo, ein unvergessliches Abenteuer

Was für ein gigantisches Abenteuer! Was für ein genialer Tag! Am Ende der Abfahrt sammeln wir unsere überglücklichen Downhiller wieder ein. Den Rest der Strecke zurück nach Riobamba legen wir zusammen im Yeep zurück. Es ist bereits nach 18 Uhr, als Allejandro mich vor dem Hostel verabschiedet. Selbst für mich, die „nur“ als Beifahrer daneben saß, bleibt dieser Tag unvergesslich. Ein überragender Tag, da einfach alles gepasst hat (mal von den kurzzeitig körperlichen Ausfallerscheinungen abgesehen): Eine super Truppe, Allejandro, der beste Guide, den man sich wünschen konnte und der Chimborazo, der all seine Pracht mit uns teilte.

Auf der Suche nach dem Heiligen Kaffee-Gral

Erwachen in Riobamba. Heute ist Urlaub! Früh geschlafen, lange geschlafen. Die Morgen-Mission lautet „Anständigen Kaffee reinkippen“. Dazu müsste ich allerdings erst mal ein Café finden, was mich tragischerweise vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Denn, wie bereits erwähnt, man speist des morgens außergewöhnlich opulent, was auf Kosten der Kaffeekultur geht. Cafés, die ich finde, sind geschlossen. Ähm, macht ja total Sinn morgens. Oder sie werden gerade nass durchgewischt und ich deswegen weggeschickt. Auch das ist selbstverständlich nachvollziehbar, zur Haupt-Kaffeezeit des Tages *Ironie-off*.

Die braunen Bohnen werden hier definitiv nicht überbewertet. Nein, sie werden völlig unterschätzt. Schade eigentlich. Mein Körper verlangt Koffeein, nicht zuletzt, weil er am gestrigen Tag erschütterlicherweise nicht einen einzigen Tropfen davon bekommen hat! Mit Instantpulver lässt er sich heute also gar nicht erst abspeisen.

Nach langer Suche werde ich tatsächlich fündig! Café Padaro, das Tor zum Himmel der Geschmacksknospen-Eskalation! Vorm Betreten der wohlduftenden, kleinen Oase bin ich geneigt, ein Tränchen der Glückseligkeit zu verdrücken und die „Ode an die Freude“ anzustimmen.

Cappuccino, Pancakes, Müsli, Früchte, Schreiben – Urlaub in seiner perfektioniertesten Schlemmer-Vollendung

Zu grandiosem Cappuccino gesellen sich nicht minder grandiose Pancakes (ich MUSS im Himmel sein), Joghurt, Obst, Müsli und frisch gepresstem Erdbeersaft. Auch als normalerweise Nicht-Frühstücker ein Träumchen sondergleichen!

Energiekick-gepimpt schnüre ich meine Laufschuhe. Ich brauche Bewegung! Allejandro hat mir gestern vom nahegelegenen Parque Lineal erzählt, in dem man super laufen könne. Dahin werde ich mich jetzt navigieren lassen.

Laufrunde im Parque Lineal, eine grüne Oase in der Stadt

2 Kilometer später bin ich da, eine grüne Oase inmitten einem Stadt voller Autos und Straßenlärm. Allerdings stelle ich auch fest, Laufen läuft nicht. Statt durch die Grünfläche zu springen wie ein junges Reh, pumpt das Herz und streikt die Lunge. Soviel zum Thema längst erreichte Akklimatisation und Blut-Sauerstoffsättigung. Auf 2.800 Metern läuft der Flachland-Kadaver nun mal auf Sparflamme. Egal, dann Lauf-Gehe ich eben, Hauptsache Bewegung in der Natur! Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes wieder grün mit Riobamba.

11 Kilometern später geschafft im Hostel. Duschen, umziehen und ab in die Stadt. Erst mal Tree-Tomato-Saft mit Chimborazo-Gletschereis schlabbern. Dann Kultur. Am Nachmittag zieht – wie bereits am Tag zuvor – eine große Parade durch die Straßen. Unzählige Kinder in indigenen Trachten tanzen zu ohrenbetäubender Musik und feiern den Geist der Weihnacht. Ich mische mich als ziemlich einziger Touri unter die Locals und beobachte das quirlige, fröhliche Spektakel.

Zur Weihnachtszeit gibt es ständig Paraden durch die Stadt

Danach besuche ich das Museo de Ciencias Naturales, das naturhistorische Museum, das sich mit der Fauna der Provinz befasst. Das Museum verfügt nur über wenige Exponate und ist bereits stark in die Jahre gekommen, interessant fand ich es dennoch.

Im Museo de Ciencieas Naturales

Die Kultur-Tour geht weiter zum Museo de la Ciudad. Einer Kunstgalerie mit Gemälden und Exponaten berühmter Persönlichkeiten der Stadt. Allein das Gebäude in seinem wunderschönen Kolonialstil haut mich um! Offensichtlich hat auch ein bekanntes Orchester seine Räumlichkeiten hier. Während meines Besuchs bin ich Gast bei den Musikproben im Gebäude-Innenhof.

Was mich in Ecuador echt positiv überrascht, hier sind die meisten Museen kostenfrei. Am Eingang registriert man sich lediglich in einer Liste ein.

Am frühen Abend tingel ich zum Abschluss gemütlich durch die hübschen Stadtparks: Parque Sucre, Parce Maldonado mit seiner Kathedrale und Parque La Libertad mit der einzigen Rundkirche Ecuadors, La Basilica.

Parque Maldonado
Einzige Rundkirche Ecuadors: Gran Basílca del Sagrado Corazón de Jesús im Parque La Libertad
Colegio Maldonado im Sucre-Park

In den Seitenstraßen stoße ich erneut auf richtig tolle Streetart. Ich feiere die bunten und künstlerischen Wände hier so dermaßen!

Ausklang des sportlich-kulturellen Tages in einem hübschen Restaurant (Empfehlung des Reiseführers). „Mnom-mnom, ein Gläschen Vino Tinto zur Gemüsepasta“, schwärme ich gedanklich und bestelle den vermeintlichen Hauswein. Irritiert betrachte ich das Glas, dass serviert wird und dessen Inhalt dampft. Ich rieche vorsichtig dran. Tja, heute gibt’s wohl Glühwein zur Gemüsepasta. In diesem Sinne, frohe Adventszeit und buen provecho!

In den Straßen von Riobamba
Einkaufsladen mal anders
Süßwarenladen typisch ecuadorianisch

(Teil 9 folgt)

Wie haltet ihr es im Urlaub oder auf Reisen? Wo/wie holt ihr euch eure Portion Sport oder ist Urlaub sportfreie Zeit? Reist ihr, um ambitionierte Ziele zu verfolgen? Meidet ihr eher Städte oder bevorzugt ihr reine Städtetrips? Erzählt mir doch mal eure Geschichten 🙂

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 7: Der Amazonas ruft – Dschungel(über)leben im Cuyabeno Reservat

26. / 29. November 2019

Uuuuuaaaaaaahhhhhhh!!!!! Auf in in den Amazonas, rein ins nächste Abenteuer. Für mich Spinnen-Weichei eine persönliche Herausforderung. Aber genau an der wächst man ja bekanntlich.

Abenteuer wollen erobert werden und so lasse ich die längere Anreise über mich ergehen. Nicole (meine zeitweise Reisebegleitung -> Blogbeiträge Teil 6 / Teil 5) und ein Kollege von Carlos (dessen Agentur mir den Trip organisierte), haben mich gestern Abend zum Busbahnhof Baños gebracht und freundschaftlich verabschiedet.

19:40 Uhr, Abfahrt. Nach einer guten Stunde erreicht der Bus das Terminal in Ambato. Ich kaufe mein Ticket und verdödel bis 22 Uhr die Warterei mit süßem Cappucchino, dann startet der Nachtbus nach Lago Agrio.

Wechselgeld. Ein Kuriosum in Ecuador. Ich bin seit einer Weile im Land unterwegs und habe bemerkt, dass dies ein unliebsames Thema ist. Der Ecuadorianer kann prinzipiell kein Geld rausgeben und wenn doch, dann ungern. Seine Mimik unterstreicht meist das Desaster. Bestenfalls sorgt man dafür, immer den passenden Betrag in der Tasche zu haben. Auch Taxifahrer leiden an chronischer „Wechselgeldinsuffizienz“. Wobei man doch gerade hier davon ausgehen dürfte, dass genügend Groschen vorhanden sind. Es kann durchaus passieren, dass man zu wenig zurückbekommt, mit der „Entschuldigung“, keine Münzen mehr da. Unverständlich, aber inzwischen nehme ich es als gegeben hin. Zumal mein Spanisch nicht diskussionsfähig genug ist.

Für die Fahrt (kostet 3 oder 4 Dollar) habe ich jetzt dummerweise nur einen 20 Dollar-Schein, den ich verschämt dem Kassierer gebe. Er steckt ihn mürrisch ein, nuschelt spanische Brocken und geht. Ich beobachte, wie er die Fahrgäste abkassiert und höre mächtig Münzen klimpern. Mit gefüllter Tasche läuft er an mir vorbei und schließt wortlos die Fahrerkabine hinter sich. 45 Minuten später hock ich noch immer irritiert im Bus. Als die Neuzugänge bezahlen, erdreiste ich mich, höflich nach dem Wechselgeld zu fragen und werde brüsk abgespeist mit „cambio“ (= wechseln) und unverständlichen Spanisch-Wortfetzen. Ein Fahrgast erklärt, er müsse erst Geld wechseln. Ähh, hat er das nicht bei über 20 Leuten bereits getan?! Ich schweige. Bevor wir ankommen, drückt er mir das Geld in die Hand. Na geht doch.

In der Morgendämmerung erreichen wir um 5:50 Uhr das Terminal in Lago Agrio. Herrlich, 25 Grad. Ich hocke mich auf eine Bank, neben mir ein Weihnachtsbaum-Gebilde mit Pseudogeschenken darunter und warte, dass mich wer aufsammelt. Zumindest hatte ich Carlos so verstanden, als er etwas von chillen in einer gemütlichen Lodge mit Hängematten erzählte, bevor es in den Dschungel geht. Hier sieht’s nicht chillig aus. 40 Minuten später bin ich immer noch bestellt und nicht abgeholt. Kaffee wär jetzt was, mjamm mjamm. Die Nacht war übelst schlafarm, so sitzend im Bus. Nervös texte ich Carlos, der glücklicherweise schon wach ist und prompt antwortet. Ups, ich muss mit dem Taxi zur Chillout-Area. Sein Hinweis, doch bitte die Unterlagen zu lesen, bringt Klarheit. Da steht es sogar drin. Wie düsselich, ach, kaum ist man im Urlaubsmodus. Schäme mich kurz.

Keine 5 Minuten später wirft mich das Taxi vor einem umzäunten Haus am Straßenrand raus und fährt weg. Sieht verlassen aus. Bin ich hier richtig?! Zumindest das Foto in den Unterlagen sieht wie dieses Haus aus. Ich finde eine Klingel, die Pforten öffnen sich. Große Erleichterung.

Ich begrüße zwei Pärchen, die in Hängematten fleetzen und rühre mir koffeeinverzweiflungssüchtig Instantkaffee und Milchpulver in heißes Wasser. Noch 2 Stunden…

Wir sind eine Truppe von 7 Leuten. Ein Pärchen aus Holland, eins aus Amiland (alle Mitte 20) und ein älteres Ehepaar aus England. Nach einem gemeinsamen Frühstück werden wir mit dem Survival-Equipment ausgestattet: Gummistiefel, Ganzkörper-Regenponchos und ein grüner Seesack, um alles reinzupacken. Im Sprinter holpern wir 2 Stunden nach Oriente. Auf halber Strecke stoppen uniformierte Männern mit Maschinenpistolen den Wagen. Vielleicht, weil wir uns der kolumbianischen Grenze nähern? Besorgte Blicke, keiner von uns versteht ein Wort. Unser Fahrer steigt aus und regelt alles. Uff, wir dürfen weiter. Es geht tiefer ins Hinterland, alles ist so ursprünglich, Häuser, kleine Läden am Straßenrand, die Plätze, auf denen Kinder im Staub Fußball spielen.

Tag 1 // Tierischer Dschungelsound

In Oriente werden unsere Reiserucksäcke in ein Kanu geladen und wasserdicht verpackt. Wir schnuppern währenddessen erste tropische Amazonasluft. Die Geräuschkulisse ist unbeschreiblich. Ein Vogel, einer der Guides nennt ihn wegen seines seltsamen Lautes „Waterdrop Bird“, begeistert mich maßlos. Der Tropenzwitscherer heißt Oropendola und wer sich seinen sehr speziellen Laut anhören möchte, findet bei Youtube einige Clips dazu. Lohnt sich!

Hier stoppt der Bus, jetzt geht es auf dem Fluss rein in den Dschungel
Erste tierische Begegnung. Riesenraupe im Waschbecken

Unsere Fahrt in den Amazonas geht in die nächste Etappe. Weitere 2 Stunden bringt uns das Motor-Kanu auf dem Punte Rio tiefer in den Dschungel hinein. Die Augen wissen gar nicht, wohin sie überall blicken sollen, aus Angst, etwas zu verpassen.

Im Herzen des Amazonas

Alles hier ist viel größer als üblich. Überall wachsen und wuchern überdimensionale Bäume, Farne, Palmen, hängen meterlange Lianen über dem Fluss und flattern große azurblaue Schmetterlinge (Morpho Menelaus Clymena, wunderschön) neben uns her. Der gehässige Synchronsprecher in meinem Kopf raunt „Was meinste, wie groß erst die Spinnen sind?!“ Aber jetzt bin ich hier, ich zieh das durch und dann wird sich zeigen, wie die Phobie auf Achtbeiner-Konfrontationskurs reagiert.

In den Bäumen springen Affen, Vögel sonnen sich auf Ästen und trocknen ihre ausgebreiteten Flügel. Der Fluss wird breiter, wir steuern auf einen Baum mitten im Wasser zu. Sie ist bereits von Weitem zu sehen. Ein großer, in sich zusammengerollter Wulst, schwarz-grau mit orangefarbenem Muster. „This is the anaconda“, verkündet unser Bootsführer stolz. Um die 5 Meter lang, ergänzt er. Wir sind so nah, dass wir nur den Arm ausstrecken müssten, um sie zu berühren. Respektvoll ziehen wir die Köpfe ein und gehen auf Sicherheitsabstand. Beeindruckend und völlig surreal. Eine Schlange von solch einem Ausmaß, habe ich noch nie gesehen. Das Tier lässt sich nicht von uns stören.

Nah an der Anaconda

Es nieselt kurz, dann macht der Regenwald seinem Namen alle Ehre und es schüttet wie aus Eimern. Versteckt unter den Gummiponchos, kauern wir im Boot, die Gesichter patschnass, vom Regen, der uns durch die Fahrt entgegenklatscht. So schnell wie es anfängt, hört es auch immer wieder auf. Dann ist es unter den dicken Regenhauben auch nicht mehr auszuhalten.

Ankunft in der Bamboo Lodge

14:15 Uhr, wir biegen in einen schmalen, bewucherten Flusszweig und werden mit den Worten „welcome to the jungle!“ am Ufer der Bamboo Lodge begrüßt. Das Zuhause der nächsten 4 Tage.

Angekommen im neuen Zuhause

Nach einem leckeren Mittagessen werden wir auf die Unterkünfte aufgeteilt. Als einziges „Nicht-Paar“ bekomme ich ein 3-Bett-Zimmer mit Bad. Ich freue mich über das unerwartete Upgrade. Die Schizo-Stimme aus dem off freut sich mit: „Mega, ne? Heut Nacht heulste, wenn die Tarantel in deinem Zimmer Salsa tanzt. Darfste dann allein raus tragen.“ Es hat auch was Gutes, wenn man ein wenig krank im Kopp is. Man kann sich nämlich alles doofe auch wieder selber schönreden. Dafür hab ich auch ne Stimme: „Ach, das wird! Immer locker durch die Hose atmen. Es gibt hier keine so großen Spinnen,“ beruhigt sie.

Upgrade: Mein Zimmer mit Bad und 3 Betten

Kleine Siesta, dann geht’s wieder auf den Fluss. Wir tuckern zur Lagune (nicht so paradiesisch wie das jetzt klingt) und wer mag (alle außer Guide Willian und mir) springt in die dunkle Brühe und badet im Sonnenuntergang. Ich genieße das Schauspiel vom Kanu aus und denke an die Anaconda, die in der Nähe im Baum hängt – oder vielleicht gerade hierher schwimmt. Es regnet wieder, juckt aber niemanden, sind eh alle nass. Die Sonne verabschiedet sich zusammen mit einem leuchtenden Regenbogen, während wir in der Dämmerung zur Lodge zurückfahren.

Ein kleines Stück Paradies

Nächtliche Dschungelsafari

Beim Abendessen informiert uns Willian, dass wir später nochmals rausfahren, um Kaimane und Schlangen zu suchen. In einer Mosquitospray-Duftwolke und bewaffnet mit Stirnlampen, steigen wir ins Boot. Unbegreiflich, wie Kapitän „Cappy“ sich in der absoluten Dunkelheit orientiert. Am Himmel zeigt sich eine Sternenpracht, wie ich sie selten gesehen habe. Traumhaft!

Willian leuchtet derweil über das Wasser, auf der Suche nach roten (Kaimanaugen) und weißen Reflektionen (Schlangenaugen) in der Ferne. Weiße sehen wir schnell. In einen Baum räkelt sich eine gelb-orange farbige Boa. Dann entdecken wir eine weitere junge Schlange. Auch die Anaconda hängt noch in ihrem Baum und knackt.

Auf nächtlicher Schlangensuche im Schein der Taschenlampe

Der Lichtstrahl wandert weiter über den Fluss. Wie auch immer er das macht, Willian erspäht plötzlich rote Augen. Cappy lenkt das Boot in den Mangrovenwald und Willian deutet still auf einen riesen Kopf, der aus dem Wasser ragt. Geräuschlos nähern wir uns vorsichtig. Vor uns im Wasser schwimmt ein 3 Meter langer Kaiman. Irre!

Fahrt ins dunkle Nichts
Wir haben einen Kaiman gefunden

Willian ist hochzufrieden, voller Erfolg. Zeit zurückzufahren. Cappy düst uns souverän zur Logde, man kann wirklich nicht die Hand vor Augen sehen.

In der Bamboo Lodge geht’s tierisch weiter. Mit der Dunkelheit kommen Spinnen. Tja, ist halt kein Ponyhof hier. An der Holzwand einer der Unterkünfte (nämlich in der auch ich schlafe – oder nicht), klebt ein gar nicht mal so unaufdringliches Exemplar. Eine junge Vogelspinne, grinst Willian. JUNG?! Sollte jung nicht klein sein? Wie sehen dann die Alten aus? Gehen mir die vom Boden bis zum Bauchnabel?? Ich bin geschockt. Und irgendwie fasziniert… nein, mehr geschockt. Mein Hirn kriegt es nicht auf die Kette, was die Augen sehen. Prompt klinkt sich die Schizo-Stimme wieder ein: „Riesenteil, ne? Hat mehr Haare annen Beinen als du! War übrigens witzig, wie du vorhin erschrocken bist, als der Frosch in deinem Zimmer die Cremetube umgehüpft hat. Viel Getier in deiner Bude! Wie die Fledermaus, die über deinem Bett ständig ihre Runden flattert. Du glaubst noch immer, Spinnen können nicht rein? By the way, haste dir mal den Abstand zwischen den Bodendielen angeguckt? Luftiges Zimmer, in dem du da wohnst.“

Ich schnappe meinen Verfolgungswahn und nehme ihn mit ins Zimmer. Mit Überwindung ziehe ich den Vorhang zur Nasszelle auf, bevor mein Röntgenblick Dusche und Waschbecken abscannt. Uff… keiner da. Ich verkrümel mich ins Bett und stopfe das Mosquitonetz akribisch unter die Matratze. Das leuchtende Display des Ebook-Readers lockt kleine Mückchen an, die mir in die Nase fliegen. Wie ein Schutzschild ziehe ich das dünne Laken über den Kopf und lausche dem grandiosen Dschungel-Sound, der durch die scheibenlosen Fenster ins Zimmer dringt. Mein letzter Gedanke: „Wie soll ich jemals wieder einschlafen können, ohne diese wahnsinnig tollen Urwaldgeräusche?“ Durch die dünne Bretterwand mischt sich Nachbar-Geschnarche.

Tag 2 // Organisiertes Leben im Cuyabeno Reservat

Hab geschlafen wie ein Stein. Selbst der strömende Regen, der am Morgen auf das Dach poltert, wirkt meditativ. Verschlafen torkel ich zum Aufenthaltsbereich. Mit Sicherheitsabstand checke ich unterwegs, ob die Spinne dort vielleicht grad frühstückt. Sie ist weg, ist das jetzt besser? Mich meinem Kaffeeschicksal ergebend, löffle ich Instantkrümel und Milchpulver (darauf bedacht, die Ameisen nicht mit reinzuschaufeln ) in eine Tasse heißes Wasser. Mein Blick schweift durch die Anlage. Viel gibt’s hier nicht, back to the roots, das entschleunigt. Weg kommt man ausschließlich per Boot, der Bewegungsradius ist somit auf dieses Insel-Kleinod beschränkt. Neben den paar Schlafhütten gibt es eine „Honeymoon-Suite“, wie ich sie nenne, einen Aussichtsturm, den Aufenthalts-/Essbereich und die Terrasse mit Hängematten an der Anlegestelle. Alle Hütten sind über Holzstege miteinander verbunden. Und dann gibt es noch „das Gym.“ Ich muss so lachen, als ich die selbstgebauten Beton-Hantelstangen und Gewichte neben der Klimmzugstange im Gras entdecke.

Chillout-Area am Ufer
Vorne links die Schlafräume, dahinter der Aussichtsturm, rechts die „Honeymoon-Suite“
Das Gym am Aussichtsturm
Aufenthalts- und Essbereich
Blick vom Aussichtsturm über das Cuyabeno-Reservat und die Botanik

Das Camp ist super organisiert, komplett ökologisch. Von 7 – 22 Uhr gibt es Licht. Meistens. Der Strom kommt über ein Solarpannel. Darüber wird auch das Duschwasser aufgewärmt. Duschwasser, Toilettenspülung etc. ist Regenwasser oder kommt aus dem Fluss. Deshalb wird damit auch nicht die Zähne geputzt. Eigenes Shampoo/Duschgel sollen wir nicht verwenden, nur das Zitronellazeugs, das in der Dusche hängt. Riecht gut und ist für die Natur verträglicher. Handys und elektronische Geräte können zwischen 19 – 22 Uhr geladen werden. Nicht, dass man hier Empfang hätte! Das Cuyabeno Reservat ist völlig im off, was ich enorm genieße. Die Außenwelt bleibt außen vor.

Direkt nach dem Frühstück brechen wir auf. Zwei Stunden lang genießen wir die Bootstour und die Tierwelt. Heute gibt’s sogar einen Manta im Fluss-Angebot. Ungewöhnlich nah schwimmt er an unser Boot. Willian sieht wirklich überall Getier und zeigt es uns mit Begeisterung. Er hat bereits einen Bildband über die einheimischen Vögel rausgebracht und kennt alle.

Manta direkt am Boot
Neugierige Stinky-Birds

Im Baum sitzen „Stinky Birds“. Der Name ist Programm, erklärt er uns, denn der Flatterich stinkt. Wegen seiner vegetarischen Ernährung. Dies sei bei mir aber nicht der Fall, grinst er mich an und feixt sich einen. Jaja, die Vegetarier halt wieder…

Besuch der Kommune Puerto Bolivar

Um 11 Uhr legen wir am Ufer der Kommune Puerto Bolivar an. In Gummistiefeln staksen wir durch Matsch und Wasserlachen über die Plantage, vorbei an Kaffeebohnenpflanzen und unbekannten Früchte. Willian haut eine Guama, eine Art überdimensionale Erbsenschote vom Baum, bricht sie auf und lässt uns das fluffig weiße Fruchtfleisch rauspulen. Schmeckt unerwartet lecker! Das süße Fruchtfleisch nur vom Kern ablutschen, nicht draufkauen, mahnt er.

Angekommen bei der Kommune Puerto Bolivar
Wir bahnen uns den Weg durch die Plantage
Guama Frucht, köstlich!

Er zeigt uns riesige Ameisen unter einer Rinde und warnt: Ein Biss dieses Tieres sei vierzehn mal heftiger als ein Wespenstich, verursache ein Taubheitsgefühl an der entsprechenden Stelle und am nächsten Tag spüre man, beispielsweise bei einem Biss in die Hand, diese gar nicht mehr. Unterschätz niemals die Natur! Kaum gedacht, platscht ein ein kräftiger Regenschauer herab.

Willian stellt uns eine der Dorfbewohnerinnen vor. Mit ihr werden wir Yucca-Brot backen. Die beiden graben mit einer Machete Yucca-Wurzeln aus dem matschigen Erdreich, die geschält werden. In der „Küche“ (ein offener Unterstand mit Blätterdach und rundum aufgebockten Holzstämmen als Bänken) verarbeiten wir die Wurzeln weiter. Erst werden sie gewaschen, dann auf einer verbeulten Riesenreibe kleingehobelt. Die breiige Masse kommt in ein schweres Lianengeflecht und wird mühsam ausgepresst. Wir sind überrascht, wie viel Wasser die kleine Frau auswringt. Das Ergebnis ist eine Art Yucca-Parmesan, den sie als Crêpeteig auf einem flachen Stein auf der Feuerstelle verteilt. Sie klopft ihn mit einer Kokosnushälfte platt und backt ihn von beiden Seiten aus. So also werden Yucca-Fladen hergestellt.

Ausbuddeln der Yucca-Wurzeln
Die geschälten und gewaschenen Wurzeln werden gerieben
Der geriebene Brei kommt in die Presse
Dann wird das Wasser rausgequetscht, es entsteht eine parmesanähnliche Substanz
Die trockenen Yucca-Krümel werden als Fladen auf der Feuerstelle gebacken
Schutz unter dem Blätterdach, während der Himmel wieder seine Schleusen öffnet

Willian bereitet währenddessen aus Tomaten, Thunfisch, Limetten und Zwiebeln eine pikante Beilage zu. Der warme Fladen, wahlweise mit der Füllung oder einfach mit etwas Honig, stößt bei uns allen auf große Zustimmung. Keine Zusatzstoffe, keine chemische Verarbeitung. Super lecker und die außergewöhnliche Umgebung macht diesen Snack zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Danach hat der angesehene Dorf-Schamane Raphael seinen Auftritt. Wir dürfen ihn mit Fragen löchern und opfern Felix, einen unserer Truppe, für ein schamanistisches Ritual. In blauer Tunika und mit Wildschwein-/Jaguarzähnen und Papageienfedernkrone ausstaffiert, malträtiert der Heiler singend mit stacheligem Blätterwerk Felix nackten Rücken. Wir gaffen fasziniert mitleidig. Ihm wird hochoffiziell das Ende seiner Rückenschmerzen prophezeit (wahrscheinlich ist jetzt Hautausschlag sein größeres Problem), dann folgt Touri-Bespaßung in Form von Blasrohrschießen. Kann man mal machen.

Besuch des hoch angesehenen Dorf-Schamanen

Unsere Dschungeltage sind vollgepackt, es wird mächtig viel Programm geboten. Uns bleibt eine Stunde Verschnaufpause, dann geht es um 18 Uhr auf Nachtwanderung in die grüne Hölle. Mir schwant, jetzt kommt meine persönliche Dschungelprüfung! Wir legen am Ufer irgendwo im Amazonas an und befinden uns keine Minute später richtig tief drin im tropisch-schwülen Urwald. Zum Schutz vor Ameisen, die bereits an meinem Bauch krabbeln, ziehe ich meine Socken über die Hose, und schlüpfe zurück in die Gummistiefel. Werden schon nicht diese Killerteile sein und morgen ist mein Bauch taub! Die unzähligen Mosquitos sind so gierig und ausgehungert, dass jeder Mikromillimeter ohne Repellent, zum all you can eat happy-hour-Buffet erklärt wird. Permanent sauge ich kleine Fliegen in den Riechkolben. Die Stirnlampe ist jedoch unabdingbar, es ist stockfinster! Auch Willian warnt eindringlich: Jeder hat sein Licht an! Niemand verlässt den Pfad! Und keiner fasst auch nur irgendetwas an! Die giftigsten Schlangen sind am Boden. Das hier ist ernst, soviel ist klar.

Ehrfürchtig leuchte ich umher. Dann richte ich das Licht über meinen Kopf und mir haut’s schier den Mais vom Kolben. Meterlange, riesige Palmwedel wuchern wie ein natürliches Dach hoch über uns, alles wächst wild und unbändig. Der feuchte, matschige Boden scheint ein Turbo-Dünger für die Pflanzen zu sein.

Willian will wissen, ob die Tarantel daheim ist. Mein Zeichen, mich in den Windschatten der Gruppe zu verdrücken. Mit einem dünnen Stöckchen klopft der Dschungelguru an ein kleines Loch am Stamm. Nix passiert, dann erscheinen zwei dicke Beine. Der Rest des Spinnentiers schießt aus dem Loch. Wuuuäääääähhhhh!!!!! An welchem Atommeiler hat denn die geleckt?! ABER: Ich hab hingeguckt! Mich der Angst gestellt! Nicht weggerannt, nur bissi versteckt.

Das Urwald-Spinnenportfolio hält weitere Langbeiner parat: Wolfsspinnen, eine schneeweiße Spinne und ein richtig großes dünnes Vieh, das Willian auf die Hand nimmt. Stop! Will ich nicht sehen.

Und wenn man so gesellig beisammen steht, während der Adrenalinpegel unkontrolliert wie eine fehlgezündete Feuerwerksrakete gen Himmel steigt, könnte man doch zum romantischen Teil übergehen. Unser Dschungelchef findet es irre toll, dem puren Sound zu lauschen. Jetzt. Ohne Lichtverschmutzung. Stört die Konzentration, wenn man nur Lauschen will und die Tarantel auf der Giftschlange reiten sieht. Unbeweglich, wie die Perücke von Olivia Jones, stehe ich in der Finsternis. Den nervösen Finger am Lichtschalter, während die Stimme im Kopf die schrille Melodie der „Psycho“ Badewannen-Messerszene zum Besten gibt.

Ich sag nur: KRASSER SCHEISS!! Hosen vollgeschissen, aber durchgezogen! Bin ab sofort eins mit der Natur, quasi in Symbiose mit ihr verschmolzen.

Die Erleichterung ist greifbar, als uns der Urwald nach der Durchquerung wieder ausspuckt. „Cappy“ wartet bereits und bringt uns durch die Dunkelheit zurück zur Lodge. Nach dem Abendessen gibt’s für alle eine Runde Caiphis aufs Haus. Läuft mir heut Abend – im wahrsten Sinne des Wortes – überaus geschmeidig rein!

Der hübsche Geselle wohnt hinter der Holzverkleidung neben meiner Eingangstür

Auf dem Weg ins Zimmer flüstert der innere Kackbratzen-Psycho: „Haste gesehen, die Vogelspinne hing nicht an der Lodge. Wo die wohl sein mag?!“ Dafür hopst der Frosch wieder im Zimmer rum und als die Fledermaus zum dritten Mal über mein Bett segelt, schalte ich die Stirnlampe aus. Das Licht im Camp ist schon seit 22 Uhr erloschen.

Tag 3 // Frühschicht und Leibesertüchtigung

5:50 Uhr – Boppes ausm Bett, zack zack!
Kleider an, Vogelnest aufm Kopf gekämmt, Zähne geputzt und einen laukalten Instantpulverkaffee in den Schlund gekippt. Schlechtes Friedensangebot für den müden Kadaver.

Der Camp-Frühschicht wird heute ein Sonnenaufgang vorm Frühstück serviert. Das stand schon gestern auf dem Plan, da wären wir allerdings im Boot ersoffen, so sehr regnete es. Umso mehr genießen wir heute die Stille und die aufgehende Sonne im Nebel. In der Lagune beobachten wir die rosa Flussdelphine beim spielen. Grandios!

Kurz vor 8 Uhr sind wir zurück. Nach dem Frühstück bleiben wenige Minuten und schon hocken wir erneut in Poncho und Gummistiefeln im Boot. Es regnet und gewittert. Schöne atmosphärische Stimmung.

Nach dem Rumgeschipper der letzten beiden Tage, können wir uns heute endlich mal bewegen. Dschungelwanderung, yeah! Cappy setzt uns an einem Ufer aus und wir schlagen uns 3 Stunden durch die tropisch-vermappelte Pflanzenwelt.

Schlammschlacht bei der Dschungelwanderung

Ich fühl mich, als hätte ich Windpocken mit Flöhen. Die Mosquitostiche jucken wie die Sau.

Willian zieht wieder alle Register des botanisch-animalischen Entertainments. Wo der wieder Tiere ausgräbt und erspäht. Tukane, Eisvögel, einen Mini-Ameisenbären, Seqoia-Bäume mit Riesenwurzeln, Bäume aus deren Rinde (im Camouflage-Style) Chinin hergestellt wird, einen winzigen roten Frosch. Den Giftigsten übrigens, den es hier gibt. Wir sollen nicht dran lecken oder sein Sekret mit eigenem Blut in Verbindung bringen. Gut, dass er es erwähnt. War fast geneigt, die Zunge auszufahren… Wäre das Todesurteil. Einer der Bäume hat einen dünnen, schneeweißen Stamm. Seine Rinde sondert einen Schimmel ab, der Insekten tötet, die an ihm hochkrabbeln. Die trocknen regelrecht aus. Sachen gibt’s!

Der Boden ist extrem moorastig und lehmig. Bis über das Schienbein sinken wir im Mappel ein. Ich torkel umher, als hätte ich ne durchzechte Nacht hinter mir und stütze mich an einem Baum. Bekomme prompt die Lehre erteilt: Fass nix an! War ja die Ansage. Der Stamm hat Stacheln und ich einen blutenden Stich in der Hand.

Es stinkt gewaltig. Faulig.
Willian zieht seinen Stiefel aus einem dunkelbraunen Matschloch und hält ein Feuerzeug in den feuchten Schlamm. Sofort flackert eine bläuliche Flamme auf. Hier ist reichlich Methangas in der Erde. Unser kleiner Feuerteufel fackelt tüchtig weiter. An einem Baum pickelt er etwas Schwarzes von der Rinde und zündet es an. Das klamme Baumstück kokelt und qualmt. Es riecht nach einer Mischung aus Zedernholz und Weihrauch.

Nach 3 Kilometern mühsamer Schlammschlacht erreichen wir das Flussufer der anderen Dschungelseite. Im Gras liegt ein großes Kanu. Nix motorisierter Heim-Shuttleservice. Zur Lodge wird eigenhändig zurückgepaddelt. Mein Körper freut sich über die Leibesertüchtigung.

Nach dem Mittagessen ist heute längere Siesta-Zeit.
Die nächste Bootstour steht erst um 16:30 Uhr an. Der Buschfunk munkelt von einer weiteren Anaconda, die wollen wir suchen.
Wieder ist Paddeltraining angesagt. In den Bäumen beobachten wir umhertobende Totenkopfäffchen und werden von Affen beobachtet.

Dann steuern wir einen Baum im Wasser an. Zusammengerollt liegt darauf eine dicke Anaconda und chillt. Felix, ganz vorne im Kanu, wird unentspannt, da er den Würger gleich auf den Beinen liegen hat. Er bekommt unsere Handys und wird verdonnert, spektakuläre Nahaufnahmen zu machen.

Bis zum Sonnenuntergang wird gepaddelt, es gewittert die ganze Zeit. Natürlich schüttet es auch wieder ordentlich. Schnell den miefigen Gummiponcho drüber, bevor das Equipment nass wird. Einige der Truppe springen in die Lagune. Über uns grollt der Donner, während die Sonne sinkt und die Dunkelheit einbricht. Das Abendessen ruft, wir paddeln zurück.

Sonnenuntergang über der Lagunge

Heute Abend hat alles wieder seine Ordnung. Die Vogelspinne hängt an ihrem Platz, wohnt ja hier. Mit gebührendem Abstand und viel Überwindung wage ich mich näher ran. Willian beobachtet belustigt meinen Eiertanz. Ich drücke ihm mein Handy in die Hand, damit er ein Angeber-Foto für Familie und Freunde macht. Kann ich selbst nicht. Dazu müsst ich noch näher dran, noch genauer hingucken, geht nicht! Wahrscheinlich krieg ich jedesmal den ultimativen Schock, wenn ich unerwartet das Foto sehe im Handy sehe.

Die ansässige Lodge-Vogelspinne

Tag 4 // Vom Amazonas wieder ausgespuckt

Nach dem Frühstück müssen wir heute zurück in die Zivilisation. Der Abschied fällt schwer. Ich hätte ultra gerne weitere Tage dran gehängt.
Jetzt folgt das Einstiegsprogramm rückwärts. 2 Stunden Bootsfahrt zum Verladepunkt. 2 weitere Stunden Schaukelbus nach Lago Agrio und bis Mitternacht zum Ziel nach Baños. Dort wartet ein Bett im Dorm auf mich.

Schwerer Abschied vom Dschungelparadies und der Abgeschiedenheit

Mein Fazit: Ich würd’s wieder tun! Zweifelsohne! Es waren die mitunter spannendsten 4 Tage in meinem Leben. Lehrreich, tiefgründig, emotional, spaßig, gruselig, grandios… Auf dieses Erlebnis hätte ich niemals nie verzichten wollen. Jeder, der Natur und Tiere mag und die Chance hat, sollte sich auf das Abenteuer einlassen! Wenn ich an meine anfänglichen Zweifel denke, ich hätte es zutiefst bereut, es nicht zu machen. Deshalb, geht raus, seit mutig, verlasst eure Komfortzone! Lasst euch auf die Abenteuer ein, die die Welt parat hält! Und genießt sie in vollen Zügen!

(Teil 8 folgt)

Welche Dschungelerlebnisse hattet ihr schon? Was waren eure größten Herausforderungen und was hat das mit euch gemacht? Euch wie verändert? Was war für euch das Faszinierendste, das Beängstigendste? Erzählt es mir oder lasst einen Kommentar hier. Ich bin gespannt auf eure Geschichten!

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 6: Baños – Hüpfburg für Adrenalinjunkies

23. / 25. November 2019

Vamos al Baños oder wie ich es zur unabwendbaren Vorweihnachtsbedrohung nenne: Die Après-Skihütte Ecuadors. Baños ist das pure Leben! Musikalisch, farblich, sportlich, abenteuerlich. Es saugt dich ein, nudelt dich einmal ordentlich durch und spuckt dich – vollgepumpt mit Endorphinen – wieder aus.

Bei leichtem Nieselregen trudeln wir mit Wanderbus abends in dem quirligen Ort ein. Von rund 3.900 Höhenmetern in Quilotoa auf gerade mal noch 1.800 Metern. Das erste Gefühl, beim Verlassen des Busses: Wärme! Sommer!! Ähh neee, doch nicht. Überall Weihnachtsklimbim, sogar die Straßenlaternen zieren überdimensionale rot-weiß geringelte Zuckerstangen. Ich schultere meinen Rucksack und blicke kopfschüttelnd einem grell beleuchteten Bähnchen mit Partyvolk hinterher, welches mit dröhnender Musik vorbeifährt. Das komplette Kontrastprogramm zum beschaulichen Quilotoa.

3 1/2 Stunden hat die Fahrt gedauert. Wir möchten schleunigst ins Hostel und duschen. Der ganze Schweiß, Staub und Bapp vom Serpentinenaufstieg am Morgen (s. Bericht Teil 5) klebt noch an mir.

Christina, unsere heutige Wanderbus-Beauftragte, schickt der Himmel. Eigentlich schickt sie ihre Freundin Hayde (die sich gestern um uns kümmerte und mit der ich seitdem in Kontakt stehe). Hayde hat in Baños für Nicole (meine Reisebegleitung seit einigen Tagen) und mich bereits Zimmer zu super Preisen reserviert. Christina soll nun checken, dass alles seine Richtigkeit hat, flüstert diese mir vertraulich zu, als sie uns mit Carlos durch das bunte Halligalli zur Unterkunft begleitet. Carlos hat sich bei unserer Ankunft im Wanderbus vorgestellt. Er betreibt hier eine Agentur für Ausflüge. Auch ihn hat Hayde schon auf uns angesetzt, weswegen er und Christina sich nun für uns deutsche Gringas verantwortlich fühlen. Ich bin gerührt.

Die zwei begleiten uns bis in die Zimmer, um sich zu versichern, dass wir wirklich zufrieden sind. So etwas habe ich noch niemals nicht erlebt. Nach Dankeshymnen meinerseits und ersten Infos von Carlos verabschieden wir uns von den beiden. Mit Carlos haben wir uns für den nächsten Morgen verabredet.

Frisch geduscht stürze ich mich mit Nicole ins Nachtleben. So ähnlich muss es am Ballermann zugehen! In der Szene-Straße reiht sich Kneipe an Kneipe, überall wummert Mucke aus den Boxen durch die Straße. Vor den Türen stehen überwiegend junge Menschen, es wird ausgelassen getrunken und gefeiert. Wir machen es uns in einem Baumhaus-Pub gemütlich und ordern Caiphis.

Buntes und lautes Nachtleben in Baños

Stunden später kommen wir in unsere Unterkunft zurück. Offensichtlich ein ziemlich religiöses Haus. Das zeigt nicht nur der vollgehängte Weihnachtsbaum und das Krippenspiel an der Rezeption. Nee, überall hängen Gemälde mit des Lattengustl’s Konterfei. Bis zu unseren Zimmern im 4 Stock, bin ich auf jeder weiteren Etage mehr und mehr dazu geneigt, mich vor den Bildern zu bekreuzigen und weiter auf Knien die Treppe hinaufzurobben. Dank den verköstigten Getränken wahre ich jedoch die Contenance.

Weihnachtskrippe und eines der unzähligen Heiligenbilder

Nach dem Frühstück (Highlight: Frisches Obst und lecker frischgepresster Saft // Lowlight: Kaffee besteht aus heißer Milch mit Instant Pulver) steht Hausarbeit auf dem Plan – Dreckwäsche. Mit unserem Klamotten-Stinkesack stürmen wir die Wäscherei gegenüber. Ich hoffe, der guten Frau kappt es beim Öffnen des Wäschesacks nicht die Sauerstoffversorgung. Arbeit erfolgreich delegiert, nix wie los.

Im Partybus der musikalischen Verzweiflung

Wir laufen zu Carlos in die Agentur. Keine 5 Minuten später drückt er uns Tickets in die Hand und schiebt uns in den Doppeldeckerbus zur Sightseeing- und Adrenalinjunkie-Tour. Wir hatten ja keine Ahnung, worauf wir uns da einlassen…

Wir hocken „oben ohne“ im Bus und lassen uns von der Sonne bescheinen. Will heißen, das Vehikel hat kein Dach – bevor gleich das unseriöse Fantasienkarusell Runden dreht! Der Bus tuckert zunächst durch die schmalen Gassen des Ortes. Überall sind die Wände bunt bemalt, was ich wunderschön finde.

Dann geht es vorbei an der kleinen Parkanlage mit der Basilika und den typischen Süßigkeitenständen weiter zu dem hohen Wasserfall am Rand des Zentrums. Die Erklärung zu den Sehenswürdigkeiten gibt es leider ausschließlich auf Spanisch. Lässt mir umso mehr Spielraum für eigene geistige Kreativität, daran mangelt es ja nicht.

Park mit der Basilika im Zentrum von Baños
Jede Menge Süßigkeiten, auch dafür ist Baños bekannt
Stadtleben und im Hintergrund einer der vielen Wasserfälle

Dazwischen dröhnt „das Schlechteste der 90er in Technoform“ aus den Boxen. Wirklich ganz übel! Selbst vor musikalischen Niederträchtigkeiten wie „Eins, zwei Polizei“ wird nicht zurückgeschreckt! Nicole und ich tauschen entsetzte Blicke. Peinlich berührt, überlege ich, im Bus ab sofort meine Landessprache zu verweigern.

Als irgendwann „Moskau“ durch die Lautsprecher tönt, geht der Gaul der Verzweiflung mit mir durch. Ich kapituliere und singe Nicole laut ins Ohr.

Der Partybus hält am Parque Aventura San Martin. Hier wird einige Zeit verdödelt, damit alle (Zahlungs-)Willigen über eine Schlucht ziplinen oder eine Hängebrücke überqueren können. Erscheint uns wenig spektakulär.

Wasserfälle und Adrenalin intravenös

Der Agoyan Wasserfall ist hingegen wesentlich beeindruckender. Er ist mit 61 Metern der Höchste der Anden Ecuadors. Genau genommen sind es zwei Wasserfälle, die wir von dem gegenüberliegenden Parkplatz aus bestaunen.

Agoyan Wasserfall vom Parkplatz aus

Bei einem weiteren Stop an einer schmalen Pflastersteinstraße, deutet unser Guide ehrfürchtig auf die Felswand. Ich glotze debil die Struktur an und wundere mich, warum alle Fotos machen und sich in völliger Hingabe befinden. Die fragwürdige Begründung – nun ja, lassen wir das. Vor uns offenbart sich – angeblich – das Antlitz Jesu Christi. Der hat da mal gepflegt seine Silhouette in den Fels getackert. Ich erkenne nix, gehöre allerdings auch zur Fraktion der Ungläubigen. An Jesus kommt man in Baños halt nicht vorbei, der guckt dich von überall aus an. Ein wenig wie Big Brother…

Weiter geht’s zum nächsten Adrenalin-Event. Mir persönlich reicht dafür ja schon die Busfahrt! Hinter einer ziemlich schmalen Brücke hält der Bus an einem Canyon und prompt gerät Nicole in Verzückung. Mit leuchtenden Augen lässt sie sich in eine Kugel schnallen, um darin über den Abgrund zu schwingen. Hier wurde ordentlich was für die Kick-Suchenden hingezimmert! Ziplines, an denen man in Bauchlage vogelähnlich die Schlucht überfliegen kann, die um sich selbst drehende Kotzkugel und allerlei masochistisches Schwingpendelrunterfall-Gedöhns. Die intravenöse Adrenalin-Injektion kostet, die Krankenkasse zahlt nicht, dafür aber der Touri. Das Konzept geht auf.

Ziplining, Canyope, Bungeejumping, Kotzkugel, Mountainbiken – unbegrenzte Möglichkeiten für Kicksuchende

Ich verweigere und dokumentiere von der benachbarten Brücke aus Nicole’s Flugshow auf Fotos und Videos. Ich steh nämlich so gar nicht auf runterfallen, rumfliegen oder mit schneller Geschwindigkeit wegkatapultiert werden. Als Kletterer kenne ich meine hinderliche Sturzangst zu gut und hier werde ich ganz sicher nicht mit Falltraining beginnen!

Die fahrbare Love-Parade bringt uns weiter zum Cascada el Manto de la Novia. Ein weiterer hoher Wasserfall, an den man in einer Gondel ganz nah ranfahren kann.

Abenteuer in grandioser Natur

Offensichtlich hat die allgemeine Zahlungswilligkeit nachgelassen. Der Großteil ist adrenalinsatt, so dass der Halt recht kurz ausfällt. Nichts desto trotz, die Landschaft ist toll!

Naturspektakel Cascada Pailon del Diablo

Unser letztes Ziel ist mein persönliches Highlight: Der Cascada Pailon del Diablo in Rio Verde. Der kann was! Am Parkplatz schmeißt man uns raus und räumt uns 30 Minuten ein. Hää?! Ich will es nicht glauben! Stundenlanges Schluchtenschleudern an Draht und jetzt – an einem wirklich atemberaubenden Naturspektakel – dürfen wir gerade mal noch ne halbe Stunde? Pffff!

Am Eingang zum Pailon del Diablo

Flott zahlen wir ein kleines Eintrittsgeld und laufen durch die botanische Klamm. Hat man die wackeligen Hängebrücken überquert, ist das Tosen des Wasserfalls zu hören. Als ich ihn sehe, stockt mir der Atem. Bombastisch! Über unzählige Treppenstufen schlängelt sich ein steinerner Weg zu dieser unbändigen Wassergewalt in die Schlucht hinab. Ich habe schon viele, viele Wasserfälle gesehen, aber dieser ist wirklich beeindruckend. Der Regenbogen, den die Natur zeitgleich hingepinselt hat, macht das Kitschfoto geradezu übertrieben perfekt.

Die Zeit drängt, wir müssen leider zurück. Als Trost versüßen wir uns die Rückfahrt mit mega leckeren Fruchtbechern.

Yummie! Die Wassermelone gehört mir!

Nach 4 Stunden musikalischer Grenzgänge in Dauerschleife (bestehend aus 5 oder 6 unterschiedlichen Liedern), sind Ohren und Hirn froh, den Bus zu verlassen. Meine Nerven schreien nach Koffeein!

Das Programm geht weiter

Ich möchte unbedingt zum Baumhaus Casa del Arbol und Carlos hat natürlich gleich das passende Programm am Start.

Ursprünglich war das Baumhaus eine Erdbebenwarte, um den (sehr) aktiven Vulkan Tungurahua zu überwachen. Dann hatte vor langer Zeit ein älterer Mann an das Baumhaus eine große Schaukel für seine Kinder gebaut. Der Zufall brachte irgendwann einen Fotograf der National Geographic dorthin, sein Foto ging um die Welt und schwuppdiwupp wurde das Casa del Arbol zum ultimativen Touristenmagneten. Bereits daheim habe ich verzückt die Fotos der in den Abgrund schaukelnden Reisenden bestaunt. Nicole lässt sich von meiner Begeisterungsrede sofort anstecken.

Zwei Stunden Pause, bis es weiter geht. Wir verbringen sie auf die sinnvollste Weise und fleetzen uns mit einem Kaffee auf eine Bank im Park. Tatsächlich haben wir (Tipp von Carlos) ein sensationell gutes Café gefunden, mein Gaumen eskaliert vor Freude.

Um 16 Uhr steigen wir in die Party-Bimmelbahn. Die Musik ist zwar nicht minder laut, dafür deutlich erträglicher. Das Bähnchen tuckert uns einen endlosen Berg in Runtun hinauf. Die Temperaturen werden deutlich kühler.

Das ganze Areal, bei dem wir ankommen, ist ein einziger Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Gerade mal 1 Dollar kostet der Eintritt zum Casa del Arbol. Überall blühen prachtvolle Blumen, in überdimensionalen Lettern prangt „Baños“ vor einer Bergkulisse. Besucher schaukeln, balancieren auf Holzpfählen, rutschen oder düsen mit Ziplines über die Wiesen.

Baumhaus Casa del Arbol im Blütenmeer

Die Schaukel am Ende der Welt

Das ultimative Highlight ist zweifelsohne die riesige Schaukel, wegen der wir hier sind. Auf einer Höhe von 2.600 Metern hievt man den Hintern auf die Holzbretter, bekommt eine pseudo Sicherheitsstrippe um den Bauch und wird von einem Mitarbeiter mit einem ordentlich Schups in die Freiheit entlassen. Das Gefühl ist krass! Mit einem schier endlosen Pendler fliege ich über den dschungelartigen Abgrund, unter Füßen und Hintern mächtig viel Luft. Und vor den Augen der mächtige Vulkan Tungurahua mit 5.016 Metern Höhe. Ich werde erneut kräftig angestupst und kralle mich in der Schaukel fest, mit dem Gefühl, gleich rauszurutschen. Der dritte Schwinger gibt mir den Rest. Mir zieht es von den Zehenspitzen in den Magen, ich schnappe nach Luft und mir wird übel. Beim Rückflug Richtung meines Antreibers presse ich „Stop, stop, not more“ raus und schon hängt der Arsch wieder über dem grünen Schlund. Pressatmung, auspendeln, dann zittere ich aus der Adrenalin-Liane raus. Tja, blicken wir den Tatsachen ins Auge; ich bin ein Riesen-Schaukel-Weichei. Als Kind konnte ich nicht genug davon bekommen. Das hier ist definitiv ein anderes Kaliber. Aber cool war es trotzdem…

Zipline und Schaukeln auf 2.600 Metern Höhe
Blumenpracht vor dem Vulkan Tungurahua

Weiterfahrt zu dem nächsten Adventure-Park, der Abenteurer glücklich macht. Es dämmert und inzwischen ist es kalt geworden. Ich verziehe mich mit ein paar netten Mädels aus der Bahn ins warme Innere einer urigen Holzhütte. Wir schlabbern gemütlich Canelazos, während sich Nicole ins Geschirr schmeißt, um sich mit Hingabe den gewaltigen Abhang runterzustürzen. Jedem das Seine…

Um 19:30 Uhr trudeln wir wieder im Ort ein. Auf den letzten Programmpunkt „Besichtigung der Süßigkeitenmanufaktur“, hat keiner mehr Lust. Ganz schön anstrengend, solch hochdosierte Touristenbespaßung! Morgen muss das Kontrastprogramm her!

Loma Chontilla oder Latschen bis die Socken qualmen

Am nächsten Morgen gibt’s Frühstücks-Besuch von Carlos. Wie alte Freunde hocken wir gemütlich bei einem Kaffee zusammen und quatschen über den Tagesplan. Ich will den Loma Chintilla (Las Antenas) überqueren, verkünde ich. Reiseführer und Internetquellen geben allerdings kaum Infos. Carlos aber, er erklärt uns den Startpunkt. Nicole zweifelt noch, lässt sich von der vagen Reiseführer-Beschreibung „eine leichte 2,5 Stunden Wanderung“ dann aber überzeugen.

Bevor es losgeht, stärken wir uns mit einem frischen Saft aus der Markthalle

Einmal quer durch den Ort gelatscht, starten wir vormittags an der San Fransisco Brücke die Wanderung. Auch hier gibt es ein Adrenalin-Angebot, denn die sehr hohe Brücke von Baños De Agua Santa ist beliebt und bekannt unter Bungee Jumpern.

Bunte Mauer entlang des Weges nach der San Fransisco Brücke

Ab hier ist der Weg erst einmal nicht zu verfehlen. Pflastersteine führen kontinuierlich Bergauf, eine gewisse Grundkondition ist durchaus hilfreich. Je höher wir kommen, desto beeindruckender wird die Aussicht. Unter uns liegt die Schlucht des Rio Pastaza.

Wir gewinnen an Höhe mit Blick auf den Rio Pastaza

Schier endlos folgen wir dem Anstieg, vorbei an den Bauernschaften Illuchi Bajo und Illuchi Alto. Hier sind kaum Menschen, nur ein Auto fährt gelegentlich vorbei. Uns läuft die Brühe und Nicole’s Spaßlevel nimmt nach jeder weiteren Kurve prozentual im Verhältnis zur steileren Strecke ab.

Ich kann es auch nicht mehr mit „wir sind gleich oben“ schönreden. Laut Mapsme zeigt das Display, dass wir irgendwo im nirgendwo rumdriften. Der Gipfel „Las Antenas“ liegt in der Ferne…

Die Latscherei an sich ist wenig spannend. Dafür aber die Aussicht und die Landschaft. Es gibt nur vereinzelte Höfe mit großen Plantagen. Bananenstauden, so weit das Auge reicht, Gummibäume, Benjamini-Büsche, wilde Weihnachtssterne, Papaya- und Eukalyptus-Bäume. Gegenüber hängen die Wolken im Vulkan Tungurahua und unten im Tal tost der Wasserfall. Es ist eine Pracht.

Tree-Tomato Plantage, eine sehr leckere und vielseitige Frucht

Ich frage eine Farmersfrau, deren Kind uns aus großen, verschüchterten Augen anblickt, ob es noch weit zu Las Antenas sei. 15 Minuten, antwortet sie freundlich.

20 Minuten später ist noch immer kein Gipfel in Sicht. Die nächste Bäuerin, die selbe Auskunft: 15 Minuten. Hmmmm… da stimmt etwas nicht mit der hiesigen (oder unseren) Zeitrechnung. Wir sind doch nicht versehentlich rückwärts gelaufen?!

Bergab steigt die Laune

Tatsächlich kommen wir irgendwann auf über 2.500 Metern, genau genommen nach 700 durchschwitzten Höhenmetern, an einer abgeranzten ehemaligen Gaststätte an. Ein Pfad führt Richtung Satelitenmast hinab. Den nehmen wir! Einen Kaffee hätt ich übrigens auch genommen…

Der erste Wegweiser, der in die wildgewucherte Pampa führt, lässt uns frohlocken und jubilieren! Wir sind richtig. Prompt steigt das Stimmungsbarometer der Erleichterung! Der Abstieg schmeckt nach Abenteuer und macht richtig Laune. Schweißtreibend bleibt es weiterhin, die Sonne brezelt erbarmungslos auf die Haut. Wir können kaum ausreichend Sonnenschutz auf die Kadaver schmieren.

Durch die Pampa geht es zurück in die Zivilisation

Die spärlichen Fressvorräte sind längst weggefuttert, der Wasserstandsmelder der Trinkflasche hängt im roten Warnbereich. Nach 4 Stunden, oder umgerechnet 11 Kilometern, erreichen wir die Zivilisation, Lligua. Keine Motivation, weitere 3 Kilometer an der Straße zurück nach Baños zu tappen…

Streckenverlauf der Wanderung Loma Chontilla

Zwei ältere Herren, die gesellig an der Bushaltestelle verweilen, erklären, von hier fährt kein Bus nach Baños. Hmpf…

Als hätte das Universum nix besseres zu tun, als unsere noch nicht einmal abgeschickte Bestellung prompt auszuliefern, kommt ein Taxi angerauscht. Ohne zu zögern stürzen wir auf die Straße und halten den Fahrer an. 10 Minuten später sind wir im Hotel.

Die Wanderung war ein herrlicher Baños-Abschluss und ist gleichzeitig der Abschied von Nicole. In wenigen Stunden trennen sich leider unsere Wege. Sie reist morgen mit Wanderbus weiter. Für mich geht es heute Abend mit dem Nachtbus nach Lago Agrio.

Nach langem Hadern und psychologischer Selbstanalyse, habe ich mich gegen meine Spinnenphobie und für das Abenteuer Dschungel entschieden. Carlos hat alles organisiert und für mich in die Wege geleitet. Der Nachtbus sowie der weitere Transfer zur Lodge, das 4 Tage Dschungel-Komplett-Paket sind gebucht. Sogar ein spottbilliges Bett im 7er Dorm (ich komme in 3 Nächten erst um Mitternacht nach Baños zurück) waren wir bereits persönlich reservieren. Ich bin ihm unendlich dankbar für seine Hilfe. In wenigen Stunden geht es los und ich bin mächtig gespannt.

Welche Erlebnisse und Herausforderungen der Dschungel so parat hält, erzähle ich euch im nächsten Teil. Soviel sei aber bereits verraten: Meinen Ängsten muss ich mich stellen!

(Teil 7 folgt)

Seid ihr Adrenalinjunkies? Was war euer Highlight diesbezüglich? Wart ihr vielleicht selbst schon beim Baumhaus Casa del Arbol? Oder wollt ihr im Urlaub einfach eure Ruhe und am Strand liegen? Wenn ihr möchtet, schreibt mir eure Erlebnisse hier in die Kommentare, ich bin sehr gespannt!

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Teil 5: Spirituelle Zeremonien, Canelazo por favor und die Pablos von Quilotoa

22. / 23. November 2019

„Nacken des Mondes“, so lautet die klangvolle Übersetzung des Berges Cotopaxi. Mit Nicole (die ich auf der Reise kennenlernte) warte ich auf dem Parkplatz zum Südeingang des Cotopaxi Nationalparks auf den Wanderbus. Er rollt pünktlich um 11:30 Uhr an und heraus springt eine kleine, quirlige Ecuadorianerin namens Hayde. Sie ist unser Guide.

Mit einem weiteren Pärchen sind wir heute zu viert, eine überschaubare Reisegruppe. Für Nicole und mich wird es auch nur eine kurze Fahrt, wir steigen bereits am nächsten Stop in Quilotoa aus und bleiben dort über Nacht.

Kreisverkehr der Regentänze

Kurzzeitig hege ich Zweifel, unversehrt und mit allen Extremitäten in Quilotoa anzukommen. In Pujili fahren wir durch einen Kreisverkehr, in dem riesige bunten Figuren stehen. Heyde erklärt die Bedeutung, nämlich dass die Figuren für Regen tanzen. „Sehr erfolgreich, wie man sieht“, werfe ich ein. Hayde lacht und möchte ein Gruppenfoto. Mit uns im Kreisverkehr. Auch der Wanderbus parkt mitten in selbigem. Priiiima Idee und ein hervorragender Platz für eine „Totgefahrene-Touris-Fotostrecke“, verkünde ich meine Bedenken. Hayde lacht noch mehr, lässt sich allerdings nicht von ihrem Vorhaben abbringen, das kulturelle Besichtigungsprogramm für die Nachwelt zu dokumentieren.

Spoiler: Zu meiner Überraschung überleben wir und behalten alle Gliedmaßen.

Überleben in der Todeszone des Kreisverkehrs

Unterwegs zeigt sich wieder das unberechenbare Ecuador-Wetter. Mit T-Shirt sitzen wir bei strahlendem Sonnenschein im Bus. Schlagartig wird es düster, kalt und dann hagelt es so heftig, dass binnen weniger Minuten eine dicke, weiße Schicht die Straße bedeckt. Fahrer Carlos zeigt sich unbeeindruckt. Er heizt munter weiter. Irgendwie sind hier alle Fahrer schmerzfrei. Mein krankes Kopfkino spielt Fahrstunden-Szenarien ab: Fahrlehrer: „So, jetzt treten Sie mal anständig aufs Gas. Auf Geschwindigkeitsbegrenzungen kann man locker 20 km/h draufpacken. Und nicht so zimperlich in die Kurven, Weichei! Zu Recht hat der Hintermann seit 15 Minuten die Lichthupe an! Caramba!“

Kulinarische und musikalische Kuriositäten

Bevor wir am Ziel ankommen, ist Fütterungszeit. In einer urigen Hacienda wartet bereits ein 3-Gänge-Menü. Mein absolutes Highlight ist der frischgepresste Sternfruchtsaft, göttlich! Zur Suppe wird Popcorn gereicht, für uns crazy, gehört hier aber so. Die Locals lieben Popcorn in der Suppe.

Saft aus Sternfrucht und Popcorn in der Suppe

Zum Essen gibt es in voller Lautstärke TV-Folklore auf die Lauscher. Hochmotiviertes Trachtenvolk musiziert mit allerlei Instrumenten zu überschwänglichem Gesang. Ungefiltert bohrt sich die Hansi-Hinterseher-Beschallung optisch-akustisch durch Augen und Ohrmuscheln in das Gehirn.

Lautstarkes Folklore TV in der Hacienda

Der pittoreske Ort Quilotoa liegt auf knapp 4.000 Metern und obwohl sich viel im Bau befindet, ist es dennoch traditionell. Fast entsteht der Eindruck, man bereite sich allmählich auf Touristen vor. Kleine Souvenirläden verkaufen bunte Mützen, Schals und Ponchos. Am Straßenrand werden gegrillte Kochbananen mit Käse angeboten und es brutzeln Cuys (Meerschweinchen) auf dem Rost.

Ursprünglichkeit, Spiritualität und Tradition

Frauen mit markanten Gesichtern tragen ihre langen, pechschwarzen Haare zu Zöpfen, haben Filzhüte auf und farbige Röcke, Strumpfhosen und Pochos an. Mich erstaunt, wie dezent die Menschen in Ecuador sind. Gar nicht so, wie man es sich in Südamerika vorstellt. Die Indigenen sind freundlich, aber leise, distanziert und zurückhaltend. Ein schönes Bild, wie die Frauen ihren Nachwuchs, gehüllt in bunte Tücher, auf dem Rücken tragen und ein kleines Köpfchen mit viel Haar rauslugt. Ich fühle mich wie der einzige Touri unter Einheimischen und in eine andere Zeit versetzt. Die Menschen, ihre Ausstrahlung und ihr Stolz faszinieren mich.

Hayde führt uns eine Anhöhe hinauf und uns bleiben die Münder offen stehen. Unter uns liegt eine gigantische Lagune, deren Wasser intensiv leuchtet.

Laguna Quilotoa, ein ganz besonderer Ort

Die Einheimischen sind sehr spirituell und erdverbunden. So lädt uns Hayde zu einer kleinen Zeremonie ein. Am Boden laufen wir ein aufgemaltes, eckiges Symbol entlang, während Hayde uns sehr ausführlich die Bedeutung des Rituals erklärt: Jede Ecke steht für eines der wichtigsten Tiere des Landes – Puma, Condor und Anakonda. Die Himmelsrichtungen stehen für die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft. Eine weitere Ecke vereint die wichtigen Werte, nicht lügen, nicht stehlen etc.) Als wir am Ende in die Mitte treten, sollen wir uns 3 Wünsche überlegen oder was wir in unserem Leben ändern möchten. Schenkt man dem Glauben, kommt die Energie von Erde und Himmel, die Kraft dazu von den Elementen. So die grob übersetzte Kurzfassung…

Hayde erklärt uns die Bedeutung des Rituals, das die Kraft der Elemente vereint

Ein Stück weiter halten wir am Rand des Abgrunds an und Hayde fragt, ob wir für eine kleine Meditation bereit wären. Wir nicken. Sie träufelt uns eine duftende Essenz aus Orchideen und diversen Blüten in die Hände. Wir schließen die Augen, während sie auf einer Holzflöte eine Melodie spielt.

Ich bin wahrlich kein religiöser oder hochspiritueller Mensch, verschließe mich aber auch nicht vor derart „überirdischen“ Dingen und respektiere sie. Energie aus der Natur ziehen, oh ja, das funktioniert bei mir. Deshalb bewerte oder hinterfrage ich die Sinnhaftigkeit solcher Rituale auch nicht, sondern genieße einfach das Hier und Jetzt. In dieser atemberaubenden Landschaft zu stehen, all das erleben zu dürfen, zu reisen – reine Dankbarkeit und Glückseligkeit ergreifen mich in diesem Moment und treiben mir Tränen in die Augen. Es sind genau diese Augenblicke, die im Gepäck mit nach Hause reisen und die man nicht vergisst…

Wanderbus zieht weiter. Schweren Herzens verabschiede ich mich von der liebenswerten Hayde. Es war zwar ein kurzes, aber inniges Kennenlernen und sie wird auf meiner weiteren Reise und darüber hinaus mit mir verbunden bleiben, was ich jetzt noch nicht ahne.

Nicole und ich laufen die Straße zu unserem Hostel hinab. Die Chefin des Hauses spricht ausschließlich Spanisch, wundert mich nicht mehr… Jede von uns bezieht ein riesiges Zimmer mit jeweils 2 großen Betten und einem Ofen darin. Irgendwie gibt es Missverständnisse bei der Reservierung, wir hätten ja locker ein Zimmer teilen können. Das bekomme ich der kleinen Dame auf Spanisch aber leider nicht beigeweicht. Sei’s drum, sicherlich ist sie um jeden zahlenden Touristen froh, denn ausgelastet ist das Hostel nicht.

Unsere Unterkunft, Hosteria Alpaka Quilotoa

Shalala oder „oh wie schön ist Quilotoa“

Bevor die Sonne untergeht, machen Nicole und ich noch einen Nachmittags-Hike. In stetigem Auf und Ab wandern wir den Weg entlang zur Aussichtsplattform Shalala. Schwimmen kann man in dem Kratersee übrigens nicht. Das mineralhaltige Wasser würde die Haut völlig austrocknen.

Unten rechts unser Ziel; die hellbraune Aussichtsplattform Shalala
Mitten in der Natur und Sicht auf den 3 Kilometer breiten Kratersee

Wir haben Gesellschaft von einem Hund. Er weicht uns knapp 7 Kilometer nicht von der Seite. Die Landschaft ist zutiefst beeindruckend und die Aussicht überragend. Immer wieder bleiben wir sprachlos stehen, machen Fotos und genießen die Schönheit, die uns umgibt.

Gigantischer Weitblick und grenzenlose Freiheit

Gerade noch rechtzeitig vor Anbruch der Dunkelheit kehren wir zurück ins Dorfzentrum.

Besuch von Pablo

Nach einer heißen Dusche fleetzen wir uns mit einem wärmenden Tee in den riesigen Aufenthaltsraum zur Hausherrin auf die Sofas. Still lächelt sie uns an. Voller Ruhe fackelt sie eine Holzlatte in einem für den großen Raum viel zu kleinen Kaminofen ab. Die Wärme verpufft bereits auf dem kalten Weg zum Sofa.

Der Versuch, etwas Wärme in den großen Raum zu bringen

Nicole hat eine Katze in ihrem Schoß liegen. Sie bittet mich, unsere Gastgeberin nach dem Namen des schnurrenden Tieres zu fragen. Das krieg ich mit meinem Spanisch hin. Lächelnd kommt leise die Antwort „Pablo.“

Im Augenwinkel sehe ich einen Schatten auf dem Boden. Dann hoppelt ein Kaninchen vorbei und springt aufs Sofa. Nein, es ist nicht weiß und NEIN, ich habe keinen Alkohol getrunken. Ich zeige lachend auf den Hasen und erfahre, dass er hier wohnt. Ebenso wie der Kater, zwei Hunde und noch Meerschweinchen. Das Kaninchen heißt übrigens auch Pablo.

Wie gerne würde ich mit der freundlichen Frau erzählen. Wieder mal ärgere ich mich über mein schlechtes Spanisch. Es ist so schade, sie weiß sicherlich viele interessante Dinge über das Land und die Menschen hier. Eine kleine Unterhaltung über ihre Familie und klappt dann immerhin, bevor sie sich für die Nacht verabschiedet.

Völlig durchgefroren, ziehen auch wir uns in die Gemächer zurück. Nachtruhe ist allerdings erst mal nicht. In meinem Zimmer hockt, zwischen meinem Rucksack, den Schuhen und dreckigen Wanderhosen, Pablo. Mit seinen langen Löffeln mustert er mich unbeeindruckt.

Pablo hat es sich zwischen meinem Gerümpel gemütlich gemacht

Kurz überlege ich, ihn als Wärmflasche umzufunktionieren, entschließe mich dann aber, ihn rauszuwerfen. Da habe ich die Rechnung allerdings ohne Pablo gemacht, dem gefällt’s nämlich hier und er flüchtet unters Bett. Geschlagene 20 Minuten dauert es, bis er aus dem Zimmer hoppelt. Ich lache immer noch, als ich im Bett liege.

Am nächsten Morgen machen wir uns, nach einem leckeren Frühstück (Kaffee und Wassermelone, es kann nicht mehr besser werden), zu dem sich auch Hase Pablo gesellt, nochmals auf zur Laguna Quilotoa.

Gekommen um zu wandern

Das illustre Wandervolk kommt hier sowas von auf seine Kosten. Hat man sich am Eingang registriert, gibt es die Wanderung Quilotoa Loop, die rund 11 Kilometer (mit einigen Höhenmetern) komplett um die Lagune führt. Oder man macht die Variante, die wir mangels Zeit wählen und begibt sich den Serpentinenpfad zum Ufer hinab. In unserer Vorstellung sitzen wir nachher genau dort, chillend und Käffchen trinkend.

Die Serpentinen durch den tiefen Sand hinab – und hinauf

Die Ernüchterung kommt mit der Ankunft am Ufer. Hier ist nix. Mal abgesehen von einem Maultier- und Kanuverleih (letzterer nicht wirklich frequentiert). Und irgendwie sah es von oben alles spektakulärer aus. Dafür ist’s kein Touri-Hotspot, rede ich es mir schön. Okay, trockene Baustelle, wir begnügen uns mit unserem Wasser und ner kleine Pause, bevor die 370 Höhenmeter wieder aufwärts geömmelt werden.

Am Ufer der Laguna Quilotoa

Nicole beschließt, einen Muli rauf zu nehmen. Währenddessen stiefel ich schon mal los. Von den entgegenkommenden Leuten werde ich verwundert und erstaunt beäugt. Versteh ich gar nicht. Irgendwie läuft aber niemand nach oben. Zugegeben, es ist steil. Teils sehr steil. Weil der Sandboden richtig tief ist, laufe ich den Weg – soweit es möglich ist – über die schmale Steinmauer hinauf. So finden die Füße besser Halt.

Alternative zum Selberlaufen. Für 10 Dollar läuft und trägt das Lastentier
Farbkontrast in Alpaka-Form

Ich buche das Spektakel unter „schweißtreibendes Bergtraining“ ab, als ich feuchtfröhlich oben ankomme. Zeitgleich mit Nicole und ihrem schnaufenden Träger.

Schweißtreibend! Kurze aber knackige 370 Höhenmeter durch tiefen Sandboden und über die Steinmauer

So, können wir jetzt zum chilligen Teil übergehen?

Cappucchino vs. Canelazo

Im Ort finden wir ein gemütliches Café, in dessen Karte auch der sagenumwobene „Canelazo“ steht. Wir knallen uns in die Sonne und gönnen uns erst mal einen Cappucchino.

Cappucchino-Break mit Nicole

Jetzt müssen wir unbedingt das ecuadorianische Nationalgetränk testen! Ich habe schon davon gelesen und Nicole mit meiner Schwärmerei angefixt. Wir ordern „dos Canelazos con alcohol“ und schwuppdiwupp, steht ein orangefarbenes, wohlduftendes Gebräu vor uns, in dem sich Zimtstangen, Nelken und Naranjilla-Stücke tummeln. Daneben ein Schnapsglas, dessen Inhalt wir in das Heißgetränk kippen. Was soll ich sagen? Wär’s kalt gewesen, uns wär’s warm geworden! Aber auch, oder vor allem in der Sonne schmeckt’s gar köstlich!

Nationalgetränk Canelazo mit Schuss – macht nicht nur das Lama happy

Um 16 Uhr wird uns der Wanderbus einsammeln. Wir nutzen die Zeit also sinnvoll und passen uns den Traditionen und landestypischen Gepflogenheiten an. In diesem Sinne: „Dos Canelazos con alcohol mas, por favor.“ Auch mein Spanisch wird zusehends souveräner. Den zweiten Ecuador-Glühwein trinken wir, mangels Sonne, drinnen am knisternden Kaminfeuer. Fast kommt Weihnachtsstimmung auf, bei dem Getränk und dem geschmückten Tannenbäumchen.

Weihnachtsstimmung vorm Kamin mit Ecuador-Glühwein und geschmücktem Bäumchen

Ausgelassen holen wir im Hostel die deponierten Rucksäcke ab, verabschieden uns von unserer Herbergsmutter und treten die Weiterreise an.

Sprachbarriere; wie gerne hätte ich mehr von ihr erfahren

Nach viel Friererei in Quilotoa (teils erfolgreich mit Canelazo entgegengewirkt) geht es nun in wärmere Gefilde. Heute Abend werden wir mit Wanderbus in Baños ankommen. Und dort ist für Adrenalin-Junkies was geboten…

Der Wanderbus nach Baños

(Teil 6 folgt)

Wie steht ihr zu spirituellen Riten oder Zeremonien? Habt ihr auf euren Reisen auch Dinge erlebt, die befremdlich oder faszinierend für euch waren oder euren Blickwinkel veränderten? Und was macht euch unterwegs sprachlos oder jagt euch eine Gänsehaut der Begeisterung über den Rücken? Ich freue mich, wenn ihr mir in den Kommentaren davon erzählen möchtet!

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 4: Die Reise geht weiter – Wen(n) der COTOPAXI ruft

21. / 22. November 2019

Weckerklingeln um 5:45 Uhr!

Uarghhhhhh, das ist Urlaub? Nö, das ist Reisen!

Um 6:15 Uhr werde ich am Hostel eingesammelt. Auf der Website von Wanderbus habe ich gestern spontan den „Tangara-Pass“ gebucht. Da die Internetverbindung etwas Probleme machte und die Buchung nicht funktionierte, hat Hostel-Manager Carlos freundlicherweise mit Wanderbus telefoniert und alles für mich geklärt. Die nächsten Wochen werde ich mit dem Hop-on-hop-of-Bus bis nach Guayaquil reisen.

Ein Hoch auf Wanderbus

Wanderbus erleichtert meine Reiseplanung enorm. Ich spare viel Recherche-Zeit, wie ich künftig von A nach B komme und welche Orte ich wie am besten ansteuern kann. Jetzt sind die nächsten Ziele auf meiner Route gesetzt. Ich entscheide nur noch, wo ich aussteige und wie lange übernachten werde. Was mir am Konzept Wanderbus außerdem so gut gefällt, ist, dass man als Alleinreisende schnell in Kontakt mit Gleichgesinnten kommt. Die Guides von Wanderbus erzählen auf den Fahrten viel Wissenswertes über das Land, die Kultur, die Menschen und Pflanzen. Während den Fahrten gibt es Besichtigungen und geführte Wanderungen und das Gepäck kann sicher im Bus bleiben. Die Guides sprechen Spanisch und Englisch und sind super vernetzt, so dass sie Hilfestellung bei der Unterkunftsuche und zu Touren geben können.

Ich wusste es echt zu schätzen, mit dem „Rundum-Sorglos-Wanderbus“ durch Ecuador zu reisen, statt mich in die übervollen öffentlichen Busse quetschen zu müssen, mit der Gefahr, dass sich Langfinger an meinem Gepäck zu schaffen machen.

Ich bin etwas überrascht, als der Wanderbus eintrifft. Vor mir steht kein großer roter Reisebus, wie auf den Fotos der Homepage. Über die kleinere Variante freue ich mich umso mehr. Auf meine Frage, erklärt Santiago, unser Guide, dass die Touristen in Ecuador, seit den schlimmen Unruhen und Streiks im Oktober, deutlich weniger geworden sind.

Unsere Truppe an diesem Tag (wir sind zu siebt) ist klasse. Ein bunter Mischmasch aus Kanadiern, Italienern und Deutschen. Zudem steht eine schöne Reiseroute bevor. Wo und wann ich heute aussteigen werde, weiß ich allerdings noch nicht. Das Motto: Treiben lassen und sehen, was der Tag so bringt…

Unser erster kurzer Halt ist an einem Aussichtspunkt, mit Blick über die Stadt Quito. Wir staunen nicht schlecht. Umgeben von den Anden, liegt ein Molloch vor uns, über dem ein Nebel aus Abgasen hängt. Jetzt wird das Ausmaß dieser langgezogenen Millionenstadt richtig deutlich.

Ein Dunstschleier aus Abgasen wabert über der Millionenmetropole Quito

Erster Stop – Kuhmelken und Farm-Frühstück

Gegen 8:15 Uhr erreichen wir die Hacienda la Victoria in Tambillo. Das Farmhaus ist von einem Hof mit Stallungen umgeben. Jetzt heißt es, ran an die Kuh. Tagesordnungspunkt 1: Melken! Muss ich tatsächlich bis Ecuador reisen, um erstmals selbst Hand anzulegen?! Etwas zögerlich zapfe ich an dem Kuh-Euter rum bis ein dünnes Rinnsal rauströpfelt. Die Kuh findet’s eher semi prickelnd. Offensichtlich liegen meine Kernkompetenzen nicht auf Melken.

Zaghafte Melkversuche auf einer Hacienda mitten in Ecuador

Santiago erklärt uns den Farmbetrieb, führt uns über den Hof und Garten und dann werden wir von Wanderbus zu einem Begrüßungs-Frühstück eingeladen. In der gemütlichen Bauernstube wartet ein gedeckter Tisch. Es gibt Kaffee (Instant-Pulver; zum Glück ist mir noch nicht bewusst, dass sich dies die nächsten Wochen so durchzieht), Milch, frische Ananas, Bananen, Marmelade und einen selbst gemachten Schoko-Aufstrich, der – und ich bin keine Nutella-aufs-Brot-Schmiererin – unfassbar lecker schmeckt und bei allen auf große Begeisterung stößt!!! Dazu gibt es warme Brötchen und Saft. Hmmmmm.

Nach der köstlichen Stärkung werden wir mit Trinkflaschen ausgestattet, die wir uns während jeder Fahrt im Bus mit Wasser auffüllen können. Wasser und kleine Snacks gibt es im Bus jederzeit kostenfrei für alle.

Weiter geht es zum Cotopaxi Nationalpark

Über Schotterwege und eine trockene, braun-grüne Steppenlandschaft geht es weiter zum Nationalpark Cotopaxi. Der Vulkan hüllt sich in dichten Nebel und lässt sich nicht blicken. Mist! Um 10 Uhr kommen wir an der Laguna Limpiopungo an. Unser Bus ist das einzige Fahrzeug auf dem großen Parkplatz. So viel zu Thema, keine Touristen…

Auf dem Rundweg um die Laguna Limpiopungo

Santiago führt uns um die große Lagune, auf 3.830 Metern, und erklärt uns jede Menge zur hiesigen Flora und Fauna. Er zeigt uns die orange blühenden „Angel-Flowers“, Baldriansträucher (mit dem klangvollen Namen „Valeriana“) und lässt uns an einem Busch riechen, der tatsächlich nach Schokolade riecht. Er erklärt uns zum Steppengras „Pajonal“, das überall wächst, wie reißfest es ist und dass daraus Seile gemacht und sogar Brücken gebaut werden.

Angel-Flowers, Baldriansträucher und Steppengras Pajonal, es gibt viel zu entdecken

Nach gut 1 1/2 Stunden fahren wir weiter hinein in den Nationalpark. Wir besichtigen ein kleines Naturkundemuseum und dann erscheint plötzlich der Cotopaxi vor den Bus-Fenstern. Großes Gejubel! Die Nebeldecke hat die schneebedeckte Spitze freigegeben und lässt uns erahnen, welch beeindruckendes Naturwunder hier aufragt. Der Cotopaxi ist mit 5.897 Metern einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde und atemberaubend schön.

Gleich zu Beginn der Fahrt bin ich mit Nicole ins Gespräch gekommen. Eine ebenfalls Alleinreisende aus Essen. Sie wird im Nationalpark bleiben und hat ihre Unterkunft für die kommende Nacht bereits gebucht. Auch ich möchte eine Nacht hier verbringen, schließlich ruft der Cotopaxi. Wir beschließen, die nächsten Tage zusammen weiterzureisen und so quartiere ich mich spontan in die gleiche Unterkunft ein.

Santiago lässt uns an einem Parkplatz raus und organisiert uns ein Taxi, das uns zur nahegelegenen Cuscungo Lodge bringt, bevor die Wanderbus-Truppe weiterreist. Die Cuscungo Logde ist urig und ungemein heimelig.

Die Cuscungo Lodge im Cotopaxi Nationalpark, ein Ort zum Wohlfühlen!

In einer Art Wintergarten, in dem ein offener Kamin und gemütliche Sofas stehen, checken wir ein, werden mit ersten Cotopaxi-Infos versorgt und bekommen unsere Betten im Schlafraum zugewiesen.

In der Lodge bekommen wir erste Infos zur Anfahrt und dem Cotopaxi-Aufstieg

Es gibt in der Gegend nicht viele Hostels, bis zum Abend ist unser Dorm ausgebucht. Schnell packen wir ein paar Sachen zusammen und ziehen uns um.

Freudentaumeltänze und Hüttengaudi

Auf den Cotopaxi darf man nur mit Guide. Mit Luis, Taxifahrer und Bergführer in Personalunion, fahren wir zum Vulkan. Die Straßen im Nationalpark sind teils so übel, dass ich regelrecht seekrank werde. Es ist bereits 14 Uhr, als wir auf 4.600 Metern am Parkplatz das Auto abstellen, uns mit Fleece, Handschuhen und Mütze ausrüsten und in die Nebelsuppe aufbrechen.

In super verständlichem Englisch erklärt Luis die 2 Wege hinauf zum Refugio. Wir entscheiden uns für den Zickzack-Weg, der zwar etwas weiter, dafür aber weniger steil ist. Frisch ist’s. Schritt für Schritt steigen wir auf. Nicole ist höhengeplagt und kämpft mit Kurzatmigkeit. Wir nehmen uns Zeit und gehen langsam. Auch ich schnaufe, aber es geht mir erstaunlich gut, scheinbar optimal akklimatisiert. Luis grinst mich an, streckt den Daumen hoch und lobt: „Top condition.“

Es windet ziemlich, dann fängt es an zu hageln. Regenjacke drüber. Zum Hagel gesellt sich Donner. Lauter Donner. Luis bittet uns, wegen dem nahen Gewitter die Handys auszuschalten.

Eingemummelt durch den Hagel am Cotopaxi mit Luis im Hintergrund

Nach einer knappen Stunde erreichen wir die Schutzhütte José Ribas, auf 4.864 Metern. Keine 300 Höhenmeter Aufstieg, die aber deutlich spürbar sind. So weit oben war ich noch nie! Meine Höchstgrenze lag bislang bei 4.017 Metern, bei einer Hochtour auf die Weissmies erkämpft. Ich strahle über beide Ohren.

Nebel und Schnee am Refugio José Ribas

Die Endorphine gehen mit mir durch. Ich muss meiner unbändigen Euphorie Ausdruck verleihen. Jetzt sofort! Hingebungsvoll schlängel ich mich in einer Art schlechtem Stangentanz um das Refugio-Schild, während mich Luis anfeuert und begeistert „loco fotos“ ruft. Ganz schön atemberaubend, derartiges Entertainment in solcher Höhe.

Loco Fotos beim Freudentanz am Refugio in bislang nie erreichten Höhen

Es gewittert ordentlich weiter und es ist verdammt ungemütlich. Ab ins Refugio! Wir wärmen unsere Hände an einer heißen Schokolade. Wenn sich Glück schmecken lässt, so zergeht es mir genau in diesem Moment, gewürzt mit einer leckeren Prise Höhenluft, auf der Zunge. Luis löffelt seine Suppe, während aus seinem Handy traditionelle Musik dudelt.

Luis, Nicole und ich wärmen uns im Refugio José Ribas auf

Als ich voller Stolz den Cotopaxi-Stempel in meinen Reisepass drücke, brennt sich das 180°-Happy-Grinsen regelrecht in mein Gesicht ein. Mein sportlicher Ehrgeiz ist noch immer scharf drauf, das letzte Stück zur 5.000er Grenze aufzusteigen. Luis sondiert draußen die Lage und schüttelt den Kopf. Zu gefährlich. Die kleine Enttäuschung weicht schnell der Freude, erstmals im Leben diese Höhe erreicht zu haben und überhaupt am Cotopaxi unterwegs zu sein. Ich meine hey, der COTOPAXI! Daheim habe ich mir noch die Hiking-Youtube-Videos reingepfiffen und mitgefiebert und jetzt stehe ich mit eigenen Füßen hier.

Für den Rückweg wählen wir die steile Direktvariante. Da man in dem knöcheltiefen Asche-Sand-Gemisch regelrecht den Berg hinunterschlittert, geht das ziemlich flott. Zum Glück, denn es regnet inzwischen und die Kälte kriecht in die Glieder. Gut, dass wir diesen Weg nicht für den Aufstieg genommen haben, sind Nicole und ich uns einig.

Cotopaxi-Crew

Freude, Gejubel und High Five am Auto mit Luis. Jetzt nix wie unter die – hoffentlich heiße – Dusche und den gemütlichen Teil des Tages einläuten.

Zurück an der Lodge verabschieden wir uns dankbar von Luis. Nach einer lauwarmen Dusche lümmeln Nicole und ich uns mit einem Glas Rotwein zu den anderen Backpackern vor den knisternden Kamin. Wir müssen uns um nichts mehr kümmern, das Abendessen wird für alle gemeinsam an zwei großen Tischen in einem Küchen-Nachbarraum serviert. Nach einer Vorspeisensuppe kommen große Auflaufformen mit Hackfleisch, Kartoffelpüree, Gemüse und Käse sowie für die Vegetarier eine fleischlose Variante auf den Tisch. Jugendherbergsfeeling kommt auf, als wir alle zusammen tafeln. Nach dem Dessert, Schokoeis mit Apfelschnitzen (ich tausche das Eis gegen die kleine Obstbeilage, weil ich Eis nicht leiden kann – ja, ich weiß, mit mir stimmt was nicht!) kugeln wir hochzufrieden und bappsatt zurück vor den Kamin. Ein letztes Glas Rotwein zur Feier des Tages, mit Musik der 80er, bevor um 21:30 Uhr die Bettruhe ausgerufen wird.

Feierabend-Rotwein vorm Kamin – oh du süßes Leben!

Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht (trotz sechs Mitschläfern), mache ich es mir um 7 Uhr mit einem Kaffee vor der Tür in der Sonne gemütlich. T-Shirt-Wetter im November, eine Herrlichkeit sondergleichen. Und dann DAS Ereignis: Der Cotopaxi taucht aus den Wolken auf. Sein kompletter Kegel ist zu sehen. Alle stürmen mit Kameras raus vor die Lodge und bestaunen seine Schönheit in der Ferne.

Früh am Morgen taucht der Cotopaxi aus den Wolken, ein geradezu unwirklicher Anblick

Nach dem Frühstück packen wir unsere Rucksäcke. Unser Hostel-Chef fährt uns liebenswerterweise zum Südeingang des Nationalparks, wo uns Wanderbus um 11:15 Uhr für die weitere Tour aufsammelt.

Wohin die Reise als nächstes geht und was es alles zu bestaunen gibt, erzähle ich euch im nächsten Teil. Ich freue mich, wenn ihr mitkommt 🙂

(Teil 5 folgt)

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE

Teil 3: Quito – Die Mitte der Welt, Otavalo-Markttreiben und Kamikaze-Taxi-Überlebenstraining

20. November 2019

Heute geht’s zur Mitte der Welt. „Mich auf die Äquatorlinie stellen“ fehlt noch als abgehakter Punkt auf der Löffelliste.

Bin freudig gespannt. Auch auf meine noch unbekannten Reisebegleiter. Ute lernte ich tags zuvor beim Unwetter-Cappucchino in der Bergstation des Teleférico kennen. Sie war mir auf Anhieb sympathisch. Umso mehr freute ich mich über ihr Angebot, mich heute ihrer Truppe (Ehemann und Schwager) anzuschließen. Ich bin guter Dinge, dass auch die beiden super drauf sind.

Pünktlich um 8:30 Uhr stehe ich also vor ihrem Hotel, 10 Minuten Fußweg von meiner Unterkunft entfernt. Winkend begrüßt mich Ute und stellt mir ihren Mann Bernd und dessen Bruder Michael vor. Sehr schnell wird klar, das passt. Wir vier haben den gleichen, albernen Humor.

Ein Privatfahrer, den die 3 vorab auf Empfehlung gebucht hatten, wird uns zum Mitad del Mundo und weiter nach Otavalo bringen. Noch ahnt niemand, was uns später im Taxi erwarten wird… Glücklich die Unwissenden!

Der Fahrer spricht – im Gegensatz zu uns – nur Spanisch. Da ich über minimales Rest-Spanischgebröckel verfüge (die Grundkurskenntnisse 2017 machen leider Siesta im Nirwana), werde ich kurzerhand zur Taxi-Kommunikatöse ernannt. Uff… Irgendwie machen wir dem Herrn verständlich, wo wir hin wollen und was der Plan ist. Er nickt, lächelt, nickt und steigt ein.

Aus Quito rauszukommen, ist bereits eine Meisterleistung sondergleichen. Die Straßen platzen aus allen Nähten. 70% der Autos sind Taxen! Wir stehen ewig im Stau, Normalzustand hier. Es sind gerade mal 22 Kilometer zum Mitad del Mundo, trotzdem brauchen wir dafür locker eine Stunde.

Die Mitte der Welt, Füße auf die (ungefähre) Äquatorlinie

Gegen 10 Uhr schmeißt uns unser Fahrer am Eingang zum Mitad del Mundo bei San Antonio de Pichincha raus. Idiotensicher erklärt er mir mehrmals, er würde so in 1,5 bis 2 Stunden wieder genau hier stehen und auf uns warten. Si, comprende, muchas gracias.

Blick auf das Äquator-Monument mit der großen Weltkugel auf der Spitze

Wir befinden uns auf 2.483 Metern. Im Gegensatz zu gestern, brezelt heute die Sonne, es ist ordentlich warm. Für 5 Dollar pro Person kaufen wir Eintrittstickets und betreten das weitläufige Areal zum Äquatordenkmal. Dafür, dass wir an einem Touri-Hotspot sind, ist verblüffend wenig los.

Die Anlage ist wirklich schön angelegt. Hinter dem Eingang recken schillernd-bunte, große Kolibri-Figuren ihre Flügel in die Luft. Begeistert werden Handys und Kameras gezückt und ausgiebig der Fotoleidenschaft gefrönt. Also wenn wir in dem Tempo weitermachen und bereits nach 10 Metern ausgiebige Fotosessions veranstalten, reicht die Zeit nicht, bis unser Fahrer kommt, nehmen wir uns selbst auf die Schippe.

Eine der vielen, bunten Kolibri-Staturen

Das ganze Gelände ist mit Palmen, Bäumen und Blumen bepflanzt. Bereits von Weitem fällt der Blick auf das große Monument, dessen Spitze die Weltkugel krönt.