GALÁPAGOS / ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 14: Noch mehr Seelöwen, Seefahrten des Grauens und Hai-End-Erfahrungen

Von Isabela über Santa Cruz nach San Cristóbal

13. – 16. Dezember 2019

Es soll ja durchaus einen Vorteil haben, wenn um 4:50 Uhr der Wecker klingelt. Welcher war das nochmal?! Ach so, Sonnenaufgangserlebnis…

Sonnenaufgang am Pier von Isabela

Am Pier in Isabela wieder der übliche Check auf Früchte, Samen und saubere Wanderschuhe, bevor um 6:00 Uhr die Fähre zurück nach Santa Cruz brettert. Der Abschied fällt schwer. Zu wissen, was mir auf dem Wasser blüht, trägt nicht wirklich zur Förderung des Wohlbefindens bei. Darauf erst mal eine Reisetablette!

Es folgt die bekannte Prozedur: Wassertaxi, zwei Stunden Pazifik-Apokalypse, Wassertaxi. Mir gegenüber hängt ein armer Kerl und kübelt sich die Seele aus dem Leib. Ich strecke ihm einen Blister Reisekaugummis hin. Er mag nicht. Füttert stattdessen weiterhin fleißig die Fische. Die ganze Fahrt über, sogar als wir gemütlich in den Hafen shippern. Es ist kein Vergnügen auf dem Kutter…

In der Reiseagentur in Quito, hatte man mich bei meiner Flugbuchung bereits vor den Überfahrten gewarnt. Damals der Grund, mich gegen San Cristóbal zu entscheiden. Sonst hätte ich gleich einen Gabelflug nach Baltra und zurück von San Cristóbal gebucht. Aber wie es so ist auf Reisen, viele Wege entstehen spontan und Planungen werden sowieso völlig überbewertet.

Hilfe, es weihnachtet sehr

Deshalb muss ich jetzt erneut nach Santa Cruz, dort hoffentlich ein Ticket für die andere Fähre ergattern, sechs Stunden die Zeit verdödeln und am Mittag weitere zwei Stunden dem Schleuderwaschgang fröhnen.

Ich springe aus dem Boot und renne zum erstbesten Schalter. Wueppa, das Ticket! Die freundliche Dame bietet mir sogar an, meinen Rucksack zu verwahren. Ein Angebot, dass ich bei der Hitze gerne annehme.

Beim Rumlungern erheitert mich die mit Abstand geilste Weihnachtsdeko. Hier werden neue Maßstäbe kreativer Dekoration gesetzt. Während ein City-Aufpimp-Team auf dem Marktplatz in Isabela drei volle Tage in aufwendigster Hand- und Schnibbelarbeit aus Stoffbahnen einen Weihnachtsbaum zusammenbastelte, wird das Auge am Pier Santa Cruz von einer großen Krippe begrüßt. Darin gesellen sich, neben Josef, Maria (in Menschengröße) und Jesuskindlein, ein Seelöwe, Flamingo, Riesenschildkröte und Blaufußtölpel. Nicht minder sensationell ist der Schlitten des Weihnachtsmannes. Der ist nämlich hochseetauglich und wird nicht von langweiligen Rentieren gezogen – die würden sich ja hier totschwitzen oder ertrinken – sondern von Seepferdchen und Delfinen.

Tierisches Krippenspiel im Galápagos-Style
Für alle, die sich fragen, wie der Weihnachtsmann von Insel zu Insel kommt…

Die verbleibende Zeit hühnere ich durch den Ort, schlabbere Café und gar köstlichsten Kokossaft und sehe dem tierischen Treiben am Fischmarkt zu.

Fischmarkt in Santa Cruz – immer ein Spektakel

14:00 Uhr, erneut auf hoher See. Und souverän den dämlichsten Platz ausgesucht. Zwei lange Stunden ergießt sich ein spezielles Wellness-Spa-Programm, in Form von kaltem Salzwasser, über meinen Kadaver. Ein aufmerksamer Mitmatrose kramt nach seiner Regenjacke und reicht sie rüber. Dankbar hülle ich mich ein. Derweil befindet sich meine Sitznachbarin – nicht verwandt und nicht verschwägert – in ihrer Tiefschlafphase. Selig ruht ihr Kopf auf meiner Schulter. So ist das, ein Geben und ein Nehmen.

Nach endloser See-Schaukelei endlich angekommen

16:00 Uhr, der Hafen von San Cristóbal! Das Leiden hat… noch kein Ende. Über Lautsprecher schmettern uns die schrägen Klänge des Kinder-Christmas-Chor entgegen. Daneben blinkt ein riesiger Weihnachtsbaum. Oh du heilige Scheiße…

Und auch auf San Cristóbal bekommt das Auge erst mal nen Weihnachtflash
Endlich angekommen

Die Unterkunftssuche gestaltet sich auch hier als völlig unkompliziert. Und ich bekomme wieder einen Preisnachlass auf das Zimmer, da ich nicht vorab über ein Buchungsportal reserviert habe. Den restlichen Tag latsche ich den Ort ab. Die Seelöwen hier sind der Hammer! Der ganze Strand an der Promenade liegt voll. Und was die für einen Lärm machen! Besonders die Jungen. Nach Sonnenuntergang dröhnt ihr Gebrüll durch die Straße.

Nachdem ich mir am Morgen in der Hostel-Küche ein Überlebens-Koffeeingetränk gebraut habe, begleitet mich Pepe zum Pier. Pepe ist mein Herbergs-Opa, unheimlich mitteilsam, total herzig und ganz arg kümmernd. Er hat Kontakte zu einer Agentur und könne mir einen Freundschaftsrabatt für eine Tour aushandeln, verrät er leise. Er schleppt mich in einen abgeranzten Laden und ich ergattere einen der letzten freien Plätze für die beliebte 360-Grad-Tour. Der Tagesausflug gehört zum absoluten Must-Do auf San Cristóbal und ist überall meist tagelang im Voraus ausgebucht.

San Cristóbal via Drahtesel

Nach einem sensationellen Frühstück (göttliche Pancakes, lauwarmes Birchermüsli mit frischen Früchten und Cappucchino) mit Meerblick, falle ich in den Fahrradverleih gegenüber ein. Miete einen Drahtesel für den halben Tag. Und zwar die „Klapper-Deluxe-Version“ in der edlen Sonderedition „Rostige Bremse“. Denn schlechte Bremsen hat’s gute und viel Luft in den Reifen hat’s wenig. Bevor ich mich auf den Sattel schwinge, bitte ich um eine Luftpumpe. Die zwei Señores vom Verleihamt pumpen minutenlang und fragen amüsiert, ob ich denn den spanischen, sehr populären Hit mit meinem Namen kenne. Auf meine Verneinung schmettern sie mir mitten auf der Gasse enthusiastisch ein persönliches Ständchen. Meine Freude über ihre Performance signalisiere ich durch munteres Mitgewackel und Honigkuchenpferdgrinsen. Singen können sie besser als pumpen, viel „luftiger“ sind die Reifen nicht geworden. Gutgelaunt schicken sie mich von Dannen, mit dem Argument, bei meinem Gewicht würde das reichen.

Mehr Schein als Sein. Es klappert, bremst nicht, hat kaum Luft in den Reifen

Playa Punta Carola, Tijeretas und der einsame Strand Baquerizo

Mit viel Bodenhaftung strampel ich zum Playa Punta Carola, kette das Rad an (der blanke Hohn, Fahrradschloss ist wertvoller als das Vehikel) und wandere zum Strand. Ungewohnt viel los hier. Seelöwen und Schnorchler vergnügen sich in den Fluten und im Sand. Ich laufe weiter hinauf zum Aussichtspunkt Tijeretas. Kein Wölkchen am Himmel, die Sonne brennt unerbittlich. Die Plattform belohnt mit einem gigantischen Blick auf die türkisfarbene Bucht und den weiten Pazifik.

Der Pfad zur Aussichtsplattform Tijeretas
Paradiesischer Blick auf die Bucht und die Schnorchler

Ich beobachte die Schnorchler im Wasser und bekomme eine Vorahnung auf den legendären Kicker Rock in der Ferne. Wegen des enormen Hai-Aufgebotes ist er DIE Anlaufstelle aller Taucher. Von Tijeretas führt der Weg weiter durch eine völlig bizarre Landschaft. Die Kontraste der weißgrauen trockenen Bäume, schwarzen Lavafelsen und dem tiefblauen Himmel ist einfach phantastisch.

Als Weg kaum erkennbar, doch es gibt immer wieder Wegweiser

Eine knappe Stunde folge ich der steilen Sandpiste bergab und balanciere weiter über große Steine bis zum entlegenen Strand Baquerizo. Kein Mensch unterwegs. Nur eine einsame Katze kommt miauend auf mich zu. Wo kommt die denn her? Den gleichen Weg geht es wieder zurück, rund sechs Kilometer insgesamt.

Der einsame Strand Baquerizo

Danach radel ich zum „Centro de Interpretaciones“. Einem Museum über die Entstehung und politische Geschichte des Archipels, Erläuterungen, wie die ersten Tiere auf die Inseln kamen und sich Galápagos sowie die Bevölkerung im Laufe der Jahre verändert haben. Auch hier ist der Eintritt frei, wie üblich registriert man sich am Eingang.

Nach dem Besuch klappere ich weiter. Positiv betrachtet ist ja zumindest alles was klappert noch am Fahrrad dran. Vorbei am Playa Mann mit kurzem Seelöwen-Staun-Stop, genieße ich den Sonnenuntergang am etwas abgelegenen weißen Sandstrand Loberia. Hier ist mächtig was geboten! Die Seelöwen-Hochburg. Mit ihrem Nachwuchs wälzen sie sich im Sand und spielen in den Fluten. Loberia ist ein sehr beliebter Badestrand und Publikumsmagnet. Entsprechend viele Zuschauer haben die drolligen Gesellen.

Der wohl bekannteste Strand auf San Cristóbal – Loberia

Bevor ich meinen fahrbaren Untersatz zurückbringe, buche ich sicherheitshalber schon mal die Fähre für übermorgen zurück nach Santa Cruz. Drei Nächte San Cristóbal reichen.

Radtour mit Wandkunst, hier der Léon Dormido (schlafender Löwe) oder auch Kicker Rock genannt. Beliebter Tauch-Spot wegen der vielen Haie

Spektakuläre 360-Grad-Tour

Nach 4 1/2 Stunden Schlaf startet der Tag mit Strom- und Wasserausfall. Der arme Pepe ist völlig aufgelöst und schleppt mir mit vielen Entschuldigungen einen Eimer Wasser zum Waschen und Zähneputzen an. Alles kein Drama, versichere ich ihm lachend. Er lässt es sich natürlich auch nicht nehmen, mich in aller Frühe runter zum Pier zu begleiten. Und er ist ja so redefreudig. Man muss ihn einfach gern haben.

Kurz nach 7 Uhr stehe ich also schon wieder in dem dubiosen Laden, in dem ich tags zuvor die 360-Grad-Tour gebucht und am späten Abend noch das Schnorchelequipment anprobiert habe. Taucherbrille und Schnorchel waren völlig verstaubt, der Wetsuit total verschlissen… Jetzt bin ich verdammt gespannt, was das da auf mich zukommt.

Es geht einmal mit dem Boot um die Insel. An mehreren Top-Spots wird zum Schnorcheln gehalten. Einer dieser Top-Spots ist ein Hai-Hotspot mit Riff- und Hammerhaien. Hai-end quasi. Will ich das wirklich?!

Viele Stunden später:
AAAAAAAAAAHHHHHHHHH!!!!!!!!!!! Bin immer noch komplett am eskalieren!!!!

Ernsthaft, das Schnorcheln bei Los Tuneles war Kindergeburtstag! Sozusagen die Feuertaufe für den heutigen krassen Scheiß! Ich stehe psychisch und physisch – und überhaupt – völlig neben mir! Aber der Reihe nach.

Um 7:30 Uhr legt der Kotz-Kutter am Pier ab und ich versichere euch, der Name ist Programm. Abwechselnd sehen sich zwei Jungs unserer zehnköpfigen Gruppe die Fluten aus allernächster Nähe an. Yepp, das kennt man ja bereits. Ich bin unterdessen gechillt auf’m Seepillen-Trip, oder wie ich es nenne, mit „Galápagos-Frühstück“ intus. Den Jungs reiche ich auch welche rüber und verspreche: „In 20 Minuten ist eure Welt wieder in Ordnung.“

Erster Stop – Rosa Blanca Bay

Wet landing in der Rosa Blanca Bay. Das bedeutet, Schuhe aus, vom Boot ins hüfthohe Wasser springen und bis zum Strand laufen. Noch niemals in meinem Leben habe ich solch einen schneeweißen Sandstrand gesehen! Es ist so grell, dass es in den Augen brennt.

Andres, unser crazy Guide, läuft voran. Wir folgen ihm karawanenartig über einen steinigen Pfad bis zu einer Art Fels-Bassin, in dem sich Wasser gesammelt hat. Sobald Ebbe ist, trennt sich dieser Teil für einen gewissen Zeitraum vom Pazifik ab. Das Spektakuläre daran ist allerdings, dass dieser glasklare, natürliche Pool voller Haie (Haischutzzone) ist. Erst wenn der Meeresspiegel wieder hoch genug ist, kommen sie aus ihrem temporären Gefängnis. Fassungslos starren wir in dem Bassin unter uns auf die Haie, während eine Schildkröte ihre Kreise über ihnen zieht. Es ist unglaublich.

Ein kleines Bassin voller Haie, das sich bei tiefem Wasserstand vom Meer abspaltet

Die angrenzende Bucht – derzeit wegen dem tiefen Wasserstand noch vom Hai-Pool getrennt – gehört nicht mehr zur Haischutzzone. Andres verkündet, hier wird geschnorchelt. Zur Begrüßung schwimmt auch prompt ein kleiner Hai vorbei. Da bin ich inzwischen relativ schmerzfrei. Wahrscheinlich machen die vielen Reisetabletten auf Dauer die Birne buttrig… Schwimmflossen an die Latschen, Brille auf die Glubscher, Salzwasser-Schnorcheldesinfektion (würg) und den Astralkörper in die karibische Brühe versenken.

Hmmm… wieso läuft denn da Wasser in meine Taucherbrille?! Das blöde Ding hat einen Riss an der Seite! Wirklich wundern tut’s mich nicht. Der Uralt-Krempel dieses schmierigen Tourenvermittlers (dessen Hüftgezwicke und Fragerunde über meinen Beziehungsstatus in Deutschland und auf Galápagos ich heute früh gepflegt im Keim erstickte) besteht keine Tauchtauglichkeitsprüfung mehr. Crazy Andres hilft mir mit seiner Brille aus, klasse Typ. Unter dem mexikanischen Schutz eines Mit-Abenteuerers, lasse ich mich ermutigen, zum Hai zu schnorcheln und ihn kurz aus der Nähe zu betrachten.

Wizard Hill, Punta Pitt und Sardine Bay

Nach dem Schnorchelstop düsen wir mit ordentlich Tempo irgendwo im Nirgendwo vorbei an Cerro Brujo, dem Wizard Hill und der Insel Punta Pitt.

Felskanal bei Cerro Brujo

Zweiter Stop: Die Sardine Bay. Zwei Buchten, die an Sanddünen liegen und farblich einen wunderschönen Kontrast zum Meer und den grünen Pflanzen bilden. Auch dieses kleine Eiland darf nicht überall betreten werden. Dort, wo die Pflanzen zu wachsen beginnen, ist Schluss mit Gelatsche.

Wunderschön und menschenleer – die Sardine Bay

An einem Schrein aus einem vertrocknetem Kugelfisch und Schildkrötenskeletten klärt uns Andres über die Tiere und das Naturreservat auf, auf dem wir uns gerade befinden. So verrückt wie er ist, so unbestreitbar stark verbunden ist er auch mit den Lebewesen seiner traumhaften Heimat.

Was das Meer zurücklässt

Mittagspause. In der flachen Bucht tobt verspielt ein Seelöwnbaby zwischen unseren Beinen im Meer umher. Wir haben viel Zeit zum Schnorcheln, eine willkommene Erfischung in der glühenden Sonne und der Affenhitze, denn Schatten sucht man hier vergebens. Das Wasser ist kristallklar, man fühlt sich wie in einem großen Aquarium, bei all den bunten Fischen.

Seelöwenbaby, ganz müde vom vielen Spielen im Wasser
Gestrandet in der Sardine Bay, Zeit zum Chillen und Schnorcheln

Hai-Life am Kicker Rock (Léon Dormido)

Weiter zum großen Finale, dem Kicker Rock. Oder Léon Dormido, wie er auch genannt wird, was „schlafender Löwe“ bedeutet. Hierhin zieht es alle passionierten Taucher, denn hier gibt es die meiste Hai-Vielfalt.

Als die beiden immensen Felsen vor uns aufragen, bleibt mir die Spucke weg. Rund 150 Meter Gestein, getrennt durch einen Kanal. Die hohen Wellen brechen sich an den Wänden, das Wasser ist stockdunkel und tief. Sehr tief.

Andres grinst uns aus seinem Ganzkörper-Neopren abenteuerlustig an und spult ein kurzes Briefing ab: Es wird nichts angefasst. Alle Tiere sind tabu. Bloß von den Felswänden fernhalten und immer Achtung wegen der Brandung und der Strömung. Da das Boot nicht durch den Tunnel kommt, tuckert es außenrum und wartet auf der anderen Seite. Wer zu sehr friert oder keine Kraft mehr hat, kann jederzeit zum Boot schwimmen, die Leiter hängt draußen. Mit jedem Satz wird mir elendiger. Ich starre in den undefinierbaren Abgrund unter dem Boot und grusel mich fürchterlich.

Mächtige Felswände umsäumen den Kanal des Kicker Rock

Lasst mich an dieser Stelle kurz ein paar treffende Zeilen zitieren, die ich zum Kicker Rock fand: „Der Schwierigkeitsgrad beim Schnorcheln oder Tauchen ist mäßig bis anstrengend, da von einem Boot aus durch einen tiefen natürlichen Kanal zwischen den Felsen im offenen Wasser geschnorchelt wird. Die Strömungen in Kicker Rock sind stark und normalerweise kalt, aber die Meereswunder sind es absolut wert.“

Damit ist alles gesagt. Der guten Ordnung halber wiederhole ich, dass ich ein ultraübles Wasser-Weichei mit extremst ausgeprägtem Kältesensor bin. Die innere Stimme dudelt das „Ich kann da nicht rein“-Mantra in Dauerschleife. Das Hirn, kurz vorm geistigen Burnout, rödelt „Offene See, tiefes Wasser, KALT, vom Boot weg in den Kanal schwimmen?! KAHALT! Ach so, da sind verflucht noch mal H A I E !!!!“

Da mir Andres‘ Crew eine intakte Taucherbrille zur Verfügung gestellt hat, fällt zumindest die Ausrüstungsausrede flach. Keinen blassen Schimmer, wie ich die Horrorszenarien im Kopf, die Angst im Bauch und die Stimme im Ohr ausblende. Offensichtlich hat aber jemand den Vorschlaghammer auf meinen Not-Aus-Schalter draufgedonnert, denn in dem Moment platsche ich ins Wasser und tauche in die Finsternis ein. Übrigens ist am Kopf das Wasser noch viel kälter.

Als ich realisiere, dass ich mich im grenzenlosen, blauen Nichts befinde, geht mir sowas von der Arsch auf Grundeis! Holla die Enten. Ich hefte mich an Andres Flossen, der mit entspannter Geste „alles okay“ zeigt. Wenn ich schon gefressen werde, dann zumindest unter erfahrener Aufsicht.

Von der unendlichen blauen Tiefe verschlungen

Entsetzt gaffe ich ihm nach, wie er einfach abtaucht. Könnte man unter Wasser heulen, ich würde vermutlich den Meeresspiegel um einige Meter ansteigen lassen. Der Schockzustand wechselt sich mit Frostschüben, Aufregung, Neugierde, Abenteuerlust und Angst ab.

Einige Minuten später befinden wir uns mitten in dem Kanal. Zur rechten und linken Seite steigen die grauen, bedrohlichen Wände des Kicker Rock in die Höhe, unter mir kann ich rein gar nichts sehen, das Boot ist ebenfalls außer Sichtweite. „Bitte behalt jetzt die Nerven“, flehe ich innerlich und schnorchele weiter Andres hinterher. Während es vorher rund 35 Meter hinab ging, ist es im Kanal nur noch etwa 19 Meter tief. Endlich nimmt die undefinierbare blaue Masse Formen an, ich kann bis auf den Grund sehen.

Ich zucke zusammen, als ein Schatten an mir vorbeizischt. Uff, nur ein Seelöwe! Vor mir fliegt eine Schildkröte. Und dann sehe ich, dass ich umgeben bin von Schildkröten und Fischschwärmen. Völlig fasziniert gucke ich mich nach unserem Guide um. Er deutet unter sich. Der erste Hai… Andres taucht ab und ihm gemächlich hinterher.

Am Kicker Rock wimmelt es nur so von Haien

Ich komme kaum dazu, über das fehlende Boot nachzugrübeln. Oder über die anstrengende Strömung und den mächtigen Wellengang im Kanal, der den Körper permanent auf- und abschaukelt. Auf dem Meeresgrund ruhen weitere Riffhaie, einzelne Weiß- und Grauspitzenhaie schwimmen anmutig vorbei. Ich friere abartig, Hände und Füße sind eiskalt. Wir kämpfen uns mit den Wellen durch den Kanal. Auf der anderen Seite wartet unser Boot. Nach über einer Stunde Adrenalin-Ekstase verfrachten wir unsere ausgekühlten Körper bibbernd hinein. Nie zuvor habe ich mit solcher Erleichterung und Freude ein Boot bestiegen.

Überlebt! Vollgepumpt mit Adrenalin und Endorphinen

DAS war mit Abstand eines meiner heftigsten, gruseligsten, unberechenbarsten aber auch atemberaubendsten und faszinierenden Erlebnisse! Vollgepumpt mit Endorphinen schippern wir kurz nach 17 Uhr in den Hafen von San Cristóbal.

Das muss erst mal verarbeitet werden. Ich drehe noch eine Laufrunde, dusche das mehrschichtige Salzwasser ab und ziehe am Abend gemeinsam mit Ecuadorianer Raphael los. Er kommt aus Quito und ist bei mir in der Unterkunft. Auch er war heute am Kicker Rock – allerdings zum Tauchen – und ist noch immer völlig begeistert. Als er mir seine Videos zeigt, ich bin sprachlos! Der gleiche Spot, es wimmelt nur so von Haien. Als ich die großen Hammerhaie sehe, bin ich dankbar, dass ich die nicht in Flossennähe hatte! Die Viecher sind mir echt unheimlich.

Uff…  Zurück im Hostel bleiben mir noch rund fünf Stunden, bis der Wecker schon wieder klingelt. Ist Reisen anstrengend, hahaha. Zur Abwechslung steht morgen mal wieder ne Fährfahrt an. Das notwendige Übel, um zurück nach Santa Cruz zu kommen.

Dort brechen dann tatsächlich die letzten Tage an. Ich kann den Gedanken nicht leiden..

Galápagos-Life

(Teil 15 folgt)

Was war eur beeindruckendstes Tier-Erlebnis? Oder bei welchem eurer Abenteuer war die Neugierde größer als die Angst? Wobei musstet ihr euch selbst in den Hintern treten und über euren Schatten springen? Bereut ihr vielleicht sogar, die Chance auf ein Abenteuer nicht genutzt zu haben? In den Kommentaren könnt ihr gern davon erzählen, oder ihr schreibt mir. Ich freu mich 🙂

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GALÁPAGOS / ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 13: Paradies in Seepferdchen-Form

Von Santa Cruz nach Isabela und zurück

9. – 13. Dezember 2019

Latscht man um 5:50 Uhr mit rund 12 Kilo Gepäck auf dem Rücken zum Pier und das Frühstück besteht aus Tabletten gegen Seekrankheit, dann ersetzt man das Wort Urlaub ganz schnell durch die treffendere Bezeichnung Reisen. Logisch, dass die Nacht wieder verdammt kurz war, ich strecke die Tage (und Abende) bis zum Ultimo, könnte ja was verpassen!

Als ich im Morgengrauen meinen Buchungsbeleg an der Fähre vorzeige, blicke ich in fragende Gesichter. Offensichtlich stehe ich nicht auf der Liste. Somit gibt es auch keinen Zutritt auf den Kübel-Kutter. Da ist man hier sehr bürokratisch. Das ist jetzt aber doof, denke ich und erkläre mit spärlichem Spanisch, die Agentur habe mich doch telefonisch angemeldet, was ich gehört und mir schließlich schwarz auf weiß bestätigt wurde. Mit einem Wink wird mein Geplapper abgewürgt, der Security-Chef beginnt hektisch zu telefonieren. Skeptisch beäugt er mich, brabbelt furchtbar schnell ins Telefon, wirft mir einen weiteren seltsamen Blick zu und wendet sich ab. Ist ja nicht so, als würd ich auch nur ein Wort verstehen… diese Geheimniskrämerei irritiert mich. Leicht beunruhigt frage ich nach. Spanische Brocken werden mir entgegen katapultiert, yo no comprendo nada. Man dreht mir den Rücken zu, weitere verschwörerische Telefonate. Ich linse auf die Anmeldeliste und finde meinen Namen. Aha! Aber wenn ich doch draufstehe, warum dann diese Panik?! Jetzt werde ich unentspannt, die Vorstellung hier stinkt zum Himmel. Zwei Männer in offizieller Dienstkleidung kommen hinzu. Moment mal, haben die jetzt ernsthaft die Polizei gerufen?! Der Telefonmann wedelt mit meinem Reservierungswisch herum, in meinem Hirn laufen üble Szenarien von mir hinter schwedischen – ääh spanischen – Gardinen ab. Ich kralle mir einen Hombre, der aussieht, als hätte er was zu melden und frage, ob er Englisch spricht. Yes he can, halleluja! Ich frage ihn, wo das Problem liege und warum nun auch noch die Polizei da steht. Er beruhigt mich, das sei bloß die Seewache und sie bräuchten lediglich eine Gegenbestätigung, ich solle einfach warten, alles sei in Ordnung. Geduldig warten, gut, eine meiner bestechendsten Eigenschaften – NICHT!

Nach weiteren Telefonaten und erneutem Check der Anmeldeliste erspäht Telefonmann plötzlich doch meinen Namen. Seine Laune wechselt von ernst in fröhlich und wie auf Knopfdruck ist alles dufte! Das Problem war, dass auf seiner Liste „nur“ mein voller Name, aber nicht meine Passnummer eingetragen ist. Ohne Worte. Übrigens ist seine Liste maximal eine halbe Seite lang und besteht aus gerade einmal 16 Namen. Ist also nicht so, als hätte er viele Seiten durchblättern müssen, um meinen Namen zu finden. Er zog dennoch endlose Telefonate vor. Nach gut gelaunten Entschuldigungen hängt er mir meinen Kutter-Pass um den Hals.

Erleichtert schweift mein Blick über den Pier. Könnt jetzt losgehen. Moment mal, die beiden Gesichter da kenne ich doch. Es rattert im Oberstübchen, das sind Marylin und Martin! Die beiden waren mit mir vier Tage im Cuyabeno Reservat, im tiefsten Dschungel von Ecuador. Die Welt ist ein Dorf, da treffen wir uns auf Galápagos wieder!

Punkt 6:30 Uhr geht’s aufs Wasser. Zuvor werden alle Gepäckstücke auf verbotene Lebensmittel und derlei geprüft und anschließend versiegelt. Auch die Wanderschuhe werden auf saubere Sohlen kontrolliert.

Ein Taxiboot tuckert die Passagiere für 50 Cent zur Fähre. Dann geht die Luzzie ab! All meine Befürchtungen werden übertroffen! Ohne Reisetabletten hätte ich die Fahrt nicht überlebt! Zwei Stunden fetzt das Schnellboot über den Pazifik, der mächtig derbe Schlaglöcher hat! Diejenigen, die sich ebenfalls Käpt’n Blaubär-Medikamente reingeföhnt haben, erkennt man daran, dass sie willenlos rumhängen, den Kopf auf der Schulter des Sitznachbarn und trotz rabiaten Umständen gepflegt schlafen. So kommt man zumindest mit blauen Flecken davon und kübelt sich nicht zusätzlich die Seele aus dem Leib. Was auf den Booten durchaus zum „guten Ton“ gehört!

Bienvenido a Isabela

Land in Sicht!!! Der Horror hat ein Ende. Was die Taxifahrten in Ecuador sind, scheinen die Fährfahrten auf Galápagos zu sein. Nur mit deutlich mehr „Brech-Potenzial“. Getreu dem Motto: Übergeben ist seliger denn nehmen! Na, da behalte ich doch lieber. Nämlich den Inhalt in mir drin! Und genommen werden bloß die Zauberpillen.

Bevor ich von dem Speed-Kutter ins Taxiboot (1 Dollar) flüchte, checke ich unauffällig die Schulter meines österreichischen Sitznachbarn auf Speichelpfützen. Sieht trocken aus, habe ihn nicht eingesabbert, während es mich kurzzeitig komatös dahingerafft hat. Die Kombi „Reisetablette statt Kaffee“ hat meinen Körper von der Notwendigkeit entbunden, weiterhin den Aktivitätsmodus aufrechtzuerhalten. Um 9:20 Uhr betrete ich erleichtert festen Boden. Am Pier zahlt man erst mal 10 Dollar Nationalpark-Eintritt und trifft sofort auf die Seelöwen und Leguane.

Empfangskomitee auf Isabela
Seite an Seite wird gepflegt gechillt
Ein alter Kahn nahe des Piers

Ich schultere meinen Rucksack, öffne „mapsme“ auf dem Handy und trabe los. Die Hostels suchen, die ich gestern bereits selektiert habe. Gut einen Kilometer ist das gemütliche Zentrum Puerto Villamil entfernt. Auf Galápagos lohnt es sich wirklich, die Unterkünfte nicht im Voraus zu buchen. Der Steueranteil, den man (und auch die Hostelbetreiber) auf diese Weise spart, ist nicht unerheblich. Auf meiner ganzen Reise habe ich nie Probleme, eine passable freie Unterkunft zu finden.

Diesmal bekomme ich ein riesiges Zimmer mit vier großen Betten, geräumigem Badezimmer mit ausladender Warmwasserdusche und Kühlschrank, für schlappe 20 Dollar pro Nacht.

Jetzt werde ich erst mal ein nicht aus der Apotheke stammendes Frühstück einfahren und den Koffeein-Defizitpegel korrekt justieren. Der angebrochene Tag (lustiges Wortspiel in Verbindung mit dem Kotzkutter) wird genutzt, einen Überblick über die Insel zu bekommen und Touren für die nächsten Tage zu buchen.

Isabela hat wunderschöne, menschenleere Strände

Kein Zurück mehr

Es fing alles so harmlos an… Um 7:30 Uhr aufstehen, ums Eck einen Kaffee schlabbern, paar Lebensmittel einkaufen und flott ’ne sechs Kilometer Laufrunde. Hier gibt es zu sehr quirligen Seelöwen und Leguanen auch noch Flamingos.

Jede Bank auf Isabela ist von Seelöwen belagert
In der Laguna Salinas tummeln sich unzählige Leguane und Flamingos

Ich mache mir im Hostel ein kleines Frühstück und laufe zur benachbarten Agentur, in der ich gestern nachmittag zwei Ausflüge gebucht habe. Schwimmflossen und Wetsuit anprobieren, die Truppe kennenlernen und ab geht es zum Boot.

In weiser Voraussicht werfe ich mir eine Reisetablette ein! Heute erfahre ich, WAS Seegang ist. Die gestrige Fahrt kommt mir wie jetzt wie eine Tretboot-Tour vor. Unser Käptn rotzt so dermaßen übers Wasser, dass ich den zweiten Kaffee bereue. Ich kann gar nicht hinsehen. Macht alles doppelt schlimm. Mein Sitznachbar erkundigt sich, nicht ganz ohne Sorge, nach meinem Befinden. Ich versichere ihm, er habe nichts zu befürchten. Schicksalsergeben recke ich die Nase in den Wind, fokussiere die Gedanken und kneife die Arschbacken zusammen. Aus der Nummer komm ich jetzt nicht mehr raus.

Irgendwann hält das Boot mitten auf dem Meer an. Es schaukelt so abartig hin und her, dass man fast nicht stehen kann. Ich schiele vorsichtig über das Meer und sehe eine große Flosse. „HAI“, rufe ich. Die Heinz Sielmann-Auszeichnung gibt es dafür nicht, handelt sich nämlich um einen riesigen Manta. Zwei sogar. Sie schwimmen unter unserem Boot hindurch, drehen ihre weiße Unterseite nach oben und in dem Moment erkennen wir ihr enormes Ausmaß. Pablo, unser Guide, schätzt sie auf vier Meter und macht Unterwasseraufnahmen.

Bei genauem Hinsehen kann man im Wasser die dunkle Silhoutte des Mantas erkennen
Zwei riesige Tiere schweben um unser Boot herum

Mit hoher Geschwindigkeit scheppern wir weiter zum Black Rock. Ein bizarrer Felsen, der einfach so mitten aus dem Pazifik ragt und als Ruheplatz für Seelöwen, kleine Pinguine und Vögel dient. Wir wackeln in unserer Schüssel einmal drumherum.

Black Rock mitten auf hoher See

Los Túneles und die Blaufußtölpel

Nach gut 45 Minuten erreichen wir Los Túneles, die bizarre Lavafelslandschaft, die vom Vulkan da einfach so hingespuckt wurde. Wunderschön! Langsam tuckern wir durch die steinernen Kanäle, vorbei an Felsbrücken, die sich über das kristallklare, seichte Wasser schwingen. Auf den kargen Böden wachsen Kakteen, Seelöwen liegenin der Sonne.

Los Túneles

Nach einem leckeren Lunch auf dem Boot machen wir eine kleine Wanderung auf dem Lavagestein. Pedro zeigt uns Nester des so beliebten Vogels, dem Blaufußtölpel. Oder wie man ihn hier nennt „Blue footed boobie.“ Begeistert beobachten wir die Tölpel beim Brüten ihrer Eier und zusammen mit ihrem flauschigen Nachwuchs.

Blue footed boobie mit 6 Monate alten Jungvögeln

Die Boobies sind wirklich zu ulkig, nicht nur wegen ihren blauen Füßen. Die haben sie übrigens, weil sie Shrimps fressen. Tun sie das nicht, verlieren ihre Patschen die Blaufärbung und werden weiß. Ihre Artgenossen, die Rotfußtölpel, futtern sich ihre roten Treter durch Calamari an.

Zweimal jährlich, im April und September, ist Paarungszeit bei den Tölpeln. Die Männchen tanzen für die Weibchen und zeigen dabei ihre blauen Mauken, um damit die Chicas zu beeindrucken. Die finden das auch ganz fesch und tanzen mit, will heißen, „geht klar, in dein Nest oder meins?“

Wirf die Angst über Bord und spring über deinen Schatten

Nach der kleinen Wanderung geht es ein weiteres Mal mit ordentlich Karacho über die Wellen.
Irgendwo im Nirgendwo halten wir. Ich schieße mich in den Neopren, Flossen an die Treter, Maske auf. Jetzt wird’s ernst. Pablo erklärt ein paar Regeln und sagt an, dass wir jetzt einfach vom Boot ins Wasser hüpfen. Öhmm, Augenblick… hä? Wie, hüpfen?! Das geht nicht, ich bin Hochleistungs-Wasserweichei! Also im Schwimmbad (wo ich mich quasi nie aufhalte – genauso wenig wie in Badeseen) begebe ich mich maximal in Zeitlupentempo ins Wasser. So durchschnittlich drei Zentimeter Körper pro Minute, außer wenn es sehr kalt ist, dann gar nicht.

Habe ich tatsächlich dafür bezahlt, mitten im arschkalten Pazifik – wo alles mögliche und unmögliche Getier schwimmt – zu planschen?? Jetzt dämmert mir, das hier ist ne Nummer zu groß. Klassische Größenwahn-Selbstüberschätzung!
Ich kann nicht in diese dunkle Brühe springen und vom Boot wegschwimmen, hier in der gefühlten Arktis. Ich suche nach Eisschollen. Als nächstes registriere ich, dass bereits die ganze Truppe im Wasser ist, nur ich erstarrt im Boot klebe.

Schnorchelausflug bei Haien


Einer der Crew versteht meine Not und redet beruhigend auf mich ein. Verstehe zwar nur spanisch, aber er guckt mir so eindringlich in die Augen, dass ich mich fasse. Tief atmend hocke ich auf dem Rand des Bootes. „Pienz net und schaff den Kadaver ins Wasser“, pushe ich mich. Wie eine Ertrinkende klammere ich mich an die Hand, die mir der Skipper hinstreckt und… springe. Schnappatmung! Scheiße ist das kalt! Noch immer hält er meine Hand und nickt zuversichtlich, während ich hektisch durch den Schnorchel röchel. Ich lasse los und schwimme zur Gruppe. Der Schnorchel verstärkt die Lautstärke meiner eigenen Atemgeräusche, klingt unheimlich, wie in einem schäbigen Horrorfilm.

Die Psychostimme funkt mal wieder rein: „Guck maaaal, das Boot ist voll weit weg. Sau kalt, die Brühe. Übrigens ist es unter dir brutal dunkel. Kannste gar nicht sehen was da so rumschwimmt. Du gehörst nicht ins Wasser, du solltest an den Felsen bleiben und klettern!“ Ich tauche unter, die Stimme ist abgesoffen. Hefte mich dicht an die Flossen von Pablo und der letzte Rest Angst weicht Euphorie und Neugierde. Und dann schwimmt plötzlich ein Hai unter mir durch. Er hat in etwa meine Größe. Panik? Nö, im Gegenteil. Ich quietsche in den Schnorchel vor Freude! Wie krank ist mein Kopf, dass ich das jetzt einfach nur gigantisch finde?!

Und dann taucht der erste Hai auf…

Die Schnorcheltour ist für mich eines meiner krassesten Erlebnisse. Wir schwimmen zusammen mit Riesenschildkröten, die seelenruhig ganz nah vor uns durchs Wasser schweben. Die Unterwasserwelt hält einiges parat. Drei Manta-Rochen gleiten an uns vorbei, wir finden Seepferdchen, große bunte Fische und kleinere Haie.

Erlebnisreiche Unterwasserwelt
Auch die Mantas lassen sich nicht von uns stören

Pablo will mit uns auf Hai-Suche gehen. Er bringt uns zu Höhlen, in denen sie sich aufhalten. Da man im Neopren kaum untertauchen kann, drückt uns Pablo der Reihe nach für einige Sekunden unter Wasser, so dass wir in die Höhle gucken und die Haie sehen können. Das ist der absolute Wahnsinn und ein wenig gruselig. Zumal das Wasser sehr trüb und grünlich ist. Manchmal kann man kaum etwas sehen und paddelt förmlich ins Ungewisse, da geht mir ordentlich die Düse.

Gruseliger Blick in die Hai-Höhle

Nach gut einer Stunde steigen wir zähneklappernd und durchgefroren ins Boot. Von der Crew bekommen wir eine Süßwasserdusche aus dem Schlauch, ein Badetuch und warmen Tee. Die Rückfahrt fühlt sich viel besser an.

Um 17 Uhr sind wir wieder am Pier. War das krass!
Ich kann es nicht fassen, dass ich meinen persönlichen Horror überwunden und sogar Spaß dran hatte! Mir tut die ganze Kauleiste weh. Habe mich vermutlich wie eine Geisteskranke in den Schnorchel festgebissen.

Ein neuer Tag, ein neues Abenteuer

Hmpf… kurze Nacht mit viel Träumerei. Das nennt man wohl Erlebnisverarbeitung.

6:25 Uhr. Schneller Koffeeinkick während ich mich fertig mache. Heute gibt es eine Trekkingtour, als Kontrastprogramm zu Wellen und Wasser.

Isabela, die auf der Landkarte die Form eines Seepferdchens hat, ist so toll, dass ich kurzerhand meinen Besuch auf 4 Nächte verlängere. Lieber eine Nacht weniger in Santa Cruz. Was mir so gut gefällt, ist die Echtheit und das karibische Flair. Es ist viel weniger touristisch als Santa Cruz. Dabei ist Isabela mit einer Fläche von 4.588 km² die Größte der Inseln. Im Norden gibt es die Vulkane Wolf und Darwin, in der Mitte den Volcán Alcedo und im Süden die Vulkane Cerro Azul und Sierra Negra. Alle sind aktiv.

Isabela, das Seepferd ist die größte der Inseln im Archipel

Die Besteigung des Volcán Sierra Negra und Chico

Als Vulkanliebhaber gehört eine Besteigung natürlich zum Pflichtprogramm.

Kurz nach 7 Uhr sammelt mich der Bus am Hostel auf. Nachdem die Gruppe vollständig ist, geht es rund 25 Kilometer ins Hinterland Santo Tomás, zum Volcán Sierra Negra (1.124 m) und seinem kleineren Bruder Chico. Tiffany, unser Guide, verteilt Lunchpakete an alle bevor wir aussteigen. Draußen ist es neblig-feucht, es nieselt. Meer und Strand sind einer Nebelwald-Atmosphäre gewichen. Kontrastreicher könnte es nicht sein.

Auf dem Weg zum Volcán Sierra Negra

In zügigem Tempo folgen wir Tiffany die braune Sandpiste hinauf. Vorbei an Farnen und Flechten, Bäumen und allerlei Grünzeugs steigen wir bis zum Kraterrand auf 1.000 Metern. Ein gigantischer Anblick. Mit seinem Durchmesser von ca. 10,5 Kilometern ist er der zweitgrößte Vulkan der Erde. Ich bin schon auf einigen Vulkanen dieser Erde gewandert, aber dieser gehört wirklich zu den Schönsten. Nebelwolken ziehen in den Krater. Tiffany erklärt uns die unterschiedlichen Farbtöne der Lava, an denen man deutlich die neueste Schicht des Ausbruchs von 1997 erkennen kann. Mit Schaubildern steht sie vor dem Krater und informiert uns über die Ausbrüche und die letzte Eruption in 2018.

Die fast 11 KM breite Caldera des Sierra Negra
Guide Tiffany erzählt über die Vulkane der Insel

Je weiter wir kommen, desto trockener und wärmer wird es. An Sträuchern hängen reife Guabas. „Probiert sie mal“, schlägt Tiffany vor. Während wir die kleinen süßen Früchte knabbern, erzählt sie von der Sage, wer die Guaba vom Baum pflückt und isst, bleibe für immer auf Galápagos. Meine Augen funkeln. Sicherheitshalber schieb ich eine weitere hinterher. „Und? Für welche der Inseln hast du dich entschieden?“ fragt Tiffany lachend.

Guaba-Frucht; es heißt, wer sie isst, bleibt für immer auf Galápagos

Am Horizont zeichnet sich das Meer ab. Von der Anhöhe aus sind der Volcán Ecuador, die Insel Fernandina, der Volcán Darwin und die Ausläufer von Isabela erkennbar.

10 Uhr, die Bäuche knurren – Frühstückspause! Die vegetarischen Bedürfnisse wurden berücksichtigt, stelle ich beim Blick auf das mit Käse, Tomaten und Salat belegte Brötchen freudig fest. Darüber hinaus hält die Wundertüte Banane, Schokoriegel, Säftchen und eine vorgeschälte Apfelsine parat. Tiffany bittet, die Kerne nicht auszuspucken, sondern wieder einzupacken. Auch die bettelnden Vögel dürfen nicht gefüttert werden. Jeglicher organischer Abfall könnte zu einer Veränderung der endemischen Natur führen. Beeindruckend, dass überall auf Galápagos streng darauf geachtet wird, Flora und Fauna in ihrem Ursprung zu schützen. Hier beugt man sich glücklicherweise nur begrenzt dem Tourismus, der Erhalt der Naturreservate hat oberste Priorität. Das Konzept ist simpel aber effektiv: Lediglich rund ein Drittel von Isabela darf betreten werden (Touren wie die heutige ausschließlich in Begleitung eines Naturguides). Im restlichen Naturschutzgebiet hat niemand etwas verloren. Nur wenige bestimmte Guides dürfen es betreten. Zu den Tieren ist immer ein gebührender Abstand einzuhalten. Sie werden weder gefüttert noch berührt. Die Einreiseerlaubnis von 100 Dollar und überhaupt die stolzen Preise auf den Inseln tragen ihr Übriges dazu bei, die Menschenmassen zu dezimieren.

Die Umgebung verändert sich kontinuierlich. Die grüne Fläche um den Sierra Negra und seinem kleinen Bruder Chico ist einer kargen Landschaft gewichen. Wir laufen weitere neun Kilometer über raues, rotbraun und schwarzes Lavagestein, vorbei an großen Kakteen.

Man fühlt sich auf einen anderen Planeten gebeamt

In der Caldera haben sich höhlenähnliche Löcher gebildet. „Steckt mal die Hand rein“, deutet Tiffany auf ein Loch. Die Luft darin ist ganz warm. Ewig lange Lavatunnel durchziehen das Vulkanareal. Die mineralische Farbpalette ist prächtig. Tiffany dreht einen schwarzen Lavastein in ihrer Hand. Er schimmert wunderschön tiefblau. Sie hält uns einen weiß und gelb gesprenkelten Stein hin. Magnesium- und Sulfurablagerungen.

Die Lavahöhlen ziehen sich endlos lang über das Vulkan-Areal

Als wir den Rückweg antreten, brennt die Sonne so heiß, dass die Luft flimmert. Sonnencreme und Kopfbedeckung sind unerlässlich. Selbst für die Einheimischen.
Verrückterweise schlägt es am Ende der Strecke binnen weniger Minuten wieder um in feuchtes, nebliges und kaltes Klima.

Knapp 17 Kilometer legen wir zurück. Eine echt abwechslungsreiche und lohnenswerte Wanderung, die ich jedem auf Isabela nur ans Herz legen kann.
Um 14 Uhr sind wir wieder in Puerto Villamil.

Wer so fleißig ist, hat auch Seelenbaumel-Programm verdient, denke ich, als ich durch den entspannten Ort schlendere. So verläuft der restliche Tag mit Leguane bestaunen, Seelöwen und Flamingos gucken, furchtbar leckeren Loco Coco zum Sonnenuntergang am Strand schlabbern, dabei barfuß im Sand graben und mich ganz irre viel über dieses Lebensglück-Gesamtpaket freuen. Es könnte durchaus beschissener sein.

Restaurants in der „Hauptstraße“ von Puerto Villamil
Wunderschöne, ruhige Abendstimmung am Meer

Wanderung „Muro de las Lágrimas“ – die Mauer der Tränen

Am Morgen stelle ich meine Anpassungsfähigkeit – oder nennt man das Kapitulation?! – unter Beweis. In der Hostelküche koche ich mit heißem Wasser, Milch und Höllen-Instantpulver mein Koffeeingebräu (yepp, richtig gelesen, ihr Kaffeeliebhaber da draußen) und trabe los. Tatsächlich ist der Himmel wolkenlos, das war bisher eher selten so. Und es ist drückend warm.

Auf der Wanderung „Muro de las Lágrimas“ komme ich mal wieder voll auf meine Kosten: Ich nehme jeden kleinen Abzweig rechts und links des Hauptweges und treffe auf Leguane, Flamingos, Seelöwen und Pelikane.

Wegbeschreibung der Wanderung Muro de las Lágrimas
Auch hier hängen überall die Leguane rum

Der Weg führt vorbei an Stränden und Leguan-Nistplätzen (Betreten verboten Schilder schützen diese Areale), großen Kakteenbäumen, Mangroven und zweigt zum Aussichtspunkt „Los Tunos“ und zum Lavatunnel „Túnel de Estero“ ab.

Farbenfroh und einfach toll
Los Tunos
Faszinierende Lavatunnel

Bei einem Seitengang stoße auf ein ganz besonderes Gewächs. Den Manchinelbaum, einer der giftigsten Bäume der Welt. Im spanischen nennt man ihn auch „Manzanilla de la muerte“, was soviel heißt wie „Äpfelchen des Todes“. Der Name ist Programm. Deshalb warnen Hinweisschilder vor dem botanischen Killer.

Schilder warnen vor den hochgiftigen Bäumen

Während der Verzehr seiner kleinen Äpfel für den Menschen tödlich sein und der Kontakt mit dem hochgiftigen Milchsaft (der bei Regen aus den Blättern tropft) starke Hautverätzungen und Augenreizungen hervorrufen kann, fressen Riesenschildkröten und einige Leguanarten mit Vorliebe seine Blätter und Früchte. Durch einen niedrigen Ast-Tunnel dieser Bäume komme ich überraschend an einer kleinen, versteckten Lagune raus. Ein Vorteil, wenn man die Tour läuft und nicht – wie viele der Leute – mit dem Fahrrad macht.

Der Majagua-Tunnel führt zu einer idyllischen Lagune

Es könnte gar nicht passender sein. Als ich das Schild „Camino de las Tortugas“ (Weg der Schildkröten) passiere, steht einige Meter vor mir auf dem sandigen Pfad ein eben solches Prachtexemplar. Die Schildkröte bleibt stehen und beäugt mich argwöhnisch. Als ich mich nähere, zieht sie langsam den Kopf an ihren großen Panzer. Ihr Blick klebt weiterhin an mir. Mit großem Abstand gehe ich staunend an ihr vorbei. Erst als ich aus ihrer vermeintlichen Gefahrenzone bin, lässt sie mich aus den Augen und schleicht weiter.

Riesenschildkröte auf dem Camino de las Tortugas

Nach achteinhalb Kilometern erreiche ich den Mirador Cerro Orchilla. Über Steinstufen geht es rauf zur Aussichtsplattform. Die trockenen, blattlosen Äste der weißen Bäume ringsum hängen voller Flechtenbüschel. Ein irrer Anblick. Tief beeindruckt und schwitzend stehe ich oben. Kein Mensch weit und breit. Unter mir dehnt sich die weitläufige Schönheit dieses Paradieses aus. Ein Fleck heile Welt. Und der perfekte Platz für eine Frühstückspause. Selig nage ich mein Käsebrötchen, genieße das 360-Grad-Panorama rundum. Der Bauch füllt sich, die Augen können sich nicht satt sehen.

Hinauf zum Mirador Cero Orchilla
Die Bäume hängen voller Flechten
Vom Mirador hat man einen grandiosen 360-Grad-Rundumblick

Bleibt nur noch die Frage zu klären, wo diese Tränenmauer ist… Um Freudentränen handelte es sich bei ihrer Errichtung allerdings nicht. Gefangene einer Strafkolonie wurden zu der leidvollen Arbeit gezwungen, die Lavasteine anzuschleppen und mühsam eine mehrere Meter hohe, breite Mauer um das Gefängnisgelände zu bauen. Viele Menschen ließen dabei ihr Leben. Inzwischen stehen nur noch Überreste dieser Mauer. Ein Mahnmal, in Gedenken an die Gefangenen (1946 – 1959), ihre Qualen und ihr Leid.

Von meinem Aussichtspunkt kann ich die Mauer nirgendwo erspähen. Noch immer ist auch rundum kein Mensch, den ich fragen könnte. Da ich nicht weiß, wie weit es noch zu der Tränenmauer ist (auch mit googlemaps werde ich nicht schlauer und zweifle an meiner örtlichen Richtigkeit), die ganze Strecke auch wieder zurückgelatscht werden muss und es brütend heiß ist, trete ich den Rückweg an.

Unterwegs treffe ich auf weitere Galápagosschildkröten. Aus dem Gebüsch am Wegesrand winkt mir plötzlich ein bekanntes Gesicht zu. Einer der Jungs, der mit mir auf dem Boot bei der „Los Túneles-Tour“ war. Flüsternd zeigt er auf den Tümpel unter sich. Eine Riesenschildkröte kriecht langsam zum Trinken in das grüne Wasser. Wir setzen uns auf den Boden und beobachten schweigend das imposante Geschöpf, bis es im Zeitlupentempo im Dickicht verschwunden ist.

Am frühen Nachmittag erreiche ich den Eingang des Parks. Jetzt muss ich doch mal einen Blick auf den Lageplan werfen. Oha, Mist! Die Mauer wäre ja unmittelbar nach dem Mirador gekommen. Gucke wohl etwas blöd aus der Wäsche, denn ein Herr neben mir spricht mich an. Ich erkläre meinen ärgerlichen Wander-Fauxpas. Er winkt ab, war gar nicht so spektakulär. Auf seinem Handy zeigt er mir seine Fotos der „Muro de las Lágrimas“, von der noch etwa hundert Meter übrig sind. Na gut, wirklich was verpasst habe ich nicht, lässt man mal außer Acht, dass dies das eigentliche Ziel meiner Tour war. Aber heute hat sich wieder mal bestätigt, der Weg ist das Ziel. Und der war definitiv grandios!

Den angebrochenen Tag nutze ich für einen Abstecher zur Aufzuchtstation für Riesenschildkröten (Centro de Crianza de Tortugas Gigantes). Hier werden Eier ausgebrütet, unterschiedliche Arten der Jungtiere großgezogen und ältere Tiere gepflegt. Wenn die Tiere soweit sind, werden sie in die Freiheit entlassen.

Gehege in der Aufzuchtstation Centro de Crianza de Tortugas Gigantes

18 Kilometer später bin ich im Hostel zurück.
Der müde Kadaver schreit nach Kaffee und ner lauwarmen Dusche, bevor ich zum Abend in einem der Restaurants um die Ecke die Füße hochlege.

Morgen klingelt der Wecker wieder zu einer absolut perversen Uhrzeit! Um 5:15 Uhr habe ich am Pier zu stehen. Dummerweise gibt es nur an ganz wenigen Tagen eine Direktverbindung von Isabela nach San Cristobal. Mir bleibt also bloß die mühsame und zeitintensive Variante über Santa Cruz, in der Hoffnung, dort ein Ticket für die spätere Fähre nach San Cristobal zu ergattern. Da sich der Tourismus stark in Grenzen hält, bin ich guter Dinge.

Ich könnte noch locker ein paar Tage auf Isabela dranhängen. Die Insel versprüht so viel karibischen Charme und Leichtigkeit, man kann sich nur pudelwohl fühlen. Aber gerade beim Reisen sind Abschiede unvermeidlich…

Keine Bank ohne Seelöwen
Leguane beherrschen die Galápagos-Inseln
Rote Klippenkrabbe

(Teil 14 folgt)

Wart ihr schon auf Galápagos? Welche der Inseln hat euch am besten gefallen? Welche Touren habt ihr so gemacht und wie waren eure Erfahrungen? Welches der Tiere hat euch am meisten fasziniert? Oder welcher Fleck auf der Erde hat euch ganz besonders berührt und warum?

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GALÁPAGOS / ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 12: Gast in einer einzigartigen Tierwelt

Inseln Baltra und Santa Cruz

7. – 9. Dezember 2019

Fakt ist: Das Leben ist dazu da, es zu LEBEN. Träume zu verwirklichen. Den Alltag mit Nicht-Alltäglichem zu dekorieren. Momente zu sammeln, statt irgendwelchen Staubfängern für’s Regal. Das ist meine Lebensphilosophie. Dafür steht Mosaikteile. Jedes einzelne Mosaikteil deines Lebens ist ein Unikat. Es macht dich letzten Endes zu dem Menschen, der du bist.

Galápagos war, nein, ist (m)ein großer Lebenstraum. Einer der Pflichtpunkte auf der Löffelliste. Und obwohl ich bereits seit fast drei Wochen durch Ecuador ziehe, fühlt es sich völlig surreal an, im Flieger nach Baltra zu sitzen. Während des knapp zweistündigen Fluges schwirren so viele Bilder der bisherigen Reise durch meine Gedanken, dass der Kopf nicht hinterher kommt. So irre viele Eindrücke und Erlebnisse sind auf mich eingeprasselt, das verarbeitet man nicht so schnell. Wie soll das Hirn also bitte jetzt noch checken, dass sein dranhängender Mensch sich gleich auf Galápagos befindet?! Glücksgefühle und tiefe Dankbarkeit überrollen mich wie ein Tsunami, Tränen laufen. Na prima, im Flieger hocken und heulen, ernsthaft? Yepp, genau das. Es schwappt einfach über. Ungefragt. Was raus muss, muss raus. In Freudentränen-Form.

Das sind die Galápagos-Inseln? Ganz schön karg…

Hinzu kommt die Erleichterung, dass bisher alles so reibungslos lief. Hayde, meine neue ecuadorianische Freundin und mein Guide im Wanderbus nach Quilotoa, hat mich gestern über Whatsapp mit Info-Anweisungen zugeschüttet. Für ein souveränes Auftreten am Flughafen. Trug bei mir allerdings eher zur Verunsicherung bei, sollte die Einreise denn so kompliziert sein?

Die Sorgen sind unbegründet. Mit massig zeitlichem Puffer stehe ich um 8:30 Uhr am Flughafen von Guayaquil. Fein, organisier ich mir zuerst die benötigte Immigration Card (gleich den richtigen Schalter nehmen hätte sogar mehrmaliges Anstehen erspart). Für schlappe 25 Dollar gibt’s den Lappen, die offizielle Genehmigung des Government, auf Galápagos einzureisen.

Reisepass, Flugticket, offizielle Betretungserlaubnis, Kaffee – ich bin sowas von bereit!

Mein Gepäck tuckert durch den Bioscanner. Entgegen warnender Unkenrufe, keinerlei Plastiktüten mitzuführen, interessiert mein „illegaler Rucksackinhalt“ keine Socke. Zur besseren Ordnung sind nämlich meine Klamotten in eben diesen Umweltsünden verstaut. Die Schuhe sowieso. Sogar meine Wasserflasche, die ich täglich neu befülle, darf mit. Das Zeug wird nachhaltig genutzt, bis es auseinander fällt. Mein Rucksack wird verplombt.

Auf zum nächsten Schalter, Boardingpass greifen. Dann darf das Handgepäck Karussell fahren. Und die Wanderschuhe, denen ich in Socken durch den Scanner hinterher tippel.

Sensationelles Zeitmanagement! Bis zum Start in 40 Minuten, schlabber ich zufrieden einen Pott leckeren Cappucchino und schmilze im Terminal bei drückenden 27 Grad zu Weihnachtsbeschallung und unterhaltsamer Gesellschaft dahin. Wie es das Schicksal will, hab ich nämlich mal wieder genau die richtigen Leute angesabbelt. Ein sympathisches Paar aus Quebec, mit zwei kleinen Jungs, hat das gleiche Ziel. Nach der Landung auf Baltra und der Fährfahrt nach Santa Cruz, wartet dort ihr Privat-Taxi zum Zentrum Puerto Ayora. Ich passe auch noch mit rein und dürfe mit, versichern sie freundlich. Win-win-Situation für alle, ich zahle 10 Dollar statt 25 und die beiden sparen auch. Nebenbei kommen mir gute Ideen, wie man den Gewinn noch gewinnbringender (hochprozentiger) investieren kann…

Die kleine Maschine von LATAM landet um 12:30 Uhr auf Baltra. Seymour-Sur, wie sich Baltra einst nannte, war im zweiten Weltkrieg ein US-Luftwaffenstützpunkt und besitzt – neben der Insel San Cristóbal – einen Flughafen. Das war’s dann aber auch schon, mehr ist nicht. Ein paar dürre Pflanzen und Leguane und Darwin-Spatzen vielleicht noch. Durch die Zeitverschiebung zwischen Ecuador und den Galápagos-Inseln (die beeindruckende 1.000 Kilometer im Pazifik liegen) gibt’s 1 Stunde mehr aufs Zeitkonto. Die ersten Schritte auf dem angebeteten Boden sind teuer. 100 Dollar berappt man für die Betretungserlaubnis. Darauf bin ich vorbereitet. Auch darauf, dass man die Scheine cash hinblättern muss. Man sollte also ausreichend Bargeld dabei haben.

Geduldig warten wir in der überschaubaren Flughafenhalle, bis alle Gepäckstücke durchgeschnüffelt sind. Das übernehmen zwei Hunde, die nacheinander auf den Rucksäcken und Koffern rumhopsen und ihre Schnute drüberziehen, während Michael Boublé Weihnachtssongs durch die Lautsprecher schmachtet (macht’s bei knapp 30 Grad nicht besser). Gründlich ist man ja hier! Selbst im Flieger werden vor der Landung sämtliche Ablageboxen über unseren Köpfen akribisch mit dubiosem Spray eingeräuchert.

Vor dem Terminal warten bereits Busse auf die gelandeten Gestrandeten. Für 5 Dollar zwingt man jedem Gast ein Ticket auf, dann tuckert der Bus wenige Minuten zur Fähre. Und erneut Zahlemann-und-Söhne. Zum Schnäppchenpreis von 1 Dollar, für einen kurzen Schwenk über den Canal de Itabaca zur gegenüberliegenden Seite von Santa Cruz, der zweitgrößten Insel im Archipel.

Mit der Fähre von Baltra über den Canal de Itabaca nach Santa Cruz

Der Taxifahrer wartet schon. Ich bin spontan offizielles Familienmitglied, wie Eric (Papa Quebec) dem Fahrer meine Erscheinung erklärt. 40 Minuten düsen wir über die Insel zum Hostel meiner neuen Miet-Familie. Von dort aus suche ich zu Fuß meine Unterkunft, die mir Hayde (die hat der ecuadorianische Himmel geschickt) zu einem Freundschaftspreis organisiert hat. Es geht nix über Connections!

Nach ewigem Rumgeirre quer durch Puerto Ayora werde ich endlich fündig. Gar nicht so einfach, wenn der Routenplaner streikt und man kein Wifi hat. Das mit der Internetverbindung ist eh so ’ne Sache auf Galápagos… aber wer braucht schon Internet, mitten im tierischen, landschaftlichen Paradies?! Das Zimmer im Hostel ist ganz ok (drückt man in der Nasszelle die Äuglein etwas großzügiger zu), die Lage ist top, 600 Meter vom Meer entfernt. Rucksack-Inhalt im Zimmer verteilen, Sommersonnengutelaune-Klamotten und Flipflops an und los!

Erste Erkundungen auf Santa Cruz

Santa Cruz hat eine Fläche von 986 km² und kann als touristischer Mittelpunkt der 14 größeren Galápagos-Inseln bezeichnet werden, von denen gerade mal vier bewohnt sind. Die Basis befindet sich rund um die Hafenstadt Puerto Ayora. Hier starten etliche Insel-Exkursionen, die Fähren, tolle Wandertouren, es gibt die Charles Darwin Research Station und kilometerlange, traumhafte Sandstrände.

Viele der Häuser in den Straßen sind farbenfroh und blumenbewachsen
Auch auf Santa Cruz sorgen überall tolle Kunstwerke für ein buntes Straßenbild

Es ist der Wahnsinn und das ist noch weit untertrieben! Ich begreife allmählich, dass ich ja sowas von keine Vorstellung hatte, wie sehr man förmlich in das Naturspektakel involviert wird. Als ich über einen Holzsteg zu den Stufen ans Meer schlendere, bin ich von einer auf die andere Sekunde mittendrin im Entertainment. Überall sitzen rote Klippenkrabben. Während ich verzückt nach meiner Kamera krame, entdecke ich auf dem grauen Stein daneben einen Leguan. EINEN LEGUAN! Mein Blick streift weiter rum, findet einen Reiher. Moment, was hat sich da vor mir im Wasser bewegt? Ich glotze nochmal, ein Seelöwe auf Fischjagd!

Mit grenzdebilem Grinsen hocke ich auf den Stufen und murmele in Endlosschleife „ich werd verrückt, das gibt es nicht, das glaubt mir kein Mensch.“ Überall wimmelt und lebt was. Als ich den Steg verlasse, wartet die nächste Überraschung. Leguane fläzen auf dem Gehweg in der Sonne rum, alle Viere von sich gestreckt. Während ich völlig fasziniert vor ihnen stehe, haben sie für mich maximal einen reglosen, uninteressierten Blick übrig.

Leguane mitten in der Stadt

Gefühlte 150 Fotos später stoße ich auf den kleinen Fischmarkt, an dem auch die Boote anlegen und ihren Fang ausladen. Mitten auf der Bank hat sich ein Seelöwe lang gemacht. Liegt da einfach rum und schnarcht. Mit Abstand setze ich mich neben ihn. Ich bin sprachlos, das hier ist alles so übertrieben unwirklich! Ich weiß nicht, ob ich staunen, vor Freude heulen, vor Begeisterung quietschen, den Atem anhalten oder alles gleichzeitig tun soll.

Erste Seelöwenbegegnung – ich bin schockverliebt

Während ich noch vergeblich auf der Suche meiner Contenance bin, hat ein Fischerboot angelegt. Ein Mann wiegt große Langusten zum Verkauf ab, dazwischen torkelt ein junger Seelöwe und quengelt mit gespreizten Flossen lautstark nach Fisch. Um die Ecke liegen zwei größere Exemplare aneinandergekuschelt und schlafen. Pelikane lauern vom Dach des Bootes, ob auch für sie etwas abfällt. Unterdessen pickt eine Möwe gierig das Fleisch von der Wirbelsäule eines halbierten Thunfisches ab. Das hier ist krasser als jede 3D-Naturdoku auf Großleinwand.

Leguan und Pelikan, Seite an Seite
Lobster fehlt hier auf keiner Speisekarte
Als Mensch fühlt man sich hier wie ein geduldeter Gast in der Tierwelt
Fischmarkt – die Tiere haben keinerlei Scheu. Sie genießen besonderen Schutz.
Er wägt noch seine Chancen ab, sich einen Fisch zu mopsen

Kennt ihr noch die Bücher mit den Wimmelbildern? Als Kind habe ich die geliebt! Man schlägt eine Seite auf und in dem Bild sind hunderte kleine Details versteckt, es wimmelt überall. So ist Santa Cruz. Wohin ich auch blicke, überall wimmelt es vor unterschiedlichen Tiere. Es ist weltklasse!

Abends in Puerto Ayora

Am Abend ziehe ich mit zwei lustigen Kanadiern (Mutter und Sohn) los, die ich ein paar Stunden zuvor im Hostel kennenlernte. In Puerto Ayora gibt es eine Gasse, die abends zur ultimativen Fress-Partymeile umfunktioniert wird. Wo tagsüber Autos fahren, werden bei Einbruch der Dunkelheit zahlreiche Tische und Stühle vor den Lokalen aufgebaut.

Binnen weniger Minuten sind die Tische besetzt

Hier bekommt man grandioses Essen, versichern mir die beiden. Das Touri-Programm schockt mich im ersten Moment. Es ist laut und hektisch. Jeden Meter klebt mir eine andere Speisekarte unter der Nase, man wird regelrecht an die Tische gelabert. Das krasse Gegenteil zu Ecuador. Ich muss jedoch zugeben, es ist ein Anblick, den man nicht alle Tage bekommt. Auf den Auslagen vor den Lokalen wird Meeresgetier in allen Farben, Größen und Varianten angeboten: Lebende Langusten, Fische, Oktopusse. Die beiden suchen sich eine Languste aus und wir setzen uns rein ins Gewusel. Der Tag endet bei köstlichem Essen (mit leckerer Gemüsepasta auch vegetarisch völlig unproblematisch), ein paar Cocktails und viel Gelächter.

Tortuga Bay Santa Cruz – Läufst du noch oder staunst du schon?

Heute Morgen werden endlich mal wieder die Laufschuhe geschnürt. Kombiniere meinen Lauf mit einem Ausflug zur Tortuga Bay. Was ich nicht bedacht habe, Laufen ist auf Galápagos nicht so einfach. Weil ich ständig staunen und gucken muss, bin ich völlig vom Laufen abgelenkt.

Am Eingang der Tortuga Bay registriert man sich standardmäßig erst in einem Verzeichnis. Wie oft habe ich die letzten 3 Wochen meine Reisepassnummer in irgendwelche Listen eingetragen?!

Über Pflastersteine laufe ich durch eine Art Wald, der aus riesigen Kakteen und weißgrauen Bäumen besteht. Sieht sehr bizarr aus. Auch der Geruch ist nicht minder sonderbar, es riecht intensiv nach eingelegten Gurken.

Nach einigen Kilometern endet der Weg direkt am Strand. Samtweicher, fast schneeweißer Sand, dahinter ein türkisfarbener Ozean, gleißende Sonne. Eskalation! Es gibt kein Halten mehr. Ich reiße mir Schuhe und Socken von den Füßen und renne barfuß an einem Naturführer vorbei, der mir lachend „good decision“ hinterher ruft. Oh ja! Es fühlt sich verdammt gut an!

Laufstrecke Deluxe! Lieber Sand in den Laufschuhen als Sand im Getriebe 🙂

Ich komme wieder nicht weit, ein Leguan schwimmt an mir vorbei. Euphorische Foto-Ekstase. Ein paar Meter weiter liegt der ganze Strand voll mit den Urzeitviehchern. Will man weiter, muss man erst an ihnen vorbei. Denen ist das egal. Als Reaktion kommt bloß ein verächtliches Schnauben mit Nasenlochgerotze. Das ist ihr Strand, die Menschen sind gnädig geduldet, soviel ist klar.

Irgendwann endet der Strand in einer Bucht. Badewannenwarmes Wasser. Zwischen planschenden Leuten schwimmen Leguane und Pelikane. Völlig abgefahren.

Blick auf die Badebucht, der Himmel ist – wie häufig – bewölkt

Besuch der Charles Darwin Station

Nach der Tortuga Bay laufe ich zur Charles Darwin Research Station. Sehr praktisch, dass in Puerto Ayora alles dicht zusammenliegt.
Da mich die Tiere in freier Wildbahn einfach mehr faszinieren, haut mich das Forschungszentrum nicht so recht um. Nichts desto trotz gehört der Besuch für mein Empfinden dazu. Der Eintritt ist frei, natürlich muss man sich auch hier zuvor registrieren. Und die „10 goldenen Park-Gebote“ auswendig lernen! Ich werde zurück zur Hinweistafel geschickt und studiere unter den Argusaugen der Kontrollöse die Regeln. Bevor mir Einlass gewährt wird, muss ich ihr die Gebote aufsagen, wie ein Kind sein Gedicht vor dem Weihnachtsmann. Da nimmt jemand seinen Job verdammt ernst! Scheinbar erweise ich mich als würdig. Sie nickt zufrieden und bietet mir für 10 Dollar einen Naturguide an. Ich lehne ab. Wer weiß, was ich singen, tanzen oder performen muss, um dessen Gunst zu erwerben?! Zweieinhalb Stunden bummel ich durch die Anlage. Auf dem Rundweg und in den Ausstellungen gibt es reichlich Infos über das Leben und die Entwicklung der Galápagosschildkröten, den Pflanzen und Charles Darwin. Bis zu seinem Tod im Jahr 2012 lebte hier auch die legendäre Schildkröte „Lonesome George“. Er wurde ca. 100 Jahre alt.

Drusenkopf- oder Landleguan in der Darwin Station Santa Cruz

Haie im Hafen

Abends am Pier geht das Gestaune weiter. Im schummrigen Laternenlicht tingel ich am Hafenbecken entlang, glotze ins Wasser. Heute mittag schwamm hier ein Mantarochen, jetzt entdecke ich einen Babyhai. „Shark!“ ruft jemand neben mir und ein größerer Hai schwimmt vorbei. Keine Seltenheit, denn die Haie kommen regelmäßig zum Schlafen in das flache Hafenbecken.

Morgen früh geht es zur nächsten Insel. Das Ticket ist gekauft (25 Dollar). Um 6:20 Uhr wackelt die Fähre zwei Stunden nach Isabela und glaubt man den Berichten, geht es nicht sehr zimperlich auf dem Kutter zu. Na, da freut sich doch mein seekranker Magen ganz besonders.

Die restlichen Punkte meiner „Santa Cruz To-do-and-will-see Liste“ müssen noch warten. Da mein Flug nach Ecuador ebenfalls von Baltra zurück geht (viele kombinieren die Flüge von den beiden Inseln Baltra und San Cristóbal), werde ich hier die letzten Nächte verbringen.

(Teil 13 folgt)

Was hat euch auf euren Reisen richtig sprachlos gemacht? Welcher Ort hat euch gefangen und fasziniert? Welchen großen Lebenstraum habt ihr euch schon erfüllt? Schreibt doch mal, ich würde gerne von euren magic moments lesen.

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 11: Kalter Cajas Nationalpark, tropische Kakaoplantage, gefährliche „Area 51“ Guayaquil

6. – 7. Dezember 2019

Ein kleiner Abschiedsschmerz piekst mich, als ich mit Wanderbus in der Frühe Cuenca verlasse. Ich hatte Ecuadors Kolonialhauptstadt bereits bei meiner Ankunft sofort ins Herz geschlossen (den Beitrag zum Nachlesen findest du hier). Zeit für Melancholie bleibt keine, neue Erlebnisse stehen bereits in den Startlöchern.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir vorm Eingang des Cajas Nationalparks an. Per Katapult aus der Stadt in die Natur. Kontrastreicher könnte der Morgen gegenüber den letzten Tagen nicht sein. Zwischenzeitlich sind wir auch wieder auf 3.900 Metern. Entsprechend hat sich das Klima verändert. Gestern auf Betriebstemperatur bei 30° Grad, zeichnet sich mein Atem nun als Hauchwölkchen in der kalten Luft ab. Adios Sommer.

Die feuchte Kälte spiegelt sich auch in der Natur wider. Prägten anfangs noch sattgrüne Bäume, Bachläufe und Wasserfälle das Landschaftsbild, hüllt sich nun das Draußen in geheimnisvollen Nebel. Vereinzelt ziehen hübsche Holzhäuser im Wildwest-Style an der Scheibe vorbei. Es fehlen nur noch die Cowboys.

Der Geruch von Holzfeuer hängt in der Luft, als wir aus dem warmen Bus steigen. Er kommt aus dem „Casa Don Guevara“. Der Name könnte nicht treffender sein, lache in mich hinein. Das schreit ja förmlich nach einer Kaffee-Revolution zum Frühstück (Revoluzzer-Hintergründe werden in Teil 9 erklärt).

Laguna Toreadora und der Lebensbaum

Nach dem Frühstück passieren wir die Einfahrt des Cajas Nationalparks. Nächster Halt, die Laguna Toreadora. Brrrr, immer noch frisch… selbst das Kaminfeuer konnte die Morgenkälte im Casa Don Guevara nicht vertreiben. Vor gerade mal zwei Wochen lag hier noch richtig hoch Schnee, erzählte uns der Restaurantbetreiber.

Jacke drüber, Kamera geschnappt und auf zum Aussichtspunkt. Eine grandiose und etwas mystisch-verwunschene Landschaft breitet sich vor uns aus. Dem perfekten Kitsch-Klischee fehlen bloß ein paar kleine Wald-Trolle, die über die Störenfriede fluchen und unter Wurzeln und über Steine wuseln.

Vor der Laguna Toreadora im Cajas Nationalpark

Der Cajas Nationalpark umfasst ein 28.808 Hektar großes Seengebiet. Vor Ewigkeiten gab es hier einen Gletscher. Von dem ist nichts mehr zu sehen. Sogar Camping-Möglichkeiten bieten sich bei der Lagune. Hier kann sich locker mehrere Tage die Füße platt latschen. Etliche Wegweiser schlagen unterschiedliche Wandertouren vor. Mehr Zeit bräuchte man…

Weitläufiges Wandergebiet in geheimnisvoller Landschaft – Cajas Nationalpark

Philippe, unser Guide, weiß viel über den Nationalpark und seinen Pflanzen zu erzählen. Wir stehen vor einem „Tree of Life“, dem Lebensbaum. Den Glauben, der mit ihm verbunden ist, finde ich schön: Die Inkas sagen, fühlt man sich traurig, ausgebrannt oder hat schlechte Gedanken, solle man diesen Baum umarmen. Er sauge alles Negative und sämtliche Blockaden aus dem Körper und gebe gute Energie zurück.

Die „Tree of Life“, Lebensbäume im Cajas Nationalpark

Inmitten dieser atemberaubenden Landschaft ist man durchaus geneigt, an Schamanismus und den Spirit der Natur zu glauben. Ein Kraftort ist dieser definitiv, das lässt sich nicht bestreiten.

Und zum Thema Spirit: Auf unserer Weiterfahrt stoppt uns ein wild gestikulierender Autofahrer. Der Ecuadorianer redet mit der Wanderbus-Crew, deren Augen plötzlich groß werden. Dann bricht Hektik aus. Wir haben während der Fahrt unbemerkt Gepäckstücke verloren!

„Bitte nicht“, murmele ich. Mir wird heiß und kalt, als ich an meinen Rucksack denke, in dem sich unter anderem das Netbook und die Flugtickets für morgen befinden (oder befanden). Der aufmerksame Herr hat unterwegs bereits eine Tasche aufgelesen und gibt sie Philippe zurück. Es handelt sich um seine. Wir checken das Gepäck im Bus. Alle weiteren Taschen sind glücklicherweise noch da. Keine Ahnung was da passiert ist.

Es heißt, in Ecuador sei das Wetter unberechenbarer als die Laune vieler Frauen

Drei Ökosysteme gibt es im Cajas Nationalpark und der angrenzenden Region. Nebelwald, Highlands und tropischen Wald. Wir pfeifen uns heute alle rein! Das Klima und die Temperaturen wechseln schneller, als ich meine Kleidungsstücke. Vom sonnigen Cuenca hinein ins Nass-Kalte, der Nebel rundum wird wieder dichter.

Fahrt durch mehrere Klimazonen und unterschiedliche Landschaften

Je näher wir der Küste kommen, desto schwüler und tropischer wird es. Auch die Landschaft hat sich grundlegend geändert. Endlose Reisfelder, Zuckerrohrplantagen und Shrimps-Bassins ziehen vorbei. Philippe zählt die wichtigsten regionalen Witschaftsgüter auf: Reis, Bananen, Zuckerrohr, Mangos und Kakao. Reis kommt bereits zum Frühstück auf den Teller. Ein super Kohlenhydrate- und Energielieferant für die körperlich anstregende Arbeit der Farmersleute.

Hitze und Schoki – Der ecuadorianische Kakaoplantagen-Himmel

Über eine schmale Holperpiste tuckern wir die letzten Meter zur Kakaoplantage. Die Bäume hängen voller duftender Mangos und Avocados, die Sträucher sind übersät mit Kakaobohnen.

Mangobäume bei der Kakaoplantage

Für mich der letzte Wanderbus-Programmpunkt des gebuchten Tangara-Pass (mehr in Bericht Teil 4), seit ich in Quito startete. Wir werden auf einer Kakaoplantage selbst Schokolade herstellen.

Zwischen rot-gelb gestreiften Kakaobohnen schlagen wir uns durch die Sträucher, während blutlüsterne Mosquitos surrend-sabbernd über die Hautparzellen herfallen, die repellentfrei sind. Philippe pflückt schnell eine reife Frucht, wir flüchten.

Tropische Hitze, hungrige Mosquitos auf der Mango- und Kakaoplantage
Kakaobohne

Zur Schokoladenproduktion wird zunächst die ovale, harte Frucht halbiert. Fluffiges, weißes Fruchtfleisch kommt zum Vorschein. Philippe hält jedem von uns eine halbe Kakaobohne hin, wir pulen uns Stücke raus. Er erklärt, wir sollen das Mark vom Kern ablutschen und diesen ausspucken. Auf keinen Fall draufbeißen, die Kerne wirken toxisch auf den Magen. Allein das süße Fruchtfleisch ist göttlich!

Halbierte Kakobohne mit dem weißen Fruchtfleisch und Schalen der gerösteten Kakaobohnenkerne

Die großen, schwarzen Kerne werden vor ihrer Verarbeitung großflächig in der Sonne ausgelegt und getrocknet.

Zusammen mit einem Mitarbeiter der Plantage, röstet Philippe vollständig getrocknete Kerne in einer Pfanne. Sofort umhüllt uns ein herber Schokoladenduft. Die gerösteten Kerne pellen wir wie Erdnüsse von ihrer Haut, wir probieren erneut. Sie schmecken leicht bitter, extrem aromatisch.

Philippe (links) erklärt den Verarbeitungsprozess der Kakaobohne,
während ein Plantagen-Mitarbeiter Kerne röstet

Als nächstes werden sie in einer Art Fleischwolf von Hand gemahlen. Eine ölig-dunkelbraune Masse quilt zäh aus der Öffnung. Philippe kratzt sie mit einem Messer auf den Teller, den er uns zum probieren hinstreckt. Was dann auf unseren Zungen explodiert, ist der reine Geschmack 100% purer Schokolade. Noch immer bitter, aber unfassbar intensiv. Er stellt einen weiteren Teller mit kleinen braunen Rohrzucker-Stückchen hin, wir mischen sie im Mund mit einem kleinen Klecks Schokopaste. Mir schwinden förmlich die Sinne vor süßer Glückseligkeit! Kaum zu fassen, dass ich noch vor wenigen Jahren mit Schokolade überhaupt nix am Hut hatte.

So wird reine Öko-Schokolade gemacht

„Und jetzt bekommt ihr einen Kakao, den ihr niemals in eurem Leben vergessen werdet!“, kündigt Philippe an. Auf dem Herd kocht bereits ein Topf mit heißem Wasser. Unser Schoko-Gott kippt den restlichen Rohrzucker und frische Stängel Zitronengras hinein. Mit Blick in unsere ungläubigen Gesichter versichert er, „Vertraut mir“, bevor er die gute Schokomasse in das sprudelnde Wasser gibt.

Auf dem Weg in den ultimativen Schokoladen-Himmel

Jeder bekommt einen kleinen Becher. Ich halte mir den heißen Trunk unter die Nase, schnuppere. Wenn es nur halb so gut schmeckt, wie es riecht… Gaumen-Vorfreude-Eskalation! Die Geschmacksknospen katapultiert’s binnen Sekundenbruchteilen in die absolute Kakao-Ekstase. „Damit bekommst du bei nem Date wirklich alles und jede rum“, sabbere ich Philippe seelig voll. Den Kakao-Kollegen kratz ich wegen eines Jobs auf der Plantage an. Der strahlt und nickt.

Der kulinarische Gipfel endet beim Mittagessen. Umringt von Mangobäumen, Kakaosträuchern und allerlei Grünzeug. An einem hübsch gedeckten Tisch werden wir mit köstlichstem Essen verwöhnt. Am Nachbartisch sitzt der Plantagen-Boss, den ich so kurzerhand kennenlerne. Erfreut stelle ich fest, dass er meine ungefilterte Begeisterung anerkennt. Ihm wurde auch meine Jobanfrage zugetragen. Als wir gehen, werde ich exklusiv mit Küßchen links, Küßchen rechts von ihm verabschiedet. Ich bekomme die mündliche Zusage und eine Visitenkarte in die Hand gedrückt. Breche fast ab vor Lachen.

Mal schnell die Fakten durchgehirnt: Geiles Wetter, Schokolade im Überfluss, Hängematten hat’s hier auch, arbeiten und futtern in der Natur – okay, es drohen Gewichtsprobleme (auch wenn Philippe schwört, von der reinen Schokolade nehme man nicht zu) und die Mosquitos sind nervig, ach fuck it! Zeit für Veränderung! Zeit, beruflich Prioritäten zu setzen! Bevor sich Wanderbus in Bewegung setzt, rufe ich: „Ich fang dann Montag in drei Wochen an!“ Erst mal fertig reisen. Hoffentlich haben die auch guten Kaffee…

Schlemmen und schokoschwelgen inmitten der Natur

Guayaquil und die Area 51

Noch zweieinhalb Stunden Fahrt bis Guayaquil, mein Wanderbus–Ende. Dann wird sich wieder alleine durchgeschlagen. Am Flughafen verabschiede ich mich von der Truppe. Einige kenne ich bereits seit mehreren Etappen. Darunter ein ganz goldiges, älteres Ehepaar aus der Schweiz. Wir drücken uns zum Abschied. Sie fahren heute noch nach Montañita weiter. Philippe organisiert mir ein Taxi und sagt dem Fahrer wo ich hin muss. 15 Minuten mit dem Taxi durch die typisch vollgestopften innerstädtischen Straßen, dann stehe ich dem festungsähnlich abgeschotteten Hostel. Über Booking.com hatte ich tags zuvor ein Zimmer reserviert.

Nach dem Einchecken ist noch reichlich Abend übrig, den ich ungern im Zimmer abhocken mag. Draußen vor der Tür tobt allerdings der Mob, das hört man sogar drinnen. An der Rezeption des Jeshua Inn frage ich nach einem nahegelegenen Supermarkt und erkundige mich allgemein nach der Situation hier, als Alleinreisende. Der freundliche Herr zückt einen Stadtplan und kritzelt munter drauflos. Er markiert zwei Hauptstraßen mit gelbem Textmarker. Rechts und links davon kreuzt er die Straßenblöcke großzügig aus. Die zwei Straßen sind sicher, überall sonst habe ich nix verloren, zu gefährlich. Quasi die „Area 51“ im Molloch Guayaquil. Zum Supermarkt kann ich problemlos laufen, versichert er mir. Sofern ich vor Einbruch der Dämmerung zurück bin.

Keine Fotos von Guayaquil, aber vom Survival-Masterplan der „Area 51“

Na prima, geht doch nichts über gute Vibes und ein Wohlfühl-Gefühl! Immerhin ist das Hostel sauber und ganz angenehm. Ist ja nur für eine Nacht. Irgendwie ist das kein Ort, an dem man sein möchte, denke ich, während ich meine Laufschuhe wieder zur wegpacke…

Der Eindruck verstärkt sich, als ich die „Danger Zone“ vor der Tür betrete. Willkommen in der 2,8 Millionen Einwohner Hafenstadt.

Es ist subtropisch warm (yippieh).
Es ist UNFASSBAR voll mit Autos und Abgasen (röchel).
Es ist mega hektisch (würden mich die Area 51-Aliens freundlicherweise zurück in den Dschungel oder zur Kakaoplantage beamen?!)
Es ist laut (Autofahrer hupen sich ins Nirwana, Sirenen heulen, Motoren dröhnen). Es ist… gefährlich…

Zum Glück finde ich den Supermarkt sofort. Besorge mir eine Kleinigkeit zum futtern und gehe nicht über LOS, ziehe keine 4.000 DM ein, sondern begebe mich direkt in das Gefäng- ääääh ins Hostel. Die Stadt killt meinen Kopf, der ordentlich wummert. Wen wundert’s, nach 3 Klimazonen mit heftigen Temperaturschwankungen innerhalb eines Tages.

Dafür macht sich freudige Aufregregung in mir breit. Morgen geht der Flieger nach Galapagos, ich kann es einfach nicht glauben! Muss bloß die Nacht überleben. War das grad ein Schuss da draußen?! Hoffentlich ist meine Schlafzimmerwand kugelsicher 🤨

Mit Wanderbus in Etappen von Quito nach Guayaquil, für mich definitiv die beste Entscheidung!

(Teil 12 folgt, fliegt mit mir auf die Galapagos-Inseln!)

In welchen Städten habt ihr euch auf euren Reisen unsicher gefühlt? Was war die vermeintlich gefährlichste Stadt, in der ihr je wart? Seid ihr schon einmal in eine blöde Situation geraten, in der ihr euch richtig unwohl gefühlt hatbt? Ich bin an euren Erfahrungen oder auch Tipps interessiert.

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 10: Cuenca – Zauber einer Stadt

3. – 6. Dezember 2019

Charismatisch, zauberhaft! Das ist der erste Eindruck von Cuenca.

Schon bei der Ankunft am gestrigen Abend blieb mir die Spucke weg. Cuenca ist nicht nur im Dunkeln eine Schönheit, sondern auch bei Tag überdurchschnittlich vorzeigbar!

Wie schon im vorherigen Blogbeitrag angekündigt, ich habe eine Mission! Die ich ernst nehme. Heute früh allerdings erfolglos. Das ansprechende Café, in dem ich vorfreudig Cappuccino orderte, servierte süße Milch (trotz Verneinung auf die Zucker-Frage) mit Instantpulver drin. Geschmackliche Verschlimmerung des sonstigen Pseudo-Kaffees. Wie soll meine Revolution funktionieren, wenn der Kaffeevollautomaten-Köder hinter der Theke auslegt wird, der dann nur zu Ausstellungszwecken dient?!

Aber der hat Tag Potenzial. Ein freundlicher Gastro-Al Capone mit Sombrero bringt mir zu rhythmischen Salsa-Klängen ein Joghurtschälchen an frischen Erdbeeren, Papaya- und Bananenstücken. Das relativiert die Instant-Irritation auf der Zunge.

Mercado 9 de Octubre – Bälleparadies für Frischfruchtfanatiker

Im Tourismusbüro werde ich mit einem Straßenplan ausgestattet und auf die Stadt losgelassen. Ich liebe einheimische Märkte und so führt mein erster Weg zum Mercado 9 de Octubre. Eine weiße Markthalle lässt auf 3 Ebenen das Herz aller Obst-, Gemüse- und Schlemmerfreunde höher schlagen!

Markthalle Mercado 9 de Octubre mit Weihnachtsmarktständen davor

Im Untergeschoss türmen sich allerlei Frischfleischberge. Lockend werden mir Hühnchenenstücke entgegenstreckt, ich flüchte ins obere Stockwerk. Dort wird garküchenmäßig gebrutzelt und direkt vor den Töpfen gespeist. Die Gemüse- und Früchte-Vielfalt im Erdgeschoss ist gigantisch. In der Luft hängen unbeschreibliche Duft-Aromen.

Obst und Gemüse soweit das Auge blickt
Auf einer Etage werden Fleischmassen in allen Variationen angeboten
Einkaufsplatz und Zusammenkommen der Einheimischen

Trotz des erst kürzlichen Frühstücks kann ich mich dem Saft-Lockruf nicht entziehen. Meine Wahl fällt auf eine mega schmackhafte (zuckerfreie) Kokosnuss-Erdbeer-Kombination.

Flätze mich auf die Stufen vor der Halle, tunke die Nase in die Sonne und genieße meinen Vitamin-Kick. Zwei freundliche Polizisten bleiben stehen und erkundigen sich interessiert nach mir und meiner Reise. Sie raten, meinen Rucksack im Auge zu behalten, es gäbe immer mal Leute die stehlen. Ich danke ihnen und mahne mich selbst, aufmerksam zu bleiben. Im Gegensatz zu Quito fühle ich mich hier super sicher. Das macht leichtsinniger. Kein Mensch trägt in Cuenca seine Tasche vor der Brust. Nie zuvor habe ich irgendwo Tag und Nacht solch ein Polizei-Aufgebot gesehen. Wachmänner vor Einkaufsmärkten, Banken, an allen größeren Plätzen, Parks und sind mit Motor- und Fahrrrädern in den Straßen präsent. Vielleicht herrscht hier auch deswegen solch eine entspannte Atmosphäre.

Während die Äquator-Turbosonne weiter auf mich brutzelt, dudelt von den Ständen hinter mir (die vollgestopft sind mit Lametta, Krippenfiguren und Nikolausmützen) Weihnachtsbeschallung. Irgendein kokelndes Trockengestrüpp verströmt strengen Weihrauchgestank über den Platz. Ich türme zum Kunsthandwerker-Markt am Plaza Sangurima (Plaza Rotary): Holzmöbel, Korbgeflecht, Edelstahlkram wie Siebe und Kochutensilien, buntes Häkelzeug. Die Temperaturen in den Straßen fühlen sich inzwischen nach Hochsommer an.

Quadratische Stadt, die einen Vogel, äh Kuckuck hat

Orientierung in Cuenca, ein Thema für sich! Normalerweise finde ich mich in Städten echt gut zurecht. Hier verlaufe ich mich konsequent permanent! Dabei ist Cuenca ähnlich angeordnet wie das heimische Mannheim, nur halt in schöner. Alles ist in quadratischen Blöcken aufgebaut. Gut, in Mannheim haben die Straßen einfach Buchstaben und Zahlen statt Namen. Aber es kann doch nicht so schwer sein?!

Ecuadors Kolonialhauptstadt in den Südanden liegt auf 2.560 Metern und hat rund 330.0000 Einwohner. UNESCO-Weltkulturerbe. Für Besucher hält sie reichlich Programmpunkte parat. Selbst ich – alles andere als ein Stadtmensch – fühle mich hier pudelwohl. Es ist die Mischung, die ich so mag. Man ist mittendrin im Stadtleben (welches hier völlig stressfrei ist) und hat dennoch viel Grün rundum. Nur rund eine Stunde entfernt liegt der Cajas-Nationalpark. Die Stadt hat einige Parks, im Parque de la Madre gibt es sogar eine extra Laufstrecke.

Dreh- und Angelpunkt ist der Parque Abdón Calderón. Hier ist zugleich der Sammelpunkt von Wanderbus. Um dem Park steht die imposante Catedral de la Inmaculada Concepción (die Neue Kathedrale), mit ihren himmelblauen Kuppen. 105 Meter hoch und bei Dunkelheit grandios illuminiert. Gegenüber liegt die alte Kathedrale, jetzt ein Museum, auch hübsch.

Die blauen Kuppeln der Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis (Neue Kathedrale) leuchten in der Dunkelheit
Nachtleben am Parque Calderon und der Kathedrale Inmaculada Concepción

Die Stadt hat Flair, ohne Zweifel. Neben thronähnlichen Vorrichtungen, auf denen stets jemand sitzt, sich die Schuhe putzen zu lassen, befinden sich Elektromärkte, Einkaufsläden, kleine Restaurants, Cafés, Kathedralen und Verwaltungsgebäude. Cuenca ist lebendig und quirlig.

Vielfältigkeit und bunte Gebäude prägen das Stadtbild

Die Kuckuck-Geräusche, die manche Ampelanlagen bei ihrer Grünphase machen, bringen mich zum schmunzeln.

Außerdem trägt meine Revolution erste Früchte! Ich finde wahrhaftigen, guten Kaffee! In einem kleinen, putzigen Café, mit hervorragendem Equipment. Diesmal zeige ich vor meiner Bestellung auf das Gerät und frage, ob der Kaffee auch wirklich da rauskommt. Ein grinsendes Nicken. Her mit dem großen Cappuccino! Beim Abschied drohe ich, morgen wieder zu kommen!

Revoluzzen und Reise planen! Endlich köstlicher Kaffee! Und einen netten Plausch gab es auch dazu.

Cuenca’s Wandkunst übertrumpft alles Bisherige! Die Speicherkarte füllt sich ruck zuck mit eindrucksvollen Graffiti-Fotos. Die wären ein eigener Blogbeitrag wert…

Streetart trifft auf Kultur und zeigt hier die traditionelle Maske Aya Huma

Läuft man vom Zentrum zum Rio Tomebamba, wird es umgehend grüner. Der Fluss teilt die Stadt in 2 Hälften. Hier führt sogar ein Radweg vorbei. Damit habe ich in Südamerika irgendwie nicht gerechnet. Und auch am Stadtrand findet sich ein tolles Café neben dem anderen! Geht doch, amigos.

Am Rande der Altstadt lädt das grüne Ufer des Rio Tomebamba zum Verweilen ein
Perspektivenwechsel; Der Radweg führt entlang bunter Graffity am Rio Tomebamba

Zum Nachmittag ziehen dunkle Wolken und Wind auf. Ideal für Kulturprogramm. Im Museo del Sombrero wird die Herstellung der original Panamahüte vorgeführt. Die kommen nämlich nicht aus Panama sondern aus Cuenca. Es gibt sogar knuffige Mini-Sombreros, nur wenige Zentimeter groß.

Sombrero-Museum: Hüte in allen Größen, Formen und Farben
Die original Panama-Hüte werden in Cuenca gefertigt

Beim Gang durch die Straßen bleibe ich an der Fensterfront eines kleinen Ateliers kleben. Man bittet mich freundlich, doch einzutreten. Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen. Begeistert darf ich zwei Künstlern beim Malen über die Schulter schauen.

Derart inspiriert schlendere ich in die Kunstausstellung Manuel Augustin Landivar. Ui ist das bunt, einige schöne Exponate dabei. Allerlei Galapagos-Getier wurde farbenfroh auf Leinwand und als Kunstwerk kreiert.

Kunstausstellung Manuel Augustin Landivar mit Galapagos-Echsen

Die Besichtigungstour endet im Museum Pumapungo. Einem weitläufigen Gebäude mit 3 Stockwerken und großer Außenanlage. Die Anlage verfügt über einen botanischen Garten, Inka-Ruinenreste und Lamas. Im Museum liegt, für mich Kulturbanause, viel langweiliges Zeugs, wie alte Münzen, getöpferte historische Schüsseln und Kannen. Aber eine Etage, die sich sehr anschaulich mit der Ethnologie beschäftigt, interessiert mich sehr. So läuft man anschaulich durch einen nachgebauten Urwald, durch spartanische Inka-Hütten, sieht Schrumpfköpfe, Schamanenzeug und erfährt vieles über die Rituale.

Ein kleiner Teil der Außenanlage des Museum Pumapungo (innen waren leider keine Aufnahmen erlaubt)

Bis zum Abend bin ich 20 Kilometer gelatscht. Einige Strecken zwangsläufig wegen Orientierungslosigkeit mehrmals.

To Do-Liste: Das süße Nichtstun genießen

Bereits beim Aufstehen wird klar, heute komm ich nicht aus dem Chillmodus. Eigentlich ging ich davon aus, am zweiten Tag Stadt-überdrüssig zu sein. Daher war der Plan, zum Wandern in den Cajas Nationalpark zu fahren. Nun ist mir die einstündige Gurkerei mit einem Public Bus in die Kälte viel zu mühsam. Lieber durch Cuenca tingeln, Cappuccino schnabulieren, lesen und bei 30°c Wohlfühltemperatur den Kadaver in der Sonne auslüften. Muss eben der morgige Abstecher auf der Wanderbus-Durchreise ausreichen. Pläne sind ja dazu da, sie flexibel über’n Haufen zu werfen. Ein weiterer Faktor, den ich bei dieser Art zu reisen so ungemein schätze.

Selbstverständlich startet der angebrochene Pausentag damit, die Richterskala der Kaffee-(Mess)-Latte neu zu justieren. Danach muss ich unbedingt zum Rathaus und meinen Zweitwohnsitz hier anmelden!

Viele Cafés in Cuenca sind gemütlich uns stylisch
Einladung zum Kaffeetrinken, immer willkommen!

Der ausgiebigen Schmöker- und Kaffeezeremonie schließt sich ein Besuch des coolen Hippie-Marktes, gegenüber meines Hostels, an. Rumschlunzen bis zum späten Mittag, das braucht’s auch mal. Dann werde ich unverhofft aktiv. Muss zum Turi-View-Point! Jetzt! Busfahren ist aber wieder viel zu mühsam, Google verkündet 5 Kilometer Entfernung. Kann man latschen.

Wenn der Touri zum Turi-View latscht

Kurzfassung: Es waren 7 ziemlich öde Kilometer, fast ausschließlich an Hauptstraßen, gegen Ende steil ansteigend (bei einem Aussichtspunkt logisch und naheliegend) und nicht sehr lohnend. Wie üblich zog sich am Nachmittag der Himmel zu, es dröpselte. Zum Glück blieb der befürchtete Starkregen aus. Wäre für die Kamera blöd geworden, ohne Unterstand weit und breit.

Unterwegs zum Turi-View, eintönige Latscherei an der Hauptstraße

Der Turi-View, hmmm… habe schon von deutlich beeindruckenderen Plattformen ge-aussichtet. Man hat einen weiten Panoramablick über die Stadt, mich spricht es irgendwie nicht an. Finde es übertrieben touristisch. Schicki-micki Resorts mit Pools, zu viele Selfistangenstrecker mit zu affigen Posen, zu viele Reisebusse. Nix wie weg hier. Ich misstraue dem Wetter und fahre mit dem Taxi bis zum Parque de la Madre zurück.

Ausblick vom Turi-View

Auf dem Heimweg bleibe ich im Café Wunderbar hängen, eine Empfehlung des Reiseführers. Was soll ich sagen? Der Name ist Programm.

Und soll ich euch noch was sagen? Zur Feier des heutigen Rumschlunz-Tages gibt’s ein Getränk aus der Karte der hochprozentigen Verlockungen. So auf fast leeren Magen zieht das Gesöff einem / mir aber gepflegt die Schuhe aus! Dennoch furchtbar schmackhaft, schlabber.

Gedanklich stoße ich auf meine Freunde zuhause an. Das hier geht auf Euch da draußen in der kalten Ferne!

Am Rande der Altstadt, am Rio Tomebamba auf der rechten Seite – Café Wunderbar

Also Café Wunderbar kann ich nur empfehlen, richtig schöne Location mit super Lage, am Rande der Altstadt am Rio Tomebamba. Eine weitere kulinarische Empfehlung: Wenn ihr die Chance habt, probiert Yuccabrötchen. In den Genuss kam ich erstmals beim Dschungelabenteuer (hier geht’s zum Blog-Bericht). Da haben wir aus Yucca-Wurzeln Brot hergestellt. In Cuenca finde ich zufällig einen Laden, der mini Yucca-Brötchen verkauft. Sie werden sogar warm gemacht. Ich liebe die Dinger, ganz ohne Klimbim, nix drauf. Köstlich!

Am Abend drehe ich eine lange Abschiedsrunde durch die Stadt. Ich kann mich an den erhabenen Bauten und der wunderschönen Beleuchtung einfach nicht satt sehen.

Imposant – Edificio de piedra de oficiales
Im Innenhof der Neuen Kathedrale
befinden sich hübsche Bars und Cafés
Kirche San Alfonso

Hinter den Fenstern vieler Wohnhäuser stehen bereits geschmückte Weihnachtsbäume. Zudem ist wirklich immer und überall was geboten, selbst unter der Woche. Auch vor der Alten Kathedrale wird gefeiert. Aus Lautsprechern schallen folkloristische Klänge und in Trachten gekleidete Paare legen feurige Tänze auf die Pflastersteine.

In Cuenca herrscht stets eine ausgelassene Stimmung und es wird viel gefeiert

Der Abschied von Cuenca fällt schwer. Die Stadt hat mein Herz erobert.

Die kommende Nacht wird wieder kurz, um 6:45 Uhr fährt der Wanderbus. Die letzte Etappe steht bevor. Danach geht es in die Lüfte und in ein ganz neues Abenteuer…

Ich gebe mir selbst ein Versprechen: Kehre ich irgendwann nach Ecuador zurück, dann auf jeden Fall auch nach Cuenca.

(Teil 11 folgt)

Seid ihr auch in eine Stadt schockverliebt? In welche und warum gerade in diese Stadt? Was macht für euch ihr Zauber aus? Und wo sollte man eurer Meinung nach auf alle Fälle einmal gewesen sein? Teilt eure Empfehlungen gerne mit mir.

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 9: Kaffee-Revoluzzer, Mordlustige Lagune und Teufelsfahrt zur Teufelsnase

3. Dezember 2019

Buenos dias und adios Riobamba. Zum Abschied einen Morgenkaffee, bevor Wanderbus ein- und ich mit ihm abtrudel. Das sensationelle Café, in dem ich gestern Glück fand, zu. Es wär ja auch einfach zu schön gewesen…

Dann eben traditionell zum bekannten Saft- und Mampfladen. Da weiß man wenigstens, was Koffeein-Grottiges serviert wird, ha! Neben die erwartete Tasse heiße Milch wird eine große Dose Instantpulver (offensichtlich wurde meine Not erkannt), mit dem vielversprechenden Slogan „Cafe Buendia“, gestellt. Hoffentlich ist der Name Programm! Der Körper schluchzt auf.

Instant-Kaffee: Hartes Los für Menschen, in deren Venen Koffeein fließt…

Südamerika, das Land der minimierten Kaffeefrohlockung, schade eigentlich. Hätte ja gern importiert. Aber ich werde die Hoffnung nicht aufgeben! REVOLUTION! Viva el Kaffeebohne! Herausforderung angenommen. Ernenne mich fortan zum Che Guevara der unterdrückten Kaffeejunkies! Was zählt, ist die Mission!

Ecuadors erste Kirche

Der Wanderbus kommt, pünktlich und zuverlässig wie immer. Unser erster Stop der heutigen, sehr langen Reiseetappe ist Balbanera im Kanton Colta. Kurze Besichtigung der ersten Kirche (15. August 1534), die es in Ecuador gab. Sakrales Gedudel schallt uns entgegen. Aus Angst, beim Betreten zu Staub zu zerfallen, spähe ich vorsichtig ins Innere. Schicke, rustikale Holzdecke. Ansonsten, tja, ne kleine Kirche eben. Nicht so mein Ding, verkommenes Heidekind. Buddhistische Tempel lassen mich hingegen bedeutend mehr ausflippen.

Wanderbus vor Ecuadors erster Kirche

Die Stände mit den ach so hübschen Alpaka-Schals auf dem Parkplatz finden größeres Interesse. Ich handele den Preis runter (auf Spanisch) wie ein Marktweib auf Umschulungsmaßnahme. Meisterleistung! 1 Dollar gespart. Feilschen gehört nicht zu meinen bestechendsten Eigenschaften.

Wanderbus-Guide José zeigt auf quietschbunte Häkelmasken und erklärt ihre Tradition. Die sogenannte „Aya Huma“ hat hinten und vorne jeweils ein Gesicht, eines für die Vergangenheit, eines für die Zukunft. 12 Woll-Dödel stellen Haare dar, die für die Monate und die 12 Götter der Region Balbanera’s stehen.

Die traditionelle quietschbunte Aya Huma

Auf der Straßenseite gegenüber drehen aufgespießte Cuys (Meerschweinchen) Runden im Grillkarussel. José schwärmt mit hungrigem Blick, sie seien seeehr lecker. Ich bevorzuge sie lebend, ziehe ich den Veggie-Spaßbremsenjoker.

Landestypische Delikatesse, gegrillte Cuys (Meerschweinchen)

Unser Kamikazefahrer (sollte ich in Ecuador sterben, dann im Straßenverkehr -> Überlebensbericht Teil 1) brettert weiter durch Santiago de Quito, ein früheres Inka-Dorf. Hier leben etliche indigene Völker und betreiben großflächig Landwirtschaft. Ihre wichtigsten Anbau-Produkte sind Mais, Kartoffeln, Quinoa und Knoblauch.

Die hungrige Laguna Ozogoche im Sangay National Park

Die Fahrt ist brechreizfördernd. Hoffentlich wird Wanderbus nicht zum Kübelbus. Dafür kommen die Augen voll auf ihre Kosten. Die Landschaft ist wunderschön, unendliche Weiten erstrecken sich hinter der Fensterscheibe.

Unterwegs in der Einsamkeit

Wir holpern über eine sandige Schotterpiste im Sangay National Park. Durch den sonnendurchfluteten Bus wabert ein stickiger Staubschleier, den wir unweigerlich einatmen. Vor uns öffnet sich ein Tal mit zwei tollen Seen. Ich bin geflasht.

Die Lagunen im Sangay National Park

Kurze Pause für Fotos, dann fahren wir das letzte Stück zum „Restaurant“, wie José verkündet. Das Gemäuer sieht allerdings sehr verlassen aus. Im Gras hockt ein kleines Mädchen mit pinkfarbenem Poncho, rosa Käppchen und lila Gummistiefeln. Dreckverschnuddelt hält sie eine Tüte Chips in der Hand, während ein Welpe versucht, einen Happen zu ergattern. Verschüchtert blicken ihre dunklen Kulleraugen die vor ihr stehende Touri-Truppe an. Die Gastgeberin tritt mit einem Tablett aus der Hütte. Sie serviert uns heißen, aromatischem Tee aus „Sunfo“, einer endemischen kleinen roten Blume. Hilfreich bei Höhenkrankheit. Wir sind wieder auf 3.800 Metern. Vielleicht hilft Sunfo ja auch gegen Busfahrt-Magenschleudertrauma.

Bevor wir zum Mittagessen in wieder hier einkehren, steht eine Wanderung durch den Nationalpark an. Bewegung, Yippieh!
Eine gute Stunde laufen wir durch die braun-grüne Steppenlandschaft zur Lagune Ozogoche und zurück. Ein einfacher Pfad, über idyllische kleine Holzbrücken, durch Matschtümpel und Weideland zum Seeufer. Die Höhe macht sich bemerkbar.

José weiht uns in das düstere Geheimnis der Laguna Ozogoche ein. Der Name bedeutet in Quichua soviel wie „hungrig nach Fleisch.“ Einmal im Jahr fliegen unzählige Vögel in den See hinein und sterben, erklärt er weiter. Das ist keine Legende, sondern unheimliche Realität. Keiner kennt den Grund. Die Einheimischen zelebrieren diese eine bestimmte Woche im Jahr, da ist Party angesagt. Ozogoche, die nicht vegetarische Lagune, ist ne mörderkrasse Plörre!

Ein aufschlußreiche Wandertour. José bricht Seegras von einer Art Schilf ab und hält mir den Halm warnend hin. Rasiermesserscharf. Die Völker verwenden die Halme, um bei Geburten damit die Nabelschnur durchzuschneiden. Faszinierend. Jeder weitere Tag in Ecuador macht survival-tauglicher!

Zudem ist es traumhaft schön hier. „Sieht aus wie im Auenland, bloß die Hobbits fehlen“, grinse ich José an. Er kontert schlagfertig: „Oh, es gibt hier Hobbits, aber die tragen Ponchos.“ Grüble über seine Worte nach, mit dem Resultat, dass er hier der einzige Lockenkopf ist. Die Tatsache, dass er unentwegt am futtern ist, festigt meine unausgesprochene These über den Tag hinweg. Vielleicht erwische ich ihn noch barfuß…

13 Uhr, zurück am „Restaurant“. Zeit für Lunch. In meinem Fall Frühstück (am Morgen wurde der Körper bloß mit Pseudo-Kaffee abgespeist und einem vorzüglichen Tree-Tomato-Cocos-Saft). Im Fall des Hobbits vermutlich das einhundertelfzigste Frühstück. In dem Gemäuer hat man ein paar Tische bunt für uns eingedeckt.

Zum Glück ist das Essen fleischloser als die Lagune und erstaunlicherweise ist nix davon in Fett gebraten oder frittiert. Es gibt gekochte Maiskolben, Riesenbohnen (gepimpt mit einer pikanten Soße aus der vielseitigen Tree-Tomato, Limone und Zwiebel) und köstliche Kartoffelsuppe mit einem Spalt Avocado. Wärmender Sunfo-Tee rundet unser Menü ab.

Teuflische Fahrt zur Teufelsnase

Die Weiterfahrt nach Alausi wird als sehr serpentinenreich angekündigt. Bingo! Mit gefülltem Bauch, Doppelbingo! Die Prognose lautet: Zwei Fahrstunden Brechbus, wenn es (wie fast immer) sehr neblig ist und schwupps, schon sieht man keine 30 Meter mehr aus dem Fenster. Das Blister mit den Kotztabletten bohrt sich in meine Hand.

Deutlich schneller als angekündigt erreichen wir Alausi. Was jedoch nicht daran lag, dass der Nebel verschwand. Das tat er nämlich nicht! Allerdings ist der Teufel kein Eichhörnchen, sondern Busfahrer. Unser Chauffeur aus der Führerschein-Vorhölle muss mit dem Taxi-Sensenmann aus Quito verwandt sein (erneuter Verweis auf den Überlebensbericht Teil 1 und die dort deklarierten Spezial-Verkehrsregeln). Meine Gebete für erhöhtes Nebelaufkommen IM Bus wurden ignoriert. Dafür gab es uneingeschränkten Freiblick zum Fahrerfenster. Alles, was sich dahinter bzw. davor abspielte, ließ sich lediglich erahnen, nein, befürchten. Sicherheitsabstand?! Völlig überbewertet! Höllen-Bus überholte auch rigoros LKW’s in Kurven! Teufelsfahrt zur Teufelsnase! Nur, dass ich dies fatalerweise ausschließlich auf die abenteuerliche Holzzug-Fahrt über die legendäre Nariz del Diablo (Teufelsnase) bezogen hatte. Die brauch ich nach dem Verkehrs-Exorzismus wahrlich nicht mehr.

Im Bahnhof von Alausi

40 Minuten Alausi-Aufenthalt. Zeit, kurz den Boden zu küssen und sich flott umzusehen. Mit einem Koffeeinjunkie-Komplizen unserer Truppe investiere ich in Kaffee, statt Souvenirs, frisch vor unseren Augen aufgebrüht! Kein Instantpulver. Dieser Duft! Will gerne euphorischen Ausdruckstanz auf der Theke machen.

Auch in Alausi werden massenweise Alpaka-Waren angeboten

Cuenca – wir leben noch

Heute haben wir ordentlich Strecke durch Ecuador gemacht. Und es überlebt! Die heutigen Busstunden werde ich in einigen Therapiestunden aufarbeiten müssen. Vielleicht trinke ich besser einfach zwei, drei Schirmchengetränke mehr, das könnte auch helfen.

Man lernt ja nie aus und heute habe ich gelernt, dass Coke Zero in den Nasenlöchern nicht sooo geil is. Von Baileys und Eierlikör wusste ich das ja bereits.
Der Bus-Besessene hatte vor einem beachtlichen Hubbel mal gepflegt das Gaspedal durchgetreten. Da ich ja eh kaum hinsehen konnte, war ich darauf nicht vorbereitet und habe mir einen kräftigen Schwupps frontal in den Riechkolben katapultiert. Fazit meiner Knoff-Hoff-Show: Wenn man unbedingt diverse Getränke über die Nasenscheidewand filtern mag, dann sind kohlensäurearme vorzuziehen. Hochprozentige sowieso.

Der Fahrer hat seinen Stil konsequent durchgezogen. Starkregen, dichter Nebel, viel Verkehr, alles kein Grund mit 120 km/h rumzutrödeln. Generell wird gerne mit Lichthupe hinterm Vordermann geklebt, während bei Dämmerung oder Nebel das Licht eher auszuschalten ist. Blendet ja auch ungemein.

Egal, wir sind in Cuenca, es nieselt. Das wenige was ich von der Stadt gesehen habe – wobei, hatte mich ’ne knappe Stunde verirrt und daher doch schon einiges gesehen – ist übelst schick! Prunkvolle Kolonialbauten und alles gigantisch beleuchtet.

Auch ein Hostel war prompt gefunden. Habe mich kurzerhand dort einquartiert, wo der Hobbit nächtigt. José, ich meine José! Quasi Locals-Know-how genutzt. Die Unterkunft Casa Latina ist ein altes, charismatisches Kolonialhaus. Hohe Decken, ächzende Treppenstufen, uralte Holzdielen. Ich spüre die knarzenden Schritte von draußen, wenn ich im Bett liege. Für die nächsten 3 Nächte wohne ich in einem unfassbar günstigen Zimmer mit 3 Betten und eigener kleiner Nasszelle.

Morgen wird erst einmal die Stadt erkundet. Und nicht zu vergessen, es gilt auch noch eine Mission zu erfüllen!

(Teil 10 folgt)

Habt ihr auch schon solche Horrorfahrten erlebt? Kämpft ihr mit Reisekrankheit oder seid ihr völlig gechillt, egal wie schlecht die Straßen,wie rau die See ist? Reist ihr lieber mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit Mietwagen? Wie bereist ihr ein Land? Erzählt doch mal 🙂

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 8: Caramba in Riobamba und höhenkrank am Chimborazo

30. November – 3. Dezember 2019

Der Dschungel hat mich verbabbt ausgespuckt (Bericht Teil 7). Seit Mitternacht bin ich zurück in Baños.

Die Rückfahrt war speziell… Nach der tropischen Dschungelhitze kämpfte der Körper mit der Kühlschrankkälte im Bus. Unterwegs stoppte uns das Militär. Alle mussten aussteigen (draußen wieder 30°C) und Ausweise bzw. Reisepässe abgeben. Selbst ich gelassenes Wesen werde sehr schnell unentspannt, wenn man mir meinen Reisepass wegnimmt. Das Handgepäck wurde gefilzt, dann wurden wir glücklicherweise recht zügig und sehr freundlich wieder entlassen. Uff…

Die folgenden 9 Stunden im Bus sind alles andere als vergnügungssteuerpflichtig! Die Kiste schaukelt über Hubbelpisten, der Fernseher vorne plärrt Boxfilme (in spanisch) durch die Nacht und zwei Kinder haben es sich zur Mission gemacht, abwechselnd mit lautem Geschrei oder Kreischgelächter die TV-Beschallung zu übertönen. Und das gefühlt die komplette Fahrt hindurch! Waterboarding für Lauscher und Hirn, ich bin jedenfalls durch, als ich in Baños den Bus verlasse.

Dank Carlos (der vor 5 Tagen mit mir das Zimmer reservieren war) kenne ich den Weg zum Hostel. Schnell geduscht und in das letzte freie Hochbett im 6er-Dorm geklettert. Übernächtigt, aufgedreht. Mir bleiben 4 1/2 Stunden, dann sammelt mich bereits der nächste Wanderbus ein.

Frühstücks-Fresskoma vs. Pseudo-Kaffee

Nach nur 2 1/2 Stunden Fahrt erreichen wir Riobamba. Mit der kleinen Wanderbus-Truppe verschaffen wir uns ein ersten Eindruck von der lebhaften Stadt. Mampfend funktioniert das ganz gut! Unser Guide schleift uns durch die Markthalle und wir kosten uns durch die Obstvielfalt: Granadilla (Bestandteil des neuen Lieblingsgetränkes Canelazo), Tree-Tomato, Babaco, um nur einige zu nennen.

Danach frühstücken wir gemeinsam an einem der vielen Imbissläden. Frühstück in Ecuador, auch so eine Sache. Ich gehöre ja zur Fraktion „am Morgen bloß ’ne kräftige Soja-Latte“. Dass es Kaffee hier fast ausschließlich in Instantform gibt, damit hab ich mich arrangiert. Befremdlich finde ich allerdings nach wie vor, die nicht vorhandene Kaffeekultur, im Land der Kaffeebohne. Dafür haut man sich bereits um 7 Uhr ein Frühstück rein, das als reichhaltiges Abendessen durchgeht. Ein Reisberg an gebratenen Würstchen, eingebettet von roter Beete, ertränkt unter Eiern. „Llapingachos“ nennt sich der oppulente Frühstücks-Wahnsinn. Vom Bett ins Fresskoma. Verstört-fasziniert blicke ich dem Teller nach, während ich an meinem Käsebrötchen nage und eine weitere Schippe Instantpulver in heiße Milch schaufel.

Der letzte Iceman von Riobamba

Unser Guide verrät, dieser (Saft-)Laden ist der einzige in Riobamba, dessen Smoothie-Eis vom Gletscher des legendären Chimborazo kommt. Er erzählt uns die wahre Geschichte des letzten Iceman von Riobamba, Baltazar Ushca. Der kleine, zähe Mann ist weit über 70 Jahre alt. Noch immer zieht er mit seinem Esel zu Fuß zum Chimborazo, steigt auf über 4.000 Meter zu dem imposanten Berg, um dort im Gletscher das Eis zu schlagen. Dieses wickelt er wärmeisolierend in Stroh und bringt es auf dem Rücken seines Esels ins Tal. Zu genau dem Laden, in dem wir jetzt sitzen. Ein Knochenjob! Vor uns liegt ein restlicher Eisblock im feuchtem Stroh. Andächtig bestelle ich einen Tree-Tomato-Saft und bin sofort hin und weg von dem Gesöff. Neues Lieblingsgetränk, furchtbar lecker!

Links unten im Bild ein Rest des Eisblocks im Stroh vorm „Saftladen“ des Vertrauens
Baltazar Ushka, der letzte Ice-Man

Die Gruppe reist weiter. Ich werde 3 Nächte hierbleiben, bis der nächste Wanderbus vorbeikommt und mich mitnimmt. Ich schultere meinen Rucksack und mache mich auf die Suche nach einer Unterkunft.

Fündig geworden. Im Hostel wird jedoch ausschließlich auf Spanisch kommuniziert. Mein einziges Zimmerfenster führt zu einem Lüftungsschacht, ich mag nicht reklamieren. Ich KANN gar nicht reklamieren, auf spanisch… vermisse den Sound und den Geruch des Dschungels. Wo ist die Vogelspinne an der Wand – ääähh halt, bin kurz melancholisch abgedriftet. Die kann wegbleiben, dennoch fehlt mir der Dschungel grad ganz arg.

Fremdeln in der Fremde

Hmmm, so wirklich warm bin ich noch nicht mit Riobamba. Dabei ist es hier warm. Den Tag über bin ich über einige kunterbunte Märkte geschlendert und 4 Stunden planlos durch den Ort geirrt, auf der Suche nach einer Agentur, um eine Chimborazo-Tour zu buchen. Die einen Agenturen aus meinem Reiseführer gibt es nicht mehr, die anderen finde ich nicht. Zurück im Hostel. Mit mächtig Frust. Per Sprachübersetzer versucht man mir zu helfen, vergeblich. Ich brauche einen Plan B, sonst bin ich hier tatenlos gestrandet. Die Riobamba-Mission lautet schließlich „Chimborazo!“ Selbst die Laufschuhe brauch ich mir hier nicht anzuschnallen, der Autoverkehr ist die Hölle! Fühle mich irgendwie fehl am Platz. Und fremd.

Ich hirne auf Hochtouren, recherchiere im Netz. Zufällig stoße ich auf einen Bike-Adventure-Laden und erinnere mich, dass ich heute irgendwann daran vorbeigeirrt bin. Letzte Chance, ich düse los, bevor er schließt.

2 Stunden später: Wieder im Hostel. Jetzt mit Euphorie statt Frust! Das Stimmungsbarometer steht auf „Caramba Riobamba!“ Einziger Haken der Lilalaunebär-Freude, morgen klingelt mal wieder verdammt früh der Wecker. Das Frühaufsteh-Opfer bringe ich gerne für den Berg. Schlaf wird eh völlig überbewertet oder wie ich zu sagen pflege: „Niemand schaut auf sein Leben zurück und erinnert sich an die Nächte, in denen er zu viel Schlaf bekommen hat.“

Das Handy brummt. Ui, Nachrichten und Fotos von Daheim. Meine Freunde trinken auf diversen Weihnachtsmärkten Glühwein auf mich, wie lieb. So soll’s! Ich grinse auf meine Flipflop-Füße. Glühwein oder Sommer-Sonnen-Dezember? Sorry Leute, das hier is leider geiler 🙂

Pro Bici und der Chimborazo

6:25 Uhr, müde aber gespannt warte ich vorm Hostel. Der quirlige Carlo, bei dem ich gestern die Tour gebucht habe, holt mich fröhlich plaudernd ab. Auto und mich übergibt er kurzerhand an Allejandro. Der smarte Bursche wird uns zum Chimborazo bringen. Wir sammeln die restliche Truppe ein, eine Französin und ein ecuadorianisches Pärchen und machen uns auf den Weg.

Allejandro erzählt uns viel über die Region und die Gepflogenheiten der indigenen Dörfer, zeigt uns die 1. Stierkampfarena Ecuadors, den Olympiastützpunkt und die Siedlungen um den Chimborazo, dem höchsten Berg Ecuadors (6.263 m). Sein Gipfel ist der vom Erdmittelpunkt am weitesten entfernte Punkt der Erdoberfläche. Einst war er höher als der Himalaya, musste durch seine Kratereinbrüche jedoch an Höhe einbüßen. Als er das erste Mal vor uns auftaucht, sind wir baff. Wolkenlos thront er vor uns. Ein imposantes Massiv, am Fuße dunkelbraun, gekrönt von einer strahlenden Schneehaube.

Und dann taucht der Chimborazo vor uns auf

Carlo’s Worte schießen mir in den Kopf: „Fühl den Spirit des Berges. Bitte ihn, für dich zu sorgen und zolle ihm deinen Respekt. Manchmal hat er schlechte Laune, aber er kann dir auch seine gute Seite zeigen. Wenn er dich aufsteigen lässt und gut zu dir ist, bedanke dich bei ihm auf deinem Weg.“ In dem Moment fühle ich, was Carlo meinte. Ich kann mich der Aura nicht entziehen, der Chimborazo hat mich vom ersten Augenblick an in seinen Fängen.

Die Fahrt dauert. Wir tuckern hinter Farmersleuten her, die ihre Kuhherde über die Straße treiben. Eine ältere Frau steigt zu uns in den Wagen, wir nehmen sie ein Stück ihres Weges mit. Sie freut sich und strahlt uns mit ihrem wettergegerbten Gesicht dankbar an.

Rush Hour unterwegs

Auf knapp 4.000 Metern sehe ich erstmals in meinem Leben Vicuñas. Diese wunderschönen Tiere ähneln Alpakas und Lamas. Sie leben jedoch erst in einer Höhe von 3.500 – 5.500 Metern. Entfernt in den Weideflächen steht die Chimborazo Lodge, der erste Akklimatisations-Stützpunkt für Bergsteiger, die auf den Gipfel möchten.

Vicuñas im Naturschutzgebiet Chimborazo
36 KM entfernt von Riobamba, die Chimborazo-Lodge auf 4.000 Metern. Stützpunkt für Wanderer und Kletterer, die zum Gipfel des Chimborazo möchten

Kontinuierlich geht es bergan. Die Landschaft, die anfangs noch aus bräunlichem Weideland und Schluchten bestand, ähnelt zunehmend einer Mondlandschaft. Steinig, braun, karg. Wir passieren ein Tor, hinter dem Allejandro aussteigt, um beim Wachpersonal zu registrieren.

Die Räder auf dem Dach des Geländewagens warten bereits auf die Abfahrt
Dem Auge sind keine Grenzen gesetzt
Im Hintergrund das Refugio, unser Halt inmitten der mystischen Mondlandschaft

Auf 4.800 Metern erreichen wir den Parkplatz am ersten Refugio. Ab jetzt geht es zu Fuß weiter. Allejandro drückt uns ein Walkie Talkie in die Hand. 2 Stunden Zeit zum Aufstieg. Er wartet währenddessen am Auto bei den Mountainbikes.

Magische 5000er-Grenze

Es ist nicht so kalt wie erwartet. Gleich oberhalb des Refugio passieren wir eine Steinpyramide und etliche Gedenktafeln verunglückter Bergsteiger. Bringt einen zum Nachdenken, wenn man daran vorbeistiefelt.

Steintafeln für die Verunglückten
Ein Blick zurück, unspektakulär und doch so anstrengend

Geschlagene 36 Minuten benötigen wir für 200 Höhenmeter! De Höhe macht sich heute brutal im Körper bemerkbar. Mein Schädel brummt, was auch teilweise mehrerer extrem kurzer Nächte geschuldet sein mag. Schritt für Schritt geht es im Kriechtempo durch die Ödnis hinauf. Nachdem wir das Refugio Whymper auf 5.000 Metern erreicht haben, wollen wir auch noch zur Lagune rauf. Es sind gerade mal 100 Höhenmeter, sie fühlen sich an wie ein Sprint auf einen steilen Berg. Der Kopf brüllt: „Aua! Ignorier das Dröhnen und lauf weiter.“ Der Körper wimmert leise: „Scheiß drauf, schaff deinen Hintern ins Refugio und chill!“ Jeder Kletterer weiß, das Gehirn ist der stärkste Muskel im Körper. Es gewinnt, ich gehe weiter. Die Vernunft stellt sich dahinter in die Schlange. Manou, die Französin, läuft munter neben mir her, sie fühlt sich gut. Die beiden Ecuadorianer sind hinter uns abgefallen, auch ihre Körper boykottieren die Höhe.

Niemals hätte ich gedacht, so sehr kämpfen zu müssen! Zum Kopfwummern gesellt sich plötzlich Übelkeit. Normaler Herzschlag, trotzdem zehrt der Aufstieg an der Substanz. Ich muss ständig anhalten und tief atmen. Es ist so unglaublich für mich, endlich oberhalb der 5.000er Grenze zu sein. Auch wenn ich nicht alles auf eigene Faust geschafft habe. Nach 10 Minuten erreichen wir die Laguna Condor Cocha, 5.100 Meter! Eine braune, eiskalte Brühe, die sich – umgeben von einer dicken Nebelschicht – in die karge, steinige Einöde einbettet. Wir machen schnell Fotos und funken Allejandro den Stand durch. Er empfiehlt, im Refugio Whymper einzukehren, da die Hütte bei ihm unten menschenvoll sei. Es ist richtig kalt und äußerst ungemütlich geworden. Alles in mir schreit „schaff dich endlich runter!“, das hier fühlt sich nicht mehr richtig an.

Der Kopf wummert, der Rest ist happy – Die persönliche Höchtgrenze überschritten!

Im Refugio Whymper wärmen wir uns rasch mit Coca-Tee und heißem Kakao und steigen weiter ab. Auf einem Steinhaufen vor der Hütte sitzt ein Mann, der sich übergibt. Er bringt zum Ausdruck, wie ich mich fühle…

Super Multikulti-Gefährten, allen Höhen-Widrigkeiten zum Trotz

Wir brauchen nicht lange für den Abstieg. Allejandro empfängt uns strahlend mit high-five am Refugio Carrel. Er hat bereits die Bikes vom Autodach geholt und stattet die Truppe mit Protektoren aus. Die 3 werden mit den Mountainbikes abfahren, Allejandro und ich im Auto hinterher. Dankbar, in meinem desolaten Zustand nicht biken zu müssen, hiev ich mich ins Auto und werfe mir etwas gegen den Brechreiz ein. Die Abfahrt nimmt einige Stunden in Anspruch, da wir immer wieder halten und warten, bis unsere Biker vorbeidüsen. Mehrmals döse ich weg, fix und alle.

Wir haben deutlich an Höhe verloren und schwuppdiwupp geht’s mir wieder gut. In einem Lokal an der Straße kehren wir ein und essen eine Suppe, dann geht es weiter. Auf einer derben Offroad-Piste haut Allejandro (nachdem er zuvor mühsam Bäume aus dem Weg geräumt hatte) die zweite Gangschaltung in den Schlussmitlustig-Modus. Wir holpern um den Chimborazo und bekommen ihn von einer grandiosen Seite präsentiert.

Natur pur, Seelenbalsam!
Immer schützend in der Nähe der Downhiller
Der Chimborazo, ein unvergessliches Abenteuer

Was für ein gigantisches Abenteuer! Was für ein genialer Tag! Am Ende der Abfahrt sammeln wir unsere überglücklichen Downhiller wieder ein. Den Rest der Strecke zurück nach Riobamba legen wir zusammen im Yeep zurück. Es ist bereits nach 18 Uhr, als Allejandro mich vor dem Hostel verabschiedet. Selbst für mich, die „nur“ als Beifahrer daneben saß, bleibt dieser Tag unvergesslich. Ein überragender Tag, da einfach alles gepasst hat (mal von den kurzzeitig körperlichen Ausfallerscheinungen abgesehen): Eine super Truppe, Allejandro, der beste Guide, den man sich wünschen konnte und der Chimborazo, der all seine Pracht mit uns teilte.

Auf der Suche nach dem Heiligen Kaffee-Gral

Erwachen in Riobamba. Heute ist Urlaub! Früh geschlafen, lange geschlafen. Die Morgen-Mission lautet „Anständigen Kaffee reinkippen“. Dazu müsste ich allerdings erst mal ein Café finden, was mich tragischerweise vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Denn, wie bereits erwähnt, man speist des morgens außergewöhnlich opulent, was auf Kosten der Kaffeekultur geht. Cafés, die ich finde, sind geschlossen. Ähm, macht ja total Sinn morgens. Oder sie werden gerade nass durchgewischt und ich deswegen weggeschickt. Auch das ist selbstverständlich nachvollziehbar, zur Haupt-Kaffeezeit des Tages *Ironie-off*.

Die braunen Bohnen werden hier definitiv nicht überbewertet. Nein, sie werden völlig unterschätzt. Schade eigentlich. Mein Körper verlangt Koffeein, nicht zuletzt, weil er am gestrigen Tag erschütterlicherweise nicht einen einzigen Tropfen davon bekommen hat! Mit Instantpulver lässt er sich heute also gar nicht erst abspeisen.

Nach langer Suche werde ich tatsächlich fündig! Café Padaro, das Tor zum Himmel der Geschmacksknospen-Eskalation! Vorm Betreten der wohlduftenden, kleinen Oase bin ich geneigt, ein Tränchen der Glückseligkeit zu verdrücken und die „Ode an die Freude“ anzustimmen.

Cappuccino, Pancakes, Müsli, Früchte, Schreiben – Urlaub in seiner perfektioniertesten Schlemmer-Vollendung

Zu grandiosem Cappuccino gesellen sich nicht minder grandiose Pancakes (ich MUSS im Himmel sein), Joghurt, Obst, Müsli und frisch gepresstem Erdbeersaft. Auch als normalerweise Nicht-Frühstücker ein Träumchen sondergleichen!

Energiekick-gepimpt schnüre ich meine Laufschuhe. Ich brauche Bewegung! Allejandro hat mir gestern vom nahegelegenen Parque Lineal erzählt, in dem man super laufen könne. Dahin werde ich mich jetzt navigieren lassen.

Laufrunde im Parque Lineal, eine grüne Oase in der Stadt

2 Kilometer später bin ich da, eine grüne Oase inmitten einem Stadt voller Autos und Straßenlärm. Allerdings stelle ich auch fest, Laufen läuft nicht. Statt durch die Grünfläche zu springen wie ein junges Reh, pumpt das Herz und streikt die Lunge. Soviel zum Thema längst erreichte Akklimatisation und Blut-Sauerstoffsättigung. Auf 2.800 Metern läuft der Flachland-Kadaver nun mal auf Sparflamme. Egal, dann Lauf-Gehe ich eben, Hauptsache Bewegung in der Natur! Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes wieder grün mit Riobamba.

11 Kilometern später geschafft im Hostel. Duschen, umziehen und ab in die Stadt. Erst mal Tree-Tomato-Saft mit Chimborazo-Gletschereis schlabbern. Dann Kultur. Am Nachmittag zieht – wie bereits am Tag zuvor – eine große Parade durch die Straßen. Unzählige Kinder in indigenen Trachten tanzen zu ohrenbetäubender Musik und feiern den Geist der Weihnacht. Ich mische mich als ziemlich einziger Touri unter die Locals und beobachte das quirlige, fröhliche Spektakel.

Zur Weihnachtszeit gibt es ständig Paraden durch die Stadt

Danach besuche ich das Museo de Ciencias Naturales, das naturhistorische Museum, das sich mit der Fauna der Provinz befasst. Das Museum verfügt nur über wenige Exponate und ist bereits stark in die Jahre gekommen, interessant fand ich es dennoch.

Im Museo de Ciencieas Naturales

Die Kultur-Tour geht weiter zum Museo de la Ciudad. Einer Kunstgalerie mit Gemälden und Exponaten berühmter Persönlichkeiten der Stadt. Allein das Gebäude in seinem wunderschönen Kolonialstil haut mich um! Offensichtlich hat auch ein bekanntes Orchester seine Räumlichkeiten hier. Während meines Besuchs bin ich Gast bei den Musikproben im Gebäude-Innenhof.

Was mich in Ecuador echt positiv überrascht, hier sind die meisten Museen kostenfrei. Am Eingang registriert man sich lediglich in einer Liste ein.

Am frühen Abend tingel ich zum Abschluss gemütlich durch die hübschen Stadtparks: Parque Sucre, Parce Maldonado mit seiner Kathedrale und Parque La Libertad mit der einzigen Rundkirche Ecuadors, La Basilica.

Parque Maldonado
Einzige Rundkirche Ecuadors: Gran Basílca del Sagrado Corazón de Jesús im Parque La Libertad
Colegio Maldonado im Sucre-Park

In den Seitenstraßen stoße ich erneut auf richtig tolle Streetart. Ich feiere die bunten und künstlerischen Wände hier so dermaßen!

Ausklang des sportlich-kulturellen Tages in einem hübschen Restaurant (Empfehlung des Reiseführers). „Mnom-mnom, ein Gläschen Vino Tinto zur Gemüsepasta“, schwärme ich gedanklich und bestelle den vermeintlichen Hauswein. Irritiert betrachte ich das Glas, dass serviert wird und dessen Inhalt dampft. Ich rieche vorsichtig dran. Tja, heute gibt’s wohl Glühwein zur Gemüsepasta. In diesem Sinne, frohe Adventszeit und buen provecho!

In den Straßen von Riobamba
Einkaufsladen mal anders
Süßwarenladen typisch ecuadorianisch

(Teil 9 folgt)

Wie haltet ihr es im Urlaub oder auf Reisen? Wo/wie holt ihr euch eure Portion Sport oder ist Urlaub sportfreie Zeit? Reist ihr, um ambitionierte Ziele zu verfolgen? Meidet ihr eher Städte oder bevorzugt ihr reine Städtetrips? Erzählt mir doch mal eure Geschichten 🙂

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 7: Der Amazonas ruft – Dschungel(über)leben im Cuyabeno Reservat

26. / 29. November 2019

Uuuuuaaaaaaahhhhhhh!!!!! Auf in in den Amazonas, rein ins nächste Abenteuer. Für mich Spinnen-Weichei eine persönliche Herausforderung. Aber genau an der wächst man ja bekanntlich.

Abenteuer wollen erobert werden und so lasse ich die längere Anreise über mich ergehen. Nicole (meine zeitweise Reisebegleitung -> Blogbeiträge Teil 6 / Teil 5) und ein Kollege von Carlos (dessen Agentur mir den Trip organisierte), haben mich gestern Abend zum Busbahnhof Baños gebracht und freundschaftlich verabschiedet.

19:40 Uhr, Abfahrt. Nach einer guten Stunde erreicht der Bus das Terminal in Ambato. Ich kaufe mein Ticket und verdödel bis 22 Uhr die Warterei mit süßem Cappucchino, dann startet der Nachtbus nach Lago Agrio.

Wechselgeld. Ein Kuriosum in Ecuador. Ich bin seit einer Weile im Land unterwegs und habe bemerkt, dass dies ein unliebsames Thema ist. Der Ecuadorianer kann prinzipiell kein Geld rausgeben und wenn doch, dann ungern. Seine Mimik unterstreicht meist das Desaster. Bestenfalls sorgt man dafür, immer den passenden Betrag in der Tasche zu haben. Auch Taxifahrer leiden an chronischer „Wechselgeldinsuffizienz“. Wobei man doch gerade hier davon ausgehen dürfte, dass genügend Groschen vorhanden sind. Es kann durchaus passieren, dass man zu wenig zurückbekommt, mit der „Entschuldigung“, keine Münzen mehr da. Unverständlich, aber inzwischen nehme ich es als gegeben hin. Zumal mein Spanisch nicht diskussionsfähig genug ist.

Für die Fahrt (kostet 3 oder 4 Dollar) habe ich jetzt dummerweise nur einen 20 Dollar-Schein, den ich verschämt dem Kassierer gebe. Er steckt ihn mürrisch ein, nuschelt spanische Brocken und geht. Ich beobachte, wie er die Fahrgäste abkassiert und höre mächtig Münzen klimpern. Mit gefüllter Tasche läuft er an mir vorbei und schließt wortlos die Fahrerkabine hinter sich. 45 Minuten später hock ich noch immer irritiert im Bus. Als die Neuzugänge bezahlen, erdreiste ich mich, höflich nach dem Wechselgeld zu fragen und werde brüsk abgespeist mit „cambio“ (= wechseln) und unverständlichen Spanisch-Wortfetzen. Ein Fahrgast erklärt, er müsse erst Geld wechseln. Ähh, hat er das nicht bei über 20 Leuten bereits getan?! Ich schweige. Bevor wir ankommen, drückt er mir das Geld in die Hand. Na geht doch.

In der Morgendämmerung erreichen wir um 5:50 Uhr das Terminal in Lago Agrio. Herrlich, 25 Grad. Ich hocke mich auf eine Bank, neben mir ein Weihnachtsbaum-Gebilde mit Pseudogeschenken darunter und warte, dass mich wer aufsammelt. Zumindest hatte ich Carlos so verstanden, als er etwas von chillen in einer gemütlichen Lodge mit Hängematten erzählte, bevor es in den Dschungel geht. Hier sieht’s nicht chillig aus. 40 Minuten später bin ich immer noch bestellt und nicht abgeholt. Kaffee wär jetzt was, mjamm mjamm. Die Nacht war übelst schlafarm, so sitzend im Bus. Nervös texte ich Carlos, der glücklicherweise schon wach ist und prompt antwortet. Ups, ich muss mit dem Taxi zur Chillout-Area. Sein Hinweis, doch bitte die Unterlagen zu lesen, bringt Klarheit. Da steht es sogar drin. Wie düsselich, ach, kaum ist man im Urlaubsmodus. Schäme mich kurz.

Keine 5 Minuten später wirft mich das Taxi vor einem umzäunten Haus am Straßenrand raus und fährt weg. Sieht verlassen aus. Bin ich hier richtig?! Zumindest das Foto in den Unterlagen sieht wie dieses Haus aus. Ich finde eine Klingel, die Pforten öffnen sich. Große Erleichterung.

Ich begrüße zwei Pärchen, die in Hängematten fleetzen und rühre mir koffeeinverzweiflungssüchtig Instantkaffee und Milchpulver in heißes Wasser. Noch 2 Stunden…

Wir sind eine Truppe von 7 Leuten. Ein Pärchen aus Holland, eins aus Amiland (alle Mitte 20) und ein älteres Ehepaar aus England. Nach einem gemeinsamen Frühstück werden wir mit dem Survival-Equipment ausgestattet: Gummistiefel, Ganzkörper-Regenponchos und ein grüner Seesack, um alles reinzupacken. Im Sprinter holpern wir 2 Stunden nach Oriente. Auf halber Strecke stoppen uniformierte Männern mit Maschinenpistolen den Wagen. Vielleicht, weil wir uns der kolumbianischen Grenze nähern? Besorgte Blicke, keiner von uns versteht ein Wort. Unser Fahrer steigt aus und regelt alles. Uff, wir dürfen weiter. Es geht tiefer ins Hinterland, alles ist so ursprünglich, Häuser, kleine Läden am Straßenrand, die Plätze, auf denen Kinder im Staub Fußball spielen.

Tag 1 // Tierischer Dschungelsound

In Oriente werden unsere Reiserucksäcke in ein Kanu geladen und wasserdicht verpackt. Wir schnuppern währenddessen erste tropische Amazonasluft. Die Geräuschkulisse ist unbeschreiblich. Ein Vogel, einer der Guides nennt ihn wegen seines seltsamen Lautes „Waterdrop Bird“, begeistert mich maßlos. Der Tropenzwitscherer heißt Oropendola und wer sich seinen sehr speziellen Laut anhören möchte, findet bei Youtube einige Clips dazu. Lohnt sich!

Hier stoppt der Bus, jetzt geht es auf dem Fluss rein in den Dschungel
Erste tierische Begegnung. Riesenraupe im Waschbecken

Unsere Fahrt in den Amazonas geht in die nächste Etappe. Weitere 2 Stunden bringt uns das Motor-Kanu auf dem Punte Rio tiefer in den Dschungel hinein. Die Augen wissen gar nicht, wohin sie überall blicken sollen, aus Angst, etwas zu verpassen.

Im Herzen des Amazonas

Alles hier ist viel größer als üblich. Überall wachsen und wuchern überdimensionale Bäume, Farne, Palmen, hängen meterlange Lianen über dem Fluss und flattern große azurblaue Schmetterlinge (Morpho Menelaus Clymena, wunderschön) neben uns her. Der gehässige Synchronsprecher in meinem Kopf raunt „Was meinste, wie groß erst die Spinnen sind?!“ Aber jetzt bin ich hier, ich zieh das durch und dann wird sich zeigen, wie die Phobie auf Achtbeiner-Konfrontationskurs reagiert.

In den Bäumen springen Affen, Vögel sonnen sich auf Ästen und trocknen ihre ausgebreiteten Flügel. Der Fluss wird breiter, wir steuern auf einen Baum mitten im Wasser zu. Sie ist bereits von Weitem zu sehen. Ein großer, in sich zusammengerollter Wulst, schwarz-grau mit orangefarbenem Muster. „This is the anaconda“, verkündet unser Bootsführer stolz. Um die 5 Meter lang, ergänzt er. Wir sind so nah, dass wir nur den Arm ausstrecken müssten, um sie zu berühren. Respektvoll ziehen wir die Köpfe ein und gehen auf Sicherheitsabstand. Beeindruckend und völlig surreal. Eine Schlange von solch einem Ausmaß, habe ich noch nie gesehen. Das Tier lässt sich nicht von uns stören.

Nah an der Anaconda

Es nieselt kurz, dann macht der Regenwald seinem Namen alle Ehre und es schüttet wie aus Eimern. Versteckt unter den Gummiponchos, kauern wir im Boot, die Gesichter patschnass, vom Regen, der uns durch die Fahrt entgegenklatscht. So schnell wie es anfängt, hört es auch immer wieder auf. Dann ist es unter den dicken Regenhauben auch nicht mehr auszuhalten.

Ankunft in der Bamboo Lodge

14:15 Uhr, wir biegen in einen schmalen, bewucherten Flusszweig und werden mit den Worten „welcome to the jungle!“ am Ufer der Bamboo Lodge begrüßt. Das Zuhause der nächsten 4 Tage.

Angekommen im neuen Zuhause

Nach einem leckeren Mittagessen werden wir auf die Unterkünfte aufgeteilt. Als einziges „Nicht-Paar“ bekomme ich ein 3-Bett-Zimmer mit Bad. Ich freue mich über das unerwartete Upgrade. Die Schizo-Stimme aus dem off freut sich mit: „Mega, ne? Heut Nacht heulste, wenn die Tarantel in deinem Zimmer Salsa tanzt. Darfste dann allein raus tragen.“ Es hat auch was Gutes, wenn man ein wenig krank im Kopp is. Man kann sich nämlich alles doofe auch wieder selber schönreden. Dafür hab ich auch ne Stimme: „Ach, das wird! Immer locker durch die Hose atmen. Es gibt hier keine so großen Spinnen,“ beruhigt sie.

Upgrade: Mein Zimmer mit Bad und 3 Betten

Kleine Siesta, dann geht’s wieder auf den Fluss. Wir tuckern zur Lagune (nicht so paradiesisch wie das jetzt klingt) und wer mag (alle außer Guide Willian und mir) springt in die dunkle Brühe und badet im Sonnenuntergang. Ich genieße das Schauspiel vom Kanu aus und denke an die Anaconda, die in der Nähe im Baum hängt – oder vielleicht gerade hierher schwimmt. Es regnet wieder, juckt aber niemanden, sind eh alle nass. Die Sonne verabschiedet sich zusammen mit einem leuchtenden Regenbogen, während wir in der Dämmerung zur Lodge zurückfahren.

Ein kleines Stück Paradies

Nächtliche Dschungelsafari

Beim Abendessen informiert uns Willian, dass wir später nochmals rausfahren, um Kaimane und Schlangen zu suchen. In einer Mosquitospray-Duftwolke und bewaffnet mit Stirnlampen, steigen wir ins Boot. Unbegreiflich, wie Kapitän „Cappy“ sich in der absoluten Dunkelheit orientiert. Am Himmel zeigt sich eine Sternenpracht, wie ich sie selten gesehen habe. Traumhaft!

Willian leuchtet derweil über das Wasser, auf der Suche nach roten (Kaimanaugen) und weißen Reflektionen (Schlangenaugen) in der Ferne. Weiße sehen wir schnell. In einen Baum räkelt sich eine gelb-orange farbige Boa. Dann entdecken wir eine weitere junge Schlange. Auch die Anaconda hängt noch in ihrem Baum und knackt.

Auf nächtlicher Schlangensuche im Schein der Taschenlampe

Der Lichtstrahl wandert weiter über den Fluss. Wie auch immer er das macht, Willian erspäht plötzlich rote Augen. Cappy lenkt das Boot in den Mangrovenwald und Willian deutet still auf einen riesen Kopf, der aus dem Wasser ragt. Geräuschlos nähern wir uns vorsichtig. Vor uns im Wasser schwimmt ein 3 Meter langer Kaiman. Irre!

Fahrt ins dunkle Nichts
Wir haben einen Kaiman gefunden

Willian ist hochzufrieden, voller Erfolg. Zeit zurückzufahren. Cappy düst uns souverän zur Logde, man kann wirklich nicht die Hand vor Augen sehen.

In der Bamboo Lodge geht’s tierisch weiter. Mit der Dunkelheit kommen Spinnen. Tja, ist halt kein Ponyhof hier. An der Holzwand einer der Unterkünfte (nämlich in der auch ich schlafe – oder nicht), klebt ein gar nicht mal so unaufdringliches Exemplar. Eine junge Vogelspinne, grinst Willian. JUNG?! Sollte jung nicht klein sein? Wie sehen dann die Alten aus? Gehen mir die vom Boden bis zum Bauchnabel?? Ich bin geschockt. Und irgendwie fasziniert… nein, mehr geschockt. Mein Hirn kriegt es nicht auf die Kette, was die Augen sehen. Prompt klinkt sich die Schizo-Stimme wieder ein: „Riesenteil, ne? Hat mehr Haare annen Beinen als du! War übrigens witzig, wie du vorhin erschrocken bist, als der Frosch in deinem Zimmer die Cremetube umgehüpft hat. Viel Getier in deiner Bude! Wie die Fledermaus, die über deinem Bett ständig ihre Runden flattert. Du glaubst noch immer, Spinnen können nicht rein? By the way, haste dir mal den Abstand zwischen den Bodendielen angeguckt? Luftiges Zimmer, in dem du da wohnst.“

Ich schnappe meinen Verfolgungswahn und nehme ihn mit ins Zimmer. Mit Überwindung ziehe ich den Vorhang zur Nasszelle auf, bevor mein Röntgenblick Dusche und Waschbecken abscannt. Uff… keiner da. Ich verkrümel mich ins Bett und stopfe das Mosquitonetz akribisch unter die Matratze. Das leuchtende Display des Ebook-Readers lockt kleine Mückchen an, die mir in die Nase fliegen. Wie ein Schutzschild ziehe ich das dünne Laken über den Kopf und lausche dem grandiosen Dschungel-Sound, der durch die scheibenlosen Fenster ins Zimmer dringt. Mein letzter Gedanke: „Wie soll ich jemals wieder einschlafen können, ohne diese wahnsinnig tollen Urwaldgeräusche?“ Durch die dünne Bretterwand mischt sich Nachbar-Geschnarche.

Tag 2 // Organisiertes Leben im Cuyabeno Reservat

Hab geschlafen wie ein Stein. Selbst der strömende Regen, der am Morgen auf das Dach poltert, wirkt meditativ. Verschlafen torkel ich zum Aufenthaltsbereich. Mit Sicherheitsabstand checke ich unterwegs, ob die Spinne dort vielleicht grad frühstückt. Sie ist weg, ist das jetzt besser? Mich meinem Kaffeeschicksal ergebend, löffle ich Instantkrümel und Milchpulver (darauf bedacht, die Ameisen nicht mit reinzuschaufeln ) in eine Tasse heißes Wasser. Mein Blick schweift durch die Anlage. Viel gibt’s hier nicht, back to the roots, das entschleunigt. Weg kommt man ausschließlich per Boot, der Bewegungsradius ist somit auf dieses Insel-Kleinod beschränkt. Neben den paar Schlafhütten gibt es eine „Honeymoon-Suite“, wie ich sie nenne, einen Aussichtsturm, den Aufenthalts-/Essbereich und die Terrasse mit Hängematten an der Anlegestelle. Alle Hütten sind über Holzstege miteinander verbunden. Und dann gibt es noch „das Gym.“ Ich muss so lachen, als ich die selbstgebauten Beton-Hantelstangen und Gewichte neben der Klimmzugstange im Gras entdecke.

Chillout-Area am Ufer
Vorne links die Schlafräume, dahinter der Aussichtsturm, rechts die „Honeymoon-Suite“
Das Gym am Aussichtsturm
Aufenthalts- und Essbereich
Blick vom Aussichtsturm über das Cuyabeno-Reservat und die Botanik

Das Camp ist super organisiert, komplett ökologisch. Von 7 – 22 Uhr gibt es Licht. Meistens. Der Strom kommt über ein Solarpannel. Darüber wird auch das Duschwasser aufgewärmt. Duschwasser, Toilettenspülung etc. ist Regenwasser oder kommt aus dem Fluss. Deshalb wird damit auch nicht die Zähne geputzt. Eigenes Shampoo/Duschgel sollen wir nicht verwenden, nur das Zitronellazeugs, das in der Dusche hängt. Riecht gut und ist für die Natur verträglicher. Handys und elektronische Geräte können zwischen 19 – 22 Uhr geladen werden. Nicht, dass man hier Empfang hätte! Das Cuyabeno Reservat ist völlig im off, was ich enorm genieße. Die Außenwelt bleibt außen vor.

Direkt nach dem Frühstück brechen wir auf. Zwei Stunden lang genießen wir die Bootstour und die Tierwelt. Heute gibt’s sogar einen Manta im Fluss-Angebot. Ungewöhnlich nah schwimmt er an unser Boot. Willian sieht wirklich überall Getier und zeigt es uns mit Begeisterung. Er hat bereits einen Bildband über die einheimischen Vögel rausgebracht und kennt alle.

Manta direkt am Boot
Neugierige Stinky-Birds

Im Baum sitzen „Stinky Birds“. Der Name ist Programm, erklärt er uns, denn der Flatterich stinkt. Wegen seiner vegetarischen Ernährung. Dies sei bei mir aber nicht der Fall, grinst er mich an und feixt sich einen. Jaja, die Vegetarier halt wieder…

Besuch der Kommune Puerto Bolivar

Um 11 Uhr legen wir am Ufer der Kommune Puerto Bolivar an. In Gummistiefeln staksen wir durch Matsch und Wasserlachen über die Plantage, vorbei an Kaffeebohnenpflanzen und unbekannten Früchte. Willian haut eine Guama, eine Art überdimensionale Erbsenschote vom Baum, bricht sie auf und lässt uns das fluffig weiße Fruchtfleisch rauspulen. Schmeckt unerwartet lecker! Das süße Fruchtfleisch nur vom Kern ablutschen, nicht draufkauen, mahnt er.

Angekommen bei der Kommune Puerto Bolivar
Wir bahnen uns den Weg durch die Plantage
Guama Frucht, köstlich!

Er zeigt uns riesige Ameisen unter einer Rinde und warnt: Ein Biss dieses Tieres sei vierzehn mal heftiger als ein Wespenstich, verursache ein Taubheitsgefühl an der entsprechenden Stelle und am nächsten Tag spüre man, beispielsweise bei einem Biss in die Hand, diese gar nicht mehr. Unterschätz niemals die Natur! Kaum gedacht, platscht ein ein kräftiger Regenschauer herab.

Willian stellt uns eine der Dorfbewohnerinnen vor. Mit ihr werden wir Yucca-Brot backen. Die beiden graben mit einer Machete Yucca-Wurzeln aus dem matschigen Erdreich, die geschält werden. In der „Küche“ (ein offener Unterstand mit Blätterdach und rundum aufgebockten Holzstämmen als Bänken) verarbeiten wir die Wurzeln weiter. Erst werden sie gewaschen, dann auf einer verbeulten Riesenreibe kleingehobelt. Die breiige Masse kommt in ein schweres Lianengeflecht und wird mühsam ausgepresst. Wir sind überrascht, wie viel Wasser die kleine Frau auswringt. Das Ergebnis ist eine Art Yucca-Parmesan, den sie als Crêpeteig auf einem flachen Stein auf der Feuerstelle verteilt. Sie klopft ihn mit einer Kokosnushälfte platt und backt ihn von beiden Seiten aus. So also werden Yucca-Fladen hergestellt.

Ausbuddeln der Yucca-Wurzeln
Die geschälten und gewaschenen Wurzeln werden gerieben
Der geriebene Brei kommt in die Presse
Dann wird das Wasser rausgequetscht, es entsteht eine parmesanähnliche Substanz
Die trockenen Yucca-Krümel werden als Fladen auf der Feuerstelle gebacken
Schutz unter dem Blätterdach, während der Himmel wieder seine Schleusen öffnet

Willian bereitet währenddessen aus Tomaten, Thunfisch, Limetten und Zwiebeln eine pikante Beilage zu. Der warme Fladen, wahlweise mit der Füllung oder einfach mit etwas Honig, stößt bei uns allen auf große Zustimmung. Keine Zusatzstoffe, keine chemische Verarbeitung. Super lecker und die außergewöhnliche Umgebung macht diesen Snack zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Danach hat der angesehene Dorf-Schamane Raphael seinen Auftritt. Wir dürfen ihn mit Fragen löchern und opfern Felix, einen unserer Truppe, für ein schamanistisches Ritual. In blauer Tunika und mit Wildschwein-/Jaguarzähnen und Papageienfedernkrone ausstaffiert, malträtiert der Heiler singend mit stacheligem Blätterwerk Felix nackten Rücken. Wir gaffen fasziniert mitleidig. Ihm wird hochoffiziell das Ende seiner Rückenschmerzen prophezeit (wahrscheinlich ist jetzt Hautausschlag sein größeres Problem), dann folgt Touri-Bespaßung in Form von Blasrohrschießen. Kann man mal machen.

Besuch des hoch angesehenen Dorf-Schamanen

Unsere Dschungeltage sind vollgepackt, es wird mächtig viel Programm geboten. Uns bleibt eine Stunde Verschnaufpause, dann geht es um 18 Uhr auf Nachtwanderung in die grüne Hölle. Mir schwant, jetzt kommt meine persönliche Dschungelprüfung! Wir legen am Ufer irgendwo im Amazonas an und befinden uns keine Minute später richtig tief drin im tropisch-schwülen Urwald. Zum Schutz vor Ameisen, die bereits an meinem Bauch krabbeln, ziehe ich meine Socken über die Hose, und schlüpfe zurück in die Gummistiefel. Werden schon nicht diese Killerteile sein und morgen ist mein Bauch taub! Die unzähligen Mosquitos sind so gierig und ausgehungert, dass jeder Mikromillimeter ohne Repellent, zum all you can eat happy-hour-Buffet erklärt wird. Permanent sauge ich kleine Fliegen in den Riechkolben. Die Stirnlampe ist jedoch unabdingbar, es ist stockfinster! Auch Willian warnt eindringlich: Jeder hat sein Licht an! Niemand verlässt den Pfad! Und keiner fasst auch nur irgendetwas an! Die giftigsten Schlangen sind am Boden. Das hier ist ernst, soviel ist klar.

Ehrfürchtig leuchte ich umher. Dann richte ich das Licht über meinen Kopf und mir haut’s schier den Mais vom Kolben. Meterlange, riesige Palmwedel wuchern wie ein natürliches Dach hoch über uns, alles wächst wild und unbändig. Der feuchte, matschige Boden scheint ein Turbo-Dünger für die Pflanzen zu sein.

Willian will wissen, ob die Tarantel daheim ist. Mein Zeichen, mich in den Windschatten der Gruppe zu verdrücken. Mit einem dünnen Stöckchen klopft der Dschungelguru an ein kleines Loch am Stamm. Nix passiert, dann erscheinen zwei dicke Beine. Der Rest des Spinnentiers schießt aus dem Loch. Wuuuäääääähhhhh!!!!! An welchem Atommeiler hat denn die geleckt?! ABER: Ich hab hingeguckt! Mich der Angst gestellt! Nicht weggerannt, nur bissi versteckt.

Das Urwald-Spinnenportfolio hält weitere Langbeiner parat: Wolfsspinnen, eine schneeweiße Spinne und ein richtig großes dünnes Vieh, das Willian auf die Hand nimmt. Stop! Will ich nicht sehen.

Und wenn man so gesellig beisammen steht, während der Adrenalinpegel unkontrolliert wie eine fehlgezündete Feuerwerksrakete gen Himmel steigt, könnte man doch zum romantischen Teil übergehen. Unser Dschungelchef findet es irre toll, dem puren Sound zu lauschen. Jetzt. Ohne Lichtverschmutzung. Stört die Konzentration, wenn man nur Lauschen will und die Tarantel auf der Giftschlange reiten sieht. Unbeweglich, wie die Perücke von Olivia Jones, stehe ich in der Finsternis. Den nervösen Finger am Lichtschalter, während die Stimme im Kopf die schrille Melodie der „Psycho“ Badewannen-Messerszene zum Besten gibt.

Ich sag nur: KRASSER SCHEISS!! Hosen vollgeschissen, aber durchgezogen! Bin ab sofort eins mit der Natur, quasi in Symbiose mit ihr verschmolzen.

Die Erleichterung ist greifbar, als uns der Urwald nach der Durchquerung wieder ausspuckt. „Cappy“ wartet bereits und bringt uns durch die Dunkelheit zurück zur Lodge. Nach dem Abendessen gibt’s für alle eine Runde Caiphis aufs Haus. Läuft mir heut Abend – im wahrsten Sinne des Wortes – überaus geschmeidig rein!

Der hübsche Geselle wohnt hinter der Holzverkleidung neben meiner Eingangstür

Auf dem Weg ins Zimmer flüstert der innere Kackbratzen-Psycho: „Haste gesehen, die Vogelspinne hing nicht an der Lodge. Wo die wohl sein mag?!“ Dafür hopst der Frosch wieder im Zimmer rum und als die Fledermaus zum dritten Mal über mein Bett segelt, schalte ich die Stirnlampe aus. Das Licht im Camp ist schon seit 22 Uhr erloschen.

Tag 3 // Frühschicht und Leibesertüchtigung

5:50 Uhr – Boppes ausm Bett, zack zack!
Kleider an, Vogelnest aufm Kopf gekämmt, Zähne geputzt und einen laukalten Instantpulverkaffee in den Schlund gekippt. Schlechtes Friedensangebot für den müden Kadaver.

Der Camp-Frühschicht wird heute ein Sonnenaufgang vorm Frühstück serviert. Das stand schon gestern auf dem Plan, da wären wir allerdings im Boot ersoffen, so sehr regnete es. Umso mehr genießen wir heute die Stille und die aufgehende Sonne im Nebel. In der Lagune beobachten wir die rosa Flussdelphine beim spielen. Grandios!

Kurz vor 8 Uhr sind wir zurück. Nach dem Frühstück bleiben wenige Minuten und schon hocken wir erneut in Poncho und Gummistiefeln im Boot. Es regnet und gewittert. Schöne atmosphärische Stimmung.

Nach dem Rumgeschipper der letzten beiden Tage, können wir uns heute endlich mal bewegen. Dschungelwanderung, yeah! Cappy setzt uns an einem Ufer aus und wir schlagen uns 3 Stunden durch die tropisch-vermappelte Pflanzenwelt.

Schlammschlacht bei der Dschungelwanderung

Ich fühl mich, als hätte ich Windpocken mit Flöhen. Die Mosquitostiche jucken wie die Sau.

Willian zieht wieder alle Register des botanisch-animalischen Entertainments. Wo der wieder Tiere ausgräbt und erspäht. Tukane, Eisvögel, einen Mini-Ameisenbären, Seqoia-Bäume mit Riesenwurzeln, Bäume aus deren Rinde (im Camouflage-Style) Chinin hergestellt wird, einen winzigen roten Frosch. Den Giftigsten übrigens, den es hier gibt. Wir sollen nicht dran lecken oder sein Sekret mit eigenem Blut in Verbindung bringen. Gut, dass er es erwähnt. War fast geneigt, die Zunge auszufahren… Wäre das Todesurteil. Einer der Bäume hat einen dünnen, schneeweißen Stamm. Seine Rinde sondert einen Schimmel ab, der Insekten tötet, die an ihm hochkrabbeln. Die trocknen regelrecht aus. Sachen gibt’s!

Der Boden ist extrem moorastig und lehmig. Bis über das Schienbein sinken wir im Mappel ein. Ich torkel umher, als hätte ich ne durchzechte Nacht hinter mir und stütze mich an einem Baum. Bekomme prompt die Lehre erteilt: Fass nix an! War ja die Ansage. Der Stamm hat Stacheln und ich einen blutenden Stich in der Hand.

Es stinkt gewaltig. Faulig.
Willian zieht seinen Stiefel aus einem dunkelbraunen Matschloch und hält ein Feuerzeug in den feuchten Schlamm. Sofort flackert eine bläuliche Flamme auf. Hier ist reichlich Methangas in der Erde. Unser kleiner Feuerteufel fackelt tüchtig weiter. An einem Baum pickelt er etwas Schwarzes von der Rinde und zündet es an. Das klamme Baumstück kokelt und qualmt. Es riecht nach einer Mischung aus Zedernholz und Weihrauch.

Nach 3 Kilometern mühsamer Schlammschlacht erreichen wir das Flussufer der anderen Dschungelseite. Im Gras liegt ein großes Kanu. Nix motorisierter Heim-Shuttleservice. Zur Lodge wird eigenhändig zurückgepaddelt. Mein Körper freut sich über die Leibesertüchtigung.

Nach dem Mittagessen ist heute längere Siesta-Zeit.
Die nächste Bootstour steht erst um 16:30 Uhr an. Der Buschfunk munkelt von einer weiteren Anaconda, die wollen wir suchen.
Wieder ist Paddeltraining angesagt. In den Bäumen beobachten wir umhertobende Totenkopfäffchen und werden von Affen beobachtet.

Dann steuern wir einen Baum im Wasser an. Zusammengerollt liegt darauf eine dicke Anaconda und chillt. Felix, ganz vorne im Kanu, wird unentspannt, da er den Würger gleich auf den Beinen liegen hat. Er bekommt unsere Handys und wird verdonnert, spektakuläre Nahaufnahmen zu machen.

Bis zum Sonnenuntergang wird gepaddelt, es gewittert die ganze Zeit. Natürlich schüttet es auch wieder ordentlich. Schnell den miefigen Gummiponcho drüber, bevor das Equipment nass wird. Einige der Truppe springen in die Lagune. Über uns grollt der Donner, während die Sonne sinkt und die Dunkelheit einbricht. Das Abendessen ruft, wir paddeln zurück.

Sonnenuntergang über der Lagunge

Heute Abend hat alles wieder seine Ordnung. Die Vogelspinne hängt an ihrem Platz, wohnt ja hier. Mit gebührendem Abstand und viel Überwindung wage ich mich näher ran. Willian beobachtet belustigt meinen Eiertanz. Ich drücke ihm mein Handy in die Hand, damit er ein Angeber-Foto für Familie und Freunde macht. Kann ich selbst nicht. Dazu müsst ich noch näher dran, noch genauer hingucken, geht nicht! Wahrscheinlich krieg ich jedesmal den ultimativen Schock, wenn ich unerwartet das Foto sehe im Handy sehe.

Die ansässige Lodge-Vogelspinne

Tag 4 // Vom Amazonas wieder ausgespuckt

Nach dem Frühstück müssen wir heute zurück in die Zivilisation. Der Abschied fällt schwer. Ich hätte ultra gerne weitere Tage dran gehängt.
Jetzt folgt das Einstiegsprogramm rückwärts. 2 Stunden Bootsfahrt zum Verladepunkt. 2 weitere Stunden Schaukelbus nach Lago Agrio und bis Mitternacht zum Ziel nach Baños. Dort wartet ein Bett im Dorm auf mich.

Schwerer Abschied vom Dschungelparadies und der Abgeschiedenheit

Mein Fazit: Ich würd’s wieder tun! Zweifelsohne! Es waren die mitunter spannendsten 4 Tage in meinem Leben. Lehrreich, tiefgründig, emotional, spaßig, gruselig, grandios… Auf dieses Erlebnis hätte ich niemals nie verzichten wollen. Jeder, der Natur und Tiere mag und die Chance hat, sollte sich auf das Abenteuer einlassen! Wenn ich an meine anfänglichen Zweifel denke, ich hätte es zutiefst bereut, es nicht zu machen. Deshalb, geht raus, seit mutig, verlasst eure Komfortzone! Lasst euch auf die Abenteuer ein, die die Welt parat hält! Und genießt sie in vollen Zügen!

(Teil 8 folgt)

Welche Dschungelerlebnisse hattet ihr schon? Was waren eure größten Herausforderungen und was hat das mit euch gemacht? Euch wie verändert? Was war für euch das Faszinierendste, das Beängstigendste? Erzählt es mir oder lasst einen Kommentar hier. Ich bin gespannt auf eure Geschichten!

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 6: Baños – Hüpfburg für Adrenalinjunkies

23. / 25. November 2019

Vamos al Baños oder wie ich es zur unabwendbaren Vorweihnachtsbedrohung nenne: Die Après-Skihütte Ecuadors. Baños ist das pure Leben! Musikalisch, farblich, sportlich, abenteuerlich. Es saugt dich ein, nudelt dich einmal ordentlich durch und spuckt dich – vollgepumpt mit Endorphinen – wieder aus.

Bei leichtem Nieselregen trudeln wir mit Wanderbus abends in dem quirligen Ort ein. Von rund 3.900 Höhenmetern in Quilotoa auf gerade mal noch 1.800 Metern. Das erste Gefühl, beim Verlassen des Busses: Wärme! Sommer!! Ähh neee, doch nicht. Überall Weihnachtsklimbim, sogar die Straßenlaternen zieren überdimensionale rot-weiß geringelte Zuckerstangen. Ich schultere meinen Rucksack und blicke kopfschüttelnd einem grell beleuchteten Bähnchen mit Partyvolk hinterher, welches mit dröhnender Musik vorbeifährt. Das komplette Kontrastprogramm zum beschaulichen Quilotoa.

3 1/2 Stunden hat die Fahrt gedauert. Wir möchten schleunigst ins Hostel und duschen. Der ganze Schweiß, Staub und Bapp vom Serpentinenaufstieg am Morgen (s. Bericht Teil 5) klebt noch an mir.

Christina, unsere heutige Wanderbus-Beauftragte, schickt der Himmel. Eigentlich schickt sie ihre Freundin Hayde (die sich gestern um uns kümmerte und mit der ich seitdem in Kontakt stehe). Hayde hat in Baños für Nicole (meine Reisebegleitung seit einigen Tagen) und mich bereits Zimmer zu super Preisen reserviert. Christina soll nun checken, dass alles seine Richtigkeit hat, flüstert diese mir vertraulich zu, als sie uns mit Carlos durch das bunte Halligalli zur Unterkunft begleitet. Carlos hat sich bei unserer Ankunft im Wanderbus vorgestellt. Er betreibt hier eine Agentur für Ausflüge. Auch ihn hat Hayde schon auf uns angesetzt, weswegen er und Christina sich nun für uns deutsche Gringas verantwortlich fühlen. Ich bin gerührt.

Die zwei begleiten uns bis in die Zimmer, um sich zu versichern, dass wir wirklich zufrieden sind. So etwas habe ich noch niemals nicht erlebt. Nach Dankeshymnen meinerseits und ersten Infos von Carlos verabschieden wir uns von den beiden. Mit Carlos haben wir uns für den nächsten Morgen verabredet.

Frisch geduscht stürze ich mich mit Nicole ins Nachtleben. So ähnlich muss es am Ballermann zugehen! In der Szene-Straße reiht sich Kneipe an Kneipe, überall wummert Mucke aus den Boxen durch die Straße. Vor den Türen stehen überwiegend junge Menschen, es wird ausgelassen getrunken und gefeiert. Wir machen es uns in einem Baumhaus-Pub gemütlich und ordern Caiphis.

Buntes und lautes Nachtleben in Baños

Stunden später kommen wir in unsere Unterkunft zurück. Offensichtlich ein ziemlich religiöses Haus. Das zeigt nicht nur der vollgehängte Weihnachtsbaum und das Krippenspiel an der Rezeption. Nee, überall hängen Gemälde mit des Lattengustl’s Konterfei. Bis zu unseren Zimmern im 4 Stock, bin ich auf jeder weiteren Etage mehr und mehr dazu geneigt, mich vor den Bildern zu bekreuzigen und weiter auf Knien die Treppe hinaufzurobben. Dank den verköstigten Getränken wahre ich jedoch die Contenance.

Weihnachtskrippe und eines der unzähligen Heiligenbilder

Nach dem Frühstück (Highlight: Frisches Obst und lecker frischgepresster Saft // Lowlight: Kaffee besteht aus heißer Milch mit Instant Pulver) steht Hausarbeit auf dem Plan – Dreckwäsche. Mit unserem Klamotten-Stinkesack stürmen wir die Wäscherei gegenüber. Ich hoffe, der guten Frau kappt es beim Öffnen des Wäschesacks nicht die Sauerstoffversorgung. Arbeit erfolgreich delegiert, nix wie los.

Im Partybus der musikalischen Verzweiflung

Wir laufen zu Carlos in die Agentur. Keine 5 Minuten später drückt er uns Tickets in die Hand und schiebt uns in den Doppeldeckerbus zur Sightseeing- und Adrenalinjunkie-Tour. Wir hatten ja keine Ahnung, worauf wir uns da einlassen…

Wir hocken „oben ohne“ im Bus und lassen uns von der Sonne bescheinen. Will heißen, das Vehikel hat kein Dach – bevor gleich das unseriöse Fantasienkarusell Runden dreht! Der Bus tuckert zunächst durch die schmalen Gassen des Ortes. Überall sind die Wände bunt bemalt, was ich wunderschön finde.

Dann geht es vorbei an der kleinen Parkanlage mit der Basilika und den typischen Süßigkeitenständen weiter zu dem hohen Wasserfall am Rand des Zentrums. Die Erklärung zu den Sehenswürdigkeiten gibt es leider ausschließlich auf Spanisch. Lässt mir umso mehr Spielraum für eigene geistige Kreativität, daran mangelt es ja nicht.

Park mit der Basilika im Zentrum von Baños
Jede Menge Süßigkeiten, auch dafür ist Baños bekannt
Stadtleben und im Hintergrund einer der vielen Wasserfälle

Dazwischen dröhnt „das Schlechteste der 90er in Technoform“ aus den Boxen. Wirklich ganz übel! Selbst vor musikalischen Niederträchtigkeiten wie „Eins, zwei Polizei“ wird nicht zurückgeschreckt! Nicole und ich tauschen entsetzte Blicke. Peinlich berührt, überlege ich, im Bus ab sofort meine Landessprache zu verweigern.

Als irgendwann „Moskau“ durch die Lautsprecher tönt, geht der Gaul der Verzweiflung mit mir durch. Ich kapituliere und singe Nicole laut ins Ohr.

Der Partybus hält am Parque Aventura San Martin. Hier wird einige Zeit verdödelt, damit alle (Zahlungs-)Willigen über eine Schlucht ziplinen oder eine Hängebrücke überqueren können. Erscheint uns wenig spektakulär.

Wasserfälle und Adrenalin intravenös

Der Agoyan Wasserfall ist hingegen wesentlich beeindruckender. Er ist mit 61 Metern der Höchste der Anden Ecuadors. Genau genommen sind es zwei Wasserfälle, die wir von dem gegenüberliegenden Parkplatz aus bestaunen.

Agoyan Wasserfall vom Parkplatz aus

Bei einem weiteren Stop an einer schmalen Pflastersteinstraße, deutet unser Guide ehrfürchtig auf die Felswand. Ich glotze debil die Struktur an und wundere mich, warum alle Fotos machen und sich in völliger Hingabe befinden. Die fragwürdige Begründung – nun ja, lassen wir das. Vor uns offenbart sich – angeblich – das Antlitz Jesu Christi. Der hat da mal gepflegt seine Silhouette in den Fels getackert. Ich erkenne nix, gehöre allerdings auch zur Fraktion der Ungläubigen. An Jesus kommt man in Baños halt nicht vorbei, der guckt dich von überall aus an. Ein wenig wie Big Brother…

Weiter geht’s zum nächsten Adrenalin-Event. Mir persönlich reicht dafür ja schon die Busfahrt! Hinter einer ziemlich schmalen Brücke hält der Bus an einem Canyon und prompt gerät Nicole in Verzückung. Mit leuchtenden Augen lässt sie sich in eine Kugel schnallen, um darin über den Abgrund zu schwingen. Hier wurde ordentlich was für die Kick-Suchenden hingezimmert! Ziplines, an denen man in Bauchlage vogelähnlich die Schlucht überfliegen kann, die um sich selbst drehende Kotzkugel und allerlei masochistisches Schwingpendelrunterfall-Gedöhns. Die intravenöse Adrenalin-Injektion kostet, die Krankenkasse zahlt nicht, dafür aber der Touri. Das Konzept geht auf.

Ziplining, Canyope, Bungeejumping, Kotzkugel, Mountainbiken – unbegrenzte Möglichkeiten für Kicksuchende

Ich verweigere und dokumentiere von der benachbarten Brücke aus Nicole’s Flugshow auf Fotos und Videos. Ich steh nämlich so gar nicht auf runterfallen, rumfliegen oder mit schneller Geschwindigkeit wegkatapultiert werden. Als Kletterer kenne ich meine hinderliche Sturzangst zu gut und hier werde ich ganz sicher nicht mit Falltraining beginnen!

Die fahrbare Love-Parade bringt uns weiter zum Cascada el Manto de la Novia. Ein weiterer hoher Wasserfall, an den man in einer Gondel ganz nah ranfahren kann.

Abenteuer in grandioser Natur

Offensichtlich hat die allgemeine Zahlungswilligkeit nachgelassen. Der Großteil ist adrenalinsatt, so dass der Halt recht kurz ausfällt. Nichts desto trotz, die Landschaft ist toll!

Naturspektakel Cascada Pailon del Diablo

Unser letztes Ziel ist mein persönliches Highlight: Der Cascada Pailon del Diablo in Rio Verde. Der kann was! Am Parkplatz schmeißt man uns raus und räumt uns 30 Minuten ein. Hää?! Ich will es nicht glauben! Stundenlanges Schluchtenschleudern an Draht und jetzt – an einem wirklich atemberaubenden Naturspektakel – dürfen wir gerade mal noch ne halbe Stunde? Pffff!

Am Eingang zum Pailon del Diablo

Flott zahlen wir ein kleines Eintrittsgeld und laufen durch die botanische Klamm. Hat man die wackeligen Hängebrücken überquert, ist das Tosen des Wasserfalls zu hören. Als ich ihn sehe, stockt mir der Atem. Bombastisch! Über unzählige Treppenstufen schlängelt sich ein steinerner Weg zu dieser unbändigen Wassergewalt in die Schlucht hinab. Ich habe schon viele, viele Wasserfälle gesehen, aber dieser ist wirklich beeindruckend. Der Regenbogen, den die Natur zeitgleich hingepinselt hat, macht das Kitschfoto geradezu übertrieben perfekt.

Die Zeit drängt, wir müssen leider zurück. Als Trost versüßen wir uns die Rückfahrt mit mega leckeren Fruchtbechern.

Yummie! Die Wassermelone gehört mir!

Nach 4 Stunden musikalischer Grenzgänge in Dauerschleife (bestehend aus 5 oder 6 unterschiedlichen Liedern), sind Ohren und Hirn froh, den Bus zu verlassen. Meine Nerven schreien nach Koffeein!

Das Programm geht weiter

Ich möchte unbedingt zum Baumhaus Casa del Arbol und Carlos hat natürlich gleich das passende Programm am Start.

Ursprünglich war das Baumhaus eine Erdbebenwarte, um den (sehr) aktiven Vulkan Tungurahua zu überwachen. Dann hatte vor langer Zeit ein älterer Mann an das Baumhaus eine große Schaukel für seine Kinder gebaut. Der Zufall brachte irgendwann einen Fotograf der National Geographic dorthin, sein Foto ging um die Welt und schwuppdiwupp wurde das Casa del Arbol zum ultimativen Touristenmagneten. Bereits daheim habe ich verzückt die Fotos der in den Abgrund schaukelnden Reisenden bestaunt. Nicole lässt sich von meiner Begeisterungsrede sofort anstecken.

Zwei Stunden Pause, bis es weiter geht. Wir verbringen sie auf die sinnvollste Weise und fleetzen uns mit einem Kaffee auf eine Bank im Park. Tatsächlich haben wir (Tipp von Carlos) ein sensationell gutes Café gefunden, mein Gaumen eskaliert vor Freude.

Um 16 Uhr steigen wir in die Party-Bimmelbahn. Die Musik ist zwar nicht minder laut, dafür deutlich erträglicher. Das Bähnchen tuckert uns einen endlosen Berg in Runtun hinauf. Die Temperaturen werden deutlich kühler.

Das ganze Areal, bei dem wir ankommen, ist ein einziger Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Gerade mal 1 Dollar kostet der Eintritt zum Casa del Arbol. Überall blühen prachtvolle Blumen, in überdimensionalen Lettern prangt „Baños“ vor einer Bergkulisse. Besucher schaukeln, balancieren auf Holzpfählen, rutschen oder düsen mit Ziplines über die Wiesen.

Baumhaus Casa del Arbol im Blütenmeer

Die Schaukel am Ende der Welt

Das ultimative Highlight ist zweifelsohne die riesige Schaukel, wegen der wir hier sind. Auf einer Höhe von 2.600 Metern hievt man den Hintern auf die Holzbretter, bekommt eine pseudo Sicherheitsstrippe um den Bauch und wird von einem Mitarbeiter mit einem ordentlich Schups in die Freiheit entlassen. Das Gefühl ist krass! Mit einem schier endlosen Pendler fliege ich über den dschungelartigen Abgrund, unter Füßen und Hintern mächtig viel Luft. Und vor den Augen der mächtige Vulkan Tungurahua mit 5.016 Metern Höhe. Ich werde erneut kräftig angestupst und kralle mich in der Schaukel fest, mit dem Gefühl, gleich rauszurutschen. Der dritte Schwinger gibt mir den Rest. Mir zieht es von den Zehenspitzen in den Magen, ich schnappe nach Luft und mir wird übel. Beim Rückflug Richtung meines Antreibers presse ich „Stop, stop, not more“ raus und schon hängt der Arsch wieder über dem grünen Schlund. Pressatmung, auspendeln, dann zittere ich aus der Adrenalin-Liane raus. Tja, blicken wir den Tatsachen ins Auge; ich bin ein Riesen-Schaukel-Weichei. Als Kind konnte ich nicht genug davon bekommen. Das hier ist definitiv ein anderes Kaliber. Aber cool war es trotzdem…

Zipline und Schaukeln auf 2.600 Metern Höhe
Blumenpracht vor dem Vulkan Tungurahua

Weiterfahrt zu dem nächsten Adventure-Park, der Abenteurer glücklich macht. Es dämmert und inzwischen ist es kalt geworden. Ich verziehe mich mit ein paar netten Mädels aus der Bahn ins warme Innere einer urigen Holzhütte. Wir schlabbern gemütlich Canelazos, während sich Nicole ins Geschirr schmeißt, um sich mit Hingabe den gewaltigen Abhang runterzustürzen. Jedem das Seine…

Um 19:30 Uhr trudeln wir wieder im Ort ein. Auf den letzten Programmpunkt „Besichtigung der Süßigkeitenmanufaktur“, hat keiner mehr Lust. Ganz schön anstrengend, solch hochdosierte Touristenbespaßung! Morgen muss das Kontrastprogramm her!

Loma Chontilla oder Latschen bis die Socken qualmen

Am nächsten Morgen gibt’s Frühstücks-Besuch von Carlos. Wie alte Freunde hocken wir gemütlich bei einem Kaffee zusammen und quatschen über den Tagesplan. Ich will den Loma Chintilla (Las Antenas) überqueren, verkünde ich. Reiseführer und Internetquellen geben allerdings kaum Infos. Carlos aber, er erklärt uns den Startpunkt. Nicole zweifelt noch, lässt sich von der vagen Reiseführer-Beschreibung „eine leichte 2,5 Stunden Wanderung“ dann aber überzeugen.

Bevor es losgeht, stärken wir uns mit einem frischen Saft aus der Markthalle

Einmal quer durch den Ort gelatscht, starten wir vormittags an der San Fransisco Brücke die Wanderung. Auch hier gibt es ein Adrenalin-Angebot, denn die sehr hohe Brücke von Baños De Agua Santa ist beliebt und bekannt unter Bungee Jumpern.

Bunte Mauer entlang des Weges nach der San Fransisco Brücke

Ab hier ist der Weg erst einmal nicht zu verfehlen. Pflastersteine führen kontinuierlich Bergauf, eine gewisse Grundkondition ist durchaus hilfreich. Je höher wir kommen, desto beeindruckender wird die Aussicht. Unter uns liegt die Schlucht des Rio Pastaza.

Wir gewinnen an Höhe mit Blick auf den Rio Pastaza

Schier endlos folgen wir dem Anstieg, vorbei an den Bauernschaften Illuchi Bajo und Illuchi Alto. Hier sind kaum Menschen, nur ein Auto fährt gelegentlich vorbei. Uns läuft die Brühe und Nicole’s Spaßlevel nimmt nach jeder weiteren Kurve prozentual im Verhältnis zur steileren Strecke ab.

Ich kann es auch nicht mehr mit „wir sind gleich oben“ schönreden. Laut Mapsme zeigt das Display, dass wir irgendwo im nirgendwo rumdriften. Der Gipfel „Las Antenas“ liegt in der Ferne…

Die Latscherei an sich ist wenig spannend. Dafür aber die Aussicht und die Landschaft. Es gibt nur vereinzelte Höfe mit großen Plantagen. Bananenstauden, so weit das Auge reicht, Gummibäume, Benjamini-Büsche, wilde Weihnachtssterne, Papaya- und Eukalyptus-Bäume. Gegenüber hängen die Wolken im Vulkan Tungurahua und unten im Tal tost der Wasserfall. Es ist eine Pracht.

Tree-Tomato Plantage, eine sehr leckere und vielseitige Frucht

Ich frage eine Farmersfrau, deren Kind uns aus großen, verschüchterten Augen anblickt, ob es noch weit zu Las Antenas sei. 15 Minuten, antwortet sie freundlich.

20 Minuten später ist noch immer kein Gipfel in Sicht. Die nächste Bäuerin, die selbe Auskunft: 15 Minuten. Hmmmm… da stimmt etwas nicht mit der hiesigen (oder unseren) Zeitrechnung. Wir sind doch nicht versehentlich rückwärts gelaufen?!

Bergab steigt die Laune

Tatsächlich kommen wir irgendwann auf über 2.500 Metern, genau genommen nach 700 durchschwitzten Höhenmetern, an einer abgeranzten ehemaligen Gaststätte an. Ein Pfad führt Richtung Satelitenmast hinab. Den nehmen wir! Einen Kaffee hätt ich übrigens auch genommen…

Der erste Wegweiser, der in die wildgewucherte Pampa führt, lässt uns frohlocken und jubilieren! Wir sind richtig. Prompt steigt das Stimmungsbarometer der Erleichterung! Der Abstieg schmeckt nach Abenteuer und macht richtig Laune. Schweißtreibend bleibt es weiterhin, die Sonne brezelt erbarmungslos auf die Haut. Wir können kaum ausreichend Sonnenschutz auf die Kadaver schmieren.

Durch die Pampa geht es zurück in die Zivilisation

Die spärlichen Fressvorräte sind längst weggefuttert, der Wasserstandsmelder der Trinkflasche hängt im roten Warnbereich. Nach 4 Stunden, oder umgerechnet 11 Kilometern, erreichen wir die Zivilisation, Lligua. Keine Motivation, weitere 3 Kilometer an der Straße zurück nach Baños zu tappen…

Streckenverlauf der Wanderung Loma Chontilla

Zwei ältere Herren, die gesellig an der Bushaltestelle verweilen, erklären, von hier fährt kein Bus nach Baños. Hmpf…

Als hätte das Universum nix besseres zu tun, als unsere noch nicht einmal abgeschickte Bestellung prompt auszuliefern, kommt ein Taxi angerauscht. Ohne zu zögern stürzen wir auf die Straße und halten den Fahrer an. 10 Minuten später sind wir im Hotel.

Die Wanderung war ein herrlicher Baños-Abschluss und ist gleichzeitig der Abschied von Nicole. In wenigen Stunden trennen sich leider unsere Wege. Sie reist morgen mit Wanderbus weiter. Für mich geht es heute Abend mit dem Nachtbus nach Lago Agrio.

Nach langem Hadern und psychologischer Selbstanalyse, habe ich mich gegen meine Spinnenphobie und für das Abenteuer Dschungel entschieden. Carlos hat alles organisiert und für mich in die Wege geleitet. Der Nachtbus sowie der weitere Transfer zur Lodge, das 4 Tage Dschungel-Komplett-Paket sind gebucht. Sogar ein spottbilliges Bett im 7er Dorm (ich komme in 3 Nächten erst um Mitternacht nach Baños zurück) waren wir bereits persönlich reservieren. Ich bin ihm unendlich dankbar für seine Hilfe. In wenigen Stunden geht es los und ich bin mächtig gespannt.

Welche Erlebnisse und Herausforderungen der Dschungel so parat hält, erzähle ich euch im nächsten Teil. Soviel sei aber bereits verraten: Meinen Ängsten muss ich mich stellen!

(Teil 7 folgt)

Seid ihr Adrenalinjunkies? Was war euer Highlight diesbezüglich? Wart ihr vielleicht selbst schon beim Baumhaus Casa del Arbol? Oder wollt ihr im Urlaub einfach eure Ruhe und am Strand liegen? Wenn ihr möchtet, schreibt mir eure Erlebnisse hier in die Kommentare, ich bin sehr gespannt!

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 5: Spirituelle Zeremonien, Canelazo por favor und die Pablos von Quilotoa

22. / 23. November 2019

„Nacken des Mondes“, so lautet die klangvolle Übersetzung des Berges Cotopaxi. Mit Nicole (die ich auf der Reise kennenlernte) warte ich auf dem Parkplatz zum Südeingang des Cotopaxi Nationalparks auf den Wanderbus. Er rollt pünktlich um 11:30 Uhr an und heraus springt eine kleine, quirlige Ecuadorianerin namens Hayde. Sie ist unser Guide.

Mit einem weiteren Pärchen sind wir heute zu viert, eine überschaubare Reisegruppe. Für Nicole und mich wird es auch nur eine kurze Fahrt, wir steigen bereits am nächsten Stop in Quilotoa aus und bleiben dort über Nacht.

Kreisverkehr der Regentänze

Kurzzeitig hege ich Zweifel, unversehrt und mit allen Extremitäten in Quilotoa anzukommen. In Pujili fahren wir durch einen Kreisverkehr, in dem riesige bunten Figuren stehen. Heyde erklärt die Bedeutung, nämlich dass die Figuren für Regen tanzen. „Sehr erfolgreich, wie man sieht“, werfe ich ein. Hayde lacht und möchte ein Gruppenfoto. Mit uns im Kreisverkehr. Auch der Wanderbus parkt mitten in selbigem. Priiiima Idee und ein hervorragender Platz für eine „Totgefahrene-Touris-Fotostrecke“, verkünde ich meine Bedenken. Hayde lacht noch mehr, lässt sich allerdings nicht von ihrem Vorhaben abbringen, das kulturelle Besichtigungsprogramm für die Nachwelt zu dokumentieren.

Spoiler: Zu meiner Überraschung überleben wir und behalten alle Gliedmaßen.

Überleben in der Todeszone des Kreisverkehrs

Unterwegs zeigt sich wieder das unberechenbare Ecuador-Wetter. Mit T-Shirt sitzen wir bei strahlendem Sonnenschein im Bus. Schlagartig wird es düster, kalt und dann hagelt es so heftig, dass binnen weniger Minuten eine dicke, weiße Schicht die Straße bedeckt. Fahrer Carlos zeigt sich unbeeindruckt. Er heizt munter weiter. Irgendwie sind hier alle Fahrer schmerzfrei. Mein krankes Kopfkino spielt Fahrstunden-Szenarien ab: Fahrlehrer: „So, jetzt treten Sie mal anständig aufs Gas. Auf Geschwindigkeitsbegrenzungen kann man locker 20 km/h draufpacken. Und nicht so zimperlich in die Kurven, Weichei! Zu Recht hat der Hintermann seit 15 Minuten die Lichthupe an! Caramba!“

Kulinarische und musikalische Kuriositäten

Bevor wir am Ziel ankommen, ist Fütterungszeit. In einer urigen Hacienda wartet bereits ein 3-Gänge-Menü. Mein absolutes Highlight ist der frischgepresste Sternfruchtsaft, göttlich! Zur Suppe wird Popcorn gereicht, für uns crazy, gehört hier aber so. Die Locals lieben Popcorn in der Suppe.

Saft aus Sternfrucht und Popcorn in der Suppe

Zum Essen gibt es in voller Lautstärke TV-Folklore auf die Lauscher. Hochmotiviertes Trachtenvolk musiziert mit allerlei Instrumenten zu überschwänglichem Gesang. Ungefiltert bohrt sich die Hansi-Hinterseher-Beschallung optisch-akustisch durch Augen und Ohrmuscheln in das Gehirn.

Lautstarkes Folklore TV in der Hacienda

Der pittoreske Ort Quilotoa liegt auf knapp 4.000 Metern und obwohl sich viel im Bau befindet, ist es dennoch traditionell. Fast entsteht der Eindruck, man bereite sich allmählich auf Touristen vor. Kleine Souvenirläden verkaufen bunte Mützen, Schals und Ponchos. Am Straßenrand werden gegrillte Kochbananen mit Käse angeboten und es brutzeln Cuys (Meerschweinchen) auf dem Rost.

Ursprünglichkeit, Spiritualität und Tradition

Frauen mit markanten Gesichtern tragen ihre langen, pechschwarzen Haare zu Zöpfen, haben Filzhüte auf und farbige Röcke, Strumpfhosen und Pochos an. Mich erstaunt, wie dezent die Menschen in Ecuador sind. Gar nicht so, wie man es sich in Südamerika vorstellt. Die Indigenen sind freundlich, aber leise, distanziert und zurückhaltend. Ein schönes Bild, wie die Frauen ihren Nachwuchs, gehüllt in bunte Tücher, auf dem Rücken tragen und ein kleines Köpfchen mit viel Haar rauslugt. Ich fühle mich wie der einzige Touri unter Einheimischen und in eine andere Zeit versetzt. Die Menschen, ihre Ausstrahlung und ihr Stolz faszinieren mich.

Hayde führt uns eine Anhöhe hinauf und uns bleiben die Münder offen stehen. Unter uns liegt eine gigantische Lagune, deren Wasser intensiv leuchtet.

Laguna Quilotoa, ein ganz besonderer Ort

Die Einheimischen sind sehr spirituell und erdverbunden. So lädt uns Hayde zu einer kleinen Zeremonie ein. Am Boden laufen wir ein aufgemaltes, eckiges Symbol entlang, während Hayde uns sehr ausführlich die Bedeutung des Rituals erklärt: Jede Ecke steht für eines der wichtigsten Tiere des Landes – Puma, Condor und Anakonda. Die Himmelsrichtungen stehen für die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft. Eine weitere Ecke vereint die wichtigen Werte, nicht lügen, nicht stehlen etc.) Als wir am Ende in die Mitte treten, sollen wir uns 3 Wünsche überlegen oder was wir in unserem Leben ändern möchten. Schenkt man dem Glauben, kommt die Energie von Erde und Himmel, die Kraft dazu von den Elementen. So die grob übersetzte Kurzfassung…

Hayde erklärt uns die Bedeutung des Rituals, das die Kraft der Elemente vereint

Ein Stück weiter halten wir am Rand des Abgrunds an und Hayde fragt, ob wir für eine kleine Meditation bereit wären. Wir nicken. Sie träufelt uns eine duftende Essenz aus Orchideen und diversen Blüten in die Hände. Wir schließen die Augen, während sie auf einer Holzflöte eine Melodie spielt.

Ich bin wahrlich kein religiöser oder hochspiritueller Mensch, verschließe mich aber auch nicht vor derart „überirdischen“ Dingen und respektiere sie. Energie aus der Natur ziehen, oh ja, das funktioniert bei mir. Deshalb bewerte oder hinterfrage ich die Sinnhaftigkeit solcher Rituale auch nicht, sondern genieße einfach das Hier und Jetzt. In dieser atemberaubenden Landschaft zu stehen, all das erleben zu dürfen, zu reisen – reine Dankbarkeit und Glückseligkeit ergreifen mich in diesem Moment und treiben mir Tränen in die Augen. Es sind genau diese Augenblicke, die im Gepäck mit nach Hause reisen und die man nicht vergisst…

Wanderbus zieht weiter. Schweren Herzens verabschiede ich mich von der liebenswerten Hayde. Es war zwar ein kurzes, aber inniges Kennenlernen und sie wird auf meiner weiteren Reise und darüber hinaus mit mir verbunden bleiben, was ich jetzt noch nicht ahne.

Nicole und ich laufen die Straße zu unserem Hostel hinab. Die Chefin des Hauses spricht ausschließlich Spanisch, wundert mich nicht mehr… Jede von uns bezieht ein riesiges Zimmer mit jeweils 2 großen Betten und einem Ofen darin. Irgendwie gibt es Missverständnisse bei der Reservierung, wir hätten ja locker ein Zimmer teilen können. Das bekomme ich der kleinen Dame auf Spanisch aber leider nicht beigeweicht. Sei’s drum, sicherlich ist sie um jeden zahlenden Touristen froh, denn ausgelastet ist das Hostel nicht.

Unsere Unterkunft, Hosteria Alpaka Quilotoa

Shalala oder „oh wie schön ist Quilotoa“

Bevor die Sonne untergeht, machen Nicole und ich noch einen Nachmittags-Hike. In stetigem Auf und Ab wandern wir den Weg entlang zur Aussichtsplattform Shalala. Schwimmen kann man in dem Kratersee übrigens nicht. Das mineralhaltige Wasser würde die Haut völlig austrocknen.

Unten rechts unser Ziel; die hellbraune Aussichtsplattform Shalala
Mitten in der Natur und Sicht auf den 3 Kilometer breiten Kratersee

Wir haben Gesellschaft von einem Hund. Er weicht uns knapp 7 Kilometer nicht von der Seite. Die Landschaft ist zutiefst beeindruckend und die Aussicht überragend. Immer wieder bleiben wir sprachlos stehen, machen Fotos und genießen die Schönheit, die uns umgibt.

Gigantischer Weitblick und grenzenlose Freiheit

Gerade noch rechtzeitig vor Anbruch der Dunkelheit kehren wir zurück ins Dorfzentrum.

Besuch von Pablo

Nach einer heißen Dusche fleetzen wir uns mit einem wärmenden Tee in den riesigen Aufenthaltsraum zur Hausherrin auf die Sofas. Still lächelt sie uns an. Voller Ruhe fackelt sie eine Holzlatte in einem für den großen Raum viel zu kleinen Kaminofen ab. Die Wärme verpufft bereits auf dem kalten Weg zum Sofa.

Der Versuch, etwas Wärme in den großen Raum zu bringen

Nicole hat eine Katze in ihrem Schoß liegen. Sie bittet mich, unsere Gastgeberin nach dem Namen des schnurrenden Tieres zu fragen. Das krieg ich mit meinem Spanisch hin. Lächelnd kommt leise die Antwort „Pablo.“

Im Augenwinkel sehe ich einen Schatten auf dem Boden. Dann hoppelt ein Kaninchen vorbei und springt aufs Sofa. Nein, es ist nicht weiß und NEIN, ich habe keinen Alkohol getrunken. Ich zeige lachend auf den Hasen und erfahre, dass er hier wohnt. Ebenso wie der Kater, zwei Hunde und noch Meerschweinchen. Das Kaninchen heißt übrigens auch Pablo.

Wie gerne würde ich mit der freundlichen Frau erzählen. Wieder mal ärgere ich mich über mein schlechtes Spanisch. Es ist so schade, sie weiß sicherlich viele interessante Dinge über das Land und die Menschen hier. Eine kleine Unterhaltung über ihre Familie und klappt dann immerhin, bevor sie sich für die Nacht verabschiedet.

Völlig durchgefroren, ziehen auch wir uns in die Gemächer zurück. Nachtruhe ist allerdings erst mal nicht. In meinem Zimmer hockt, zwischen meinem Rucksack, den Schuhen und dreckigen Wanderhosen, Pablo. Mit seinen langen Löffeln mustert er mich unbeeindruckt.

Pablo hat es sich zwischen meinem Gerümpel gemütlich gemacht

Kurz überlege ich, ihn als Wärmflasche umzufunktionieren, entschließe mich dann aber, ihn rauszuwerfen. Da habe ich die Rechnung allerdings ohne Pablo gemacht, dem gefällt’s nämlich hier und er flüchtet unters Bett. Geschlagene 20 Minuten dauert es, bis er aus dem Zimmer hoppelt. Ich lache immer noch, als ich im Bett liege.

Am nächsten Morgen machen wir uns, nach einem leckeren Frühstück (Kaffee und Wassermelone, es kann nicht mehr besser werden), zu dem sich auch Hase Pablo gesellt, nochmals auf zur Laguna Quilotoa.

Gekommen um zu wandern

Das illustre Wandervolk kommt hier sowas von auf seine Kosten. Hat man sich am Eingang registriert, gibt es die Wanderung Quilotoa Loop, die rund 11 Kilometer (mit einigen Höhenmetern) komplett um die Lagune führt. Oder man macht die Variante, die wir mangels Zeit wählen und begibt sich den Serpentinenpfad zum Ufer hinab. In unserer Vorstellung sitzen wir nachher genau dort, chillend und Käffchen trinkend.

Die Serpentinen durch den tiefen Sand hinab – und hinauf

Die Ernüchterung kommt mit der Ankunft am Ufer. Hier ist nix. Mal abgesehen von einem Maultier- und Kanuverleih (letzterer nicht wirklich frequentiert). Und irgendwie sah es von oben alles spektakulärer aus. Dafür ist’s kein Touri-Hotspot, rede ich es mir schön. Okay, trockene Baustelle, wir begnügen uns mit unserem Wasser und ner kleine Pause, bevor die 370 Höhenmeter wieder aufwärts geömmelt werden.

Am Ufer der Laguna Quilotoa

Nicole beschließt, einen Muli rauf zu nehmen. Währenddessen stiefel ich schon mal los. Von den entgegenkommenden Leuten werde ich verwundert und erstaunt beäugt. Versteh ich gar nicht. Irgendwie läuft aber niemand nach oben. Zugegeben, es ist steil. Teils sehr steil. Weil der Sandboden richtig tief ist, laufe ich den Weg – soweit es möglich ist – über die schmale Steinmauer hinauf. So finden die Füße besser Halt.

Alternative zum Selberlaufen. Für 10 Dollar läuft und trägt das Lastentier
Farbkontrast in Alpaka-Form

Ich buche das Spektakel unter „schweißtreibendes Bergtraining“ ab, als ich feuchtfröhlich oben ankomme. Zeitgleich mit Nicole und ihrem schnaufenden Träger.

Schweißtreibend! Kurze aber knackige 370 Höhenmeter durch tiefen Sandboden und über die Steinmauer

So, können wir jetzt zum chilligen Teil übergehen?

Cappucchino vs. Canelazo

Im Ort finden wir ein gemütliches Café, in dessen Karte auch der sagenumwobene „Canelazo“ steht. Wir knallen uns in die Sonne und gönnen uns erst mal einen Cappucchino.

Cappucchino-Break mit Nicole

Jetzt müssen wir unbedingt das ecuadorianische Nationalgetränk testen! Ich habe schon davon gelesen und Nicole mit meiner Schwärmerei angefixt. Wir ordern „dos Canelazos con alcohol“ und schwuppdiwupp, steht ein orangefarbenes, wohlduftendes Gebräu vor uns, in dem sich Zimtstangen, Nelken und Naranjilla-Stücke tummeln. Daneben ein Schnapsglas, dessen Inhalt wir in das Heißgetränk kippen. Was soll ich sagen? Wär’s kalt gewesen, uns wär’s warm geworden! Aber auch, oder vor allem in der Sonne schmeckt’s gar köstlich!

Nationalgetränk Canelazo mit Schuss – macht nicht nur das Lama happy

Um 16 Uhr wird uns der Wanderbus einsammeln. Wir nutzen die Zeit also sinnvoll und passen uns den Traditionen und landestypischen Gepflogenheiten an. In diesem Sinne: „Dos Canelazos con alcohol mas, por favor.“ Auch mein Spanisch wird zusehends souveräner. Den zweiten Ecuador-Glühwein trinken wir, mangels Sonne, drinnen am knisternden Kaminfeuer. Fast kommt Weihnachtsstimmung auf, bei dem Getränk und dem geschmückten Tannenbäumchen.

Weihnachtsstimmung vorm Kamin mit Ecuador-Glühwein und geschmücktem Bäumchen

Ausgelassen holen wir im Hostel die deponierten Rucksäcke ab, verabschieden uns von unserer Herbergsmutter und treten die Weiterreise an.

Sprachbarriere; wie gerne hätte ich mehr von ihr erfahren

Nach viel Friererei in Quilotoa (teils erfolgreich mit Canelazo entgegengewirkt) geht es nun in wärmere Gefilde. Heute Abend werden wir mit Wanderbus in Baños ankommen. Und dort ist für Adrenalin-Junkies was geboten…

Der Wanderbus nach Baños

(Teil 6 folgt)

Wie steht ihr zu spirituellen Riten oder Zeremonien? Habt ihr auf euren Reisen auch Dinge erlebt, die befremdlich oder faszinierend für euch waren oder euren Blickwinkel veränderten? Und was macht euch unterwegs sprachlos oder jagt euch eine Gänsehaut der Begeisterung über den Rücken? Ich freue mich, wenn ihr mir in den Kommentaren davon erzählen möchtet!

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 4: Die Reise geht weiter – Wen(n) der COTOPAXI ruft

21. / 22. November 2019

Weckerklingeln um 5:45 Uhr!

Uarghhhhhh, das ist Urlaub? Nö, das ist Reisen!

Um 6:15 Uhr werde ich am Hostel eingesammelt. Auf der Website von Wanderbus habe ich gestern spontan den „Tangara-Pass“ gebucht. Da die Internetverbindung etwas Probleme machte und die Buchung nicht funktionierte, hat Hostel-Manager Carlos freundlicherweise mit Wanderbus telefoniert und alles für mich geklärt. Die nächsten Wochen werde ich mit dem Hop-on-hop-of-Bus bis nach Guayaquil reisen.

Ein Hoch auf Wanderbus

Wanderbus erleichtert meine Reiseplanung enorm. Ich spare viel Recherche-Zeit, wie ich künftig von A nach B komme und welche Orte ich wie am besten ansteuern kann. Jetzt sind die nächsten Ziele auf meiner Route gesetzt. Ich entscheide nur noch, wo ich aussteige und wie lange übernachten werde. Was mir am Konzept Wanderbus außerdem so gut gefällt, ist, dass man als Alleinreisende schnell in Kontakt mit Gleichgesinnten kommt. Die Guides von Wanderbus erzählen auf den Fahrten viel Wissenswertes über das Land, die Kultur, die Menschen und Pflanzen. Während den Fahrten gibt es Besichtigungen und geführte Wanderungen und das Gepäck kann sicher im Bus bleiben. Die Guides sprechen Spanisch und Englisch und sind super vernetzt, so dass sie Hilfestellung bei der Unterkunftsuche und zu Touren geben können.

Ich wusste es echt zu schätzen, mit dem „Rundum-Sorglos-Wanderbus“ durch Ecuador zu reisen, statt mich in die übervollen öffentlichen Busse quetschen zu müssen, mit der Gefahr, dass sich Langfinger an meinem Gepäck zu schaffen machen.

Ich bin etwas überrascht, als der Wanderbus eintrifft. Vor mir steht kein großer roter Reisebus, wie auf den Fotos der Homepage. Über die kleinere Variante freue ich mich umso mehr. Auf meine Frage, erklärt Santiago, unser Guide, dass die Touristen in Ecuador, seit den schlimmen Unruhen und Streiks im Oktober, deutlich weniger geworden sind.

Unsere Truppe an diesem Tag (wir sind zu siebt) ist klasse. Ein bunter Mischmasch aus Kanadiern, Italienern und Deutschen. Zudem steht eine schöne Reiseroute bevor. Wo und wann ich heute aussteigen werde, weiß ich allerdings noch nicht. Das Motto: Treiben lassen und sehen, was der Tag so bringt…

Unser erster kurzer Halt ist an einem Aussichtspunkt, mit Blick über die Stadt Quito. Wir staunen nicht schlecht. Umgeben von den Anden, liegt ein Molloch vor uns, über dem ein Nebel aus Abgasen hängt. Jetzt wird das Ausmaß dieser langgezogenen Millionenstadt richtig deutlich.

Ein Dunstschleier aus Abgasen wabert über der Millionenmetropole Quito

Erster Stop – Kuhmelken und Farm-Frühstück

Gegen 8:15 Uhr erreichen wir die Hacienda la Victoria in Tambillo. Das Farmhaus ist von einem Hof mit Stallungen umgeben. Jetzt heißt es, ran an die Kuh. Tagesordnungspunkt 1: Melken! Muss ich tatsächlich bis Ecuador reisen, um erstmals selbst Hand anzulegen?! Etwas zögerlich zapfe ich an dem Kuh-Euter rum bis ein dünnes Rinnsal rauströpfelt. Die Kuh findet’s eher semi prickelnd. Offensichtlich liegen meine Kernkompetenzen nicht auf Melken.

Zaghafte Melkversuche auf einer Hacienda mitten in Ecuador

Santiago erklärt uns den Farmbetrieb, führt uns über den Hof und Garten und dann werden wir von Wanderbus zu einem Begrüßungs-Frühstück eingeladen. In der gemütlichen Bauernstube wartet ein gedeckter Tisch. Es gibt Kaffee (Instant-Pulver; zum Glück ist mir noch nicht bewusst, dass sich dies die nächsten Wochen so durchzieht), Milch, frische Ananas, Bananen, Marmelade und einen selbst gemachten Schoko-Aufstrich, der – und ich bin keine Nutella-aufs-Brot-Schmiererin – unfassbar lecker schmeckt und bei allen auf große Begeisterung stößt!!! Dazu gibt es warme Brötchen und Saft. Hmmmmm.

Nach der köstlichen Stärkung werden wir mit Trinkflaschen ausgestattet, die wir uns während jeder Fahrt im Bus mit Wasser auffüllen können. Wasser und kleine Snacks gibt es im Bus jederzeit kostenfrei für alle.

Weiter geht es zum Cotopaxi Nationalpark

Über Schotterwege und eine trockene, braun-grüne Steppenlandschaft geht es weiter zum Nationalpark Cotopaxi. Der Vulkan hüllt sich in dichten Nebel und lässt sich nicht blicken. Mist! Um 10 Uhr kommen wir an der Laguna Limpiopungo an. Unser Bus ist das einzige Fahrzeug auf dem großen Parkplatz. So viel zu Thema, keine Touristen…

Auf dem Rundweg um die Laguna Limpiopungo

Santiago führt uns um die große Lagune, auf 3.830 Metern, und erklärt uns jede Menge zur hiesigen Flora und Fauna. Er zeigt uns die orange blühenden „Angel-Flowers“, Baldriansträucher (mit dem klangvollen Namen „Valeriana“) und lässt uns an einem Busch riechen, der tatsächlich nach Schokolade riecht. Er erklärt uns zum Steppengras „Pajonal“, das überall wächst, wie reißfest es ist und dass daraus Seile gemacht und sogar Brücken gebaut werden.

Angel-Flowers, Baldriansträucher und Steppengras Pajonal, es gibt viel zu entdecken

Nach gut 1 1/2 Stunden fahren wir weiter hinein in den Nationalpark. Wir besichtigen ein kleines Naturkundemuseum und dann erscheint plötzlich der Cotopaxi vor den Bus-Fenstern. Großes Gejubel! Die Nebeldecke hat die schneebedeckte Spitze freigegeben und lässt uns erahnen, welch beeindruckendes Naturwunder hier aufragt. Der Cotopaxi ist mit 5.897 Metern einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde und atemberaubend schön.

Gleich zu Beginn der Fahrt bin ich mit Nicole ins Gespräch gekommen. Eine ebenfalls Alleinreisende aus Essen. Sie wird im Nationalpark bleiben und hat ihre Unterkunft für die kommende Nacht bereits gebucht. Auch ich möchte eine Nacht hier verbringen, schließlich ruft der Cotopaxi. Wir beschließen, die nächsten Tage zusammen weiterzureisen und so quartiere ich mich spontan in die gleiche Unterkunft ein.

Santiago lässt uns an einem Parkplatz raus und organisiert uns ein Taxi, das uns zur nahegelegenen Cuscungo Lodge bringt, bevor die Wanderbus-Truppe weiterreist. Die Cuscungo Logde ist urig und ungemein heimelig.

Die Cuscungo Lodge im Cotopaxi Nationalpark, ein Ort zum Wohlfühlen!

In einer Art Wintergarten, in dem ein offener Kamin und gemütliche Sofas stehen, checken wir ein, werden mit ersten Cotopaxi-Infos versorgt und bekommen unsere Betten im Schlafraum zugewiesen.

In der Lodge bekommen wir erste Infos zur Anfahrt und dem Cotopaxi-Aufstieg

Es gibt in der Gegend nicht viele Hostels, bis zum Abend ist unser Dorm ausgebucht. Schnell packen wir ein paar Sachen zusammen und ziehen uns um.

Freudentaumeltänze und Hüttengaudi

Auf den Cotopaxi darf man nur mit Guide. Mit Luis, Taxifahrer und Bergführer in Personalunion, fahren wir zum Vulkan. Die Straßen im Nationalpark sind teils so übel, dass ich regelrecht seekrank werde. Es ist bereits 14 Uhr, als wir auf 4.600 Metern am Parkplatz das Auto abstellen, uns mit Fleece, Handschuhen und Mütze ausrüsten und in die Nebelsuppe aufbrechen.

In super verständlichem Englisch erklärt Luis die 2 Wege hinauf zum Refugio. Wir entscheiden uns für den Zickzack-Weg, der zwar etwas weiter, dafür aber weniger steil ist. Frisch ist’s. Schritt für Schritt steigen wir auf. Nicole ist höhengeplagt und kämpft mit Kurzatmigkeit. Wir nehmen uns Zeit und gehen langsam. Auch ich schnaufe, aber es geht mir erstaunlich gut, scheinbar optimal akklimatisiert. Luis grinst mich an, streckt den Daumen hoch und lobt: „Top condition.“

Es windet ziemlich, dann fängt es an zu hageln. Regenjacke drüber. Zum Hagel gesellt sich Donner. Lauter Donner. Luis bittet uns, wegen dem nahen Gewitter die Handys auszuschalten.

Eingemummelt durch den Hagel am Cotopaxi mit Luis im Hintergrund

Nach einer knappen Stunde erreichen wir die Schutzhütte José Ribas, auf 4.864 Metern. Keine 300 Höhenmeter Aufstieg, die aber deutlich spürbar sind. So weit oben war ich noch nie! Meine Höchstgrenze lag bislang bei 4.017 Metern, bei einer Hochtour auf die Weissmies erkämpft. Ich strahle über beide Ohren.

Nebel und Schnee am Refugio José Ribas

Die Endorphine gehen mit mir durch. Ich muss meiner unbändigen Euphorie Ausdruck verleihen. Jetzt sofort! Hingebungsvoll schlängel ich mich in einer Art schlechtem Stangentanz um das Refugio-Schild, während mich Luis anfeuert und begeistert „loco fotos“ ruft. Ganz schön atemberaubend, derartiges Entertainment in solcher Höhe.

Loco Fotos beim Freudentanz am Refugio in bislang nie erreichten Höhen

Es gewittert ordentlich weiter und es ist verdammt ungemütlich. Ab ins Refugio! Wir wärmen unsere Hände an einer heißen Schokolade. Wenn sich Glück schmecken lässt, so zergeht es mir genau in diesem Moment, gewürzt mit einer leckeren Prise Höhenluft, auf der Zunge. Luis löffelt seine Suppe, während aus seinem Handy traditionelle Musik dudelt.

Luis, Nicole und ich wärmen uns im Refugio José Ribas auf

Als ich voller Stolz den Cotopaxi-Stempel in meinen Reisepass drücke, brennt sich das 180°-Happy-Grinsen regelrecht in mein Gesicht ein. Mein sportlicher Ehrgeiz ist noch immer scharf drauf, das letzte Stück zur 5.000er Grenze aufzusteigen. Luis sondiert draußen die Lage und schüttelt den Kopf. Zu gefährlich. Die kleine Enttäuschung weicht schnell der Freude, erstmals im Leben diese Höhe erreicht zu haben und überhaupt am Cotopaxi unterwegs zu sein. Ich meine hey, der COTOPAXI! Daheim habe ich mir noch die Hiking-Youtube-Videos reingepfiffen und mitgefiebert und jetzt stehe ich mit eigenen Füßen hier.

Für den Rückweg wählen wir die steile Direktvariante. Da man in dem knöcheltiefen Asche-Sand-Gemisch regelrecht den Berg hinunterschlittert, geht das ziemlich flott. Zum Glück, denn es regnet inzwischen und die Kälte kriecht in die Glieder. Gut, dass wir diesen Weg nicht für den Aufstieg genommen haben, sind Nicole und ich uns einig.

Cotopaxi-Crew

Freude, Gejubel und High Five am Auto mit Luis. Jetzt nix wie unter die – hoffentlich heiße – Dusche und den gemütlichen Teil des Tages einläuten.

Zurück an der Lodge verabschieden wir uns dankbar von Luis. Nach einer lauwarmen Dusche lümmeln Nicole und ich uns mit einem Glas Rotwein zu den anderen Backpackern vor den knisternden Kamin. Wir müssen uns um nichts mehr kümmern, das Abendessen wird für alle gemeinsam an zwei großen Tischen in einem Küchen-Nachbarraum serviert. Nach einer Vorspeisensuppe kommen große Auflaufformen mit Hackfleisch, Kartoffelpüree, Gemüse und Käse sowie für die Vegetarier eine fleischlose Variante auf den Tisch. Jugendherbergsfeeling kommt auf, als wir alle zusammen tafeln. Nach dem Dessert, Schokoeis mit Apfelschnitzen (ich tausche das Eis gegen die kleine Obstbeilage, weil ich Eis nicht leiden kann – ja, ich weiß, mit mir stimmt was nicht!) kugeln wir hochzufrieden und bappsatt zurück vor den Kamin. Ein letztes Glas Rotwein zur Feier des Tages, mit Musik der 80er, bevor um 21:30 Uhr die Bettruhe ausgerufen wird.

Feierabend-Rotwein vorm Kamin – oh du süßes Leben!

Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht (trotz sechs Mitschläfern), mache ich es mir um 7 Uhr mit einem Kaffee vor der Tür in der Sonne gemütlich. T-Shirt-Wetter im November, eine Herrlichkeit sondergleichen. Und dann DAS Ereignis: Der Cotopaxi taucht aus den Wolken auf. Sein kompletter Kegel ist zu sehen. Alle stürmen mit Kameras raus vor die Lodge und bestaunen seine Schönheit in der Ferne.

Früh am Morgen taucht der Cotopaxi aus den Wolken, ein geradezu unwirklicher Anblick

Nach dem Frühstück packen wir unsere Rucksäcke. Unser Hostel-Chef fährt uns liebenswerterweise zum Südeingang des Nationalparks, wo uns Wanderbus um 11:15 Uhr für die weitere Tour aufsammelt.

Wohin die Reise als nächstes geht und was es alles zu bestaunen gibt, erzähle ich euch im nächsten Teil. Ich freue mich, wenn ihr mitkommt 🙂

(Teil 5 folgt)

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE

Teil 3: Quito – Die Mitte der Welt, Otavalo-Markttreiben und Kamikaze-Taxi-Überlebenstraining

20. November 2019

Heute geht’s zur Mitte der Welt. „Mich auf die Äquatorlinie stellen“ fehlt noch als abgehakter Punkt auf der Löffelliste.

Bin freudig gespannt. Auch auf meine noch unbekannten Reisebegleiter. Ute lernte ich tags zuvor beim Unwetter-Cappucchino in der Bergstation des Teleférico kennen. Sie war mir auf Anhieb sympathisch. Umso mehr freute ich mich über ihr Angebot, mich heute ihrer Truppe (Ehemann und Schwager) anzuschließen. Ich bin guter Dinge, dass auch die beiden super drauf sind.

Pünktlich um 8:30 Uhr stehe ich also vor ihrem Hotel, 10 Minuten Fußweg von meiner Unterkunft entfernt. Winkend begrüßt mich Ute und stellt mir ihren Mann Bernd und dessen Bruder Michael vor. Sehr schnell wird klar, das passt. Wir vier haben den gleichen, albernen Humor.

Ein Privatfahrer, den die 3 vorab auf Empfehlung gebucht hatten, wird uns zum Mitad del Mundo und weiter nach Otavalo bringen. Noch ahnt niemand, was uns später im Taxi erwarten wird… Glücklich die Unwissenden!

Der Fahrer spricht – im Gegensatz zu uns – nur Spanisch. Da ich über minimales Rest-Spanischgebröckel verfüge (die Grundkurskenntnisse 2017 machen leider Siesta im Nirwana), werde ich kurzerhand zur Taxi-Kommunikatöse ernannt. Uff… Irgendwie machen wir dem Herrn verständlich, wo wir hin wollen und was der Plan ist. Er nickt, lächelt, nickt und steigt ein.

Aus Quito rauszukommen, ist bereits eine Meisterleistung sondergleichen. Die Straßen platzen aus allen Nähten. 70% der Autos sind Taxen! Wir stehen ewig im Stau, Normalzustand hier. Es sind gerade mal 22 Kilometer zum Mitad del Mundo, trotzdem brauchen wir dafür locker eine Stunde.

Die Mitte der Welt, Füße auf die (ungefähre) Äquatorlinie

Gegen 10 Uhr schmeißt uns unser Fahrer am Eingang zum Mitad del Mundo bei San Antonio de Pichincha raus. Idiotensicher erklärt er mir mehrmals, er würde so in 1,5 bis 2 Stunden wieder genau hier stehen und auf uns warten. Si, comprende, muchas gracias.

Blick auf das Äquator-Monument mit der großen Weltkugel auf der Spitze

Wir befinden uns auf 2.483 Metern. Im Gegensatz zu gestern, brezelt heute die Sonne, es ist ordentlich warm. Für 5 Dollar pro Person kaufen wir Eintrittstickets und betreten das weitläufige Areal zum Äquatordenkmal. Dafür, dass wir an einem Touri-Hotspot sind, ist verblüffend wenig los.

Die Anlage ist wirklich schön angelegt. Hinter dem Eingang recken schillernd-bunte, große Kolibri-Figuren ihre Flügel in die Luft. Begeistert werden Handys und Kameras gezückt und ausgiebig der Fotoleidenschaft gefrönt. Also wenn wir in dem Tempo weitermachen und bereits nach 10 Metern ausgiebige Fotosessions veranstalten, reicht die Zeit nicht, bis unser Fahrer kommt, nehmen wir uns selbst auf die Schippe.

Eine der vielen, bunten Kolibri-Staturen

Das ganze Gelände ist mit Palmen, Bäumen und Blumen bepflanzt. Bereits von Weitem fällt der Blick auf das große Monument, dessen Spitze die Weltkugel krönt. Rundum stehen Büsten bedeutender Geografen, ein Planetarium, mehrere kleine Museen und Restaurants mit Souvenirläden.

Von dem Denkmal zieht sich eine dicke, gelbe Linie über das Areal und teilt die beiden Seiten in die Nord- und Südhalbkugel ein. Es ist kein Geheimnis, dass es sich bei der Bestimmung des Breitengrades 00°00’00“ an genau dieser Stelle, um einen Vermessungsfehler handelt.

Die „richtige Mitte der Welt“, also die tatsächliche GPS-Null-Linie des Äquators, befindet sich rund 250 Meter entfernt. Wirklich stören tut das hier niemanden. Mich am wenigsten. Stolz stelle ich einem Fuß auf die vermeintlich nördliche, den anderen auf die südliche Seite der Weltkugel.

Dem Äquator so nah und weltkugelhalbiert

In den Stockwerken des 30 Meter hohen Obelisken befindet sich ein ethnologisches Museum, das einen durch die Tierwelt der Galapagos-Inseln, indianische Kulturen, die Regionen Ecuadors und physikalische Kuriositäten führt.

Spezial-Waage

So weiß ich jetzt beispielsweise auch, wie viel ich mit Wanderschuhen auf der Sonne, dem Mond und am Nordpol wiege. Welch essentiellen Informationen!

Hat man alle Etagen durchquert, kommt man oben auf einer kleinen Plattform ins Freie, die einen wirklich tollen 360°-Panoramablick auf die ganze Umgebung bietet.

Toller Ausblick von der Plattform über das gesamte Areal (mit gelber Äquatorlinie)

Überaus empfänglich für derartige Spielereien, lasse ich es mir natürlich nicht entgehen, an der (wenn auch falschen) Äquatorlinie ein Ei hochkant auf einem Nagel aufzustellen.

Meerschweinchen, eine fragwürdige Delikatesse

Was weniger auf Begeisterung bei Ute und mir stößt, sind die Meerschweinchen, die – langgezogen auf Spießen – auf dem Grill geröstet werden. Während Ute die Flucht ergreift, muss ich es geschockt fotografieren. Ich wusste, dass Meerschweinchen in Ecuador als Delikatesse gelten. Dennoch ist der Anblick – besonders als Vegetarier – verstörend. Putzig hingegen ist die Bezeichnung der quirligen Tierchen. Man nennt sie in Ecuador „Cuy“, wegen den Lauten, die sie von sich geben.

Geschätzte Speise in Ecuador; gegrillte Cuys

Ein Blick auf die Uhr sagt uns, Taxi-Hombre wartet. Zurück zum Auto. Freudig winkend begrüßt er uns aus der Ferne wie langjährige alte Freunde.

Indiomarkt in Otavalo

Nächster Halt: Otavalo. Wir wollen uns Ecuadors größten Kunsthandwerksmarkt ansehen. Dass der Ort in der Provinz Imbabura so weit von Quito entfernt ist, nämlich etwa 95 Kilometer, war uns nicht bewusst. Es ist bereits 13:30 Uhr, als uns der nette Taxi-Hombre direkt am Marktplatz raus lässt.

Überall sitzen Einheimische entlang des Marktplatzes und vertreiben sich spielerisch die Zeit

Ich habe mir die richtigen Reisegefährten ausgesucht! Auch bei den Dreien hat das Motto „jetzt erst mal gepflegt nen Kaffee“ gerade alleroberste Priorität. So stürzen wir aus dem Taxi raus und in die nächstbeste Lokalität rein.

Kaffeeglücklich und von köstlich frischgepressten Säften durstgestillt, tummeln wir uns durch das sehr überschaubare Marktgeschehen. Wir sind spät dran und es ist unter der Woche, das dürfte die fehlenden Besuchermassen erklären. Kann uns ja nur recht sein.

Es gibt unendlich viele kunterbunte Malereien, Kleider, Mützen, Schals, Tischdecken, Taschen und etlichen Plunder. Bei Sommertemperaturen probieren wir an einem Stand die flauschig-warmen Alpaka-Pullover an. Könnte mir bitte mal eben jemand ein Deo reichen?!

Geschäftiges Verhandeln bei der Alpaka-Pulli-Anprobe

Ute, Bernd und Michael kaufen sich Überzieh-Alpakas, ich verzichte schweren Herzens. Ich halte sogar den spanischen Bequatschungen und Preisnachlässen des Verkäufers stand, der Pullover in allen Farben und Varianten anschleppt. Mein Rucksack ist so brechend voll, ich kann nichts mehr reinknäulen, was ich die kommenden 4 Wochen dann mitschleppen müsste.

Im Taxi des Leibhaftigen und die 5 Gebote

Die Rückfahrt hat es in sich! Taxi-Hombre ist mucho unter Zeitdruck. Entweder wartet zuhause die Holde mit dem Essen auf ihn, oder er muss die Kinder irgendwo abholen. Vielleicht auch nichts von alledem und er mag einfach nach Hause. So gechillt, wie er bis zum Mittag war, so unentspannt ist er nun. Es werden alle Register gezogen. Wir lernen jetzt die 5 Gebote der Straßenverkehrsordnung aus der Vorhölle kennen:

§ 1: Geize nicht mit der Lichthupe! Tritt dein Vordermann nicht bereits in der rot-orange-Ampelphase das Gaspedal durch, weise ihn unmissverständlich mit lichthupen (auch mehrfach) darauf hin.

§ 2: Überhole! Immer und überall. Auch in Kurven. Der Kurvenradius ist unwesentlich. Gegenverkehr ist zu ignorieren!

§ 3: Sicherheitsabstand ist was für Weicheier! Dem Vordermann ist bis zur Stoßstange aufzufahrn. Wie soll er sonst im Rückspiegel deine Augenfarbe erkennen?! Und vergiss die Lichthupe nicht.

§ 4: Wo du rasen kannst, rase! Und wo du nicht rasen kannst, rase auch! Das gilt auch in Kurven!

§ 5: Wer bremst verliert! Solltest du doch bremsen (du Weichei),dann abrupt. Die Mitfahrer und ihre Nackenmuskulatur werden es dir danken.

Meine Theorie, unser Fahrer ist vom Leibhaftigen besessen, hinkt. Denn wenn am Wegesrand der Lattengustl hängt (an dem er mit gefühlten 170 Stundenkilometern vorbeischmettert), nimmt er sich die Zeit (und die Hand vom Lenkrad), sich zu bekreuzigen. Also doch nicht vom Teufel befallen. Kurzfilme einer Ehefrau mit kreischendem Blag auf dem Arm, die mit schwingendem Nudelholz und kaltem Essen auf den verspäteten Gatten wartet, ziehen durch mein Kopfkino.

Die Fahrt ist anstrengend. Während der geplagte Mann hinter dem Lenkrad klemmt und wie ein Zoo-Elefant vor und zurück wippt, als versuche er dadurch der Teufelskarre zu mehr Schwung zu verhelfen, starrt Ute stoisch von der Rückbank durch die Windschutzscheibe, darauf bedacht, den Brechreiz zu unterdrücken. Auch mir isses dezent übel. Die Reisetabletten liegen im Hostel. Herzlichen Glückwunsch. Wer konnte auch ahnen, dass die Autofahrt einem Segeltörn im Atlantik während eines Orkans gleichkommt. Ich muss sicher nicht erwähnen, dass der spätere Stau in Quito keineswegs zur Entspannung des Fahrers und der Situation beigetragen hat…

Wir kommen um 16 Uhr am Hotel an. Alle leben noch. Einen kurzen Augenblick bin ich geneigt, mich auf den Bürgersteig neben das Taxi zu schmeißen, den Boden zu küssen, zu schalmeien und zu frohlocken. Bevor mich die Welle der Überlebensfreude gänzlich überschwemmt, verabschieden wir unseren Fahrer. Er hat ja noch immer Eile.

Als ich eineinhalb Stunden (!!!) später in meinem Hostel ankomme, bin ich zwar um ein paar hundert Dollar ärmer, dafür um Galapagosflüge reicher. Ich werde meine Reise also tatsächlich auf den Inseln ausklingen lassen. Whoop-whoop!

Ute, Bernd, Michael und ich haben uns für den Abend zum Essen verabredet. Bei mir um die Ecke gibt es ein leckeres mexikanisches Restaurant, in dem wir kulinarisch unser Überleben feiern wollen.

We survived Kamikaze-Taxi! Abschied beim Mexikaner.
So gerne wäre ich mit Ute, Michael und Bernd weitere Tage durch Ecuador gezogen…

Danach werde ich dann mal packen. Morgen früh heißt es „adios Quito.“

Ich freu mich riesig, wenn du mich auch im nächsten Teil begleiten magst und weiter mit auf die Reise gehst 🙂

(Teil 4 folgt)

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 2: Quito – Höhenluft schnuppern

19. November 2019

Aus 2 geplanten Übernachtungen in Quito werden spontan 4. Es stehen einfach zu viele TOP’s auf meiner „Must-see-and-will-do-Liste“…

An Tag 3 ruft der Berg! Und zwar Quitos Hausberg Pichincha. Das Wetter soll – zumindest bis mittags – stabil bleiben. Das ist nämlich so ’ne Sache, das Wetter in Quito. Irgendwie muss man jederzeit auf alles gefasst sein.

Gleich am Morgen schnappe ich mir ein Taxi am Straßenrand und fahre zur Bergstation Teleférico (3.050 m). Um 9:30 Uhr reihe ich mich in die bereits recht lange Warteschlange ein. Normalerweise sind mir Seilbahnen ein Gräuel. Berge erklimme ich lieber aus eigener Kraft. Heute breche ich meine Prinzipien. Für günstige 8,50 Dollar gibt es ein Ticket für eine Hin- und Rückfahrt. Kann man nicht meckern.

Auch an der Bergstation des Teleférico zieren wunderschöne Wandbilder die Mauern

Die 6er-Gondel fährt, über eine Länge von 2.500 Metern, in knapp 18 Minuten über saftig grüne Wiesen dem dichten Nebel entgegen. Beachtliche 1.000 Höhenmeter wuppt der Teléferico.

In der Gondel geht es ratz fatz rauf auf 4.000 Meter

Auf rund 4.000 Metern steige ich am Cruz Loma aus, überrascht, wie mild es hier oben ist.

Eine große Holztafel gibt einen Überblick auf die umliegenden Anden-Berge, von denen jetzt leider kein einziger zu sehen ist. Der Nebel hat alles unterhalb der Station in eine graue, dichte Suppe gelullt. Schade, aber es ist wie es ist.

Bergpanorama, für das man anderes Wetter braucht…

Oben verschaffe ich mir erst mal einen Überblick und schaue mich um. Es macht mich immer fassungslos, Menschen auf „Seilbahn-Bergen“ zu beobachten, die sich scheinbar ausschließlich für Selfies und zu Dekorationszwecken in die Höhe karren lassen. So auch hier. Kreischende Schminkbeutel-Fashion-Queens posen hypermotiviert und drapieren sich mit Duckface in rustikalen Holzstühlen vor der Bergkulisse, pingelig darauf bedacht, die Schokoladenseite mit alpinem Zuckerguss zu präsentieren. Mir entgleisen die Gesichtszüge, ich kann das nicht steuern. „Bloß weg hier“, raunt die innere Stimme verzweifelt. Ich ergreife die Flucht, während die schrille Quiekerei endlich in meinen Ohren abebbt.

Motiviert zum Rucu Pichincha

Auf den Spuren von Alexander von Humboldt starte ich zum Pichincha, mal gespannt, wie weit ich komme. Es soll später wohl regnen, erzählte mir in der Gondel ein Bergführer. Uhr kalibrieren und keine Zeit verlieren.

Auf dem breiten Sandpfad ist es unmöglich, sich zu verlaufen. Gut so, da ich – wider Erwarten – alleine losstiefel. Die Option, mich weiteren Wanderern anzuschließen, bietet sich nicht.

Ein Blick zurück und weiter geht es aufwärts

Schritt für Schritt schraube ich mich dem Ziel entgegen. Die Höhe ist überhaupt kein Problem. Erst nach einer Weile spüre ich, ich muss langsamer laufen. Das Herz puckert und auch wenn ich kurz ausruhe, geht die Atmung noch schnell. Trotz langsamem Tempo, überhole ich unterwegs einige der wenigen Wanderer.

Am Wegesrand motivieren Schilder, die die Höhe und die Entfernung zum Gipfel anzeigen. 4.078 Meter… 4.127 Meter… 4.177 Meter… 4.309 Meter… 4.331 Meter…

Ein Guckloch nach Quito

Vom Tal und den umliegenden Anden ist nach wie vor nichts zu sehen. Doch dann gibt es für einen kurzen Augenblick ein kleines Guckloch auf Quito mit Sonnenschein, rund 1.3000 Meter in der Tiefe. Jetzt bekommt man einen Eindruck, wie riesig diese Stadt ist. Wow!

Während ich in oben den Wolken stehe, scheint unten auf Quito die Sonne

Sobald sich die kleinsten Sonnenstrahlen zeigen, spürt man ihre enorme Kraft. Das Wetter hält mich auf Trab: Sonnenbrille auf, Sonnenbrille ab. Jacke aus, Jacke an. Pulli über’s T-Shirt, Jacke drüber, dann wieder aus. Trinken. Lichtschutzfaktor nachschmieren.

Trotz wolkenverhangenem Himmel besticht die tolle Natur mit ihrer Schönheit

Je höher ich komme, desto nebeliger und kälter wird es. Die Wanderung zum Rucu Pichincha (4.698 m) ist mit insgesamt 11,5 Kilometern und 650 Höhenmetern angegeben.

Die letzte Passage besteht aus leichter Kletterei am Grat. Etwas abschüssig und ausgesetzt, so die Info meines Hostel-Betreibers. Er erzählte mir am Morgen, er war vor einiger Zeit mit seinen Kindern hier, als vor seinen Augen jemand abstürzte und sich dabei das Genick brach. Furchtbar tragisch, aber es kann immer was passieren. Auch in leichtem alpinen Gelände. Besonders, wenn berguntaugliche Seilbahn-Sandalen-Touris unterwegs sind…

Schlimmer geht immer; das Wetter gibt es heute nicht in schön

Am Wandeinstieg angekommen, fängt es an zu graupeln. Ich schaue mich um. Der gesamte Bergkamm hängt in feucht-kalter Nebelsuppe. Gipfelblick kann ich mir definitiv in die Haare schmieren. Ich ziehe die Regenjacke über und beobachte ein älteres Ehepaar, das mit einem Bergführer 2 Meter oberhalb in der Wand steht. Sie waren mit mir in der Gondel, so dass ich den Weg hinauf ihr sehr selbstüberzeugtes Fachgesimpel mitbekam. Da klangen sie, wie frisch zurückgekehrte Himalaya-Aspiranten. Jetzt haben sie offensichtlich große Schwierigkeiten, weiterzugehen. Während ihr Bergführer auf sie einredet und dem Mann die Regenkleidung überzieht, wehklagen sie über ihre missliche Lage. Tja, ist doch nicht alles Gold was glänzt und nicht jeder ein Steinbock, bloß weil er John Krakauer liest, denke ich, mit einer kleinen, deftigen Prise Sarkasmus.

Was nun? Weitergehen? Umkehren?

Ich weiß zu gut, wie schmierig nasser Fels beim klettern wird. „Vergiss nicht, du bist alleine unterwegs“, raunt die Stimme im Kopf mit erhobenem Zeigefinger. Wie sich das Wetter entwickelt, kann ich nur schwer abschätzen. Aber es sieht – hoffnungsvoll und realistisch betrachtet – beschissen aus. Tatsächlich schlägt die Vernunft den sportlichen Ehrgeiz. Ich kehre um. Die beste Entscheidung, wie sich gleich danach rausstellt. Es hagelt. Dann schlägt der Hagel in Regen um und während ich den Berg runterflitze, donnert es laut. Nix wie runter hier!

Regenrun zurück zur Bergstation

Eine Stunde brauche ich für den Weg zurück. Das letzte Stück renne ich im strömenden Regen, um mich herum bedrohliches Gewitter. Außer Puste (rennen auf 4.000 Metern ist echt ne Nummer) falle ich in der Bergstation ein. Der Kadaver schreit nach einem heißen Koffeeingetränk. Ich bin erleichtert und froh, den richtigen Entschluss getroffen zu haben. Glück am Gipfel, diesmal ohne Gipfelglück.

Fast geschafft. Die Bergstation bereits im Rücken.
Kurzer Unterstand vorm letzten Regen-Sprint.

In der Station lerne ich Ute kennen. Sie wartet auf ihren Mann und dessen Bruder. Ich erinnere mich an die drei. Ich bin unterwegs an ihnen vorbeigegangen. Ute ist irgendwann umgedreht und die Männer weitergelaufen, erzählt sie. Mit dem festen Vorsatz, den Pichincha zu bezwingen.

Es schüttet noch immer übelst und mittlerweile ist es richtig kalt. Durchgefroren steige ich, nach einem längeren aber sehr kurzweiligen Plausch und Nummerntausch mit Ute, in den Teleférico und gondele tiefzufrieden runter nach Quito. Freu ich mich auf eine heiße Dusche!

Ute schreibt mir am Abend. Sie hat mit ihren Männern abgesprochen, dass wir am nächsten Tag zusammen losziehen und uns ihr Privattaxi teilen können. Wir haben das gleiche Vorhaben. Auch sie möchten zum Mitad del Mundo, dem Mittelpunkt der Welt. Ich freue mich riesig auf morgen und über die unerwarteten Reisebegleiter, denen ich mich spontan anschließen darf. Einer der Gründe, warum ich das Alleine-Reisen so schätze und so spannend finde.

(Teil 3 folgt)

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 1: Höhenrausch in Quito

17./18. November 2019

Gelandet! Der Körper ist noch unschlüssig, ob er sich freuen oder wegen totaler Übermüdung rumnölen soll.

Seit dem Start in Mannheim um 3 Uhr früh, sind rund 23 Stunden vergangen. Erst ging es mit dem Flixbus nach Frankfurt, dann mit dem Flieger nach Paris und nach einem Stop von rund 4 Stunden weiter nach Quito.

Immer ein gutes Gefühl, wenn das Gepäck zur gleichen Zeit am gleichen Ort ankommt, wie man selbst! Jetzt noch Startkapital in Dollar umwechseln (ich mache ein verdammt schlechtes Geschäft, wie ich erst später kapiere) und draußen vorm Terminal ins nächste Taxi zum Hostel (vorsorglich von daheim für die erste Nacht gebucht).

Am Taxifahrer übe ich meine alten Restbestände an miesen Spanischkenntnissen. Er muss während der halbstündigen Fahrt für Test-Smalltalk herhalten und sieht großzügig über meine zusammengesetzten Scrabble-Wortfetzen hinweg. 

Hostel-Entertainment

Zimmerbezug im Hostel „Travellers Inn“. Eine mini Zelle in schweinchenrosa. Nicht die bevorzugte Farbe, dafür sauber und mit eigenem Bad. Das Zimmer wurde offensichtlich um das Bett herum gebaut, die Tür beginnt gleich dort, wo das Bett endet. Zum Glück bin ich ja recht platzsparend und meine paar Sachen aus dem Rucksack passen neben das Bett. Tatsächlich wurde sogar ein Fernseher in die kleine Ecke an die Wand gepackt.

Weitere Special Effects des Kämmerleins werden prompt präsentiert. Nix da mit stilles Kämmerlein! Nachbars Bad grenzt direkt an meines. Die Wände scheinen aus mikrodünnen Pressspanplatten zu bestehen. Es dringen ALLE Körperhygiene-Geräusche ungefiltert durch. Ich liege todmüde im Bett, als unfreiwilliger, akustischer Zeuge des benachbarten Toilettengangs. Da wurde scheinbar das Abendessen nicht so richtig vertragen…

Während ich weiterhin die Ohren nicht davor verschließen kann, wie „El Nachbar“ unermüdlich pfützenweise sein Innerstes nach außen kehrt, wünsche ich mir sehnlichst seine vorherigen Duschgesänge zurück. Dann ist Ruhe. Ich atme auf. Wer konnte ahnen, dass im Nachbarzimmer eine 3er-Männergruppe wohnt?! Resigniert ziehe ich mir die Decke über den Kopf, als Nummer 2 die Badezimmerbeschallung des Vorgängers übernimmt.

Um 6 Uhr startet man nebenan in den Nasszellen-Tag, wie er um 23 Uhr beendet wurde. Nach 30 sehr unappetitlichen Lauschübergriff-Minuten, versuche ich den Brechreiz mit lautem Hörbuchhören zu übertünchen. Nun ja, Nachbars haben die Challenge für sich entschieden.

Die 3 Prachtexemplare werden mir in all ihrer Leibhaftigkeit am Frühstückstisch serviert. Souverän hängen sie die schalltechnische Messlatte mit Frühstückskräckerknabberei und Kaffeeschlürferei nochmals einen Meter höher. Untermalt von permanenten Handygebimmel und Rundumzeige-Videoanrufen.

Erkundung der historischen Altstadt

An der Rezeption werde ich mit Stadtplan und guten Ratschlägen ausgestattet, dann stiefel ich in das 3 Kilometer entfernte Centro Historico. Meinen Rucksack halte ich, wie alle Locals, vor der Brust. Es hat wohl seinen Grund.

Auf dem Weg in die Altstadt entdecke ich die grünen Oasen der mit Autos, Taxen und Bussen vollgestopften Großstadt, deren Abgase das Atmen teilweise sehr unangenehm machen. Mehrere Parks bieten den Menschen hier wohltuende Rückzugsmöglichkeiten und sind auch immer gut besucht.

Parque El Ejido im Zentrum Quitos

Mir fallen die bunten Wandbilder auf. Noch weiß ich nicht, dass mich diese farbenfrohen Malereien die nächsten Wochen durch ganz Ecuador begleiten werden. Sofort liebe ich diese wunderschöne Kunst, die die grauen Wände um ein Vielfaches aufwertet und der Umgebung einen charismatisch-coolen Charme verleiht.

An einer Bushaltestelle frage ich eine Ecuadorianerin nach dem Weg. Sie entschließt sich kurzerhand, ihren Bus sausen zu lassen und mich zu begleiten. Unter ihrem Regenschirm, den sie als Sonnenschutz über uns aufgespannt hat, führt sie mich durch die Straßen und erklärt mir auf spanisch die Gebäude und Kathedralen. Mit einem freundlichen Händedruck und lieben Worten entlässt sie mich 20 Minuten später in die Altstadt.

Höchste Hauptstadt der Welt

Quito ist mit rund 2.850 Metern die höchste Hauptstadt der Welt. Jetzt bekomme ich das zu spüren. Mein Herz puckert und die Atmung wird schneller, sobald die Straßen ansteigen.

In Quito man ist man direkt am Äquator, an den Andenausläufern und zum Amazonas-Dschungel ist es nur ein Katzensprung. In der „Stadt des ewigen Frühlings“ ändert sich das Wetter schneller, als man eine Jacke an- und ausziehen kann. Strahlender Sonnenschein kann ziemlich schnell von heftigem Regen abgelöst werden und umgekehrt. Genauso schnell ändert sich die Temperatur. Generell ist das Wetter eine sehr abenteuerliche Sache in Ecuador, was ich noch am eigenen Körper spüren werde…

Quitos historische Altstadt

Die Altstadt hat Flair! Den ganzen Tag über lasse ich mich einfach durch die Straßen treiben, die Menschen und die fremde Umgebung auf mich wirken. Am Unabhängigkeitsplatz (Plaza de la Independencia) gerate ich in den montags stattfindenden Wachwechsel (was ich zu dem Zeitpunkt allerdings nicht weiß, während ich mich über das Großaufgebot an Polizei und Absperrungen wundere).

Am Boulevard 24 de Mayo genieße ich die Kraft der Sonne und lasse den Blick streifen. Gegenüber auf dem Hügel „El Panecillo“ (übersetzt „das Brötchen“), thront die beflügelte Patronin von Quito.

Boulevard 24 de Mayo mit der Virgen de Quito auf dem Hügel El Panecillo
Die Schutzpatronin Quitos, 45 Meter hoch und aus 7000 Aluminiumstücken gefertigt

Ich überlege, ob ich zum „geflügelten Brötchen“ hinauf soll. Die naheliegende Treppe durch die Ortschaft hoch kommt nicht in Frage. Die Warnung meines Hostelmanagers klingelt in meinem Ohr: „It’s dangerous, you could get lost!“ und auch der Reiseführer erwähnt häufige Überfälle auf Fußgänger. Ich entscheide mich gegen eine Taxifahrt, genieße einfach den Blick von unten und ziehe zu Fuß weiter.

Vorbei an mächtigen Kathedralen (wovon es in der tief gläubigen Stadt etliche gibt), Palästen, kleinen Parks und wunderschönen barocken Häusern, tingele ich durch das bunte Treiben der Altstadt. Überall stehen Menschen und verkaufen am Straßenrand Gemüse, Früchte und Süßigkeiten.

Banco Central de Quito
Klosterkirche San Francisco

Gegen Mittag ziehen dunkle Wolken auf. Die Sonne hat bereits dezente Spuren auf meinen winterblassen Armen hinterlassen. Man vergisst einfach zu schnell, wie nah man hier am Äquator ist. Selbst durch die Wolken ist die Strahlung enorm.

Pause. Ich setze mich am Plaza de la Independencia vor ein schnuckeliges Café. Der gegenüberliegende Präsidentenpalast ist inzwischen nicht mehr abgesperrt, die Polizei ist abgezogen.

Mittelpunkt der Altstadt; Plaza de la Independencia (Unabhängigkeitsplatz) mit der Freiheitsgöttin „Libertas“

Viele Möglichkeiten in und um Quito

Bei einer großen Tasse Cafe con leche, stöbere ich im Reiseführer und meinen Aufschrieben. Wie lange werde ich in Quito bleiben? Wie organisiere ich die nächsten Tage hier, was steht morgen an und wie komme ich am besten von A nach B? Ich bin überfordert. Es gibt in und um Quito einfach zu viel zu sehen, zu viel zu erleben. Wie entscheide ich, was ich mir ansehe, was weglasse? Aaahhh, ich will nix verpassen 🙂

Self-Brainstorming bei Kaffee; so viele Möglichkeiten…

Als ich bezahle, bin ich noch immer ratlos. Ein kleines Männeken (er ist tatsächlich noch kleiner als ich!) steht an der Kasse, mein Blick fällt auf das Schild hinter ihm: FREE HUGS HERE. Unwillkürlich lächele ich. Etwas verlegen deutet er auf das Schild, ich grinse breit und schwupps, stehen wir da und drücken uns ganz innig. Ach, was freut er sich. Und ich mich. Da strahlt das Herz, bei solch einer warmen, ehrlichen Umarmung.

Herzlicher Cafébetreiber, der Free Hugs verschenkt

Der Rückweg zum Hostel hält Überraschungen parat. Erst bekomme ich heftiges Nasenbluten (die Folgeschäden der trockenen Flugzeugluft), dann regnet und gewittert es. Ich warte den Schauer und das Nasenbluten ab und ziehe mit aufgeweichter Straßenkarte weiter. Nach 2 Stunden bin ich noch immer nicht im Hostel angekommen. Der Himmel macht plötzlich richtig die Schleusen auf. Es schüttet, als würde jemand Badewannen auskippen. Mitten auf der Straße springe ich in das nächste Taxi – davon gibt es hier mehr als genug – gebe dem Fahrer die Adresse durch und bin keine 5 Minuten später (davon standen wir 3 Minuten im Stau, weil in Quito immer Stau ist) zurück im Travellers Inn.

Jetzt eine heiße Dusche und dann sollte ich wirklich einen Plan für morgen machen…

(Teil 2 folgt)

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Green Hill Valley – Ein Tag im Elefantencamp

Dezember 2018

Heute möchte ich euch gerne von meinem Besuch im Green Hill Valley Elephant Camp erzählen. Und um gleich eventuelle Vorurteile auszuräumen, erkläre ich mal deren Mission:

Das Camp wurde 2011 von einer Familie in Kalaw (Myanmar / Shan-Staat) gegründet, als Altersruhesitz und zur Versorgung von Arbeitselefanten, die nicht mehr arbeitsfähig sind. Die Tiere werden von einem eigenen Arzt versorgt, bekommen gutes Futter und einen geschützten Lebensraum. Täglich werden sie in einem nahegelegenen Fluss gebadet und geschrubbt, was ihrer Hautpflege dient.

Darüberhinaus setzt das Camp auf Nachhaltigkeit und die damit verbundene – in Myanmar dringend notwendige – Aufklärung der eigenen Bevölkerung. Die Wiederaufforstung ist ein weiterer Schwerpunkt. Besucher sind eingeladen, regionale Bäume zu pflanzen. Hier ist die Problematik von Plastikmüll im Bewusstsein der Betreiber angekommen. In vielen Teilen des Landes war ich über die Müllberge an Straßenecken und in der Natur mehr als erschüttert. Die wenigsten Burmesen machen sich Gedanken darüber und werfen jeglichen Abfall völlig selbstverständlich aus Autofenstern. Sicherlich kein böser Wille, die Menschen wissen es einfach nicht besser.

Die Betreiber des Green Hill Valley (GHV) arbeiten daran, den Umweltschutz und die Schönheit des eigenen Landes in das Bewusstsein der Bevölkerung zu bringen.

Elefanten-Poo-Papier

Darüberhinaus stellt das GHV eigenes natürliches Papier aus Elefanten-Dung her. Die einzelnen Schritte des interessanten Prozesses werden im Camp genau gezeigt und erklärt. Einzelne Briefpapierseiten oder hübsche Notizbüchlein aus dem Endprodukt können dort gekauft werden. Ich fand es total spannend, zu sehen, wie mühevoll der ganze Herstellungsprozess von Hand betrieben wird (Elefanten-Poo wird in großen Kesseln aufbereitet, gefiltert, an einer Art Sieb in der Sonne getrocknet, über eine Walze geplättet, zugeschnitten etc.).

In der Sonne auf Sieben getrocknet, entsteht das robuste Papier
Das Papier wird zugeschnitten und gewalzt. Man kann sogar darauf schreiben

Auch für die Schulbildung der Kinder im Dorf machen sich die Initiatoren stark. Somit fließt das Eintrittsgeld in das Projekt, zur Pflege der Elefanten, für Futter, Medizin, Personal und benötigte Ressourcen. Ich habe den erst recht hoch erscheinenden Eintritt von 100 $ als Spende betrachtet und ihn wirklich gerne gezahlt. Man gibt so viel Geld für unnötigen Kram aus. Hier kann man mit seinem Beitrag unterstützen und bekommt einen unvergesslichen Tag dafür!

Das Abenteuer beginnt…

Doch nun von vorne! Kurz nach 8 Uhr am Morgen brachte mich mein Taxi von meiner Unterkunft in Kalaw zum Green Hill Valley. Mein Taxifahrer sprach kein Wort Englisch, erkundigte sich aber regelmäßig, mit fragendem Blick über den Rückspiegel, „Okay?!“ Ich bejahte jedes Mal und erntete ein freudiges Grinsen. Nach einer gute Stunde Fahrzeit auf nicht unanstrengenden Straßen war ich angekommen.

Das weitläufige Elefantencamp ist wunderschön in den Wäldern gelegen, fernab von jeglichem Trubel. Die ganze Anlage ist liebevoll angelegt, toll bepflanzt und äußerst gepflegt.

Hütten im Camp

Ich verabschiedete mich von meinem Taxifahrer und ging den Schotterpfad hinauf zum Empfangsgebäude. Mit einer super leckeren Limettenlimonade und einem feucht-gekühlten Tuch wurde ich herzlich begrüßt. Wir waren insgesamt um die 10 Personen. Man teilte uns in kleine Gruppen auf und gab uns inmitten diesem grünen, blühenden Idylls erste Infos zu den Elefanten, der Intention des Camps, erklärte uns die Verhaltensregeln und den Tagesablauf.

Tierische Camp-Bewohner

8 Elefanten befinden sich in der Obhut des GHV. Das Nästhäkchen ist zarte 10 Jahre alt, der Senior 68 Jahre. Die ehemaligen Arbeitselefanten bekommen hier ihr Gnadenbrot und verbringen ein erholsames Lebensende. Einige der Elefanten waren in sehr schlechter Verfassung, als sie aufgenommen wurden. Besonders mental und physisch. Ihre Pfleger bauten durch das Füttern und tägliches Baden langsam eine vertrauensvolle Beziehung zu den Tieren auf, was man ganz deutlich spüren kann. Die Atmosphäre ist locker und fröhlich, richtig familiär. Die Tiere sind völlig ausgeglichen und zufrieden.

Jeder von uns bekam eine wiederverwendbare Flasche als Souvenir. Aus großen Spendern füllten wir uns darin Wasser für den Tag auf. Dann war es so weit! Irgendwie war es völlig surreal für mich, gleich Elefanten zu begegnen. Einige Minuten liefen wir mit unserem Betreuer durch das Gelände und dann standen sie da! 5 Elefanten, auf großen Plattformen unter schattigen Stroh-Pavillons.

Unzählige Kürbisse, Bambus, Bananenstauden und Schubkarren voll mit einer Art Getreidebrei standen zur Fütterung bereit.

Unser Guide zeigte uns, wie man ein für die Elefanten besonders schmackhaftes „Sandwich“ zubereitet: Auf eine große Scheibe der bereits zugeschnittenen Bananenstauden wird ordentlich Getreidepampe gepackt und als kulinarische Krönung mit Hokkaido-Kürbisspalten garniert. Der ganze Brocken wird dann dem grauen Riesen „einfach“ ins Maul befördert. Ähmmm… Ich soll also mit meiner Hand ins Maul des Rüsseltiers und vorher laut „HAAA“ rufen, das Kommando, dass dieses auch schön weit den Schnabel aufsperrt?!

Von der Hand ins Maul

Um nicht gleich mit der Tür ins Haus, oder in dem Fall, mit der Hand ins Maul zu fallen, knüpfte ich erst einmal zarte Bande, indem ich den hungrigen Tieren abwechselnd Bananenstauden-Scheiben und Kürbisschnitze kredenzte. Schön mit der Hand in den Rüssel. Total faszinierend ist, dass der Rüssel wie ein Daumen funktioniert. Elefanten können tatsächlich eine Scheibe nach der anderen damit greifen. Während sie einzelne Scheiben nach hinten schieben und dort in den Rüsselfalten festhalten, können sie mit dem vorderen Teil weitere Stücke greifen. Das Futtersammelsurium wurde dann einzeln mit der Rüsselspitze ins Maul geschoben und genüsslich vertilgt.

Glückselig und völlig fasziniert stand ich inmitten der Giganten, als mir einer der Betreuer ein „Sandwich“ in die Hand drückte und in Richtung der hungrigen Mäuler deutete. Ohne zu zögern setzte ich mich in Bewegung und prompt kamen mir drei lange Riechkolben entgegen. Ich ging auf den Mittleren zu, rief „HAAA“ und es öffnete sich ein großes Maul. Ich packte das kuchentellergroße Leckerchen auf seine Zunge, während er es mit seinem Rüssel weiter in den Schlund schob. Was für ein Moment! Ich kann gar nicht beschreiben, was in mir vorging, welche Gefühle mich durchströmten und wie überragend dieses Erlebnis war.

Erstes Antasten mit Futter-Freundschaftsanfrage

Mit der Fütterung hatten wir wirklich alle Hände voll zu tun. Elefanten vertilgen bis zu zwei Drittel des eigenen Körpergewichts, demnach hauen sie sich um die 100 bis 200 KG Futter zwischen die Kauleiste.

Ein Elefant fing an zu pinkeln und einer der Pfleger rief „oh, waterfall!“ Ich musste so lachen. Ganz unrecht hatte er nicht. Ein wasserfallartiger Strahl ergoss sich aus dem Tier. Beachtliche 10 – 20 Liter pro Pinkeleinheit hauen die raus.

It’s Spa-Time

Wir wurden mit einer stylischen Riesen-Stoffhose und Flipflops ausgestattet. Dann ging es durch das Areal am Flusses entlang zu einer Stelle, an der dieser tiefer und breiter wurde. Wir waren nur zu Dritt, mit mir eine weitere Besucherin und unser Guide. Mitten aus dem Grünen kam behäbig ein Elefant auf uns zugetrottet. Auf seinem Rücken trug er einen der Pfleger.

Gemütlich stapfte er in den Fluss bis zur tiefsten Stelle, an der er sich niederließ. Jetzt guckten nur noch Kopf und Rücken aus dem Wasser und sein Rüssel, mit dem er rumschnorchelte.

Es folgte der Wink an uns, zu ihm ins Wasser zu steigen. Für mich eine Herausforderung. Bei kaltem Wasser muss ich furchtbar pienzen und das hier war VERDAMMT ERFRISCHEND! Mit Schnappatmung, wie in einem Geburtsvorbereitungskurs, arbeitete ich mich durch die Strömung zum Elefanten vor, darauf bedacht, nicht in Frostschockstarre zu verfallen.

Vom Ufer warf unser Guide uns runde Wurzelbälle zu und erklärte, dass wir damit den Elefanten tüchtig schrubben sollten. Hinter dem Rüsseltier stand sein Betreuer, lachte und spritzte ihm Wasser auf den Rücken. Ich griff mir den Natur-Schwamm und begann, Rücken und Kopf des Dickhäuters zu bearbeiten. Sein Rüssel lugte aus dem Wasser, während er sich genüsslich seinem Pflegeprogramm hingab.

Plötzlich spürte ich einen sanften Druck an meinem Oberschenkel. Ich blickte an meiner Hüfte hinab ins Wasser, konnte jedoch durch den aufgewirbelten Sand nichts sehen. Dann begriff ich, dass sich das Bein des Elefanten an meines lehnte. Mich durchströmte eine Zutraulichkeit und Herzenswärme. Völlig ergriffen schrubberte ich weiter den Rücken, während ich leise auf ihn einmurmelte und gar nicht wusste, wohin mit all meinen Emotionen. Für mich war dies wahrhaft ein magischer Moment.

Hätte der Riese seinen stämmigen Fuß bloß wenige Zentimeter bewegt, wäre er mir auf meinen Zehen gestanden. Mir wurde klar, wie sehr ich ihm in diesem Augenblick ausgeliefert war. Völlig frei stand er neben mir, ich hätte nicht zur Seite springen können, wie ich da in dem rauschenden Fluss stand. Vor allem nicht, als mir einer der Flipflops von den Füßen floppte und an der Oberfläche schwamm. Trotzdem hatte ich keine Sekunde Angst, im Gegenteil, das Tier strahlte solch eine Ruhe und Sicherheit aus, die sich auf mich übertrug. Sogar das kalte Wasser war inzwischen einerlei und alles, was da eventuell drin rum schwamm.

Nach dem ausgiebigen Wellnessprogramm torkelten wir zurück ans Ufer. Der Elefant erhob sich und stapfte durch den Fluss zurück Richtung Camp.

Mit unseren klatschnassen Hosen gingen wir auch zurück. Wir bekamen Handtücher und zogen uns um. In der Sonne wärmten wir uns auf, tranken grünen Tee und dann ging es zur zweiten Verköstigung.

Zur Mittagszeit war dann unsere Fütterung dran. Zurück am Eingangsbereich wurden wir mit den anderen Gästen, in einem hübsch eingedeckten Pavillon mitten im Grünen, mit kühlen Getränken versorgt. Ein extrem köstliches, vegetarisches Essen wurde serviert. Beginnend mit einer Art kleinen dreieckigen Frühlingsrollen und einer Suppe. Danach gab es ein regionaler indischer Fladen mit Mini-Kartoffeln, Gemüse und säuerlich eingelegten Mangostücken.

Als Nachtisch gab es Kaffee (yeah!!) und gebackene Banane mit Honig, was war das alles lecker!!!!

Praxis-Einblicke bei Veterinärarzt Ba

Gestärkt ging es jetzt zum Elefanten-Doc. In seiner „Praxis“ gab es einiges zu sehen. An Schautafeln bekam man einen Eindruck des Sichtumfangs und der Farbwahrnehmung von Elefanten. Da ihre Augen rechts und links am Kopf und nicht mittig sind, ist ihr Blickwinkel natürlich völlig anders als beim Menschen.

In der Praxis von Veterinärarzt Ba

In Reagenzgläsern schwammen konservierte Wurm-Parasiten, auf dem Tisch lagen riesige Spritzen mit noch riesigeren Kanülen und blaue Tabletten in Daumengröße.

Doc Ba zeigte uns die „Elephant Biography“, die für jeden Elefanten im Camp geführt wird. In dem Heft stehen Name, Geschlecht, Geburtstag, Eltern, Charaktereigenschaften etc. Handschriftlich wird liebevoll der Gesundheitszustand dokumentiert, versorgte Wunden und was gefüttert wurde. Die Pfleger stecken enormes Herzblut in das Projekt und haben eine tiefe Bindung zu ihren Schützlingen. Spannend, hier hinter die Kulissen blicken und mit dem charismatischen Veterinärarzt reden zu können.

Nächste Station war die Elefanten-Poo-Papierherstellung, wie zu Beginn erwähnt. Dort schilderte unser Guide uns noch an einem ausgestellten Elefantenskelett den Körperbau der Dickhäuter.

Aller guten Dinge sind 3 und so wurden ein letztes Mal die noch immer hungrigen Mäuler mit Bananenstauden, Kürbis- und Getreidemansch-Massen gestopft.

Danach hieß es Abschied nehmen. Die Tiere wurden von ihren Pflegern in den Dschungel gebracht. Dort verbringen sie ab nachmittags und über Nacht ihre Zeit, frei und weg von den Menschen.

Nach 6 atemberaubenden und beeindruckenden Stunden war der Aufenthalt im GHV zu Ende.

Mein Fahrer wartete bereits auf mich. Zutiefst beeindruckt und überglücklich stieg ich ins Taxi. Bis über beide Ohren grinsend, strahlte ich ihn an. Seine Standardfrage „Okay?“ stellte er gar nicht erst, mein Blick sprach Bände und er grinste einfach zufrieden zurück.

Fazit zum Green Hill Valley Elephant Camp

Wenn ihr in Myanmar (Kalaw) seid, geht hin! Der Eintritt ist – aus meiner Sicht – mehr als gerechtfertigt. Man begegnet den Tieren dort mit solch einem Respekt, dass es einfach nur toll ist, dem fürsorglichen, liebevollen Umgang zwischen Mensch und Tier zuzuschauen. Natürlich ist es ein Projekt, das für Touristen gemacht ist. Aber wie sollte es sich ohne Geldmittel der Touristen finanziell tragen können? Trotzdem steht der Schutz und die Gesundheit der Tiere an erster Stelle. Eben deswegen gibt es kein Elefantenreiten etc. und ist die Zahl der täglichen Besucher limitiert und kein Massenauflauf.

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Plumeria / Frangipani – Wenn die Natur für dich lächelt

8. Oktober 2019

Bei diesem tristen Herbstwetter ist es Zeit, eine kurze (zumindest gedankliche) Pause für Sommergefühle einzulegen!

Habt ihr schon einmal an einer Frangipani-Blume gerochen? Oder Plumeria, wie sie auch genannt wird.

Dieser Geruch ist für mich einer der wundervollsten, den die Natur je hervorgebracht hat. Es ist ihre Art, dir ihr Lächeln zu schenken. Wenn sich Glückseligkeit, Sonnenstrahlen und Freudentaumel riechen lassen, dann muss das wohl duften wie Frangipaniblüten!

In Réunion stieß ich zum ersten Mal auf diese grazilen Blumen und ihren samtweichen, vanillewarmen, einlullenden Duft.

Wenn ich diese wunderschönen bunten Blüten sehe (die gelb-weißen finde ich besonders hübsch), leuchten meine Augen, ziehen sich die Mundwinkel noch höher, eskalieren die Geruchsrezeptoren in meiner Nase, durchströmen mich Glücksgefühle.

Bedauerlicherweise gibt es kein „Schnupper-Feld“ in meinem Blog, das ist wirklich tragisch! Also müssen die Bilder für sich sprechen. Und eure Vorstellungskraft.

Hier ein buntes Plumeria / Frangipani-Potpourri gegen das graue Regenwetter.

Stell dir vor, sie riechen…

Blogparade: Reiseglück – Mein Sommer 2019

August / September 2019

Dieser Beitrag entstand für eine Blogparade zum Thema „Reiseglück – Mein Sommer 2019“, die im August / September 2019 von SOS-Fernweh ins Leben gerufen wurde. Bei freier Themenwahl sollte über das schönste Reiseerlebnis dieses Sommers erzählt werden.

Tja, meine Betriebstemperatur startet ab ca. 25°C aufwärts. Ich bin ein Sommer-Sonne-Wärme-Mensch. Daher bleibe ich in den „guten“ Monaten eher in heimischen Gefilden. Die Urlaubstage werden gespart, um dann den Winter zum Sommer zu machen! Geradezu fluchtartig packe ich meinen Rucksack und entfliehe in die Ferne. Meine Überlebensstrategie, um die kalte Jahreszeit halbwegs passabel durchzustehen.

Demzufolge steht die große 2019-Happy-Reise noch bevor.

An der schönen Blogparade beteilige ich mich deshalb nicht mit einem klassischen Sommerbericht, dafür aber mit einem Kurzreiseglücksbericht: Über eine Mehrtagestour nach Hamburg, im März 2019.

Normalerweise ist mir kein Reiseziel zu fern und weg bleibe ich am liebsten mehrere Wochen. Auch das Alleinreisen schätze und mag ich sehr. Dieses Mal waren es nur 4 Tage und gerade mal knapp 580 Kilometer. Und: Ich hatte meine Eltern im Schlepptau!

Umso gespannter war ich auf den Kurztrip… Meine Eltern sind meine „Überalles-Herzmenschen“ und aus meinem Leben nicht wegzudenken. Wir funktionieren perfekt zusammen – mit Freiraum und etwas Luft dazwischen. So lange am Stück, so eng zusammen, uiuiui… ich hatte etwas Bedenken (die beiden mit Sicherheit auch! 🙂 )

Freitagfrüh ging es mit dem Auto nach Hamburg. Im Stadtteil Stellingen, etwas außerhalb des Zentrums, hatten wir ein echt tolles Appartement gebucht. Mein Papa hatte an dem Tag Geburtstag und wurde 70 Jahre, was auch Anstoß des Familien-Events war.

Die Wohnung und die Musicaltickets für den „König der Löwen“ hatte ich bereits vor 4 Monaten gebucht. Wer hätte geahnt, dass wir wettermäßig solch einen Volltreffer landen würden?! Es war das ultimative Sonnenwochenende im März!

Nach unserer Ankunft am späten Nachmittag, wurde erst einmal gebührend mit Sekt auf den Geburtstag und Hamburg angestoßen. Dann suchten wir uns in Stellingen ein kleines italienisches Restaurant und ließen den Abend freudig-fröhlich ausklingen.

Gleich am nächsten Morgen organisierten wir uns Tagestickets und fuhren mit der Bahn zu den Landungsbrücken. Von dort aus wurde die Hansestadt erkundet. Blauer Himmel und strahlendster Sonnenschein begleiteten uns auf der großen Hafenrundfahrt. Der ganze Hafenbetrieb, die unfassbar riesigen Containerschiffe und die Fahrt durch die Speicherstadt waren mächtig beeindruckend und faszinierend.

Mit meinen Eltern auf Hafenrundfahrt

Wieder Land unter den Füßen, spazierten wir für eine kleine Einkehr zum Schellfischposten (ein absolutes MUSS, für treue „Ina’s Nacht“ Anhänger), schlenderten durch St. Pauli an der Davidwache, der Reeperbahn und am Beatles-Platz vorbei.

Der Schellfischposten, die bekannte Hafenkneipe aus Ina’s Nacht

Per futuristischer Rolltreppe (mit 82 Metern die längste Westeuropas) ließen wir uns hoch zur Plaza der Elbphilharmonie schweben und sahen dort der Sonne zu, wie sie langsam in die Elbe tauchte.

Nach einem gemütlichen Abendessen bei den Landungsbrücken, liefen wir, wieder voller Tatendrang, zum Panoptikum, dem Wachsfigurenkabinett. Als mein Papa nach dem Besuch zu vorgerückter Stunde dann meinte, wir könnten ja noch einen Schlenker durch „Die Große Freiheit“ machen, musste ich echt loslachen! Ich find’s grandios und feiere ihn dermaßen dafür, dass er mit seinen 70 Jahren so junggeblieben und für jede Menge Blödsinn zu haben ist! Also zogen wir zu Dritt noch eine Runde durchs Hamburger Nachtleben.

Sonntags ging es fleißig weiter. Es gab so viel zu entdecken und wir genossen es total, uns durch die Stadt treiben zu lassen. So waren das prachtvolle Rathaus an der Alster, die Tanzenden Türme und ein Spaziergang entlang des Altonaer Balkon weitere Stationen. Tatsächlich legten wir an den beiden Tagen jeweils zwischen 19 und 21 Kilometer zu Fuß zurück!

Hamburg servierte uns den ultimativen Sommervorgeschmack. Und so blieben wir mittags – deutlich länger als beabsichtigt – am „Strandpauli“ hängen. Im T-Shirt räkelten wir uns in der Sonne, die Füße im Sand, genossen das herrliche Nichtstun und schauten den Schiffen zu, die ihre Reise aus dem Hafen antraten. Ruck zuck war der halbe Tag vorbei.

Der krönende Abschluss unserer Hamburg-Tour war das Musical „König der Löwen“ am Abend. Völlig tiefenentspannt und mit aufgeladenem Sonnenakku, setzten wir mit dem Bootshuttle zum Stage Theater über.

Die Musical Insel

Das Musical war das Gänsehauterlebnis schlechthin! Fantastische Kostüme, die Handlung, die an sich schon so herzergreifend ist und dann diese Stimmgewalten der Darsteller. Wir waren restlos begeistert. Das Stage Theater verabschiedete uns mit einen tollen Blick zur anderen Hafenseite, die, durch unzählige Lichtern beleucht, eine ganz besondere Atmosphäre ausstrahlte.

Mein Fazit dieser kleinen Reise: Reiseglück geht auch nah und kurz. Manchmal spielt das Ziel gar nicht so die Hauptrolle. Dann sind es die Begegnungen, die wir machen, die so wertvoll sind. Kleine Erlebnisse, die uns tief berühren. Kostbare Momente, die wir im Herzen tragen und nicht mehr vergessen. Und wenn wir das dann mit den Menschen teilen können, die wir lieb haben, verdoppelt oder verdreifacht sich unser Glück.

Ich bin unendlich dankbar, dass meine Eltern noch so fit und junggeblieben sind. Und ich betrachte es nicht als Selbstverständlichkeit, dass wir solch wertvolle Zeit gemeinsam verbringen können. Das ist ein sehr, sehr kostbares, unbezahlbares Geschenk. Erinnerungen, die uns niemand nehmen kann.

Wir wissen (zum Glück) nicht, wie viel Zeit wir mit unseren Herzensmenschen haben. Umso wichtiger, dass wir sie nutzen. Und wenn man es mit einer kleinen Reise verbinden kann, dann hat man das krönende Sahnehäubchen auf dem Kuchenstück!

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Paisaje Lunar – Erste (Wander-)Schritte auf Teneriffa

Donnerstag, 16. Mai 2019

Gestern sind wir auf Teneriffa angekommen.

Ich bin mit Janine, meiner zutiefst geschätzten Freundin und weltbesten Reisebegleitung, auf die Insel gereist, um sie in der kommenden Woche zu erlatschen (Mission Mädels-Trip 2019).

Weitere Wander-Anekdoten unserer Reise gibt es auch im Blogbeitrag https://mosaikteile.de/2019/06/21/ab-durchs-teno-gebirge-santiago-del-teide-oder-traue-niemals-kilometer-und-hoehenangaben-im-wanderfuehrer/ zu lesen.

Um keine kostbare Zeit zu verbummeln, machen wir uns heute gleich auf Wanderschaft.

Zum Auftakt haben wir uns eine Tour mit dem klangvollen Namen „Paisaje Lunar“ aus dem Wanderführer gepickt. „Märchenhafte Minaretten und Türme der Mondlandschaft“ (Zitatende) prophezeit die Beschreibung des Autors. Jetzt hängt die Messlatte der optischen Landschaftserwartungen schon mal ganz schön hoch!

Kaffee und Meer – Der perfekte Start in den Tag

Bevor wir uns am Morgen auf den Weg machen, wird zuerst der Koffeein-Pegel neu kalibriert. Auf unserer Terrasse (den Meerblick gibt es übrigens auch vom Bett aus) schmeckt der Kaffee, in Kombination mit Wellenrauschenlauschen und Meeresluftgeschnupper, tatsächlich noch viel besser als daheim!

Morgen-Ausblick mit Meeresbrise, könnte durchaus schlimmer sein 🙂
Sommer-Sonnen-Frühstückskaffee,
kredenzt mit guter Lektüre – Gechillter Start in den Tag

Wir verfrachten Rucksäcke und unsere Kadaver in den Leihwagen und brechen gegen 9:45 Uhr auf. Bis nach Vilaflor ist es eine ziemliche Gurkerei. Janine cruist souverän über die Autobahn und weiter durch morgendlich bereits sehr belebte Ortschaften. Danach geht es auf ca. 1.500 Meter über unsägliche, nicht enden wollende Serpentinen den Berg hinauf.

Die Serpentinenstraße nach Vilaflor – fährst du noch oder brichst du schon?

Mit Brechreiz von unserer eigenen Fahrerei stellen wir, nach einer gefühlten Ewigkeit (tatsächlich dauerte die Fahrt 40 Minuten), endlich das Auto an der Iglesia de San Pedro in Vilaflor ab. Die Sonne strahlt hoch motiviert vom Himmel. Zuerst laufen wir durch das idyllische Örtchen, bis links eine schmale Straße abzweigt und wir auf den weiß-rot-gelb markierten Camino (PR-TF 72) stoßen. Ein Weg, eingesäumt von Steinmäuerchen, führt gut 30 Minuten durch einen lichten Kiefernwald stetig aufwärts. Es ist ziemlich warm und die Körpertemperatur steigt kontinuierlich mit der Höhe.

Es geht erst mal eine Weile stetig bergauf

Wir folgen einer Wasserleitung und treffen auf ein verlassenes und teils zerfallenes Gehöft (so sagt die Beschreibung, als Gehöft ist es für uns nicht wirklich erkennbar).

Das verlassene Gehöft mit Trockenfeldterrassen

Die Landschaft ist enorm vielseitig. Nirgendwo zuvor habe ich bislang solch riesige Blumen gesehen. Prächtige Stauden, mit hunderten kleinen Blüten in rosa und lila, die mich überragen (ok, meine Körpergröße kann als „platzsparend“ bezeichnet werden, dennoch sind Blumen üblicherweise kleiner als ich). Diese imposanten Pflanzen nennen sich Roter Wildprets Natternkopf und wachsen ausschließlich im Nationalpark El Teide. Wir haben das große Glück, dass sie jetzt blühen.

Der Rote Wildprets Natternkopf direkt am Wanderweg.
Er kann bis zu 2 Meter hoch werden und hat wunderschöne Blüten.

Mondlandschaft, Wälder und bizarre Felsen

Abwechslungsreicher könnte die Landschaft kaum sein. Die Wegfindung ist so eindeutig, dass selbst Orienterungslosigkeits-Spezis wie wir, uns nicht verlaufen können. Der mühevoll angelegte Pfad führt weiter durch die Caldera zu den bizarren Felsformationen, die wir bereits aus dem Wanderführer kennen. Das werden wohl die Minaretten sein.

Immer den bepinselten Steinen und dem gut erkennbaren Pfad folgen
Die hellen Bimssteinsäulen, ein toller Kontrast zum blauen Himmel
und den Bäumen

In der Mittagshitze suchen wir einen Schattenplatz und vertilgen unser Proviant. Um unsere Füße flitzen hektisch kleine Eidechsen, in der Hoffnung, herabfallende Krümelchen zu ergattern. Wir haben noch ein Stück vor uns, daher marschieren wir bald weiter.

Gestärkt geht es weiter, vor uns liegt noch ein gutes Stück

Vor uns taucht in der Ferne der Teide auf. Was für ein Berg! Der Vulkan bot aus dem Flieger schon einen imposanten Anblick, aber inmitten dieser speziellen Landschaft sieht er noch mächtiger aus.

Die Schönheit der Natur spricht für sich
Sitzen, schweigen, staunen – Janine nimmt die Eindrücke in sich auf

Von der Sonne begleitet laufen wir zum Aussichtspunkt Paisaje Lunar und lassen die faszinierende Umgebung auf uns wirken.

Aussichtspunkt Paisaje Lunar