Die alte Heilstätte

März 2019

Es ist ein trister, kalter Frühjahrsmorgen.

Der Himmel hängt voller Regenwolken, einige Schneereste krallen sich verzweifelt am Boden fest. Sie haben überlebt. Noch. Ein letzter Abschiedsgruß des Winters.

Die Stimmung könnte nicht passender sein. Verlassene Orte besitzen eine viel intensivere Wirkung, wenn sie in Tristesse versinken.

Ich stelle das Auto ab und folge dem Waldweg.

Das erste Gebäude, ein leerstehender Gasthof, taucht auf. Ich möchte zunächst jedoch zum Kern vordringen.

Der Weg ist matschig. Ich lasse den Gasthof hinter mir und gehe auf das Haupthaus zu. Mächtig ragt es vor mir in die Höhe, mit verspielten Gauben, kaputten Fensterscheiben in unterschiedlichen Formen und Größen und bemoosten Dachschindeln. Der Putz ist großflächig abgeplatzt und hat das Mauerwerk freigelegt. Eine langgezogene Überdachung bis zum Eingang weist riesige Löcher auf. Marode Holzbalken sind heruntergebrochen. Es scheint, das Gebäude hat seine Hülle abgelegt und zeigt ungeschminkt die vielen Jahre seines einsamen, stillen Leidens. Eine Maske, die aufrechterhalten werden muss, gibt es hier nicht mehr.

Einige der Gebäude, die zur Heilstätte gehören

Ich stehe zwischen den toten Bauwerken und lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Mein Blick bleibt an einer rostigen Badewanne hängen. In ihrem verdreckten Wasser schwimmt bäuchlings eine Puppe. Ohne Kleider. Die Haare liegen wie Algen um ihren Kopf. Sofort dringen Bilder wie aus einem schlechten Horrorfilm in meine Hirnwindungen.

Ein lauter Schlag reißt mich aus meinen Gedanken. Der Wind hat ein offenes Fenster, an dem Jalousien klappern, gegen den Rahmen geknallt. Wie eine Aufforderung; los jetzt! Vorsichtig gehe ich unter der heruntergekommenen Überdachung durch, dann betrete ich die Eingangstür des Gebäudes.

Ich befinde mich in einer ehemaligen Lungenheilanstalt. Seit ca. 17 Jahren ist sie verlassen, der Verfall zum Teil weit vorangeschritten. Dennoch findet man viele Fragmente, die zeigen, wie prachtvoll dieses Anwesen einst gewesen sein muss.

Die Böden im oberen Stockwerk sind aus wunderschönen Holzdielen. Alte Patientenbetten stehen neben Nachtschränken in den pastellfarbenen Zimmern und durch halbrunde Fenster dringen Lichtstrahlen herein. Ein nahezu unwirklicher Anblick, irgendwie traurig, aber schön.

Genau in diesem Moment spüre ich den Hauch der Vergangenheit, der noch immer an diesem Ort haftet.

Wenn Gebäude sprechen könnten, dieses würde sicher spannende Geschichten erzählen…

Wer hier wohl einst schlief?

So lasse ich meiner Fantasie ihren Lauf, als ich in ein Zimmer trete, an dessen offen liegender Backsteinwand eine verschlissene Polsterliege steht. Darüber pendelt eine Leuchte – zur Hälfte aus der Deckenverankerung gerissen – leicht im Wind.

Welche Geheimnisse diese Räume wohl hüten?
Die Atmosphäre ist sehr speziell…

Beim Gang durch das Treppenhaus (oder was davon übrig ist) in die darunterliegende Etage ist Vorsicht geboten. Das restliche Dachfenster und die stark marode Treppe gewinnen nicht mein Vertrauen.

Teile des Daches sind auf die marode Treppe darunter gekracht

Auch die umliegenden Häuser bieten ein verstörendes Bild im Inneren. In den Schränken hängen verschlissene Hemden. Man kann die Zimmer kaum betreten, so viel Plunder und alter Krempel liegt auf dem Boden. In der Küche stehen die Schränke weit offen. Auf der Arbeitsfläche wurden Dosen mit Eiweißpulver aufgerissen und überall verteilt.

Eine Tür hängt mitten im Fensterrahmen, Wände sind mit Graffitys verschmiert, Tapetenreste und Glasscherben liegen auf dem Boden. Die einstige Großküche wurde als Deponie für alte Elektrogeräte, Farbeimer und Autoreifen zweckentfremdet. Überall wurde rücksichtslos und zerstörerisch mit den Füßen auf dem Objekt herumgetreten, das nun nur noch sich selbst überlassen ist.

Der Ofen ist aus, die Küche bleibt kalt
Eine alte Postkarte zeigt ein Bild aus vergangenen Tagen

Ich habe genug gesehen. Zeit, der Vergangenheit den Rücken zu kehren. Mit unzähligen Bildern und – wie jedes Mal beim Besuch eines Lost Places – dem Gefühl von Schwermut, breche ich auf.

Verlassene Räume, zurückgelassenes Mobiliar
Hier gibt es seit langer Zeit kein Personal mehr
Die Stockwerke zu den Patientenzimmern
Düstere, einsame Gänge
Ein Blick hinab ins Treppenhaus
Herausgerissene Zeitungsseiten aus dem Jahr 1944
Fenster, die Augen der Räume
Was am Ende zurück bleibt…

Ein Besuch der Geisterstadt

Eine Insel im Atlantischen Ozean.

Ein Dorf direkt am Meer. Und eine Geisterstadt.

Bereits bei der Abfahrt von der Autobahn ist die verlassene Stadt von Weitem zu sehen.

Auf dem Hügel thront die Ruine einer Kirche. Wie ein Mahnmal ragt ihr Kreuz in den Himmel. Dahinter fällt der Blick auf eine atemberaubende Meeres-Kulisse. Unwillkürlich schaudert es mich.

Auf einem Parkplatz direkt am Meer stellen wir unseren Mietwagen ab und laufen an einem kleinen Strandabschnitt den Hügel hinauf.

Vor dem Eingang der Kirche sind am Boden Steinbrocken aufgetürmt.

Darauf liegen nebeneinander 2 weiße Tauben. Dann sehe ich die Blutstropfen auf den Steinen. Ein kleines Messer liegt etwas entfernt von einer der Tauben. Zwischen den Vögeln steckt eine Kerze in einer aufgeschnittenen Plastikflasche. Verwundert überlege ich nach den Zusammenhängen.

Und dann fällt mein Blick auf den kleinen Kopf, der abgetrennt auf einem der Steine liegt. Erschüttert betrachte ich nochmals die Tauben. Sie haben beide keine Köpfe mehr. Ich bin fassungslos. Was für ein Mensch tut so etwas?!

Vor der Kirche, am Boden liegen die weißen Tauben

Noch etwas verstört betrete ich das Innere der Kirche. Sie ist komplett leer, nur Steine und Geröll auf dem Boden. Große Balken stützen die Decke. Bunte Graffitis an den Betonmauern. Am Ende der Halle prangt ein großes Holzkreuz, auf das durch ein Fenster die Sonne scheint.

Die Kirche ist erst der Anfang.

Verteilt über die gesamte Fläche der Geisterstadt stehen eine Vielzahl leerer Gebäudehüllen. Hier wurde vor rund 76 Jahren mit dem Bau einer Lepra-Station begonnen, die nie fertiggestellt wurde. Man errichtete ein Krankenhaus, ein Krematorium, mehrere Verwaltungsgebäude und Bungalows sowie die markante Kirche im Franco-Stil.

Haus für Haus arbeiteten wir uns vor. Über dem kargen, staubtrockenen Areal brannte die Sonne, abgemildert von einem starken Wind, der permanent den Sandboden aufwirbelte. Hinter der Kirche wirbelten emsig die Windräder. Es stürmte so heftig, dass ich phasenweise kaum die Kamera halten konnte.

Die Gebäude stehen vollständig leer. Viele Wände sind zertrümmert.

Bunte Graffitis bringen Farbe in die Tristesse der Geisterstadt.

Ein Kerl im Tarnanzug zog plötzlich unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Ich hatte zwar zuvor gelesen, dass hier vor vielen Jahren militärische Trainings durchgeführt wurden. Trotzdem wurde es uns unwohl, als er mit einer Maschinenpistole in der Hand in unsere Richtung kam. Und er sollte auch nicht der einzige Typ bleiben, der uns mit einer Knarre über den Weg lief. Immer wieder sahen wir jemanden mit einem Gewehr zwischen den Ruinen rennen. Einer der Jungs erklärte freundlich, es gäbe kein Grund zur Sorge, alles sei völlig ungefährlich. Es handelte sich wohl um sowas wie ein Verfolgungsspiel. Wir hielten uns dennoch von den beiden belagerten Gebäuden fern. Schade, denn dies waren die beiden größten Komplexe, die uns noch sehr interessiert hätten.

Nach gut 2 Stunden beendeten wir unsere Erkundungstour wieder an der Kirche und gingen mit vielen neuen Eindrücken zurück zu unserem Auto.

Das verlassene Kinderkurheim

In unmittelbarer Näher einer Wohnsiedlung ragen auf einer Anhöhe die alten Gemäuer des ehemaligen Kinderkurheims zwischen Tannen heraus. Untergewichtige Kinder wurden hier bis Ende der 70er Jahre aufgepäppelt.

Inzwischen steht das Gebäude seit mehreren Jahren leer und präsentiert ein trauriges Bild der Einsamkeit und Zerstörung. Dennoch lassen die Wohnräume die Atmosphäre erahnen, die hier einmal herrschte.

Mitten in einem der Zimmer steht ein uraltes Paar Herrensandalen. Schimmel klebt in den Ecken, der modrig-streng zur Nase vordringt.

Durch die tristen Gänge und die zerschlagenen Fenster zieht ein kühler Wind. Nur noch halb befestigte Jalousien klappern gegen die Rahmen und dicke Spinnweben haben großflächig die Fensternischen in ihren Besitz genommen.

Ein imposantes Treppenhaus führt hinauf zum einstigen Speisesaal. Der Teppichboden ist übersät mit Tapetenresten und bröckeligem Putz, abgeblättert von den Wänden. Scherben knacken unter meinen Schuhen, während ich mich vorsichtig durch den Raum bewege und mein Blick nachdenklich aus den Panoramafenstern über die Wiesen schweift.

Es braucht einiges an Phantasie, sich die Kinder vorzustellen, die hier einst durch die Gänge rannten, sich in dem großen Saal zum Essen oder Spielen trafen und diesem Haus Leben einhauchten…