GALÁPAGOS / ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 14: Noch mehr Seelöwen, Seefahrten des Grauens und Hai-End-Erfahrungen

Von Isabela über Santa Cruz nach San Cristóbal

13. – 16. Dezember 2019

Es soll ja durchaus einen Vorteil haben, wenn um 4:50 Uhr der Wecker klingelt. Welcher war das nochmal?! Ach so, Sonnenaufgangserlebnis…

Sonnenaufgang am Pier von Isabela

Am Pier in Isabela wieder der übliche Check auf Früchte, Samen und saubere Wanderschuhe, bevor um 6:00 Uhr die Fähre zurück nach Santa Cruz brettert. Der Abschied fällt schwer. Zu wissen, was mir auf dem Wasser blüht, trägt nicht wirklich zur Förderung des Wohlbefindens bei. Darauf erst mal eine Reisetablette!

Es folgt die bekannte Prozedur: Wassertaxi, zwei Stunden Pazifik-Apokalypse, Wassertaxi. Mir gegenüber hängt ein armer Kerl und kübelt sich die Seele aus dem Leib. Ich strecke ihm einen Blister Reisekaugummis hin. Er mag nicht. Füttert stattdessen weiterhin fleißig die Fische. Die ganze Fahrt über, sogar als wir gemütlich in den Hafen shippern. Es ist kein Vergnügen auf dem Kutter…

In der Reiseagentur in Quito, hatte man mich bei meiner Flugbuchung bereits vor den Überfahrten gewarnt. Damals der Grund, mich gegen San Cristóbal zu entscheiden. Sonst hätte ich gleich einen Gabelflug nach Baltra und zurück von San Cristóbal gebucht. Aber wie es so ist auf Reisen, viele Wege entstehen spontan und Planungen werden sowieso völlig überbewertet.

Hilfe, es weihnachtet sehr

Deshalb muss ich jetzt erneut nach Santa Cruz, dort hoffentlich ein Ticket für die andere Fähre ergattern, sechs Stunden die Zeit verdödeln und am Mittag weitere zwei Stunden dem Schleuderwaschgang fröhnen.

Ich springe aus dem Boot und renne zum erstbesten Schalter. Wueppa, das Ticket! Die freundliche Dame bietet mir sogar an, meinen Rucksack zu verwahren. Ein Angebot, dass ich bei der Hitze gerne annehme.

Beim Rumlungern erheitert mich die mit Abstand geilste Weihnachtsdeko. Hier werden neue Maßstäbe kreativer Dekoration gesetzt. Während ein City-Aufpimp-Team auf dem Marktplatz in Isabela drei volle Tage in aufwendigster Hand- und Schnibbelarbeit aus Stoffbahnen einen Weihnachtsbaum zusammenbastelte, wird das Auge am Pier Santa Cruz von einer großen Krippe begrüßt. Darin gesellen sich, neben Josef, Maria (in Menschengröße) und Jesuskindlein, ein Seelöwe, Flamingo, Riesenschildkröte und Blaufußtölpel. Nicht minder sensationell ist der Schlitten des Weihnachtsmannes. Der ist nämlich hochseetauglich und wird nicht von langweiligen Rentieren gezogen – die würden sich ja hier totschwitzen oder ertrinken – sondern von Seepferdchen und Delfinen.

Tierisches Krippenspiel im Galápagos-Style
Für alle, die sich fragen, wie der Weihnachtsmann von Insel zu Insel kommt…

Die verbleibende Zeit hühnere ich durch den Ort, schlabbere Café und gar köstlichsten Kokossaft und sehe dem tierischen Treiben am Fischmarkt zu.

Fischmarkt in Santa Cruz – immer ein Spektakel

14:00 Uhr, erneut auf hoher See. Und souverän den dämlichsten Platz ausgesucht. Zwei lange Stunden ergießt sich ein spezielles Wellness-Spa-Programm, in Form von kaltem Salzwasser, über meinen Kadaver. Ein aufmerksamer Mitmatrose kramt nach seiner Regenjacke und reicht sie rüber. Dankbar hülle ich mich ein. Derweil befindet sich meine Sitznachbarin – nicht verwandt und nicht verschwägert – in ihrer Tiefschlafphase. Selig ruht ihr Kopf auf meiner Schulter. So ist das, ein Geben und ein Nehmen.

Nach endloser See-Schaukelei endlich angekommen

16:00 Uhr, der Hafen von San Cristóbal! Das Leiden hat… noch kein Ende. Über Lautsprecher schmettern uns die schrägen Klänge des Kinder-Christmas-Chor entgegen. Daneben blinkt ein riesiger Weihnachtsbaum. Oh du heilige Scheiße…

Und auch auf San Cristóbal bekommt das Auge erst mal nen Weihnachtflash
Endlich angekommen

Die Unterkunftssuche gestaltet sich auch hier als völlig unkompliziert. Und ich bekomme wieder einen Preisnachlass auf das Zimmer, da ich nicht vorab über ein Buchungsportal reserviert habe. Den restlichen Tag latsche ich den Ort ab. Die Seelöwen hier sind der Hammer! Der ganze Strand an der Promenade liegt voll. Und was die für einen Lärm machen! Besonders die Jungen. Nach Sonnenuntergang dröhnt ihr Gebrüll durch die Straße.

Nachdem ich mir am Morgen in der Hostel-Küche ein Überlebens-Koffeeingetränk gebraut habe, begleitet mich Pepe zum Pier. Pepe ist mein Herbergs-Opa, unheimlich mitteilsam, total herzig und ganz arg kümmernd. Er hat Kontakte zu einer Agentur und könne mir einen Freundschaftsrabatt für eine Tour aushandeln, verrät er leise. Er schleppt mich in einen abgeranzten Laden und ich ergattere einen der letzten freien Plätze für die beliebte 360-Grad-Tour. Der Tagesausflug gehört zum absoluten Must-Do auf San Cristóbal und ist überall meist tagelang im Voraus ausgebucht.

San Cristóbal via Drahtesel

Nach einem sensationellen Frühstück (göttliche Pancakes, lauwarmes Birchermüsli mit frischen Früchten und Cappucchino) mit Meerblick, falle ich in den Fahrradverleih gegenüber ein. Miete einen Drahtesel für den halben Tag. Und zwar die „Klapper-Deluxe-Version“ in der edlen Sonderedition „Rostige Bremse“. Denn schlechte Bremsen hat’s gute und viel Luft in den Reifen hat’s wenig. Bevor ich mich auf den Sattel schwinge, bitte ich um eine Luftpumpe. Die zwei Señores vom Verleihamt pumpen minutenlang und fragen amüsiert, ob ich denn den spanischen, sehr populären Hit mit meinem Namen kenne. Auf meine Verneinung schmettern sie mir mitten auf der Gasse enthusiastisch ein persönliches Ständchen. Meine Freude über ihre Performance signalisiere ich durch munteres Mitgewackel und Honigkuchenpferdgrinsen. Singen können sie besser als pumpen, viel „luftiger“ sind die Reifen nicht geworden. Gutgelaunt schicken sie mich von Dannen, mit dem Argument, bei meinem Gewicht würde das reichen.

Mehr Schein als Sein. Es klappert, bremst nicht, hat kaum Luft in den Reifen

Playa Punta Carola, Tijeretas und der einsame Strand Baquerizo

Mit viel Bodenhaftung strampel ich zum Playa Punta Carola, kette das Rad an (der blanke Hohn, Fahrradschloss ist wertvoller als das Vehikel) und wandere zum Strand. Ungewohnt viel los hier. Seelöwen und Schnorchler vergnügen sich in den Fluten und im Sand. Ich laufe weiter hinauf zum Aussichtspunkt Tijeretas. Kein Wölkchen am Himmel, die Sonne brennt unerbittlich. Die Plattform belohnt mit einem gigantischen Blick auf die türkisfarbene Bucht und den weiten Pazifik.

Der Pfad zur Aussichtsplattform Tijeretas
Paradiesischer Blick auf die Bucht und die Schnorchler

Ich beobachte die Schnorchler im Wasser und bekomme eine Vorahnung auf den legendären Kicker Rock in der Ferne. Wegen des enormen Hai-Aufgebotes ist er DIE Anlaufstelle aller Taucher. Von Tijeretas führt der Weg weiter durch eine völlig bizarre Landschaft. Die Kontraste der weißgrauen trockenen Bäume, schwarzen Lavafelsen und dem tiefblauen Himmel ist einfach phantastisch.

Als Weg kaum erkennbar, doch es gibt immer wieder Wegweiser

Eine knappe Stunde folge ich der steilen Sandpiste bergab und balanciere weiter über große Steine bis zum entlegenen Strand Baquerizo. Kein Mensch unterwegs. Nur eine einsame Katze kommt miauend auf mich zu. Wo kommt die denn her? Den gleichen Weg geht es wieder zurück, rund sechs Kilometer insgesamt.

Der einsame Strand Baquerizo

Danach radel ich zum „Centro de Interpretaciones“. Einem Museum über die Entstehung und politische Geschichte des Archipels, Erläuterungen, wie die ersten Tiere auf die Inseln kamen und sich Galápagos sowie die Bevölkerung im Laufe der Jahre verändert haben. Auch hier ist der Eintritt frei, wie üblich registriert man sich am Eingang.

Nach dem Besuch klappere ich weiter. Positiv betrachtet ist ja zumindest alles was klappert noch am Fahrrad dran. Vorbei am Playa Mann mit kurzem Seelöwen-Staun-Stop, genieße ich den Sonnenuntergang am etwas abgelegenen weißen Sandstrand Loberia. Hier ist mächtig was geboten! Die Seelöwen-Hochburg. Mit ihrem Nachwuchs wälzen sie sich im Sand und spielen in den Fluten. Loberia ist ein sehr beliebter Badestrand und Publikumsmagnet. Entsprechend viele Zuschauer haben die drolligen Gesellen.

Der wohl bekannteste Strand auf San Cristóbal – Loberia

Bevor ich meinen fahrbaren Untersatz zurückbringe, buche ich sicherheitshalber schon mal die Fähre für übermorgen zurück nach Santa Cruz. Drei Nächte San Cristóbal reichen.

Radtour mit Wandkunst, hier der Léon Dormido (schlafender Löwe) oder auch Kicker Rock genannt. Beliebter Tauch-Spot wegen der vielen Haie

Spektakuläre 360-Grad-Tour

Nach 4 1/2 Stunden Schlaf startet der Tag mit Strom- und Wasserausfall. Der arme Pepe ist völlig aufgelöst und schleppt mir mit vielen Entschuldigungen einen Eimer Wasser zum Waschen und Zähneputzen an. Alles kein Drama, versichere ich ihm lachend. Er lässt es sich natürlich auch nicht nehmen, mich in aller Frühe runter zum Pier zu begleiten. Und er ist ja so redefreudig. Man muss ihn einfach gern haben.

Kurz nach 7 Uhr stehe ich also schon wieder in dem dubiosen Laden, in dem ich tags zuvor die 360-Grad-Tour gebucht und am späten Abend noch das Schnorchelequipment anprobiert habe. Taucherbrille und Schnorchel waren völlig verstaubt, der Wetsuit total verschlissen… Jetzt bin ich verdammt gespannt, was das da auf mich zukommt.

Es geht einmal mit dem Boot um die Insel. An mehreren Top-Spots wird zum Schnorcheln gehalten. Einer dieser Top-Spots ist ein Hai-Hotspot mit Riff- und Hammerhaien. Hai-end quasi. Will ich das wirklich?!

Viele Stunden später:
AAAAAAAAAAHHHHHHHHH!!!!!!!!!!! Bin immer noch komplett am eskalieren!!!!

Ernsthaft, das Schnorcheln bei Los Tuneles war Kindergeburtstag! Sozusagen die Feuertaufe für den heutigen krassen Scheiß! Ich stehe psychisch und physisch – und überhaupt – völlig neben mir! Aber der Reihe nach.

Um 7:30 Uhr legt der Kotz-Kutter am Pier ab und ich versichere euch, der Name ist Programm. Abwechselnd sehen sich zwei Jungs unserer zehnköpfigen Gruppe die Fluten aus allernächster Nähe an. Yepp, das kennt man ja bereits. Ich bin unterdessen gechillt auf’m Seepillen-Trip, oder wie ich es nenne, mit „Galápagos-Frühstück“ intus. Den Jungs reiche ich auch welche rüber und verspreche: „In 20 Minuten ist eure Welt wieder in Ordnung.“

Erster Stop – Rosa Blanca Bay

Wet landing in der Rosa Blanca Bay. Das bedeutet, Schuhe aus, vom Boot ins hüfthohe Wasser springen und bis zum Strand laufen. Noch niemals in meinem Leben habe ich solch einen schneeweißen Sandstrand gesehen! Es ist so grell, dass es in den Augen brennt.

Andres, unser crazy Guide, läuft voran. Wir folgen ihm karawanenartig über einen steinigen Pfad bis zu einer Art Fels-Bassin, in dem sich Wasser gesammelt hat. Sobald Ebbe ist, trennt sich dieser Teil für einen gewissen Zeitraum vom Pazifik ab. Das Spektakuläre daran ist allerdings, dass dieser glasklare, natürliche Pool voller Haie (Haischutzzone) ist. Erst wenn der Meeresspiegel wieder hoch genug ist, kommen sie aus ihrem temporären Gefängnis. Fassungslos starren wir in dem Bassin unter uns auf die Haie, während eine Schildkröte ihre Kreise über ihnen zieht. Es ist unglaublich.

Ein kleines Bassin voller Haie, das sich bei tiefem Wasserstand vom Meer abspaltet

Die angrenzende Bucht – derzeit wegen dem tiefen Wasserstand noch vom Hai-Pool getrennt – gehört nicht mehr zur Haischutzzone. Andres verkündet, hier wird geschnorchelt. Zur Begrüßung schwimmt auch prompt ein kleiner Hai vorbei. Da bin ich inzwischen relativ schmerzfrei. Wahrscheinlich machen die vielen Reisetabletten auf Dauer die Birne buttrig… Schwimmflossen an die Latschen, Brille auf die Glubscher, Salzwasser-Schnorcheldesinfektion (würg) und den Astralkörper in die karibische Brühe versenken.

Hmmm… wieso läuft denn da Wasser in meine Taucherbrille?! Das blöde Ding hat einen Riss an der Seite! Wirklich wundern tut’s mich nicht. Der Uralt-Krempel dieses schmierigen Tourenvermittlers (dessen Hüftgezwicke und Fragerunde über meinen Beziehungsstatus in Deutschland und auf Galápagos ich heute früh gepflegt im Keim erstickte) besteht keine Tauchtauglichkeitsprüfung mehr. Crazy Andres hilft mir mit seiner Brille aus, klasse Typ. Unter dem mexikanischen Schutz eines Mit-Abenteuerers, lasse ich mich ermutigen, zum Hai zu schnorcheln und ihn kurz aus der Nähe zu betrachten.

Wizard Hill, Punta Pitt und Sardine Bay

Nach dem Schnorchelstop düsen wir mit ordentlich Tempo irgendwo im Nirgendwo vorbei an Cerro Brujo, dem Wizard Hill und der Insel Punta Pitt.

Felskanal bei Cerro Brujo

Zweiter Stop: Die Sardine Bay. Zwei Buchten, die an Sanddünen liegen und farblich einen wunderschönen Kontrast zum Meer und den grünen Pflanzen bilden. Auch dieses kleine Eiland darf nicht überall betreten werden. Dort, wo die Pflanzen zu wachsen beginnen, ist Schluss mit Gelatsche.

Wunderschön und menschenleer – die Sardine Bay

An einem Schrein aus einem vertrocknetem Kugelfisch und Schildkrötenskeletten klärt uns Andres über die Tiere und das Naturreservat auf, auf dem wir uns gerade befinden. So verrückt wie er ist, so unbestreitbar stark verbunden ist er auch mit den Lebewesen seiner traumhaften Heimat.

Was das Meer zurücklässt

Mittagspause. In der flachen Bucht tobt verspielt ein Seelöwnbaby zwischen unseren Beinen im Meer umher. Wir haben viel Zeit zum Schnorcheln, eine willkommene Erfischung in der glühenden Sonne und der Affenhitze, denn Schatten sucht man hier vergebens. Das Wasser ist kristallklar, man fühlt sich wie in einem großen Aquarium, bei all den bunten Fischen.

Seelöwenbaby, ganz müde vom vielen Spielen im Wasser
Gestrandet in der Sardine Bay, Zeit zum Chillen und Schnorcheln

Hai-Life am Kicker Rock (Léon Dormido)

Weiter zum großen Finale, dem Kicker Rock. Oder Léon Dormido, wie er auch genannt wird, was „schlafender Löwe“ bedeutet. Hierhin zieht es alle passionierten Taucher, denn hier gibt es die meiste Hai-Vielfalt.

Als die beiden immensen Felsen vor uns aufragen, bleibt mir die Spucke weg. Rund 150 Meter Gestein, getrennt durch einen Kanal. Die hohen Wellen brechen sich an den Wänden, das Wasser ist stockdunkel und tief. Sehr tief.

Andres grinst uns aus seinem Ganzkörper-Neopren abenteuerlustig an und spult ein kurzes Briefing ab: Es wird nichts angefasst. Alle Tiere sind tabu. Bloß von den Felswänden fernhalten und immer Achtung wegen der Brandung und der Strömung. Da das Boot nicht durch den Tunnel kommt, tuckert es außenrum und wartet auf der anderen Seite. Wer zu sehr friert oder keine Kraft mehr hat, kann jederzeit zum Boot schwimmen, die Leiter hängt draußen. Mit jedem Satz wird mir elendiger. Ich starre in den undefinierbaren Abgrund unter dem Boot und grusel mich fürchterlich.

Mächtige Felswände umsäumen den Kanal des Kicker Rock

Lasst mich an dieser Stelle kurz ein paar treffende Zeilen zitieren, die ich zum Kicker Rock fand: „Der Schwierigkeitsgrad beim Schnorcheln oder Tauchen ist mäßig bis anstrengend, da von einem Boot aus durch einen tiefen natürlichen Kanal zwischen den Felsen im offenen Wasser geschnorchelt wird. Die Strömungen in Kicker Rock sind stark und normalerweise kalt, aber die Meereswunder sind es absolut wert.“

Damit ist alles gesagt. Der guten Ordnung halber wiederhole ich, dass ich ein ultraübles Wasser-Weichei mit extremst ausgeprägtem Kältesensor bin. Die innere Stimme dudelt das „Ich kann da nicht rein“-Mantra in Dauerschleife. Das Hirn, kurz vorm geistigen Burnout, rödelt „Offene See, tiefes Wasser, KALT, vom Boot weg in den Kanal schwimmen?! KAHALT! Ach so, da sind verflucht noch mal H A I E !!!!“

Da mir Andres‘ Crew eine intakte Taucherbrille zur Verfügung gestellt hat, fällt zumindest die Ausrüstungsausrede flach. Keinen blassen Schimmer, wie ich die Horrorszenarien im Kopf, die Angst im Bauch und die Stimme im Ohr ausblende. Offensichtlich hat aber jemand den Vorschlaghammer auf meinen Not-Aus-Schalter draufgedonnert, denn in dem Moment platsche ich ins Wasser und tauche in die Finsternis ein. Übrigens ist am Kopf das Wasser noch viel kälter.

Als ich realisiere, dass ich mich im grenzenlosen, blauen Nichts befinde, geht mir sowas von der Arsch auf Grundeis! Holla die Enten. Ich hefte mich an Andres Flossen, der mit entspannter Geste „alles okay“ zeigt. Wenn ich schon gefressen werde, dann zumindest unter erfahrener Aufsicht.

Von der unendlichen blauen Tiefe verschlungen

Entsetzt gaffe ich ihm nach, wie er einfach abtaucht. Könnte man unter Wasser heulen, ich würde vermutlich den Meeresspiegel um einige Meter ansteigen lassen. Der Schockzustand wechselt sich mit Frostschüben, Aufregung, Neugierde, Abenteuerlust und Angst ab.

Einige Minuten später befinden wir uns mitten in dem Kanal. Zur rechten und linken Seite steigen die grauen, bedrohlichen Wände des Kicker Rock in die Höhe, unter mir kann ich rein gar nichts sehen, das Boot ist ebenfalls außer Sichtweite. „Bitte behalt jetzt die Nerven“, flehe ich innerlich und schnorchele weiter Andres hinterher. Während es vorher rund 35 Meter hinab ging, ist es im Kanal nur noch etwa 19 Meter tief. Endlich nimmt die undefinierbare blaue Masse Formen an, ich kann bis auf den Grund sehen.

Ich zucke zusammen, als ein Schatten an mir vorbeizischt. Uff, nur ein Seelöwe! Vor mir fliegt eine Schildkröte. Und dann sehe ich, dass ich umgeben bin von Schildkröten und Fischschwärmen. Völlig fasziniert gucke ich mich nach unserem Guide um. Er deutet unter sich. Der erste Hai… Andres taucht ab und ihm gemächlich hinterher.

Am Kicker Rock wimmelt es nur so von Haien

Ich komme kaum dazu, über das fehlende Boot nachzugrübeln. Oder über die anstrengende Strömung und den mächtigen Wellengang im Kanal, der den Körper permanent auf- und abschaukelt. Auf dem Meeresgrund ruhen weitere Riffhaie, einzelne Weiß- und Grauspitzenhaie schwimmen anmutig vorbei. Ich friere abartig, Hände und Füße sind eiskalt. Wir kämpfen uns mit den Wellen durch den Kanal. Auf der anderen Seite wartet unser Boot. Nach über einer Stunde Adrenalin-Ekstase verfrachten wir unsere ausgekühlten Körper bibbernd hinein. Nie zuvor habe ich mit solcher Erleichterung und Freude ein Boot bestiegen.

Überlebt! Vollgepumpt mit Adrenalin und Endorphinen

DAS war mit Abstand eines meiner heftigsten, gruseligsten, unberechenbarsten aber auch atemberaubendsten und faszinierenden Erlebnisse! Vollgepumpt mit Endorphinen schippern wir kurz nach 17 Uhr in den Hafen von San Cristóbal.

Das muss erst mal verarbeitet werden. Ich drehe noch eine Laufrunde, dusche das mehrschichtige Salzwasser ab und ziehe am Abend gemeinsam mit Ecuadorianer Raphael los. Er kommt aus Quito und ist bei mir in der Unterkunft. Auch er war heute am Kicker Rock – allerdings zum Tauchen – und ist noch immer völlig begeistert. Als er mir seine Videos zeigt, ich bin sprachlos! Der gleiche Spot, es wimmelt nur so von Haien. Als ich die großen Hammerhaie sehe, bin ich dankbar, dass ich die nicht in Flossennähe hatte! Die Viecher sind mir echt unheimlich.

Uff…  Zurück im Hostel bleiben mir noch rund fünf Stunden, bis der Wecker schon wieder klingelt. Ist Reisen anstrengend, hahaha. Zur Abwechslung steht morgen mal wieder ne Fährfahrt an. Das notwendige Übel, um zurück nach Santa Cruz zu kommen.

Dort brechen dann tatsächlich die letzten Tage an. Ich kann den Gedanken nicht leiden..

Galápagos-Life

(Teil 15 folgt)

Was war eur beeindruckendstes Tier-Erlebnis? Oder bei welchem eurer Abenteuer war die Neugierde größer als die Angst? Wobei musstet ihr euch selbst in den Hintern treten und über euren Schatten springen? Bereut ihr vielleicht sogar, die Chance auf ein Abenteuer nicht genutzt zu haben? In den Kommentaren könnt ihr gern davon erzählen, oder ihr schreibt mir. Ich freu mich 🙂

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