ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 5: Spirituelle Zeremonien, Canelazo por favor und die Pablos von Quilotoa

22. / 23. November 2019

„Nacken des Mondes“, so lautet die klangvolle Übersetzung des Berges Cotopaxi. Mit Nicole (die ich auf der Reise kennenlernte) warte ich auf dem Parkplatz zum Südeingang des Cotopaxi Nationalparks auf den Wanderbus. Er rollt pünktlich um 11:30 Uhr an und heraus springt eine kleine, quirlige Ecuadorianerin namens Hayde. Sie ist unser Guide.

Mit einem weiteren Pärchen sind wir heute zu viert, eine überschaubare Reisegruppe. Für Nicole und mich wird es auch nur eine kurze Fahrt, wir steigen bereits am nächsten Stop in Quilotoa aus und bleiben dort über Nacht.

Kreisverkehr der Regentänze

Kurzzeitig hege ich Zweifel, unversehrt und mit allen Extremitäten in Quilotoa anzukommen. In Pujili fahren wir durch einen Kreisverkehr, in dem riesige bunten Figuren stehen. Heyde erklärt die Bedeutung, nämlich dass die Figuren für Regen tanzen. „Sehr erfolgreich, wie man sieht“, werfe ich ein. Hayde lacht und möchte ein Gruppenfoto. Mit uns im Kreisverkehr. Auch der Wanderbus parkt mitten in selbigem. Priiiima Idee und ein hervorragender Platz für eine „Totgefahrene-Touris-Fotostrecke“, verkünde ich meine Bedenken. Hayde lacht noch mehr, lässt sich allerdings nicht von ihrem Vorhaben abbringen, das kulturelle Besichtigungsprogramm für die Nachwelt zu dokumentieren.

Spoiler: Zu meiner Überraschung überleben wir und behalten alle Gliedmaßen.

Überleben in der Todeszone des Kreisverkehrs

Unterwegs zeigt sich wieder das unberechenbare Ecuador-Wetter. Mit T-Shirt sitzen wir bei strahlendem Sonnenschein im Bus. Schlagartig wird es düster, kalt und dann hagelt es so heftig, dass binnen weniger Minuten eine dicke, weiße Schicht die Straße bedeckt. Fahrer Carlos zeigt sich unbeeindruckt. Er heizt munter weiter. Irgendwie sind hier alle Fahrer schmerzfrei. Mein krankes Kopfkino spielt Fahrstunden-Szenarien ab: Fahrlehrer: „So, jetzt treten Sie mal anständig aufs Gas. Auf Geschwindigkeitsbegrenzungen kann man locker 20 km/h draufpacken. Und nicht so zimperlich in die Kurven, Weichei! Zu Recht hat der Hintermann seit 15 Minuten die Lichthupe an! Caramba!“

Kulinarische und musikalische Kuriositäten

Bevor wir am Ziel ankommen, ist Fütterungszeit. In einer urigen Hacienda wartet bereits ein 3-Gänge-Menü. Mein absolutes Highlight ist der frischgepresste Sternfruchtsaft, göttlich! Zur Suppe wird Popcorn gereicht, für uns crazy, gehört hier aber so. Die Locals lieben Popcorn in der Suppe.

Saft aus Sternfrucht und Popcorn in der Suppe

Zum Essen gibt es in voller Lautstärke TV-Folklore auf die Lauscher. Hochmotiviertes Trachtenvolk musiziert mit allerlei Instrumenten zu überschwänglichem Gesang. Ungefiltert bohrt sich die Hansi-Hinterseher-Beschallung optisch-akustisch durch Augen und Ohrmuscheln in das Gehirn.

Lautstarkes Folklore TV in der Hacienda

Der pittoreske Ort Quilotoa liegt auf knapp 4.000 Metern und obwohl sich viel im Bau befindet, ist es dennoch traditionell. Fast entsteht der Eindruck, man bereite sich allmählich auf Touristen vor. Kleine Souvenirläden verkaufen bunte Mützen, Schals und Ponchos. Am Straßenrand werden gegrillte Kochbananen mit Käse angeboten und es brutzeln Cuys (Meerschweinchen) auf dem Rost.

Ursprünglichkeit, Spiritualität und Tradition

Frauen mit markanten Gesichtern tragen ihre langen, pechschwarzen Haare zu Zöpfen, haben Filzhüte auf und farbige Röcke, Strumpfhosen und Pochos an. Mich erstaunt, wie dezent die Menschen in Ecuador sind. Gar nicht so, wie man es sich in Südamerika vorstellt. Die Indigenen sind freundlich, aber leise, distanziert und zurückhaltend. Ein schönes Bild, wie die Frauen ihren Nachwuchs, gehüllt in bunte Tücher, auf dem Rücken tragen und ein kleines Köpfchen mit viel Haar rauslugt. Ich fühle mich wie der einzige Touri unter Einheimischen und in eine andere Zeit versetzt. Die Menschen, ihre Ausstrahlung und ihr Stolz faszinieren mich.

Hayde führt uns eine Anhöhe hinauf und uns bleiben die Münder offen stehen. Unter uns liegt eine gigantische Lagune, deren Wasser intensiv leuchtet.

Laguna Quilotoa, ein ganz besonderer Ort

Die Einheimischen sind sehr spirituell und erdverbunden. So lädt uns Hayde zu einer kleinen Zeremonie ein. Am Boden laufen wir ein aufgemaltes, eckiges Symbol entlang, während Hayde uns sehr ausführlich die Bedeutung des Rituals erklärt: Jede Ecke steht für eines der wichtigsten Tiere des Landes – Puma, Condor und Anakonda. Die Himmelsrichtungen stehen für die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft. Eine weitere Ecke vereint die wichtigen Werte, nicht lügen, nicht stehlen etc.) Als wir am Ende in die Mitte treten, sollen wir uns 3 Wünsche überlegen oder was wir in unserem Leben ändern möchten. Schenkt man dem Glauben, kommt die Energie von Erde und Himmel, die Kraft dazu von den Elementen. So die grob übersetzte Kurzfassung…

Hayde erklärt uns die Bedeutung des Rituals, das die Kraft der Elemente vereint

Ein Stück weiter halten wir am Rand des Abgrunds an und Hayde fragt, ob wir für eine kleine Meditation bereit wären. Wir nicken. Sie träufelt uns eine duftende Essenz aus Orchideen und diversen Blüten in die Hände. Wir schließen die Augen, während sie auf einer Holzflöte eine Melodie spielt.

Ich bin wahrlich kein religiöser oder hochspiritueller Mensch, verschließe mich aber auch nicht vor derart „überirdischen“ Dingen und respektiere sie. Energie aus der Natur ziehen, oh ja, das funktioniert bei mir. Deshalb bewerte oder hinterfrage ich die Sinnhaftigkeit solcher Rituale auch nicht, sondern genieße einfach das Hier und Jetzt. In dieser atemberaubenden Landschaft zu stehen, all das erleben zu dürfen, zu reisen – reine Dankbarkeit und Glückseligkeit ergreifen mich in diesem Moment und treiben mir Tränen in die Augen. Es sind genau diese Augenblicke, die im Gepäck mit nach Hause reisen und die man nicht vergisst…

Wanderbus zieht weiter. Schweren Herzens verabschiede ich mich von der liebenswerten Hayde. Es war zwar ein kurzes, aber inniges Kennenlernen und sie wird auf meiner weiteren Reise und darüber hinaus mit mir verbunden bleiben, was ich jetzt noch nicht ahne.

Nicole und ich laufen die Straße zu unserem Hostel hinab. Die Chefin des Hauses spricht ausschließlich Spanisch, wundert mich nicht mehr… Jede von uns bezieht ein riesiges Zimmer mit jeweils 2 großen Betten und einem Ofen darin. Irgendwie gibt es Missverständnisse bei der Reservierung, wir hätten ja locker ein Zimmer teilen können. Das bekomme ich der kleinen Dame auf Spanisch aber leider nicht beigeweicht. Sei’s drum, sicherlich ist sie um jeden zahlenden Touristen froh, denn ausgelastet ist das Hostel nicht.

Unsere Unterkunft, Hosteria Alpaka Quilotoa

Shalala oder „oh wie schön ist Quilotoa“

Bevor die Sonne untergeht, machen Nicole und ich noch einen Nachmittags-Hike. In stetigem Auf und Ab wandern wir den Weg entlang zur Aussichtsplattform Shalala. Schwimmen kann man in dem Kratersee übrigens nicht. Das mineralhaltige Wasser würde die Haut völlig austrocknen.

Unten rechts unser Ziel; die hellbraune Aussichtsplattform Shalala
Mitten in der Natur und Sicht auf den 3 Kilometer breiten Kratersee

Wir haben Gesellschaft von einem Hund. Er weicht uns knapp 7 Kilometer nicht von der Seite. Die Landschaft ist zutiefst beeindruckend und die Aussicht überragend. Immer wieder bleiben wir sprachlos stehen, machen Fotos und genießen die Schönheit, die uns umgibt.

Gigantischer Weitblick und grenzenlose Freiheit

Gerade noch rechtzeitig vor Anbruch der Dunkelheit kehren wir zurück ins Dorfzentrum.

Besuch von Pablo

Nach einer heißen Dusche fleetzen wir uns mit einem wärmenden Tee in den riesigen Aufenthaltsraum zur Hausherrin auf die Sofas. Still lächelt sie uns an. Voller Ruhe fackelt sie eine Holzlatte in einem für den großen Raum viel zu kleinen Kaminofen ab. Die Wärme verpufft bereits auf dem kalten Weg zum Sofa.

Der Versuch, etwas Wärme in den großen Raum zu bringen

Nicole hat eine Katze in ihrem Schoß liegen. Sie bittet mich, unsere Gastgeberin nach dem Namen des schnurrenden Tieres zu fragen. Das krieg ich mit meinem Spanisch hin. Lächelnd kommt leise die Antwort „Pablo.“

Im Augenwinkel sehe ich einen Schatten auf dem Boden. Dann hoppelt ein Kaninchen vorbei und springt aufs Sofa. Nein, es ist nicht weiß und NEIN, ich habe keinen Alkohol getrunken. Ich zeige lachend auf den Hasen und erfahre, dass er hier wohnt. Ebenso wie der Kater, zwei Hunde und noch Meerschweinchen. Das Kaninchen heißt übrigens auch Pablo.

Wie gerne würde ich mit der freundlichen Frau erzählen. Wieder mal ärgere ich mich über mein schlechtes Spanisch. Es ist so schade, sie weiß sicherlich viele interessante Dinge über das Land und die Menschen hier. Eine kleine Unterhaltung über ihre Familie und klappt dann immerhin, bevor sie sich für die Nacht verabschiedet.

Völlig durchgefroren, ziehen auch wir uns in die Gemächer zurück. Nachtruhe ist allerdings erst mal nicht. In meinem Zimmer hockt, zwischen meinem Rucksack, den Schuhen und dreckigen Wanderhosen, Pablo. Mit seinen langen Löffeln mustert er mich unbeeindruckt.

Pablo hat es sich zwischen meinem Gerümpel gemütlich gemacht

Kurz überlege ich, ihn als Wärmflasche umzufunktionieren, entschließe mich dann aber, ihn rauszuwerfen. Da habe ich die Rechnung allerdings ohne Pablo gemacht, dem gefällt’s nämlich hier und er flüchtet unters Bett. Geschlagene 20 Minuten dauert es, bis er aus dem Zimmer hoppelt. Ich lache immer noch, als ich im Bett liege.

Am nächsten Morgen machen wir uns, nach einem leckeren Frühstück (Kaffee und Wassermelone, es kann nicht mehr besser werden), zu dem sich auch Hase Pablo gesellt, nochmals auf zur Laguna Quilotoa.

Gekommen um zu wandern

Das illustre Wandervolk kommt hier sowas von auf seine Kosten. Hat man sich am Eingang registriert, gibt es die Wanderung Quilotoa Loop, die rund 11 Kilometer (mit einigen Höhenmetern) komplett um die Lagune führt. Oder man macht die Variante, die wir mangels Zeit wählen und begibt sich den Serpentinenpfad zum Ufer hinab. In unserer Vorstellung sitzen wir nachher genau dort, chillend und Käffchen trinkend.

Die Serpentinen durch den tiefen Sand hinab – und hinauf

Die Ernüchterung kommt mit der Ankunft am Ufer. Hier ist nix. Mal abgesehen von einem Maultier- und Kanuverleih (letzterer nicht wirklich frequentiert). Und irgendwie sah es von oben alles spektakulärer aus. Dafür ist’s kein Touri-Hotspot, rede ich es mir schön. Okay, trockene Baustelle, wir begnügen uns mit unserem Wasser und ner kleine Pause, bevor die 370 Höhenmeter wieder aufwärts geömmelt werden.

Am Ufer der Laguna Quilotoa

Nicole beschließt, einen Muli rauf zu nehmen. Währenddessen stiefel ich schon mal los. Von den entgegenkommenden Leuten werde ich verwundert und erstaunt beäugt. Versteh ich gar nicht. Irgendwie läuft aber niemand nach oben. Zugegeben, es ist steil. Teils sehr steil. Weil der Sandboden richtig tief ist, laufe ich den Weg – soweit es möglich ist – über die schmale Steinmauer hinauf. So finden die Füße besser Halt.

Alternative zum Selberlaufen. Für 10 Dollar läuft und trägt das Lastentier
Farbkontrast in Alpaka-Form

Ich buche das Spektakel unter „schweißtreibendes Bergtraining“ ab, als ich feuchtfröhlich oben ankomme. Zeitgleich mit Nicole und ihrem schnaufenden Träger.

Schweißtreibend! Kurze aber knackige 370 Höhenmeter durch tiefen Sandboden und über die Steinmauer

So, können wir jetzt zum chilligen Teil übergehen?

Cappucchino vs. Canelazo

Im Ort finden wir ein gemütliches Café, in dessen Karte auch der sagenumwobene „Canelazo“ steht. Wir knallen uns in die Sonne und gönnen uns erst mal einen Cappucchino.

Cappucchino-Break mit Nicole

Jetzt müssen wir unbedingt das ecuadorianische Nationalgetränk testen! Ich habe schon davon gelesen und Nicole mit meiner Schwärmerei angefixt. Wir ordern „dos Canelazos con alcohol“ und schwuppdiwupp, steht ein orangefarbenes, wohlduftendes Gebräu vor uns, in dem sich Zimtstangen, Nelken und Naranjilla-Stücke tummeln. Daneben ein Schnapsglas, dessen Inhalt wir in das Heißgetränk kippen. Was soll ich sagen? Wär’s kalt gewesen, uns wär’s warm geworden! Aber auch, oder vor allem in der Sonne schmeckt’s gar köstlich!

Nationalgetränk Canelazo mit Schuss – macht nicht nur das Lama happy

Um 16 Uhr wird uns der Wanderbus einsammeln. Wir nutzen die Zeit also sinnvoll und passen uns den Traditionen und landestypischen Gepflogenheiten an. In diesem Sinne: „Dos Canelazos con alcohol mas, por favor.“ Auch mein Spanisch wird zusehends souveräner. Den zweiten Ecuador-Glühwein trinken wir, mangels Sonne, drinnen am knisternden Kaminfeuer. Fast kommt Weihnachtsstimmung auf, bei dem Getränk und dem geschmückten Tannenbäumchen.

Weihnachtsstimmung vorm Kamin mit Ecuador-Glühwein und geschmücktem Bäumchen

Ausgelassen holen wir im Hostel die deponierten Rucksäcke ab, verabschieden uns von unserer Herbergsmutter und treten die Weiterreise an.

Sprachbarriere; wie gerne hätte ich mehr von ihr erfahren

Nach viel Friererei in Quilotoa (teils erfolgreich mit Canelazo entgegengewirkt) geht es nun in wärmere Gefilde. Heute Abend werden wir mit Wanderbus in Baños ankommen. Und dort ist für Adrenalin-Junkies was geboten…

Der Wanderbus nach Baños

(Teil 6 folgt)

Wie steht ihr zu spirituellen Riten oder Zeremonien? Habt ihr auf euren Reisen auch Dinge erlebt, die befremdlich oder faszinierend für euch waren oder euren Blickwinkel veränderten? Und was macht euch unterwegs sprachlos oder jagt euch eine Gänsehaut der Begeisterung über den Rücken? Ich freue mich, wenn ihr mir in den Kommentaren davon erzählen möchtet!

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 4: Die Reise geht weiter – Wen(n) der COTOPAXI ruft

21. / 22. November 2019

Weckerklingeln um 5:45 Uhr!

Uarghhhhhh, das ist Urlaub? Nö, das ist Reisen!

Um 6:15 Uhr werde ich am Hostel eingesammelt. Auf der Website von Wanderbus habe ich gestern spontan den „Tangara-Pass“ gebucht. Da die Internetverbindung etwas Probleme machte und die Buchung nicht funktionierte, hat Hostel-Manager Carlos freundlicherweise mit Wanderbus telefoniert und alles für mich geklärt. Die nächsten Wochen werde ich mit dem Hop-on-hop-of-Bus bis nach Guayaquil reisen.

Ein Hoch auf Wanderbus

Wanderbus erleichtert meine Reiseplanung enorm. Ich spare viel Recherche-Zeit, wie ich künftig von A nach B komme und welche Orte ich wie am besten ansteuern kann. Jetzt sind die nächsten Ziele auf meiner Route gesetzt. Ich entscheide nur noch, wo ich aussteige und wie lange übernachten werde. Was mir am Konzept Wanderbus außerdem so gut gefällt, ist, dass man als Alleinreisende schnell in Kontakt mit Gleichgesinnten kommt. Die Guides von Wanderbus erzählen auf den Fahrten viel Wissenswertes über das Land, die Kultur, die Menschen und Pflanzen. Während den Fahrten gibt es Besichtigungen und geführte Wanderungen und das Gepäck kann sicher im Bus bleiben. Die Guides sprechen Spanisch und Englisch und sind super vernetzt, so dass sie Hilfestellung bei der Unterkunftsuche und zu Touren geben können.

Ich wusste es echt zu schätzen, mit dem „Rundum-Sorglos-Wanderbus“ durch Ecuador zu reisen, statt mich in die übervollen öffentlichen Busse quetschen zu müssen, mit der Gefahr, dass sich Langfinger an meinem Gepäck zu schaffen machen.

Ich bin etwas überrascht, als der Wanderbus eintrifft. Vor mir steht kein großer roter Reisebus, wie auf den Fotos der Homepage. Über die kleinere Variante freue ich mich umso mehr. Auf meine Frage, erklärt Santiago, unser Guide, dass die Touristen in Ecuador, seit den schlimmen Unruhen und Streiks im Oktober, deutlich weniger geworden sind.

Unsere Truppe an diesem Tag (wir sind zu siebt) ist klasse. Ein bunter Mischmasch aus Kanadiern, Italienern und Deutschen. Zudem steht eine schöne Reiseroute bevor. Wo und wann ich heute aussteigen werde, weiß ich allerdings noch nicht. Das Motto: Treiben lassen und sehen, was der Tag so bringt…

Unser erster kurzer Halt ist an einem Aussichtspunkt, mit Blick über die Stadt Quito. Wir staunen nicht schlecht. Umgeben von den Anden, liegt ein Molloch vor uns, über dem ein Nebel aus Abgasen hängt. Jetzt wird das Ausmaß dieser langgezogenen Millionenstadt richtig deutlich.

Ein Dunstschleier aus Abgasen wabert über der Millionenmetropole Quito

Erster Stop – Kuhmelken und Farm-Frühstück

Gegen 8:15 Uhr erreichen wir die Hacienda la Victoria in Tambillo. Das Farmhaus ist von einem Hof mit Stallungen umgeben. Jetzt heißt es, ran an die Kuh. Tagesordnungspunkt 1: Melken! Muss ich tatsächlich bis Ecuador reisen, um erstmals selbst Hand anzulegen?! Etwas zögerlich zapfe ich an dem Kuh-Euter rum bis ein dünnes Rinnsal rauströpfelt. Die Kuh findet’s eher semi prickelnd. Offensichtlich liegen meine Kernkompetenzen nicht auf Melken.

Zaghafte Melkversuche auf einer Hacienda mitten in Ecuador

Santiago erklärt uns den Farmbetrieb, führt uns über den Hof und Garten und dann werden wir von Wanderbus zu einem Begrüßungs-Frühstück eingeladen. In der gemütlichen Bauernstube wartet ein gedeckter Tisch. Es gibt Kaffee (Instant-Pulver; zum Glück ist mir noch nicht bewusst, dass sich dies die nächsten Wochen so durchzieht), Milch, frische Ananas, Bananen, Marmelade und einen selbst gemachten Schoko-Aufstrich, der – und ich bin keine Nutella-aufs-Brot-Schmiererin – unfassbar lecker schmeckt und bei allen auf große Begeisterung stößt!!! Dazu gibt es warme Brötchen und Saft. Hmmmmm.

Nach der köstlichen Stärkung werden wir mit Trinkflaschen ausgestattet, die wir uns während jeder Fahrt im Bus mit Wasser auffüllen können. Wasser und kleine Snacks gibt es im Bus jederzeit kostenfrei für alle.

Weiter geht es zum Cotopaxi Nationalpark

Über Schotterwege und eine trockene, braun-grüne Steppenlandschaft geht es weiter zum Nationalpark Cotopaxi. Der Vulkan hüllt sich in dichten Nebel und lässt sich nicht blicken. Mist! Um 10 Uhr kommen wir an der Laguna Limpiopungo an. Unser Bus ist das einzige Fahrzeug auf dem großen Parkplatz. So viel zu Thema, keine Touristen…

Auf dem Rundweg um die Laguna Limpiopungo

Santiago führt uns um die große Lagune, auf 3.830 Metern, und erklärt uns jede Menge zur hiesigen Flora und Fauna. Er zeigt uns die orange blühenden „Angel-Flowers“, Baldriansträucher (mit dem klangvollen Namen „Valeriana“) und lässt uns an einem Busch riechen, der tatsächlich nach Schokolade riecht. Er erklärt uns zum Steppengras „Pajonal“, das überall wächst, wie reißfest es ist und dass daraus Seile gemacht und sogar Brücken gebaut werden.

Angel-Flowers, Baldriansträucher und Steppengras Pajonal, es gibt viel zu entdecken

Nach gut 1 1/2 Stunden fahren wir weiter hinein in den Nationalpark. Wir besichtigen ein kleines Naturkundemuseum und dann erscheint plötzlich der Cotopaxi vor den Bus-Fenstern. Großes Gejubel! Die Nebeldecke hat die schneebedeckte Spitze freigegeben und lässt uns erahnen, welch beeindruckendes Naturwunder hier aufragt. Der Cotopaxi ist mit 5.897 Metern einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde und atemberaubend schön.

Gleich zu Beginn der Fahrt bin ich mit Nicole ins Gespräch gekommen. Eine ebenfalls Alleinreisende aus Essen. Sie wird im Nationalpark bleiben und hat ihre Unterkunft für die kommende Nacht bereits gebucht. Auch ich möchte eine Nacht hier verbringen, schließlich ruft der Cotopaxi. Wir beschließen, die nächsten Tage zusammen weiterzureisen und so quartiere ich mich spontan in die gleiche Unterkunft ein.

Santiago lässt uns an einem Parkplatz raus und organisiert uns ein Taxi, das uns zur nahegelegenen Cuscungo Lodge bringt, bevor die Wanderbus-Truppe weiterreist. Die Cuscungo Logde ist urig und ungemein heimelig.

Die Cuscungo Lodge im Cotopaxi Nationalpark, ein Ort zum Wohlfühlen!

In einer Art Wintergarten, in dem ein offener Kamin und gemütliche Sofas stehen, checken wir ein, werden mit ersten Cotopaxi-Infos versorgt und bekommen unsere Betten im Schlafraum zugewiesen.

In der Lodge bekommen wir erste Infos zur Anfahrt und dem Cotopaxi-Aufstieg

Es gibt in der Gegend nicht viele Hostels, bis zum Abend ist unser Dorm ausgebucht. Schnell packen wir ein paar Sachen zusammen und ziehen uns um.

Freudentaumeltänze und Hüttengaudi

Auf den Cotopaxi darf man nur mit Guide. Mit Luis, Taxifahrer und Bergführer in Personalunion, fahren wir zum Vulkan. Die Straßen im Nationalpark sind teils so übel, dass ich regelrecht seekrank werde. Es ist bereits 14 Uhr, als wir auf 4.600 Metern am Parkplatz das Auto abstellen, uns mit Fleece, Handschuhen und Mütze ausrüsten und in die Nebelsuppe aufbrechen.

In super verständlichem Englisch erklärt Luis die 2 Wege hinauf zum Refugio. Wir entscheiden uns für den Zickzack-Weg, der zwar etwas weiter, dafür aber weniger steil ist. Frisch ist’s. Schritt für Schritt steigen wir auf. Nicole ist höhengeplagt und kämpft mit Kurzatmigkeit. Wir nehmen uns Zeit und gehen langsam. Auch ich schnaufe, aber es geht mir erstaunlich gut, scheinbar optimal akklimatisiert. Luis grinst mich an, streckt den Daumen hoch und lobt: „Top condition.“

Es windet ziemlich, dann fängt es an zu hageln. Regenjacke drüber. Zum Hagel gesellt sich Donner. Lauter Donner. Luis bittet uns, wegen dem nahen Gewitter die Handys auszuschalten.

Eingemummelt durch den Hagel am Cotopaxi mit Luis im Hintergrund

Nach einer knappen Stunde erreichen wir die Schutzhütte José Ribas, auf 4.864 Metern. Keine 300 Höhenmeter Aufstieg, die aber deutlich spürbar sind. So weit oben war ich noch nie! Meine Höchstgrenze lag bislang bei 4.017 Metern, bei einer Hochtour auf die Weissmies erkämpft. Ich strahle über beide Ohren.

Nebel und Schnee am Refugio José Ribas

Die Endorphine gehen mit mir durch. Ich muss meiner unbändigen Euphorie Ausdruck verleihen. Jetzt sofort! Hingebungsvoll schlängel ich mich in einer Art schlechtem Stangentanz um das Refugio-Schild, während mich Luis anfeuert und begeistert „loco fotos“ ruft. Ganz schön atemberaubend, derartiges Entertainment in solcher Höhe.

Loco Fotos beim Freudentanz am Refugio in bislang nie erreichten Höhen

Es gewittert ordentlich weiter und es ist verdammt ungemütlich. Ab ins Refugio! Wir wärmen unsere Hände an einer heißen Schokolade. Wenn sich Glück schmecken lässt, so zergeht es mir genau in diesem Moment, gewürzt mit einer leckeren Prise Höhenluft, auf der Zunge. Luis löffelt seine Suppe, während aus seinem Handy traditionelle Musik dudelt.

Luis, Nicole und ich wärmen uns im Refugio José Ribas auf

Als ich voller Stolz den Cotopaxi-Stempel in meinen Reisepass drücke, brennt sich das 180°-Happy-Grinsen regelrecht in mein Gesicht ein. Mein sportlicher Ehrgeiz ist noch immer scharf drauf, das letzte Stück zur 5.000er Grenze aufzusteigen. Luis sondiert draußen die Lage und schüttelt den Kopf. Zu gefährlich. Die kleine Enttäuschung weicht schnell der Freude, erstmals im Leben diese Höhe erreicht zu haben und überhaupt am Cotopaxi unterwegs zu sein. Ich meine hey, der COTOPAXI! Daheim habe ich mir noch die Hiking-Youtube-Videos reingepfiffen und mitgefiebert und jetzt stehe ich mit eigenen Füßen hier.

Für den Rückweg wählen wir die steile Direktvariante. Da man in dem knöcheltiefen Asche-Sand-Gemisch regelrecht den Berg hinunterschlittert, geht das ziemlich flott. Zum Glück, denn es regnet inzwischen und die Kälte kriecht in die Glieder. Gut, dass wir diesen Weg nicht für den Aufstieg genommen haben, sind Nicole und ich uns einig.

Cotopaxi-Crew

Freude, Gejubel und High Five am Auto mit Luis. Jetzt nix wie unter die – hoffentlich heiße – Dusche und den gemütlichen Teil des Tages einläuten.

Zurück an der Lodge verabschieden wir uns dankbar von Luis. Nach einer lauwarmen Dusche lümmeln Nicole und ich uns mit einem Glas Rotwein zu den anderen Backpackern vor den knisternden Kamin. Wir müssen uns um nichts mehr kümmern, das Abendessen wird für alle gemeinsam an zwei großen Tischen in einem Küchen-Nachbarraum serviert. Nach einer Vorspeisensuppe kommen große Auflaufformen mit Hackfleisch, Kartoffelpüree, Gemüse und Käse sowie für die Vegetarier eine fleischlose Variante auf den Tisch. Jugendherbergsfeeling kommt auf, als wir alle zusammen tafeln. Nach dem Dessert, Schokoeis mit Apfelschnitzen (ich tausche das Eis gegen die kleine Obstbeilage, weil ich Eis nicht leiden kann – ja, ich weiß, mit mir stimmt was nicht!) kugeln wir hochzufrieden und bappsatt zurück vor den Kamin. Ein letztes Glas Rotwein zur Feier des Tages, mit Musik der 80er, bevor um 21:30 Uhr die Bettruhe ausgerufen wird.

Feierabend-Rotwein vorm Kamin – oh du süßes Leben!

Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht (trotz sechs Mitschläfern), mache ich es mir um 7 Uhr mit einem Kaffee vor der Tür in der Sonne gemütlich. T-Shirt-Wetter im November, eine Herrlichkeit sondergleichen. Und dann DAS Ereignis: Der Cotopaxi taucht aus den Wolken auf. Sein kompletter Kegel ist zu sehen. Alle stürmen mit Kameras raus vor die Lodge und bestaunen seine Schönheit in der Ferne.

Früh am Morgen taucht der Cotopaxi aus den Wolken, ein geradezu unwirklicher Anblick

Nach dem Frühstück packen wir unsere Rucksäcke. Unser Hostel-Chef fährt uns liebenswerterweise zum Südeingang des Nationalparks, wo uns Wanderbus um 11:15 Uhr für die weitere Tour aufsammelt.

Wohin die Reise als nächstes geht und was es alles zu bestaunen gibt, erzähle ich euch im nächsten Teil. Ich freue mich, wenn ihr mitkommt 🙂

(Teil 5 folgt)

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Ometepe, El Zopilote und die (Schlamm-)Schlacht am Vulkan

14. Februar 2018 – Bester Valentinstag ever!

Heute hieß es Abschied nehmen von Granada, dem bunten und quirligen Städtchen in Nicaragua. Besonders seine wunderschönen, alten Kolonial-Gebäude hatten es mir angetan. Abends wurde in den Bars und Kneipen bei lauter Musik gefeiert, tagsüber trafen sich die Menschen am Marktplatz und der Parkanlage, während Pferde nebenher durch die heißen Straßen der Stadt spazierten.

Nun stand der 2. Anlauf nach Ometepe auf dem Programm.

Ein Taxi sammelte mich am Morgen an meinem Hostel ein und brachte mich, mit drei weiteren Rucksackreisenden, zur Schiffsanlegestelle nach San Jorge. Auf der Fahrt kam ich mit den beiden Amerikanern und der Hamburgerin ins Gespräch, eine lustige Truppe. Alle drei berichteten begeistert vom Camp „El Zopilote“, ihrer Unterkunft auf Ometepe. Die Permaculture-Farm sei DIE Szene-Location mit besonderer Atmosphäre und viel Dschungelfeeling.

Ich hatte noch kein Bett für die nächsten Nächte und prüfte über booking.com die Verfügbarkeit des Camps. Tatsächlich gab es noch ein paar freie Schlafplätze und so buchte ich mich prompt ein. Die Fotos von El Zopilote sahen spannend aus! Außerdem könnte ich so auch gleich den Punkt Dschungel-Übernachtung auf meiner Löffel-Liste abhaken.

In San Jorge betraten wir die Fähre, die uns rüber zur Vulkaninsel schipperte. Der Kutter schaukelte und schwankte, als befänden wir uns auf offener See. In weiser Voraussicht hatte ich mit Reisetabletten meiner See-Untauglichkeit vorgebeugt. Der starke Wellengang war bekannt auf dem Nicaraguasee.

Eine der Fähren im Hafen von Moyogalpa

Bereits von weitem zeigte sich der Vulkan Concepción (1.610 m), dessen Spitze in einem Wolkengebilde hing. Nach 60 Minuten legten wir in Moyogalpa an. Von dort brachte uns ein Taxi ins Innere der Insel zum El Zopilote. Auf staubigen Pfaden und Steinplatten stiefelten wir mit unseren Rucksäcken durch das üppige Urwald-Areal des Camps, vorbei an lautstark ächzenden Bambushainen, bis hinauf zur Anmeldung. Ging ja schon mal abenteuerlich los.

Die Pfade im Camp sind steinig und lang 🙂

Die Jungs bezogen ihr Zimmer, während Hamburgerin Anna und ich unsere Betten in einer der Holzhütten aussuchten. Auf der Terrasse, vor dem Eingang der Urwald-Hütte, hing als weiterer Schlafplatz eine Hängematte.

Urige Holzhütten im El Zopilote, inklusive Übernachtungs-Hängematte

Erleichtert sah ich, dass alle Betten mit Moskitonetzen ausgestattet waren. Um die Stechmücken ging es mir dabei weniger. Unser Quartier war „sehr offen und luftig“. Fensterscheiben gab es keine, sämtliche krabbelnden Dschungelbewohner hatten somit die ultimative Zutrittsberechtigung. Für (oder gegen) meine dezente Arachnophobie die übelste Dschungelprüfung!

Ich wollte Abenteuer, jetzt gab‘s Abenteuer!

Nachtquartier im Grünen, schön gepflegt mit Spinnen-Aussperr-Gitter

Am nächsten Tag schlossen wir uns einer großen Führung durch das Camp an und bekamen die Philosophie erläutert. Das Permaculture-Konzept setzt dabei auf die langfristige Schaffung von natürlichen und nachhaltigen Kreisläufen. Es werden zahlreiche Pflanzen, Gemüse, Obst und Kräuter angebaut und in den angebotenen Speisen des eigenen Restaurants verarbeitet. Plastik wird gänzlich vermieden. In großen Behältern wird Wasser gesammelt, aufbereitet und als Trinkwasser zur Verfügung gestellt. Es gibt tolle Aussichtstürme, kostenfreie Yoga-Stunden und unterschiedliche Workshops. Strom kommt zum Teil über Solarpanelen und ein Power Bike, das den „Insassen“ zur Verfügung steht. Belohnt wird zehnminütiges Strampeln mit einem „Shot des Hauses“.

El Zopilote ist speziell! So auch seine umweltfreundlichen Trocken-Komposttoiletten; gemauerte Häuschen mit selbstgebautem Thron für die „großen Geschäfte“. Als Toilettenspülung gibt es Reis oder Sägemehl, nach Verrichtung zu verstreuen. Für Pipi stehen mehr oder eher weniger blickdichte Bambusbuden mit Ablaufrinnen parat. Bei Dämmerung chillen im Blätterdach des stillen Örtchens für normale Verhältnisse überdurchschnittlich große Spinnen. Von der Camp-Belegschaft gab es glücklicherweise den Freibrief „pinkelt ins Camp, das ist guter Dünger für die Natur“.

Auch die Duschen werden im wahrsten Sinne des Wortes offen gehandhabt. Authentisches Outdoor-Feeling verspricht eine Dusche, deren Wände aus Palmwedeln bestehen und die sich komplett im Freien befindet. Bodenfliesen oder ein Dach gibt es nicht. Wer es nicht so luftig mag, kann auf eine andere Variante zugreifen: Eine gemauerte halbe Kurve jeweils nach rechts und links führt direkt in die Kabine hinein. Türen? Nö. Aber reichlich kaltes Wasser, ist eh viel gesünder.

Wer mehr über die Permaculture-Farm erfahren möchte bekommt hier weitere Infos: https://ometepezopilote.net/

Legendär ist das El Zopilote – auch über die nicht vorhandenen Camp-Mauern hinaus – für seine Pizza-Night. Mittendrin befindet sich ein Open Air-Restaurant mit großem Pizza-Ofen. In riesigen Bottichen blubberten bereits morgens herrlich duftende Tomatensaucen vor sich hin. Nach Einbruch der Dunkelheit öffnete das Restaurant und die Pizzabestellungen wurden aufgenommen. Jeder versorgte sich mit Bier, Cocktails oder anderen Getränken und bei guten Technobeats wurde als Vorspeise eine heiße Feuershow serviert. Die Stimmung war genial und die Besucher der Pizza-Party rundum begeistert.

An diesem Abend fasste ich spontan den Entschluss, mich doch noch für die Vulkantour am nächsten Tag anzumelden. Morgens hatte ich gehört, dass einige aus dem Camp die Besteigung des kleinen Vulkan Maderas (1.394 m) machen wollten. Diese Tour stand ebenfalls auf meiner To-Do-Liste, dennoch hatte ich ziemlichen Respekt vor der kräftezehrenden Besteigung. Um 22 Uhr flitzte ich an die Anmeldung und buchte mich auf den letzten Drücker ein.

Um noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, beendete ich das Abend-Event, richtete meinen Krempel für die Tour, stopfte das Moskitonetz penibel rund um meine Matratze fest und haute mich aufs Ohr.

Der Wecker klingelte kurz vor 6 Uhr. Flott fertig gemacht, leise an der bewohnten Hängematte vorbeigeschlichen und auf der Aufenthalts-Terrasse eine Schale Joghurt mit Müsli und frischen Früchten gespachtelt, dazu dünnen Kaffee bzw. braunes Wasser in den Schlund gekippt.

Um 7 Uhr stand unser Bergführer parat. Hendrik, ein dürrer, freundlich dreinblickender Mann, in der einen Hand einen Stock und die Füße in weiten Gummistiefeln. Ich schloss mich mit meiner total netten Wandergruppe, bestehend aus zwei Jungs und zwei Mädels, unserem Guide an und so brachen wir gegen halb 8 zum Vulkan Maderas auf. Hendrik war super. Auf dem Weg durch das Camp und die grüne Landschaft, hielt er immer wieder an, erklärte uns in Englisch unterschiedliche Pflanzen, zeigte uns Affen und gab mir bereitwillig Nachhilfe bei meinen paar Spanisch-Brocken, mit denen ich mich bei ihm versuchte. Unterwegs statteten wir uns ebenfalls mit Holz-Wanderstöcken aus, die den Vulkan-Aspiranten extra zur Verfügung standen.

Den ersten Aussichtspunkt erreichten wir nach ca. 45 Minuten. Durch gemütliches Gelände hatten wir bereits einiges an Höhe gewonnen und genossen einen phantastischen Panoramablick auf den riesigen Nicaragua-See bei einer kurzen Rast. Bis hierher war die Welt in Ordnung.

Erste Rast mit Panoramablick auf den Nicaraguasee

Doch die Zeit drängte und unser dünner Guide schraubte sich in seinen Gummilatschen stetig den Berg hinauf, während wir in unseren festen Wanderstiefeln kaum mit ihm mithalten konnten. Der Weg wurde zusehends schlammiger und somit rutschiger. Mittlerweile waren wir im Regenwald. Und der Name war Programm! Unangenehm starker Wind kam auf, der uns zusätzlich kalten Nieselregen entgegen klatschte. Mit gesenkten Köpfen stapften wir mühsam durch den tiefer werdenden Matsch. Man wusste nie, wie weit der Fuß beim nächsten Schritt einsank. Seit eineinhalb Stunden waren wir unterwegs. Eingepackt in Regenjacken rackerten wir uns voran.

Kalt im Regenwald
Noch fast wie aus dem Ei gepellt und sauber

Der zähe Hendrik zeigte nicht die geringste Spur der Anstrengung. Immer wieder wartete er, bis wir zu ihm aufgeschlossen hatten. Dann verkündete er grinsend „3 hours more.“ Mit großen Augen starrten wir ihn an. WHAT?! 3 weitere Stunden?! Ernsthaft??

Unsicher fragte ich ihn, ob wir wirklich auf dem Weg zu dem kleinen Vulkan seien und er bejahte lachend. Nebenher erwähnte er, dass der große, aktive Vulkan „Concepción“ der Leichtere sei, während wir unterdessen auf den anstrengenderen Pfaden wanderten.

Finde den Fehler. Da hatte ich wohl irgendetwas missverstanden…

Mein Stolz verbietet mir prinzipiell jegliches pienzen und fiepen am Berg. Schwächeln war keine Option. Also Augen und Klappe zu und ab durch den Mappel.

Ich habe schon ein paar Gipfel in den Beinen und ehrlich, ohne Übertreibung, die Besteigung war heftig! Netterweise kommt man irgendwann mental an den Punkt, an dem einem alles schnuppe ist. Mit der Anmut einer wühlenden Wildsau auf Kastaniensuche und aufgepimpt mit einer bestechenden Kombination aus Regen und Schweiß, bis zur Unterhose vor- und auch durchgedrungen, beschloss ich, in den „Ach-scheiß-doch-drauf-Modus“ überzugehen. Mir war’s schnurz.

Inzwischen flossen kleine Bäche den Hang herab, durch die wir stiegen. Nasse Füße? Wen kümmerts! Wir kletterten über völlig zugewucherte Baumstämme, krabbelten unter vermoosten Ästen durch und kämpften unzählige Male damit, unsere Schuhe aus dem tiefen Schlamm herauszuziehen. Je dichter das Gestrüpp rundum wurde, desto lauter flehte die innere Stimme „Bitte keine Vogelspinne! Keine Tarantel!“ Parallel liefen im Kopfkino Oscar-reife Blockbuster ab. Hier hatte das „Innere Fuck it“ leider noch Verbesserungspotenzial.

Der Weg (nicht immer erkennbar) wurde schlammiger und abenteuerlicher

Nach rund 3:40 Stunden erreichten wir den höchsten Punkt der (Tor-)Tour. Hendrik lächelte zufrieden. Ich war noch immer hochgradig imponiert, mit welcher Leichtigkeit er diesen unsäglichen Weg in seinen Gummitretern zurückgelegt hatte.

Bis zu unserem Ziel, dem Kratersee, war es nun nicht mehr weit.

Auf Felsen und durch noch mehr Schlamm, kletterten wir gut 10 Minuten einen steilen Hang ab. Die Landschaft war unglaublich; alles war wild verwachsen, in den Bäumen hingen Lianen und Flechten und Nebelschwaden stiegen auf. Die Luft war kalt, in der Ferne rauschte Wasser und noch immer nieselte es.

Wir traten aus dem Regenwald und plötzlich standen wir am Rand des Kratersees. Angekommen. Im Inneren des Vulkanes. Es war völlig surreal!

Angekommen im Inneren des Vulkans; der Kratersee, nicht die bestechendste Wellness-Oase

Über uns hing ein grauer Himmel, vor uns lag ein noch grauerer, schier endloser See, über den lautstark der Wind pfiff. Darüber schwebte mystisch der Nebel, der den Blick keine 20 Meter weit erlaubte. Eine ruhige, ganz besondere Stimmung lullte uns ein. Wir waren glücklich, erschöpft und fasziniert. 1.230 Höhenmeter steckten bleischwer in unseren Beinen. Jetzt hieß es erst einmal, Reserven auffüllen. Vom Camp Zopilote hatten wir super leckere Hummus-Brote als Proviant dabei, die wir ausgehungert vertilgten.

Nach einer halben Stunde traten wir, recht durchgekühlt, den Rückweg an. Die Strecke zu kennen, machte es nicht unbedingt leichter. Mit müden Beton-Beinen zogen wir uns an Ästen und Pflanzenschlingen über die rutschigen Felsen wieder den Steilhang hinauf.

Geschlagene 4 Stunden brauchten wir für den Abstieg. Etliche Stürze gab es obendrauf. Der Pfad war vom Regen so miserabel geworden, dass alle abwechselnd ausrutschten und stürzten. Unsere Beine begannen irgendwann zu zittern, weil die Muskeln die Schnauze voll hatten. Was war ich dankbar für den Wanderstock, der aber gegen Ende auch bei mir einen ordentlichen Sturz auf den Hintern nicht vermeiden konnte. Ein großer blauer Fleck blieb als tagelange Erinnerung an das „Epos am Schicksalsberg“.


Mit Hendrik (rechts außen) und einem Teil der Truppe auf dem Rückweg

Wenn wir beim Aufstieg dachten, wir seien versumpft gewesen, so wurden wir auf dem Rückweg eines besseren belehrt. Es gab keinen Fleck mehr an Körper oder Kleidung, der nicht eingeschmuddelt war. Dicker Matsch lief von oben in die Wanderstiefel rein. Tatsächlich wich der Regen mittags der Sonne, die unsere ausgekühlten Körper wieder wärmte und uns trocknete.

Und dann kam wieder die wärmende Sonne. Vor uns lag der Vulkan
Concepción, verziert mit Wolken-Sahnehäubchen

Erledigt, dreckig, stolz und übertrieben happy kamen wir um 16 Uhr zurück ins El Zopilote.

Opfergabe an den Schicksalsberg (im Schuh war fast genauso viel Matsch)

Innig dankten wir Hendrik, bevor wir uns von ihm verabschiedeten.

Meine Hose, die vor eingetrockneter Erde eigenmächtig stehen konnte, packte ich in einen Beutel, warf die Strümpfe in den Müll und schrubbte mir unter der Dusche den Dreck vom Körper, so gut es mit kaltem Wasser ging.

Die Wanderschuhe ließ ich bei meiner Abreise im Camp zurück. Obwohl sie gnadenlos stanken und völlig hinüber waren, hatten sie bereits einen Abnehmer gefunden.

Abschließend betrachtet war die Besteigung des Maderas definitiv eines meiner absoluten Nicaragua-Highlights. Physisch, psychisch und optisch! Ich kann jedem der dort ist nur empfehlen, sich dieses Abenteuer nicht entgehen zu lassen! Eine gewisse Grundkondition sollte man besser mitbringen, sonst könnte sich der Spaßfaktor eher in Grenzen halten. Aber man wächst ja bekanntlich an seinen Herausforderungen.

Und das wahre Leben beginnt nunmal dort, wo die Komfortzone endet 😉

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