ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE

Teil 3: Quito – Die Mitte der Welt, Otavalo-Markttreiben und Kamikaze-Taxi-Überlebenstraining

20. November 2019

Heute geht’s zur Mitte der Welt. „Mich auf die Äquatorlinie stellen“ fehlt noch als abgehakter Punkt auf der Löffelliste.

Bin freudig gespannt. Auch auf meine noch unbekannten Reisebegleiter. Ute lernte ich tags zuvor beim Unwetter-Cappucchino in der Bergstation des Teleférico kennen. Sie war mir auf Anhieb sympathisch. Umso mehr freute ich mich über ihr Angebot, mich heute ihrer Truppe (Ehemann und Schwager) anzuschließen. Ich bin guter Dinge, dass auch die beiden super drauf sind.

Pünktlich um 8:30 Uhr stehe ich also vor ihrem Hotel, 10 Minuten Fußweg von meiner Unterkunft entfernt. Winkend begrüßt mich Ute und stellt mir ihren Mann Bernd und dessen Bruder Michael vor. Sehr schnell wird klar, das passt. Wir vier haben den gleichen, albernen Humor.

Ein Privatfahrer, den die 3 vorab auf Empfehlung gebucht hatten, wird uns zum Mitad del Mundo und weiter nach Otavalo bringen. Noch ahnt niemand, was uns später im Taxi erwarten wird… Glücklich die Unwissenden!

Der Fahrer spricht – im Gegensatz zu uns – nur Spanisch. Da ich über minimales Rest-Spanischgebröckel verfüge (die Grundkurskenntnisse 2017 machen leider Siesta im Nirwana), werde ich kurzerhand zur Taxi-Kommunikatöse ernannt. Uff… Irgendwie machen wir dem Herrn verständlich, wo wir hin wollen und was der Plan ist. Er nickt, lächelt, nickt und steigt ein.

Aus Quito rauszukommen, ist bereits eine Meisterleistung sondergleichen. Die Straßen platzen aus allen Nähten. 70% der Autos sind Taxen! Wir stehen ewig im Stau, Normalzustand hier. Es sind gerade mal 22 Kilometer zum Mitad del Mundo, trotzdem brauchen wir dafür locker eine Stunde.

Die Mitte der Welt, Füße auf die (ungefähre) Äquatorlinie

Gegen 10 Uhr schmeißt uns unser Fahrer am Eingang zum Mitad del Mundo bei San Antonio de Pichincha raus. Idiotensicher erklärt er mir mehrmals, er würde so in 1,5 bis 2 Stunden wieder genau hier stehen und auf uns warten. Si, comprende, muchas gracias.

Blick auf das Äquator-Monument mit der großen Weltkugel auf der Spitze

Wir befinden uns auf 2.483 Metern. Im Gegensatz zu gestern, brezelt heute die Sonne, es ist ordentlich warm. Für 5 Dollar pro Person kaufen wir Eintrittstickets und betreten das weitläufige Areal zum Äquatordenkmal. Dafür, dass wir an einem Touri-Hotspot sind, ist verblüffend wenig los.

Die Anlage ist wirklich schön angelegt. Hinter dem Eingang recken schillernd-bunte, große Kolibri-Figuren ihre Flügel in die Luft. Begeistert werden Handys und Kameras gezückt und ausgiebig der Fotoleidenschaft gefrönt. Also wenn wir in dem Tempo weitermachen und bereits nach 10 Metern ausgiebige Fotosessions veranstalten, reicht die Zeit nicht, bis unser Fahrer kommt, nehmen wir uns selbst auf die Schippe.

Eine der vielen, bunten Kolibri-Staturen

Das ganze Gelände ist mit Palmen, Bäumen und Blumen bepflanzt. Bereits von Weitem fällt der Blick auf das große Monument, dessen Spitze die Weltkugel krönt. Rundum stehen Büsten bedeutender Geografen, ein Planetarium, mehrere kleine Museen und Restaurants mit Souvenirläden.

Von dem Denkmal zieht sich eine dicke, gelbe Linie über das Areal und teilt die beiden Seiten in die Nord- und Südhalbkugel ein. Es ist kein Geheimnis, dass es sich bei der Bestimmung des Breitengrades 00°00’00“ an genau dieser Stelle, um einen Vermessungsfehler handelt.

Die „richtige Mitte der Welt“, also die tatsächliche GPS-Null-Linie des Äquators, befindet sich rund 250 Meter entfernt. Wirklich stören tut das hier niemanden. Mich am wenigsten. Stolz stelle ich einem Fuß auf die vermeintlich nördliche, den anderen auf die südliche Seite der Weltkugel.

Dem Äquator so nah und weltkugelhalbiert

In den Stockwerken des 30 Meter hohen Obelisken befindet sich ein ethnologisches Museum, das einen durch die Tierwelt der Galapagos-Inseln, indianische Kulturen, die Regionen Ecuadors und physikalische Kuriositäten führt.

Spezial-Waage

So weiß ich jetzt beispielsweise auch, wie viel ich mit Wanderschuhen auf der Sonne, dem Mond und am Nordpol wiege. Welch essentiellen Informationen!

Hat man alle Etagen durchquert, kommt man oben auf einer kleinen Plattform ins Freie, die einen wirklich tollen 360°-Panoramablick auf die ganze Umgebung bietet.

Toller Ausblick von der Plattform über das gesamte Areal (mit gelber Äquatorlinie)

Überaus empfänglich für derartige Spielereien, lasse ich es mir natürlich nicht entgehen, an der (wenn auch falschen) Äquatorlinie ein Ei hochkant auf einem Nagel aufzustellen.

Meerschweinchen, eine fragwürdige Delikatesse

Was weniger auf Begeisterung bei Ute und mir stößt, sind die Meerschweinchen, die – langgezogen auf Spießen – auf dem Grill geröstet werden. Während Ute die Flucht ergreift, muss ich es geschockt fotografieren. Ich wusste, dass Meerschweinchen in Ecuador als Delikatesse gelten. Dennoch ist der Anblick – besonders als Vegetarier – verstörend. Putzig hingegen ist die Bezeichnung der quirligen Tierchen. Man nennt sie in Ecuador „Cuy“, wegen den Lauten, die sie von sich geben.

Geschätzte Speise in Ecuador; gegrillte Cuys

Ein Blick auf die Uhr sagt uns, Taxi-Hombre wartet. Zurück zum Auto. Freudig winkend begrüßt er uns aus der Ferne wie langjährige alte Freunde.

Indiomarkt in Otavalo

Nächster Halt: Otavalo. Wir wollen uns Ecuadors größten Kunsthandwerksmarkt ansehen. Dass der Ort in der Provinz Imbabura so weit von Quito entfernt ist, nämlich etwa 95 Kilometer, war uns nicht bewusst. Es ist bereits 13:30 Uhr, als uns der nette Taxi-Hombre direkt am Marktplatz raus lässt.

Überall sitzen Einheimische entlang des Marktplatzes und vertreiben sich spielerisch die Zeit

Ich habe mir die richtigen Reisegefährten ausgesucht! Auch bei den Dreien hat das Motto „jetzt erst mal gepflegt nen Kaffee“ gerade alleroberste Priorität. So stürzen wir aus dem Taxi raus und in die nächstbeste Lokalität rein.

Kaffeeglücklich und von köstlich frischgepressten Säften durstgestillt, tummeln wir uns durch das sehr überschaubare Marktgeschehen. Wir sind spät dran und es ist unter der Woche, das dürfte die fehlenden Besuchermassen erklären. Kann uns ja nur recht sein.

Es gibt unendlich viele kunterbunte Malereien, Kleider, Mützen, Schals, Tischdecken, Taschen und etlichen Plunder. Bei Sommertemperaturen probieren wir an einem Stand die flauschig-warmen Alpaka-Pullover an. Könnte mir bitte mal eben jemand ein Deo reichen?!

Geschäftiges Verhandeln bei der Alpaka-Pulli-Anprobe

Ute, Bernd und Michael kaufen sich Überzieh-Alpakas, ich verzichte schweren Herzens. Ich halte sogar den spanischen Bequatschungen und Preisnachlässen des Verkäufers stand, der Pullover in allen Farben und Varianten anschleppt. Mein Rucksack ist so brechend voll, ich kann nichts mehr reinknäulen, was ich die kommenden 4 Wochen dann mitschleppen müsste.

Im Taxi des Leibhaftigen und die 5 Gebote

Die Rückfahrt hat es in sich! Taxi-Hombre ist mucho unter Zeitdruck. Entweder wartet zuhause die Holde mit dem Essen auf ihn, oder er muss die Kinder irgendwo abholen. Vielleicht auch nichts von alledem und er mag einfach nach Hause. So gechillt, wie er bis zum Mittag war, so unentspannt ist er nun. Es werden alle Register gezogen. Wir lernen jetzt die 5 Gebote der Straßenverkehrsordnung aus der Vorhölle kennen:

§ 1: Geize nicht mit der Lichthupe! Tritt dein Vordermann nicht bereits in der rot-orange-Ampelphase das Gaspedal durch, weise ihn unmissverständlich mit lichthupen (auch mehrfach) darauf hin.

§ 2: Überhole! Immer und überall. Auch in Kurven. Der Kurvenradius ist unwesentlich. Gegenverkehr ist zu ignorieren!

§ 3: Sicherheitsabstand ist was für Weicheier! Dem Vordermann ist bis zur Stoßstange aufzufahrn. Wie soll er sonst im Rückspiegel deine Augenfarbe erkennen?! Und vergiss die Lichthupe nicht.

§ 4: Wo du rasen kannst, rase! Und wo du nicht rasen kannst, rase auch! Das gilt auch in Kurven!

§ 5: Wer bremst verliert! Solltest du doch bremsen (du Weichei),dann abrupt. Die Mitfahrer und ihre Nackenmuskulatur werden es dir danken.

Meine Theorie, unser Fahrer ist vom Leibhaftigen besessen, hinkt. Denn wenn am Wegesrand der Lattengustl hängt (an dem er mit gefühlten 170 Stundenkilometern vorbeischmettert), nimmt er sich die Zeit (und die Hand vom Lenkrad), sich zu bekreuzigen. Also doch nicht vom Teufel befallen. Kurzfilme einer Ehefrau mit kreischendem Blag auf dem Arm, die mit schwingendem Nudelholz und kaltem Essen auf den verspäteten Gatten wartet, ziehen durch mein Kopfkino.

Die Fahrt ist anstrengend. Während der geplagte Mann hinter dem Lenkrad klemmt und wie ein Zoo-Elefant vor und zurück wippt, als versuche er dadurch der Teufelskarre zu mehr Schwung zu verhelfen, starrt Ute stoisch von der Rückbank durch die Windschutzscheibe, darauf bedacht, den Brechreiz zu unterdrücken. Auch mir isses dezent übel. Die Reisetabletten liegen im Hostel. Herzlichen Glückwunsch. Wer konnte auch ahnen, dass die Autofahrt einem Segeltörn im Atlantik während eines Orkans gleichkommt. Ich muss sicher nicht erwähnen, dass der spätere Stau in Quito keineswegs zur Entspannung des Fahrers und der Situation beigetragen hat…

Wir kommen um 16 Uhr am Hotel an. Alle leben noch. Einen kurzen Augenblick bin ich geneigt, mich auf den Bürgersteig neben das Taxi zu schmeißen, den Boden zu küssen, zu schalmeien und zu frohlocken. Bevor mich die Welle der Überlebensfreude gänzlich überschwemmt, verabschieden wir unseren Fahrer. Er hat ja noch immer Eile.

Als ich eineinhalb Stunden (!!!) später in meinem Hostel ankomme, bin ich zwar um ein paar hundert Dollar ärmer, dafür um Galapagosflüge reicher. Ich werde meine Reise also tatsächlich auf den Inseln ausklingen lassen. Whoop-whoop!

Ute, Bernd, Michael und ich haben uns für den Abend zum Essen verabredet. Bei mir um die Ecke gibt es ein leckeres mexikanisches Restaurant, in dem wir kulinarisch unser Überleben feiern wollen.

We survived Kamikaze-Taxi! Abschied beim Mexikaner.
So gerne wäre ich mit Ute, Michael und Bernd weitere Tage durch Ecuador gezogen…

Danach werde ich dann mal packen. Morgen früh heißt es „adios Quito.“

Ich freu mich riesig, wenn du mich auch im nächsten Teil begleiten magst und weiter mit auf die Reise gehst 🙂

(Teil 4 folgt)

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 2: Quito – Höhenluft schnuppern

19. November 2019

Aus 2 geplanten Übernachtungen in Quito werden spontan 4. Es stehen einfach zu viele TOP’s auf meiner „Must-see-and-will-do-Liste“…

An Tag 3 ruft der Berg! Und zwar Quitos Hausberg Pichincha. Das Wetter soll – zumindest bis mittags – stabil bleiben. Das ist nämlich so ’ne Sache, das Wetter in Quito. Irgendwie muss man jederzeit auf alles gefasst sein.

Gleich am Morgen schnappe ich mir ein Taxi am Straßenrand und fahre zur Bergstation Teleférico (3.050 m). Um 9:30 Uhr reihe ich mich in die bereits recht lange Warteschlange ein. Normalerweise sind mir Seilbahnen ein Gräuel. Berge erklimme ich lieber aus eigener Kraft. Heute breche ich meine Prinzipien. Für günstige 8,50 Dollar gibt es ein Ticket für eine Hin- und Rückfahrt. Kann man nicht meckern.

Auch an der Bergstation des Teleférico zieren wunderschöne Wandbilder die Mauern

Die 6er-Gondel fährt, über eine Länge von 2.500 Metern, in knapp 18 Minuten über saftig grüne Wiesen dem dichten Nebel entgegen. Beachtliche 1.000 Höhenmeter wuppt der Teléferico.

In der Gondel geht es ratz fatz rauf auf 4.000 Meter

Auf rund 4.000 Metern steige ich am Cruz Loma aus, überrascht, wie mild es hier oben ist.

Eine große Holztafel gibt einen Überblick auf die umliegenden Anden-Berge, von denen jetzt leider kein einziger zu sehen ist. Der Nebel hat alles unterhalb der Station in eine graue, dichte Suppe gelullt. Schade, aber es ist wie es ist.

Bergpanorama, für das man anderes Wetter braucht…

Oben verschaffe ich mir erst mal einen Überblick und schaue mich um. Es macht mich immer fassungslos, Menschen auf „Seilbahn-Bergen“ zu beobachten, die sich scheinbar ausschließlich für Selfies und zu Dekorationszwecken in die Höhe karren lassen. So auch hier. Kreischende Schminkbeutel-Fashion-Queens posen hypermotiviert und drapieren sich mit Duckface in rustikalen Holzstühlen vor der Bergkulisse, pingelig darauf bedacht, die Schokoladenseite mit alpinem Zuckerguss zu präsentieren. Mir entgleisen die Gesichtszüge, ich kann das nicht steuern. „Bloß weg hier“, raunt die innere Stimme verzweifelt. Ich ergreife die Flucht, während die schrille Quiekerei endlich in meinen Ohren abebbt.

Motiviert zum Rucu Pichincha

Auf den Spuren von Alexander von Humboldt starte ich zum Pichincha, mal gespannt, wie weit ich komme. Es soll später wohl regnen, erzählte mir in der Gondel ein Bergführer. Uhr kalibrieren und keine Zeit verlieren.

Auf dem breiten Sandpfad ist es unmöglich, sich zu verlaufen. Gut so, da ich – wider Erwarten – alleine losstiefel. Die Option, mich weiteren Wanderern anzuschließen, bietet sich nicht.

Ein Blick zurück und weiter geht es aufwärts

Schritt für Schritt schraube ich mich dem Ziel entgegen. Die Höhe ist überhaupt kein Problem. Erst nach einer Weile spüre ich, ich muss langsamer laufen. Das Herz puckert und auch wenn ich kurz ausruhe, geht die Atmung noch schnell. Trotz langsamem Tempo, überhole ich unterwegs einige der wenigen Wanderer.

Am Wegesrand motivieren Schilder, die die Höhe und die Entfernung zum Gipfel anzeigen. 4.078 Meter… 4.127 Meter… 4.177 Meter… 4.309 Meter… 4.331 Meter…

Ein Guckloch nach Quito

Vom Tal und den umliegenden Anden ist nach wie vor nichts zu sehen. Doch dann gibt es für einen kurzen Augenblick ein kleines Guckloch auf Quito mit Sonnenschein, rund 1.3000 Meter in der Tiefe. Jetzt bekommt man einen Eindruck, wie riesig diese Stadt ist. Wow!

Während ich in oben den Wolken stehe, scheint unten auf Quito die Sonne

Sobald sich die kleinsten Sonnenstrahlen zeigen, spürt man ihre enorme Kraft. Das Wetter hält mich auf Trab: Sonnenbrille auf, Sonnenbrille ab. Jacke aus, Jacke an. Pulli über’s T-Shirt, Jacke drüber, dann wieder aus. Trinken. Lichtschutzfaktor nachschmieren.

Trotz wolkenverhangenem Himmel besticht die tolle Natur mit ihrer Schönheit

Je höher ich komme, desto nebeliger und kälter wird es. Die Wanderung zum Rucu Pichincha (4.698 m) ist mit insgesamt 11,5 Kilometern und 650 Höhenmetern angegeben.

Die letzte Passage besteht aus leichter Kletterei am Grat. Etwas abschüssig und ausgesetzt, so die Info meines Hostel-Betreibers. Er erzählte mir am Morgen, er war vor einiger Zeit mit seinen Kindern hier, als vor seinen Augen jemand abstürzte und sich dabei das Genick brach. Furchtbar tragisch, aber es kann immer was passieren. Auch in leichtem alpinen Gelände. Besonders, wenn berguntaugliche Seilbahn-Sandalen-Touris unterwegs sind…

Schlimmer geht immer; das Wetter gibt es heute nicht in schön

Am Wandeinstieg angekommen, fängt es an zu graupeln. Ich schaue mich um. Der gesamte Bergkamm hängt in feucht-kalter Nebelsuppe. Gipfelblick kann ich mir definitiv in die Haare schmieren. Ich ziehe die Regenjacke über und beobachte ein älteres Ehepaar, das mit einem Bergführer 2 Meter oberhalb in der Wand steht. Sie waren mit mir in der Gondel, so dass ich den Weg hinauf ihr sehr selbstüberzeugtes Fachgesimpel mitbekam. Da klangen sie, wie frisch zurückgekehrte Himalaya-Aspiranten. Jetzt haben sie offensichtlich große Schwierigkeiten, weiterzugehen. Während ihr Bergführer auf sie einredet und dem Mann die Regenkleidung überzieht, wehklagen sie über ihre missliche Lage. Tja, ist doch nicht alles Gold was glänzt und nicht jeder ein Steinbock, bloß weil er John Krakauer liest, denke ich, mit einer kleinen, deftigen Prise Sarkasmus.

Was nun? Weitergehen? Umkehren?

Ich weiß zu gut, wie schmierig nasser Fels beim klettern wird. „Vergiss nicht, du bist alleine unterwegs“, raunt die Stimme im Kopf mit erhobenem Zeigefinger. Wie sich das Wetter entwickelt, kann ich nur schwer abschätzen. Aber es sieht – hoffnungsvoll und realistisch betrachtet – beschissen aus. Tatsächlich schlägt die Vernunft den sportlichen Ehrgeiz. Ich kehre um. Die beste Entscheidung, wie sich gleich danach rausstellt. Es hagelt. Dann schlägt der Hagel in Regen um und während ich den Berg runterflitze, donnert es laut. Nix wie runter hier!

Regenrun zurück zur Bergstation

Eine Stunde brauche ich für den Weg zurück. Das letzte Stück renne ich im strömenden Regen, um mich herum bedrohliches Gewitter. Außer Puste (rennen auf 4.000 Metern ist echt ne Nummer) falle ich in der Bergstation ein. Der Kadaver schreit nach einem heißen Koffeeingetränk. Ich bin erleichtert und froh, den richtigen Entschluss getroffen zu haben. Glück am Gipfel, diesmal ohne Gipfelglück.

Fast geschafft. Die Bergstation bereits im Rücken.
Kurzer Unterstand vorm letzten Regen-Sprint.

In der Station lerne ich Ute kennen. Sie wartet auf ihren Mann und dessen Bruder. Ich erinnere mich an die drei. Ich bin unterwegs an ihnen vorbeigegangen. Ute ist irgendwann umgedreht und die Männer weitergelaufen, erzählt sie. Mit dem festen Vorsatz, den Pichincha zu bezwingen.

Es schüttet noch immer übelst und mittlerweile ist es richtig kalt. Durchgefroren steige ich, nach einem längeren aber sehr kurzweiligen Plausch und Nummerntausch mit Ute, in den Teleférico und gondele tiefzufrieden runter nach Quito. Freu ich mich auf eine heiße Dusche!

Ute schreibt mir am Abend. Sie hat mit ihren Männern abgesprochen, dass wir am nächsten Tag zusammen losziehen und uns ihr Privattaxi teilen können. Wir haben das gleiche Vorhaben. Auch sie möchten zum Mitad del Mundo, dem Mittelpunkt der Welt. Ich freue mich riesig auf morgen und über die unerwarteten Reisebegleiter, denen ich mich spontan anschließen darf. Einer der Gründe, warum ich das Alleine-Reisen so schätze und so spannend finde.

(Teil 3 folgt)

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ECUADOR – 34 TAGE ABENTEUER HOCHDOSIERT, BITTE!

Teil 1: Höhenrausch in Quito

17./18. November 2019

Gelandet! Der Körper ist noch unschlüssig, ob er sich freuen oder wegen totaler Übermüdung rumnölen soll.

Seit dem Start in Mannheim um 3 Uhr früh, sind rund 23 Stunden vergangen. Erst ging es mit dem Flixbus nach Frankfurt, dann mit dem Flieger nach Paris und nach einem Stop von rund 4 Stunden weiter nach Quito.

Immer ein gutes Gefühl, wenn das Gepäck zur gleichen Zeit am gleichen Ort ankommt, wie man selbst! Jetzt noch Startkapital in Dollar umwechseln (ich mache ein verdammt schlechtes Geschäft, wie ich erst später kapiere) und draußen vorm Terminal ins nächste Taxi zum Hostel (vorsorglich von daheim für die erste Nacht gebucht).

Am Taxifahrer übe ich meine alten Restbestände an miesen Spanischkenntnissen. Er muss während der halbstündigen Fahrt für Test-Smalltalk herhalten und sieht großzügig über meine zusammengesetzten Scrabble-Wortfetzen hinweg. 

Hostel-Entertainment

Zimmerbezug im Hostel „Travellers Inn“. Eine mini Zelle in schweinchenrosa. Nicht die bevorzugte Farbe, dafür sauber und mit eigenem Bad. Das Zimmer wurde offensichtlich um das Bett herum gebaut, die Tür beginnt gleich dort, wo das Bett endet. Zum Glück bin ich ja recht platzsparend und meine paar Sachen aus dem Rucksack passen neben das Bett. Tatsächlich wurde sogar ein Fernseher in die kleine Ecke an die Wand gepackt.

Weitere Special Effects des Kämmerleins werden prompt präsentiert. Nix da mit stilles Kämmerlein! Nachbars Bad grenzt direkt an meines. Die Wände scheinen aus mikrodünnen Pressspanplatten zu bestehen. Es dringen ALLE Körperhygiene-Geräusche ungefiltert durch. Ich liege todmüde im Bett, als unfreiwilliger, akustischer Zeuge des benachbarten Toilettengangs. Da wurde scheinbar das Abendessen nicht so richtig vertragen…

Während ich weiterhin die Ohren nicht davor verschließen kann, wie „El Nachbar“ unermüdlich pfützenweise sein Innerstes nach außen kehrt, wünsche ich mir sehnlichst seine vorherigen Duschgesänge zurück. Dann ist Ruhe. Ich atme auf. Wer konnte ahnen, dass im Nachbarzimmer eine 3er-Männergruppe wohnt?! Resigniert ziehe ich mir die Decke über den Kopf, als Nummer 2 die Badezimmerbeschallung des Vorgängers übernimmt.

Um 6 Uhr startet man nebenan in den Nasszellen-Tag, wie er um 23 Uhr beendet wurde. Nach 30 sehr unappetitlichen Lauschübergriff-Minuten, versuche ich den Brechreiz mit lautem Hörbuchhören zu übertünchen. Nun ja, Nachbars haben die Challenge für sich entschieden.

Die 3 Prachtexemplare werden mir in all ihrer Leibhaftigkeit am Frühstückstisch serviert. Souverän hängen sie die schalltechnische Messlatte mit Frühstückskräckerknabberei und Kaffeeschlürferei nochmals einen Meter höher. Untermalt von permanenten Handygebimmel und Rundumzeige-Videoanrufen.

Erkundung der historischen Altstadt

An der Rezeption werde ich mit Stadtplan und guten Ratschlägen ausgestattet, dann stiefel ich in das 3 Kilometer entfernte Centro Historico. Meinen Rucksack halte ich, wie alle Locals, vor der Brust. Es hat wohl seinen Grund.

Auf dem Weg in die Altstadt entdecke ich die grünen Oasen der mit Autos, Taxen und Bussen vollgestopften Großstadt, deren Abgase das Atmen teilweise sehr unangenehm machen. Mehrere Parks bieten den Menschen hier wohltuende Rückzugsmöglichkeiten und sind auch immer gut besucht.

Parque El Ejido im Zentrum Quitos

Mir fallen die bunten Wandbilder auf. Noch weiß ich nicht, dass mich diese farbenfrohen Malereien die nächsten Wochen durch ganz Ecuador begleiten werden. Sofort liebe ich diese wunderschöne Kunst, die die grauen Wände um ein Vielfaches aufwertet und der Umgebung einen charismatisch-coolen Charme verleiht.

An einer Bushaltestelle frage ich eine Ecuadorianerin nach dem Weg. Sie entschließt sich kurzerhand, ihren Bus sausen zu lassen und mich zu begleiten. Unter ihrem Regenschirm, den sie als Sonnenschutz über uns aufgespannt hat, führt sie mich durch die Straßen und erklärt mir auf spanisch die Gebäude und Kathedralen. Mit einem freundlichen Händedruck und lieben Worten entlässt sie mich 20 Minuten später in die Altstadt.

Höchste Hauptstadt der Welt

Quito ist mit rund 2.850 Metern die höchste Hauptstadt der Welt. Jetzt bekomme ich das zu spüren. Mein Herz puckert und die Atmung wird schneller, sobald die Straßen ansteigen.

In Quito man ist man direkt am Äquator, an den Andenausläufern und zum Amazonas-Dschungel ist es nur ein Katzensprung. In der „Stadt des ewigen Frühlings“ ändert sich das Wetter schneller, als man eine Jacke an- und ausziehen kann. Strahlender Sonnenschein kann ziemlich schnell von heftigem Regen abgelöst werden und umgekehrt. Genauso schnell ändert sich die Temperatur. Generell ist das Wetter eine sehr abenteuerliche Sache in Ecuador, was ich noch am eigenen Körper spüren werde…

Quitos historische Altstadt

Die Altstadt hat Flair! Den ganzen Tag über lasse ich mich einfach durch die Straßen treiben, die Menschen und die fremde Umgebung auf mich wirken. Am Unabhängigkeitsplatz (Plaza de la Independencia) gerate ich in den montags stattfindenden Wachwechsel (was ich zu dem Zeitpunkt allerdings nicht weiß, während ich mich über das Großaufgebot an Polizei und Absperrungen wundere).

Am Boulevard 24 de Mayo genieße ich die Kraft der Sonne und lasse den Blick streifen. Gegenüber auf dem Hügel „El Panecillo“ (übersetzt „das Brötchen“), thront die beflügelte Patronin von Quito.

Boulevard 24 de Mayo mit der Virgen de Quito auf dem Hügel El Panecillo
Die Schutzpatronin Quitos, 45 Meter hoch und aus 7000 Aluminiumstücken gefertigt

Ich überlege, ob ich zum „geflügelten Brötchen“ hinauf soll. Die naheliegende Treppe durch die Ortschaft hoch kommt nicht in Frage. Die Warnung meines Hostelmanagers klingelt in meinem Ohr: „It’s dangerous, you could get lost!“ und auch der Reiseführer erwähnt häufige Überfälle auf Fußgänger. Ich entscheide mich gegen eine Taxifahrt, genieße einfach den Blick von unten und ziehe zu Fuß weiter.

Vorbei an mächtigen Kathedralen (wovon es in der tief gläubigen Stadt etliche gibt), Palästen, kleinen Parks und wunderschönen barocken Häusern, tingele ich durch das bunte Treiben der Altstadt. Überall stehen Menschen und verkaufen am Straßenrand Gemüse, Früchte und Süßigkeiten.

Banco Central de Quito
Klosterkirche San Francisco

Gegen Mittag ziehen dunkle Wolken auf. Die Sonne hat bereits dezente Spuren auf meinen winterblassen Armen hinterlassen. Man vergisst einfach zu schnell, wie nah man hier am Äquator ist. Selbst durch die Wolken ist die Strahlung enorm.

Pause. Ich setze mich am Plaza de la Independencia vor ein schnuckeliges Café. Der gegenüberliegende Präsidentenpalast ist inzwischen nicht mehr abgesperrt, die Polizei ist abgezogen.

Mittelpunkt der Altstadt; Plaza de la Independencia (Unabhängigkeitsplatz) mit der Freiheitsgöttin „Libertas“

Viele Möglichkeiten in und um Quito

Bei einer großen Tasse Cafe con leche, stöbere ich im Reiseführer und meinen Aufschrieben. Wie lange werde ich in Quito bleiben? Wie organisiere ich die nächsten Tage hier, was steht morgen an und wie komme ich am besten von A nach B? Ich bin überfordert. Es gibt in und um Quito einfach zu viel zu sehen, zu viel zu erleben. Wie entscheide ich, was ich mir ansehe, was weglasse? Aaahhh, ich will nix verpassen 🙂

Self-Brainstorming bei Kaffee; so viele Möglichkeiten…

Als ich bezahle, bin ich noch immer ratlos. Ein kleines Männeken (er ist tatsächlich noch kleiner als ich!) steht an der Kasse, mein Blick fällt auf das Schild hinter ihm: FREE HUGS HERE. Unwillkürlich lächele ich. Etwas verlegen deutet er auf das Schild, ich grinse breit und schwupps, stehen wir da und drücken uns ganz innig. Ach, was freut er sich. Und ich mich. Da strahlt das Herz, bei solch einer warmen, ehrlichen Umarmung.

Herzlicher Cafébetreiber, der Free Hugs verschenkt

Der Rückweg zum Hostel hält Überraschungen parat. Erst bekomme ich heftiges Nasenbluten (die Folgeschäden der trockenen Flugzeugluft), dann regnet und gewittert es. Ich warte den Schauer und das Nasenbluten ab und ziehe mit aufgeweichter Straßenkarte weiter. Nach 2 Stunden bin ich noch immer nicht im Hostel angekommen. Der Himmel macht plötzlich richtig die Schleusen auf. Es schüttet, als würde jemand Badewannen auskippen. Mitten auf der Straße springe ich in das nächste Taxi – davon gibt es hier mehr als genug – gebe dem Fahrer die Adresse durch und bin keine 5 Minuten später (davon standen wir 3 Minuten im Stau, weil in Quito immer Stau ist) zurück im Travellers Inn.

Jetzt eine heiße Dusche und dann sollte ich wirklich einen Plan für morgen machen…

(Teil 2 folgt)

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Green Hill Valley – Ein Tag im Elefantencamp

Dezember 2018

Heute möchte ich euch gerne von meinem Besuch im Green Hill Valley Elephant Camp erzählen. Und um gleich eventuelle Vorurteile auszuräumen, erkläre ich mal deren Mission:

Das Camp wurde 2011 von einer Familie in Kalaw (Myanmar / Shan-Staat) gegründet, als Altersruhesitz und zur Versorgung von Arbeitselefanten, die nicht mehr arbeitsfähig sind. Die Tiere werden von einem eigenen Arzt versorgt, bekommen gutes Futter und einen geschützten Lebensraum. Täglich werden sie in einem nahegelegenen Fluss gebadet und geschrubbt, was ihrer Hautpflege dient.

Darüberhinaus setzt das Camp auf Nachhaltigkeit und die damit verbundene – in Myanmar dringend notwendige – Aufklärung der eigenen Bevölkerung. Die Wiederaufforstung ist ein weiterer Schwerpunkt. Besucher sind eingeladen, regionale Bäume zu pflanzen. Hier ist die Problematik von Plastikmüll im Bewusstsein der Betreiber angekommen. In vielen Teilen des Landes war ich über die Müllberge an Straßenecken und in der Natur mehr als erschüttert. Die wenigsten Burmesen machen sich Gedanken darüber und werfen jeglichen Abfall völlig selbstverständlich aus Autofenstern. Sicherlich kein böser Wille, die Menschen wissen es einfach nicht besser.

Die Betreiber des Green Hill Valley (GHV) arbeiten daran, den Umweltschutz und die Schönheit des eigenen Landes in das Bewusstsein der Bevölkerung zu bringen.

Elefanten-Poo-Papier

Darüberhinaus stellt das GHV eigenes natürliches Papier aus Elefanten-Dung her. Die einzelnen Schritte des interessanten Prozesses werden im Camp genau gezeigt und erklärt. Einzelne Briefpapierseiten oder hübsche Notizbüchlein aus dem Endprodukt können dort gekauft werden. Ich fand es total spannend, zu sehen, wie mühevoll der ganze Herstellungsprozess von Hand betrieben wird (Elefanten-Poo wird in großen Kesseln aufbereitet, gefiltert, an einer Art Sieb in der Sonne getrocknet, über eine Walze geplättet, zugeschnitten etc.).

In der Sonne auf Sieben getrocknet, entsteht das robuste Papier
Das Papier wird zugeschnitten und gewalzt. Man kann sogar darauf schreiben

Auch für die Schulbildung der Kinder im Dorf machen sich die Initiatoren stark. Somit fließt das Eintrittsgeld in das Projekt, zur Pflege der Elefanten, für Futter, Medizin, Personal und benötigte Ressourcen. Ich habe den erst recht hoch erscheinenden Eintritt von 100 $ als Spende betrachtet und ihn wirklich gerne gezahlt. Man gibt so viel Geld für unnötigen Kram aus. Hier kann man mit seinem Beitrag unterstützen und bekommt einen unvergesslichen Tag dafür!

Das Abenteuer beginnt…

Doch nun von vorne! Kurz nach 8 Uhr am Morgen brachte mich mein Taxi von meiner Unterkunft in Kalaw zum Green Hill Valley. Mein Taxifahrer sprach kein Wort Englisch, erkundigte sich aber regelmäßig, mit fragendem Blick über den Rückspiegel, „Okay?!“ Ich bejahte jedes Mal und erntete ein freudiges Grinsen. Nach einer gute Stunde Fahrzeit auf nicht unanstrengenden Straßen war ich angekommen.

Das weitläufige Elefantencamp ist wunderschön in den Wäldern gelegen, fernab von jeglichem Trubel. Die ganze Anlage ist liebevoll angelegt, toll bepflanzt und äußerst gepflegt.

Hütten im Camp

Ich verabschiedete mich von meinem Taxifahrer und ging den Schotterpfad hinauf zum Empfangsgebäude. Mit einer super leckeren Limettenlimonade und einem feucht-gekühlten Tuch wurde ich herzlich begrüßt. Wir waren insgesamt um die 10 Personen. Man teilte uns in kleine Gruppen auf und gab uns inmitten diesem grünen, blühenden Idylls erste Infos zu den Elefanten, der Intention des Camps, erklärte uns die Verhaltensregeln und den Tagesablauf.

Tierische Camp-Bewohner

8 Elefanten befinden sich in der Obhut des GHV. Das Nästhäkchen ist zarte 10 Jahre alt, der Senior 68 Jahre. Die ehemaligen Arbeitselefanten bekommen hier ihr Gnadenbrot und verbringen ein erholsames Lebensende. Einige der Elefanten waren in sehr schlechter Verfassung, als sie aufgenommen wurden. Besonders mental und physisch. Ihre Pfleger bauten durch das Füttern und tägliches Baden langsam eine vertrauensvolle Beziehung zu den Tieren auf, was man ganz deutlich spüren kann. Die Atmosphäre ist locker und fröhlich, richtig familiär. Die Tiere sind völlig ausgeglichen und zufrieden.

Jeder von uns bekam eine wiederverwendbare Flasche als Souvenir. Aus großen Spendern füllten wir uns darin Wasser für den Tag auf. Dann war es so weit! Irgendwie war es völlig surreal für mich, gleich Elefanten zu begegnen. Einige Minuten liefen wir mit unserem Betreuer durch das Gelände und dann standen sie da! 5 Elefanten, auf großen Plattformen unter schattigen Stroh-Pavillons.

Unzählige Kürbisse, Bambus, Bananenstauden und Schubkarren voll mit einer Art Getreidebrei standen zur Fütterung bereit.

Unser Guide zeigte uns, wie man ein für die Elefanten besonders schmackhaftes „Sandwich“ zubereitet: Auf eine große Scheibe der bereits zugeschnittenen Bananenstauden wird ordentlich Getreidepampe gepackt und als kulinarische Krönung mit Hokkaido-Kürbisspalten garniert. Der ganze Brocken wird dann dem grauen Riesen „einfach“ ins Maul befördert. Ähmmm… Ich soll also mit meiner Hand ins Maul des Rüsseltiers und vorher laut „HAAA“ rufen, das Kommando, dass dieses auch schön weit den Schnabel aufsperrt?!

Von der Hand ins Maul

Um nicht gleich mit der Tür ins Haus, oder in dem Fall, mit der Hand ins Maul zu fallen, knüpfte ich erst einmal zarte Bande, indem ich den hungrigen Tieren abwechselnd Bananenstauden-Scheiben und Kürbisschnitze kredenzte. Schön mit der Hand in den Rüssel. Total faszinierend ist, dass der Rüssel wie ein Daumen funktioniert. Elefanten können tatsächlich eine Scheibe nach der anderen damit greifen. Während sie einzelne Scheiben nach hinten schieben und dort in den Rüsselfalten festhalten, können sie mit dem vorderen Teil weitere Stücke greifen. Das Futtersammelsurium wurde dann einzeln mit der Rüsselspitze ins Maul geschoben und genüsslich vertilgt.

Glückselig und völlig fasziniert stand ich inmitten der Giganten, als mir einer der Betreuer ein „Sandwich“ in die Hand drückte und in Richtung der hungrigen Mäuler deutete. Ohne zu zögern setzte ich mich in Bewegung und prompt kamen mir drei lange Riechkolben entgegen. Ich ging auf den Mittleren zu, rief „HAAA“ und es öffnete sich ein großes Maul. Ich packte das kuchentellergroße Leckerchen auf seine Zunge, während er es mit seinem Rüssel weiter in den Schlund schob. Was für ein Moment! Ich kann gar nicht beschreiben, was in mir vorging, welche Gefühle mich durchströmten und wie überragend dieses Erlebnis war.

Erstes Antasten mit Futter-Freundschaftsanfrage

Mit der Fütterung hatten wir wirklich alle Hände voll zu tun. Elefanten vertilgen bis zu zwei Drittel des eigenen Körpergewichts, demnach hauen sie sich um die 100 bis 200 KG Futter zwischen die Kauleiste.

Ein Elefant fing an zu pinkeln und einer der Pfleger rief „oh, waterfall!“ Ich musste so lachen. Ganz unrecht hatte er nicht. Ein wasserfallartiger Strahl ergoss sich aus dem Tier. Beachtliche 10 – 20 Liter pro Pinkeleinheit hauen die raus.

It’s Spa-Time

Wir wurden mit einer stylischen Riesen-Stoffhose und Flipflops ausgestattet. Dann ging es durch das Areal am Flusses entlang zu einer Stelle, an der dieser tiefer und breiter wurde. Wir waren nur zu Dritt, mit mir eine weitere Besucherin und unser Guide. Mitten aus dem Grünen kam behäbig ein Elefant auf uns zugetrottet. Auf seinem Rücken trug er einen der Pfleger.

Gemütlich stapfte er in den Fluss bis zur tiefsten Stelle, an der er sich niederließ. Jetzt guckten nur noch Kopf und Rücken aus dem Wasser und sein Rüssel, mit dem er rumschnorchelte.

Es folgte der Wink an uns, zu ihm ins Wasser zu steigen. Für mich eine Herausforderung. Bei kaltem Wasser muss ich furchtbar pienzen und das hier war VERDAMMT ERFRISCHEND! Mit Schnappatmung, wie in einem Geburtsvorbereitungskurs, arbeitete ich mich durch die Strömung zum Elefanten vor, darauf bedacht, nicht in Frostschockstarre zu verfallen.

Vom Ufer warf unser Guide uns runde Wurzelbälle zu und erklärte, dass wir damit den Elefanten tüchtig schrubben sollten. Hinter dem Rüsseltier stand sein Betreuer, lachte und spritzte ihm Wasser auf den Rücken. Ich griff mir den Natur-Schwamm und begann, Rücken und Kopf des Dickhäuters zu bearbeiten. Sein Rüssel lugte aus dem Wasser, während er sich genüsslich seinem Pflegeprogramm hingab.

Plötzlich spürte ich einen sanften Druck an meinem Oberschenkel. Ich blickte an meiner Hüfte hinab ins Wasser, konnte jedoch durch den aufgewirbelten Sand nichts sehen. Dann begriff ich, dass sich das Bein des Elefanten an meines lehnte. Mich durchströmte eine Zutraulichkeit und Herzenswärme. Völlig ergriffen schrubberte ich weiter den Rücken, während ich leise auf ihn einmurmelte und gar nicht wusste, wohin mit all meinen Emotionen. Für mich war dies wahrhaft ein magischer Moment.

Hätte der Riese seinen stämmigen Fuß bloß wenige Zentimeter bewegt, wäre er mir auf meinen Zehen gestanden. Mir wurde klar, wie sehr ich ihm in diesem Augenblick ausgeliefert war. Völlig frei stand er neben mir, ich hätte nicht zur Seite springen können, wie ich da in dem rauschenden Fluss stand. Vor allem nicht, als mir einer der Flipflops von den Füßen floppte und an der Oberfläche schwamm. Trotzdem hatte ich keine Sekunde Angst, im Gegenteil, das Tier strahlte solch eine Ruhe und Sicherheit aus, die sich auf mich übertrug. Sogar das kalte Wasser war inzwischen einerlei und alles, was da eventuell drin rum schwamm.

Nach dem ausgiebigen Wellnessprogramm torkelten wir zurück ans Ufer. Der Elefant erhob sich und stapfte durch den Fluss zurück Richtung Camp.

Mit unseren klatschnassen Hosen gingen wir auch zurück. Wir bekamen Handtücher und zogen uns um. In der Sonne wärmten wir uns auf, tranken grünen Tee und dann ging es zur zweiten Verköstigung.

Zur Mittagszeit war dann unsere Fütterung dran. Zurück am Eingangsbereich wurden wir mit den anderen Gästen, in einem hübsch eingedeckten Pavillon mitten im Grünen, mit kühlen Getränken versorgt. Ein extrem köstliches, vegetarisches Essen wurde serviert. Beginnend mit einer Art kleinen dreieckigen Frühlingsrollen und einer Suppe. Danach gab es ein regionaler indischer Fladen mit Mini-Kartoffeln, Gemüse und säuerlich eingelegten Mangostücken.

Als Nachtisch gab es Kaffee (yeah!!) und gebackene Banane mit Honig, was war das alles lecker!!!!

Praxis-Einblicke bei Veterinärarzt Ba

Gestärkt ging es jetzt zum Elefanten-Doc. In seiner „Praxis“ gab es einiges zu sehen. An Schautafeln bekam man einen Eindruck des Sichtumfangs und der Farbwahrnehmung von Elefanten. Da ihre Augen rechts und links am Kopf und nicht mittig sind, ist ihr Blickwinkel natürlich völlig anders als beim Menschen.

In der Praxis von Veterinärarzt Ba

In Reagenzgläsern schwammen konservierte Wurm-Parasiten, auf dem Tisch lagen riesige Spritzen mit noch riesigeren Kanülen und blaue Tabletten in Daumengröße.

Doc Ba zeigte uns die „Elephant Biography“, die für jeden Elefanten im Camp geführt wird. In dem Heft stehen Name, Geschlecht, Geburtstag, Eltern, Charaktereigenschaften etc. Handschriftlich wird liebevoll der Gesundheitszustand dokumentiert, versorgte Wunden und was gefüttert wurde. Die Pfleger stecken enormes Herzblut in das Projekt und haben eine tiefe Bindung zu ihren Schützlingen. Spannend, hier hinter die Kulissen blicken und mit dem charismatischen Veterinärarzt reden zu können.

Nächste Station war die Elefanten-Poo-Papierherstellung, wie zu Beginn erwähnt. Dort schilderte unser Guide uns noch an einem ausgestellten Elefantenskelett den Körperbau der Dickhäuter.

Aller guten Dinge sind 3 und so wurden ein letztes Mal die noch immer hungrigen Mäuler mit Bananenstauden, Kürbis- und Getreidemansch-Massen gestopft.

Danach hieß es Abschied nehmen. Die Tiere wurden von ihren Pflegern in den Dschungel gebracht. Dort verbringen sie ab nachmittags und über Nacht ihre Zeit, frei und weg von den Menschen.

Nach 6 atemberaubenden und beeindruckenden Stunden war der Aufenthalt im GHV zu Ende.

Mein Fahrer wartete bereits auf mich. Zutiefst beeindruckt und überglücklich stieg ich ins Taxi. Bis über beide Ohren grinsend, strahlte ich ihn an. Seine Standardfrage „Okay?“ stellte er gar nicht erst, mein Blick sprach Bände und er grinste einfach zufrieden zurück.

Fazit zum Green Hill Valley Elephant Camp

Wenn ihr in Myanmar (Kalaw) seid, geht hin! Der Eintritt ist – aus meiner Sicht – mehr als gerechtfertigt. Man begegnet den Tieren dort mit solch einem Respekt, dass es einfach nur toll ist, dem fürsorglichen, liebevollen Umgang zwischen Mensch und Tier zuzuschauen. Natürlich ist es ein Projekt, das für Touristen gemacht ist. Aber wie sollte es sich ohne Geldmittel der Touristen finanziell tragen können? Trotzdem steht der Schutz und die Gesundheit der Tiere an erster Stelle. Eben deswegen gibt es kein Elefantenreiten etc. und ist die Zahl der täglichen Besucher limitiert und kein Massenauflauf.

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