Green Hill Valley – Ein Tag im Elefantencamp

Dezember 2018

Heute möchte ich euch gerne von meinem Besuch im Green Hill Valley Elephant Camp erzählen. Und um gleich eventuelle Vorurteile auszuräumen, erkläre ich mal deren Mission:

Das Camp wurde 2011 von einer Familie in Kalaw (Myanmar / Shan-Staat) gegründet, als Altersruhesitz und zur Versorgung von Arbeitselefanten, die nicht mehr arbeitsfähig sind. Die Tiere werden von einem eigenen Arzt versorgt, bekommen gutes Futter und einen geschützten Lebensraum. Täglich werden sie in einem nahegelegenen Fluss gebadet und geschrubbt, was ihrer Hautpflege dient.

Darüberhinaus setzt das Camp auf Nachhaltigkeit und die damit verbundene – in Myanmar dringend notwendige – Aufklärung der eigenen Bevölkerung. Die Wiederaufforstung ist ein weiterer Schwerpunkt. Besucher sind eingeladen, regionale Bäume zu pflanzen. Hier ist die Problematik von Plastikmüll im Bewusstsein der Betreiber angekommen. In vielen Teilen des Landes war ich über die Müllberge an Straßenecken und in der Natur mehr als erschüttert. Die wenigsten Burmesen machen sich Gedanken darüber und werfen jeglichen Abfall völlig selbstverständlich aus Autofenstern. Sicherlich kein böser Wille, die Menschen wissen es einfach nicht besser.

Die Betreiber des Green Hill Valley (GHV) arbeiten daran, den Umweltschutz und die Schönheit des eigenen Landes in das Bewusstsein der Bevölkerung zu bringen.

Elefanten-Poo-Papier

Darüberhinaus stellt das GHV eigenes natürliches Papier aus Elefanten-Dung her. Die einzelnen Schritte des interessanten Prozesses werden im Camp genau gezeigt und erklärt. Einzelne Briefpapierseiten oder hübsche Notizbüchlein aus dem Endprodukt können dort gekauft werden. Ich fand es total spannend, zu sehen, wie mühevoll der ganze Herstellungsprozess von Hand betrieben wird (Elefanten-Poo wird in großen Kesseln aufbereitet, gefiltert, an einer Art Sieb in der Sonne getrocknet, über eine Walze geplättet, zugeschnitten etc.).

In der Sonne auf Sieben getrocknet, entsteht das robuste Papier
Das Papier wird zugeschnitten und gewalzt. Man kann sogar darauf schreiben

Auch für die Schulbildung der Kinder im Dorf machen sich die Initiatoren stark. Somit fließt das Eintrittsgeld in das Projekt, zur Pflege der Elefanten, für Futter, Medizin, Personal und benötigte Ressourcen. Ich habe den erst recht hoch erscheinenden Eintritt von 100 $ als Spende betrachtet und ihn wirklich gerne gezahlt. Man gibt so viel Geld für unnötigen Kram aus. Hier kann man mit seinem Beitrag unterstützen und bekommt einen unvergesslichen Tag dafür!

Das Abenteuer beginnt…

Doch nun von vorne! Kurz nach 8 Uhr am Morgen brachte mich mein Taxi von meiner Unterkunft in Kalaw zum Green Hill Valley. Mein Taxifahrer sprach kein Wort Englisch, erkundigte sich aber regelmäßig, mit fragendem Blick über den Rückspiegel, „Okay?!“ Ich bejahte jedes Mal und erntete ein freudiges Grinsen. Nach einer gute Stunde Fahrzeit auf nicht unanstrengenden Straßen war ich angekommen.

Das weitläufige Elefantencamp ist wunderschön in den Wäldern gelegen, fernab von jeglichem Trubel. Die ganze Anlage ist liebevoll angelegt, toll bepflanzt und äußerst gepflegt.

Hütten im Camp

Ich verabschiedete mich von meinem Taxifahrer und ging den Schotterpfad hinauf zum Empfangsgebäude. Mit einer super leckeren Limettenlimonade und einem feucht-gekühlten Tuch wurde ich herzlich begrüßt. Wir waren insgesamt um die 10 Personen. Man teilte uns in kleine Gruppen auf und gab uns inmitten diesem grünen, blühenden Idylls erste Infos zu den Elefanten, der Intention des Camps, erklärte uns die Verhaltensregeln und den Tagesablauf.

Tierische Camp-Bewohner

8 Elefanten befinden sich in der Obhut des GHV. Das Nästhäkchen ist zarte 10 Jahre alt, der Senior 68 Jahre. Die ehemaligen Arbeitselefanten bekommen hier ihr Gnadenbrot und verbringen ein erholsames Lebensende. Einige der Elefanten waren in sehr schlechter Verfassung, als sie aufgenommen wurden. Besonders mental und physisch. Ihre Pfleger bauten durch das Füttern und tägliches Baden langsam eine vertrauensvolle Beziehung zu den Tieren auf, was man ganz deutlich spüren kann. Die Atmosphäre ist locker und fröhlich, richtig familiär. Die Tiere sind völlig ausgeglichen und zufrieden.

Jeder von uns bekam eine wiederverwendbare Flasche als Souvenir. Aus großen Spendern füllten wir uns darin Wasser für den Tag auf. Dann war es so weit! Irgendwie war es völlig surreal für mich, gleich Elefanten zu begegnen. Einige Minuten liefen wir mit unserem Betreuer durch das Gelände und dann standen sie da! 5 Elefanten, auf großen Plattformen unter schattigen Stroh-Pavillons.

Unzählige Kürbisse, Bambus, Bananenstauden und Schubkarren voll mit einer Art Getreidebrei standen zur Fütterung bereit.

Unser Guide zeigte uns, wie man ein für die Elefanten besonders schmackhaftes „Sandwich“ zubereitet: Auf eine große Scheibe der bereits zugeschnittenen Bananenstauden wird ordentlich Getreidepampe gepackt und als kulinarische Krönung mit Hokkaido-Kürbisspalten garniert. Der ganze Brocken wird dann dem grauen Riesen „einfach“ ins Maul befördert. Ähmmm… Ich soll also mit meiner Hand ins Maul des Rüsseltiers und vorher laut „HAAA“ rufen, das Kommando, dass dieses auch schön weit den Schnabel aufsperrt?!

Von der Hand ins Maul

Um nicht gleich mit der Tür ins Haus, oder in dem Fall, mit der Hand ins Maul zu fallen, knüpfte ich erst einmal zarte Bande, indem ich den hungrigen Tieren abwechselnd Bananenstauden-Scheiben und Kürbisschnitze kredenzte. Schön mit der Hand in den Rüssel. Total faszinierend ist, dass der Rüssel wie ein Daumen funktioniert. Elefanten können tatsächlich eine Scheibe nach der anderen damit greifen. Während sie einzelne Scheiben nach hinten schieben und dort in den Rüsselfalten festhalten, können sie mit dem vorderen Teil weitere Stücke greifen. Das Futtersammelsurium wurde dann einzeln mit der Rüsselspitze ins Maul geschoben und genüsslich vertilgt.

Glückselig und völlig fasziniert stand ich inmitten der Giganten, als mir einer der Betreuer ein „Sandwich“ in die Hand drückte und in Richtung der hungrigen Mäuler deutete. Ohne zu zögern setzte ich mich in Bewegung und prompt kamen mir drei lange Riechkolben entgegen. Ich ging auf den Mittleren zu, rief „HAAA“ und es öffnete sich ein großes Maul. Ich packte das kuchentellergroße Leckerchen auf seine Zunge, während er es mit seinem Rüssel weiter in den Schlund schob. Was für ein Moment! Ich kann gar nicht beschreiben, was in mir vorging, welche Gefühle mich durchströmten und wie überragend dieses Erlebnis war.

Erstes Antasten mit Futter-Freundschaftsanfrage

Mit der Fütterung hatten wir wirklich alle Hände voll zu tun. Elefanten vertilgen bis zu zwei Drittel des eigenen Körpergewichts, demnach hauen sie sich um die 100 bis 200 KG Futter zwischen die Kauleiste.

Ein Elefant fing an zu pinkeln und einer der Pfleger rief „oh, waterfall!“ Ich musste so lachen. Ganz unrecht hatte er nicht. Ein wasserfallartiger Strahl ergoss sich aus dem Tier. Beachtliche 10 – 20 Liter pro Pinkeleinheit hauen die raus.

It’s Spa-Time

Wir wurden mit einer stylischen Riesen-Stoffhose und Flipflops ausgestattet. Dann ging es durch das Areal am Flusses entlang zu einer Stelle, an der dieser tiefer und breiter wurde. Wir waren nur zu Dritt, mit mir eine weitere Besucherin und unser Guide. Mitten aus dem Grünen kam behäbig ein Elefant auf uns zugetrottet. Auf seinem Rücken trug er einen der Pfleger.

Gemütlich stapfte er in den Fluss bis zur tiefsten Stelle, an der er sich niederließ. Jetzt guckten nur noch Kopf und Rücken aus dem Wasser und sein Rüssel, mit dem er rumschnorchelte.

Es folgte der Wink an uns, zu ihm ins Wasser zu steigen. Für mich eine Herausforderung. Bei kaltem Wasser muss ich furchtbar pienzen und das hier war VERDAMMT ERFRISCHEND! Mit Schnappatmung, wie in einem Geburtsvorbereitungskurs, arbeitete ich mich durch die Strömung zum Elefanten vor, darauf bedacht, nicht in Frostschockstarre zu verfallen.

Vom Ufer warf unser Guide uns runde Wurzelbälle zu und erklärte, dass wir damit den Elefanten tüchtig schrubben sollten. Hinter dem Rüsseltier stand sein Betreuer, lachte und spritzte ihm Wasser auf den Rücken. Ich griff mir den Natur-Schwamm und begann, Rücken und Kopf des Dickhäuters zu bearbeiten. Sein Rüssel lugte aus dem Wasser, während sich er genüsslich seinem Pflegeprogramm hingab.

Plötzlich spürte ich einen sanften Druck an meinem Oberschenkel. Ich blickte an meiner Hüfte hinab ins Wasser, konnte jedoch durch den aufgewirbelten Sand nichts sehen. Dann begriff ich, dass sich das Bein des Elefanten an meines lehnte. Mich durchströmte eine Zutraulichkeit und Herzenswärme. Völlig ergriffen schrubberte ich weiter den Rücken, während ich leise auf ihn einmurmelte und gar nicht wusste, wohin mit all meinen Emotionen. Für mich war dies wahrhaft ein magischer Moment.

Hätte der Riese seinen stämmigen Fuß bloß wenige Zentimeter bewegt, wäre er mir auf meinen Zehen gestanden. Mir wurde klar, wie sehr ich ihm in diesem Augenblick ausgeliefert war. Völlig frei stand er neben mir, ich hätte nicht zur Seite springen können, wie ich da in den rauschenden Fluss stand. Vor allem nicht, als mir einer der Flipflops von den Füßen floppte und an der Oberfläche schwamm. Trotzdem hatte ich keine Sekunde Angst, im Gegenteil, das Tier strahlte solch eine Ruhe und Sicherheit aus, die sich auf mich übertrug. Sogar das kalte Wasser war inzwischen einerlei und alles, was da eventuell drin rum schwamm.

Nach dem ausgiebigen Wellnessprogramm torkelten wir zurück ans Ufer. Der Elefant erhob sich und stapfte durch den Fluss zurück Richtung Camp.

Mit unseren klatschnassen Hosen gingen wir auch zurück. Wir bekamen Handtücher und zogen uns um. In der Sonne wärmten wir uns auf, tranken grünen Tee und dann ging es zur zweiten Verköstigung.

Zur Mittagszeit war dann unsere Fütterung dran. Zurück am Eingangsbereich wurden wir mit den anderen Gästen, in einem hübsch eingedeckten Pavillon mitten Grünen, mit kühlen Getränken versorgt. Ein extrem köstliches, vegetarisches Essen wurde serviert. Beginnend mit einer Art kleinen dreieckigen Frühlingsrollen und einer Suppe. Danach gab es ein regionaler indischer Fladen mit Mini-Kartoffeln, Gemüse und säuerlich eingelegten Mangostücken.

Als Nachtisch gab es Kaffee (yeah!!) und gebackene Banane mit Honig, was war das alles lecker!!!!

Praxis-Einblicke bei Veterinärarzt Ba

Gestärkt ging es jetzt zum Elefanten-Doc. In seiner „Praxis“ gab es einiges zu sehen. An Schautafeln bekam man einen Eindruck des Sichtumfangs und der Farbwahrnehmung von Elefanten. Da ihre Augen rechts und links am Kopf und nicht mittig sind, ist ihr Blickwinkel natürlich völlig anders als beim Menschen.

In der Praxis von Veterinärarzt Ba

In Reagenzgläsern schwammen konservierte Wurm-Parasiten, auf dem Tisch lagen riesige Spritzen mit noch riesigeren Kanülen und blaue Tabletten in Daumengröße.

Doc Ba zeigte uns die „Elephant Biography“, die für jeden Elefanten im Camp geführt wird. In dem Heft stehen Name, Geschlecht, Geburtstag, Eltern, Charaktereigenschaften etc. Handschriftlich wird liebevoll der Gesundheitszustand dokumentiert, versorgte Wunden und was gefüttert wurde. Die Pfleger stecken enormes Herzblut in das Projekt und haben eine tiefe Bindung zu ihren Schützlingen. Spannend, hier hinter die Kulissen blicken und mit dem charismatischen Veterinärarzt reden zu können.

Nächste Station war die Elefanten-Poo-Papierherstellung, wie zu Beginn erwähnt. Dort schilderte unser Guide uns noch an einem ausgestellten Elefantenskelett den Körperbau der Dickhäuter.

Aller guten Dinge sind 3 und so wurden ein letztes Mal die noch immer hungrigen Mäuler mit Bananenstauden, Kürbis- und Getreidemansch-Massen gestopft.

Danach hieß es Abschied nehmen. Die Tiere wurden von ihren Pflegern in den Dschungel gebracht. Dort verbringen sie ab nachmittags und über Nacht ihre Zeit, frei und weg von den Menschen.

Nach 6 atemberaubenden und beeindruckenden Stunden war der Aufenthalt im GHV zu Ende.

Mein Fahrer wartete bereits auf mich. Zutiefst beeindruckt und überglücklich stieg ich ins Taxi. Bis über beide Ohren grinsend, strahlte ich ihn an. Seine Standardfrage „Okay?“ stellte er gar nicht erst, mein Blick sprach Bände und er grinste einfach zufrieden zurück.

Fazit zum Green Hill Valley Elephant Camp

Wenn ihr in Myanmar (Kalaw) seid, geht hin! Der Eintritt ist – aus meiner Sicht – mehr als gerechtfertigt. Man begegnet den Tieren dort mit solch einem Respekt, dass es einfach nur toll ist, dem fürsorglichen, liebevollen Umgang zwischen Mensch und Tier zuzuschauen. Natürlich ist es ein Projekt, das für Touristen gemacht ist. Aber wie sollte es sich ohne Geldmittel der Touristen finanziell tragen können? Trotzdem steht der Schutz und die Gesundheit der Tiere an erster Stelle. Eben deswegen gibt es kein Elefantenreiten etc. und ist die Zahl der täglichen Besucher limitiert und kein Massenauflauf.

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Blogparade: Reiseglück – Mein Sommer 2019

August / September 2019

Dieser Beitrag entstand für eine Blogparade zum Thema „Reiseglück – Mein Sommer 2019“, die im August / September 2019 von SOS-Fernweh ins Leben gerufen wurde. Bei freier Themenwahl sollte über das schönste Reiseerlebnis dieses Sommers erzählt werden.

Tja, meine Betriebstemperatur startet ab ca. 25°C aufwärts. Ich bin ein Sommer-Sonne-Wärme-Mensch. Daher bleibe ich in den „guten“ Monaten eher in heimischen Gefilden. Die Urlaubstage werden gespart, um dann den Winter zum Sommer zu machen! Geradezu fluchtartig packe ich meinen Rucksack und entfliehe in die Ferne. Meine Überlebensstrategie, um die kalte Jahreszeit halbwegs passabel durchzustehen.

Demzufolge steht die große 2019-Happy-Reise noch bevor.

An der schönen Blogparade beteilige ich mich deshalb nicht mit einem klassischen Sommerbericht, dafür aber mit einem Kurzreiseglücksbericht: Über eine Mehrtagestour nach Hamburg, im März 2019.

Normalerweise ist mir kein Reiseziel zu fern und weg bleibe ich am liebsten mehrere Wochen. Auch das Alleinreisen schätze und mag ich sehr. Dieses Mal waren es nur 4 Tage und gerade mal knapp 580 Kilometer. Und: Ich hatte meine Eltern im Schlepptau!

Umso gespannter war ich auf den Kurztrip… Meine Eltern sind meine „Überalles-Herzmenschen“ und aus meinem Leben nicht wegzudenken. Wir funktionieren perfekt zusammen – mit Freiraum und etwas Luft dazwischen. So lange am Stück, so eng zusammen, uiuiui… ich hatte etwas Bedenken (die beiden mit Sicherheit auch! 🙂 )

Freitagfrüh ging es mit dem Auto nach Hamburg. Im Stadtteil Stellingen, etwas außerhalb des Zentrums, hatten wir ein echt tolles Appartement gebucht. Mein Papa hatte an dem Tag Geburtstag und wurde 70 Jahre, was auch Anstoß des Familien-Events war.

Die Wohnung und die Musicaltickets für den „König der Löwen“ hatte ich bereits vor 4 Monaten gebucht. Wer hätte geahnt, dass wir wettermäßig solch einen Volltreffer landen würden?! Es war das ultimative Sonnenwochenende im März!

Nach unserer Ankunft am späten Nachmittag, wurde erst einmal gebührend mit Sekt auf den Geburtstag und Hamburg angestoßen. Dann suchten wir uns in Stellingen ein kleines italienisches Restaurant und ließen den Abend freudig-fröhlich ausklingen.

Gleich am nächsten Morgen organisierten wir uns Tagestickets und fuhren mit der Bahn zu den Landungsbrücken. Von dort aus wurde die Hansestadt erkundet. Blauer Himmel und strahlendster Sonnenschein begleiteten uns auf der großen Hafenrundfahrt. Der ganze Hafenbetrieb, die unfassbar riesigen Containerschiffe und die Fahrt durch die Speicherstadt waren mächtig beeindruckend und faszinierend.

Mit meinen Eltern auf Hafenrundfahrt

Wieder Land unter den Füßen, spazierten wir für eine kleine Einkehr zum Schellfischposten (ein absolutes MUSS, für treue „Ina’s Nacht“ Anhänger), schlenderten durch St. Pauli an der Davidwache, der Reeperbahn und am Beatles-Platz vorbei.

Der Schellfischposten, die bekannte Hafenkneipe aus Ina’s Nacht

Per futuristischer Rolltreppe (mit 82 Metern die längste Westeuropas) ließen wir uns hoch zur Plaza der Elbphilharmonie schweben und sahen dort der Sonne zu, wie sie langsam in die Elbe tauchte.

Nach einem gemütlichen Abendessen bei den Landungsbrücken, liefen wir, wieder voller Tatendrang, zum Panoptikum, dem Wachsfigurenkabinett. Als mein Papa nach dem Besuch zu vorgerückter Stunde dann meinte, wir könnten ja noch einen Schlenker durch „Die Große Freiheit“ machen, musste ich echt loslachen! Ich find’s grandios und feiere ihn dermaßen dafür, dass er mit seinen 70 Jahren so junggeblieben und für jede Menge Blödsinn zu haben ist! Also zogen wir zu Dritt noch eine Runde durchs Hamburger Nachtleben.

Sonntags ging es fleißig weiter. Es gab so viel zu entdecken und wir genossen es total, uns durch die Stadt treiben zu lassen. So waren das prachtvolle Rathaus an der Alster, die Tanzenden Türme und ein Spaziergang entlang des Altonaer Balkon weitere Stationen. Tatsächlich legten wir an den beiden Tagen jeweils zwischen 19 und 21 Kilometer zu Fuß zurück!

Hamburg servierte uns den ultimativen Sommervorgeschmack. Und so blieben wir mittags – deutlich länger als beabsichtigt – am „Strandpauli“ hängen. Im T-Shirt räkelten wir uns in der Sonne, die Füße im Sand, genossen das herrliche Nichtstun und schauten den Schiffen zu, die ihre Reise aus dem Hafen antraten. Ruck zuck war der halbe Tag vorbei.

Der krönende Abschluss unserer Hamburg-Tour war das Musical „König der Löwen“ am Abend. Völlig tiefenentspannt und mit aufgeladenem Sonnenakku, setzten wir mit dem Bootshuttle zum Stage Theater über.

Die Musical Insel

Das Musical war das Gänsehauterlebnis schlechthin! Fantastische Kostüme, die Handlung, die an sich schon so herzergreifend ist und dann diese Stimmgewalten der Darsteller. Wir waren restlos begeistert. Das Stage Theater verabschiedete uns mit einen tollen Blick zur anderen Hafenseite, die, durch unzählige Lichtern beleucht, eine ganz besondere Atmosphäre ausstrahlte.

Mein Fazit dieser kleinen Reise: Reiseglück geht auch nah und kurz. Manchmal spielt das Ziel gar nicht so die Hauptrolle. Dann sind es die Begegnungen, die wir machen, die so wertvoll sind. Kleine Erlebnisse, die uns tief berühren. Kostbare Momente, die wir im Herzen tragen und nicht mehr vergessen. Und wenn wir das dann mit den Menschen teilen können, die wir lieb haben, verdoppelt oder verdreifacht sich unser Glück.

Ich bin unendlich dankbar, dass meine Eltern noch so fit und junggeblieben sind. Und ich betrachte es nicht als Selbstverständlichkeit, dass wir solch wertvolle Zeit gemeinsam verbringen können. Das ist ein sehr, sehr kostbares, unbezahlbares Geschenk. Erinnerungen, die uns niemand nehmen kann.

Wir wissen (zum Glück) nicht, wie viel Zeit wir mit unseren Herzensmenschen haben. Umso wichtiger, dass wir sie nutzen. Und wenn man es mit einer kleinen Reise verbinden kann, dann hat man das krönende Sahnehäubchen auf dem Kuchenstück!

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Paisaje Lunar – Erste (Wander-)Schritte auf Teneriffa

Donnerstag, 16. Mai 2019

Gestern sind wir auf Teneriffa angekommen.

Ich bin mit Janine, meiner zutiefst geschätzten Freundin und weltbesten Reisebegleitung, auf die Insel gereist, um sie in der kommenden Woche zu erlatschen (Mission Mädels-Trip 2019).

Weitere Wander-Anekdoten unserer Reise gibt es auch im Blogbeitrag https://mosaikteile.de/2019/06/21/ab-durchs-teno-gebirge-santiago-del-teide-oder-traue-niemals-kilometer-und-hoehenangaben-im-wanderfuehrer/ zu lesen.

Um keine kostbare Zeit zu verbummeln, machen wir uns heute gleich auf Wanderschaft.

Zum Auftakt haben wir uns eine Tour mit dem klangvollen Namen „Paisaje Lunar“ aus dem Wanderführer gepickt. „Märchenhafte Minaretten und Türme der Mondlandschaft“ (Zitatende) prophezeit die Beschreibung des Autors. Jetzt hängt die Messlatte der optischen Landschaftserwartungen schon mal ganz schön hoch!

Kaffee und Meer – Der perfekte Start in den Tag

Bevor wir uns am Morgen auf den Weg machen, wird zuerst der Koffeein-Pegel neu kalibriert. Auf unserer Terrasse (den Meerblick gibt es übrigens auch vom Bett aus) schmeckt der Kaffee, in Kombination mit Wellenrauschenlauschen und Meeresluftgeschnupper, tatsächlich noch viel besser als daheim!

Morgen-Ausblick mit Meeresbrise, könnte durchaus schlimmer sein 🙂
Sommer-Sonnen-Frühstückskaffee,
kredenzt mit guter Lektüre – Gechillter Start in den Tag

Wir verfrachten Rucksäcke und unsere Kadaver in den Leihwagen und brechen gegen 9:45 Uhr auf. Bis nach Vilaflor ist es eine ziemliche Gurkerei. Janine cruist souverän über die Autobahn und weiter durch morgendlich bereits sehr belebte Ortschaften. Danach geht es auf ca. 1.500 Meter über unsägliche, nicht enden wollende Serpentinen den Berg hinauf.

Die Serpentinenstraße nach Vilaflor – fährst du noch oder brichst du schon?

Mit Brechreiz von unserer eigenen Fahrerei stellen wir, nach einer gefühlten Ewigkeit (tatsächlich dauerte die Fahrt 40 Minuten), endlich das Auto an der Iglesia de San Pedro in Vilaflor ab. Die Sonne strahlt hoch motiviert vom Himmel. Zuerst laufen wir durch das idyllische Örtchen, bis links eine schmale Straße abzweigt und wir auf den weiß-rot-gelb markierten Camino (PR-TF 72) stoßen. Ein Weg, eingesäumt von Steinmäuerchen, führt gut 30 Minuten durch einen lichten Kiefernwald stetig aufwärts. Es ist ziemlich warm und die Körpertemperatur steigt kontinuierlich mit der Höhe.

Es geht erst mal eine Weile stetig bergauf

Wir folgen einer Wasserleitung und treffen auf ein verlassenes und teils zerfallenes Gehöft (so sagt die Beschreibung, als Gehöft ist es für uns nicht wirklich erkennbar).

Das verlassene Gehöft mit Trockenfeldterrassen

Die Landschaft ist enorm vielseitig. Nirgendwo zuvor habe ich bislang solch riesige Blumen gesehen. Prächtige Stauden, mit hunderten kleinen Blüten in rosa und lila, die mich überragen (ok, meine Körpergröße kann als „platzsparend“ bezeichnet werden, dennoch sind Blumen üblicherweise kleiner als ich). Diese imposanten Pflanzen nennen sich Roter Wildprets Natternkopf und wachsen ausschließlich im Nationalpark El Teide. Wir haben das große Glück, dass sie jetzt blühen.

Der Rote Wildprets Natternkopf direkt am Wanderweg.
Er kann bis zu 2 Meter hoch werden und hat wunderschöne Blüten.

Mondlandschaft, Wälder und bizarre Felsen

Abwechslungsreicher könnte die Landschaft kaum sein. Die Wegfindung ist so eindeutig, dass selbst Orienterungslosigkeits-Spezis wie wir, uns nicht verlaufen können. Der mühevoll angelegte Pfad führt weiter durch die Caldera zu den bizarren Felsformationen, die wir bereits aus dem Wanderführer kennen. Das werden wohl die Minaretten sein.

Immer den bepinselten Steinen und dem gut erkennbaren Pfad folgen
Die hellen Bimssteinsäulen, ein toller Kontrast zum blauen Himmel
und den Bäumen

In der Mittagshitze suchen wir einen Schattenplatz und vertilgen unser Proviant. Um unsere Füße flitzen hektisch kleine Eidechsen, in der Hoffnung, herabfallende Krümelchen zu ergattern. Wir haben noch ein Stück vor uns, daher marschieren wir bald weiter.

Gestärkt geht es weiter, vor uns liegt noch ein gutes Stück

Vor uns taucht in der Ferne der Teide auf. Was für ein Berg! Der Vulkan bot aus dem Flieger schon einen imposanten Anblick, aber inmitten dieser speziellen Landschaft sieht er noch mächtiger aus.

Die Schönheit der Natur spricht für sich
Sitzen, schweigen, staunen – Janine nimmt die Eindrücke in sich auf

Von der Sonne begleitet laufen wir zum Aussichtspunkt Paisaje Lunar und lassen die faszinierende Umgebung auf uns wirken.

Aussichtspunkt Paisaje Lunar

Die weitere Strecke führt erst leicht abwärts, dann für einige Zeit recht ebenerdig bis zum Ausgangspunkt zurück.

Wanderweg nach Las Vegas oder lieber doch zurück nach Vilaflor?!

Nach ca. 5 Stunden (mit kurzen Rastpausen) stecken insgesamt 760 Höhenmeter in den Beinen und 15 Kilometer in den Füßen.

Verschwitzt, etwas erschöpft und rundum glücklich kommen wir um 16:15 Uhr in Vilaflor an. Im Schatten einer von wildem Wein bewachsenen Pergola lassen wir bei Kaltgetränken und einem Cortado (la vida es bella!) die Tour und unsere Eindrücke nachklingen, bevor wir über die Serpentinenstraße den Heimweg antreten.

Unser Fazit: Eine abwechslungsreiche und absolut lohnenswerte Wandertour, mit einigen Steigungen und einer kontrastreichen Landschaft. Der Weg ist super markiert und jederzeit gut erkennbar. Ausreichend Getränke sollte man einpacken, da es unterwegs keine Nachfüll-Möglichkeiten gibt und es sehr heiß werden kann!

Ein Gefühl von heimkommen

Juli 2019

Es gibt Dinge im Leben, die lassen sich nicht erklären. Es gibt Gefühle im Leben, die lassen sich nicht begreifen. Und dann gibt es Reaktionen im Körper, die lassen sich nicht (oder zumindest nicht ausreichend) beschreiben.

So würde ich meine erste Reise nach Irland in knappe Worte fassen. Und die Zweite. Öhm ja, die folgenden drei eigentlich auch.

Was Reisen und Urlaube angeht, bin ich eher kein „Wiederholungstäter.“ Okay, begründete wenige Ausnahmen gibt es: Dolomiten, da ist einfach endlos Berg-Potenzial. Sie büßen nichts von ihrem Zauber und ihrer Faszination ein, egal wie oft ich mit Maulsperre vor diesen unfassbaren Giganten stehe. Und Gardasee geht als Plan B auch mehrmals, wenn einem sonst überall das Bergwetter einen Strich durch die Rechnung macht.

Aber die ultimative Ausnahme ist Irland. Warum? Tja, wenn ich das wüsste…

Die erste Begegnung

Einen Tag nach meinem 24. Geburtstag flog ich zum ersten Mal auf die Grüne Insel. Ich weiß noch heute, wie aufgeregt ich war und wie lange es mich schon dorthin zog. Ein damaliger guter Freund begleitete mich. Gebucht hatten wir nur für die 1. Nacht und einen Mietwagen.

Vom ersten Schritt, den ich auf irischen Boden setzte, fühlte sich alles so „richtig“ an. Ohne Vorwarnung hatte ich mein Herz verloren. In den vier Tagen, ging es von Shannon zum Bunratty Castle, Limerick und zum Killarny National Park. Wir fuhren den Ring of Kerry ab und über Tralee, Inch Beach weiter nach Dingle (was ich besonders mochte).

Bunratty Castle in der Grafschaft Clare bietet einen wunderschönen Blick von oben

Natürlich durften die Cliffs of Moher nicht fehlen, damals noch frei zugänglich, ohne Zäune und kaum Touristen. Wir standen oben auf den Klippen, die Haare vom rauen Wind wild zerzaust, während der Blick über den düsteren Atlantischen Ozean grenzenlos schien.

Die Cliffs of Moher erstrecken sich über 8 KM und haben eine Höhe von 120 Metern, an einer Stelle sogar um die 214 Meter.

Zum ersten Mal in meinem Leben reiste ich einfach drauf los.

Wo es uns gefiel, hielten wir an, suchten ein B&B (Bed and Breakfast) an der Straße, klingelten und fragten nach einem Schlafplatz. Es war so spannend, morgens nicht zu wissen, in welchem Ort wir am Abend stranden würden. Damals wurde mir klar, dass diese Art des Reisen für mich die Perfekteste ist.

Selbst im abgeranztesten Pub – die abgestandende Luft von schalem Biergeruch beschwert – fühlte ich mich pudelwohl. Diese ausgeglichenen, freundlichen Menschen strahlten etwas Unerschütterliches und Zuversichtliches aus. Am offenen, knisternden Kaminfeuer sitzen, dazu ein Pint Cider (das ultimative Lieblingsgetränk, da ich weder Guiness im Speziellen noch Bier im Allgemeinen mag), den live gespielten traditionellen Folksongs lauschen, während rundum jeder mitsang, alles drang durch bis in die letzte Pore.

Typische Irish Pubs in Dublin
Farbenfrohes Pub in Dingle mit dem Wahrzeichen, dem Guiness-Tukan

Nach vier Tagen gehen zu müssen, fühlte sich gar nicht gut an. Es war, als würde ich aus etwas herausgerissen, was gerade erst begann.

Vom „Heimweh“ geplagt

Drei Jahre später war das „Heimweh“ so schlimm, dass ich mich erneut aufmachte. Diesmal hatte ich Janine im Schlepptau. Irland war in 2005 der Auftakt unserer inzwischen traditionsreichen jährlichen Mädelstour. Wir landeten in Kerry, fuhren drei Tage so weit es ging und natürlich war auch dieses Mal die Zeit viel zu kurz!

Heimweh nach der grünen Insel

Danach hielt ich es nur eineinhalb Jahre aus, bis das Heimweh so arg wurde und ich meinen damaligen Freund belaberte, mich „zurück“ zu begleiten. Im Spätherbst 2006 flogen wir nach Dublin und fuhren nach Connemara und die weitere Umgebung.

Pure Unvergänglichkeit: Kylemore Abbey, die älteste irische Benediktinerinnenabtei
Connemara, County Galway

The same procedure as every time… schweren Herzens hieß es nach 4 Tagen bitteren Abschied nehmen.

Es war ein langer Abschied! Jedes Jahr sehnte ich mich mehr und mehr nach Irland. 2011 ließ sich selbiger Freund erneut breitschlagen. Zwei unserer engsten Freunde, mit denen wir einige gemeinsame Reisen machten, kamen mit. Von Kerry und dem Burren aus schrubbten wir 5 Tage lang über die Insel. Vieles kannte ich schon, wie es halt so ist, wenn man heim kommt 🙂

Ein einladendes irisches Cottage

Auf nach Nordirland

Irland Teil 5 wurde im Sommer 2016 umgesetzt. Meine treue Reisegefährtin Janine war zu meiner großen Freude erneut dabei. Von Dublin aus schlugen wir den direkten Weg nach Nordirland ein, der große, noch fehlende Fleck auf der Karte. Plötzlich hingen andere Fahnen am Straßenrand, man zahlte in Pfund statt Euro, die Geschwindigkeiten wurden in Meilen angegeben statt in km/h. Auch landschaftlich war Nordirland völlig anders.

Gigantischer Blick auf die wunderschöne White Park Bay in Antrim

Nordirlands Hauptstadt Belfast (Geburtsort der Titanic) war eine große Überraschung. Die Stadt begeisterte uns total und steht Dublin in nichts nach. Wir fuhren weiter in den Norden und waren von dem fast karibischen Flair des Meeres völlig überrascht. Über die lange Hängebrücke wackelten wir zur kleinen Insel Carrick-a-Rede, sprangen mächtig beeindruckt über die bizarren Basaltsäulen des sehr windigen Giant’s Causeway und bestaunten die uralte Ruine Dunluce Castle.

Felsküste von Antrim bei der Carrick-a-Rede Rope Bridge

Wir quetschten uns in Port Braddon (Antrim) zusammen in die St. Gobbin, Irlands kleinste Kirche, und fuhren über Letterkenny weitläufig zurück nach Dublin.

Minikleine St. Gobbans Church in Portbraddon

Irland – eine unerklärliche Liebe oder warum man immer zweimal heult

Ich kann diese besondere Verbindung zu Irland weder erklären, noch weiß ich, was mich immer wieder magisch hinzieht. Aber jede Reise ist wie ein Heimkommen. Da passiert emotional in mir so viel, was ich weder greifen und steuern kann. Bei jedem Flug rannen die Freudentränen über meine Wangen, sobald ich die grünen Wiesen mit ihren Steinmauern und Schafen aus dem Fenster sah. Beim Abschied liefen sie vor Wehmut und Trennungs-Traurigkeit. Irland ist die einzige Destination die es je schaffte, mich bereits bei der Anreise sentimental werden zu lassen. Nichts desto trotz, könnte und wollte ich nicht dort leben. Langfristig einfach zu kühl und schattig und als Bergfreak würden mir die Berge und Kletterfelsen zu sehr fehlen.

Ein Gefühl von Heimkommen im Herzen

Orientierungslosigkeit in Irland außer Kraft gesetzt

Was verrückt ist: Ich neige dazu, mich mit der Routenfindung beim Autofahren etwas, nun ja, schwer zu tun. Anders ausgedrückt, ich habe es schon fertig gebracht, mich nach 8 Jahren gleicher Strecke morgens zur Arbeit zu verfahren. Ich bin da nicht stolz drauf! Die Erfindung des Navigationssystems verschafft mir die absolute Freiheit. Ohne dieses wegweisende Wunderwerk, wäre ich gnadenlos aufgeschmissen. Man könnte mir genauso gut „den einen Ring“ in die Hand drücken, mit dem Auftrag, ihn in Mordor beim Schicksalsberg ins Feuer zu werfen. Würde ich wahrscheinlich schneller finden als einen Ort 50 KM entfernt von mir, in dem ich schon mehrfach war…

ABER: In Irland fahre ich Auto (auf der linken Seite übrigens) und finde mich super zurecht! Ohne Navi! Selbst die Orte nur in Gälischer Sprache beschildert sind. Völlig egal. Über den Beinen liegt die Landkarte, während ich souverän quer über die Insel düse. Vom ersten Mal an war der Orientierungsdefekt deaktiviert. Ist mir selbst ein absolutes Rätsel… Aber ich sag’s ja immer, „mein Herz schlägt irisch“.

Deshalb betrachte ich mich auch nicht als Reise-Wiederholungstäter, wenn ich immer und immer wieder zur grünen Insel zurückkehre. Weil jede Reise dahin, ein nach Hause kommen ist…

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Ab durch’s Teno-Gebirge / Santiago del Teide oder: Traue niemals Kilometer- und Höhenangaben im Wanderführer!

Dienstag, 21. Mai 2019

Es hat sich zu einer lieb gewonnenen Tradition entwickelt, dass meine Freundin Janine und ich jedes Jahr eine Mädelstour starten. Was vor über 10 Jahren als kurzer Wochenend-Trip begann, hat sich mittlerweile zu Unternehmungen von meist einer Woche ausgedehnt.

Dieses Mal stand Teneriffa auf unserer Liste. Und wie die Jahre zuvor auf den Azoren und Malta, wurden wieder die Wanderschuhe geschnürt. Für uns die schönste und eindrucksvollste Art, eine Insel oder ein Land kennenzulernen.

Was allerdings die Souveränität unserer Wanderperformance betrifft, so besteht – vorsichtig ausgedrückt – durchaus Potenzial und Luft nach oben.

Obwohl jede Wanderung am Vorabend bei einem (vielleicht auch zwei oder…) kühlen Glas Sangria akribisch ausgewählt und mit sehr viel Engagement, Zielstrebigkeit und, nun ja… ein wenig jugendlichem Leichtsinn angegangen wird.

Perfekte Location um die nächste Tour zu planen

Getreu dem Motto von Pipi Langstrumpf: „Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut!“ 🙂

Schließlich wächst man an seinen Herausforderungen und derer scheuen wir uns nicht!

Für heute hatten wir uns im Wanderführer eine Tour durchs Teno-Gebirge ausgesucht. Rund 70 Kilometer entfernt von unserer Ferienwohnung in La Mareta, wollten wir von Santiago del Teide über Tamaimo und Arguayo laufen.

Nach überlebenswichtiger Kaffee-Zeremonie am Morgen, auf unserer traumhaften Meerblick-Dachterrasse, saßen wir gegen 9 Uhr hochmotiviert im Mietwagen. Santiago del Teide war dank der Autobahn recht flott erreichbar, so blieben uns die brechreizfördernden Serpentinenstraßen durchs Hinterland erspart.

Mit Windjacke und Pullover im Gepäck waren wir heute sogar gegen kühle Winde und frische Temperaturen gerüstet! Nachdem uns ein eisiger Sturm zuvor bei unserer Tour im gleichen Gebirge fast vom Bergkamm wehte, sollte uns das kein weiteres Mal passieren. Man / Frau ist immerhin lernfähig.

Nach 45 Minuten Fahrt, stellten wir das Auto an der Kirche San Fernando Rey im Ortszentrum ab.

Santiago del Teide, ausgelegt auf Wander- und Kletteraktivitäten

Die Wanderung wurde mit 11,5 Kilometern und 500 Metern Höhendifferenz angegeben, prinzipiell gut machbar.

Vielleicht sollte erwähnt werden, dass Janine und ich – geografische Orientierungsgenies sondergleichen – über eine unfreiwillige Neigung verfügen, Touren äußerst flexibel und variabel auszudehnen…

Seit wir gemeinsam wandern, ist es nicht unüblich, dass wir Strecken teilweise wieder zurücklaufen, Abzweigungen verpassen und somit Zusatzkilometer einbauen. Selbst vermeintlich unspektakuläre Wanderungen umweht immer eine (mal mehr, mal weniger steife) Brise Abenteuerluft. Und wir haben‘s immer lustig. Verdammt lustig! Spätestens wenn wir wieder am Ziel angekommen sind.

Unsere ausgewählte Route war hervorragend beschrieben, das Wetter perfekt und wir guter Dinge (um nicht zu sagen überrascht), als wir gegen 10 Uhr sofort den Einstieg zum Wanderweg fanden.

Einfach immer den Schildern folgen, dann kann gar nix schiefgehen. Oder doch?!

Ein wunderschöner Pfad führte durch eine üppige Vegetation; Wolfsmilchgewächse (auf Teneriffa in 3 Sorten reichlich vertreten), Ginsterbüsche, wilder Fenchel und unzählige Dachwurz-Pflanzen.

Fenchel, Mandelbäume, Kakteen, Weinreben und im Hintergrund der Teide

Dazwischen thronten dunkelbraun-rötliche Felsen, eine traumhafte Fotokulisse. Vor uns lag der nächste Ort Tamaimo, dahinter zeichnete sich das Meer mit der Silhouette von La Gomera ab. Die Augen konnten sich gar nicht satt sehen.

Felsen und weitere Wolfsmilchgewächse

Es war so herrlich warm, dass wir unsere Hosen hochgekrempelt hatten. Einige Zeit folgten wir dem Weg entlang Natursteinmauern und einem alten Wasserkanal bis nach Tamaimo.

Eindeutige Wegführung, ein Verlaufen ist (fast) nicht möglich

Wie beschrieben, durchquerten wir den Ort bis zu einem Geröllweg, der uns nach gut 20 Minuten Anstieg nach Arguayo führte. Auf der ganzen Strecke trafen wir keine anderen Wanderer. In den Ortschaften wurden wir von den Einheimischen fröhlich und lächelnd begrüßt.

Die Etappen zwischen den kleinen Örtchen waren unglaublich abwechslungsreich und landschaftlich wirklich toll. Noch nirgendwo habe ich solch eine Vielzahl Feigen- und Mandelbäume gesehen, die so reichlich bestückt waren.

Bäume voller riesiger Mandeln

Als wir Arguayo erreichten, lagen bereits über 300 Höhenmeter hinter uns. Das Töpfereimuseum, laut Wanderführer UNBEDINGT zu besuchen, hatte trotz theoretischer Öffnungszeit praktisch geschlossen.

Töpfereimuseum in Arguayo; theoretisch geöffnet aber praktisch geschlossen

Unsere nächste Mission: Finde den Sportplatz im Dorf und orientiere dich neu.

Wir belagerten aber erst einmal eine Holzbank am Straßenrand und legten eine schöpferische Pause ein.

Während ich hungrig mein Käsebrötchen vertilgte, deklamierte Janine – in noch ausbaufähigem Spanisch, jedoch an Dramaturgie kaum zu überbieten – die historische Geschichte des Ortes, die sie verantwortungsbewusst einer Infotafel entnahm.

Gebannt kauend lauschte ich ihrem Verbal-Exkurs und filmte es selbstverständlich gleich mit, zu wichtigen Dokumentationszwecken für die Nachwelt.

Trotz frischem Tatendrang hatten wir etwas Mühe, den Fußballplatz zu finden. Nachdem uns „mapsme“ die Hauptstraße auf- und abschickte, bemerkten wir, dass wir bereits 3x blind dran vorbeigelaufen waren. Der Rasenplatz verbarg sich hinter einer hohen weißen Mauer und war für uns einfach nicht ersichtlich.

Von dem Ort Arguayo unterhalb des Fußballplatzes kamen wir. Von oben ist er deutlich erkennbar

Als nächstes sollten wir „eine nicht ganz deutlich zu erkennende Abzweigung“ (Zitatende) nehmen, vor der ein Steinmännchen stehe. Zumindest stand es bei Herausgabe des Wanderführers im Jahr 2013 noch. Die Abzweigung fanden wir. Auch das steinerne Häufchen gab es noch. Auf dem weiteren Weg beschlichen uns trotzdem leichte Zweifel, bis wir erleichtert den Strommasten erreichten, der zur Orientierung in der Beschreibung genannt wurde.

La Gomera im Hintergrund.
Doch; ob du wirklich richtig gehst, siehste erst, wenn du am Strommasten stehst.

Die bis dato bereits deutlich überschrittene Zeitvorgabe, redeten wir uns mit unserer stark ausgeprägten Fotografie-Leidenschaft schön. Schließlich hatten wir Zeit und die nahmen wir uns.

Nachdem wir den Bergkamm des gegenüberliegenden Tals überschritten hatten, kamen wir an einer kleinen Kapelle an.

Eine Straße führt durch erkaltetes Lavagelände, Wattewölkchen am Himmel fürs Foto

Hinter ihr führte eine Straße mitten durch das Lavagelände. Stolz und imposant ragte der Vulkan Teide (3.718 m) in die Höhe. Wir hatten unfassbares Glück, ihn wolkenlos zu sehen. Der etwas niedrigere Pico Viejo (3.135 m) thronte rechts daneben. Sprachlos standen wir in der Prärie und ließen einfach den Anblick auf uns wirken.

Wolkenloser Vulkan Teide mit dem kleineren Pico Viejo

Über ein langes Lavafeld stiegen wir zum nächsten Dorf Las Manchas hinab, um gleich darauf weitere Höhenmeter zu sammeln. Durch die rotbraun-schwarze Vulkanlandschaft führte ein wunderschön angelegter und von Steinmäucherchen gesäumter Weg hinauf. Als Zeichen  ihrer Dankbarkeit, dass der Vulkan Chinyero bei seinem Ausbruch ihre Häuser verschonte, hatten hier die Einwohner einst drei Kreuze errichtet.

Schlackenkegel Chinyero (1.556 m), der 1909 letztmals ausbrach

Das letzte Stück zog sich ewig. Die Sonne brutzelte ordentlich. Ein irritierter Blick auf unsere Uhren zeigte, dass wir bereits 13 Kilometer hinter uns hatten. Erstaunlich, da die Tour mit 11,5 Kilometern angegeben war. Okay, zwei Mal mussten wir ein Stück zurücklaufen (um zu erkennen, dass wir eigentlich richtig waren). Zuzüglich der etwas ausgedehnteren Fußballplatz-Suche. Sind ratz fatz ein, zwei Kilometer mehr. Aber unser Ausgangs- und Zielort lag noch in weiter Entfernung… Es half alles nix, wir schlappten weiter durch die Hitze.

Und dann kam endlich wieder ein Wegweiser. Der zeigte bis Santiago del Teide noch 2 Kilometer. Uhrencheck; wir hatten mittlerweile 14 Kilometer und über 600 Höhenmeter. Da rumfiepen nix hilft, wurden die Arschbacken zusammengekniffen und weitergelaufen.

Der Weg begann sich bei den Temperaturen sehr in die Länge zu ziehen

Am Ende waren wir exakt 6 Stunden unterwegs. Auf 16 Kilometer und knapp 700 Höhenmeter hatten wir die Tour ausgedehnt.

Wo wir all diese Irrungen und Wirrungen eingebaut hatten, war uns ein Rätsel. Egal, wir freuten uns. Mission erfüllt: Wir hatten den Weg gefunden und eine weitere Tour erfolgreich absolviert.

Ohne Umschweife pilgerten wir in die nächste Dorfschänke (den Weg fanden wir direkt), knallten die müden Kadaver in die Sonne und zogen bei Kaffee und Kaltgetränken Resümee:

Eine absolut lohnenswerte und abwechslungsreiche Wanderung. Grandiose Blicke auf den Teide, tolles Meer mit Sicht auf La Gomera, bizarre Vulkanlandschaft und schöne Pfade durch allerlei Wildwuchs und Pflanzen.

Das Sahnehäubchen bildete die Ruhe und das Gefühl der Abgeschiedenheit, da uns unterwegs keine Menschenseele begegnete (mit Ausnahme von den Dörfern).

Camaronal Wildlife Refuge

Schildkröten, Vollmondnächte und animalische Überlebenskämpfe

30. Januar 2018

Schildkröten-Retten in Costa Rica? Will ich machen! Unbedingt!

Auf Costa Ricas Halbinsel Nicoya, in der Provinz Guanacaste, liegt das Camaronal Wildlife Refuge. Die Institution wurde 1994 zum Schutz der Meeresschildkröten ins Leben gerufen. Vier unterschiedliche Schildkröten-Arten leben hier an der Küste. Sie alle sind vom Aussterben bedroht.

Bei meiner Rundreise durch das Pura-Vida-Land, bekam ich die Gelegenheit, in Camaronal 3 Tage zu verbringen. Dieser Besuch und die Möglichkeit mich dort einbringen zu können, war ein großer Herzenswunsch.

Das Wildlife Refuge liegt recht abgelegen und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen. Die Anreise von Santa Teresa – erst mit mehreren Bussen (inkl. Getriebeschaden) und final mit dem Taxi – war somit ziemlich ausdauernd.

Umso größer die Freude, als ich mit Rita (einer langjährigen Freundin, die 2 Wochen mit mir reiste) in Camaronal ankam. Der Empfang war herzlich, wir bekamen unser Zimmer und wurden zur Einführungsveranstaltung der Volunteers eingeladen, bei der das Team auf das Projekt und seine Wichtigkeit einging.

Das Refuge besteht aus mehreren Gebäuden. Gegenüber des Haupthauses (in dem wir untergebracht waren) gibt es ein kleines Küchenhaus mit überdachter Lodge, auf der gemeinsam gegessen wurde und die Anlaufstation für Besucher ist. Unser Ansprechpartner Mario („solo habla español“), der sich auch um die Volunteers kümmerte, wohnte in einem wunderschönen Holzhaus. Die Volunteers waren in benachbarten Gebäuden mit Mehrbettzimmern untergebracht.

Als wir beim Abendessen alle zusammen saßen, fragte Mario grinsend, ob Rita und ich später zur Nachtpatrouille mitwollten. Mit großen Augen starrten wir ihn an. Ich dachte erst, ich hätte ihn falsch verstanden. Was für eine Frage?! „Si claro“ nickte ich begeistert und strahlte.

Um 23:15 Uhr ging es los.

Mario gab uns dünnes, rotes Papier, das wir vor unsere Taschenlampe wickelten. Schildkröten folgen nachts dem Mondlicht. Um sie mit dem grellen Licht nicht zu irritieren, darf nur mit rotem Lichtstrahl geleuchtet werden, erklärte er.

Im Dunkeln folgten wir Mario mit einem der Volunteers den kleinen Pfad zum Strand runter. Wir gingen zu dem Hochsitz, auf dem jede Nacht jeweils zwei Volunteers in 3 Schichten Dienst haben und das Hatchery nebenan bewachen. Dabei handelt es sich um eine Art großer abgeschlossener Käfig, der rundum mit engmaschigem Schutznetz umhüllt ist, so dass keine Eindringlinge und Wildtiere hinein können. Im Inneren sind in Sandbahnen eine Vielzahl Vierecke abgesteckt und nummeriert. In diesen Feldern werden alle gefundenen Schildkröten-Eier vergraben, aus denen nach Ende der Brutzeit die Jungen schlüpfen. Da alles in Listen dokumentiert wird, ist genau absehbar, aus welchem unterirdischen Nest sich die nächsten Babys ausbuddeln. Damit sie nicht ausbüxen, werden vor deren Ausschlüpfen die Felder mit kleinen Zäunen abgesteckt. Sobald die Kleinen soweit sind, werden sie zum Meer gebracht und beschützt in die Freiheit entlassen.

Das Hatchery am Strand von Camaronal
Die abgesteckten Felder im Hatchery. In den Zäunchen schlüpfen die nächsten Schildkröten

Am Hatchery startete die Patrouille. Von hier aus ging der Strand jeweils 3 KM nach links und rechts, wir hatten also einiges vor.

Über uns stand der Vollmond, so riesig, wie ich ihn selten in meinem Leben gesehen hatte. Er tauchte den kompletten Strand in einen warmen, hellen Schimmer. Fasziniert schaute ich in den Himmel, dann in das finstere Meer. Der Wind war noch ganz warm, die dunklen Wellen rauschten laut. In mir stieg die Spannung und Freude.

Mit flottem Schritt folgten wir Mario zur linken Strandseite. Überall wuselten hungrige Waschbären herum. Mir war noch nicht ganz klar, wonach wir Ausschau hielten und worauf achten sollten…

Die Frage klärte sich kurzerhand. Mario zeigte auf eine Spur, die sich vom Meer in Richtung Land zog und weiter oben in einer Sandkuhle endete. Schweigend griff er nach einem Stock und stocherte in der Vertiefung herum. Er schüttelte den Kopf. Hier war nichts.

Einige Meter weiter stießen wir auf die nächste breite Spur. Vorsichtig prüfte Mario den Sand, dann begann er emsig zu graben. Gebannt standen wir daneben. Langsam schob er den Sand zur Seite und förderte er ein paar zerbrochene Eier hervor. Ich schluckte. Mario reichte dem Volunteer Einmalhandschuhe und zeigte ihm, wie er vorsichtig buddeln solle. Den Anweisungen folgend, kamen die ersten unversehrten Eier zum Vorschein. Ich hätte nie geahnt, wie tief Schildkröten ihre Eier eingraben. Wir zählten 31 Stück und verstauten sie behutsam in einer Tüte, während Mario in seinen Unterlagen die Anzahl und den Fundort eintrug. Anhand seiner Tabellen erklärte er, dass der Strand in 3 Zonen unterteilt sei: Zone 1, direkt am Meer. Zone 2, im mittleren Strandteil und Zone 3 weiter oben.

Die Eier mussten jetzt zügig ins Hatchery. Dort wurde in dem vorgesehenen Feld ein armlang tiefes Loch gebuddelt, die Ausbeute vorsichtig hineingelegt und wieder mit Sand zugeschüttet. Danach nahmen wir uns die andere Strandseite vor. Auch hier wurden wir fündig. Am Ende der Patrouille hatten wir 40 Eier unter Schutz gestellt. Es war schon fast halb 2, als wir am Hochsitz den Mädels eine gute Nacht wünschten. Sie mussten noch ein paar Stunden ausharren und die gierigen Waschbären vertreiben. Vollgepackt mit Eindrücken legten Rita und ich uns schlafen.

7 Uhr. Der nächste Morgen nach einer kurzen Nacht. In einem hohen Baum vor unserem Fenster tümmelten sich Papageien in allen Farben und Größen, die mächtig Krach machten. Nach dem Frühstück stand der Bau eines weiteren Hatchery auf der Agenda. Rita und ich wollten unbedingt mithelfen und so machten wir uns alle gemeinsam am Strand an die Arbeit. Gut 2 Stunden in der Sonne, hieß es Loch ausheben, schaufeln, Sand sieben, schwitzen. Blasen an den Händen von endlosem Gerüttel mit dem riesigen Sandsieb inklusive.

Bau des neuen Hatchery unter Anleitung von Mario und bewaffnet mit Sieben

Der heiße Mittag stand zur freien Verfügung und wurde mit baden im Meer, chillen, lesen, Jogging und Musik machen vielfältig genutzt.

Über den Tag waren im Hatchery neue Schildkröten geschlüpft. Wir konnten sie uns ansehen und auf die Hand nehmen. Was waren sie winzig und verschrumpelt! Eines war sehr schwach und bewegte sich kaum. Ob es den Start in sein neues Leben schaffen würde, war noch unklar. Darauf hatte leider niemand Einfluss, hier endeten die Möglichkeiten des Teams. Am Abend mussten wir erfahren, dass es das kleine Wesen nicht geschafft hatte. Der traurige Lauf der Natur.

Die anderen Schlüpflinge hingegen waren quirlig und munter. Nach Einbruch der Dunkelheit war es so weit. Sie durften in die Freiheit. Zaghaft hob ich sie aus ihrem umzäunten Nest und legte sie in eine Schüssel.

In Meeresnähe setzten wir die Kleinen im Sand ab. Mit dem roten Lichtschein der Taschenlampen, leuchteten wir ihnen den Weg zum Ozean. Tüchtig schaufelten sie sich mit ihren verhältnismäßig langen Flossen ihre Strecke über den Strand. Ein anstrengender Weg für die kleinen Körper. Immer wieder mussten sie anhalten, Kräfte sammeln, um weiter dem Lichtkegel hinterher zu flitzen. Die erste Welle kam, nahm die kleinen Schildkröten mit sich und spülte sie zurück an den Strand. Erneut hatten sie den ganzen Weg zu bewältigen. Mitfühlend sahen wir zu, wie sie sich abrackerten, bis das Meer sie endlich in seine Obhut nahm. Ich war so stolz, dass sie es geschafft hatten und gleichermaßen zutiefst ergriffen. Ihr weiteres Überleben lag jetzt nicht mehr in unseren Händen.

In derselben Nacht liefen Rita und ich wieder die Patrouille mit. Leider fanden wir keine Spuren. Keine Nester, keine Eier, keine Schildkröten. Bloß hungrige Waschbären lungerten herum, ebenfalls auf der Jagd nach Beute. Offen gestanden, ich war enttäuscht. So sehr hatte ich mir gewünscht, am letzten Abend vor unserer Abreise eine Schildkröte zu sehen. Ich blickte zu Rita und sah, dass ihr die gleichen Gedanken durch den Kopf gingen.

Auf dem Weg zurück zum Hatchery, blinkten plötzlich vom anderen Strandende Lichtsignale auf. Mario griff nach seinem Funkgerät. Ich verstand nur Spanisch. Genau genommen verstand ich leider nicht genug Spanisch. Uns vermittelte Mario dann, dass wohl eine Schildkröte auf dem Weg zum Strand sei. Rita und ich grinsten über beide Backen. Mit Mario und der Truppe legten wir eilig die Strecke zurück, noch immer erhellte der riesige Mond weite Teile des Strandes. Und dann entdeckten wir plötzlich die Spur, die zuvor noch nicht da war. Breit zog sie sich vom Meer hinauf durch den Sand. Unser Blick folgte ihr und traf auf eine große Lora-Schildkröte, die langsam nach oben kroch. Mit gebührendem Abstand folgten wir ihr und versammelten uns still um sie herum, während sie begann, ein Loch auszuheben. Sie buddelte eine viertel Stunde, stoppte und krabbelte einfach weiter. Der Platz behagte ihr nicht. Ein Stück höher fing sie erneut an zu graben. Über 40 Minuten arbeitete sie mit ihren Hinterbeinen und Flossen, um die optimale Tiefe zu erreichen. Während sie begann, ihre Eier zu legen, verfiel sie in einen tranceähnlichen Zustand. Mario erzählte uns, dass Schildkröten während dieses Prozesses völlig wegtreten. Sie würde deshalb gar nicht registrieren, wenn man ihre Eier wegnimmt oder sie berührt. In diesem Zustand könne man sie problemlos wegtragen, sie würde es nicht bemerken.

Eier, in der Größe von Tischtennisbällen, ploppten aus ihrem Körper. Direkt in die behandschuhten Hände von einem der Volunteers. Sachte packte er sie in eine Tüte. 87 Exemplare waren es am Ende. Die bekämen die Waschbären glücklicherweise nicht in ihre Fänge! Wir alle waren mächtig beeindruckt, als wir das fleißige Muttertier zurückließen, um ihre Eier im warmen Sand im geschützen Hatchery einzugraben.

Wie krass ist das bitte?! schoss mir durch den Kopf. Du stehst einfach so mitten in der Nacht irgendwo in Costa Rica am Meer neben einer riesigen Schildkröte, während sie ihre Eier ablegt. Du leuchtest Schildkrötenbabys mit einer Taschenlampe den Weg ins Meer! In deiner Hand hast du ein nur wenige Gramm schweres, frisch Geschlüpftes gehalten! Mir stiegen Tränen in die Augen, bei den Gedanken.

Ich finde nur schwer treffende Worte für das, was besondere Momente mit mir machen. Sie prägen. Sie verändern. Sie berühren mein Herz. Dieses (Er-)Leben, ein Teil davon sein zu können, ist für mich Glück in seiner Reinform.

So oft denke ich, dass ich kein Durchschnittsleben führe. Ich bin für diese vielen, außergewöhnlichen Erlebnisse (auch daheim im Alltag) unendlich dankbar. Ich weiß, dass sie nicht selbstverständlich sind. Solche Reisen wiederum, haben nicht wirklich etwas mit „normalem Urlaub“ zu tun. Sie sind mit einiger Vorbereitung und mit Anstrengungen verbunden. Ich hirne lange und viel vor den Reisen und setze mich intensiv damit auseinander. Um manche der Wege zu gehen, braucht es eine Portion Mut, verbunden mit Ungewissheit, gepaart mit Vertrauen und Zuversicht. Es erstaunt mich immer wieder, welche Türen sich auf unbekannten Pfaden öffnen, wenn man bereit ist, den Schlüssel in ihr Schloss zu stecken und umzudrehen…

Es war schon 1:20 Uhr, bis wir in der Nacht fertig waren. Müde und völlig ergriffen, gingen Rita und ich zu unserer Unterkunft zurück. Wir wollten uns nur noch aufs Ohr hauen. Wir konnten ja nicht ahnen, was uns noch bevorstand.

Auf der Wiese vor dem Haupthaus herrschte nämlich ein Ziegenbock. Bereits seit unserer Ankunft als überaus kontaktfreudig, nein, aufdringlich bekannt, empfand er enorme Freude dabei, sein Umfeld zu malträtieren. Der Begriff Nachtruhe war dem Tier gänzlich fremd. Das kleine Schwänzchen wedelte enthusiastisch, während die Abenteuerlust dem gehörnten Aggro-Bock förmlich aus den Augen schoss. Mein Blick fiel auf die Leine, die zwar am Baum, aber nicht mehr am Hals des Ziegenviehs befestigt war. Das Hirn begann zu kombinieren, die Erkenntnis sickerte durch die geistigen Poren und schon ereilte uns animalisches Unheil.

Bevor ich Rita hinter mir warnen konnte, kam das (Un-)Tier auf uns zu. Ich zückte den Schlüssel der Eingangstür und hechtete auf die Veranda. Die Chance, den Schlüssel zu benutzen, blieb mir verwehrt. Der Bock verfolgte nur eine Mission; mich mit seinen Hörnern auf Trab zu halten. „Rita, mach was!! Ich krieg so die Tür nicht auf“, pienzte ich, mit einer Hand am Schlüsselloch fummelnd und mit der anderen vergeblich das Ungetüm abhaltend.

Rita stand in respektvollem Abstand auf der Wiese, ausgestattet mit Zweigen und Blättern, und wedelte semi-motiviert in Richtung des Sado-Maso-Bocks. Pah! Den interessierte das lächerliche Gestrüpp null. Wer gibt sich schon mit popeligem Geäst ab, wenn er Beute aus Übersee kredenzt bekommt?! Der Dreck-Bock (ich bin tierlieb, ehrlich!) ließ auch nach 10 Minuten nicht locker und mir ging mehr und mehr die Düse. Hinter mir wedelte und lockte Rita freundschaftlich weiter.

Er schenkte ihr irgendwann tatsächlich für Sekunden seine Aufmerksamkeit, ich hatte beide Hände frei und schwupps, war der Schlüssel in der Tür und mit Ziehen und Stoßen der Eingang geöffnet. Rita warf ihr Gebüsch von sich, schoss mir hinterher und (angst-)schweißgebadet verrammelten wir die Schotten der sicheren Burg. Rita begann, sich halb ins Koma zu lachen, während ich noch immer schnappatmend versuchte, meine Nahtod-Erfahrung zu verarbeiten.

Jetzt endlich ins Bett! Was für ein naiver Wunsch…

In unserem Zimmer erwartete uns bereits die nächste zoologische Dschungelprüfung; eine Krabbe hockte zwischen unseren Betten und Rucksäcken auf dem Boden. Das spinnenähnliche Getier, seine Scheren zum Meuchelmord bereits gewetzt, löste bei mir ungeahnte Wogen der Verzweiflung aus. Für mich stand fest, dem Teil nähere ich mich nicht mehr in dieser Nacht. Ich hatte genug. Hier wuchs Rita, offiziell anerkannte Dschungelkönigin, über sich hinaus. In der benachbarten Küche schnappte sie sich zwei Becher und fing damit – nach mehreren Versuchen, die auch ihr alle Überwindung abverlangten – das flinke Scherentier ein. Über einen Hinterausgang der Küche – das Haupttor war wegen des lauernden Geißbocks kontaminierte Sperrzone – entließ sie die Krabbe in die Freiheit. Welche Heldentat und hervorragend, wenn die Arbeitsteilung zwischen einem Reiseduo so funktioniert.

Erschöpft und todmüde krochen wir kurz nach 2 Uhr endlich in unsere Betten. Über meinem Kopf flitzte ein Gecko die Wand entlang. Ha, der konnte mir maximal ein schwaches Grinsen abringen. Diese quirligen Kerlchen liebe ich aber auch ganz arg.

Keine 5 Stunden blieben uns mehr, bis ich den klingenden Wecker gegen die Wand trümmern müsste. Wer hätte im Schildkrötencamp auch mit derartigen Herausforderungen gerechnet?

Aber wenn du denkst, es kommt nichts mehr,
läuft hinter dem Geißbock noch ne Krabbe daher…

Surfer am Strand von Camaronal
Iguano, der ebenfalls vor unserer Unterkunft rumlungerte

Ometepe, El Zopilote und die (Schlamm-)Schlacht am Vulkan

14. Februar 2018 – Bester Valentinstag ever!

Heute hieß es Abschied nehmen von Granada, dem bunten und quirligen Städtchen in Nicaragua. Besonders seine wunderschönen, alten Kolonial-Gebäude hatten es mir angetan. Abends wurde in den Bars und Kneipen bei lauter Musik gefeiert, tagsüber trafen sich die Menschen am Marktplatz und der Parkanlage, während Pferde nebenher durch die heißen Straßen der Stadt spazierten.

Nun stand der 2. Anlauf nach Ometepe auf dem Programm.

Ein Taxi sammelte mich am Morgen an meinem Hostel ein und brachte mich, mit drei weiteren Rucksackreisenden, zur Schiffsanlegestelle nach San Jorge. Auf der Fahrt kam ich mit den beiden Amerikanern und der Hamburgerin ins Gespräch, eine lustige Truppe. Alle drei berichteten begeistert vom Camp „El Zopilote“, ihrer Unterkunft auf Ometepe. Die Permaculture-Farm sei DIE Szene-Location mit besonderer Atmosphäre und viel Dschungelfeeling.

Ich hatte noch kein Bett für die nächsten Nächte und prüfte über booking.com die Verfügbarkeit des Camps. Tatsächlich gab es noch ein paar freie Schlafplätze und so buchte ich mich prompt ein. Die Fotos von El Zopilote sahen spannend aus! Außerdem könnte ich so auch gleich den Punkt Dschungel-Übernachtung auf meiner Löffel-Liste abhaken.

In San Jorge betraten wir die Fähre, die uns rüber zur Vulkaninsel schipperte. Der Kutter schaukelte und schwankte, als befänden wir uns auf offener See. In weiser Voraussicht hatte ich mit Reisetabletten meiner See-Untauglichkeit vorgebeugt. Der starke Wellengang war bekannt auf dem Nicaraguasee.

Eine der Fähren im Hafen von Moyogalpa

Bereits von weitem zeigte sich der Vulkan Concepción (1.610 m), dessen Spitze in einem Wolkengebilde hing. Nach 60 Minuten legten wir in Moyogalpa an. Von dort brachte uns ein Taxi ins Innere der Insel zum El Zopilote. Auf staubigen Pfaden und Steinplatten stiefelten wir mit unseren Rucksäcken durch das üppige Urwald-Areal des Camps, vorbei an lautstark ächzenden Bambushainen, bis hinauf zur Anmeldung. Ging ja schon mal abenteuerlich los.

Die Pfade im Camp sind steinig und lang 🙂

Die Jungs bezogen ihr Zimmer, während Hamburgerin Anna und ich unsere Betten in einer der Holzhütten aussuchten. Auf der Terrasse, vor dem Eingang der Urwald-Hütte, hing als weiterer Schlafplatz eine Hängematte.

Urige Holzhütten im El Zopilote, inklusive Übernachtungs-Hängematte

Erleichtert sah ich, dass alle Betten mit Moskitonetzen ausgestattet waren. Um die Stechmücken ging es mir dabei weniger. Unser Quartier war „sehr offen und luftig“. Fensterscheiben gab es keine, sämtliche krabbelnden Dschungelbewohner hatten somit die ultimative Zutrittsberechtigung. Für (oder gegen) meine dezente Arachnophobie die übelste Dschungelprüfung!

Ich wollte Abenteuer, jetzt gab‘s Abenteuer!

Nachtquartier im Grünen, schön gepflegt mit Spinnen-Aussperr-Gitter

Am nächsten Tag schlossen wir uns einer großen Führung durch das Camp an und bekamen die Philosophie erläutert. Das Permaculture-Konzept setzt dabei auf die langfristige Schaffung von natürlichen und nachhaltigen Kreisläufen. Es werden zahlreiche Pflanzen, Gemüse, Obst und Kräuter angebaut und in den angebotenen Speisen des eigenen Restaurants verarbeitet. Plastik wird gänzlich vermieden. In großen Behältern wird Wasser gesammelt, aufbereitet und als Trinkwasser zur Verfügung gestellt. Es gibt tolle Aussichtstürme, kostenfreie Yoga-Stunden und unterschiedliche Workshops. Strom kommt zum Teil über Solarpanelen und ein Power Bike, das den „Insassen“ zur Verfügung steht. Belohnt wird zehnminütiges Strampeln mit einem „Shot des Hauses“.

El Zopilote ist speziell! So auch seine umweltfreundlichen Trocken-Komposttoiletten; gemauerte Häuschen mit selbstgebautem Thron für die „großen Geschäfte“. Als Toilettenspülung gibt es Reis oder Sägemehl, nach Verrichtung zu verstreuen. Für Pipi stehen mehr oder eher weniger blickdichte Bambusbuden mit Ablaufrinnen parat. Bei Dämmerung chillen im Blätterdach des stillen Örtchens für normale Verhältnisse überdurchschnittlich große Spinnen. Von der Camp-Belegschaft gab es glücklicherweise den Freibrief „pinkelt ins Camp, das ist guter Dünger für die Natur“.

Auch die Duschen werden im wahrsten Sinne des Wortes offen gehandhabt. Authentisches Outdoor-Feeling verspricht eine Dusche, deren Wände aus Palmwedeln bestehen und die sich komplett im Freien befindet. Bodenfliesen oder ein Dach gibt es nicht. Wer es nicht so luftig mag, kann auf eine andere Variante zugreifen: Eine gemauerte halbe Kurve jeweils nach rechts und links führt direkt in die Kabine hinein. Türen? Nö. Aber reichlich kaltes Wasser, ist eh viel gesünder.

Wer mehr über die Permaculture-Farm erfahren möchte bekommt hier weitere Infos: https://ometepezopilote.net/

Legendär ist das El Zopilote – auch über die nicht vorhandenen Camp-Mauern hinaus – für seine Pizza-Night. Mittendrin befindet sich ein Open Air-Restaurant mit großem Pizza-Ofen. In riesigen Bottichen blubberten bereits morgens herrlich duftende Tomatensaucen vor sich hin. Nach Einbruch der Dunkelheit öffnete das Restaurant und die Pizzabestellungen wurden aufgenommen. Jeder versorgte sich mit Bier, Cocktails oder anderen Getränken und bei guten Technobeats wurde als Vorspeise eine heiße Feuershow serviert. Die Stimmung war genial und die Besucher der Pizza-Party rundum begeistert.

An diesem Abend fasste ich spontan den Entschluss, mich doch noch für die Vulkantour am nächsten Tag anzumelden. Morgens hatte ich gehört, dass einige aus dem Camp die Besteigung des kleinen Vulkan Maderas (1.394 m) machen wollten. Diese Tour stand ebenfalls auf meiner To-Do-Liste, dennoch hatte ich ziemlichen Respekt vor der kräftezehrenden Besteigung. Um 22 Uhr flitzte ich an die Anmeldung und buchte mich auf den letzten Drücker ein.

Um noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, beendete ich das Abend-Event, richtete meinen Krempel für die Tour, stopfte das Moskitonetz penibel rund um meine Matratze fest und haute mich aufs Ohr.

Der Wecker klingelte kurz vor 6 Uhr. Flott fertig gemacht, leise an der bewohnten Hängematte vorbeigeschlichen und auf der Aufenthalts-Terrasse eine Schale Joghurt mit Müsli und frischen Früchten gespachtelt, dazu dünnen Kaffee bzw. braunes Wasser in den Schlund gekippt.

Um 7 Uhr stand unser Bergführer parat. Hendrik, ein dürrer, freundlich dreinblickender Mann, in der einen Hand einen Stock und die Füße in weiten Gummistiefeln. Ich schloss mich mit meiner total netten Wandergruppe, bestehend aus zwei Jungs und zwei Mädels, unserem Guide an und so brachen wir gegen halb 8 zum Vulkan Maderas auf. Hendrik war super. Auf dem Weg durch das Camp und die grüne Landschaft, hielt er immer wieder an, erklärte uns in Englisch unterschiedliche Pflanzen, zeigte uns Affen und gab mir bereitwillig Nachhilfe bei meinen paar Spanisch-Brocken, mit denen ich mich bei ihm versuchte. Unterwegs statteten wir uns ebenfalls mit Holz-Wanderstöcken aus, die den Vulkan-Aspiranten extra zur Verfügung standen.

Den ersten Aussichtspunkt erreichten wir nach ca. 45 Minuten. Durch gemütliches Gelände hatten wir bereits einiges an Höhe gewonnen und genossen einen phantastischen Panoramablick auf den riesigen Nicaragua-See bei einer kurzen Rast. Bis hierher war die Welt in Ordnung.

Erste Rast mit Panoramablick auf den Nicaraguasee

Doch die Zeit drängte und unser dünner Guide schraubte sich in seinen Gummilatschen stetig den Berg hinauf, während wir in unseren festen Wanderstiefeln kaum mit ihm mithalten konnten. Der Weg wurde zusehends schlammiger und somit rutschiger. Mittlerweile waren wir im Regenwald. Und der Name war Programm! Unangenehm starker Wind kam auf, der uns zusätzlich kalten Nieselregen entgegen klatschte. Mit gesenkten Köpfen stapften wir mühsam durch den tiefer werdenden Matsch. Man wusste nie, wie weit der Fuß beim nächsten Schritt einsank. Seit eineinhalb Stunden waren wir unterwegs. Eingepackt in Regenjacken rackerten wir uns voran.

Kalt im Regenwald
Noch fast wie aus dem Ei gepellt und sauber

Der zähe Hendrik zeigte nicht die geringste Spur der Anstrengung. Immer wieder wartete er, bis wir zu ihm aufgeschlossen hatten. Dann verkündete er grinsend „3 hours more.“ Mit großen Augen starrten wir ihn an. WHAT?! 3 weitere Stunden?! Ernsthaft??

Unsicher fragte ich ihn, ob wir wirklich auf dem Weg zu dem kleinen Vulkan seien und er bejahte lachend. Nebenher erwähnte er, dass der große, aktive Vulkan „Concepción“ der Leichtere sei, während wir unterdessen auf den anstrengenderen Pfaden wanderten.

Finde den Fehler. Da hatte ich wohl irgendetwas missverstanden…

Mein Stolz verbietet mir prinzipiell jegliches pienzen und fiepen am Berg. Schwächeln war keine Option. Also Augen und Klappe zu und ab durch den Mappel.

Ich habe schon ein paar Gipfel in den Beinen und ehrlich, ohne Übertreibung, die Besteigung war heftig! Netterweise kommt man irgendwann mental an den Punkt, an dem einem alles schnuppe ist. Mit der Anmut einer wühlenden Wildsau auf Kastaniensuche und aufgepimpt mit einer bestechenden Kombination aus Regen und Schweiß, bis zur Unterhose vor- und auch durchgedrungen, beschloss ich, in den „Ach-scheiß-doch-drauf-Modus“ überzugehen. Mir war’s schnurz.

Inzwischen flossen kleine Bäche den Hang herab, durch die wir stiegen. Nasse Füße? Wen kümmerts! Wir kletterten über völlig zugewucherte Baumstämme, krabbelten unter vermoosten Ästen durch und kämpften unzählige Male damit, unsere Schuhe aus dem tiefen Schlamm herauszuziehen. Je dichter das Gestrüpp rundum wurde, desto lauter flehte die innere Stimme „Bitte keine Vogelspinne! Keine Tarantel!“ Parallel liefen im Kopfkino Oscar-reife Blockbuster ab. Hier hatte das „Innere Fuck it“ leider noch Verbesserungspotenzial.

Der Weg (nicht immer erkennbar) wurde schlammiger und abenteuerlicher

Nach rund 3:40 Stunden erreichten wir den höchsten Punkt der (Tor-)Tour. Hendrik lächelte zufrieden. Ich war noch immer hochgradig imponiert, mit welcher Leichtigkeit er diesen unsäglichen Weg in seinen Gummitretern zurückgelegt hatte.

Bis zu unserem Ziel, dem Kratersee, war es nun nicht mehr weit.

Auf Felsen und durch noch mehr Schlamm, kletterten wir gut 10 Minuten einen steilen Hang ab. Die Landschaft war unglaublich; alles war wild verwachsen, in den Bäumen hingen Lianen und Flechten und Nebelschwaden stiegen auf. Die Luft war kalt, in der Ferne rauschte Wasser und noch immer nieselte es.

Wir traten aus dem Regenwald und plötzlich standen wir am Rand des Kratersees. Angekommen. Im Inneren des Vulkanes. Es war völlig surreal!

Angekommen im Inneren des Vulkans; der Kratersee, nicht die bestechendste Wellness-Oase

Über uns hing ein grauer Himmel, vor uns lag ein noch grauerer, schier endloser See, über den lautstark der Wind pfiff. Darüber schwebte mystisch der Nebel, der den Blick keine 20 Meter weit erlaubte. Eine ruhige, ganz besondere Stimmung lullte uns ein. Wir waren glücklich, erschöpft und fasziniert. 1.230 Höhenmeter steckten bleischwer in unseren Beinen. Jetzt hieß es erst einmal, Reserven auffüllen. Vom Camp Zopilote hatten wir super leckere Hummus-Brote als Proviant dabei, die wir ausgehungert vertilgten.

Nach einer halben Stunde traten wir, recht durchgekühlt, den Rückweg an. Die Strecke zu kennen, machte es nicht unbedingt leichter. Mit müden Beton-Beinen zogen wir uns an Ästen und Pflanzenschlingen über die rutschigen Felsen wieder den Steilhang hinauf.

Geschlagene 4 Stunden brauchten wir für den Abstieg. Etliche Stürze gab es obendrauf. Der Pfad war vom Regen so miserabel geworden, dass alle abwechselnd ausrutschten und stürzten. Unsere Beine begannen irgendwann zu zittern, weil die Muskeln die Schnauze voll hatten. Was war ich dankbar für den Wanderstock, der aber gegen Ende auch bei mir einen ordentlichen Sturz auf den Hintern nicht vermeiden konnte. Ein großer blauer Fleck blieb als tagelange Erinnerung an das „Epos am Schicksalsberg“.


Mit Hendrik (rechts außen) und einem Teil der Truppe auf dem Rückweg

Wenn wir beim Aufstieg dachten, wir seien versumpft gewesen, so wurden wir auf dem Rückweg eines besseren belehrt. Es gab keinen Fleck mehr an Körper oder Kleidung, der nicht eingeschmuddelt war. Dicker Matsch lief von oben in die Wanderstiefel rein. Tatsächlich wich der Regen mittags der Sonne, die unsere ausgekühlten Körper wieder wärmte und uns trocknete.

Und dann kam wieder die wärmende Sonne. Vor uns lag der Vulkan
Concepción, verziert mit Wolken-Sahnehäubchen

Erledigt, dreckig, stolz und übertrieben happy kamen wir um 16 Uhr zurück ins El Zopilote.

Opfergabe an den Schicksalsberg (im Schuh war fast genauso viel Matsch)

Innig dankten wir Hendrik, bevor wir uns von ihm verabschiedeten.

Meine Hose, die vor eingetrockneter Erde eigenmächtig stehen konnte, packte ich in einen Beutel, warf die Strümpfe in den Müll und schrubbte mir unter der Dusche den Dreck vom Körper, so gut es mit kaltem Wasser ging.

Die Wanderschuhe ließ ich bei meiner Abreise im Camp zurück. Obwohl sie gnadenlos stanken und völlig hinüber waren, hatten sie bereits einen Abnehmer gefunden.

Abschließend betrachtet war die Besteigung des Maderas definitiv eines meiner absoluten Nicaragua-Highlights. Physisch, psychisch und optisch! Ich kann jedem der dort ist nur empfehlen, sich dieses Abenteuer nicht entgehen zu lassen! Eine gewisse Grundkondition sollte man besser mitbringen, sonst könnte sich der Spaßfaktor eher in Grenzen halten. Aber man wächst ja bekanntlich an seinen Herausforderungen.

Und das wahre Leben beginnt nunmal dort, wo die Komfortzone endet 😉

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